Archiv der Kategorie: Italienische Literatur

Andrea de Carlo: Durante

Wolfgang Krisai: Rossebändiger. Statue im Park zwischen dem KHM und NHM Wien. Gouache, 2007.

Dieses eBook habe ich mir 2013 gekauft und in drei Tagen mit größtem Vergnügen gelesen. Die folgende Rezension stammt von damals:

Pferdeflüsterer und Frauenversteher

Es wird von Pietro, einem mit seiner steirischen Ehefrau Astrid in einem Dort in den Marken lebenden Alternativen, erzählt. Mit Astrid betreibt er eine kleine, ökologisch orientierte Weberei. Vor deren Tor steigt eines Tages ein Mann aus seinem Auto, der in null Komma nichts wie ein alter Bekannter von Astrid durch die Weberei geführt wird, sich aus der Obstschale bedient und schon fast zum Essen geblieben wäre. Er müsse aber weiter, weil er bei einem benachbarten Bauernhof den Reitstallbetrieb übernehmen soll.

Dieser Nachbarsbauer weiß zwar davon nichts, kann sich der Überzeugungskraft des Mannes, der Durante heißt, jedoch nicht entziehen und lässt ihn gewähren. Durante hat einen tollen Hengst, mit dem er sich sozusagen auf Pferdeflüsterer-Weise versteht. Er ist aber nicht nur Pferdeflüsterer, sondern auch Frauenversteher, sodass er binnen weniger Wochen eine Reihe von Frauen begeistert und deren Ehemänner in die Eifersucht treibt. Neben Astrid, der Bäurin und einer Aussteigersgattin ist das vor allem die zu Besuch gekommene Schwester Astrids, Ingrid, die bei Durante eine Reitstunde nimmt, dabei vom Pferd fällt, ins Krankenhaus muss, aber danach von Durante kavaliersmäßig umschwärmt wird und ihm total verfällt. Pietro macht das rasend, da er heimlich in Ingrid verliebt ist, die er leider erst bei der Hochzeit mit Astrid kennen gelernt hat. Es kommt zu einer wilden Eifersuchtsszene zwischen Astrid, Ingrid und Pietro, woraufhin Ingrid nach Graz zurückfährt. Astrid fährt zu Durante und wird von ihm ins Krankenhaus mitgenommen, wo er einem weiteren Nachbarn, dem im Koma liegenden Tom, einem achtzigjährigen Engländer, die Hände auflegt. Am Tag darauf wacht er aus dem Koma auf, und Durante gilt plötzlich als Wunderheiler.

Aber Durante ist verschwunden, weil der Bauer ihn vor die Tür gesetzt hat. Alle Frauen sind am Boden zerstört, man sucht ihn überall, erfolglos.

Als nun Astrid im Sommer wie üblich vierzehn Tage zu Ingrid nach Graz gefahren ist, steht Durante wieder vor Pietros Tür. Er bringt diesen so weit, ihn nach Genua zu chauffieren, bevor er Astrid nach Graz nachfährt. Unterwegs werden sie von Polizisten aufgehalten und für Verbrecher gehalten (weil Durante ein japanisches Schwert mitführt), doch Durante kann die Polizisten hypnotisieren und unbehelligt mit Pietro davonfahren.

Wunderheilung

In Genua quartieren sie sich bei einer von Durantes ehemaligen „Verhältnissen“ und dem gemeinsamen Sohn ein, der gerade in der Pubertät und entsprechend anstrengend ist. Dass Durante dem Buben das Schwert schenkt, verhindert die Mutter, sie kann jedoch nichts machen, als Durante ein Schlagzeug heranschafft. Dabei hat er mit Pietros Lieferwagen einen Unfall, sorgt aber als Ersatz für einen alten, protzigen Mercedes. Mit diesem fahren die beiden dann – gegen Pietros schwächer werdenden Widerstand – an den Zürichsee, wo Durante eine weitere ehemalige Liebe aufsucht, Nicky. Bei dieser blitzt er jedoch mit seinem Quartierwunsch ab, muss mit Pietro in einem Heustadel schlafen, und hat fast ein Tief, als ihm plötzlich wieder ein medizinisches Wunder gelingt: Bei einer leichtsinnigen Herumraserei mit dem im Rollstuhl sitzenden Vater Nickys, der durch einen Schlaganfall schwer behindert ist, stürzt der Opa in den See, wird sofort wieder herausgefischt – und lacht erstmals seit seinem Schlaganfall wieder. Nun scheint das Eis gebrochen, man isst zusammen fröhlich zu Abend – doch am nächsten Morgen ist Durante weg. Den Mercedes hat er Pietro überlassen, samt einem kleinen Abschiedsbrief: Er habe es im Gespür, wann er von einem Ort wieder aufbrechen müsse, und hier sei es wieder so weit.

Pietro, der sich schon mit dem einstigen Feind angefreundet hatte, ist enttäuscht, sieht aber ein, dass auch für ihn die Zeit gekommen ist, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und nicht nur Durante hinterherzudackeln oder sich von den eintönigen Verhältnissen zu Hause knechten zu lassen. Ende.

Das Ganze ist in de Carlos typischem flotten, zum Teil überaus lustigen Stil geschrieben und war auch auf Italienisch kein Problem zum Lesen.

Andrea de Carlo: Durante. Romanzo. eBook.

Die deutsche Ausgabe erschien 2013 bei Diogenes unter dem Titel „Als Durante kam“, detebe, 480 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Rossebändiger. Statue im Park zwischen dem KHM und NHM Wien. Gouache, 2007.

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Gianni Farinetti / Alex Cecchetti: L’ombra del vulcano.

Wolfgang Krisai: Vulkanausbruch. Abklatschtecnik, mit Deckfarbe überarbeitet.

