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Rainer Schmidt: Das Teebuch für Anfänger, Profis und Freaks

Wolfgang Krisai: Lesende mit einer Tasse Tee, Pinselstift, 2013.

Auf der Buch Wien 2016 fiel mir Rainer Schmidts „Kleines Teebuch“ auf, und in der Buch Wien Buchhandlung entdeckte ich dann sozusagen die „Großversion“ des Buches, nämlich „Das Teebuch für Anfänger, Profis und Freaks“.

In diesem schön bebilderten und gediegen gemachten Buch informiert Schmidt über die Teepflanze, die Teeherstellung, verschiedene Blattgrade und Teesorten und -mischungen, aber auch so spezifische Dinge wie die Tee-Lagerung in der Hamburger Speicherstadt. Hamburg ist nämlich Schmidts Arbeitsort.

Schwarztee fermentiert schnell

Was ich nicht wusste, ist die Geschwindigkeit, mit der die Fermentierung des Tees vor sich geht. Ein paar Stunden sind nur nötig, und das bei nächtlicher Kühle, sobald die Teeblätter entsprechend „gerollt“, sprich, mit einem Apparat ein wenig durch die Mangel gedreht und damit vielfach aufgebrochen sind, sodass Sauerstoff ans Innere der Blätter kommt, der die Fermentation ermöglicht. Schwarzer Tee entsteht also innerhalb einer einzigen Nacht, und dann könnte man ihn schon genießen. Allzu lang sollte man Tee jedenfalls nicht lagern, da er seine Aromastoffe verliert.

Fünfmal soviel Koffein

Fermentierter Tee hat übrigens nur ein Fünftel der Koffeinmenge des Grünen Tees, kein Wunder also, dass grüner Tee einen wesentlich munterer macht als der schwarze.

Ein großer Abschnitt ist einer detaillierten Beschreibung der Tee-Anbaugebiete auf der ganzen Welt gewidmet, obwohl aus manchen Gebieten z. B. in Afrika nie ein Tee in europäische Geschäfte kommt, da die Qualität zu minder ist.

Fairer Teehandel?

Interessant war auch die Diskussion des Fairen Teehandels: Schmidts Conclusio ist, es sei im Endeffekt besser, hochwertige, teure Teesorten aus normalem Anbau zu kaufen, weil man damit viel mehr Produzenten signalisiert, dass der Kunde hochwertige Produkte will, weshalb der Produzent darauf achten wird, sein gut geschultes Personal durch höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen an seine Plantage zu binden. Plantagen mit großer Fluktuation von Arbeitskräften bringen normalerweise keine hohe Qualität des Tees zustande, denn es ist eben eine Kunst, den Tee richtig zu ernten.

Die richtige Teezubereitung

Dreißig Seiten des Buches sind der richtigen Teezubereitung und dem Teegenuss gewidmet. Hier habe ich einmal einen handfesten Tipp gefunden, wie man die richtige Aufgusstemperatur für grünen Tee zustande bringt: nach dem Aufkochen fünf Minuten warten, dann aufgießen. Da für grünen Tee kein kochendes Wasser nötig ist, kann man auch heißes Wasser in der Thermoskanne z. B. zum Arbeitsplatz mitnehmen und dann damit immer wieder ein paar Teeblätter aufgießen. Das könnte ich einmal ausprobieren.

Schmidt plädiert entschieden für halbkugelige Glaskannen mit riesigem Metall-Teesieb. Von Kunststoff-Sieben rät er dagegen ab, da sie den Geschmack des Tees nachteilig verändern.

Tee im Teebeutel?

Während in anderen Teebüchern dem Tee in Portionsbeuteln nicht einmal ein Wort gewidmet wird, geht Schmidt darauf an vielen Stellen ein und macht deutlich, warum es sich dabei eigentlich um nur den halben Teegenuss handelt, wenn überhaupt. Zunächst wird der Tee extrem stark zerkleinert, damit er gut ins Sackerl rieselt, dadurch verliert er aber praktisch alle Aroma- und Inhaltsstoffe an die Luft, und was noch da ist, wird vom Filterpapier zurückgehalten und gelangt nie an den Gaumen des Trinkers. Es kommt daher beim Sackerltee in erster Linie auf die Färbekraft des Tees an, die sofort wirksam werden soll. Dafür eignen sich besonders die Assam-Sorten, während chinesischer Tee viel heller bleibt.

Die Farbe des Aufgusses ist übrigens auch beim Blatt-Tee kein Kriterium der Stärke, sondern sie variierte je nach Sorte.

Gesundheitsfördernd

Abschließend zählt Schmidt all jene gesundheitlich positiven Wirkungen auf, die man dem Tee zuschreibt, insbesondere dem grünen Tee: Er ist gut gegen Krebs und zu hohen Cholesterinspiegel, er regelt den Blutdruck, verlangsamt das Altern und mach munter (das ist die bekannteste Wirkung), darüber hinaus wehre er Grippeviren ab, sorge für Entspannung, helfe gegen Depressionen und fördere die geistige Leistungsfähigkeit.

Rooibos-Tee

Was Schmidt kaum bis gar nicht behandelt, sind Tees, die nicht aus der Teepflanze hergestellt werden. Er erwähnt den Rooibos-Tee, das war’s dann aber schon. Die enorme Vielfalt der Kräutertees bleibt „außen vor“. Dabei wäre ein Buch über Kräutertees aus dem Blickwinkel des Genießers durchaus wünschenswert, denn Kräutertees trinkt man heute nicht mehr nur, wenn man krank ist, sondern auch sonst.

Ein Glossar schließt den Band ab.

Trotzdem: Eine lohnende Lektüre, nach der man seinen Tee gleich viel wissender beäugt, beschnuppert und trinkt.

Rainer Schmidt: Das Teebuch für Anfänger, Profis und Freaks. Braumüller, Wien, 2. Auflage 2014. 162 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Lesende mit einer Tasse Tee, Pinselstift, 2013.

