Archiv der Kategorie: Reiseliteratur

Theodor Fontane: Jenseit des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland

Wolfgang Krisai: Iona Abbey. Schwarze und weiße Kreide auf grauem Papier. 1992.

Mit dem Aufbau-Verlag verbinde ich: Gesamtausgaben. Noch zu DDR-Zeiten kauften sich „arme Studenten“ wie ich die im Westen um einen Pappenstiel zu habenden Ausgaben der „Bibliothek deutscher Klassiker“, doch auch nach der Wende und allerlei Turbulenzen, die das Flaggschiff der DDR-Verlagskultur erfassten, brachte Aufbau vor allem in den Neunziger Jahren schöne und gediegen gestaltete Gesamtausgaben heraus, etwa eine Dostojewski- oder eine Turgenjew-Ausgabe, auf dem Gebiet der deutschen Literatur eine Egon-Erwin-Kisch-Ausgabe oder eine E. T. A. Hoffmann-Ausgabe. All das ist Schnee von gestern und fast alles längst vergriffen.

„Große Brandenburger Ausgabe“

Das verlegerisch anspruchsvollste Vorhaben der damaligen Verlagsepoche war aber die „Große Brandenburger Ausgabe“ (GBA) der Sämtlichen Werke Theodor Fontanes. Wie es bei solchen Editionen normal ist, zieht sich ihr Erscheinen länger hin, als zunächst projektiert. Ich habe noch einen Verlagsprospekt dieser Ausgabe von 1994, in dessen „vorläufigem Editionsplan“ die „Reisebücher und Reiseberichte in 5 Bänden“ mit Erscheinungsdatum „ab 1999“ angegeben sind. Man ließ sich in weiser Voraussicht offen, wie lange das Projekt dauern werde.

Die maßgebliche Ausgabe

Jetzt, 2016, ist wieder ein Band erschienen, eben einer dieser Reiseberichte: „Jenseit des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland.“ Nach der Lektüre kann ich sagen: Dies ist die Edition, in der man Fontanes Schottland-Reisebericht in Hinkunft lesen muss. – Warum?

Da ist zunächst die hervorragende gestalterische und buchbinderische Qualität des Bandes, die von der GBA-Edition sozusagen vorgegeben ist. Sogar der Schutzumschlag ist ganz im Stil der ersten GBA-Bände gehalten, wenn auch im Vergleich zu den Anfängen das neue Verlagssignet sich als stilistisch störendes Element auf die Titelseite gedrängt hat.

Der Kommentarteil

Zweitens: Wer das Buch lesen will, sollte eigentlich zuerst mit dem unglaublich genauen Kommentarteil beginnen, sich zumindest einen Überblick verschaffen, was dieser alles zu bieten hat. Da bleiben nämlich wirklich keine Wünsche offen:

Man erfährt die Entstehungsgeschichte des Buches, dem eine Reise zugrunde liegt, die Fontane vom 10. bis zum 24. August 1858 gemeinsam mit seinem Freund Bernhard von Lepel unternommen hat. Aus Geldmangel nicht realisierte Reisepläne werden geschildert, der Reisebegleiter vorgestellt, dann die Mühen der Abfassung des Berichts, die Quellen, die Fontane herangezogen hat, die Druckgeschichte in Zeitungen (wo das ganze Buch schon vorweg kapitelweise veröffentlicht wurde) und in Buchform (der Erstdruck erschien 1860 im Verlag von Julius Springer, Berlin), die Rezeption im In- und Ausland und natürlich alles Wichtige über die vorliegende Edition behandelt.

Keine Frage bleibt offen

Den Hauptteil des Kommentars nimmt der Stellenkommentar ein, der mich sehr positiv überrascht hat. Mit Stellenkommentaren anspruchsvoller Ausgaben ist es ja so eine Sache: Ausgerechnet jene Informationen, die man als interessierter Leser bräuchte, stehen meist nicht drin. Hier ist das nicht so. Von einfachen Worterklärungen (ich wusste z. B. nicht, was eine „Tabagie“ ist) bis zu Richtigstellungen Fontane’scher Ungenauigkeiten (derer es sehr viele gibt), von geographischen zu biographischen Informationen über alle vorkommenden Örtlich- und Persönlichkeiten bleibt nichts unerklärt.

Bemerkenswert ist auch das Personenregister, das mit Kurzbiographien der eingetragenen Personen aufwartet.

Das einzige, was mir gefehlt hat, ist eine genauere Landkarte dieser Reise (eine ganz einfache Überblickskarte ist auf Seite 277 zu finden). Möglicherweise rechnet der Verlag damit, dass ein moderner Leser ohnehin genau das tun wird, was ich tat: die Reise mit Google Maps zu verfolgen und von dort aus auch die Fotos der Sehenswürdigkeiten und Landschaften aufzurufen. Auch heute sind die Reiseziele Fontane noch Touristenmagneten und bestens erhalten.

15 Tage Reise – 260 Seiten Reisebericht

Schöpferische Arbeit bedeutet, aus „nichts“ etwas Großes zu machen. Im Falle Fontanes: aus 15 Tagen Reise ein 260 Seiten langes Buch.

