Archiv der Kategorie: Österreichische Literatur

Erika Pluhar: Paar Weise

Wolfgang Krisai: Abendliches Gespräch. Zeichnung, ca. 2010.Von Erika Pluhar habe ich ja schon einiges gelesen, das mir gefallen hat. Nun stieß ich auf das Taschenbuch „Paar Weise“ mit „Erzählungen und Betrachtungen“. Und las es gleich, fast vollständig zumindest, denn die vorletzte Erzählung wollte mich nicht ansprechen und daher ließ ich sie aus.

Pluhar erzählt von alternden Menschen und ihren Beziehungen. Pluhars Paare allerdings sind nicht, wie der Titel vielleicht vermuten ließe, weise, sondern sie sind in Konflikten gefangen, mit denen sie sich halbwegs zu arrangieren wissen. Oder sie sind gar keine Paare (mehr), sondern einsame Menschen, die sich gerne paaren würden…

Ein kleiner Flirt

So zum Beispiel gleich in der ersten Geschichte, die in einem Schnellzug, der durchs malerische Rheintal fährt, spielt. Ein Herr, allein reisend, sitzt im Speisewagen, da wird eine Dame von einem plötzlichen Schlenker des Waggons zu ihm „hergeweht“, lässt sich von ihm an seinen Tisch einladen, und damit beginnt ein schöner, kleiner Flirt. Beide erlauben sich kleine Überschreitungen des konventionellen Sicherheitsabstands zwischen den Menschen, und das ergibt ein aufregendes Prickeln. Schließlich allerdings muss die Dame aussteigen, und sie tut es, obwohl der Herr sie aufgefordert hat, doch einfach sitzenzubleiben. So weit geht seine Anziehungskraft denn doch nicht, als dass ihm dieser Wunsch erfüllt würde.

Er übt und übt

Die dritte Geschichte, „Zadis“, erzählt, wie viele andere der Geschichten auch, von Künstlern: In diesem Fall einem Pianisten, der immer nur ganz in sich versunken übt und übt, seine Partnerin Zadis aber kaum wahrnimmt. Das ändert sich kaum, als sie ihm eröffnet, schwanger zu sein. Und ihn verlassen zu wollen.

Wo leben?

Interessant auch die Geschichte „Die Veranda“, die von einer im Rollstuhl sitzenden Schlaganfallpatientin erzählt, die sich dagegen zu wehren versucht, dass ihre Betreuerin, Frau Hausinger, über ihr Leben zu bestimmen versucht. Ohne dies in irgendeiner Weise böse zu meinen, ja, ohne es überhaupt zu bemerken. Einem Behinderten gegenüber verhält man sich als Betreuerin eben so. Man will, dass die Gelähmte zumindest ordentlich isst (was sie nicht gern tut) oder sich in der Gegend herumführen lässt. Doch Klara, die Gelähmte, sitzt am liebsten auf der Veranda. Der Schluss: „Manchmal bin ich hungrig, denkt Klara. Manchmal freue ich mich aufs Essen, und Frau Hausinger kocht sehr gut. Aber manchmal weiß ich nicht, wozu ich essen soll. So, wie ich manchmal nicht weiß, wozu ich leben soll.“ Genau das ist die leise Melancholie der Erzählungen dieses Bandes.

Eingestreut sind auch Gedichte, während ich von „Betrachtungen“ im Sinne nicht-erzählender Texte nichts bemerkt habe.

Beziehungsaquarium

Die letzten beiden Erzählungen sind die längsten. Wie gesagt, die vorletzte habe ich nach einigen Seiten überblättert, die letzte hingegen wieder gelesen. Sechs alternde Schauspieler, alle Absolventen derselben Schauspielschule, fahren miteinander im Zug am Meer entlang zu einem Drehort, wo eine Doku über die Schauspielschule gedreht werden soll. Sie haben einander lange nicht gesehen. Jetzt tauchen Erinnerungen an die Studentenzeit auf, gepaart mit trübsinnigen Gedanken über ihre nicht gerade gloriosen Karrieren. Das Zugsabteil als Beziehungsaquarium. Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt ohne rechten Anfang und Ende…

Schön geschriebene, melancholische Geschichten und Gedichte, gespeist aus dem unerschöpflichen Vorrat an Problemen, die menschliche Beziehungen und Beziehungswünsche bereithalten. So vieldeutig der Titel, so unterschiedlich die Konstellationen.

Erika Pluhar: Paar Weise. Geschichten und Betrachtungen zur Zweisamkeit. insel taschenbuch 4183. Berlin, Insel Verlag,  2012. 223 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Abendliches Gespräch. Tuschestift, ca. 2010.

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Marc Elsberg: Blackout

Wolfgang Krisai: E-Werk in Perchtoldsdorf bei Wien, Tuschestift, Buntstift, 2013.

Unauffällig und doch so wichtig: ein Elektrizitätswerk.

Schon vor einiger Zeit habe ich den Anfang dieses Buches gelesen und ihn so spannend gefunden, dass ich das ganze Buch unbedingt lesen wollte. In den Osterferien war dafür Zeit, und ich habe den Ziegel innerhalb von drei Tagen ausgelesen. Das ist der Vorteil spannender Lektüre: Sie liest sich wie von selbst.

In diesem Fall ist die Lektüre aber nicht nur spannend, sondern aufrüttelnd, denn Elsberg macht einem bewusst, wie wenig man auf Katastrophen vorbereitet ist.

14 Tage kein Strom

In diesem Roman ist ein europaweiter Stromausfall die Katastrophe, noch dazu im Winter 2011. Die Energieunternehmen schaffen es 14 Tage lang nicht, das Blackout zu beheben. Was 14 Tage ohne Strom bedeuten, kann man sich zum Teil ausmalen. Elsberg malt das mit Sicherheit aber noch genauer und damit erschreckender aus. Heutzutage hängt ja fast alles von einer funktionierenden Stromzufuhr ab, häufig sogar die Wasserleitung und die WC-Spülung, von der Heizung ganz zu schweigen.

Ein „guter“ Hacker

Der Roman beginnt wirkungsvoll mit einem Verkehrsunfall in der Nähe von Mailand, der durch den plötzlichen Ausfall der Verkehrsampeln verursacht wird. Piero Manzano kommt zum Glück glimpflich davon, nur sein Wagen ist Schrott.

Piero erweist sich bald als die Hauptfigur des Romans. Er ist ein „guter“ Hacker, hat Sicherheitslücken in Computern aufgezeigt und gegen den G8-Gipfel in Genua demonstriert, wo er Opfer polizeilicher Willkür wurde.

Nach dem Unfall und einer Erstversorgung schlägt er sich nach Hause durch. Kein Strom auch dort. Im Stiegenhaus Aufregung, weil der Lift zwischen zwei Stockwerken steckengeblieben ist.

