Archiv der Kategorie: Österreichische Literatur

Ursula Poznanski: Schatten. Thriller

Wolfgang Krisai: Salzburg, Kapitelplatz mit St. Peter, 2013

Das ist nun schon der vierte Thriller um die Salzburger Ermittler Beatrice Kaspary und Florin Wenninger. Im vorhergehenden wurden die beiden ein Paar. Nun wurde es für die Autorin offenbar Zeit, die unerfreuliche Situation mit Beatrices Ex-Mann, dem Widerling Achim, einer Veränderung zuzuführen, denn wenn die Reaktionen einer Figur allzu vorhersehbar und gleichförmig werden, packt den Leser die Langeweile. Und das wäre doch der Tod eines Thrillers…

Mit Nebenfiguren wird aufgeräumt

Also räumt Poznanski mitten im Buch mit Achim auf. Nie wieder wird er der sein, der er war. Wie er allerdings werden wird, erfahren wir in diesem Roman noch nicht. Es muss ja einen Grund geben, den nächsten zu kaufen.

Ein ähnliches Schicksal ereilt in diesem Roman übrigens aus Beatrices ewig unzufriedenen Vorgesetzten. Er wird im nächsten Roman durch eine neue Figur ersetzt werden müssen.

Konfrontiert mit der eigenen Vergangenheit

Dieser Roman lässt sich zunächst eher mäßig spannend an. Ein gefinkelter Mörder, der Lust daran hat, mittels geschickt gestreuter Hinweise Beatrice mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren, treibt sein Unwesen. Man könnte sagen: Schön, dass er Personen aus dem Weg räumt, die Beatrice unsympathisch sind. So zum Beispiel diesen Markus Wallner, der als erstes dran glauben muss. Ein Ausbund an Widerlichkeit, charakterlicher Zwillingsbruder von Achim.

Die Vergangenheit, der sich Beatrice nun neuerlich stellen muss, gibt der Figur neue Facetten: Wir erfahren, dass Beatrice einst Lang hieß, in Wien studierte und mit einer reichlich arroganten, von sich bis zum Platzen überzeugten Kommilitonin in einer WG zusammenlebte, mit Evelyn. Ausgerechnet, als Beatrice, sonst eher ein Mauerblümchen, eine Nacht mit ihrem Angebeteten David Zimmermann verbringt, ruft Evelyn um drei Uhr früh an und fragt, ob Beatrice, von ihr „Hase“ genannt, sie von einer Party abholen könne. Beatrice lehnt ab.

Als sie am nächsten Tag zu Hause ankommt, entdeckt sie Evelyn in deren Zimmer: tot, grausam verstümmelt, in einem Blutbad.

Das war vor 16 Jahren. Seither macht Beatrice sich Vorwürfe, dass sie Evelyn nicht abgeholt hat. Dann wäre diese wohl nicht gestorben…

Aus „Hase“ wird Polizistin

Das grauenvolle Erlebnis wirft Beatrice völlig aus der Bahn, sie gibt ihr Studium auf, trennt sich von David und wird in Salzburg Polizistin.

Das ist allerdings eine erstaunliche Kehrtwendung für eine Person, die von ihrer Freundin als „Hase“ eingestuft wird. Eine Polizistin müsste doch wohl eher „Tiger“, „Wolf“ oder zumindest „Fuchs“ sein. Inzwischen ist Beatrice all das auch geworden. Man fragt sich, wie das möglich war. Ganz einfach: Evelyn hat Beatrice falsch eingeschätzt, sie war niemals bloß ein „Hase“.

Von diesem Spitznamen erfährt Beatrice erst im Lauf dieses Romans, als sie den einstigen Mord an Evelyn, der damals nicht aufgekärt wurde, sich nun als Ermittlerin vornimmt, um zugleich den alten und den neuen Fall zu lösen. Evelyn hat ein Tagebuch hinterlassen, das Beatrice nun lesen kann.

Spannung ab Seite 130

Für den Leser liegen die Fäden, die später verknüpft werden, hier noch so weit auseinander, sodass der Roman auch nicht richtig spannend werden will. Das ändert sich buchstäblich mit einem Schlag, als der Täter auf Seite 130 Beatrice selbst ins Visier nimmt.

Ab dieser Stelle wird nicht mehr nur aus Beatrices Sicht erzählt, sondern mehrheitlich aus der Sicht Florins, der beunruhigt ist, als Beatrice nicht am Fundort der Leiche einer besonders unsympathischen Person, die man als Leser schon lange kennt, eintrifft. Florin muss nun auch die Sorge für die beiden Kinder Beatrices übernehmen und will dies gemeinsam mit Achim machen, der sich allerdings nicht gerade kooperativ verhält. Nur – nicht mehr lange.

Die restlichen 280 Seiten des Romans sind so spannend, dass sie der Bezeichnung Thriller alle Ehre machen.

Auch wenn der Krimi in Salzburg spielt, ist er doch kein typischer Regionalkrimi, da Poznanski mit Salzburger Flair äußerst sparsam umgeht. Hie und da ein Hinweis, ein Schauplatz, das muss genügen.

Ursula Poznanski: Schatten. Thriller.Wunderlich im Rowohlt-Verlag, Reinbek, 2017. 413 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Salzburg, Kapitelplatz mit St. Peter, 2013. – Die goldene Kugel mit männlicher Figur darauf ist Teil des Kunstwerks „Sphaera“ von Stephan Balkenhol aus dem Jahr 2007. Die zugehörige weibliche Figur entdeckt man nur, wenn man weiß, wo sie sich befindet – jedenfalls nicht auf diesem Bild.