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Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hgg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 2: Die frühneuzeitliche Residenz

Wolfgang Krisai: Das Josephinum an der Währingerstraße in Wien. 2014. Tuschestift, Buntstift.Genauso interessant wie, ja, in mancher Hinsicht noch ergiebiger als der erste Band war dieser zweite Band der Geschichte Wiens, der vom 16. bis zum 18. Jahrhundert reicht.

Interessanter deshalb, weil in diesem Band auch die Kultur entsprechend dargestellt ist, also sowohl Literatur als auch Bildende Kunst und Musik. In einem Band, der die Barockzeit und die Aufklärung umfasst, könnte die Kunst kaum ausgelassen werden, während sie von der Steinzeit bis zum Mittelalter zumindest für den Normalbürger heute keine so große Bedeutung hat, wenn man von der gotischen Baukunst absieht.

Was ist mir im Gedächtnis geblieben?

Zweite Türkenbelagerung

Das markanteste Ereignis dieser Zeit war die zweite Türkenbelagerung 1683. Detail am Rande: Im Gegensatz zur ersten waren diesmal unter den Abwehrkräften auch Einheiten von Studenten und Professoren der Universität.

Nach 1683 kam es zu einem großen Bauboom, dem wir die vielen berühmten Barockbauten Wiens verdanken.

Dominanz des Hofes

Voraussetzung dafür war, dass Wien Ende des 16. Jahrhunderts endlich zum fixen Sitz der habsburgischen Herrscher wurde. Maximilian I. hatte ja noch in Innsbruck und Wiener Neustadt, Rudolf II. in Prag residiert.

Wien wurde in Renaissance und Barock von einer bürgerlich dominierten Stadt zu einer höfischen Stadt. Das sieht man nicht nur am Hausbesitz, der vor 1500 noch überwiegend in der Hand der Bürger, um 1750 aber vor allem in adeliger Hand war, wobei Hof und Regierung die dominierenden Besitzer waren. Die Bauten der großen Adelshäuser gruppieren sich wie Trabanten um die Schlösser der Habsburger, sei es um die Hofburg, sei es auch um Schönbrunn, die „Favorita“ (heute: Theresianum), aber auch um Laxenburg.

Wirtschaft

Im Bereich der Wirtschaft verloren die Zünfte nach und nach ihre beherrschende Stellung, da neben den zünftisch organisierten Meisterbetrieben immer mehr freie Handwerker, die entweder vom Zunftzwang befreit waren, weil sie für den Hof arbeiteten oder sogenannte „Störer“ waren, die z. B. im Hauptberuf Soldaten der Stadtgarde, im Nebenberuf aber Handwerker waren, da das Gehalt der Soldaten nicht zum Leben ausreichte.

Im beschriebenen Zeitraum wurden die Märkte als alleinige Stätten, wo man sich mit Waren eindecken konnte, allmählich von festen Geschäften abgelöst.

Allmählich entwickelte sich auch ein Manufakturwesen, das merkantilistisch ausgerichtet war.

Im Gesundheitswesen ist der Bau des Allgemeinen Krankenhauses und des „Narrenturms“ ein großer Fortschritt. Das „Josephinum“ wurde als Ausbildungsstätte für Militärärzte gegründet.

Schulwesen

Dem Schulwesen ist ein großes Kapitel gewidmet. Allgemein bekannt ist ja, dass Maria Theresia die allgemeine Schulpflicht einführte.

Ich wundere mich allerdings, wie sich dafür genug Lehrer finden konnten. Die Lehrer wurden nämlich häufig überhaupt nicht bezahlt, sondern betrieben den Unterricht entweder nebenbei, während sie eigentlich z. B. Organisten oder Mesner waren, oder sie lebten vom Schulgeld, das die Schüler mehr oder weniger regelmäßig bezahlen mussten. Der Lehrberuf war offenbar zumindest in den Volksschulen ein Hungerleiderjob.

Die Schulen waren auch von chronischem Geldmangel heimgesucht. Staatlicherseits wurde alle paar Jahre irgendeine Reformmaßnahme vorgeschrieben, das dafür nötige Geld aber nicht zur Verfügung gestellt. Das erinnert mich sehr an heute wieder „erreichte“ Zustände.

Im Schulwesen spielten bis zur Aufklärung die katholischen Orden, allen voran die Jesuiten, die Hauptrolle. Die Jesuiten sind in die Literatur- und Theatergeschichte durch das jesuitische Schultheater eingegangen, das für sie ein ganz wesentlicher Teil des Unterrichts war. Man dachte, durch das Theaterspielen werde den Schülern die im Stück vertretene Moral bzw. Haltung besser eingeprägt als durch andere Formen des Unterrichts. Damit hatten sie wohl nicht unrecht.

Neben den Jesuiten betrieben z. B. die Piaristen Schulen, die bis heute bestehen, natürlich auch die Benediktiner das berühmte Schottengymnasium, aber auch viele andere Orden. Jeder Orden hatte dabei seine spezifische Ausrichtung. Die Schotten etwa unterrichteten praktisch nur junge Adelige.

Universität

Die Universität hatte im beschriebenen Zeitraum nicht gerade ihre Hochblüte. Das hängt mit Reformation und Gegenreformation zusammen. Es wundert mich nicht, dass viele Professoren und Studenten sich dem Protestantismus zuwandten, da die Universitäten dem Neuen ja aufgeschlossen gegenüberstehen. Im Zuge der Gegenreformation setzte der Hof alles daran, die Universität wieder rein katholisch zu machen. Das ging nur schrittweise und führte zu einem Qualitätsverlust, da viele wichtige Professoren lieber in deutschen protestantischen Universitäten unterrichteten als sich unter Zwang dem Katholizismus zu unterwerfen.

Literatur und Theater

In der Literatur spielten zunächst die Humanisten, etwa Conrad Celtis, eine wichtige Rolle, doch in der Barockzeit gab es in Wien kaum bedeutende Autoren, wenn man von dem berühmten Prediger Abraham a Sancta Clara absieht. Erst im Zuge der Aufklärung treten wieder bedeutendere Geister in Erscheinung, der wichtigste unter den Literaten der Aufklärung ist Alois Blumauer. Die wirklich Großen der österreichischen Literatur folgten allerdings erst später. In der Aufklärung kam auch der „Salon“ als kultureller Treffpunkt in Mode.