Wolfgang Krisai: Vulkanausbruch. Abklatschtecnik, mit Deckfarbe überarbeitet. 1999.

Udine, auf der Rückfahrt von Frankreich, im Sommer 2013: Wir parken zu Mittag in der erstbesten Parkgarage am Rand der Altstadt und haben eine Stunde Zeit, um einerseits etwas zu essen und andererseits Buchhandlungen zu suchen, von denen wir nicht wissen, wo sie überhaupt sind. Doch kaum sind wir 50 Schritt von der Parkgarage entfernt, stoßen wir schon auf eine Buchhandlung, die noch dazu noch offen hat. Es ist eine Buchhandlung vom Typus „Modernes Antiquariat“. Umso besser. Wir stürzen uns also hinein und durchforsten im Eiltempo die Regale. Und unter anderem entdecke ich diesen wunderbar illustrierten Band, der verbilligt nur 10 Euro kostet – statt ursprünglich 29.000 Lire bzw. 14.98 Euro. Es ist ein Band der mir bislang unbekannten Reihe „Penna & Matita“ aus dem Verlag Cartacanta, Milano.

Auf der Insel Stromboli

Der im Titel genannte Vulkan ist der Stromboli auf der gleichnamigen Insel. Dorthin zieht sich ein Drehbuchautor, Sebastiano Guarienti, im März kur vor der Jahrtausendwende zurück, um an einem Drehbuch nach einem Roman zu schreiben. Er nimmt seinen Hund Dromos mit. Auf der Insel kennt er Vermieter, bei denen er sich schon öfter einquartiert hat. Und da die Insel so winzig ist, kennt dort jeder jeden, der sich mehr als 14 Tage dort aufhält.

Im Hafen von Neapel muss er erst einmal in Erfahrung bringen, ob die Fähre überhaupt ablegt, da unglaubliches Sauwetter herrscht. Er trifft schon zwei Insulaner, die eine riesige Kiste nach Stromboli schaffen sollen, worin sich ein Cembalo für Signora Isabella Freney, eine rüstige und vor allem steinreiche alte Französin, befindet, die ebenfalls das Cembalo begleitet. Die Fähre fährt trotz des schlechten Wetters und erreicht am nächsten Morgen Stromboli. Da Guarienti und Signora Freneye bis tief in die Nacht hinein in der Schiffsbar zusammengesessen sind (als einzige Passagiere, die nicht seekrank geworden sind), ist es kein Wunder, dass der Kontakt auch auf der Insel intensiv weitergepflegt wird, zumal sich die beiden ja ohnehin schon kennen und Nachbarn sind.

Signora Freney hat ihren Neffen und dessen Frau zu Besuch, die beide etwas distanzierte Typen sind. Sie haben sich, sagt die Signora, quasi selbst eingeladen.

Zu einem ordentlichen Stromboli-Aufenthalt gehört offenbar auch eine Besteigung des Vulkans, und das gilt auch für die betagte Signora Freney, die also einige Tage später mit ihren Verwandten den Berg besteigt.

Abends wollte sie eigentlich zurück sein, denn sie hat Guarienti auf ein Glas Wein eingeladen. Als dieser erscheint, ist aber niemand da.

Mord?

Am nächsten Morgen trifft er jedoch den Neffen und seine Frau, die mit vollem Gepäck an der Schiffsstation warten, sehr wortkarg sind und ihm so schnell wie möglich zu entkommen suchen. Das ist verdächtig. Als Guarienti zufällig den örtlichen Maresciallo der Carabinieri trifft, schildert er ihm das seltsame Verhalten des Paars, und der Polizist nimmt die beiden Verdächtigen zu einem Verhör mit, während Guarienti nochmals das Haus der Signora aufsucht. Er dringt durch die angelehnte Terrassentür ein, findet die Signora aber nicht. Auf der Polizeistation knickt die Frau des Neffen dann beim Verhör bald ein und verlangt, dass der Neffe die „Wahrheit“ sage. Die sieht so aus:

Auf dem Rückweg vom Vulkangipfel ist es schon dämmrig. Der Neffe gerät mit der Signora in Streit über den Weg, sie will einen anderen zurück wählen – und wurde seither nicht mehr gesehen.

Die Polizei löst nun eine Suchaktion aus, an der sich nicht nur ein Hubschrauber aus Lipari beteiligt, sondern auch zahlreiche Einheimische und natürlich Guarienti mit einer Bekannten namens Frieda und zwei Hunden (seinem eigenen und dessen einheimischer „Freundin“). Doch die alte Dame ist unauffindbar. Schon befürchtet Guarienti einen Mord, doch schließlich entdecken Frieda und er die Signora, die erschöpft, aber lebend am Boden liegt. Sie ist gestürzt und hat sich einen Arm gebrochen.

Als die Signora erfährt, dass ihre Verwandten festgenommen sind, beteuert sie, ganz allein an ihrem Unfall schuld zu sein. Sie wird ins Krankenhaus in Messina gebracht.

Frieda besucht sie dort und erfährt einige Hintergründe für den Streit zwischen Tante und Neffen. Nicht nur fürchtete der Neffe, sein Erbe zu verlieren, da die Tante (selbst kinderlos) ihre Besitzungen verkaufen wollte, statt sie ihm zu vererben, sondern er erfuhr auch, dass er der Spross eines Ehebruchs des Gatten der Signora mit deren Schwester ist. Das alles erklärt zwar die verantwortungslose Verhaltensweise des jungen Paares nicht, das, statt Alarm zu schlagen und nach der Tante zu suchen, davonfahren wollte, aber zu einer hundertprozentigen Aufklärung der Sache wird es nicht kommen, da die Signora steif und fest dabei bleibt, selbst schuld zu sein.