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Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat

 

Wolfgang Krisai: Sistiana Mare, 2003. Tuschestift, wasservermalbare Kreiden.

Stefan Zweig zeichnet den Weltumsegler Magellan in seiner spannenden Biographie als einen tragischen Menschen, der zwar großartige Leistungen vollbringt, den Lohn dafür aber nicht einheimsen kann und sogar einem seiner Kontrahenten überlassen muss.

Für Portugal im Krieg

Zunächst ist Magellan, der 1480 in Portugal zur Welt gekommen ist, als Soldat und Matrose im Dienst seines Vaterlandes in Afrika und in Ostasien in Kriegshandlungen verwickelt. Dort lässt er einen Freund auf den Gewürzinseln zurück, der seinen Beruf an den Nagel gehängt hat und ein „Aussteiger“ geworden ist. Ihn möchte Magellan wiedersehen, wenn er von Osten herangesegelt kommt. Einen malaiischen Sklaven nimmt Magellan sich von Malaysia mit, der ihm auf seiner Weltumsegelung als Dolmetscher gute Dienste leistet, aber wegen Magellans frühem Tod ebenfalls unbelohnt bleibt.

Wechsel nach Spanien zu Karl V.

Da der portugiesische König auf Magellans weitere Dienste aber verzichten zu können glaubt, wendet sich dieser mit seiner faszinierenden Idee von der Weltumsegelung an den spanischen König, den späteren Kaiser Karl V., und wird dort überraschend wohlwollend empfangen. Karl übernimmt die Schirmherrschaft über die Expedition, Geld wird aufgetrieben, Magellan wird vom König persönlich unterstützt, gegen alle Widerstände kleingeisterischer Bremser, und so kann im Jahr 1518/19 eine kleine Flotte von fünf Schiffen ausgerüstet und bemannt werden, mit der Magellan am 10. August 1519 von Sevilla losfährt.

Meuterei

Er hat einer leider falschen Karte von Südamerika entnommen, dass dort, wo in Wirklichkeit der Rio de La Plata mündet, eine Durchfahrt zum Pazifik sei. Als die Schiffe nun dort ankommen, erweist sich die riesige Bucht als Mündungstrichter eines Flusses.

Magellan, eine Einzelgänger mit finsterer Miene und eisernem Willen, lässt nach Süden steuern, in den immer kälteren Winter 1520 hinein. Man muss schließlich in einer menschenleeren Bucht weit im Süden überwintern. Da meutern die spanischen Kapitäne der Begleitschiffe Magellans. Doch mit Entschlossenheit und Kühnheit kann Magellan die Meuterei niederschlagen. Da er, wenn er alle Meuterer hinrichtet, keine ausreichend große Mannschaft mehr hätte, begnügt er sich mit der Hinrichtung des Rädelsführers und der Aussetzung zweier weiterer führender Köpfe.

Auf der Suche nach einem Durchlass zum Pazifik

Am 25. Oktober 1520 fahren die Schiffe schließlich in jene Meerenge ein, die später die Magellanstraße genannt wurde. Kurz vor Erreichen des Pazifik (den Magellan so benannte, weil er damals ein ruhiges Meer war), segelt ihm noch sein größtes Schiff davon und zurück nach Spanien. Diesen Deserteuren wird schließlich kein Prozess gemacht, da der Mann, der sie wohl anklagen würde, tot ist. Ein anderes der Schiffe ist inzwischen an den Klippen zerschellt.

Am 28. November erreichten die verbliebenen drei Schiffe den Pazifik. Dann beginnen mehr als hundert Tage Querung des riesigen Meeres, dessen Größe Magellan wie seine Zeitgenossen viel zu gering eingeschätzt hat. Die Mannschaften verhungern fast.

Tödliche Überheblichkeit

Schließlich erreichten sie die heutigen Philippinen. Magellan gelingt es, mit einem dortigen Fürsten friedlich ins Geschäft zu kommen. Die Ureinwohner lassen sich sogar scharenweise taufen.

Doch dann leistet sich Magellan einen tödlichen Fehler: Um dem Fürsten seine militärische Stärke zu beweisen, will er die spanische Übermacht in einem kleinen Krieg gegen einen unbotmäßigen Stammesfürsten auf einer winzigen Insel demonstrieren. Die philippinischen Freunde sollen beim Kampf nur zusehen. Doch statt leichten Spiels erweist sich der Kampf wegen schwieriger Bedingungen an der Küste als aussichtslos, die Spanier flüchten, und Magellan wird niedergemetzelt.

Das Schicksal der Übrigen

Damit ist das Prestige der Spanier bei den philippinischen Fürsten sofort im Keller. Die übrig gebliebenen Kapitäne und Matrosen müssen sich erst neu organisieren, was nicht ohne Chaos abgeht. Schließlich werden die Kapitäne und einige Matrosen in eine Falle gelockt und umgebracht.