Im Theater fällt in diese Zeit die Entstehung der Oper und des Wiener Volkstheaters. In der Oper dominierten lange – bis Christoph Willibald Gluck – die Italiener, sowohl als Komponisten wie auch als Librettisten (man denke an Pietro Metastasio).

Architektur und Bildhauerei

In der Architektur prägen noch heute die Bauten des Barock das Wiener Stadtbild: Karlskirche, Peterskirche, Piaristenkirche, und viele, viele andere Barockkirchen; der Leopoldinische Trakt der Hofburg; Schönbrunn, Belvedere, zahllose adelige Stadtpalais und Schlösser; die „Alte Universität“; die städtischen Repräsentations- und Regierungsgebäude orientierten sich am höfischen Stil, so das „Alte Rathaus“ in der Wipplingerstraße. Künstler wie Johann Bernhard Fischer von Erlach oder Johann Lucas von Hildebrandt prägten die Baukunst der Barockzeit.

Unter den Bildhauern ragt Georg Raphael Donner heraus, der auf dem Mehlmarkt den „Providentiabrunnen“ schuf (heute bekannt als „Donnerbrunnen“ auf dem Neuen Markt), wobei er mit einem besonders billigen Angebot den Hofbildhauer Mattielli aus dem Feld schlug.

Musik

Ähnlich wie in der Literatur sind auch in der Musik vor Mitte des 18. Jh. kaum Künstler vertreten, die heute mehr als einem Fachpublikum geläufig sind. Bekannt sind Namen wie Heinrich Isaak oder Paul Hofhaimer, später Christoph Willibald Gluck. Erst mit Haydn, Mozart und Beethoven treten Komponisten von Weltrang in Erscheinung.

Als Berufsmusiker konnte man in Wien am besten leben, wenn man bei Hof angestellt wurde. Immerhin gab es mehrere Hofkapellen, da nicht nur der Kaiser, sondern auch seine Gattin und seine Kinder eigene Kapellen unterhielten. Als Hofmusiker war man bei allen wichtigen Anlässen und Festen im Einsatz.

Unter Maria Theresia wurden die Hofkapellen schließlich radikal verkleinert und schließlich ganz abgeschafft. Stattdessen engagierte man bei Bedarf die nötigen Musiker. Outsourcing, würde man heute sagen. Ob das wirklich eine billigere Lösung war?

Schlechter gestellt waren die Kirchenmusiker, die nur etwa ein Zehntel dessen verdienten, was die Hofmusiker erhielten. Eine Stelle als Organist oder Kirchenmusiker konnte allerdings das Sprungbrett zu einer Stellung bei Hof sein.

Gut lesbares Buch

Stilistisch ist das ganze Buch, obwohl von verschiedenen WissenschaftlerInnen verfasst, in einer auch dem Laien gut verständlichen Sprache verfasst, die die Lektüre angenehm macht. Zahlreiche Abbildungen illustrieren das im Text Gesagte.

Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hgg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 2: Die frühneuzeitliche Residenz (16. bis 18. Jahrhundert). Hg. v. Karl Vocelka und Anna Traninger. Böhlau Verlag, Wien u.a., 2003. 651 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Das Josephinum an der Währingerstraße in Wien. 2014. Tuschestift, Buntstift.

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Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 1

Wolfgang Krisai: Der Wiener Stephansdom. 2014. Tuschestift, Buntstift..

Nach und nach haben sich die drei Bände der Geschichte der Stadt Wien, herausgegeben von Peter Csendes und Ferdinand Opll, bei mir „eingefunden“, alle zu einem stark verbilligten Preis. Jetzt las ich endlich den ersten Band, und zwar mit größtem Interesse und Gewinn. Abgehalten hat mich ja nicht Desinteresse, sondern die stattliche Dicke des Bandes von knapp 600 Seiten.

Dieser erste Band reicht von der Steinzeit bis zur Ersten Türkenbelagerung 1529. Inbegriffen sind daher sowohl die Römerzeit wie auch das gesamte Mittelalter.

In groben Zügen wusste ich über die Geschichte Wiens ja schon Bescheid, mit der Lektüre dieses Bandes wurde mein Bild jedoch entschieden erweitert.

Einige Aspekte seien willkürlich herausgegriffen:

Alles begann mit einem Römerlager

Das erste Römerlager in Wien war nicht jenes, das vom heutigen Tiefen Graben, Donaukanal, Rotenturmstraße und Graben umrissen war, sondern ein früheres, kleineres, das sich etwa beim Schottenkloster befunden haben muss. Durch dieses führte die Limesstraße, die sich in Herrengasse, Augustinerstraße und Rennweg fortsetzte. Das größere, neuere Lager mit den oben genannten Umrissen liegt nördlich davon und hatte mit der Limesstraße eine Verbindung etwa im heutigen Kohlmarkt.

Im frühen Mittelalter war die Fläche zwischen Sonnenfels- und Bäckergasse ein unbebauter Dorfanger, doch noch im Mittelalter wurde dieser mit einer Häuserzeile zugebaut.

Ständige Kleinkriege

Mir war nicht bewusst, wie sehr Wien im 15. Jahrhundert von Kleinkriegen gebeutelt wurde. Ständig war irgendein Fürst gegen einen anderen aufgebracht, was durch die engmaschige Verfilzung der Besitzungen im Wiener Raum und in der Stadt zu ständig wechselnden Belagerungen, Angriffen, Scharmützeln und Niederlagen führte.

König Ottokars schlechte Nachrede

König Ottokar II. von Böhmen, jener, der in Grillparzers Stück „König Ottokars Glück und Ende“ nicht allzu positiv dargestellt ist, war eine offenbar sehr interessante und im Grunde positive Figur, der nur eben von der Weltgeschichte überrollt und von der Propaganda der habsburgischen Nachwelt in ein schiefes Licht gerückt wurde.