Piero verbringt die Nacht mit seinem Nachbarn Bondoni, einem alten Herren. Die beiden entdecken, dass auf dem kürzlich neu installierten Stromzähler, einem „Smart Meter“, ein seltsamer Code zu sehen ist. Piero ruft ihn in einem Internetforum auf – und siehe da, es ist ein Code, mit dem man dem betreffenden Haushalt den Strom abschalten kann. Aber dieser Code sollte in Italien, wie Piero weiß, nicht zum Einsatz kommen. Da derselbe Code auch auf Bondonis Zähler erscheint, schwant Piero Übles. Er vermutet, jemand habe sich in das Steuerungsnetzwerk der Zähler hineingehackt und diese landesweit abgestellt, sodass das Stromnetz aus dem Gleichgewicht kam und es zu Notabschaltungen kam.

Am nächsten Morgen will er das der staatlichen Stromgesellschaft mitteilen, doch dort will man nichts von ihm wissen. Also sagt er es Journalisten, die vor dem Gebäude warten.

Inzwischen ist praktisch in ganz Europa außer in Russland der Strom ausgefallen.

Ybbs-Persenbeug

Der Handlungsstrang um Piero wird durch viele weitere Handlungsstränge ergänzt. Zum Beispiel jenem, der im Kraftwerk Ybbs-Persenbeug spielt, wo die Computer ständig Fehlermeldungen ausgeben, die zu Abschaltungen führen, obwohl die Generatoren eigentlich in Ordnung sind. Auch hier, so stellt sich im Lauf des Romans heraus, ist das Computersystem manipuliert.

Ein weiterer Handlungsstrang spielt in einem französischen Kernkraftwerk, dessen Notkühlsystem, das bei Stromausfall mit Dieselgeneratoren betrieben wird und eine Kernschmelze verhindern soll, nicht ordentlich funktioniert, wodurch es fast zu einem GAU kommt. Radioaktivität tritt aus, die Umgebung muss evakuiert werden (was bei ausgefallenem Strom nicht so einfach ist).

Dann gibt es da die Familie Bollard. Der Vater ist bei Europol in Den Haag beschäftigt, Frau und zwei Kinder schickt er bald aufs Land in einen Bauernhof, der autark ist und daher ein normales Leben ermöglicht. Solange er noch nicht von frierenden und hungernden Leuten belagert wird. Seine Schwiegereltern schickt Bollard, als er feststellt, dass der Stromausfall länger dauern wird, zu seinen eigenen Eltern an die Loire, wo diese ebenfalls auf einem Bauernhof leben. Ausgerechnet ganz in der Nähe des havarierten Kernkraftwerks, aber davon weiß Bollard noch nichts.

Vier lustige Ladys

Wichtig ist auch eine lustige Truppe von vier jungen Frauen, die bei der EU in Brüssel beschäftigt sind und jetzt nach Tirol auf Schi-Urlaub fahren. Die Tankstellen an der Autobahn funktionieren nicht. Eher zufällig gelangen sie dann doch an Benzin: Sie fahren ab, kommen zu einem Bauernhof, wo die Bauern verzweifelt sind, weil die Melkmaschine nicht geht. Die Kühe müssen aber unbedingt gemolken werden. Die vier Damen helfen mit, händisch zu melken, dafür zapft ihnen der Bauer aus seinem eigenen Tank ein paar Liter Benzin ab. So kommen sie doch noch bis nach Ischgl in ihre Hütte, die zum Glück mit Holz geheizt wird und auch einen Holz-Herd hat, sodass dort Schnee geschmolzen und erwärmt werden kann und es folglich sogar Warmwasser gibt. Bondonis Tochter Lara ist eine der vier. Da Manzano beim Stormversorger abgeblitzt ist, fährt er mit Bondoni in dessen Auto kurzerhand nach Ischgl zu dessen Tochter, damit diese in Brüssel Alarm schlägt. Es gelingt ihnen tatsächlich, zu den vier Frauen vorzudringen, diese zu überzeugen, dass an Manzanos Entdeckung etwas dran ist, und Brüssel zu alarmieren. Dort wird man endlich hellhörig, alarmiert Europol, wo Bollard die Sache übernimmt und findet, man solle diesen Manzano doch am besten nach Den Haag holen und sich von ihm unterstützen lassen. Außerdem habe man ihn dann unter Kontrolle.

Spannend, kenntnisreich, gut recherchiert

Eigentlich würde ich gerne weitererzählen, doch bei einem Thriller passt das wirklich nicht. Daher verrate ich nicht noch mehr, sondern sage nur:

Wunderbar spannende, kenntnisreiche und gut recherchierte Unterhaltung mit ernstem Hintergrund. Elsberg schreibt im Nachwort zur Taschenbuchausgabe, dass er im Gefolge des Romans sogar von Energiegesellschaften und staatlichen Stellen zu Diskussionen eingeladen wurde. Hoffen wir, dass diese aus dem Roman gelernt haben. Dennoch weiß man: Vor einer Katastrophe ist man nie ganz gefeit…

Marc Elsberg ist Wiener und in Baden ins Gymnasium gegangen. Meine Frau und ich erlebten ihn im Café Ritter bei der Wiener Kriminacht 2014, wo er über seinen neuen Roman „Zero“ erzählte. Auch sehr interessant und spannend. Muss ich ebenfalls lesen.

Marc Elsberg: Blackout. Morgen ist es zu spät. Roman. Blanvalet, München 2013. 799 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: E-Werk in Perchtoldsdorf bei Wien, Tuschestift, Buntstift, 2013.

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Stefan Zweig: Montaigne

Wolfgang Krisai: Der Turm Montaignes auf Schloss St. Michel de Montaigne. Farbstift und Tuschestift. 2014.Der biographische Essay ist eines der letzten Werke Stefan Zweigs (1891 – 1942) und wurde in dessen Nachlass gefunden. Die Ausgabe folgt dem Typoskript Zweigs, in das er handschriftliche Ergänzungen eingetragen hat.

Warum Montaigne?

Zweig begründet zunächst, weshalb er sich gerade jetzt, 1941, in der nicht nur für ihn, sondern für die ganze Welt schrecklichen politischen Situation des Zweiten Weltkriegs und der Naziherrschaft in Europa, mit einem Mann wie Montaigne befasst: Montaigne habe in ähnlich finsteren Zeiten gelebt, er habe zum Beispiel die Bartholomäusnacht erlebt, und er habe sich darin in vorbildlicher Weise bewährt: als unabhängiger Denker und Schriftsteller, der sich aus dem politischen Leben auf sein Landschloss St. Michel de Montaigne bei Bordeaux zurückgezogen hat. In den Religionskriegen sei er zwar zu seiner katholischen Religion gestanden, habe aber Toleranz gegenüber den Andersgläubigen vorgelebt.