Die drei spanischen Schiffe ergreifen die Flucht. Eines schlägt Leck und wird versenkt. Schließlich erreichen die beiden verbliebenen Schiffe die Gewürzinseln, die Molukken, wo Magellan schon einmal war. Als man, nachdem man Tonnen von Gewürzen gekauft und geladen hat, losfahren will, erweist sich das größere der beiden Schiffe, die „Trinidad“, als nicht mehr seetüchtig. Man lässt Schiff und Mannschaft zur Reparatur zurück. Die Trinidad segelt später in den Pazifik zurück und verschwindet spurlos.

Übrig bleibt die „Victoria“, die um Afrika herum nach Spanien zurücksegelt, und zwar ohne in Afrika zu landen, da dort nur portugiesische, also feindliche Stützpunkte sind. Mit letzter Kraft erreichen Schiff und ein Rest der Mannschaft am 8. September 1522 Sevilla: Die Weltumsegelung ist gelungen. Magellan hat bewiesen, dass alle Weltmeere zusammenhängen und man rund um die Weltkugel segeln kann. Ein Nebeneffekt, der erst jetzt auffällt: Man gewinnt, wenn immer nach Westen fährt, einen Tag.

Den Ruhm erntet der Falsche

Den Ruhm der Weltumsegelung erntet derjenige, den das Wegsterben der anderen zum Kapitän der Victoria gemacht hat: Sebastian del Cano. Da er selbst einst unter den Meuterern war, hat er kein Interesse, die vor einem Jahr zurückgekehrte Mannschaft des Schiffes, das desertiert ist, vor Gericht zu bringen. Im Gegenteil: Vielleicht hat die Vernichtung sämtlicher Bordtagebücher der Expedition ihren Grund darin, dass Dokumente, in denen die Meuterei aufgezeichnet war, verschwinden sollten.

Nur der italienische Reisechronist Pigafetta hat einen zusammenfassenden Reisebericht hinterlassen – vermutlich auf der Basis eines tagtäglich weitergeführten Tagebuchs, das verschwunden ist. Doch darin ist von der Meuterei nichts zu lesen.

Die Lektüre dieses – wie von Zweig gewohnt – sehr flüssig geschriebenen Buchs ist so fesselnd, dass man kaum aufhören kann. Meine Ausgabe bietet einige Illustrationen, so wie übrigens auch die derzeit erhältliche Fischer-Taschenbuch-Ausgabe.

Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat. S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1953. Erstausgabe: Reichner, Wien, 1938. 334 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Sistiana Mare, 2003. Tuschestift, wasservermalbare Kreiden. – Das ist zwar nur ein Blick auf die Adria und nicht auf den Pazifik, aber immerhin: Meer.

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Bernhard Schöllbauer: Neustadt. Ein Braunauer Kriminalroman

Wolfgang Krisai: Inn bei Braunau. Aquarell. 2007.

Bei einem Besuch in Simbach am Inn kaufte ich kürzlich diesen Krimi, um die vom verheerenden Hochwasser im Juni 2016 gerade noch ein wenig betroffene örtliche Buchhandlung zu unterstützen. Im Laden ist das Wasser einige Zentimeter hoch gestanden, Bücher sind zum Glück dabei nicht beschädigt worden, aber trotzdem ist jetzt einiges an Reparaturarbeiten durchzuführen…

(Achtung! Wer den Krimi selbst lesen will, sollte diese Rezension nicht bis zum Ende lesen, wo das Ende des Krimis verraten wird!)

Ein Toter in der Braunauer „Neustadt“

Der Titel dieses Romans gibt eigentlich nur den Ausgangspunkt einer immer weiter in die große Welt der organisierten Kriminalität ausgreifenden Handlung an: In einer Hochhaus-Wohnung in der Braunauer „Neustadt“ – das ist ein in den 70er-Jahren im Süden der Stadt errichtetes Wohnviertel mit einigen Hochhäusern, Einkaufszentrum, Pfarrkirche, usw. – wird ein Toter gefunden, mit aufgeschnittener Halsschlagader und zerschnittenem Gesicht. Die Tatwaffe liegt auch gleich dabei: eine geköpfte Bierflasche. Der Tote ist ein gewisser Josef Achatz, der vor seiner Pensionierung in der AMAG gearbeitet hat, dem riesigen Aluminiumwerk in Ranshofen, jetzt aber entweder zu Hause sitzt oder für einen bayerischen Zeitschriftengroßhandel Zeitschriften ausfährt.

Kriminalkomissar Margreiter und sein Assistent Klein, die beide in Salzburg wohnen und zwischen Dienststellen in Salzburg und Braunau hin und her pendeln, werden mit dem Fall befasst. Sie tappen allerdings völlig im Dunkeln.

Eine im Wald vergrabene Mädchenleiche

Bald darauf wird im Kobernaußerwald zufällig eine vergrabene Mädchenleiche gefunden: Es ist Sandra Stadelmayr, Tochter eines Bankdirektors aus Helpfau. Die Tochter ist seit einigen Tagen als vermisst gemeldet.

Kriminalistische Untersuchungen ergeben, dass Sandra offenbar von Achatz vergewaltigt wurde. Er wird sie wohl ermordet haben. Was jedoch seinen Tod noch nicht erklärt.

Eine Wasserleiche am Inn-Ufer

Richtig „großräumig“ wird die Sache erst, als eine weitere Tote auftaucht, diesmal angeschwemmt am Inn-Ufer. Es ist eine nicht näher identifizierbare junge Frau aus dem Osten (darauf deutet ein typischer Talisman hin, den sie dabei hat).