Mit großformatigen Bildern illustriert

Guarienti kommt lt. Klappentext auch in zwei Romanen Farinettis vor.

Der Band ist wunderbar illustriert, und zwar mit großformatigen Acrylbildern (vermute ich), die ganz realistisch und gleichzeitig großzügig abstrahiert sind. Sie dominieren eindeutig den Text, der sich fast verschämt zwischen die riesigen Bilder schieben muss.

Toller Band, inzwischen leider im Ramsch – oder zum Glück. So wie auch die restlichen Bände der Reihe, unter denen mich vor allem „L’uomo senza ombra“, also „Peter Schlemihls seltsame Geschichte“, von Adelbert von Chamisso interessiert hätte. Habe ich mir alle fünf bei Internet Bookshop Italia zum Halbpreis bestellt.

Das Buch:

Gianni Farinetti (Text), Alex Cecchetti (Illustrationen): L’ombra del vulcano. Cartacanta editore, Milano, 2000. 79 Seiten.

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Francesco Alberoni: Faust

Wolfgang Krisai: "Mann mit Füllfeder", Bleistift.

Wolfgang Krisai: „Mann mit Füllfeder“, Bleistift.

Zur Zeit lese ich mit der 7A Goethes „Faust I“, daher habe ich für alles „Faustische“ einen Blick. In der Buchhandlung Feltrinelli im 6. Stock des Einkaufszentrums „Le Barche“ am Rande der Altstadt von Mestre (die Buchhandlung ist groß und ausgezeichnet, auch mit gemütlichem Café) fiel mir der Titel „Faust“ natürlich sofort ins Auge. Ein italienischer Faust-Roman? Mit dem Untertitel „Come il diavolo lavora per l’amore“ („Wie der Teufel für die Liebe arbeitet“) – das versprach, interessant zu werden.

Ein Teufelspakt

Die Sache beginnt auch mit einer genialen Idee: Die Hauptfigur, der rund 60jährige Werbeguru Ivan Ivanovic (politisch korrekter Held: mit Migrationshintergrund), spaziert durch Mailand und begegnet vor dem Piccolo Teatro, wo gerade Goethes „Faust I“ inszeniert wird, einer in klassischer Weise als Mephisto verkleideten Gestalt. Gelungener Werbegag, denkt er und wird auch schon von dem vermeintlichen Schauspieler angesprochen, ob er nicht schnell einen Teufelspakt unterschreiben wolle. Er weigert sich, plaudert aber mit dem Typ ein wenig. Fragt, was dieser ihm als Gegenleistung für die Unterschrift bieten könne. Mephisto sagt, er könne ihn, Faust, zwar nicht physisch verjüngen, wie dies bei Goethe geschehe, aber sehr wohl psychisch, sodass er plötzlich wieder neue Lebenslust verspüren und wie ein junger Mensch denken und handeln werde. Ivan weigert sich weiterhin, den Pakt zu unterschreiben, aber ein Autogramm gibt er dem Schauspieler gerne in dessen Moleskine-Autogrammbüchlein. „Damit habe ich die Unterschrift“, triumphiert Mephisto.

Und tatsächlich: Im Lauf des kurzen Romans gerät Ivans „altes“ Leben aus den Fugen und beginnt ein „neues“:

Die Ehe mit Irina, einer in Italien aufgewachsenen Russin, ist am Ende. Die Frau geht ganz in ihrer Rolle als Miteigentümerin einer russischen Firma, die irgendwie millionenschwer am russischen Gasgeschäft beteilgt ist, auf und interessiert sich für Ivan kaum mehr. Dessen Werbeagentur ist im Zuge der Wirtschaftskrise eingegangen, niemand braucht ihn mehr als Branchenguru, sodass er im Grunde froh ist, in Irinas Firma ein neues, aber ihr untergeordnetes Betätigungsfeld gefunden zu haben.

Allerdings: Auf die Dauer ist das keine tragfähige Konstellation. Irina ist zwar eine wunderschöne Frau, aber wenn da außer Befehlen ihrerseits nichts mehr läuft, kann das nicht gutgehen. Zumal sie, als in Moskau der politische Wind dreht, dorthin fahren muss, um zu retten, was zu retten ist. Von da an hört Ivan kaum noch etwas von Irina, die gewissermaßen von ihrem russischen Clan aufgesogen wird.

Da erinnert sich Ivan wieder an eine Freundin seiner Frau, Malena, die ihm immer schon sympathisch war, die aber in letzter Zeit bei Irina in Ungnade gefallen ist. Er ruft sie an – und wider Erwarten ist sie unter der alten Handynummer noch erreichbar und für ein Date bereit. Gemeinsames Abendessen, wo es nur so funkt. Malena rät Ivan, wieder in der Werbebranche tätig zu sein, dort könne man ihn sehr wohl noch brauchen.

Und tatsächlich: Ein befreundeter Weinhändler will ihn sofort für eine großangelegte Marketing-Kampagne engagieren, und eine Mailänder Werbeakademie wählt Ivan zu ihrem Präsidenten. In seinem alten „Club“, wo sich die Créme der Werbebranche trifft, freut man sich, dass er wieder auftaucht und gleich auch Malena mitbringt.

Als ein alter Freund Ivan und Malena in seine Villa am Comosee einlädt, fahren beide hin und es kommt zu wunderbaren Liebesnächten und dem Eingeständnis, dass beide einander schon längst geliebt hätten.

Am Ende des Romans begegnen Malena und Ivan wieder der Mephisto-Gestalt. Ivan sagt:

„Malena, da ist mein Mephistopheles.“

Mephistopheles hatte sie schon erspäht und eilte zu ihnen.

