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Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman. Schauspiel

Wolfgang Krisai: Bücher. Acryl auf Papier, 1988.Auf Ibsens „John Gabriel Borkman“ wurde ich durchs Fernsehen aufmerksam, wo über eine Premiere des Stücks berichtet wurde und die Bemerkung fiel, das sei das passende Stück zur Wirtschaftskrise.

Finanzverbrecher im Größenwahn

Und tatsächlich, Ibsen führt hier einen Finanzverbrecher vor, der als Bankdirektor in Größenwahn verfiel, große Gebiete in Norwegen wegen ihrer Bodenschätze erschließen wollte und dafür das in seiner Bank angelegte Geld der Kunden veruntreute. Bevor Borkmans Rohstoffgeschäfte noch irgendein Geld abwarfen (mit dem er die „geliehenen“ Gelder zurückzahlen wollte), verriet ihn ein Mitwisser. Borkman wurde der Prozess gemacht, er kam für fünf Jahre ins Kittchen und lebt seither – schon acht Jahre lang – zurückgezogen im ersten Stock eines Anwesens, das seine Schwägerin ihm, seiner Frau Gunhild und seinem Sohn Erhard zur Verfügung gestellt hat.

Komplizierte Familienverhältnisse

Mit dieser Schwägerin hat es eine besondere Bewandtnis: Sie heißt Ella Rentheim, ist die Zwillingsschwester von Gunhild und war einst die eigentliche Liebe Borkmans, der sie aber aus Karrieregründen zugunsten Gunhilds stehen ließ. Nach Borkmans Sturz nahm Ella sich dennoch mehrere Jahre lang des Sohnes Erhard an, der sozusagen ein Pflegekind für sie wurde. Doch Gunhild verlangte Erhard zurück, weil er die Mission durchführen sollte, John Gabriel Borkman zu rehabilitieren. Das hält Gunhild für eine Voraussetzung dafür, gesellschaftlich wieder akzeptiert zu werden. Derzeit nämlich ist sie eine Ausgestoßene.

Zu Borkman hat Gunhild kaum Kontakt, sie hört ihn immer nur oben auf und ab gehen. Gelegentlich bekommt er Besuch von einem ehemaligen Buchhalter, Foldal, mit dem er sich aber im Lauf des Stücks überwirft. Dessen Tochter Frida speilt ihm manchmal am Klavier vor. Einst hat Borkman ihren Musikschulbesuch bezahlt.

All das sind Voraussetzungen, die am Tag, an dem das Stück spielt, großteils vorbei sind.

Die „Mission“ des Sohnes: blanker Unsinn

Am Vormittag – im ersten Akt – kommt Ella erstmals seit Jahren wieder zu Gunhild. Es kommt zu einer kleinen Auseinandersetzung über Erhards „Mission“, die Ella für blanken Unsinn hält. Sie verlangt außerdem, dass Gunhild und John endlich wieder miteinander reden.

Nächster Akt: in Borkmans Zimmer: die Auseinndersetzung mit dem glücklosen „Dichter“ Foldal; Gespräch zwischen Borkman und Ella, aus dem man viel Vergangenes erfährt. Frida kommt und will Klavier spielen, wird aber nicht gebraucht, weil Borkman nun endlich wieder aus seiner Klause heraustreten will.

Er brennt mit einer Lebedame durch

Dritter Akt: Die Nachbarin Fanny Wilton, eine Lebedame, kommt, um Erhard zu einer Abendgesellschaft abzuholen – ausgerechnet bei jenem Mann, der einst Borkmans Sturz herbeigeführt hat. Erhard ist hin und her gerissen. Zuerst will er bei seiner Mutter bleiben, doch dann animiert ihn Ella, doch zur Abendgesellschaft zu gehen, zumal dort Frida am Klavier zum Tanz aufspielen wird.

Letzter Akt: Es stellt sich heraus, dass Erhard gar nicht zur Abendgesellschaft wollte, sondern diese nur als Vorwand benützte, um mit seiner Geliebten Fanny und in Begleitung von Frida durchzubrennen.

Eine „eisige Hand“

Als nun Ella dem endlich einmal vors Haus gehenden Borkman nicht nur eröffnet, dass Erhard verschwunden ist – und mit wem –, sondern ihm auch Vorwürfe macht, er habe einst ihre Liebe „gemordet“, da wird es Borkman zuviel, er fühlt eine „eisige Hand“ nach seinem Herzen greifen und stirbt. Zurück bleiben die rivalisierenden Schwestern, die beide Betrogene sind: Borkman ist tot und kann die Familie nicht mehr rehabilitieren; Erhard ist weg und wird seine „Mission“ nicht vollführen. Ella sagt, sie beide seien „Schatten – über ihm, dem Toten“ (so der letzte Satz).

Ein „Zocker“

Ist das Drama nun wirklich ein passender Kommentar zur Wirtschaftskrise? In gewisser Weise ja. Denn John Gabriel ist ein Vertreter jener „Zocker“, die die Besitztümer anderer im wahnhaft optimistischen Glauben, mit den eigenen Finanzjonglierereien den ganz großen Gewinn zu machen, in unvorstellbaren Größenordnungen verschleudern.

Solche Leute gibt es

Es ist sicher nicht das spannendste und beste Ibsen-Stück, trotzdem aber interessant, weil es einen Menschen vorführt, nämlich Borkman, der bis zuletzt an seine unsinnigen Spekulationen glaubt und einem wahnhaften Phantom nachjagt, mit dem er das große Geld zu machen hofft. Dabei ist er aber keineswegs ein Filou, sondern sieht sich als seriösen Geschäftsmann, und gerade das ist eine Kombination, die es wirklich gibt.

Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman. Schauspiel in vier Akten. In: Henrik Ibsen: Dramen. Zweiter Band. Winkler Verlag, München 1973. Seite 629 – 697.

Bild: Wolfgang Krisai: Bücher. Acryl auf Papier, 1988. – Ganz rechts lehnen die beiden dunkelblauen Bände meiner Ibsen-Ausgabe, Winkler Dünndruck-Bibliothek der Weltliteratur, Leder mit Goldschnitt. Sie waren ein Geschenk zur Matura und sind immer noch Prachtstücke meiner Bibliothek.

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Eingeordnet unter Norwegische Literatur, Theaterstück