Archiv der Kategorie: Jugendliteratur

Claudia Frieser: Oskar und das Geheimnis der verschwundenen Kinder

Wolfgang Krisai: Mittelalterfest Mödling. Tuschestift, Buntstift, 2014.Ein Deutschlehrer-Kollege und ich machen ein fächerübergreifendes Projekt: Er liest mit der Klasse „Oskar und das Geheimnis der verschwundenen Kinder“ und ich lasse es im Kunstunterricht mit Linolschnitten illustrieren.

Albrecht Dürer als Dreizehnjähriger

Daher musste ich das Buch jetzt lesen – und tat es mit großem Vergnügen. Was ich zu Beginn gar nicht wusste: In dem Roman kommt Albrecht Dürer als Kind vor, im Alter von 13 Jahren, und das rechtfertigt die fächerübergreifende Arbeit noch mehr.

In einem Vorort von Nürnberg lebt der 12- bis 13jährige Oskar mit seiner Familie. Am Dachboden findet er eine alte Kiste mit historischen Gewändern, die ihm sein Großvater hinterlassen hat. Von dem hat er auch einen Brief bekommen, in dem steht, wie man sich mittels der alten Weide im Garten in die Vergangenheit zurückversetzen kann.

Zeitreise ins Jahr 1484

Oskar probiert das am nächsten Tag in der Früh gleich aus, schleicht mit mittelalterlicher Kleidung ausgerüstet in den Garten, kriecht in die hohle Eiche, zieht sich dort um und murmelt dabei das Jahr, in das er versetzt werden will: 1484.

Gleich darauf erwacht er aus einer kurzen Ohnmacht – tatsächlich im Jahr 1484. Kriecht aus der Weide und steht in einer anderen Welt: in der Nähe von Nürnberg im Mittelalter.

Er fährt mit einem Bauern in die Stadt, wird dort von einem aufgeweckten Burschen namens Albrecht (erraten: es ist Albrecht Dürer) angesprochen und von diesem durch die Stadt geführt.

Nächtlicher Überfall

Als er abends wieder zu seiner Weide gehen will, sind die Stadttore schon zu, und die Wächter lassen ihn nicht durch. Also streift er durch das nächtliche Nürnberg. Plötzlich wird er zusammengeschlagen – und erwacht im Bürgerspital, wo er verbunden wurde.

Dort kümmert sich die Baderin Kathrin um ihn und nimmt ihn nach ein, zwei Tagen bei sich als Lehrling auf. Oskar kann sich nämlich nach dem Schlag auf den Kopf an nichts mehr erinnern, weder an seine Familie noch an seinen Wohnort.

Holt der Teufel Babys aus dem Bürgerspital?

Als Gehilfe Katharinas wird er in einen Kriminalfall verwickelt: Es verschwinden immer wieder Neugeborene aus dem Spital, und ein verrückter Alter verbreitet das Gerücht, der Teufel habe die Kinder geholt. Als das Kind des reichen Patriziers Messerholz stirbt, dessen Geburt Kathrin miterlebt hat, will sie das Kind untersuchen, um festzustellen, woran das kräftige Baby so plötzlich gestorben sei.

Bei der Untersuchung bemerkt Oskar, dass Kathrin irgendetwas seltsam findet. Sie verrät ihm nicht, was, denn sie will keine falschen Gerüchte in die Welt setzen.

Die Baderin schöpft Verdacht und wird abserviert

Messerholz hat sein Kind einer Amme gegeben. Diese suchen Katharina und Oskar am nächsten Sonntag auf. Als Katharina sie auf ein auffälliges Muttermal des Babys anspricht, stimmt die Amme zu: sie habe das auch bemerkt. Kathrin ist nun sicher, dass das tote Baby nicht das Kind der Familie Messerholz ist, denn es hat dieses Muttermal nicht. Dem Patrizier wurde ein falsches totes Kind untergeschoben.

In der Nacht belauscht Oskar ein Gespräch draußen vor der Mauer des Bürgerspitals. Er glaubt, die Amme mit einem Mann reden zu hören, dem sie erzählt, Kathrin habe sie besucht und Verdacht geschöpft.

Tags darauf wird Kathrin abgeführt, da Verdacht bestehe, sie stehe mit dem Teufel im Bunde, der die kleinen Kinder aus dem Bürgerspital entführe. Sie wird in eine winzige Zelle im Stadtgefängnis gesteckt. Sie bittet Oskar, Pater Benedikt aus dem Siechenhaus zu alarmieren, der ihr helfen werden.

Mit Hilfe von Albrecht und dessen Vater, die wie er an die Haltlosigkeit der Vorwürfe glauben, gelangt er zu Pater Benedikt, der sofort zu Kathrin ins Gefängnis geht und sie befragt.

Albrecht und Oskar als Detektive

Albrecht und Oskar versuchen inzwischen herauszufinden, wer Kathrin beschuldigt haben könnte. Der mit ihr verfeindete Stadtmedicus Oberstolzer? Als sie diesen aushorchen, stellt sich heraus, dass er keine Ahnung von der Sache hat.