„Faust, Faust“, rief er, „warte.“

Ivan blieb stehen. Der andere macht eine tiefe Verbeugung. Dann, immer noch den Mantel gerafft und in tiefer Kniebeuge, sagte er: „Faust, das ist also Margarethe?“

„Nein, Mephistopheles, es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, das ist nicht Margarethe, sondern Malena.“

„Und wo ist Margarethe, Margaritina, Irina?“

„In Russland, und sie wird nicht zurückkehren.“

„Ernste Probleme, stimmt’s, Faust? Also ist das Helena. Ja, Malena, ich hab’s schon verstanden, aber sie ist immer auch Helena, die endgültige.“

„Ich denke, ja.“

„Siehst du nun, Faust, dass ich meinen Pakt erfüllt und dir das kostbarste Geschenk gemacht habe?“

„Ja, du hast ihn erfüllt, Mephistopheles. Aber verlangst du jetzt nicht meine Seele?“

„Und wie sollte ich sie mitnehmen? Die hat doch schon diese Dame, Helena oder Malena, mit sich genommen!“

„Mephistopheles, gestatte mir eine indiskrete Frage: Weshalb machst du das, wenn es dir überhaupt keinen Vorteil bringt?“

„Denk nach, Faust. Wenn es nicht der Teufel täte, wer würde sich heute noch ernsthaft um das Seelenheil kümmern?“

Damit endet der kurze Roman auf Seite 95 (Übersetzung von mir).

Das Gute an dem Roman

Die Handlung reißt einen nicht unbedingt vom Hocker, denn außer der originellen Mephisto-Idee ist sie reichlich konventionell: eben ein Liebes- und Ehedrama wie viele andere auch. Die Stärke des Buchs liegt eher in den reflektierenden Passagen. Wo Ivan über sich und die Liebe nachdenkt (was in personaler Erzählform geschieht – um hier einmal den Germanisten heraushängen zu lassen), ist das äußerst interessant. Wenn man die Kurzbiographie des Autors liest und erfährt, dass er „einer der berühmtesten Soziologen der Gegenwart“ sei, wundert einen diese Präzision des Blicks auf problematische Herzensangelegenheiten nicht mehr.  Auf Deutsch gibt es zwar diesen Roman – noch – nicht, aber zahlreiche Sachbücher des Autors zum Thema Liebe und Erotik. Mit diesem Roman hat also ein Wissenschaftler sein Fachwissen erfolgreich in Literatur umgesetzt.

Francesco Alberoni: Faust. Come il diavolo lavora per l’amore. Reihe: Sonzogno narrativa / La scienza dell’amore. Venedig, Sonzogno die Marsilio Editori, 2013. 95 Seiten.

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Marisa Fenoglio: Vivere altrove

Wolfgang Krisai: Begrischpark in Perchtoldsdorf, ein Acrylbild, vermutlich von etwa 1990.

Wolfgang Krisai: Begrischpark in Perchtoldsdorf. – Das ist ein Acrylbild, vermutlich von etwa 1990.

Club di lettura

Schon zweimal war ich beim Club di lettura am Italienischen Kulturinstitut, der einmal pro Monat zusammenkommt und wo über ein vorher bestimmtes Buch geredet wird. Beim letzten Mal hatte ich von dem Roman nur zehn, fünfzehn Seiten gelesen, und das lustlos. Meine Unkenntnis des Werks machte es mir dann praktisch unmöglich, mitzureden, was mir richtig peinlich war – obwohl ich nicht der einzige war, der das Buch nicht gelesen hatte. Aber ich will ja mitreden! Also musste ich das nächste Buch, das im September bei der nächsten Runde besprochen wird, rechtzeitig lesen: Marisa Fenoglios autobiographisches Buch über ihre „Emigration“ nach Deutschland, „Vivere altrove“.

Nach Deutschland verschlagen

Marisa Fenoglio wurde 1933 in Alba geboren, ist die Schwester des schon lange verstorbenen Schriftstellers Beppe Fenoglio und Gattin des Gründers der deutschen Niederlassung von Ferrero-Rocher. 1957 bekam dieser den Auftrag vom Firmenchef, in Deutschland eine Niederlassung aufzubauen, und zwar in dem gottverlassenen Ort „Niederhausen“, wo während des Krieges zwei große Sprengstofffabriken 15000 Zwangsarbeiter beschäftigten. Damit diese Rüstungsbetriebe nicht von oben zu sehen waren, lagen sie versteckt im Wald neben dem Ort. In dieser Waldzone entsteht nach dem Krieg ein Industriegebiet samt angeschlossenem Wohnviertel, und als einer der ersten Betriebe siedelt sich dort Ferrero an und erlebt einen stetigen Aufstieg zu einem Großbetrieb.

Marias Gatte Sergio ist daher auf mehr oder weniger „mit der Firma verheiratet“, obwohl er ein treuer und liebender Ehemann mit schöngeistigen Seiten ist; er spielt zum Beispiel sehr gut Klavier und sorgt dafür, dass zu Hause eine große Sammlung von Klassik-Schallplatten entsteht.

Die unverständliche Liebe der Deutschen zum Wald

Da Sergio von Anfang an zur Oberschicht von Niederhausen gehört, denn er ist ein „Arbeitgeber“ (solche Wörter schreibt Fenoglio deutsch), hat das Ehepaar nie die Probleme von „Gastarbeitern“ oder mittellosen „Emigranten“, und dennoch ist es nicht einfach für Marisa, sich in Deutschland heimisch zu fühlen. Sie liebt das italienische Stadtleben, und da ist Niederhausen genau das Gegenteil. Überall Bäume, die sie zunächst hasst und erst nach und nach akzeptiert, wenn ihr auch die deutsche Liebe zum Wald als der romantischen „Kathedrale der Natur“ nie ganz gelingt.