Fontane muss schon an Ort und Stelle eifrigst Notizen gemacht haben. Die Herausgeber vermuten das jedenfalls, auch wenn kein Notizbuch erhalten geblieben ist. Darüber hinaus aber hat Fontane einige Quellen herangezogen, aus denen er zum Teil große Passagen abschrieb oder nacherzählte, ohne sie anzugeben, wenn es sich nicht gerade um Shakespeares „Macbeth“ oder ein Werk des verehrten Sir Walter Scott handelte. Diese Praxis war übrigens damals, belehrt der Kommentar, durchaus gängig. Fontane war da nicht immer ganz korrekt, im Kommentar werden die Fehler alle nachgewiesen. In der das Werk abschließenden schottischen Geschichtstabelle leistete sich Fontane übrigens besonders viele Fehler.

Das Buch ist also eine Mischung aus Schilderung persönlichen Erlebens, Sammlung interessanter Anekdoten und historischer Geschichten und Beschreibungen von Landschaften, Seen, Klöstern, Schlössern, Schlachtfeldern und Unterkünften.

Bahnfahrt in der Holzklasse

Nach einem kurzen Text an seinen Freund und Reisebegleiter Bernhard von Lepel beginnt Fontane mit einer witzigen Schilderung der nächtlichen Eisenbahnfahrt von London nach Edinburgh, die er mangels üppigen Reisebudgets in der billigsten Klasse machen musste. Statt aber in Edinburgh gerädert in ein Hotelbett zu sinken, beginnt er, kaum dass er sein Hotelzimmer bezogen hat, mit der Erkundung der Stadt. Gut vorbereitet, wie er offensichtlich war, findet er sofort die wichtigen Straßen und Plätze samt den an ihnen gelegenen Gebäuden.

Geschichte wird lebendig

Zu vielen erzählt er interessante Histörchen, wie sie vor Ort ein Führer zum besten geben würde. In der schottischen Geschichte und deren Darstellung in der Literatur, vor allem Walter Scotts, kennt Fontane sich sehr, sehr gut aus. Das macht mir größte Lust, selbst auch einmal Walter Scott zu lesen…

Ich war noch nie in Schottland, durch Fontanes Reisebericht steht mir nun aber dieses Land, zumindest in der Version von 1858, sehr deutlich vor Augen. Denn eins beherrscht der Autor: die lebendige und anschauliche Darstellung. Das macht die Lektüre zu einem Vergnügen.

Mit Fontane rauscht man von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit: Holyrood Palace, Edinburgh Castle und die Altstadt von Edinburgh nehmen die ersten 80 Seiten ein. Dann folgen das Schloss von Linlithgow, ein Ausflug nach Stirling und Loch Kathrine, dem Schauplatz von Scotts Verdichtung „The Lady of the Lake“ (deren Inhalt Fontane für den unwissenden Leser zusammenfasst), weiters Perth und die abenteuerliche Kutschfahrt nach Inverness.

Mit der Kutsche durchs schottische Hochland

Verkehrshistorisch ist das eine der spannendsten Stellen des Buchs: Von Perth fährt die Postkutsche um 11 Uhr vormittags ab. Fontane sitzt mit seinem Reisegefährten nicht im – teuren – Inneren der Kutsche, sondern auf einer der hinten oben im Freien befindlichen Bänke, die mit Fahrgästen dermaßen überfüllt sind, dass die am Rand sitzenden nur mehr mit der Hälfte ihres Gesäßes auf der Bank, mit der anderen in der Luft sitzen. Da diese Sitzweise nicht nur unbequem, sondern Kräfte zehrend ist, wechselt man sich ab, damit keiner von der Kutsche fällt. Solchermaßen überbesetzt rumpelt die vierspännige Kutsche durch die einsamsten Gegenden der schottischen Highlands in die Abenddämmerung hinein. Auch wenn sicher keine Straßenbeleuchtung vorhanden war, lässt sich das Gefährt durch die Dunkelheit nicht beeinträchtigen, sodass man schließlich um drei in der Nacht ziemlich durchgefroren die Stadt Inverness erreicht, wo man vor dem Union Hotel absteigt. Hier nun muss Fontane zugeben: „Die Strapazen am Tage vorher hatten uns einen langen und festen Schlaf eingetragen. Die Frühstücksstunde war längst vorüber, als wir im großen Speisesaal des Union-Hotels zu Inverneß erschienen, um unser Breakfast einzunehmen.“ (S. 164)

Schlachtfeld-Tourismus

In der Nähe von Inverness liegt das Schlachtfeld Culloden Moor. Eine Eigenheit damaligen Reisens, wohl nicht nur Fontanes, war es, Schlachtfelder zu besichtigen. Hier verlor „Bonnie Prince Charlie“ mit seinen Schottischen Mannen eine kurze, aber heftige Schlacht gegen die Engländer. Fontane schildert das Geschehen ausführlich.