Interessanter Weise tappt in diesem Roman die Polizei im Dunkeln, während der Leser genau weiß, was los ist, da es nicht nur Kapitel gibt, die aus der Sicht der Polizei erzählt sind, sondern viele, die Handlungsteile bringen, von denen die Polizei nie etwas erfährt.

So wissen wir als Leser, dass die Tote eine in einem Kleintransporter nach Österreich geschleppte Moldawierin ist, die beim Transport gestorben ist. Nicht gestorben ist zunächst die neben der Toten liegenden Iwanka, die wie die anderen mittransportierten Mädchen in ein Bordell gebracht wird, wo sie wegen kleiner Aufmüpfigkeiten sofort einmal vergewaltigt und in eine „Sonderzelle“ gesperrt wird. Allerdings ist der Bewacher ein unterbelichteter Typ, der im Dienst einschläft, was Ivanka zur Flucht nützen kann.

Ein in der Müllverbrennungsanlage verbrannter Bewacher

Die Bordellchefin, eine überaus resolute und kaltblütige Bulgarin, die in Österreich als Diplomatin getarnt ist, lässt daraufhin den Bewacher zur Strafe foltern und umbringen. Die Polizei findet ihn nie, da er in Linz in der Müllverbrennungsanlage verheizt wird.

Ein in Bulgarien umgelegtes Mädchen

Auch Ivanka überlebt nicht, sondern wird am Ende ihrer Flucht in Bulgarien aufgespürt und umgelegt.

Ein überfahrener Mitwisser

Margreiter und Klein merken, dass der Fall internationale Dimensionen annimmt. Als nun ein weiterer Fahrer der Bayernland-Press, Kloiner, ins Spiel gebracht wird, bekommt der Fall eine weitere Dimension: die der Kinderschädung. Als Kloiner merkt, dass man ihm auf der Spur ist, vergräbt er belastende DVDs und Festplatten im ehemaligen „Grab“ von Sandra Stadelmayr im Kobernaußerwald. Als er nach getaner Arbeit mit seinem Auto aus dem Waldweg in die Straße einbiegt und dabei einen heranrasenden Lastwagen übersieht, ist es auch um ihn geschehen.

Klein entdeckt – kriminalistische Intuition – die vergrabenen Schätze. Noch bevor Margreiter oder er sie sich ansehen können, wird eine der DVDs allerdings aus dem Polizeibüro entwendet.

Ein aus Protest kranker Polizist

Wieder weiß der Leser mehr als Margreiter und Klein: Der Entwender ist ausgerechnet eine Kollege von der Sittenpolizei, der mit den Kinderschändern im Bunde ist. Diese Pädophilen sind allerlei honorige Herren, auch Politiker, die schnell durchsetzen können, dass nur die weniger wichtigen Herren aufgedeckt und bestraft werden, während die Verbrechen der „höheren Viecher“ vertuscht werden. Margreiter will da nicht mitspielen und meldet sich aus Protest krank.

Da die Ermittler dem Bordell mit den moldawischen Mädchen auf die Spur kommen, ergreifen die Bordellchefin und alle Aufseher die Flucht. Den Mädchen wird mit drastischen Mitteln eingeschärft, was sie der Polizei sagen müssen: Sie alle seien freiwillig hier und seien immer gut behandelt worden.

Zwei politische Drahtzieher, einer aus der ÖVP, einer aus der SPÖ, treffen sich und schauen sich die entwendete DVD an und vereinbaren, welche der darauf sichtbaren Mädchenschänder sie hochgehen lassen wollen und welche nicht. Margreiter, wieder im Dienst, kommt die Gleichförmigkeit der Aussagen der Mädchen seltsam vor. Von einem der Mädchen erfährt er schließlich von den Drohungen. Doch das hilft nicht weiter.

Ein verblüffendes Ende

Und: Ende! In diesem Kriminalroman wird am Ende nicht Gerechtigkeit hergestellt, sondern werden die Polizisten befördert, weil sie bei der Vertuschung geholfen haben. Margreiter lässt es sich gefallen.

Dieses Ende hat mich verblüfft. Ich muss aber gestehen, es kommt mir sehr realistisch vor.

Schöllbauer schreibt einen angenehmen Stil, der sich flott liest.

Der Roman hätte ein großes Publikum verdient, ist jedoch in dem regionalen Kleinstverlag „edition innsalz“ erschienen,dessen Produkte höchstens in den Regalen von Braunauer und Simbacher Buchhandlungen stehen, sonst aber nur im Internet aufgespürt werden können. Schade.

Bernhard Schöllbauer: Neustadt. Ein Braunauer Kriminalroman. edition innsalz, Ranshofen, 2016. 259 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Inn bei Braunau. Aquarell. 2007.

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Heide Pils: Leicht muss man sein

Wolfgang Krisai: Stadtturm von Retz. Tuschestift, Buntstift, 2016.

Offene Bücherregale können immer wieder interessante Bücher enthalten. Dieses hier fand ich am Hauptplatz von Retz.

Seltsame Bauweise

Dieser „Roman vom Lieben und Verlassenwerden“ ist in einer Weise gebaut, wie ich sie noch nicht erlebt habe: Die Protagonistin des Romans schreibt in Ich-Form, flicht aber immer wieder Erzählungen ein, in denen sie über sich in der dritten Person spricht. Interessanter Weise fasst sich die Ich-Erzählerin aber nicht als Schriftstellerin auf. Diese Erzählungen sind immer autobiographisch, fügen sich daher in die auch sonst autobiographisch wirkende Handlung nahtlos ein, sodass man sich manchmal fragt, was dieser erzähltechnische Kniff bringen soll. Aber er schadet wenigstens nicht.