Bald lernt sie eine weitere Italienerin kennen, Donna Funke, die im Krieg einen deutschen Soldaten geheiratet hat und diesem nach dem Krieg nach Niederhausen gefolgt ist. Frau Funke ist eine desillusionierte Zynikerin, die an den Deutschen seltsamer Weise nichts Gutes findet, obwohl sie einen sie bedingungslos liebenden deutschen Mann hat, der sie am Lebensende aufopfernd zwei Jahre lang pflegt. Immerhin ist eine verbitterte Italienerin besser als gar keine.

Natürlich stellt sich beizeiten Nachwuchs ein, was zwangsläufig zu Kontakten mit anderen Müttern führt. In Sachen Kinderbetreuung wie auch in vielen anderen Bereichen gibt es aber eklatante Unterschiede in der Auffassung, wie etwas zu geschehen habe. Die deutschen Mütter ließen z. B. damals ihre Kinder aus Prinzip schreien, statt sie zu trösten. (Auch meiner Mutter hat man dieses Prinzip eingeredet, aber sie hat es, so weit ich weiß, nicht streng befolgt…) Natürlich sind die deutschen Mütter felsenfest davon überzeugt, dass nur ihre Methode die richtige sein kann.

„Unbefugten Zutritt strengstens verboten“

Ein Schild, das am Zaun der ehemaligen Rüstungsfabrik hängt, wird geradezu zum Sinnbild der Schwierigkeiten, mit denen sich Marisa herumschlagen muss: „Unbefugten Zutritt strengstens verboten“. Wie ein „Leitmotiv“ taucht dieser Satz immer wieder im Buch auf, und bis zuletzt hat Marisa das Gefühl, es gebe immer noch Lebensbereiche in Deutschland, zu denen sie keinen Zutritt hat.

Dabei ist es nicht die Sprache, die ein Hemmnis ist, denn Marisa lernt sehr schnell und sehr gut Deutsch. In Kapitel 12 und 13 kommt dies zu Sprache, und zwar unter Begleitumständen, die mich zu Tränen gerührt haben:

Die Volksschullehrerin zitiert die Mutter zu sich, weil ihr Sohn in der Schule erzählt habe, sie hasse die Bäume. Die Lehrerin erweist sich als teutonische Hünin, mit der nicht zu scherzen ist. Sie klärt Marisa über die Bedeutung auf, die der Wald für die Deutschen hat. Da bricht es aus Marisa heraus, warum und wie sehr sie den Wald hasst, weil er für sie das Gegenteil der Heimat sei.

Und plötzlich erweist sich die Lehrerin nicht als Tyrannin, sondern als verständnisvolle Frau, denn sie hat erkannt, dass sie selbst – als Heimatvertriebene Sudetendeutsche – in einer ähnlichen Lage ist. Statt Marisa zurechtzuweisen, erklärt sie ihr, dass der Hass auf den Wald eine ganz natürliche Reaktion auf die veränderten, feindlichen Bedingungen in der Fremde seien. Jeder Emigrant erlebe Ähnliches.

Und dann lobt sie Marisa wegen ihres wunderbaren, phantasievollen Deutsch, das für jemanden, der erst so kurz in Deutschland sei, erstaunlich ist. Zum Abschied umarmen sich die beiden, und die Lehrerin sagt: „Es dauert manchmal ein Leben lang, bis man sich im Ausland heimisch fühlt. Die Sprache kann dabei helfen. Da Sie so gut Deutsch sprechen, wird es ihnen gelingen. Denn auch eine Sprache kann Heimat sein.“ (S. 81).

Die Hofkolonne

Nach diesem rührenden Kapiteln folgen lustige: Wie die so genannte „Hofkolonne“, also eine Gruppe von Männern, die für alle möglichen Reparaturen in der Firma zuständig ist und nebenbei auch bei der „Chefin“ anfallende Reparaturen erledigt, und zwar oft noch bevor sie überhaupt befohlen wurden, wie diese Kolonne also einen Hühnerstall baut. Marisa bildet sich nämlich ein, sie wolle Hühner züchten, weil das in Italien auch so gewesen sei. Die Hofkolonne baut den Hühnern einen wahren Palast, und den Hühnern und dem Hahn gefällt’s auch sehr. Nicht aber den Nachbarn, die nicht jeden Tag aus dem Schlaf gekräht werden wollen. Da Lärmschutzmaßnahmen nichts nützen, müssen die Hühner schweren Herzens wieder zurückgegeben und der Hühnerpalast wieder abgebaut werden. Was die Hofkolonne selbstverständlich auch erledigt.

In weiteren Kapiteln geht es um die Nazi-Vergangenheit der Deutschen und ihren Umgang damit (ohne dass Fenoglio dem Buch eine zu große politische Last aufbürdete); den Umgang mit den Geschäftsfreunden Sergios und deren Gattinnen; wie eine Firmenbesichtigung abläuft; um die „Tante“ (eine ältere Deutsche, die sich als patente Kinderfrau betätigt, aber leider bald stirbt); um den Besuch des Schwiegervaters (und einen denkwürdigen Pfingstspaziergang mit ihm im Wald); um ein groteskes Erlebnis mit zwei geisteskranken Frauen in Leipzig (Marisa bringt sie auf deren eigene Bitte ins Sanatorium zurück, wo die Ärztin zu Marisa sagt, sie habe sich als wahrer Mitmensch erwiesen und das getan, was eigentlich die Mitbürger der beiden Kranken hätten tun sollen – aber nicht gewagt haben); um die Übersiedlung nach Marburg (wo Fenoglio noch heute wohnt); das Singen in einem sehr renommierten Chor und um vieles andere.