Naturwunder und uralte Ruinen

Die Weiterreise erfolgt per Schiff den Kaledonischen Kanal hinab an die Westküste, wo Fontane dann einen Ausflugsdampfer besteigt (ein verdienstvoller Mr. Hutchinson hat das Gebiet mit seiner Flotte von Dampfern touristisch erschlossen) und zu den Inseln Staffa und Iona einen Tagesausflug macht. Staffa beeindruckt durch seine riesigen Brandungshöhlen im Basaltgestein, Iona hingegen durch die Ruinen seiner großen klösterlichen Vergangenheit, liegt hier doch die Wiege der anglo-irischen Christianisierung durch den heiligen Columban (im Register steht: „St. Columba (auch: Colum Cille, im Text: ‚Columban‘, geb. um 521, gest. 597); irischer Mönch u. Ordensgründer; ab 563 Missionar der Pikten; gründete ein Kloster auf der Insel Iona“ (S. 529)).

Schamlose Ausbeutung des Touristen

Mit knapper Not und nachdem ihm seine Zimmervermieterin einen horrenden Preis abgepresst hat (für den man lt. Kommentar in Edinburgh in einem Luxushotel hätte übernachten können) erreichen die beiden Reisegefährten am nächsten Morgen den Dampfer Richtung Glasgow. Diese Stadt wird allerdings nicht besichtigt, sondern der nördlich davon liegende Loch Lomond, der schönste See Schottlands.

Sir Walter Scotts Alterssitz

Per Bahn geht’s dann zurück nach Edinburgh, von wo aus noch zwei letzte Ziele angesteuert werden: Melrose Abbey, eine beeindruckende Klosterruine, und – krönender Abschluss für den Sir-Walter-Scott-Fan Theodor Fontane – Abbotsford: Scotts romantischer Alterssitz. Auch wenn Fontane mit der eklektizistischen Bauweise des Schlösschens nicht ganz zufrieden ist, so bedeutet es ihm doch sehr viel, hier in den Spuren des verehrten Meisters zu wandeln.

Damit schließt das Buch. Die Rückreise zu beschreiben erübrigt sich, sie wird der Hinfahrt geähnelt haben.

Fontane über die Schulter schauen

Fazit: Wer Schottland kennt, wird diesen Reisebericht genießen, wer es, wie ich, nicht kennt, Lust auf eine Reise dorthin bekommen. Zudem bietet diese kommentierte Ausgabe die Möglichkeit, Fontane gleichsam über die Schulter zu schauen und Entstehung und Wirkung des Reisebuchs mitzuverfolgen und damit die Leistung Fontanes richtig einzuschätzen.

Theodor Fontane: Jenseit des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland. Hg. v. Maren Ermisch i. Zusammenarbeit m. d. Theodor Fontane-Arbeitsstelle, Universität Göttingen. Große Brandenburger Ausgabe; Das reiseliterarische Werk, Band 2. Aufbau-Verlag, Berlin, 2016. 564 Seiten, davon Text bis Seite 260.

Bild: Wolfgang Krisai: Iona Abbey. Schwarze und weiße Kreide auf grauem Papier. 1992.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Reiseliteratur

Anne und Olaf Meinhardt: Transsibirische Eisenbahn

Wolfgang Krisai: Wien Hauptbahnhof, Tuschestift, Buntstift, 2014.

Dieser Bildband über die Transsibirische Eisenbahn behandelt sowohl die Route von Moskau nach Peking über die Mongolei als auch die klassische Route nach Wladiwostok. Die Bahn durch die Mandschurei und die Baikal-Amur-Magistrale werden als Alternativrouten zumindest erwähnt.

Die Autorin und der Autor haben für das Buch ein halbes Jahr recherchiert, sodass es Impressionen vom Sommer wie vom Winter zu lesen und zu sehen gibt. Sie haben auch die unterschiedlichen Züge von den einfachsten Liegewagen bis zum Luxuszug „Zarengold“ ausprobiert.

Zu jedem wichtigen Ort an der Bahn haben sie Interessantes zu erzählen, sodass man Lust hätte, an allen diesen Orten ein, zwei Tage zu verbringen.

Natürlich wird auch die alte Baikalbahn, die heute noch mit Dampf-Sonderzügen aufwartet, beschrieben, da sie eine Touristenattraktion ist.

In Sonderkapiteln werden z. B. der Bau der Transsib, die russischen Straflager und ihre Rolle beim Eisenbahnbau, der Sonderzug „Zarengold“, das Eisenbahnmuseum in Nowosibirsk, die russisch-orthodoxe Kirche  oder die russische Küche vorgestellt.

Tolles Buch! Interessanter Text, wunderbare Bilder – die von einem  „typischen Mann“, dem immer wieder Frauen mit langen nackten Beinen ins Bild gelaufen sind, fotografiert wurden.

Anne und Olaf Meinhardt: Transsibirische Eisenbahn. Durch die russische Taiga zum Pazifik. Aktualisierte und überarbeitete Ausgabe. Bruckmann, München, 2014. 183 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Wien Hauptbahnhof, Tuschestift, Buntstift, 2014. – Von Wien aus könnte man per Bahn direkt zum Ausgangpunkt der Transsibirischen Eisenbahn fahren: mit dem Schlafwagen-Kurswagen der Rusisschen Eisenbahnen nach Moskau.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Reiseliteratur

Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen

Wolfgang Krisai: Blick vom Biergarten am Dach des Yenidze in Dresden, Tuchestift, Buntstift; 2015.