Vielleicht macht er den Leser darauf aufmerksam, die Handlung nicht so einfach als Autobiographie der Autorin aufzufassen. Dieses Eindrucks kann man sich nämlich nicht erwehren. Besonders zum Schluss, wo Marie-Therese sich im Waldviertel, ihrer Heimat, ein Bauernhaus kauft und es als paradiesischen Alterssitz nützt.

Ob die Handlung nun autobiographisch ist oder nicht, sie ist jedenfalls aus dem Leben gegriffen. Aus einem nicht wahnsinnig glücklichen Frauenleben von heute.

Die Männer

Das Problem in diesem Leben sind die Männer: Weder mit Dauerbeziehung Max noch mit Georg reicht es zu mehr als zu einem Dasein als Geliebte. Beide finden nach Marie-Therese eine andere, die sie heiraten, deretwegen sie aber Marie-Therese nicht vollständig aufgeben. Marie-Therese lässt sich das bieten und leidet darunter. Erklärbar ist das nur durch die irrationale Kraft der Liebe, die gegen jede Vernunft handelt.

Natürlich gibt es neben Max und Georg zahlreiche weitere Beziehungen, die sich aber schnell wieder verflüchtigen. Es will einfach nichts Gescheites werden mit den Männern, die Marie-Therese kennenlernt.

Zwischen modern und altmodisch

Die Heldin changiert selbst zwischen modern und altmodisch. Denn ihre Waldviertler Herkunft bedingt eine stockkonservative Erziehung, in der Männergeschichten eigentlich nicht vorkommen dürften. Doch die junge Frau hat sich bald aus diesem Milieu abgesetzt, nach Wien, wo sie sich den genannten Beziehungen hingibt, mit schlechtem Gewissen einerseits, selbstbewusst und emanzipiert andererseits.

Immerhin, so wenig erfreulich niemals ordentlich funktionierende Männergeschichten auch sind, sie bieten wenigstens den Vorteil von Freiheit und weitgehender Selbstbestimmung für die Frau. Auch wenn diese oft vor Sehnsucht nach Telefonanrufen der Geliebten vergeht.

Die Mutter

Zum Schluss wird auch die Beziehung zu Mutter genauer beleuchtet, als diese im Krankenhaus in Waidhofen stirbt. Die Tochter hat bis zuletzt an dieser hingebungsvollen Mutter gehangen, vor ihr aber ihre Männergeschichten tunlichst geheim gehalten, denn in das Weltbild der Mutter hätten diese nicht gepasst, obwohl man mit ihr durchaus ungeniert über Sex hätte reden können – was aber wiederum Marie-Therese nicht zusammengebracht hat.

Heide Pils: Leicht muss man sein. Roman vom Lieben und Verlassenwerden. Deuticke, Wien, 2003. 155 Seiten

Bild: Wolfgang Krisai: Stadtturm von Retz. Tuschestift, Buntstift, 2016.

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Eva Rossmann: Russen kommen

Wolfgang Krisai: Windmühle in Retz. 2016. Tuschestift und Buntstift.

Das ist mein erster Mira-Valensky-Krimi, nicht aber der erste der Autorin. Es gibt schon zahlreiche Vorgänger. Mir ist der Roman eher zufällig in die Hände gefallen: weil ich neulich nicht widerstehen konnte, in das Mödlinger Offene Bücherregal zu schauen… Für Kenner der Journalistin-Detektivin hat Eva Rossmann übrigens immer wieder Erinnerungen an frühere Fälle eingestreut.

Offene Fragen um tote Oligarchen

In diesem Krimi geht es, der Titel kündigt es an, um Russen, genauer um den Oligarchen Boris Dolochow und dessen unerfreulichen Zwillingsbruder Wassilij, der in einer luxuriösen Dachwohnung in Wien ziemlich zu Anfang der Handlung tot aufgefunden wird: an einen Liegestuhl gefesselt, gefoltert, verdurstet. Wie es möglich ist, auf einer Wiener Dachterrasse so zu verenden, frage ich mich. Hat Wassilij nicht um Hilfe geschrieen? Nicht einmal auf Russisch? Im Roman fragt sich das niemand.

Dafür fragt sich Mira Valensky gleich am Anfang, weshalb einige Russen, die in einer noblen Schihütte am Arlberg mit Geld um sich werfen, bei der Ankunft des Helikopters eines Bauunternehmers durch die Hintertür die Flucht ergreifen.

Baumeister, mediengeil

Mira will nämlich für das „Magazin“ (vergleichbar mit dem „Spiegel“ oder dem österreichischen „Profil“) eine Reportage über russische Gäste in Österreich schreiben. Die ja legendär reich und spendabel sein sollen. Bei ihren Recherchen stößt sie auf Boris Dolochow, der im Weinviertel, dort, wo sein Vater im Zweiten Weltkrieg gestorben ist, eine Kapelle errichten lassen will (beauftragter Baumeister: Sorger, der mit dem Helikopter; ein mediengeiler Typ, wie man ihn in Österreich sogar als Präsidentschaftskandidaten kennt). Außerdem erfährt sie von einem mysteriösen Autounfall, bei dem zwei Russen ums Leben kamen, ebenfalls im Weinviertel.