Als am Abend wieder ein Kind im Spital entbunden wird, legen sich die beiden Buben auf die Lauer, ob jemand kommt, es zu „holen“. Und tatsächlich, mitten in der Nacht erscheint der Spitalmeister (der ebenfalls nicht gut auf Kathrin zu sprechen ist) und stiehlt das Baby. Albrecht und Oskar verfolgen ihn und seinen Komplizen die Pegnitz entlang bis in einen unterirdischen Gang. Durch ein Missgeschick werden sie entdeckt, und der Spitalmeister und dessen Komplize wollen die beiden umbringen. In letzter Sekunde zieht jemand dem Kerl eins über, dass er bewusstlos zusammenbricht. Es ist der Pater, der den Stadtbütteln vorausgeeilt ist, um die Burschen zu retten.

Der Spitalmeister und sein Komplize werden festgenommen, Kathrin aus dem Gefängnis entlassen.

Die Auflösung des Verbrechens: Der Spitalmeister hat einige unerwünschte Babys von armen Frauen gegen viel Geld an kinderlose reiche Leute verkauft. Solange die Mütter nichts von den Kindern wissen wollten, fiel das nicht auf. Erst als er den kleinen Messerholz-Buben als Ersatz für ein unerwartet gestorbenes Spitalsbaby verscherbelt hat, kommt die Sache auf.

Rückkehr in die Gegenwart

Oskar hat bei dem Schreck, den ihm Kathrins Verhaftung eingejagt hat, sein Gedächtnis wiedergefunden. Nach einer schönen kleinen „Feier“ der Befreiung Kathrins behauptet er, er müsse nun zu seinen Eltern, die ihn nach Bamberg auf die Lateinschule schicken wollten. Man nimmt ihm seine Notlüge ab und er macht sich auf den Weg – zur hohlen Weide, findet diese und zieht sich um, während er ständig das Datum, an dem er seine Zeitreise begonnen hat, vor sich hin sagt.

Nach einer kurzen Ohnmacht ist er wieder in der Gegenwart. Zu Hause haben sie von seiner „Reise“ überhaupt nichts bemerkt, da er nur ein paar Minuten im Garten war…

Dieses sehr gut geschriebene Buch bietet sich für eine Klassenlektüre geradezu an: Es ist spannend, gut verständlich, vermittelt ein anschauliches Bild der Mittelalters, gibt Gelegenheit zu Diskussionen über Themen wie Gleichberechtigung der Frau, künstliche Befruchtung, Adoption oder Armenfürsorge. Und nicht zuletzt kann man auf Albrecht Dürer zu sprechen kommen, dessen Selbstbildnis als Dreizehnjähriger im Roman vorkommt.

Der Band ist mit Vignetten von Constanze Spengler und einem Stadtplan des spätmittelalterlichen Nürnberg illustriert.

Es gibt übrigens drei weitere Bände, da Oskar es nicht lassen kann und weitere Zeitreisen in die Renaissance unternimmt.

Claudia Frieser: Oskar und das Geheimnis der verschwundenen Kinder. dtv junior. 11. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2015. 231 Seiten.

Eine andere Form der „Zeitreise“ ins Mittelalter zeigt mein Bild vom Mittelalterfest in Mödling: Wolfgang Krisai: Mittelalterfest Mödling. Tuschestift, Buntstift, 2014.

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Christine Nöstlinger: Maikäfer, flieg!

Wolfgang Krisai: Brandruinen. Deckfarbe. Ca. 1977.Anlässlich der Anfang 2016 herausgekommenen Verfilmung des Buches las ich nun endlich „Maikäfer flieg!“ von Christine Nöstlinger. Der Untertitel dieses 1973 erstmals erschienenen autobiographischen Jugendromans lässt schon ahnen, worum es geht: „Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich“.

Wien am Ende des Zweiten Weltkriegs

Die Ich-Erzählerin ist ein achtjähriges aufgewecktes Mädchen aus Wien Hernals. Dort lebt sie zusammen mit ihrer Mutter, ihrer älteren Schwester Hildegard, ihrer fast tauben, aber energischen Oma Juli und ihrem Opa. Sie erzählt in unverblümt direkter Sprache, was sie zu Ende des Zweiten Weltkriegs, genauer: von wenige Tage vor Einmarsch der Russen bis zum Abzug der russischen Kampftruppen und der Übernahme durch den „Tross“ einige Wochen später, erlebt hat.

Ausgebombt und umquartiert

Das Elternhaus wird von Bomben getroffen, nur noch das Zimmer der Großeltern steht und wird von diesen weiter bewohnt. Die restliche Familie kann aber in die Neuwaldegger Villa der Eltern von Frau von Braun ziehen, die ihr Eigentum in diesen schweren Zeiten nicht unbewacht lassen will. Frau von Braun ist ein strammer Nazi, trotzdem nimmt die Familie das Angebot, in die Villa zu ziehen, an. Auf dem Weg dorthin stößt der desertierte Vater hinzu, der bisher in einem Lazarett war, weil seine Beine verletzt sind, sich bei der Verlegung der Lazarettinsassen aber davonmachen konnte, mit einem Urlaubsschein, den er sich – wie gewohnt – selbst ausgestellt hat.