In Dresden kaufte ich mir 2015 dieses schön gemachte Buch, in dem der Dresdner Uwe Tellkamp über seine Heimatstadt schreibt und zu dem der Dresdner Fotograf Werner Lieberknecht eine Menge Schwarzweißfotos beisteuerte.

Mühsam zu lesen

Das Buch hält aber leider nicht, was es auf den ersten Blick verspricht. Tellkamps Text ist – ganz im Gegensatz zu seinem wunderbar geschriebenen Roman „Der Turm“ – unsäglich mühsam zu lesen, und die Fotos sehen zwar gut aus, mehr als fast beliebige Impressionen aus Dresden sind sie aber auch nicht.

Was ist nun das Ärgerliche an Tellkamps Stil?

Er reiht und reiht und reiht Satzfetzen, fast wie Notizen und Stichwörter, aneinander, streut gelegentlich ein paar vollständige Sätze ein, und bald geht es wieder weiter in diesem Notizbuchstil. Oder es kommen gewaltige Satzmonster daher, ohne Rhythmus und Schwung, holprig, mit sperrigen Begriffen und nur Dresdnern geläufigen Bezeichnungen.

Ein beliebig herausgegriffenes Beispiel:

„Die Ostdeutschen hatten Hunger, kaum zu beängstigenden Freßgelagehunger nach Leben, nach Reisen. Sie wollten alles sehen, alles begreifen, alles nachholen, was sie versäumt hatten, alle Träume, und sofort, die in Hermann Haacks geographischen Atlanten eingesperrt gewesen waren. Ich hatte meinen Winkel auf dem Dachboden mit Landkarten tapeziert, dort hockte ich und reiste die schönsten Reisen der Welt, vor mir ein Lederkoffer, aus seinem Exil hinter den Tontöpfen gefischt, über und über bedeckt mit Hotelaufklebern in den musikalischen Farben der Belle Époque: Karl-May-Grün, das Ocker von Kairo, Wüstenblau, Weiß wie die Mauern der Souks, Indisch und Nanking-Gelb, Pompejanisch Rot, Amazonasfalter-Violett … Auf der Prager Straße lud ein Kran Container ab, Vorposten der Deutschen, Dresdner, Commerzbank. Begegnungen. Anna. Wir tanzen wie die Steptänzer, Fred Astaire ist gut, sehr gut sogar, dieser Kerl mit dem Heuschreckenleib und dem allzu bescheidenen Grinsen. Faunpalast, Parklichtspiele, Schauburg, der Fabelname eines längst geschlossenen Nickelodeons: Alabastra, Filmbühne Wölfnitz, die während einer Vorstellung abbrannte, die U. T.-Lichtspiele in der Waisenhausstraße, Dedrophon-Theater und Institut Kosmographia, Hansa-Lichtspiele … die Namen, die farbigen Traumschneisen, die die tschechischen und Ernemann-Projektoren ins erwartungsvolle Kinodunkel schlugen; Schwarzweißfilme im Hauptbahnhofkino, wo es orangefarbene Tapete gibt und eine Bommelmütze ein Heizungsleck abdichtet.“ (S. 97f)

Worum geht es inhaltlich?

Uwe Tellkamp präsentiert uns seine kunterbunt durcheinandergewürfelten Erinnerungen an das Dresden vor und kurz nach der Wende, die unverständlicher Weise „Erkundungen“ genannt werden. Er setzt dabei gewissermaßen voraus, dass wir seine engen Verwandten sind und daher ohnehin wissen, wie das so war, und uns daher mit ein paar andeutenden Stichwörtern zufriedener geben, als wenn er ausführlich schildern würde. Es tauchen alte Verwandte, Freunde, Lehrer, aber auch die Klavierlehrerin auf, daneben Dresdner Originale wie jene russische Matrone, die im Winter vor dem Heizhaus der russischen Kaserne stand. Die Mängelwirtschaft der letzten Jahre der DDR wird angedeutet, doch wirklich politisch wird das Buch zum Glück nie.

Durch die Andeutungstechnik ist es für den nun doch nicht mit Tellkamp verwandten Leser sehr schwer, in dem Wust den Durchblick zu behalten. Ich habe ihn jedenfalls verloren, weshalb mir weder das Figurenarsenal noch die Schauplätze, die ich von unserer kurzen Dresden-Reise zumindest oberflächlich kenne, lebendig geworden sind.

Tellkamp zuliebe und wegen der schönen Gestaltung des Buches – und aus Prinzip – biss ich mich bis zum Ende durch.

Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen. Mit Fotografien von Werner Liederknecht. Insel-Verlag, Berlin, 4. Auflage, 2011. 165 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Blick vom Biergarten am Dach des Yenidze in Dresden, Tuchestift, Buntstift; 2015.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Illustriertes Buch, Reiseliteratur

Ursula Pfistermeister: Nürnberg

Wolfgang Krisai: Faber-Castell'sches Schloss in Stein bei Nürnberg. Gezeichnet mit Faber Castell PITT Artisti Pen black fine und Faber Castell Albrecht Dürer Farbstiften, 2016.