Wirtschaftskriminalität

Allmählich entwickelt sich aus all dem eine Kriminalhandlung im Bereich der Wirtschaftskriminalität. Der Kriminelle ist Wassilij, an dem sich aber natürlich nicht Russen, sondern ein Österreicher und ein Deutscher rächen und ihn auf die genannte Weise zu Tode bringen.

Diese Handlung wirkte auf mich mäßig spannend.

Lokalkolorit, originelle Nebenpersonen, Kochrezepte

Verbrämt ist das alles, wie es sich für einen modernen Krimi gehört, mit etwas Lokalkolorit (Wien, Weinviertel, Arlberg), originellen Nebenpersonen, kleineren Beziehungsproblemen der Hauptfigur und – Spezialität von Eva Rossmann – mit kulinarischen Exkursen und Kochrezepten. Eva Rossmann ist da tatsächlich Expertin, ergeht sich daher immer wieder in Haubenkoch-Gefilden, sei es bei der Beschreibung exklusiver Menüs oder von Miras eigenen Koch-Kreationen.

Die originellen Nebenpersonen sind:

die ehemalige Putzfrau von Mira, Vesna, die jetzt ein Reinigungs- und Detektivunternehmen betreibt und eng mit Mira zusammenarbeitet;

der neue Chefredakteur Klaus Felner vom „Magazin“, mit dem sich Mira schnell zusammenrauft, ja anfreundet, weil er sich entgegen allen Erwartungen als brauchbarer Chef erweist, der die Arbeit seiner Mitarbeiterin zu schätzen weiß;

der im Rollstuhl sitzende Kollege Droch, der gute Beziehungen hat und diese für die Handlung nutzbringend einsetzt;

Miras Katze Gismo, die behandelt wird wir ein Scheidungskind: keiner hat richtig Zeit für sie, Frauerl und Herrl sind ständig woanders…

Und die Beziehungsprobleme? Die entstehen daraus, dass Miras Ehemann Oskar, Jurist übrigens, die Russen-Recherchen für gefährlich hält und Mira am Weitermachen hindern will. Vergeblich, natürlich.

Eva Rossmann: Russen kommen. Ein Mira-Valensky-Krimi. Bastei-Lübbe-Taschenbuch, Bastei-Lübbe-Verlag, Köln, 2010. 318 Seiten.

Vor kurzem war ich im Weinviertel, wo dieser Krimi zum Teil spielt. Die Retzer Windmühle ist dort eine wichtige Sehenswürdigkeit. Wolfgang Krisai: Windmühle in Retz. 2016. Tuschestift und Buntstift.

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Nina Hartmann, Gregor Barcal: Match me if you can. Eine Dating-App-Komödie

Wolfgang Krisai: SMS. Tuschestift, 2011.Nina Hartmann ist Kabarettistin und geborene Tirolerin. Daher ist in dieser Zwei-Personen-Komödie die Heldin Lisa Tirolerin und spricht einen ausgeprägten Tiroler Dialekt. Das steht allerdings nur in den Regieanweisungen, denn der Text ist in ganz normaler Standardsprache geschrieben und soll – das steht ebenfalls in den Regieanweisungen – ganz nach Bedarf in andere Dialekte übertragen werden.

Die zweite Person, Martin, ist Städter und spricht keinen Dialekt. Daraus sollten sich lustige Kontraste ergeben, von denen dann aber doch nicht so viel kommt wie angekündigt.

Dating-App

Lisa hat sich auf der Dating-App „Tinder“ angemeldet und nach einiger Zeit Lust bekommen, endlich über Tinder auch ein reales Date anzubahnen. Zuvor hat sie sich nur immer die auf Tinder angebotenen Männer durchgescrollt. Wenn man sie auf dem Smartphone nach links wischt, sind sie weg, wischt man nach rechts, gibt es ein „Like“. Liked einen der gerade Gelikte ebenfalls, so ist das ein „Match“ und man kann miteinander chatten. Alles Weitere kann sich dann ergeben: Telefonnummernaustausch, Date, große Liebe…

Fake und Fake

Lisa hat nun mit ihrem Chat-Freund Martin so ein Date ausgemacht und sitzt im vereinbarten Café. Sie sieht in Wirklichkeit anders aus als auf ihrem Tinder-Account-Foto, was übrigens natürlich genauso auf Martin zutrifft. Kein Wunder, dass sie einander zunächst nicht erkennen, als Martin eintrifft. Trotzdem kommen sie ins Gespräch, und Martin ist so angetan von seinem überraschenden Aufriss, dass er sein Date per Handy absagt. Lisa braucht ziemlich lange, um draufzukommen, dass der sie per SMS versetzt habende Martin eben jener dickliche Mann ist, der gerade mit ihr flirtet.

Witziges Kapital schlägt die Komödie auch daraus, dass Martin seinem Arbeitskollegen und Freund René zwischendurch immer wieder per SMS oder Kurztelefonat Rechenschaft über den Flirt-Fortschritt gibt. Das gleiche macht René, der ebenfalls gerade mit einer turtelt, dabei aber schneller vorankommt als Martin und nun unbedingt dessen Wohnung als Liebesnest haben will, solange Martin im Café ist. Er ist ja verheiratet, kann also mit der Neuen nicht zu sich nach Hause gehen.