Die Russen kommen

Es dauert noch einige Tage, bis die Russen tatsächlich da sind. In diesen Tagen raffen die Leute alles Essbare zusammen, das sie nur finden können, unter anderem die delikaten Vorräte eines Nazi-Clubhauses und die weniger delikaten, aber reichlichen Lebensmittel aus einem anderen Nazi-Gebäude.

Da auch Frau von Braun ausgebombt wird, zieht sie mit ihrem Sohn Gerald ebenfalls in die Villa.

Schließlich rücken die Russen ein. Über sie grassieren die scheußlichsten Gerüchte, die sich zum Glück in der Realität nicht bestätigen. Die Familie hat Glück: In der Villa wird ein freundlicher und korrekter Major einquartiert, samt seiner Dienerschaft und einer Dienststelle. Und im Gartenhaus wird eine Regimentsküche eingerichtet, die der verwachsene Koch Cohn betreut. Dieser Cohn ist Jude aus St. Petersburg und kann ein paar Brocken Deutsch. Mit ihm freundet sich unsere Ich-Erzählerin schnell an. Sein Standard-Satz zu allen Problemen des Lebens ist: „Macht nix, macht nix, Frau“. Mit „Frau“ meint er die Erzählerin.

Vater repariert Armbanduhren

Der Vater, von Beruf Uhrmacher, macht sich nützlich, indem er die vielen Armbanduhren der Russen, die diese den Österreichern abgenommen haben, repariert. Er behauptet, wegen seiner maroden Beine nie Soldat gewesen zu sein, fürchtet aber, als deutscher Soldat aufzufliegen, wenn er seine Russischkenntnisse, die er sich beim Russlandfeldzug angeeignet hat, zeigt.

Rettende Russischkenntnisse

Doch eines Tages muss er Russisch reden: Ein stockbesoffener Feldwebel will nämlich mit seiner Maschinenpistole die österreichischen Villenbewohner niedermähen, weil sie seine Pistole gestohlen hätten. Diese Pistole haben tatsächlich Gerald und die Erzählerin am Vortag im Garten versteckt. Der Vater kann – auf Russisch – den Feldwebel beruhigen, bis er einschläft und abtransportiert werden kann. Nun ist zwar heraus, dass der Vater Russisch kann, aber es hat zum Glück keine Folgen.

Cohn wäre bei einer anderen Gelegenheit fast ebenfalls Opfer des unbeherrschten Feldwebels geworden. Er kann sich aber rechtzeitig in Sicherheit bringen. Nur seine dicke Brille geht zu Bruch. Um diese ersetzen zu lassen, muss er ins Militärspital in der Innenstadt fahren. Die Erzählerin versteckt sich auf dem Pferdewagen, weil Cohn versprochen hat, nachzusehen, ob Oma und Opa noch leben, und das Mädchen will unbedingt selbst dabei sein.

Sie kommen wirklich zu den Großeltern, doch Cohn, der ins Spital weitergefahren ist, wird unterwegs verhaftet und kommt nie wieder zurück. Dafür holt der Vater das Mädchen ab, wird am Rückweg fast von der Militärpolizei eingesperrt und nur durch die befreundeten Russen, die vom Mädchen alarmiert wurden, gerettet.

Die Tage mit den netten Russen sind aber bald zu Ende, sie rücken weiter nach Westen vor und der – gefürchtete – Tross stößt nach. Damit endet der Roman.

Glück gehabt

Der Roman stellt vor dem düsteren Hintergrund der Kriegszerstörungen die eher heitere Seite des Kinderlebens im Chaos des Kriegsendes dar. Glück gehabt, kann man von der Familie der Ich-Erzählerin sagen. Nicht alle kleinen Mädchen sind damals so glimpflich davongekommen. Vielleicht hat die Aufgeweckheit des Mädchens – die wohl ein autobiographischer Zug ist – es vor Schlimmerem bewahrt.

Christine Nöstlinger: Maikäfer flieg! Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich. Roman. Beltz und Gelberg, Weinheim u.a., 3., veränderte Auflage, 1978. 171 Seiten. Schulbibliothek.

Bild: Wolfgang Krisai: Brandruinen. Deckfarbe. Ca. 1977. – Dieses Bild malte ich noch während meiner Schulzeit im Kunstunterricht aus der Phantasie. Das Thema war, so weit ich mich erinnere, „Ruinenstadt“.

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Janne Teller: Krieg

Wolfgang Krisai: Umschlag von Janne Teller, Krieg, dtv. Feder, Buntstift, 2016.
Die dänische Autorin Janne Teller, bekannt durch aufrüttelnde Jugendbücher wie „Nichts“, hat in diesem schmalen Bändchen von 56 Seiten versucht, dem Leser die Lage von Flüchtlingen vor Augen zu führen. Damit das eindringlich wird, dreht sie die gegenwärtigen Verhältnisse um: Nicht anderswo ist Krieg und die Flüchtlinge kommen zu uns, sondern hier – konkret in Deutschland – ist Krieg und die Deutschen müssen nach Ägypten und Arabien flüchten.