Dieses in 4., verbesserter Auflage 1991 erschienene Buch vermittelt einen interessanten Einblick Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg. Dabei ist der Aufbau höchst ungewöhnlich:

Eine Geschichte der Stadt in Zitaten

Zunächst sind auf 70 Seiten zahlreiche Zitate bedeutender Persönlichkeiten aus Nürnberg versammelt, die die verschiedensten Aspekte der Stadt behandeln. Dazwischen sind historische Ansichten der Stadt eingestreut.

Abbildungs- und Textteil

Danach folgen 60 Seiten, auf denen jeweils eine Seite erläuternder Text einer Farbabbildung gegenübersteht.

Schließlich folgt ein Informationsteil von weiteren 60 Seiten, wo Geschichte, Architektur, Musik, Brauchtum und Kulinarik überblicksmäßig behandelt werden.

Was ist mir besonders aufgefallen:

Blütezeit im Spätmittelalter

Nürnbergs Blütezeit waren das Spätmittelalter und die Renaissance. Man denke an Albrecht Dürer, Hartmut Schedels Weltchronik, Veit Stoß oder Adam Kraft. Kaiserliche Privilegien ließen den Handel und das Handwerk aufblühen, man war der zentrale Umschlagplatz des Fernhandels in Deutschland, metallverarbeitendes Handwerk brachte es zu höchster Blüte. Ein aus Patriziern gebildeter Stadtrat regiert offensichtlich mit großem Geschick.

Metropole der Bleistifterzeugung

Doch dieses Patriziat nützte im 17. und 18. Jahrhundert seine Rechte so sehr aus, dass die Mitbürger unter einer immensen Steuerlast zusammenzubrechen drohten. Wer irgendwie konnte, verließ die Stadt. Um 1800 war Nürnberg trotzdem de facto bankrott, Opfer der eigenen Misswirtschaft. Erst das 19. Jahrhundert, wo Nürnberg zu Bayern kam, brachte neuen Aufschwung. Man denke an die erste deutsche Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth oder an die Bleistifterzeugung von Faber-Castell.

Zu 90 Prozent zerstört

Im Zweiten Weltkrieg wurde die historische Altstadt von Nürnberg zu 90% zerstört, danach in Anlehnung an die historischen Gegebenheiten wieder aufgebaut. Das Buch weist immer wieder darauf hin, was von den heute bestehenden Bauwerken alt ist und was nach 1945 erneuert.

Ursula Pfistermeister: Nürnberg. Zauber einer unvergänglichen Stadt in Farbbildern und alten Stichen. 4., verb. Aufl., Carl-Verlag, Nürnberg, 1991. 199 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Faber-Castell’sches Schloss in Stein bei Nürnberg. Gezeichnet mit Faber Castell PITT Artisti Pen black fine und Faber Castell Albrecht Dürer Farbstiften, 2016. – In einem kleinen Nebengebäude des Schlosses befindet sich ein Paradies für Faber-Castell-Fans: der Faber-Castell-Shop. Mit Parkplatz davor. 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Reiseliteratur

Johannes Maria Schwarz: Tagebuch eines Jerusalempilgers. Teil 1

Wolfgang Krisai: Ausrüstungsgegenstände aus dem Ersten Weltkrieg, Museo della guerra, Forte Tre Sassi, Italien. 2014. Bleistift.Im Klosterladen des Stiftes Heiligenkreuz entdeckte ich kürzlich diesen zweibändige Reisebericht des katholischen Priesters Johannes Maria Schwarz, kaufte ihn sofort und las nun den ersten Band mit größtem Interesse und Vergnügen.

Schwarz ist bzw. war Priester in Liechtenstein, wird von seinem Bischof für die Dauer der Pilgerreise ins Heilige Land aber vom Dienst freigestellt und von seiner Pfarre mit 30000 Schweizer Franken ausgestattet, die er unterwegs zu wohltätigen Zwecken ausgeben soll. (Welche Personen und Einrichtungen er unterstützt hat, steht auf S. 460.)

Allein und zu Fuß

Das wäre noch nicht so spektakulär und man könnte unmöglich zwei dicke Bände darüber schreiben. Doch Schwarz pilgert allein und zu Fuß, und zwar beileibe nicht auf der Direttissima nach Jerusalem, sondern er macht weite Umwege.

Seine Route führt von Liechtenstein über Tirol, Südbayern, Salzburg nach Wien, über Bratislava und West-Ost durch die Slowakei, die Ukraine, Rumänien, Moldawien, wieder die Ukraine, entlang der Ostküste der Halbinsel Krim nach Russland. Abchasien muss er meiden, daher quert er das Schwarze Meer per Schiff, durchwandert den Norden der Türkei, Georgien, Armenien und erreicht an der Grenze zwischen Armenien und dem Iran seinen östlichsten Punkt. Durch den Iran, die Türkei entlang der syrischen Grenze geht es bis nach Antiochia. Da sich in Syrien der Frieden nicht einstellen will, muss Schwarz per Flugzeug nach Amman weiterreisen und wandert von dort noch ans Tote, dann ans Rote Meer und schließlich auf israelischer Seite zurück nach Norden bis Jerusalem.

7937 km, 230 Tage

7937 Kilometer. Fußmarsch. Bei Wind und Wetter, Hitze und Schnee. 230 Tage ab dem 1. Mai 2013.

Gepäck auf einem „Carrix“, einer Art Nachzieh-Schubkarre. Sandalen an den Füßen. Orientierung per Google Maps und GPS. Quartier in billigen Unterkünften oder im Zelt.