Prostituierte mit gelbem Tüchlein

Interessant auch, wie man in Wien – und wohl auch in anderen mittelalterlichen Städten – mit den Prostitutierten umging: Sie mussten ein gelbes Tüchlein als Erkennungszeichen an der Schulter tragen. Wollten sie aber von ihrem Beruf loskommen, so gab es eine Art Besserungsanstalt, in die sie eintreten konnten. Wer sich dort bewährte, konnte als anerkannte und unbescholtene Bürgerin ein neues Leben beginnen.

Mit den Juden, deren es im Mittelalter eine ganze Menge in Wien gab, ging man weniger human um. Praktisch alle wurden um 1420 aus der Stadt vertrieben oder umgebracht.

Die Bürger konnten eine Vielzahl von Ämtern bekleiden, doch nur, wenn sie über ein ansehnliches Vermögen verfügten. Sie hatten in allen die Stadt betreffenden Dingen ein Mitspracherecht, das sie mehr oder weniger erfolgreich nützten.

1365 Gründung der Universität

Der Entwicklung des Bildungswesens in Wien ist ein sehr langes Kapitel gewidmet, wobei ein Großteil auf die Universität Wien entfällt, die 1365 von Rudolf IV. dem Stifter gegründet wurde. Sie stand in engster Verbindung mit der Domschule von St. Stephan, die sozusagen die Vorstufe zur Universität darstellte.

Auch der Sozialgeschichte wird ein umfangreiches Kapitel gewidmet, mehr oder weniger ausgespart ist nur die Kunst.

Erfreulicher Weise ist der Band sehr gut geschrieben, sodass die Lektüre auch flüssig vonstatten geht. Alle vier, fünf Seiten gibt es ein halb- bis ganzseitiges Bild.

Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 1: Von den Anfängen bis zur Ersten Wiener Türkenbelagerung (1529). Böhlau, Wien u.a., 2001. 597 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Der Wiener Stephansdom. 2014. Tuschestift, Buntstift.

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Stefan Luft: Die Flüchtlingskrise

Wolfgang Krisai: Sprachkurs für Flüchtlinge. Illustration, Tuschestift, 2015.

Angesichts der unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Reaktionen auf die vielen Flüchtlinge, die nach Österreich und Deutschland strömen, wollte ich mir ein wenig Hintergrundwissen verschaffen und las das jüngst erschienene Bändchen „Die Flüchtlingskrise“ von Stefan Luft aus der Reihe C. H. Beck Wissen.

Nach diesen 120 Seiten bin ich zwar noch lange kein Experte, aber immerhin um einige Eindrücke reicher:

Dschungel an Zuständigkeiten

Es gibt international, EU-intern und innerstaatlich eine geradezu unüberschaubare Menge an Institutionen, Regelungen und Maßnahmen im Zusammenhang mit Flüchtlingen und Migranten. Sie alle sind als Reaktion auf eine jeweils vorhandene Flüchtlings-Situation entstanden und führen offenbar zu einem Dschungel an Zuständigkeiten, der schwer zu entwirren ist. Ein Flüchtling, der nach Deutschland kommt (das Büchlein berücksichtigt praktisch ausschließlich die Verhältnisse in Deutschland, Österreich wird nur gelegentlich am Rande erwähnt), muss darauf vertrauen, dass er dort korrekt behandelt wird, denn er kann unmöglich wissen, welche Rechte und Pflichten er gemäß der vielen Regelungen eigentlich hätte.

Der Staat sollte eigentlich die Flüchtlingsströme bearbeiten und betreuen, er wird darin aber von vielen nichtstaatlichen Organisationen und Privatleuten unterstützt. Das führt zu einer paradoxen Situation: Im Chor öffentlicher Meinungsäußerungen übertönen die nichtstaatlichen Stimmen die des Staates, der aber eigentlich die Hauptstimme haben sollte. Stattdessen äußern sich Parteien aller Couleur, NGOs, Kirchen, etc. lautstark und oft kritisch gegenüber dem Staat.

Behörden unterbesetzt

Die Behörden, die sich mit den Flüchtlingen befassen, sind überfordert, da sie zu wenig Personal und zu wenig Geld haben. Das mangelnde Personal ist das Hauptproblem, denn auch wenn es aufgestockt wird, dauert es einige Monate, bis die neuen Mitarbeiter eingeschult sind und ihre schwierigen Aufgaben adäquat erledigen können.

Trotzdem hier bleiben

Deutschland bietet Flüchtlingen sehr gute Chancen, im Land bleiben zu können, sogar dann, wenn ihr Asylantrag abgelehnt wurde. Denn der Flüchtling kann – auch hier wohl nur mit Unterstützung – gegen Bescheide Berufung einlegen oder Klage erheben, was zu Aufschub führen kann. Und sogar rechtswirksame Abschiebe-Bescheide werden oft nicht exekutiert, weil kein Personal da ist, das den Flüchtling abschieben könnte.

Das sind nur einige Aspekte. Sehr angenehm ist die Sachlichkeit und Objektivität, mit der der Autor – wie es für einen Wissenschaftler selbstverständlich ist – die Flüchtlingsproblematik behandelt.

Ergänzt wird der Band – ebenso selbstverständlich – durch ein Abkürzungsverzeichnis (wichtig angesichts der Fülle wenig geläufiger abgekürzter Bezeichnungen!), ausführliches Literaturverzeichnis und Register.

Nominalstil

Die Lektüre wurde leider durch den extremen Nominalstil des Autors erschwert. (Als Dozent an der Uni Bremen kann er wohl nicht anders…) Da hätte dem Buch ein gutes Lektorat sehr genützt, um es breitenwirksamer zu machen. Breite Wirkung hätte es nämlich verdient, da wohl nicht wenige Menschen in einer ähnlichen Lage wie ich sind und einen knappen und schnell aufnehmbaren Einblick in die „Flüchtlingskrise“ bräuchten.

Stefan Luft: Die Flüchtlingskrise. Ursachen, Konflikte, Folgen. C. H. Beck, München, 2016. Reihe: C. H. Beck Wissen. 128 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Sprachkurs für Flüchtlinge. Illustration, Tuschestift, 2015.