Der Grund für den Krieg, ein Zerwürfnis innerhalb der EU, spielt keine wesentliche Rolle. Der Krieg bewirkt aber, dass es den Leuten in Deutschland so schlecht geht, dass sie ihr letztes Hemd hergeben, um fliehen zu können.

Integration?

Eine Familie mit Kindern steht im Mittelpunkt. Diese erreicht nach abenteuerlicher Flucht schließlich Ägypten und wird dort mit derselben halbherzigen Aufnahmebereitschaft empfangen, wie dies die Europäer mit den Flüchtlingen aus Asien und Afrika derzeit machen. Es kommt daher zu keiner wirklichen Integration der Flüchtlinge in die ägyptische Gesellschaft, aber an eine Rückkehr in das völlig veränderte Deutschland nach dem Krieg denkt eigentlich auch kaum jemand.

Mitgefühl?

Um beim Leser wirkliches Mitgefühl mit Flüchtlingen zu erzeugen, ist das Buch zu kurz. Allerdings macht es sehr wohl nachdenklich. Zum Beispiel hinsichtlich der Frage, wie man auf einen Krieg in Mitteleuropa vorbereitet ist, der uns zwar derzeit völlig undenkbar erscheint, aber im Grunde innerhalb kürzester Zeit auch bei uns ausbrechen könnte. Was dann? Man will sich das gar nicht vorstellen.

Originell illustriert

Einen großen Teil der vorhandenen Seitenfläche nehmen die originellen Illustrationen von Helle Vibeke Jensen ein, sodass der ohnehin schon kurze und in großer Schrift gesetzte Text noch einmal kürzer wird. Daher braucht man keine Stunde, um das Buch gelesen zu haben. Ursprünglich war das auch gar kein Buch, sondern ein Aufsatz in einer pädagogischen Zeitschrift. Für die deutsche Ausgabe wurde der Text an deutsche Verhältnisse angepasst.

Janne Teller: Krieg. Stell dir vor, er wäre hier. Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler. Mit Illustrationen von Helle Vibeke Jensen. Reihe Hanser. dtv, München, 5. Aufl., 2015. 56 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Umschlag von Janne Teller, Krieg, dtv. Feder, Buntstift, 2016.

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Tyra Teodora Tronstad: Vera und das Dorf der Wölfe

Wolfgang Krisai: Dämmerung im Waldviertel. Aquarell. Ca. 1988.Auf das Jugendbuch „Vera und das Dorf der Wölfe“ bin ich zufällig gestoßen – in der „Virtuellen Bücherei“ der Städtischen Büchereien Wien.

Ich liebe Bücher, bei denen sich Spannung ganz unauffällig entwickelt, während nach außen hin alles ziemlich harmlos aussieht.

Pro und contra Wölfe

Die dreizehnjährige Vera zieht mit ihrem Vater von Oslo in ein abgelegenes norwegisches Dorf irgendwo im Wald. In diesem Rønset will der Vater, ein Wissenschaftler, ein Buch über Wölfe schreiben, das den Menschen die unnötige Angst vor diesen Tieren nehmen soll.

Was der Vater nicht wusste, als er ziemlich spontan den Mietvertrag unterschrieb: In Rønset sind Wölfe aufgetaucht, und die einheimischen Schafbauern fürchten nun, dass ihre Tiere in Gefahr sind.

Als die beiden bei ihrem Häuschen ankommen, stellen sie fest, dass dort keine Möbel sind. Doch der Vermieter, Peter Høgda, bietet sich an, für vorläufig zur Verfügung gestellt Möbel zu sorgen. Und schon wenige Stunden später kommt er mit einem Lieferwagen voller Möbel an, die Leute aus dem Dorf den Neuankömmlingen leihen. Auch seine Schwester, die Reporterin des Lokalblattes, hat er mit, die mit dem Vater, der ein Wolfsbuch schreiben will, ein Interview macht. Der Vater, reichlich weltfremder Wissenschaftler, läuft ihr ins offene Messer. Denn am nächsten Tag prangt auf der Titelseite des Lokalblatts ein Foto eines gerissenen Schafs und daneben ein Bild des Vaters, der arglos in die Kamera lächelt. Mehr braucht es nicht. Schon ist man Persona non grata.

Der Vater nimmt das aber in seinem Schaffensrausch kaum wahr, während Vera sehr wohl mitbekommt, wie die Dorfbevölkerung zu ihrem Vater steht: hasserfüllt.

Der nette Nachbar mit seinem Hund

Nur der Nachbar Brando ist eine Ausnahme. Der alte Mann hat vor kurzem seine Frau verloren, die „etwas speziell“ war, d. h. über übersinnliche Fähigkeiten verfügte. Seit sie nicht mehr ist, verlottert Brando zusehends. Aber er ist ein netter Kerl, und sein Hund Sappo adoptiert Vera augenblicklich als sein Frauerl.