„Unpolierte“ Tagebuchaufzeichnungen

Das Buch gibt die Tagebuchaufzeichnungen des Pilgers „möglichst roh und unpoliert“ wieder, das macht seinen Reiz aus. Schwarz nahm sich unterwegs zum Glück Zeit, ausführlich Tagebuch zu schreiben. Da wiederholt sich zwar manches, zum Beispiel die unzähligen Begegnungen mit Hunden, die nicht immer ungefährlich waren, doch dem Autor gelingt es, sogar das immer Gleiche abwechslungsreich darzustellen.

Eiserner Wille

Der Mann hat einen eisernen Willen, das ist natürlich Voraussetzung für so ein Unternehmen. Manchmal wird dieser Wille auf harte Proben gestellt, etwa wenn das Wetter saumäßig ist, wenn er vor lauter Lärm rund ums Nachtquartier kein Auge zugetan hat, wenn er viele Kilometer am Straßenrand dahintrotten muss und ihn die Lastwagen in den Straßengraben drängen oder wenn freundliche Gastgeber ihn drängen, doch länger bei ihnen zu bleiben.

Schwarz ist kein Neuling in Sachen Pilgern zu Fuß. Schon als junger Mann, erfährt man beiläufig, hat er eine Wanderung auf dem Jakobsweg gemacht. Das wäre ja noch nicht so ungewöhnlich; aber Schwarz machte das ohne Gepäck und ohne Geld. Die Jerusalem-Pilgerreise macht er mit Geld und Gepäck, doch sie ist trotzdem spannend.

Dank Smartphone machte er auch viele Fotos, die nun das Buch illustrieren. Außerdem gäbe es einen Dokumentarfilm, den er so nebenbei auch noch gedreht hat.

Am Sonntag wird gepredigt

Da Schwarz katholischer Priester – offenbar stark konservativer Ausrichtung – ist, kann er auch nicht umhin, einerseits immer wieder mit seinen Gesprächspartnern unterwegs Fragen von Glaube, Kirche und Religion zu erörtern, andererseits aber auch dem Leser ein wenig zu predigen: Er tut dies jeden Sonntag mit einer eingeschobenen Betrachtung über jeweils eine Fragestellung, wie sie von modernen Menschen an einen Priester herangetragen werden: über den Zölibat, ob Religion Privatsache sei, ob im Grunde nicht alle Religionen das Gleiche wollen oder gar seien, was es mit der Dreifaltigkeit auf sich habe, usw., usw.

Diese Predigten sind nett zu lesen, aber sie haben mich, offen gesagt, nicht so begeistert wie der eigentliche Reisebericht.

Solide Gestaltung

Schwarz hat sein Buch im Eigenverlag herausgebracht. Aber es wirkt in keiner Weise selbstgestrickt, enthält praktisch keine Fehler, hat ein lesefreundliches, klares Layout sowie Hardcover und Fadenheftung. Einziger Mangel: Für Bildbeschriftungen hat es nicht mehr gereicht. Das macht meistens nichts, verhindert jedoch, dass man zunächst einmal gemütlich die Fotos samt erklärenden Bildlegenden ansehen kann. Na ja, vielleicht doch keine so unkluge Entscheidung, denn sie zwingt zum Lesen…

Fazit: Tolles Buch! Freue mich schon auf dem zweiten Teil.

Johannes Maria Schwarz: Tagebuch eines Jerusalempilgers. Teil 1: Von Liechtenstein ins Heilige Land. 2., korr. Aufl., Eigenverlag, Heiligenkreuz, 2015. 463 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Ausrüstungsgegenstände aus dem Ersten Weltkrieg, Museo della guerra, Forte Tre Sassi, Italien. 2014. Bleistift. – Schwarz benützte zwar modernere Ausrüstungsgegenstände, die Strapazen ähnelten aber jenen, die die Soldaten im Ersten Weltkrieg zu bestehen hatten.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Reiseliteratur

Leonie Ossowski: Venezianische Verführung

Venedigskizze14Ein Kuriosum ist mir auf einem Flohmarkt in die Hände gefallen: ein kleiner Reisebericht von Leonie Ossowski, herausgegeben von einer deutschen Kreuzfahrt-Reederei.

Flusskreuzfahrt in Italien

Die Autorin erzählt von einer Kreuzfahrt auf dem Schiff „Casanova“ von Venedig nach Cremona, Mantua, Verona, Ferrara und Chioggia, die ein Geburtstagsgeschenk ihrer Tochter gewesen sei.

Man erfährt aus dem Bericht allerlei Atmosphärischen und Wissenswertes über dies Städte und über das Leben auf einem luxuriösen Kreuzfahrtschiff.

Geheimnisvoller Mitreisender

Damit der Reisebericht einen literarischen Touch bekommt, führt Ossowski eine geheimnisvolle Figur ein: einen Herren, der immer wieder überraschend auftaucht und dann wieder ins Nichts verschwindet – und der Casanova frappant ähnlich sieht. Da es an Bord ein Bild gibt, das den „Namenspatron“ des Schiffes darstellt, lässt sich die Ähnlichkeit auch leicht bestätigen. Die mitreisende Tochter amüsiert sich über die ominösen Begegnungen ihrer Mutter mit „ihrem“ Fremden und bezeichnet diesen als „Casanova-Verschnitt“.