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Stätten des Wissens. Die Universität Wien entlang ihrer Bauten 1365 – 2015

Wolfgang Krisai: Alte Universität Wien / Österreichische Akademie der Wissenschaften. Tuschestift, 2013.Nachdem ich mich mit der Geschichte der Universität als Institution im allgemeinen beschäftigt hatte (siehe: Koch: Die Universität), reizte mich nun die Geschichte der Universität, die ich selbst besucht hatte: der Universität Wien.

Schon auf der „Buch Wien 2015“ war mir der schöne Bildband „Stätten des Wissens. Die Universität Wien entlang ihrer Bauten 1365 – 2015“ ins Auge gefallen, den ich mir dann kaufte und bald las, und zwar mit größtem Interesse und Gewinn.

Auch eine Geschichte der Universität Wien

Das Buch bietet nicht nur genaue Beschreibungen vieler wichtiger Universitätsbauten in Wien, sondern – unumgänglich, möchte man sagen – auch eine Geschichte der Universität Wien, die man braucht, um die Bauten überhaupt entsprechend würdigen zu können. Diese Geschichte, die sich in den Bauten niederschlägt, ist abwechslungsreich und spannend. Wie ein roter Faden durchzieht sie das Problem des Platzmangels, das offensichtlich systemimmanent ist, denn die Bauherren verschätzen sich immer, was die zukünftigen Entwicklungen der Institutionen betrifft. Sowohl die steigenden Studentenzahlen wie auch die Explosion des Wissens und damit der Forschungsgebiete und Institute, genauso aber auch der Publikationen, die in der Universitätsbibliothek Platz finden sollen, wurden immer grob unterschätzt.

Gegründet 1365

Gegründet wurde die Universität Wien 1365 von Herzog Rudolf IV., dem Stifter. Doch erst zwei Jahrzehnte später, unter Herzog Albrecht III., kam die Sache so richtig in Schwung. Man spricht sogar von einer „Neugründung“ der Universität durch Albrecht. Bauliches Zentrum der Universität war ein Kollegiengebäude auf dem Areal, das heute vom Jesuitenkloster in Anspruch genommen wird und etwas östlich der heutigen Jesuitenkirche liegt. Neben dieser „Zentrale“ der Universität gab es im Mittelalter zahlreiche weitere Bauten, die mit der Uni in Verbindung standen: ein weiteres Hauptgebäude südlich des ersten, die sogenannte „Neue Schul“ (eine traditionelle Unsitte, irgendwelche Bauten als „Neue …“ zu benennen, die zuletzt in den 60er-jahren des 20. Jahrhunderts zum Bau des noch heute so bezeichneten „Neuen Institutgebäudes“, kurz NIG, führte, das inzwischen schon so alt ist, dass es eine Generalsanierung über sich ergehen lassen musste) und zahlreiche „Bursen“ und „Kodreien“ innerhalb des Stadtgebiets. Eine Burse ist eine Art Studentenheim, geleitet von einem Magister, der dort auch für Ordnung und Studierbetrieb sorgte. Vom Wort „bursa“ stammt unser Wort „Bursche“ ab. Kodreien hingegen sind Bursen für arme Studenten, die sich die Bursen nicht leisten konnten. Das Leben in einer Kodrei war dementsprechend spartanisch.

Jesuiten

Nächster Schritt: Die Jesuiten bekommen den gesamten höheren Bildungsbetrieb Wiens übertragen. Sie bauen das Uni-Gebäude riesig aus und ergänzen es durch die prachtvolle barocke Universitäts- bzw. Jesuitenkirche. Der Universitätsbetrieb umfasst damals auch die Gymnasien bzw. deren Vorgängerinstitutionen, sodass viele Studenten erst 16 Jahre alt waren.

Bekanntlich legten die Jesuiten großen Wert aufs Theaterspielen, daher ließen sie auch einen entsprechenden Theatersaal einrichten.

Ausbildungsstätte nützlicher Staatsdiener

Während der Aufklärung gerieten die Jesuiten in Misskredit, der Orden wurde aufgehoben und die Universitäts-Agenden gingen in die Hand des Staates über. Unter Maria Theresia kümmerten sich berühmte Männer wie Joseph von Sonnenfels um die Neuorganisation der Universität, die nun als eine Ausbildungsstätte nützlicher Staatsdiener verstanden wurde und keineswegs als eine freie Forschungs- und Lehranstalt. Kontrolle allenthalben.

Die „Neue Aula“

Immerhin sorgte Maria Theresia dafür, dass die Uni ein standesgemäßes (wenn auch von Anfang an zu kleines) Hauptgebäude bekam: die „Neue Aula“ neben der Jesuitenkirche, ein wunderbarer spätbarocker Bau von Jean Nicolas de Jadot, heute auch als „Alte Universität“ und Sitz der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bekannt. Der Festsaal mit schönen Deckenfresken, die vier Fakultäten vorstellend, ist noch heute berühmt, aber leider nur bei Veranstaltungen zugänglich. Während des Uni-Betriebs im 18. Jh. war der Saal, der das Uni-Gebäude im ersten Stock quer teilt, untertags ein Störfaktor, weil die Studenten lange Zeit nicht durchgehen durften, wenn sie von der einen Seite des Gebäudes auf die andere wechseln mussten, abends ein beliebter Konzertsaal, wo Haydn oder Beethoven Aufsehen erregende Konzerte gaben.

Zur Kaserne umfunktioniert

Die geistige Beengung des Studienbetriebs führte 1848 zum Befreiungsschlag in Form der maßgeblich von Studenten ausgeführten Revolution. Kaiser Franz Joseph ließ die Revolution zwar niederschlagen, die Uni wurde zur Kaserne umfunktioniert (nur die Sternwarte am Dach blieb als Universitätssternwarte mangels Alternative noch einige Jahrzehnte in Betrieb), aber immerhin begriffen die Bildungsminister, dass man den Universitätsbetrieb besser und vor allem freier organisieren musste. In Preußen war von Wilhelm von Humboldt ein neues, zukunftsträchtiges Universitätsideal ausgerufen worden: die Universität als Symbiose von Forschung und Lehre. Das sollte nun auch in Österreich verwirklicht werden.