Das Leben eines Selbstdenkers

Zweig schildert die Lebenstationen Montaignes (1533 – 1592) einprägsam: etwa die ambitionierte Erziehung zum Latein als „Muttersprache“ (durch einen nicht des Französischen mächtigen deutschen Lateinlehrers), seine politische Karriere als hoher Beamter in Bordeaux und dessen späterer Bürgermeister, seine eineinhalbjährige Reise nach Deutschland und Italien, vor allem aber seine Zeit als zurückgezogener Leser, Denker und Essayist in seinem berühmten Turm des heimatlichen Schlosses. Dort hat er im obersten Stockwerk seine für damalige Verhältnisse riesige Bibliothek mit über tausend Bänden untergebracht, dort lässt er an die Deckenbalken griechische und lateinische Sinnsprüche schreiben, die ihm beim peripathetischen Denkprozess (also dem Nachdenken im Gehen) Anregungen geben sollen, und dort entwickelt er aus zunächst ungeordneten Notizen nach und nach die neuartige Gattungsform des Essais.

Seine gesammelten Essais bringt er 1580 selbst zum Druck, und sie machen allgemein großen Eindruck. Noch zu Lebzeiten veranstaltet er eine zweite Auflage (1582), und seiner geliebten Wahltochter Marie de Gournay vertraut er die Aufgabe an, seine Essais in dritter, stark erweiterter Auflage (1595) herauszugeben.

Fremdsprachige Zitate

Zweig beherrscht als Bildungsbürger zumindest Englisch und Französisch perfekt, daher zitiert er natürlich ausgiebig in diesen Sprachen, und zwar aus Montaignes Essais und aus einer englischsprachigen Montaigne-Biographie, die ihm im brasilianischen Exil offenbar vorgelegen ist. Da bildungsbürgerliche Fremdsprachenkenntnis, insbesondere des Französischen, heute nicht mehr vorausgesetzt werden kann, hat der Herausgeber Übersetzungen der fremdsprachigen Zitate eingefügt, allerdings auf wenig glückliche Weise, nämlich in eckigen Klammern direkt in den Text hinter das jeweilige Zitat. Fußnoten hätten mir besser gefallen.

Das Bändchen ist eine gute Hinführung zu Michel de Montaigne, die meine Montaigne-Lektüre perfekt ergänzt hat.

Stefan Zweig: Montaigne. Hg. von Knut Beck. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, 8. Aufl. 2014. 95 Seiten.

Bild: Es geht nicht anders, hier muss ich nochmals den Turm des Schlosses St. Michel de Montaigne einfügen, gezeichnet im Sommer 2014 bei der Besichtigung dieses bedeutenden Ortes.

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Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung

Wolfgang Krisai: Librairie Alcyon im Bücherdorf Montolieu, Südfrankreich. Zeichnung aus dem Reisetagebuch von 2010.
„Viel Spaß hinter den Kulissen“ schrieb mir Petra Hartlieb nach ihrer Lesung in der Wiener Städtischen Bücherei am 27. 10. 14 in ihr Buch. Vorgestern begann ich es zu lesen, heute bin ich fertig: und es hat „Spaß“ gemacht, das heißt, es war ein Vergnügen, das Buch zu lesen, manchmal musste ich fast lachen, manchmal war ich vor Rührung fast den Tränen nahe, und von Seite 1 bis 208 war ich mitgerissen. Von einem Buch über eine Buchhandlung!

200 Seiten über 10 Jahre Buchhändlerin

Wie kann man darüber 200 Seiten schreiben, noch dazu lediglich über die Zeit seit 2004, wo Petra und Oliver Hartlieb eine in Konkurs gegangene Buchhandlung in der Wiener Währingerstraße gekauft haben? Doch es ist möglich, denn hinter den oben erwähnten „Kulissen“ einer Buchhandlung tut sich mehr, als der Kunde denkt:

Zunächst muss der Kauf organisiert, das Geld aufgetrieben, der alte Laden in eine neue Buchhandlung (trotzdem mit dem Flair einer alten, mit bis zur Decke reichenden Regalen) verwandelt und der Betrieb aufgenommen werden. Und dann entwickelt sich das Ganze weiter. Die Kunden werden mehr, die Angestellten auch, man führt auf die Buchmesse, installiert ein „Warenwirtschaftssystem“, liest Vorschauen, empfängt Verlagsvertreter, gestaltet ein Kundenmagazin, startet eine Website, natürlich bald inklusive Webshop, usw. usw. usw.

Daneben gilt es, zwei Kinder bei Laune zu halten, mit dem Ehemann und Arbeitspartner gut auszukommen (das funktioniert bei Hartliebs offenbar fast problemlos) und – das Wichtigste! – ausreichend Schlaf zu finden. Denn mit dem Absperren der Ladentür am Abend ist die Arbeit natürlich lange nicht vorbei, sondern sie erstreckt sich nicht selten bis tief in die Nacht.

Begeisterte Helferinnen und Helfer

All das wäre ohne die großzügige Hilfe vieler, vieler Menschen – alter Freunde, spontaner Bekanntschaften, begeisterter Kunden und netter Nachbarn – keine solche Erfolgsgeschichte geworden. Vor allem aber nicht ohne die nie versiegende Begeisterung von Petra Hartlieb für ihre Arbeit.

Lob für die Kundschaft

Natürlich gibt es viele lustige Sachen zu berichten, z. B. Skurriles von Büchertischen bei Lesungen Prominenter, von Begegnungen mit Autoren, manchmal auch von seltsamen Kunden. Hier lauert übrigens die große Gefahr für solche Bücher: dass die Autorin bzw. der Autor der Versuchung erliegt, sich durch genüsslich erzählte Anekdoten über dumme Kunden auf deren Kosten ein paar Lacher zu holen. Petra Hartlieb widersteht dieser Versuchung, fast immer zumindest. Stattdessen lobt sie ihre Kundinnen und Kunden, von denen viele nach und nach zu Freundinnen und Freunden geworden sind.

Kampf gegen den „Riesen“

Wenig Lob, genauer: gar keines, fällt hingegen für den großen Feind kleiner Buchhandlungen ab, für Amazon. Petra Hartlieb ist sogar eine aktive Kämpferin gegen den „Internet-Riesen“. Und gewinnt dadurch Kundschaft jüngeren Alters, die vorher gedanken- und ahnungslos munter bei Amazon eingekauft hat.

Ganz zum Schluss scheint noch einmal alles zu scheitern – an einer nicht funktionierenden hypermodernen Buchhandelssoftware. Im letzten Moment erkennen die Computer-Leute, dass hier wirklich etwas auf dem Spiel steht, tun sich endlich wirksam zusammen und können die Probleme lösen. Allgemeines Aufatmen.

Krimis auch noch!

Wie Petra Hartlieb es schafft, neben dem aufreibenden Buchhandelsbetrieb auch noch Krimis zu schreiben und dieses Buch, weiß sie wohl selbst nicht so recht. Zum Glück hat sie es trotzdem geschrieben!

Wer dieses Buch gelesen hat, wird seine Buchhandlung(en) mit anderen Augen sehen, und vor allem die Menschen drin, jene vor und vor allem hinter den „Kulissen“.

Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung. DuMont Buchverlag, Köln, 2014. 208 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Librairie Alcyon im Bücherdorf Montolieu, Südfrankreich. Zeichnung aus dem Reisetagebuch von 2010.

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Basil: Otto: Wenn das der Führer wüßte.

Wolfgang Krisai: Flusslandschaft. Aquarell, 1990.

Von diesem Buch hörte ich in einem Büchermarkt-Podcast des Deutschlandradio, gekauft habe ich das Buch auf einem realen Büchermarkt, nämlich in der VHS Wien-Hietzing, zum halben Preis. 

Wenn Hitler gewonnen hätte

Es handelt sich um eine Art Science-fiction-Roman, eine Anti-Utopie: Basil beschreibt Geschehnisse von etwa 1965, in einer Welt, in der Deutschland den zweiten Weltkrieg gewonnen und die halbe Welt unterworfen hat. Der jämmerliche “Held” des Romans ist ein gewisser Albin Totila Höllriegl, Strahlungsspürer und Rutengänger aus dem kleinen Ort Heydrich am Fuß des Kyffhäuser. Braver NS-Parteigänger, Durchschnittsmensch.

Doch es trifft gerade ihn, man erfährt nie, warum: Der große Schriftsteller von Schwerdtfeger (Heimito von Doderer nachgebildet) übermittelt ihm einen Rutengang-Auftrag in Berlin. Samt Marschbefehl.

Schwüle Verhältnisse

Bevor er dorthin aufbricht, wird er noch zu der von ihm angebeteten Amazone Ulla von Ecken berufen, um deren Schlafzimmer auszupendeln. Er ist von diesem amazonenhaften Weib hingerissen, schnüffelt in ihrer Abwesenheit in ihrer Unterwäsche – und wird dann, als sie plötzlich erscheint, mit brutalen Peitschenhieben gestraft, nachdem er sie wild umschlungen hat.

In dem Roman gibt es neben einer zum Teil ermüdend minutiösen Schilderung der Zustände  im Reich, vor allem der Wiedergabe unzähliger Radiomeldungen, eine starke erotische Strömung, die Höllriegl umtreibt.

In Berlin trifft er sich mit Ullas Schwägerin Anselma, kann sie verführen – und erfährt dann, dass in Wirklichkeit sie sich seiner bedient hat, um ihren Freunden, die versteckt zusahen, ein Vergnügen zu bereiten (sie tun das häufig).

Den eigentlichen Auftrag kann er in Berlin nicht durchführen, da der Kontaktmann verschwunden ist. Im Reich geht es nämlich drunter und drüber, da Hitler gerade gestorben ist. Ein gewisser Köpfler hat die Macht an sich gerissen. In aller Welt sind Aufstände gegen die deutschen Besatzer ausgebrochen, die Japaner (“Japsen”) lassen Atombomben auf Deutschland regnen.

Hitlers Begräbnis am Kyffhäuser

Auf der Rückfahrt nach Heydrich wird Höllriegl zu einem unterirdischen Versteck von Anhängern der verbotenen Psychanalyse gebracht, weiters besucht er den Philosophen Gundlfinger (= Heidegger), gerät immer wieder ins Chaos von Militär und Flüchtlingen, kann sich bis Heydrich zurück durchschlagen, wo am Kyffhäuser Hitlers Begräbnis (dessen Tod sich als gewaltsam herausgestellt hat, Köpfler steckte dahinter) ein ungeheures Massenaufgebot verursacht. 

Nun will er sich an Ulla rächen und sie demütigen, fährt auf abenteuerlichen Wegen zu ihrem Landgut, wo sie gerade von Aufständischen (auch in Deutschland selbst kämpfen unterschiedliche Gruppierungen gegeneinander) gefoltert wird. Höllriegl knallt die Folterer nieder und rettet die halb wahnsinnig gewordene Ulla. Sie gelangen in ein Lager, dort ermordet Ulla ihren Ehemann und lässt fortan Höllriegl dessen Stelle einnehmen. Vom Lager werden sie per Flugzeug nach Kanada evakuiert, müssen dort mitten in der Tundra bei einem kleinen Außenposten notlanden, wollen sich per Hundeschlitten zu ihrem eigentlichen Zielflughafen durchschlagen und geraten unter Feindbeschuss. Höllriegl gibt Ulla, die an der Strahlenkrankheit dahinsiecht, den Gnadenschuss, erschießt den selbsternannten Anführer der Schlittenkarawane, der ihm Ulla ausgespannt hatte, und läuft dann ins gegnerische Gewehrfeuer.

Muffiger Sumpf pseudo-altnordischer Esoterik

Der Roman ist gut geschrieben, vor allem die Verwendung oft äußerst einprägsamer Adjektive fällt positiv auf (man ist an Hans Lebert erinnert). Die politische Botschaft des Buchs soll wohl sein: Seht her, so wäre es gewesen, wenn Hitler gesiegt hätte: Deutschland wäre ein muffiger Sumpf pseudo-altnordischer Esoterik geworden, die Deutschen ein dumpfköpfiges Volk eingebildeter “Herrenmenschen”, die nicht das geringste schlechte Gewissen haben, während sie alle Nichtdeutschen in “UmL” (Untermenschen-Lager) stecken und als Sklaven für sich arbeiten lassen, und gleichzeitig wären sie in einer geradezu lachhaften Nazi-Bürokratie mit einer Vorliebe für groteske Abkürzungen (davon strotzt der Roman, und nicht alle werden aufgeklärt), Straßenkontrollen und einen Papierkrieg aus Genehmigungen, Bestätigungen, Befehlen und Ausweisen erstickt.

Basil scheint mit größter Lust pseudo-nationalsozialistische Ämter, Begriffe, Bezeichnungen, Meldungen, Dienstgrade, Dienststellen, etc. erfunden zu haben, und er lässt die Bezeichnungen wie ein Tropengewitter auf dem Leser einprasseln. Auch die oft seitenlangen, bruchstückhaften Radiomeldungen müssen so einer Formulierungslust entsprungen sein, wobei sinnvolle Fragmente mit verschlüsselten Mitteilungen à la “Wilhelm isst seinen Grießbrei erst morgen früh, wenn Tante Emma nach Hause gekommen ist” abwechseln.

Mutterdeutsch

Ein besonderes Gustostückerl Basilscher Fabulierlust ist das “Mutterdeutsch”, in dem er den knabenhaften, musterhaft arisch aussehenden (aber gar kein Arier seienden) Assistenten Gundlfingers sprechen lässt. Hier kann der Leser nur noch erahnen, was jeweils gemeint ist.

Übrigens kommt auch ein alter Jude an zentraler Stelle vor. Er liegt in Berlin im Sterben, Höllriegl kommt zu ihm und muss sozusagen seine Lebensbeichte anhören, in der er bekennt, dass gerade er eine Unzahl von Juden den Nazis ausgeliefert hat und sein eigenes Judesein verheimlicht hat, um in Deutschland zu Einfluss zu kommen. Doch des Alten Gerede ist dermaßen wirr, dass weder Höllriegl noch der Leser es bis zum Ende ertragen können.