Nach Venedig zurückgekehrt, machen Mutter und Tochter noch eine Führung auf den Spuren Casanovas mit, deren Höhepunkt die Begegnung mit einem Nachfahren des Frauenhelden ist. In dessen Palazzo treffen die Reisenden wieder auf den „Fremden“, der sich dort wie ein Verwalter des Conte benimmt. Später ergibt sich die Gelegenheit für die Tochter, den Fremden nach seinem Namen zu fragen. Er heiße „Neuhaus“, gibt er an. Also „Casanova“. Noch bevor die Tochter weiterfragen kann, ist der Mann wie vom Erdboden verschluckt.

Lebendige Illustrationen

Ich hätte das Büchlein wahrscheinlich gar nicht beachtet, wenn es nicht sehr ansprechend illustriert wäre. Die Künstlerin Ingrid M. Schmeck bedient sich eines Stils, den man heute bei Urban Sketchern häufig sieht und der zwar locker, unbekümmert und abstrahierend ist, aber dennoch einen lebendigen Eindruck vom Dargestellten gibt, sei es nun das Sonnendeck des Schiffs, sei es eine Ansicht eines Gebäudes. Auffällig allerdings: außer dem als Casanova verkleideten Nachfahren des Grafen kommen nur ganz wenige Menschen in den Bildern vor, und die sind winzig.

Leonie Ossowski: Venezianische Verführung. Eine Reise mit der „Casanova“. Zeichnungen von Ingrid M. Schmeck. Peter Deilmann Reederei, Neustadt in Holstein, [2003]. 45 Seiten.

Zur wechselvollen Geschichte der Reederei Peter Deilmann gibt es einen ausführlichen Wikipedia-Artikel. Daraus geht hervor, dass das Flusskreuzfahrtschiff „Casanova“ von der Reederei 2001 ge- und 2009 wieder verkauft wurde. In ihren besten Zeiten bot die Reederei Kreuzfahrten auf allen wichtigen Flüssen Europas an.

Bild: Wolfgang Krisai: „Vaporetto in Murano“. Tuschestift. 2015.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Reiseliteratur

Andreas Friedrich (Text), Jörg Schöner (Fotos): Die Frauenkirche zu Dresden

Wolfgang Krisai: Die Frauenkirche in Dresden. Tuschestift, Buntstift, 2015.Die Dresdner Frauenkirche und ihr Wiederaufbau faszinieren mich, daher wollte ich während unseres Dresden-Aufenthalts im Sommer mehr darüber erfahren, als im DuMont Kunst-Reiseführer Sachsen steht. Zur Frauenkirche werden in Dresdner Buchhandlungen Bücher unterschiedlichsten Umfangs angeboten, und ich wählte ein mittleres, das Gebäude und Wiederaufbau ausführlich schildert, aber noch innerhalb relativ kurzer Zeit zu lesen ist. Daher schaffte ich die Lektüre auch noch während unserer Tage in Dresden, sodass ich die Frauenkirche zum Schluss noch einmal besichtigen und von der Lektüre dabei schon profitieren konnte.

Baugeschichte

In diesem Band wird schon die Baugeschichte unter der Leitung des Barockbaumeisters George Bähr genau beleuchtet, vor allem auch die ständigen finanziellen und politischen Schwierigkeiten, die zu immer neuen Abänderungen und Einsparungen während des Baus führten, die später zum Teil zu gefährlichen Bauschäden und daraus erwachsenden aufwändigen Renovierungen führten. Doch auch die Steinkuppel, das „Alleinstellungsmerkmal“ dieser Kirche, ist ein Resultat von Sparmaßnahmen, da – was mich überrascht hat – eine Holzkonstruktion mit Kupferverblechung teurer als die Steinversion gewesen wäre und daher fallen gelassen wurde. Allerdings muss Bähr bereits früh mit diesem Gedanken gespielt haben, weil er – entgegen den ursprünglichen Planungen – von Anfang an viel wuchtigere Fundamente legte, als für die Holzkonstruktion vonnöten gewesen wäre.

Auch die Sanierungsmaßnahmen, die sich als nötig erwiesen, werden genau geschildert. Noch wenige Jahre vor der Zerstörung im Jahr 1945 wurde der Bau grundlegend renoviert und das Fundament verstärkt, sodass man sogar beim Wiederaufbau dieses Fundament weiterverwenden konnte.

Bombenhagel und Brand

Vom britischen Bombenhagel am 13. und 14. Februar 1945 blieb die Kirche zwar verschont, allerdings fing sie im darauf folgenden Feuersturm Feuer, sodass die Steine so stark erhitzt wurden, dass sie Gewicht der Kuppel nicht mehr tragen konnten. Alles stürzte ein, bis auf einige wenige Teile der Außenwand und des Altarbereichs. Unter dem Schutt wurde das Altarrelief allerdings so gut konserviert, dass es beim Wiederaufbau verwendet werden konnte.