Das Universitätsgebäude am Ring

Verständlich, dass eine Hauptstadt eines Kaiserreichs auch eine repräsentative Universität brauchte. Daher mussten die zahllosen Provisorien, die sich nach 1848 herausgebildet hatten, endlich beseitigt werden. Im Zug der Errichtung der Wiener Ringstraße mit ihren Prachtbauten sollte auch die Universität ihren gebührenden Platz erhalten. 30 Jahre lang diskutierte und plante man, bis sich schließlich der endgültige Bauplatz fand und man direkt an der Ringstraße zwischen Rathaus und Votivkirche die „Hauptuni“, wie sie heute von Studenten genannt wird, errichtete. Architekt war Heinrich von Ferstel. Eröffnet wurde das Gebäude 1884.

Es ist gleichsam ein Architektur gewordenes Kompendium der Bildungsideale des 19. Jahrhunderts. Ein umfangreiches Programm bildlicher Darstellungen und Inschriften zeigt alle wesentlichen Forscher und Gelehrten der Weltgeschichte an den Außenfassaden. Darüber hinaus ist auch die Architektur selbst Ausdruck des Bildungsideals: der Neorenaissance-Stil erinnert an die Zeit des Humanismus; der Mittelrisalit zitiert den Louvre als Bildungsstätte seit der französischen Revolution; die Seitenrisalite zitieren die Seitenfront der Biblioteca Marciana in Venedig, die Sgraffiti an der Rückwand lehnen sich an die Gestaltung von Gottfried Sempers Polytechnikum in Zürich an. Diese Architekturzitate sind mir bisher überhaupt nicht bewusst gewesen, was wiederum beweist, dass man nur sieht, was man weiß.

Universitätssternwarte

Das Hauptgebäude der Universität war Ende des 19. Jahrhunderts aber nur eines von mehreren bedeutenden Bauvorhaben. Daneben wurden z. B. die Universitätssternwarte, seinerzeit immerhin die größte der Welt, und mehrere Institutsgebäude errichtet. Alles in allem war die Universität Wien um 1900 eine der führenden Unis der Welt.

Diesen Status büßte die Uni im 20. Jahrhundert leider ein. Der Erste Weltkrieg führte zu „Brain drain“ und Stagnation beim weiteren Ausbau. Von 1938 – 1945 spielte die Universität eine unrühmliche Rolle. 1945 wurde sie zerbombt und musste rund zehn Jahre lang wieder aufgebaut werden.

Ab den 60er-Jahren ging es dann auch imagemäßig wieder bergauf. Auch die Studentenzahlen stiegen, sodass das bereits erwähnte NIG errichtet werden musste, um die Hörermassen aufzunehmen.

Campus Altes AKH

Ein besonders markanter baulicher Schritt war Ende des 20. Jh. der Umbau des aufgelassenen Alten Allgemeinen Krankenhauses zu einem modernen Universitätscampus in alten Mauern. Die beiden letzten Bauten, von denen das Buch berichtet, sind der Institutsneubau Währingerstraße 29 und der Umbau eines Bürogebäudes zum mathematischen Institutsgebäude am Oskar-Morgenstern-Platz 1.

Josephinum, „Narrenturm“, Universitätsbibliothek

Das Buch widmet auch Bauten, die nur indirekt mit der Universität zu tun haben, einige Abschnitte: z. B. dem Josephinum in der Währingerstraße oder dem dahinter befindlichen „Narrenturm“. Auch die Entwicklungsgeschichte der Universitätsbibliothek wird ausführlich dargestellt. Sie kulminiert im schönen großen Lesesaal der UB im Hauptgebäude der Uni. Was ich als Student nicht bemerkt hatte, ist die Tatsache, dass man, um Platz für einen weiteren Bücherspeicher zu bekommen, dessen Boden beim Wiederaufbau um satte zweieinhalb Meter angehoben hat. Jetzt, wo ich es weiß, erinnere ich mich, dass ich als Student beim Herausnehmen von Büchern aus dem Untergeschoß der umlaufenden Regale fast mit dem Kopf an der Galerie angestreift bin. Leider bietet das Buch keine Vergleichsfotos zwischen dem ursprünglichen und dem Zustand nach Anhebung des Bodens.

Das ist aber auch der einzige Abbildungsmangel, denn sonst ist der Band üppig bebildert.

Insgesamt ein überaus interessantes und informatives Buch, das einem die Wiener Universität und ihre Bauten bestens erschließt.

Stätten des Wissens. Die Universität Wien entlang ihrer Bauten 1365 – 2015. Hg. v. Julia Rüdiger und Dieter Schweizer. Böhlau, Wien u.a., 2015. 394 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Alte Universität Wien / Österreichische Akademie der Wissenschaften. Tuschestift, 2013.

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Haben Sie das alles gelesen? Ein Buch für Leser und Sammler

Wolfgang Krisai: Lesepult und Bücherregale. Tuschestift, Farbstift, 2016.Ich liebe Bücher über Bibliotheken. In vielen von ihnen werden Bibliotheken vorgestellt, die vor allem aus ästhetischen Gründen interessant sind, was so weit gehen kann, dass ein Besitzer seine Bücher offenbar nach Farbe ausgewählt hat und die gesamte Bibliothek in Weiß gehalten ist. Andere wiederum tun sich durch aufwändige Regalarchitektur hervor. Irgendwie hat man dabei das Gefühl, diese Bibliotheken gehörten bestenfalls Sammlern, jedoch keinen Lesern.

Bei der Buch Wien 2015 entdeckte ich jedoch eine Ausnahme, das von Klaus Walther und Dieter Lehnhardt herausgegebene Buch „Haben Sie das alles gelesen?“, das sich ausdrücklich als „Ein Buch für Leser und Sammler“ bezeichnet.