Um dem Skandal-Potenzial, das gerade in dieser Stelle liegt, von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen, sagt Basil vor dem Beginn des Buchs, alle Personen des Buchs seien “negative Figuren” – der Autor eingeschlossen.

Basil: Otto: Wenn das der Führer wüßte. Roman. Milena-Verlag, Wien, 2010. Reihe Revisited, Band 6. 383 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Flusslandschaft. Aquarell, 1990.

Diese Rezension schrieb ich 2011.

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Grillparzer: Die Ahnfrau

Wolfgang Krisai: Gemäuer. Deckfarbe. Als Demonstrationsbild für gemalte Strukturen für die Schule angefertigt, ca. 1995.Grillparzer wird unterschätzt, und die Ahnfrau erst recht. Weil man sich nicht vorstellen kann, dass Menschen unter solch einem Fluch des Schicksals stehen, wie es in diesem Stück der Fall ist. Dabei ist das überhaupt nicht abwegig, sondern vielmehr ganz realistisch, obwohl die Thematik hier in das Gewand einer dramatisierten Gothic Novel gekleidet ist. Das passt übrigens ausgezeichnet, denn die Stimmung, die hinter der Gothic-Bewegung zu stehen scheint, ist ja genau so düster, wie es zu einem unentrinnbaren Schicksal passt. Was kann das unentrinnbare Schicksal sein? Eine Veranlagung, die einen zwangsläufig unglücklich machen muss. Anderssein. Ein Outsider zu sein.

Ein alter Fluch

Grillparzer hat das Thema in eine Familiengeschichte eingekleidet: Die Familie derer von Borotin steht unter einem Fluch, seit vor vielen Jahren eine Ahnin ihren Mann mit einem Dolch – der noch immer in der Halle des alten Schlosses, in der der die ersten vier Aufzüge spielen, hängt – erstochen hat, eines Liebhabers wegen. Seither sterben die Mitglieder der Familie reihenweise eines unnatürlichen Todes, und die Mörderin von einst geht so lange als Geist durchs Schloss, bis auch der Letzte der Familie tot ist. Zu Beginn der Stücks leben nur noch zwei Familienmitglieder: der alte Graf Zdenko von Borotin und seine Tochter Bertha.

Diese ist gerade von einem edlen jungen Mann aus den Händen einer Räuberbande gerettet und ins Schloss gebracht worden. Bertha hat sich natürlich in ihren Retter Knall und Fall verliebt, und auch dieser ist nicht abgeneigt. Der Vater, der insgeheim hofft, dem Familienfluch ein Schnippchen zu schlagen, gibt die Tochter gerne dem mutigen Manne als Verlobte. Doch da kommt ein Trupp Bewaffneter unter Führung eines Hauptmanns, die den Auftrag haben, die Gegend endgültig von allen Räubern zu säubern. Sie quartieren sich im Schloss ein und gehen sofort auf Räuberjagd in der unmittelbaren Umgebung. Jaromir – so heißt Berthas neuer Verlobter – schläft schon. Oder doch nicht. Denn Bertha trifft ihn angekleidet und verletzt im Schlafzimmer an. Er war aus dem Fenster geklettert, hatte einen Zweikampf, konnte sich wieder ins Schlafzimmer retten. Als dann aber einer aus des Hauptmanns Truppe kommt und Bertha fragt, ob sie einen Mann kenne, der diese Schärpe trage, von der er im Zweikampf einen Teil abgerissen habe, denn das sei einer der Räuber, erkennt Bertha, was für einer Jaromir wirklich ist. Doch dieser beschwört sie, an ihn zu glauben. Er habe dem Räuberdasein abgeschworen, wolle mit ihr in die Niederlande flüchten und dort auf einem Schlösschen als ehrlicher Mensch leben. Bertha lässt sich überzeugen, denn sie liebt ihn. Jaromir nimmt den alten, rostigen Dolch der Ahnfrau an sich und stürzt davon.

Graf Zdenko hat sich verpflichtet gefühlt, selbst bei der Räuberjagd mitzuwirken. Nun hört man ihn einen Todesschrei ausstoßen. Und wirklich: Er wird schwer verwundet hereingetragen. In einem Geheimgang des Schlosses hat er einen Räuber gestellt und ist von diesem schwer verwundet worden. Dem Zuseher ist klar: Das war Jaromir.

Da kommt einer der Räuber, Boleslav, der gefangen genommen wurde und unbedingt etwas zu beichten hat: Einst hatte er den dreijährigen Sohn des Grafen als Geisel genommen, die Räuberbande wollte den Buben töten, doch Boleslav hatte Mitleid und zog ihn als seinen Sohn auf. Es war Jaromir. Als der Graf dies erfährt, stirbt er. Bertha verzweifelt und verliert den Verstand.

Der letzte Akt spielt vor der Schlossmauer. Jaromir erfährt von dem entflohenen Boleslav seine wahre Identität, will den gräflichen Vater noch retten, da erklingt aus der Kapelle Totengesang. Jaromir steigt dort ein. Letzte Szene in der Kapelle: Die Ahnfrau erscheint Jaromir, zeigt ihm den toten Vater und seine tote Schwester Bertha, woraufhin auch er tot zu Boden sinkt. Der Hauptmann mit seinen Männern kommt zu spät, um ihn noch lebend anzutreffen.

Manieristisches Versmaß

Das Stück ist in vierhebigen Trochäen geschrieben, die sich gelegentlich sogar reimen. Das kurzatmige Versmaß ist vielleicht nicht gerade glücklich gewählt. Man muss es als manieristisches Stilmittel sehen, so wie die Leute aus der Gothic-Szene sich extrem schminken. Auffällig sind die oft seitenlangen monologischen Ausführungen der Figuren.

Die Rolle der geisternden Ahnfrau bleibt seltsam blass. Sie taucht zwar mehrmals auf, aber sie kann nicht direkt ins Geschehen eingreifen. Die Lebenden müssen ihr Schicksal selbst vollenden, und sie tun das auch mit unvermeidlicher Konsequenz.

Grillparzers durch und durch pessimistische Lebenseinstellung dringt hier durch. Alles, was passiert, wendet sich zum Schlechtesten. Grillparzer ist der Thomas Bernhard des 19. Jahrhunderts.

 

Grillparzer, Franz: Die Ahnfrau. Trauerspiel in fünf Aufzügen. Uraufführung 1817 am Theater an der Wien. Ausgabe: Grillparzer: Werke. Band 2: Dramen 1817-1828. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt, 1986. S. 9-120.

Bild oben: Wolfgang Krisai: Gemäuer. Deckfarbe. Als Demonstrationsbild für gemalte Strukturen ca. 1995  für die Schule angefertigt. Deckfarbe, A3, Farbe digital nachbearbeitet.