Zu DDR-Zeiten ließ man die Ruine stehen bzw. liegen, baute nur einen Zaun herum und erhielt so den Steinbestand zu einem großen Teil für die Nachwelt. Nur ein geringer Teil der Steine wurde für andere Zwecke entnommen.

Beispiellose Unterstützungskampagne

Gleich nach der Wende wurde der auch während der DDR-Zeit nie ganz begrabene Gedanke an einen Wiederaufbau wieder lebendig und es entwickelte sich eine beispiellose Kampagne für die Frauenkirche. Hauptanliegen war, das Geld für den ganz nach modernsten Gesichtspunkten durchzuführenden Wiederaufbau zusammenzubringen. Und da gab es so viele Initiativen, dass man den Kraftakt des Wiederaufbaus wagen konnte: Benefizkonzerte, Großspenden potenter Gönner, Sammelaktionen, Bildung von Unterstützervereinen, aber zum Beispiel auch Einzelinitiativen wie die eines Mannes, der jahrelang vor der Münchner Frauenkirche mit einer Spendenbüchse für die Dresdner Schwesterkirche sammelte.

Wiederaufbau

Bevor es losging, musste man eine grundsätzliche Entscheidung fällen: Sollte – wie es die moderne Philosophie des Denkmalschutzes eigentlich forderte – die Ruine lediglich vor weiterem Verfall bewahrt, aber in ihrem durch die Geschichte geformten Dasein akzeptiert werden, oder sollte die Kirche neu gebaut werden, was dem Betrachter ja nur vorgaukelt, er stehe vor einer barocken Kirche, während es sich eigentlich um ein Werk des 21. Jahrhunderts handelt? Dem offiziellen Verein, der inzwischen zur Koordination des Wiederaufbaus gegründet worden war, wurde schnell klar, dass all jene, die sich in selbstloser Weise für die Frauenkirche einsetzten, diese natürlich nicht als Ruine, sondern als benützbare Kirche sehen wollten, und daher fiel der Beschluss auch für den Wiederaufbau. Es sollte eine Kirche entstehen, die mehreren Zwecken dient: Sie sollte als Gotteshaus, als Konzertsaal, als Sehenswürdigkeit, als Museum (in der Krypta) und als Mahnmal dienen.

Sehr günstig für den Wiederaufbau war nun, dass für die vielen Renovierungen jeweils genaue Pläne und Zeichnungen bzw. Fotos angefertigt wurden, die wie durch ein Wunder im Keller der Kirche erhalten geblieben waren. Auf diesem Material konnte man aufbauen.

Steinpuzzle

Schon 1990 begannen die konkreten Planungen des Wiederaufbaus, für den ja zunächst einmal eine passende Vorgangsweise erfunden werden musste, da es vergleichbare Bauaufgaben bisher nicht gegeben hatte. Berühmt ist dann die genaue Bestandsaufnahme und Katalogisierung der noch vorhandenen Steine, die wie Teile eines Puzzles ihrem ehemaligen „Einbau-Ort“ zugeordnet werden mussten. Wo es sinnvoll möglich war, sollten die alten Steine ja in den neuen Bau integriert werden. Innerhalb von 17 Monaten wurden 22000 m3 Schutt abgetragen und wissenschaftlich ausgewertet (S. 91). Von 1995 bis 2005 wurde dann die Kirche wieder aufgebaut und mit Inneneinrichtung und Bemalung versehen. Man hielt sich, wo sie sich bewährt hatte, an Bährs Bauweise, verwendete aber besseren Sandstein und verstärkte die Kuppel mit einem hochmodernen „Stahlband“, sodass der Schub nach außen abgemildert ist. Unter dem Platz rund um die Kirche befinden sich moderne Zubauten, nämlich Technikräume und Künstlerzimmer, die für Konzerte gebraucht werden. Außerdem wurde als modernes Einsprengsel ein Lift eingebaut, damit die Touristen bequem zur Kuppel hinaufgelangen konnten, von wo dann der schon von Bähr stammende spiralförmig bis zur Laterne nach oben führende Umgang zwischen den beiden Schalen der Außenkuppel beginnt. Die Bestuhlung auf den Emporen ist etwas geräumiger als im Original und die Kirche ist modern klimatisiert.

Versöhnungszeichen

Als Zeichen der Aussöhnung zwischen den einstigen Feinden fertigte der Sohn eines der britischen Bomberpiloten das 4 Meter hohe goldene Kreuz, das samt dem Laternendach am 22. Juni 2004 von einem Kran an die Spitze der Kirche gesetzt wurde. Das alte Kreuz steht dafür so deformiert, wie es im Schutt gefunden wurde, im Inneren der Kirche.

Zu all diesen Informationen bietet das Buch auch viele sehr schöne und instruktive Bilder, sodass man wirklich aufs Angenehmste belehrt wird.

Es gibt auch eine englischsprachige Version des Buches.

Andreas Friedrich (Text), Jörg Schöner (Fotos): Die Frauenkirche zu Dresden. Geschichte und Wiederaufbau. Michel Sandstein Verlag, Dresden, 2. Aufl. 2006. 131 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Die Frauenkirche in Dresden. Tuschestift, Buntstift, 2015.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Kunstbücher, Reiseliteratur, Sachbuch