Bibliotheken von Gleichgesinnten

Schon beim ersten Hineinblättern sah ich auf den Abbildungen Regale, die meinen eigenen vom Grundcharakter her nicht unähnlich sind, gefüllt mit Büchern, oft Gesamtausgaben, unter denen ich viele erkannte, die ich selbst auch besitze. Bibliotheken von Gleichgesinnten also! Auch insofern, als die Regale ganz offensichtlich in erster Linie der optimalen Raumausnützung dienen, damit der Besitzer so viele Bücher wie möglich unterbringen kann. Bücherregale haben ja die Tendenz, ständig überzuquellen…

Essays der Bibliotheksbesitzer

Die Herausgeber des Bandes haben viele solche Bibliomanenen offenbar gefragt, wie sie Besuchern auf deren Frage „Haben Sie das alles gelesen?“ antworten würden. Herausgekommen sind kurze Essays der Bibliotheksbesitzer über Entstehung, Schwerpunktsetzung und Entwicklung ihrer Bibliotheken. Ziemlich viele der Sammler sind in der DDR groß geworden sind und haben dementsprechend interessante Dinge über erschwerten Buchkauf, Buchschmuggel oder „Bückware“ (also Bücher, die der Buchhändler unter dem Ladentisch hervorholte und nur an vertrauenswürdige Kunden verkaufte) zu erzählen.

Detektivarbeit mit Leselupe

Jede Bibliothek wird mit einem doppelseitigen Foto und mehreren kleineren Abbildungen auch visuell vorgestellt. Wegen des kleinen Buchformats ist es allerdings ratsam, eine Leselupe bereitzulegen, damit man sich als Detektiv betätigen kann: Welche Gesamtausgabe mag das wohl sein? Ist das wirklich der Buchrücken von … ?

Berühmte Bücher-Orte

Das letzte Viertel des Buches widmet sich berühmten, öffentlich zugänglichen Bücher-Orten: von Goethes Bibliothek in seinem Wohnhaus am Frauenplan in Weimar über Arno Schmidts Bibliothek in Bargfeld, Ernst Jüngers Sammlungen in Wilfingen, Thomas Manns Arbeitszimmer mit Bibliothek im Thomas-Mann-Archiv an der ETH Zürich oder Karl Mays Bücher in der Villa Shatterhand in Radebeul bis zu Balzacs Haus in der Rue Raynouard in Paris.

Kurzbiographien der Büchersammler runden den Band ab.

Haben Sie das alles gelesen? Ein Buch für Leser und Sammler. Hg. v. Klaus Walther u. Dieter Lehnhardt. Mironde-Verlag, Niederfrohna, 2014. 335 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Lesepult und Bücherregale. Tuschestift, Farbstift, 2016.

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Hans-Albrecht Koch: Die Universität.

Wolfgang Krisai: Arkadenhof der Universität Wien. Tuschestift. 2015

Die Institution Universität halte ich für eine der größten Errungenschaften der westlichen Kultur. Genial ist die Idee, Forschung und Lehre so eng zu vernetzen, dass daraus der wahrscheinlich stärkste Motor des Fortschritts wurde.

Darüber hinaus ist die Universität die Manifestation der bedeutendsten Fähigkeit des Menschen: des Lernens. In diesem Fall auf höchstem Niveau. (Die Voraussetzungen dafür im Schulwesen dürfen auch nicht unterschätzt werden, insbesondere die Gymnasien.)

Wie weit bestätigt die Geschichte der Universität nun diese Thesen?

Dazu las ich nun das 2008 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschienene Buch „Die Universität. Geschichte einer europäischen Institution“ von Hans-Albrecht Koch. Und erfuhr daraus, dass nicht alles, was ich für genuin universitär gehalten habe, schon immer so war. Der Gedanke, die Universität solle „Forschung und Lehre“ vereinigen, wurde so erst von Wilhelm von Humboldt entwickelt. (Hut ab vor diesem Mann!)

Paris, Bologna, Oxford

Das Buch stellt die Entwicklung der Universität in Europa und den USA dar, allerdings mit Schwerpunkt auf Deutschland. Die Uni ist jedoch keine deutsche Erfindung, sondern eine französische und italienische. Die beiden ersten Universitäten waren nämlich Paris (entstanden um 1200) und Bologna (ebenfalls um 1200), und im gleichen Atemzug müsste auch Oxford (um 1200) genannt werden.

Mit der heutigen Institution hatten diese Universitäten noch nicht viel gemein, außer dass die größten Geister der Zeit dort Studenten unterrichteten. (Man denke nur an den Theologen Thomas von Aquin, der in Paris lehrte. Latein als damalige lingua franca ermöglichte eine internationale Herkunft von Professoren und Studenten.)

Bald folgten die Gründungen der Universitäten Cambridge (1233), Montpellier (1289), Prag (1348), Krakau (1364). Die erste Universität im heutigen deutschen Sprachraum war Wien (1365), gefolgt von Heidelberg (1385) und vielen anderen.

Ich kann hier nicht die gesamte Entwicklung nachzeichnen, sondern nur einige Aspekte herausgreifen, die mir besonders interessant erschienen:

Vorlesungen auf Deutsch

So zum Beispiel die Tatsache, dass Deutsch als Unterrichtssprache nicht erst in der Aufklärung verwendet wurde, wie immer wieder behauptet wird, sondern schon viel früher. So hielt z. B. Thomas Münzer bereits in der Renaissance deutschsprachige Vorlesungen.

Intrigenstadl

Schon während meines eigenen Studiums ist mir aufgefallen, dass die Universität nicht nur hehre Stätte von Forschung und Lehre ist, sondern – gewissermaßen als Ausgleich – auch ein fürchterlicher Intrigenstadel. Das war auch früher schon so. Zu spüren bekam das etwa Friedrich Schiller, als er in Jena Universitätsprofessor wurde. Er hatte beantragt, Geschichtsprofessor zu werden, wurde dann aber als Philosophieprofessor berufen. Nachdem er unter gewaltigem Publikumszuspruch seine berühmte Antrittsvorlesung „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte“ (1789) gehalten hatte, trat schnell ein Neider auf den Plan, der ihm aus der Tatsache, dass er als Philosophieprofessor illegitim ins Fach Geschichte ausgrase, einen Strick zu drehen versuchte. (S. 102f).