 

„Die Ahnfrau“ im Akademietheater, Wien

In der Spielzeit 2013/14 wurde „Die Ahnfrau“ auch im Wiener Akademietheater gespielt. Regie führte der inzwischen gefeuerte Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann. Seine „geniale“ Idee: die weiblichen Rollen von Männern ausführen zu lassen. Die darin, das muss man anerkennen, auch „einen guten Job gemacht“ haben. Allerdings: Das ganze geriet dadurch zur Parodie, zu einem Grusel-Spaß, und ich hatte den Eindruck, dass Hartmann nicht einmal ansatzweise daran glaubte, das Stück könne auch eine Botschaft vermitteln. Schade. Aber immerhin ist Grillparzer noch auf der Bühne präsent. – Einen „Trailer„, Bilder und Informationen zur Inszenierung kann man sich auf der Website des Burgtheaters ansehen.

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Rhea Krčmářová: Venus in echt.

Skizze nach Robert Bereny: Frau vor dem SpiegelIch entspreche ja selbst nicht ganz der Norm mit meinen fast zwei Metern, deswegen lese ich auch gern Bücher über Menschen, die nicht der Norm entsprechen. Im Fall von Rhea Krčmářovás Roman „Venus in echt“ handelt es sich dabei um dicke Frauen – und ihre Liebesprobleme. Gleich vorweg: Das ist ein „expliziter“ Roman, der nicht für kleine Kinder geschrieben ist. Aber er ist keine Pornographie, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Problem, das sogenannte „Plus-Size-Frauen“ in unserer Gesellschaft mit ihrem Körper haben (können).

Plus-Size-Probleme

Im Roman ist es Romy Morgenstern, die nicht gerade dem Idealbild der schlanken Dame entspricht, das bei uns Medien, Modeindustrie und Gesundheitswesen in seltsamem Schulterschluss propagieren. Die junge Gamedesignerin hat schon alles versucht, dünner zu werden, aber sie ist gescheitert. Und jetzt will sie gescheiter werden: Sich und ihre Körperfülle annehmen, und hoffentlich trotzdem den Mann fürs Leben finden. Irgendwann. Zunächst aber verordnet sie sich eine „Quest“, wie sie das als Gamerin nennt, um mit sich selbst ins Reine zu kommen.

Zunächst mal: Schluss mit dem Schlankheitswahn. Sie wird keine Diät mehr machen, sich nicht mehr in wallende Säcke verhüllen, die Öffentlichkeit nicht mehr meiden.

Sie beginnt einen anonymen Blog unter dem Decknamen „Venus in echt“, in dem sie ungeniert über ihre amourösen Erfahrungen bloggt – und der ihr fast zum Verhängnis wird. Außerdem surft sich im Internet durch zahllose Plus-Size-Webseiten und entdeckt, dass es da eine ganze Welt der Körperfülle gibt, die sie nur bisher nicht wahrgenommen hatte. Das stärkt schon mal ihr Selbstbewusstsein.

Sie geht bei einer Burlesque-Tanzlehrerin in einen Kurs. Auf die Idee wurde Romy von ihrer Freundin Olga gebracht, die auch sonst den Weg Romys aus der Isolation tatkräftig mitbegleitet, genauso wie Barkeeper Cem, bei dem Romy immer ein verständnisvolles Ohr findet. Die beiden „glauben an sie“, ganz im Gegensatz zu ihren Arbeitgeberinnen, die sie fallen lassen, als sie von ihrem Blog Wind bekommen. Der ungenierte Inhalt könnte die amerikanischen Geschäftspartner, die im Ruf puritanischer Prüderie stehen, verschrecken, und das kann und will man sich in dieser Branche nicht leisten. Bis auf weiteres also keine Arbeit mehr an Computerspiel-Figürchen.

Da der Blog nun aber mal öffentlich ist, entwickelt er sich – nach einer Schrecksekunde – zu einem Instrument der Eigenwerbung, wie Romy es sich nie erwartet hätte.

Das mit der Liebe lässt sich schwierig an: Sie findet zwar schnell Männer, die eine Vorliebe für Dicke Damen (um mit Heimito von Doderer zu sprechen) haben, aber die Beziehungen haben alle einen Haken: Robert ist verheiratet (erweist sich aber dennoch als ein verlässlicher und verständnisvoller Partner in Krisensituationen); ein anderer ist ein verquerer Sex-Nerd, der nur an sein eigenes Lustgefühl denkt; die bisexuelle Schwedin Birte wäre eine tolle Sexpartnerin, sie werden aber gleich beim ersten Mal von Birtes Ehemann in flagranti ertappt, und auch wenn dieser sich dann doch zu einem Dreier einladen lässt, wird es mit Birte nichts. Auch Solo-Sex ist auf die Dauer nicht das Wahre.

Romys Liebe fokussiert sich bald auf Erik, der sie bei einem Weinviertler Heurigen zum ersten Mal v… – und dann mit ihr eine Zeitlang in einem Stadtrand-Häuschen versteckte Liebesnächte verbringt, angeblich, weil er in Scheidung lebt und sich derzeit unmöglich mit einer anderen irgendwo zeigen darf, um seine Rechtsposition im Scheidungsprozess nicht zu verschlechtern. Als Romy erfährt, dass der miese Kerl längst geschieden ist, stellt sie ihn zur Rede und bekommt die Wahrheit ins Gesicht geknallt: Mit so einer fetten Wuchtel kann Erik sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen, was würden da seine Kollegen und Freunde sagen! Klar, dass nach diesem Tiefschlag der Ofen aus ist, obwohl es Romy schwerfällt, den tollen Hecht zu vergessen. Ein gewichtiger rumänischer Opernsänger muss einspringen, verflüchtigt sich aber gleich wieder ins Ausland. Gefühlslagenmäßiger Tiefpunkt, zumal just zu dieser Zeit die Sache mit dem Blog auffliegt.

Doch Romy ist klar: all diese Probleme sind Teil ihrer Quest, und sie darf nicht aufgeben. Daher kommt es schließlich verdienter Maßen zum Happy End: Erik vergeht vor Sehnsucht und kann Romy nach Wochen wieder sprechen. Sie gibt ihm noch eine Chance, aber erst nach einer Quest, die sie persönlich ihm stellt. Und diese Quest hat es in sich und bildet den Höhepunkt des Romans. Mehr will ich hier nicht verraten, obwohl es mich in den Fingern juckt.

Sprache der Fantasy-Gamerin

Der Roman ist nicht nur inhaltlich gelungen, sondern auch stilistisch, denn Rhea Krčmářová verwendet, passend zum Beruf ihrer Heldin, eine Fülle von Vergleichen und Metaphern aus der Welt der Fantasy-Computerspiele und Fantasy-Literatur. Man muss zum Glück kein Experte auf diesen Gebieten sein, um die Vergleiche zu verstehen, und zumindest die auf Tolkiens „Herr der Ringe“ basierenden versteht man auch als Nicht-Nerd zur Gänze. Die Autorin hat übrigens an der Universität für Angewandte Kunst in Wien eine Schriftstellerinnen-Ausbildung, die es dort seit einigen Jahren gibt, absolviert. Das hat sein Gutes, denn im ganzen Roman gibt es keinen sprachlichen Fauxpas bis just bei diesem Wort: „Fauxpass“ steht auf Seite 227. Auch egall.