Den Schluss bilden noch einige aufregende Kapitel: Eines Tages wird Sergio von der sardischen Mafia erpresst: Wenn er nicht eine Million Mark zahle, werde es ihm, der Firma und den Arbeitern schlecht gehen. Sergio schaltet die Polizei ein, die die Angelegenheit sehr ernst nimmt (immerhin ist der Chef einer 3000-Mitarbeiter-Firma betroffen), die beiden rund um die Uhr bewacht und die weitere Vorgehensweise plant. Bei der Geldübergabe wird der „Kontaktmann“ festgenommen, erweist sich aber als Einzeltäter ohne Kontakt zur Mafia, der sich wegen des Rauswurfs seiner Frau an der Firma rächen wollte. Er wird nach Italien abgeschoben.

Hintergrundwissen

Ich habe ein bisschen recherchiert: Niederhausen ist in Wirklichkeit Allendorf, später umbenannt in Stadtallendorf, ganz in der Nähe von Marburg, das wiederum nördlich von Frankfurt liegt, wo heute die deutsche Zentrale von Ferrero ist, während in Stadtallendorf der riesige Produktionsbetrieb steht. 3400 Mitarbeiter beschäftigt Ferrero heute in Deutschland, 3000 davon in Stadtallendorf. Hergestellt werden so bekannte Produkte wie: Mon Chéri, Nutella, Giotto, Kinder-Überraschungsei, Kinder-Schokoladeprodukte aller Art, usw. 1957 wurde die Deutschland-Niederlassung von einem italienischen Ingenieur (das muss Sergio sein), einer deutschen Sekretärin und drei italienischen Arbeitern gegründet. Der heutige Konzern ist immer noch im Besitz der Familie Ferrero, die seit dem 2. Weltkrieg aus einer kleinen Turiner Konditorei einen weltweit agierenden Süßwarenhersteller gemacht hat.

In Allendorf waren wirklich diese zwei Rüstungsbetriebe, die nicht nur Tausende Zwangsarbeiter beschäftigt, sondern auch die Gegend chemisch versaut haben. Erst von 1991-2006 wurde der Boden gründlich von allen gefährlichen Rückständen befreit und Restbestände von Chemikalien und Sprengstoff entsorgt.

Keine deutschsprachige Ausgabe

Marisa Fenoglio hat noch weitere Bücher geschrieben, zum Beispiel eines über ihre Familie, wo auch ihr Bruder Beppe vorkommt. Ihr Thema scheint aber die Problematik der Migration zu sein. 2012 hat sie ein Buch herausgebracht, das davon handelt, wie eine im Ausland lebende italienische Familie in Italien immer fremder wird (wenn ich das richtig verstanden habe).

Unverständlich ist, warum es von „Vivere altrove“ keine deutschsprachige Ausgabe gibt. Das Buch scheint deutschen Verlagen schlicht entgangen zu sein, denn meiner Einschätzung nach müsste es sich in Deutschland sehr gut verkaufen.

Selten habe ich ein Buch so genau gelesen und mir vor allem an den Rändern gleich entsprechende Notizen gemacht, sodass ich mich beim Clubtreffen leicht wieder orientieren kann.

„Vivere altrove“ ist ein wunderbares Buch, das ein großer Lesegenuss war, mir aber auch die Lage von Menschen zwischen zwei Nationen verdeutlicht hat. Ab jetzt werde ich auch SchülerInnen, die ausländische Eltern haben, mit anderen Augen sehen.

Marisa Fenoglio: Vivere altrove. Sellerio editore, Palermo, 6. Auflage 2012. Erste Auflage: 1997. 195 Seiten.

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Camilleri: Il tailleur grigio

Wolfgang Krisai: Lesender Mann. Bleistift.

Wolfgang Krisai: Lesender Mann. Bleistift.

Diesen Roman kaufte ich mir 2008 während der Projektwoche mit der 4A in Venedig, und zwar in der Buchhandlung im Einkaufszentrum in Mestre.

Jetzt las ich ihn innerhalb eines Tages, nämlich gestern. Ausgezeichneter Roman. Der einen im Unklaren lässt, was da wirklich vor sich gegangen ist.

Ein älterer Herr erlebt den ersten Tag in der Pension – und wird durch einen vor Jahren erhaltenen anonymen Brief, in dem er auf einen Seitensprung seiner um 20 Jahre jüngeren Frau Adele hingewiesen wurde und den er jetzt wieder unter die Finger bekommt, zum Nachdenken und Erinnern angeregt. Wir erfahren, dass er Adele, die jung verwitwet war, kennen lernte, nachdem ihr Mann gerade verunglückt war. Sie trug damals ein graues Kleid. Bald heiraten sie, zunächst gibt es wilden Sex, Adele ist ganz unersättlich, doch bald flaut das ab, die Villa wird in zwei getrennte Wohnungen geteilt, die nur durch eine Tür verbunden sind. Adele macht Seitensprünge, u. a. sogar hier im Haus mit einem entfernt verwandten Architekturstudenten, den sie einquartiert hat.

Der Mann fühlt sich in den nächsten Tagen komisch, konsultiert einen Arzt, wird ins Krankenhaus gebeten, untersucht, operiert, wieder untersucht: Krebs. Im Endstadium.

Er wird nach Hause entlassen, Adele pflegt ihn hingebungsvoll, verabreicht ihm höchst persönlich alle Medikamente und Spritzen. Als er einmal an ihrem Schreibtisch zu sitzen kommt, liegt dort ein angefangener Brief Adeles an eine Freundin, in dem sie sagt, sie habe erst jetzt gemerkt, dass sie ihn liebe.