Die geheimnisvolle Haube

Vera hat in der Kommode ein Packerl entdeckt, Aufschrift: „Für Vera. Für den Fall, dass du das hier einmal brauchst.“ Inhalt: eine Strickhaube.

Als sie sie aufsetzt, kann Vera plötzlich Sappos Gedanken lesen und sogar steuern. Zunächst braucht sie einige Zeit, um zu verstehen, was mit ihr los ist. Später ist sie in der Lage, die Kraft der Haube gezielt einzusetzen.

Ein fieser Typ

Hinter der Haube ist jemand her: Brandos Sohn Birger, ein sinistrer Typ, der entweder alkoholisiert umhertorkelt oder, wenn nüchtern, einer undefinierbaren „Arbeit“ nachgeht. Eines Tages steht er vor Vera und fordert die Haube von ihr. Sie gibt sie ihm nicht, sondern ergreift die Flucht.

In einer Nacht werden zwei Schafe in Brandos umzäunter Weide gerissen. Jetzt ist Feuer am Dach.

Geheime Jagdgesellschaft

Vera bekommt gemeinsam mit ihrem neuen Freund, dem dreizehnjährigen Außenseiter Gustav, heraus, dass einige Männer sich zusammengetan haben, um die Wölfe zu erschießen, obwohl diese streng geschützt sind. Birger ist unter ihnen, und in einem kleinen Häuschen neben Brandos Grundstück befindet sich das geheime Waffenversteck.

Gustav und Vera wollen den Jägern das Handwerk legen, begeben sich in Gefahr und hoffen, mit Hilfe der Haube die Wölfe zum Verlassen der Gegend bewegen zu können.

Doch als Vera von Birger in den eiskalten Schuppen gesperrt wird, muss sie sogar – mittels der Haube – die Wölfe anlocken, um befreit zu werden. Das geht nicht gut aus…

Tyra Teodora Tronstad: Vera und das Dorf der Wölfe. Aus dem Norwegischen von Birgitt Kollmann. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2014. Reihe Hanser. 200 Seiten. Originalausgabe: „Hundetanker“, Oslo 2012.

Bild: Wolfgang Krisai: Dämmerung im Waldviertel. Aquarell. Ca. 1988.

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Bücher über die Höhle von Lascaux

Wolfgang Krisai: Bücher über Lascaux. Tuschestift, Buntstift, 2014.Während unserer Reise nach Südwestfrankreich im August 2014 besuchten wir im Périgord natürlich steinzeitlich bemalte Höhlen, vor allem die berühmteste: Lascaux II. Das ist die 1:1-Kopie des Hauptraums der originalen Höhle, die in nur 200 Meter Entfernung von der Kopie liegt, aber seit 1963 nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Wie es sich gehört, ist diesem Touristenmagneten ein Souvenirshop angegliedert, wo man auch viele interessante Bücher kaufen kann.

Ich kaufte gleich drei und habe sie jetzt gelesen:

Bande dessinée von Félix & Bigotto

Zunächst das (oder: die?) Bande dessinée von Félix & Bigotto über die Entdeckung der Höhle im Jahr 1940 durch vier Burschen: „Le secrest des bois de Lascaux“. Dieses BD ist durch zahlreiche Fotos und Informationstexte ergänzt, sodass man nicht nur die Geschehnisse rund um die Entdeckung lebendig vor Augen geführt bekommt, sondern vertieftes Wissen erwirbt.

Die vier Burschen im Alter von ca. 16 Jahren streunten damals im Wald bei Montignac herum – und plötzlich verschwand der Hund Robot, der einem der Jungen gehörte, in einem Loch. Als sie ihn wieder herausholten, bemerkten sie, dass das Loch ein Höhleneingang war. Am nächsten Tag erschienen die jungen Entdecker wieder, mit Lampen und Werkzeugen ausgerüstet, um in die Höhle einzudringen. Vielleicht handelte es sich ja um den Ausgang des legendären Geheimgangs des Schlosses von Montignac?

Als die Burschen in der Höhle waren, stellte sich schnell heraus, dass sie hier wesentlich Interessanteres als einen mittelalterlichen Geheimgang entdeckt hatten: die Wände der Höhle waren über und über mit imposanten Tierbildern bedeckt.

Die vier verständigten bald ihren ehemaligen Lehrer, der sich die Höhle ansah und seinerseits erkannte, dass es sich hier vermutlich um prähistorische Bilder handelte. Er verständigte den damaligen französischen Papst der Paläontologie, Abbé Breuil, der herbeieilte und angesichts der künstlerischen Wunderwerke den berühmten Vergleich äußerte: die Höhle von Lascaux sei die Sixtinische Kapelle der Urgeschichte.