Begeisterte Fans

Ich habe die Autorin übrigens bei der Präsentation ihres Buches in der Buchhandlung Thalia W3 in Wien erlebt, wo sie vor sehr zahlreichem Publikum las und Fragen beantwortete. Schon als sie auf die Bühne trat, gab es tosenden Applaus. Die Dame hat zahlreiche Fans.

Rhea Krčřová: Venus in echt. Roman. edition a, Wien, 2013. 253 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Skizze nach dem Gemälde „Frau vor dem Spiegel“ von Róbert Berény (ungarischer Maler, 1887 – 1953).

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Bielefeld & Hartlieb: Auf der Strecke. Ein Fall für Berlin und Wien.

 

Wolfgang Krisai: Beim Westbahnhof, Wien. Kohleskizze, 2007.

Wolfgang Krisai: Beim Westbahnhof, Wien. Kohleskizze, 2007.

Steglitzmind stellte auf ihrem Blog die Wiener Buchhandlung Hartlieb vor, die wir, meine Frau, einer meiner Söhne und ich, daraufhin sofort besuchten. Die Buchhändlerin Petra Hartlieb betätigt sich gemeinsam mit ihrem Berliner Co-Autor Claus-Ulrich Bielefeld auch als Krimi-Autorin. Wir kauften u. a. den ersten ihrer Krimis.

Auch wenn ich am Schluss bei dem immer rasanteren „Showdown“ nicht mehr ganz mitgekommen bin, was ja, da ich nicht die Kommissarin bin, auch egal ist, so war das doch eine lohnende und interessante Lektüre. Und eine unterhaltsame. Auch ein bisschen spannende (nicht jeder Krimi kann mörderisch spannend sein).

Was ist nun das Interessante dran?

Die literarischen Bezüge: Da sich die Handlung um den Schriftsteller Xaver Pucher dreht, der ein epochemachendes Werk veröffentlichen will und mit seinem vorherigen Roman einen Bestseller gelandet hat, und die beste Freundin der Kommissarin Buchhändlerin ist (ein Selbstportrait Hartliebs?), biete der Krimi viele nette Einblicke in den Literaturbetrieb.

Der Wien-Bezug: Für jemanden wie mich, der im Umland Wiens wohnt, ist ein Wien-Krimi natürlich eine schöne Sache, da man sich unter den „Locations“ meist etwas vorstellen kann. Hartlieb vermeidet erfreulicher Weise allzu morbide wienerische Örtlichkeiten, wie sie sonst gern als „typisch Wien“ verwendet werden. So wird etwa der Zentralfriedhof zwar kurz Schauplatz, dann aber Gegenstand einer eher touristischen Durchforstung (incl. jüdischem Teil). Anna Haberl, die resche Wiener Kommissarin, zeigt nämlich ihrem Berliner Pendant Thomas Bernhardt (das nun ist wieder eine etwas zu übertriebene Reverenz vor dem Literaturbetrieb) den Friedhof anlässlich des Begräbnisses des Mordopfers.

Der Berlin-Bezug: Berlin sollte man ja gesehen haben. Mir, dem diese touristische Pflicht noch bevorsteht, macht der Roman Lust darauf.

Die Liebesgeschichten: Eine Wiener Kommissarin, die im Privatleben so resch gar nicht ist, wie sie sich den Berlinern gegenüber am Telefon geben zu müssen glaubt, und ein fescher Berliner Kommissar: Da muss sich doch etwas entwickeln. Und tatsächlich, am Ende… Aber psst! Damit es seine Berliner Beziehungsaspirantin nicht erfährt.

Die Eisenbahn: Der Mord spielt sich in einem Zug von Wien nach Berlin ab. Ich war zunächst überrascht, dass der Zug vom Westbahnhof abfahren soll. Aber tatsächlich, der Euro-Night von Wien nach Berlin fährt um Viertel elf vom Westbahnhof ab. Derzeit jedenfalls. Vor ein paar Jahren war es wohl nicht anders. Ich als Eisenbahnfan liebe es natürlich, wenn dieses Verkehrsmittel in einem Roman eine Rolle spielt. Wenn auch hier in unerfreulichem, da tödlichem Zusammenhang.

Das Kriminelle und die Ermittlungen: logisch, bei einem Krimi.

Genug Gründe also, diesen Roman zu mögen.

Stilistisch stellt er auch kein Problem dar, wenn man Freude am Berlinerischen hat. Das Wienerische ist im Vergleich dazu etwas sparsamer verwendet, was vielleicht mit der angepeilten gesamtdeutschen Leserschaft zu tun hat, die sich wohl mit dem Berliner Dialekt – seit Gerhart Hauptmann ja Grundwissen für Literaturbegeisterte – leichter tut als mit dem Wienerischen.

Claus-Ulrich Bielefeld, Petra Hartlieb: Auf der Strecke. Ein Fall für Berlin und Wien. Diogenes, Zürich, 2011. 358 Seiten.

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Jochen Jung: Wolkenherz

Wolfgang Krisai: Jochen Jung liest aus "Wolkenherz", Bleistiftskizze, 2012.

Wolfgang Krisai: Jochen Jung liest aus „Wolkenherz“, Bleistiftskizze, 2012.

Bei einer Lesung bei „Rund um die Burg“ vor zwei Jahren las Jochen Jung, der Chef des Jung & Jung-Verlags, aus der damals neu herausgekommen Erzählung „Wolkenherz“ den Anfang vor, und der machte mir große Lust auf das ganze Buch. Es dauerte nun einige Zeit, bis ich es tatsächlich kaufte und las.

Der Ich-Erzähler Jonathan kehrt anlässlich des Begräbnisses seiner Mutter wieder in die Gegend seiner Kindheit zurück, auf eine Nordsee-Insel. Da es zum Baden zu kühl ist und das für einen Trauergast überhaupt unpassend wäre, beobachtet er lieber die Wolken über dem Meer. Aber nicht nur. Denn es fällt ihm auch eine einzelne schneidige Schwimmerin (mit einer „prachtvollen Fülle grauen Haares“) auf, die sich ins Wasser traut, nach dem Schimmen aber fröstelnd zu ihm kommt und ihn fragt, wo er denn übernachte. Da Joachim noch kein Quartier bezogen hat, fordert sie ihn auf, bei ihr ein Zimmer zu nehmen. Sie wohne dort und dort, er müsse nur nach Johanna fragen. Es sei kostenlos, er müsse nur als Gegenleistung etwas über sich erzählen.

Dem Erzähler kommt das bedenklich vor, daher will er im Strandhotel Quartier beziehen, zieht dann dort aber doch nicht ein, sondern begibt sich ins Abenteuer des angeboteten Privatquartiers.