Und am nächsten Tag entdeckt er im Papierkorb eine detaillierte Liste, was nach seinem Ableben alles zu erledigen sei. Das ernüchtert ihn. Er will sich umbringen, doch die Pistole ist – wohl von Adele – aus seinem Schreibtisch entfernt worden.

Wenige Tage später geht es mit ihm zu Ende – und Adele trägt wieder ihr graues Kleid, wie immer, wenn sie vom Tod betroffen wurde.

Was ich mich da frage: Hat sie ihren Mann vergiftet? Oder ist sie wirklich eine plötzlich liebevolle, hingebungsvolle Pflegerin gewesen? Die kalte Liste mit den To-Do’s macht das unwahrscheinlich, sie wirkt berechnend. Die tolle Liebe könnte vorgespielt sein – im Bewusstsein, dass Adele nicht lange schauspielern muss.

Der Roman ist in der typischen sizilianisch beeinflussten Sprache geschrieben, die ich schon von den Montalbano-Krimis her kenne. Manchmal muss man ein bisschen nachdenken, was die Wörter bedeuten könnten (veddro zum Beispiel bello), auf einige bin ich überhaupt nicht draufgekommen. Man kann jedenfalls nicht im Wörterbuch nachschlagen, denn da stehen diese dialektalen Ausdrücke nicht drin.

Buchdaten:

Camilleri, Andrea: Il tailleur grigio.

Romanzo.

Mondadori, Milano 2008.

141 Seiten.

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Modignani: Un amore di marito

Wolfgang Krisai: Sängerin, Tuschestift.

Wolfgang Krisai: Sängerin, Tuschestift.

Dieses kurze eBook kaufte ich mir vor ein paar Tagen um 4.99 Euro im Internetbookshop Italia.

Es erwies sich als italienische Chicklit, und es war eine nette, unkomplizierte Lektüre. Wie es sich für eine Erzählung gehört, war die Handlung einsträngig: Die Ich-Erzählerin, eine Verkäuferin aus einer Luxusboutique in Milano, etwa 40 Jahre alt, sieht nach 18 harmonischen Ehejahren ihren Mann in einem Restaurant mit einer Blondine flirten. Sie steigert sich in die Gewissheit, betrogen zu werden, hinein, während ihr Mann ihr weiterhin den perfekten, liebenden Ehemann vorspielt. Das perfide Spiel des Mannes treibt sie in immer wildere Hassfantasien hinein, sie plant schon, ihn vom Balkon zu stürzen, wenn er wie jedes Jahr in einer waghalsigen Aktion den Balkon mit Weihnachts-Lichtgirlanden dekoriert.

Die SMS ihres Mannes, die sie regelmäßig ausspioniert, sprechen allerdings eine deutliche Sprache: seine Geliebte heißt Sarah, und sie vereinbaren sich immer wieder Treffen in der Mittagspause oder wann immer es geht – und da soll es dann richtig rangehen! Die zwei Tage vor Weihnachten muss der Mann nach Berlin in die Zentrale seiner Firma. Als die Erzählerin dann am Heiligen Abend vom Geschäft heimkommt, stellt sie fest, der Mann ist schon da. Er hat schon prunkvoll gedeckt – für drei Personen! Und er kocht ein tolles Abendessen, hat – was für ein Pech! – den Balkon schon dekoriert, und als es dann läutet, schickt er seine Frau zum Aufmachen. Und wer kommt? Die Blondine! Aber Sarah ist eine Sechzigjährige alte Jungfer aus Deutschland, die dem Mann im Schnellsiederkurs Deutsch beigebracht hat, was seine Firmenleitung von ihm verlangt hat, weil er einen verantwortungsvollen Posten in der Berliner Zentrale angeboten bekommen hat. Und er wird nun mit seiner Frau dort hinziehen. Happy End.

Buchdaten:

Modignani, Sveva Casati: Un’amore di marito.

Racconto.

eBook.

Ca. 60 Seiten.

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Veronesi: Gli sfiorati

Wolfgang Krisai: Im Bett. Bleistift.

Wolfgang Krisai: Im Bett. Bleistift.

Der Roman hat einen rätselhaften Titel, und erst am Ende des Buches war mir klar, wie er gemeint war: „Die Gestreiften“, gemeint sind Menschen, die von einem ungewöhnlichen Schicksal nicht voll getroffen, sondern nur gestreift worden sind, sodass sie danach fast das Gefühl haben, es sei vielleicht gar nicht wahr gewesen.

Im Falle des Helden dieses Romans, des jungen Graphologen Mète, ist es das Schicksal, sich in seine Halbschwester verliebt und mit ihr Inzest begangen zu haben. Völlig bestürzt von dem Vorkommnis ergreift Mète die Flucht auf die Philippinen, und seine Schwester Belinda kommt in die USA auf eine Privatschule. Monate später – im Epilog – erreicht Mète ein Brief von Belinda, in dem sie schreibt, er solle sich doch unbedingt bei ihrem gemeinsamen Vater melden, sie selbst begnüge sich mit dem Gedanken an ihn. Die „Beziehung“ wird also nicht fortgesetzt, der Inzest hat die beiden nur „gestreift“, „sfiorato“.

Der Roman ist in einem sehr anspruchsvollen Italienisch geschrieben, sodass ich oft viele Vokabel pro Seite nachschlagen musste. Der Stil ist aber so treffend, dass sich die Mühe lohnt. Interessant auch, dass es sich hier um ein modernes Werk handelt, das in einer extrem ausgeprägten auktorialen Erzählhaltung geschrieben ist. Auch das finde ich sehr angenehm, da einem die ewigen Ich-Erzähler ohnehin zum Hals heraushängen.