Verwechslungskomödie für zwei

Es stellt sich heraus, dass Lisa mit René verheiratet ist. Da Martin ein loyaler Freund ist, nimmt er zunächst von Lisa Abstand. Als Lisa aber erzählt, dass René Martin in der Firma absägen will (was sich am Ende aber als falsch herausstellt), erzählt er ihr, was René gerade treibt, um sie zu einem Rache-Sex zu bewegen. Schon knöpft er sich das Hemd auf, mitten im Lokal, doch die wutschnaubende Lisa sucht schon auf Tinder nach einem aktuellen Date, findet einen Typ namens „African Horse 25“, der gerade Lust auf ein Date hätte, und zischt zu diesem ab. Was die beiden nicht wissen: Der geile „African Horse 25“ ist ihr Mann René… Das erfahren aber Martin und die Zuschauer, weil dieser zu allerletzt nochmals mit René telefoniert und ihn nach seinem Tinder-Namen fragt. Martins breites Grinsen sagt alles.

Aufgrund der gefakten virtuellen Existenzen der handelnden Personen war es möglich, mit nur zwei real auf der Bühne agierenden Figuren eine Verwechslungskomödie zu schreiben.

Lustiges Stück, das die gerade aktuelle Situation auf dem online-Dating-Markt humoristisch nützt. Sobald sich da neue Formen der Anbahnung bilden, wird das Stück unaktuell werden. Daher: Jetzt lesen.

Nina Hartmann, Gregor Barcal: Match me if you can. Eine Dating-App-Komödie. Schultz & Schirm-Verlag, Wien, 2016. 109 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: SMS. Tuschestift, 2011.

PS: Jedem Band aus dem Schultz & Schirm-Verlag ist ein Vorwort von Verlags-Mitgründer Michael Niavarani vorangestellt, aus dem ich hier zitieren möchte, weil es mir als altem Theaterstück-Leser aus der Seele spricht:

„Da muss Ihnen wohl ein Irrtum passiert sein: Sie halten ein abgedrucktes Theaterstück in der Hand. Man hat uns ja von einigen Seiten abgeraten, kleine Büchlein herauszugeben, in denen schwarz auf weiß und knochentrocken das steht, was saftig und bunt auf einer Bühne zu passieren hat. Solche Heftchen, sagten uns manche, verkaufen sich gar nicht. Wer, um alles in der Welt, liest ein Theaterstück? [Niavarani erzählt, wie er als junger Mann erstmals das Textbuch einer Broadwayshow las.] Es musste fast 30 Jahre dauern, bis Helen Zellweger, Georg Hoanzl und ich unsern Verlag Schultz & Schirm gründeten, einen Theaterverlag, der […] eine eigene Buchreihe herausbringt, mit aktuellen Theaterstücken, vornehmlich Komödien. Damit die paar Wahnsinnigen, die das Theater so sehr lieben, dass sie es auch in knochentrockener Form lesen wollen, auf ihre Kosten kommen.“

 

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Janetschek: Der Titan. Beethovens Lebensroman

BeethovenhausBeethovens Musik hat mich immer begeistert, die einfacheren seiner Klaviersonaten sind sogar im Rahmen dessen, was ich pianistisch bewältigen kann. Doch über den Menschen Beethoven weiß ich wenig. Auch in der literarischen Welt tut sich wenig Beethoven Betreffendes, vermutlich, weil seine Lebensdaten (1770 – 1827)  erst wieder 2020 bzw. 2027 runde Jubiläen hergeben.

Von irgendeinem Flohmarkt gelangte vor längerer Zeit der Beethoven-Roman „Der Titan“ von Ottokar Janetschek in meine Bibliothek und musste dort ruhen, bis ich ihn vor einigen Wochen einmal anblätterte und feststellte: Der ist ja „süffig“ geschrieben! Das lässt sich auch heute noch lesen.

Also nahm ich ihn kurzerhand als Flugzeuglektüre für einen Langstreckenflug mit und las in 10000 Metern Höhe schon tüchtig hinein, beendete den Roman nun aber am Boden im gemütlichen Lesesessel.

Hitzköpfiger Musiker

Der Roman beginnt nach einer knappen, die Zeitumstände umreißenden Einleitung im Wien des Jahres 1795, als der Domkapellmeister Johann Georg Albrechtsberger sich in den dritten Stock eines Hauses in der Nähe der Wiener Minoritenkirche hinaufplagt, wo der 25jährige Ludwig van Beethoven ein bescheidenes Kämmerchen bewohnt. Gleich gibt es Aufregung, da Albrechtsberger wissen will, was zwischen dem jungen hitzköpfigen Musiker und seinem ehemaligen Lehrer Joseph Haydn vorgefallen sei. Und tatsächlich, Beethoven grollt dem älteren Meister: „‚Gerade von ihm‘, sagte Beethoven voll Bitterkeit, ‚hätte ich erwartet, daß er mich fördern würde, da ich doch sein Schüler war. Wenn er mir aber durch unnütze Redereien Prügel vor die Füße schmeißt, so muß ich fallen. Und ich weiß schon, daß die Wiener auf ein Urteil Haydns hören. Ich …‘“ (S. 12)

Ein Misanthrop – mit Grund

Damit ist auch schon der Grundtenor des Romans angerissen: Beethoven misstraut allen Menschen, sieht sich ständig von irgendjemandem bedroht, zurückgesetzt, ausgenützt oder missverstanden; und er reagiert cholerisch, mit teils absurden Wutausbrücken, mit heftigen Briefen voller Rufzeichen und Gedankenstrichen oder gar mit Türenschlagen, fulminantem Abgang und Bruch der Beziehung.