Dort ist er nicht mit der Besitzerin allein. Es gibt noch deren an den Rollstuhl gefesselte Mutter (Frau Jansen „aus Schwansen“), die eine ziemlich resolute, aber trotzdem gütige Person ist, eine Dauermitbewohnerin (Hanna), die am Strand einen kleinen Erfrischungskiosk betreibt, und einen altersschwachen Hund namens Plato.

Alle drei Frauen nähern sich nun – jede auf ihre Weise – dem männlichen Gast an. Am ehestens zum Ziel kommt noch die Kioskbesitzerin, aber auch nur, weil die Nacht einen turbulenten Verlauf nimmt. (Ich hoffe, ich rekonstruiere das jetzt halbwegs korrekt:)

Frau Jansen will von Jonathan zum Strandhotel gefahren werden, was dieser auch gern macht. Dort begegnen sie jenen drei Rowdys, die Jonathan schon im Zug hierher aufgefallen sind und vor denen er aus dem Zug geflüchtet ist. Die drei belästigen später Hanna, nehmen ihr Plato ab, den sie ausführt, sodass dieser Hund in eine Nervenkrise gestürzt wird, an der er am Ende der Erzählung stirbt. Jonathan macht sich bei den Rowdys unbeliebt, weil er Hanna beschützt. Daher wird er, als er spät nachts noch einmal allein an den Strand geht, von ihnen brutal niedergeschlagen. Zuvor aber lädt Hanna ihn quasi als Dank für die Rettung zu einem Schäferstündchen in ihren Kiosk ein, wo sie übrigens auch fast von den Rowdys ertappt worden wären.

Auch zwischen Hausherrin Johanna und Jonathan gibt es schwüle Momente.

Erzählt wird gemäß der Abmachung natürlich auch viel, was im Text so gelöst ist, dass einzelne Kapitel aus der Handlung herausspringen und in Form von Rückblicken oder Raisonnements etwas einbringen, das man sonst nicht erfahren würde. Sogar der Hund hat – aus dem Jenseits sprechend – sein Kapitel.

Im Endeffekt verlieren sich die erotischen Momente wieder und Jonathan kann, denkt man, wieder unbeschadet, aber um einige schöne Erinnerungen reicher, nach Hause fahren.

Warum heißt die Geschichte „Wolkenherz“? Das ist ein geradezu genialer Titel: Jonathan ist leidenschaftlicher Wolkenbeobachter, wobei ihn die Figuren, die man in den Wolken entdeckt, die sich aber schnell wieder auflösen, besonders faszinieren. Alle handelnden Personen heißen ähnlich, so wie die Wolken einander prinzipiell ähneln. Johanna hat prächtige grauen Haare, was auch die Farbe mancher Wolken ist.

Und sagt man nicht, ein Verliebter befände sich auf „Wolke 7“? Aber mit dem Verliebtsein ist es in der Geschichte wie mit den Wolken: Es entsteht und vergeht in einemfort. Das Herz verhält sich also wie die Wolken. Und das ist wunderbar getroffen.

Jochen Jung: Wolkenherz. Eine Geschichte. Haymon-Verlag, Innsbruck, 2012. 140 Seiten.

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Achleitner: Die Plotteggs kommen

Wolfgang Krisai: "Waldwiese". Rätselfrage: Was fehlt in diesem Bild? Die Antwort ergibt sich aus nachfolgendem Eintrag!

Wolfgang Krisai: „Waldwiese“. Wasservermalbare Ölkreide, 2004. Rätselfrage: Was fehlt in diesem Bild? Die Antwort ergibt sich aus nachfolgendem Eintrag!

Bei der Wiener Buchmesse „Buch Wien“ Ende November 2013 ackerte ich mich vier Tage lang durch das Buch- und Lesungsangebot der österreichischen Verlagswelt. Am Stand des Verlags Sonderzahl entdeckte ich ein unscheinbares, dünnes Büchlein mit dem kryptischen Titel „Die Ploteggs kommen“. Hätte es nicht Friedrich Achleitner geschrieben, hätte ich es vielleicht nicht weiter beachtet. Achleitner ist ja ein scharfer Beobachter der kleinen Seltsamkeiten des Alltags, zum Beispiel in der Wiener U-Bahn. Oder im heimatlichen Innviertel. Außerdem ein profunder Kenner der modernen Architektur Österreichs.

In diesem Bändchen nun lernt man ihn auch als Genießer des ruralen Österreich kennen, dem – wie jedem Wanderer und Spaziergänger in Österreich – natürlich jene seltsamen riesenhaften Plastikballen nicht entgangen sind, die sich im Schutz von Waldrändern oder Hecken verschämt bis unverschämt auf den Wiesen breit machen.

Wer es noch nicht wusste, weiß es nach der Lektüre dieses Buches: Das sind die „Plotteggs“. Man ist schon versucht, den Namen als „von einer außerirdischen Verschwörerbande gelegte Rieseneier“ zu interpretieren, doch dann stellt sich heraus: Achleitner benannte sie schlicht nach seinem Freund Manfred Wolff-Plottegg, dem er genauere Kenntnisse über die wahre Natur dieser Fremdkörper verdankt. Es sind mittels einer technischen Apparatur, die an einen Traktor gekoppelt ist, hergestellte Heuballen, deren luftdichte Plastikhülle im Inneren einen Gärungsprozess ermöglicht, der aus Gras lange haltbares, für Tiere offenbar irgendwie genießbares „Silofutter“ macht, weshalb die dicken weißen oder grünlichen Kugeln auch „Silagen“ heißen.

Achleitner gewinnt dem Phänomen allerlei kuriose Aspekte ab, die zum Teil ins Surrealistische hinübergleiten. Etwa, wenn von den Gefahren der Plottegg-Explosionen die Rede ist, die ganze Landstriche verwüsten können. Auch die Frage, wie sich der Spaziergänger, dessen erholungssuchender Blick lieber biedermeierliche Idyllen als agrarische Verunstaltungen sehen will, mit den Plotteggs auseinandersetzt, beschäftigt ihn. Natürlich erfährt man auch so nebenbei, wie diese Dinger gemacht werden.

Den Abschluss bildet ein P.S.: In Graz sei Achleitner 1992 vor dem Künstlerhaus auf einige Plotteggs gestoßen, diese aber „provozierten in der Nacht bei den Passanten die wildesten Einfälle: Einige wurden auf die Fahrbahn gerollt, andere aufgeschnitten und angezündet oder in die Mur geworfen. Obwohl sich, wie man den sehr objektiven Polizeiberichten entnehmen kann, die Plotteggs völlig passiv verhielten, lösten sie die größten Aggressionen aus. Ja gerade ihre geballte Passivität, ihre stumme Anwesenheit, hatte die Aktionen der Grazer provoziert“ (Seite 45).

Friedrich Achleitner: Die Plotteggs kommen. Sonderzahl-Verlag, Wien, 3. Auflage 2013. 47 Seiten. Mit Fotos.

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