Man erfährt aus diesem Buch auch, wie es mit der Erforschung und touristischen Nutzung der Höhle bis heute, ja, bis in die Zukunft weitergeht: Was zunächst als improvisierter Führungsbetrieb begann, wurde bald zur größten Attraktion der weiteren Umgebung, sodass unglaubliche Menschenmassen die Höhle stürmten. Sie litt darunter so stark, dass sie geschlossen werden musste. 1983 wurde die Kopie Lascaux II eröffnet. Lascaux III ist eine Wanderausstellung, die um die Welt tourt. Lascaux IV befindet sich derzeit im Bau: eine vollständige Nachbildung der Höhle am Fuß des Hügels, eingebettet in ein riesiges Zentrum, wo der Besucher alles über die Höhle erfahren wird.

Buch Nummer 2: Brigitte und Gilles Delluc: „Die Höhle von Lascaux“.

Das ist so ein typischer Bildband, wie man ihn über alle Sehenswürdigkeiten von Rang kaufen kann – schien mir. Mit schönen Fotos und belanglosem Text. Irrtum. Der Text erwies sich als überaus erhellend und interessant. Und zahlreiche Fotos zeigen die Bilder der Höhle in allen Details.

Buch Nummer 3: „Lascaux“

Ein wunderschön illustriertes Jugendbuch von Marylène Patou-Mathis (Text) und Christian Jégou (Illustrationen) mit dem Titel „Lascaux“. Ich habe es wegen der ausgezeichneten Aquarelle und Zeichnungen gekauft, die darin enthalten sind und die mehr Fläche als der Text füllen. In jedes einzelne der Bilder könnte man sich lange verlieren, so detailreich und perfekt gezeichnet sind sie. Ein Beispiel kann man auf dem Blog des Zeichners sehen (Link unten). Der Text vereint inhaltlich sozusagen die beiden vorhergehenden Bücher: einerseits wird die Geschichte der Entdeckung der Höhle erzählt und beschrieben, was die Entdecker beim Eindringen in die Höhle nach und nach gesehen haben, andererseits gibt es dazwischen eingestreut umfassende Informationen über das Leben und die Kunst der Cro-Magnon-Menschen der damaligen Zeit.

Apropos Cro-Magnon-Mensch:

Schon der Führer in der Höhle betonte und die Autoren der Bücher bestätigen es: Diese Menschen waren genauso wie wir, nur ohne den inzwischen angesammelten kulturellen Hintergrund. Man darf sie sich also nicht als bessere Affen mit unterentwickelten geistigen Kapazitäten vorstellen, sondern als voll entwickelte Expemplare der Gattung homo sapiens sapiens. Dafür spricht besonders, dass sie offenbar nahe daran waren, eine Schrift zu erfinden, denn in der ganzen Höhle gibt es unzählige Zeichen von zum Teil komplexer Form, zum Teil aber auch ganz einfache, die ganz sicher eine klare Bedeutung hatten. Die Zeichen finden sich sogar auf einigen in der Höhle entdeckten Gebrauchsgegenständen wie zum Beispiel Lampen. Sie sind also Beschriftungen, die vielleicht eine Art Signatur des Künstlers darstellen. Die Künstler waren übrigens höchstwahrscheinlich Männer, denn nur sie kannten die Tiere von ihren Jagdausflügen so gut, dass sie sie dermaßen lebendig darstellen konnten.

Thierry Félix (Scénario), Philippe Bigotto (Dessin): Le secret des bois de Lascaux. Dolmen-Editions, Sarlat, 2012. 42 Seiten.

Brigitte und Gilles Delluc: Die Höhle von Lascaux. Deutsche Ausgabe. Éditions Sud Ouest, o. O., 2008. 77 Seiten.

Marylène Patou-Mathis (Text), Christian Jégou (Illustrationen): „Lascaux“. Groupe Fleurus, o. O., 2008. 79 Seiten.

Christian Jégous Bild.

Bild oben: Wolfgang Krisai: Bücher über Lascaux. Tuschestift, Buntstift, 2014.

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Max Barack: Wilhelm Tell

Wolfgang Krisai: Waldweg auf der Hohen Wand bei Wiener Neustadt. Kohle. 2005.In Martin Freytags Roman „Fugenzeiten“ kommt es zu einem Wortwechsel zwischen LehrerInnen, Schillers „Wilhelm Tell“ betreffend: diesen im Unterricht heute noch zu behandeln, sei Unfug. Ja und nein, kann ich da nur sagen. Kein Schiller-Stück kann man heute so einfach SchülerInnen vorsetzen, allein schon wegen der für junge Menschen kaum verständlichen Sprache. Was liegt also näher, als Schiller für die heutige Jugend zu bearbeiten? Ich habe es vor einigen Jahren getan und eine schülertaugliche Fassung des „Wilhelm Tell“ erstellt, mit der ich die Erfahrung gemacht habe, dass man mit diesem Drama junge Menschen auch heute noch begeistern kann.