Handlung:

Mète nimmt zu Beginn an der Hochzeit seines Vaters, der ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Frau seine langjährige Geliebte heiratet, teil. Dabei trifft er natürlich auch seine nur wenige Jahre jüngere, 19jährige Halbschwester Belinda, die er zuvor offenbar kaum gesehen hat und die er für ein Flittchen hält, zumal sie sich als veritable Sexbombe geriert. Der Vater eröffnet ihm, dass Belinda für die Zeit der Flitterwochen bei Mète im Haus (das seiner reichen neuen Frau Virna gehört) wohnen soll, damit er ein wenig auf sie aufpassen kann, weil sie im Verdacht steht, Drogen zu nehmen und ein Lotterleben zu führen. Mète hält von diesem Auftrag gar nichts und entzieht sich ihm zunächst zwei, drei Tage lang, indem er einfach nur zu allerspätester Nachtstunde zu Hause erscheint, ein paar Stunden schläft und dann gleich wieder zu seinen Freunden verschwindet. Diese Freunde sind der Videothekenbesitzer und Weiberheld Damiano und der Hüne Bruno, mit dem er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Anti-Theater-Plakate auf die Theaterfassaden und -tore ganz Roms klebt.

Schließlich kommt es aber doch zu einer Begegnung mit Belinda, und da er sich nicht als Anstandswauwau aufspielen will, raucht er mit ihr gleich eine Haschischzigarette.

In den nächsten paar Tagen kommen Belinda und Mète einander rasch näher, sie kiffen gemeinsam, Mète lernt Belindas dubiosen „Verlobten“ kennen, der gleichzeitig der Haschisch-Lieferant ist, und Mète merkt, dass er sich Hals über Kopf in Belinda verliebt hat.

Er hofft, dass er sich der Anziehung Belindas entziehen kann, wenn sie wieder zu ihrer Mutter zieht. Als diese jedoch die Flitterwochen um einen Tag verlängert, kommt es beim gemeinsamen Kiffen und Fernsehen im Bett Belindas zu Zärtlichkeiten, schließlich „mille baci“, und dann sind sie plötzlich nackt und Mète ist in Belinda eingedrungen…

Veronesi schildert das Geschehen in einem besonders starken Kapitel des Romans, indem er es mit christlichen Gebeten kontrastiert. Mète ist zugleich glücklich und entsetzt, was ihm da widerfahren ist, am nächsten Tag begegnen Belinda und er einander nur kurz, Küsschen, dann verlässt Belinda die Wohnung mit ihrem letzten Koffer, um wieder zur Mutter zu ziehen. Schnitt.

Der Epilog spielt dann etwa ein Jahr später auf den Philippinen.

Dass es Mète gerade dorthin verschlägt, hat mit einem Nebenhandlungsstrang zu tun: Virna und Mètes Vater beschäftigen ein philippinisches Ehepaar als Haushälter, und Mète ist mit den beiden auf bestem Fuß, sie sind das Idealbild verlässlicher, verständnisvoller und selbstloser Diener. Von Dani, dem Mann, hat dann Mète eine philippinische Adresse, an die er sich wendet.

Ein weiterer Handlungsstrang befasst sich mit Mètes „Hobby“, der Graphologie. Mète ist darin ein Naturtalent, so wie schon sein Großvater. Bei dessen Bruder, einem Geistlichen, geht Mète gewissermaßen in die Lehre. Mète hat eine Sammlung von handschriftlichen Dokumenten von seinen Freunden, Verwandten und Bekannten, die er minutiös analysiert. Zentral ist ein Blatt von Belinda, aus dem er herausliest, dass sie eine besondere Eigenschaft verkörpere, die „schiumevolezza“, etwa: „Schaumhaftigkeit“. Der Pater meint, man müsse wohl eher „Entfesseltheit“ sagen. Genau das ist Belindas Faszinosum: Sie kennt keine moralischen Bedenken, ergibt sich ganz dem Hier und Jetzt ihres Lebens, gibt sich völlig hin, fließt geradezu. Und diese Eigenschaft signalisiert auch das Titelfoto – das übrigens das Motiv des Filmplakats der nun erfolgten Verfilmung des Romans ist.

Ein weiterer Nebenstrang sind Mètes klägliche Versuche, es Damiano in Sachen Weiberheldentum nachzutun. Mète ist aber ein schüchterner, zurückgezogener Typ. Beim Hochzeitsempfang macht er sich an drei halbwegs fesche Damen heran, die er mit der Graphologie-Masche umgarnt. Natürlich wollen alle von ihm „analysiert“ werden und geben ihm Schriftproben. Leider kann er sich schon am nächsten Tag nicht mehr erinnern, welche ihm welche Schriftprobe gegeben hat, folglich gerät er in peinlichste Verlegenheit, als eine der drei sich bei ihm meldet und unbedingt die Forschungsergebnisse erfahren will. Mète „versetzt“ sie, und versetzt sie damit in helle Wut. – Daneben hat er ein Auge auf eine sehr erotische Schielende geworfen, die er bereits mehrfach in Nachtclubs getroffen hat. Damiano vermittelt sie ihm schließlich, und Mète trifft sich mit ihr zum Essen, fährt mit ihr nach Hause und verführt sie. Kaum ist das geschehen, entpuppt die Frau sich als unberechenbare Irre, die ihm mit der Polizei droht.

Neben den genannten Handlungsaspekten gäbe es noch eine Reihe weiterer…

Bin gespannt, ob das Buch auch einmal auf Deutsch erscheinen wird – und ob der Film demnächst im Votivkino zu sehen sein wird…

Tolles Buch jedenfalls!

Buchdaten:

Veronesi, Sandro: Gli Sfiorati

romanzo

Fandango libri, Roma 2012.

398 Seiten.

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