Schiller-Lektüre hätte übrigens dem Autor dieses Buches nicht geschadet, denn dann wäre ihm vermutlich der peinliche Schnitzer nicht passiert, die wegen brutaler Rekatholisierungsmethoden als „Bloody Mary“ in die Geschichte eingegangene Mary I. Tudor mit Maria Stuart zu verwechseln (S. 108).

Universitätsbibliotheken: Eckpfeiler des Erfolgs

Koch streicht auch die Bedeutung der Universitätsbibliotheken als Eckpfeiler des Erfolgs heraus: Wo es eine gute Universitätsbibliothek gab, dorthin ließen sich die Professoren auch gerne berufen.

Die weltgrößte Universitätsbibliothek gibt es übrigens weder in Paris noch in Wien, sondern: in Harvard. Ja, die ganze Universität wurde dort nach jenem edlen Spender John Harvard benannt, der 1638 dem College „seine Bibliothek und die Hälfte seines Besitzes hinterließ“ (S. 110).

Den imposanten Universitätsbibliotheken des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist sogar ein eigener Abschnitt gewidmet (etwas irreführend „Universitätsgebäude“ betitelt). Als ein besonders wichtiges Beispiel führt Koch neben Graz die Universitätsbibliothek Wien an, deren Lesesaal in der von Heinrich von Ferstel erbauten Universität am Ring noch heute eine wunderbare Atmosphäre ausstrahlt. Natürlich haben auch die Universitätsbibliotheken mit akuten Platzproblemen zu kämpfen, da seltsamer Weise seit Jahrhunderten der Platzbedarf von Büchern unterschätzt wird. (Ein Phänomen, das ich auch von meiner privaten Bibliothek kenne…) Eine Strategie, dieses Problems Herr zu werden, war im 20. Jh. die Idee der „self-renewing-library“, deren Platzbedarf deshalb nicht steigen sollte, weil man immer genausoviele alte Bände ausscheiden sollte, wie neue angekauft wurden. „Mit der Betrachtung einer Bibliothek als einer Infrastruktureinrichtung für wissenschaftliche Arbeit hat dergleichen kaum noch zu tun“ (S. 172).

Universität in der Literatur

Gutes Benehmen und ausgeprägter Fleiß waren nicht immer die Stärken von Studenten, was Anlass zu Universitätssatiren vom Mittelalter bis heute gab. Im englischsprachigen Raum entwickelte sich sogar ein eigener Romantypus, der „Universitätsroman“ (z. B. von David Lodge), der sich allerdings in der deutschen Literatur nicht durchsetzte. „Die Universität als Thema der Literatur“ ist ein eigenes Kapitel (S. 264-269).

Frauenstudium

Den Entwicklungen im 20. Jh. widmet Koch verständlicher Weise viel Aufmerksamkeit. Etwa der Frage, wie es um das Frauenstudium stand, das eigentlich eine sehr junge Errungenschaft ist und, betrachtet man den Prozentsatz der Studentinnen heute, einen gewaltigen Siegeszug der Frauen gleichkommt. Auch als Lehrende setzten sich Frauen erst spät durch. Die erste Habilitation einer Frau, der Germanistin Elise Richter, gab es 1905 in Wien. 1921 wurde sie a. o. Professorin.

Relativ neu ist auch das Verbindungs(un)wesen mit seinen Saufgelagen und den „Mensuren“.

Nationalsozialismus und Universität

Von da ist es nicht weit zum unerfreulichsten Kapitel der Universitätsgeschichte: dem Verhältnis der Unis zum Nationalsozialismus. Heidegger fällt einem da gleich ein, der auf S. 208 relativ glimpflich davonkommt. Auf der anderen Seite stehen die Mitglieder der „Weißen Rose“ (S. 206f).

Universitätslehrer waren nicht selten ausgeprägte Wendehälse, was durch die Universitätspolitik der Besatzungmächte, die die Unis möglichst schnell wieder auf die Beine bringen wollten. Kurioses Exptrembeispiel ist der „Fall Schneider/Schwerte“, wo der nationalsozialistisch belastete Ernst Schneider sich 1945 einfach für tot erklären ließ und als Hans Schwerte eine neue Universitätskarriere begann (übrigens auch die „Witwe“ des Ernst Schneider heiratete!) und es bis zum Rektor der TH Aachen brachte. Schneider setzte sich in den 70er-Jahren „für die kritische Aufarbeitung des Nationalsozialismus und die europäische Versöhnung“ ein. Erst 1995 kam man ihm auf die Schliche (S. 225).

Sehr ausführlich werden die Studentenunruhen samt ihren ins Terrormilieu reichenden Hintergründen geschildert.

Summarisch hingegen fasst Koch die Entwicklung der künstlerischen Hochschulen zusammen (S. 242-248). Einrichtungen im Umfeld der Universitäten wie der DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst), die Forschungsinstitute von den Akademien der Wissenschaft bis zu Fraunhofer-Gesellschaft, ja sogar die Volkshochschulen werden ebenfalls kurz behandelt.

Bologna-Prozess

Ganz zum Schluss lässt Koch kein gutes Haar am „Bologna-Prozess“:

„Die Wirklichkeit der Bologna-Prozesse sieht anders aus als erwartet: noch mehr Bürokratie und noch mehr Immobilität und die allmähliche Ausbildung einer Schafs- statt Lammsgeduld, die ist unentbehrlich, um nach der Welle von sog. ‚Rankings‘ durch Einrichtungen wie das Gütersloher ‚Centrum für Hochschulentwicklung‘ weitermachen zu können.“ (S. 272)

Der Band ist gut zu lesen, wenn auch stellenweise der Wechsel von einem Thema zum nächsten etwas überraschend vonstatten geht. Zur Illustration dienen einige Schwarzweißabbildungen.

Hans-Albrecht Koch: Die Universität. Geschichte einer europäischen Institution.Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2008. 320 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Arkadenhof der Universität Wien. Tuschestift. 2015

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