Auch früher schon hat das Bedürfnis, Schillers Drama der Jugend nahezubringen, zu Bearbeitungen geführt, und eine davon fiel mir auf einem Flohmarkt in die Hände. Der in Stuttgart gelebt habende Schriftsteller Max Barack (1832-1901) hat Schillers Stück in Prosa bearbeitet, sozusagen als kleinen Roman, wobei er sich im Ablauf und sogar zum Teil bis in den Wortlaut hinein so weit möglich an das Vorbild gehalten hat. Lt. www.abenteuerroman.info stammt die erste Ausgabe dieser Bearbeitung aus dem Jahr 1876.

Der Band ist mit Bildern von Willy Planck (1870-1956) im heroisierenden Stil der Zwischenkriegszeit, in der meine Ausgabe entstanden sein wird (die Schätzungen der Antiquare reichen von 1910 – 1935), illustriert.

Zum besseren Verständnis der Sage hat der Autor auch historische Hintergründe etwas ausführlicher behandelt, als dies Schiller im auf das Wesentliche verdichteten Drama möglich war, sodass dem Leser wohl manches klar wird, was bei Schiller nur angedeutet ist, etwa die Hintergründe zur Begegnung Johannes Parricidas mit Tell ganz am Schluss des Stücks.

Was fasziniert mich an der Figur des Wilhelm Tell? Er ist der Einzelgänger par excellence, der von Teamarbeit wenig hält, aber seinen Mann steht, wenn Bedarf besteht. Am Rütlischwur nimmt er daher nicht teil, weil ihn dieses Verschwörertum nicht interessiert, obwohl er inhaltlich ganz auf der Seite der Freiheitskämpfer steht. Außerdem ist Tell ein durchtrainierter Kerl, dem kein Berg zu steil und kein Sturm zu wild ist. Dazu passt, dass er auch der beste Armbrustschütze weit und breit ist.

Mit dem tyrannischen Landvogt Geßler kämpft er sozusagen seinen privaten Kampf, ausgelöst durch seinen Edelmut – auch eine Eigenschaft, die an ihm bewundernswert ist. Tell verfügt über moralische Unabhängigkeit, gemäß der er das Gute tut, wo immer es ihm möglich ist, mit der er aber auch ohne viel nachzufragen sein Recht selbst in die Hand nimmt und beschließt, Geßler zu töten, nachdem dieser seine Familie und ihn mit unversöhnlicher Feindschaft verfolgt und es daher in seinen Augen Notwehr ist, ihn zu beseitigen. Mit dem praktischen Nebeneffekt, dass damit auch gleich ein erster Schritt im Schweizer Freiheitskampf getan ist. In einem funktionierenden Rechtsstaat ist Selbstjustiz dieser Art fehl am Platz, aber es ist noch keine hundert Jahre her, da war man auch bei uns in einer Situation, wo man sich gegen ein diktatorisches System zur Wehr setzen hätte sollen und es mehr mutige Leute gebraucht hätte, die sich nicht drum kümmern, was „die anderen“ tun und ob das eigene Leben gefährdet ist.

In einem Zeitalter, wo in Schulen die Bildung zu geistiger Unabhängigkeit zurückgedrängt wird, indem man gezwungen wird, die Schülerinnen und Schüler vor allem auf „Bildungsstandards“ und diese messende Tests hinzutrimmen, ist eine Figur wie der Tell ein dringend nötiges kritisches Gegenbild.

Kann eine Bearbeitung die Lektüre von Schillers Drama ersetzen? Natürlich nicht. Für jemanden, der Schillers Stück kennt, mag aber eine Bearbeitung wie diese eine willkommene Zusatzlektüre sein. Jetzt wäre es natürlich nicht uninteressant, auch modernere Fassungen des Stoffs zu lesen, von denen es einige im Buchhandel gibt.

 

Wilhelm Tell der Jugend erzählt von M. Barack. Mit vier Tondruckbildern nach Originalzeichnungen von Willy Planck. Stuttgart, Thienemanns, o. J. 128 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Waldweg auf der Hohen Wand bei Wiener Neustadt. Kohle. 2005.

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Erdenberger/Preger: Geheimakte Leonardo da Vinci

"In Verrocchios Werkstatt" - Klassengestaltung der 2A.

„In Verrocchios Werkstatt“ – Klassengestaltung der 2A.

Habent sua fata libelli (1) – so sagte man über die Schicksale der Bücher. Und manchmal hat man das Gefühl, ein Buch spiele seinerseits Schicksal. So in diesem Fall:
Im Sommer stieß ich zufällig in der Ramschkiste vor der Thalia-Filiale in Wien Landstraße auf das Buch „Geheimakte Leonardo da Vinci“, das nun plötzlich statt 20 nur noch 5 Euro kostete. Sofort schoss es mir durch den Kopf: Das wäre die ideale Klassenlektüre für die zweite Klasse des Musischen Gymnasiums (das sind SchülerInnen im Altern von elf bis zwölf Jahren). Ich kaufte ein Exemplar und las es, um festzustellen, ob es wirklich geeignet wäre. Es war.
Also bestellte ich einfach 20 Exemplare, obwohl noch Sommerferien waren und ich überhaupt nicht sicher wusste, ob ich die erste Klasse im nächsten Jahr als zweite weiterführen oder ob ich sie einer angekündigten Probelehrerin überlassen musste, der ich diese Klassenlektüre nicht aufzwingen wollte. Notfalls müsste ich eben in Kunsterziehung ein Buch lesen…
Doch gleich kam die Enttäuschung: Bei Thalia gab es keine 20 Exemplare mehr.
Ein, zwei Wochen später schickte Jokers einen Katalog, und was sehe ich? Das Leonardo-Buch, ebenfalls um 5 Euro. Und bei Jokers kann man anfragen, ob es noch genug Exemplare gibt. Es gab.
So konnte ich schon am ersten Schultag die 2A mit der neuen Klassenlektüre überraschen. Die Probelehrerin hatte sich Gott sei Dank in Luft aufgelöst, sodass wir ungehindert in die Welt der Renaissance eintauchen konnten. Die Schülerinnen und Schüler der Klasse waren nicht weniger begeistert als ich.