Gerade mit seinen adeligen Gönnern steht er in einem gespannten Verhältnis. Er hasst nichts mehr als vor blasierten Grafen und Fürsten katzbuckeln zu müssen, damit sie ihm gnädigst ein paar Gulden zukommen ließen oder ihn an geeigneter Stelle protegierten. Anders aber ist im Wien des 18. Jahrhunderts als Komponist kein Auskommen zu finden, denn es gibt natürlich noch keine geordnete staatliche Kunstförderung oder dergleichen.

Mäzenatentum vor Gericht

Da das Kaiserhaus mehr an bildender Kunst interessiert ist, sind es die Fürsten Lichnowsky, Lobkowitz und Rasumovsky, die Beethoven fördern. Insbesondere mit Lichnowsky, aber auch mit Lobkowitz gibt es ein ständiges Auf und Ab der Beziehung. Beethoven reagiert auf jede minimalste Zurücksetzung überempfindlich. Als die beiden ihm gemeinsam mit einem habsburgischen Erzherzog gegen Ende der napoleonischen Ära – um ihn nicht in die Arme des westfälischen Vizekönigs von Napoleons Gnaden zu treiben, der ihn gerne an seinem Hof sähe – eine jährliche Rente von 4000 Gulden vertraglich zusagen, kommt es zum Eklat: Die Hoheiten sehen sich kriegsbedingt außerstande, ihre finanziellen Zusagen einzuhalten, und rücken das Geld nicht heraus. Beethoven schreitet zu Gericht und will das, was die adeligen Herrschaften als eher unverbindliche Gabe verstehen, gerichtlich einklagen. Man kann sich vorstellen, dass österreichische Gerichte die Rechtsstreitigkeiten eines querulantischen Musikus mit größtem Eifer vorantreiben…

Ein Neffe als Sargnagel

Ein weiteres Feld unendlicher Misshelligkeiten ist die Beziehung Beethovens zu seinen Verwandten. Insbesondere sein Bruder Karl, dessen zänkische und verlotterte Frau Johanna und deren Sohn Karl, zunächst ein Lausbub, später ein Gauner, treiben den Meister ins Grab.

Beethovens Hauptproblem

Breiten Raum gibt Janetschek der sich allmählich entwickelnden Taubheit des Komponisten, die sein eigentliches Lebensproblem ist. Das führt von ersten, ängstlich geheimgehaltenen Anzeichen der Schwerhörigkeit bis zu jenen bekannten Szenen, wo Beethoven, völlig taub, als Dirigent gar nicht mitbekommt, dass das Orchester aus dem Takt gekommen ist und zu spielen aufhört, während der Meister noch wild mit den Armen rudert und nur seine „innere Musik“ hört.

Musik, in Worten dargestellt

Janetschek versucht, Beethovens Musik immer wieder in Worte zu fassen und greift dafür zu pathetischen sprachlichen Mitteln seiner Zeit. Das muss man als Leser akzeptieren. Mit genaueren Deutungen oder gar musiktheoretischen Analysen behelligt der Autor den Leser jedenfalls nicht, ebensowenig hat er vor, die gesamte Breite des beethovenschen Schaffens vorzustellen, sondern er beschränkt sich auf die berühmtesten Hauptwerke.

Bei einem 1927 erschienen Roman überrascht es auch nicht, dass Janetschek Beethoven immer wieder als Exponenten einer „deutschen“ Musik feiert, im Gegensatz zu den in Wien beliebten Italienern.

Stil

Wie weit Janetscheks biographische Darstellung historisch korrekt ist, kann ich nicht beurteilen. Wie das Wien jener Jahre gezeichnet ist, halte ich jedenfalls für gelungen. Auch sprachlich findet Janetschek eine gute Lösung, indem er gelegentlich zeittypische Wendungen anklingen lässt, ohne den Versuch zu machen, das Idiom der Zeit um 1800 wiederzugeben. Beethovens persönlichen Schreibstil lernt man in einigen längeren Zitaten kennen, unter denen selbstverständlich das berühmte „Heiligenstädter Testament“ ist, aber auch wütende Eingaben ans Gericht, als es um den Vormundschaftsstreit für seinen Neffen Karl geht.

Ein „Perchtoldsdorfer“

Ottokar Janetschek (Heiligenkreuz bei Wien, 1884 – Wien, 1963) wohnte übrigens von 1938 bis 1963 in jenem Ort, wo ich arbeite: in Perchtoldsdorf. Er schrieb eine ganze Reihe biographischer Romane, neben dem „Titan“ z. B. auch einen über Mozart, über Schubert und über den Forstwirtschafts-Unternehmer Georg Hubmer (1755-1833): „Der Raxkönig“.

Ottokar Janetschek: Der Titan. Beethovens Lebensroman. Mit 16 Bildtafeln. Amalthea-Verlag, Zürich, Leipzig, Wien, 1927. 491 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Beethovenhaus, Mödling. Kohlezeichnung, 2005. – In diesem Haus verbrachte Beethoven die Sommer 1818 und 1819.

 

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