Während der ersten Schulwochen arbeitete sich die Klasse also mit diesem Kinder-Sachbuch durch Leben und Werk Leonardo da Vincis. Die Handlungsidee dieses zum Teil erzählenden Sachbuchs ist folgende: Ein Schüler, zufällig namens Leo, dessen etwas ungelenken Brief man zu Anfang liest, ersucht einen Detektiv um Hilfe, weil er in Geschichte eine Präsentation über Leonardo machen soll. Und der Detektiv XY liefert nun im Rest des Buches eine Fülle an Informationen. Manchmal erzählt er einfach von seinen Recherchen, bei denen ihm immer wieder ein chimärenhafter älterer Herr begegnet, der erstaunlich detailliert über Leonardo Bescheid weiß und ihm auch überraschend ähnlich sieht – und der dann im Handumdrehen wieder spurlos verschwindet… Herr XY stellt aber auch viel Sachinformation zusammen: einen Steckbrief des Meisters, viele, viele Abbildungen der Werke Leonardos, sodass der Leser am Schluss einen guten Gesamteindruck von Leonardos Schaffen hat; Informationen über die damalige Zeit, über die Arbeitsweise der Künstler, über die Werkstatt von Andrea Verrocchio, bei dem Leonardo in die Lehre ging, über Leonardos naturwissenschaftlichen Studien und technischen Erfindungen, und besonders genau behandelt er das „Rätsel“ der „Mona Lisa“, die „Felsengrottenmadonna“ und das „Letzte Abendmahl“. Durchs ganze Buch ziehen sich Rätselaufgaben, die am Schluss zu Auflösung eines „Da-Vinci-Codes“ führen.
Stilistisch war das Buch für meine Elf- bis Zwölfjährigen eine ziemliche Herausforderung, was aber Gelegenheit gab, über manche unbekannten Wörter erklärende Informationen einfließen zu lassen.
Beim abschließenden Feedback kam jedenfalls klar heraus: Allen hat das Buch gut gefallen, sowohl inhaltlich wie auch von der Gestaltung her. Das Buch ist eine hervorragende Hinführung für 12 – 14jährige zu einem der größten Künstler.

In Kunsterziehung malten wir als Klassendekoration das Wandbild „Die Werkstatt Andrea Verrocchios“, in der jede Schülerin und jeder Schüler sich selbst bei einer künstlerischen Tätigkeit abbilden konnte.
Höhepunkt unserer Beschäftigung mit Leonardo war dann ein von mir geschriebenes 15-Minuten-Theaterstück über die Entstehung von Leonardos „Abendmahl“, das die Klasse bei einem Klassenabend mit großem Können und voller Begeisterung aufführte – und dafür viel Applaus und Lob erntete. Die Anregung dazu gab ein anderes Buch-Schicksal, über das ich bereits berichtet habe: Goethes Aufsatz über Bossis „Abendmahl“.
All das nur, weil das Schicksal den Prestel-Verlag dazu bestimmte, sein Leonardo-Kinderbuch in den Ramsch zu geben…

Ralph Erdenberger, Sven Preger: Geheimakte Leonardo da Vinci. Prestel-Verlag, München u. a. 2010. 111 Seiten.

1) „Pro captu lectoris habent sua fata libelli“ – „Je nach Auffassungsgabe des Lesers haben die Büchlein ihre Schicksale“.
Gewöhnlich wird der Satz in diesem Sinne gebraucht: Ein Text kann nur so viel Sinn oder Aussage vermitteln, wie der jeweilige Leser überhaupt zu erfassen bereit oder in der Lage ist. Denkbar ist aber genauso: Je nach Zeit und Umständen werden Bücher unterschiedlich ‚gelesen‘, das heißt verstanden und instrumentiert.
Das Dictum lässt sich auch so verstehen: Das Buch selbst (nicht nur sein gedeuteter Inhalt) hat ein bewegtes Schicksal – je nach dem, in wessen Händen es sich befindet. – So die Wikipedia über das lateinische Sprichwort des Terentianus Maurus. Allen drei Deutungen könnte ich im Lichte meiner Erfahrungen mit dem Leonardo-Buch einiges abgewinnen.

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