Archiv der Kategorie: Theaterstück

Anton Čechov: Drei Schwestern. Drama in vier Akten.

Wolfgang Krisai: Anton Tschechow, nach einem Foto im Tschechow-Museum, Moskau. Tuschestift, 2017.

In einer russischen Provinzstadt leben drei Schwestern, Olga, Mascha und Irina Sergejewna Prozorow mit ihrem Bruder Andrej in einem geräumigen Haus. Die ersten beiden Akte des vieraktigen Stücks spielen in einem Vestibül mit Blick in den zugehörigen Speisesaal, der dritte im Zimmer von Olga und Irina, der vierte im Garten vor dem Haus.

„Nach Moskau!“ – und doch nicht

Mascha ist mit einem Lehrer, Kolygin, verheiratet, Olga wird im Lauf des Stücks Direktorin des Gymnasiums, ohne dies je angestrebt zu haben, und Irina will heiraten und wird Lehrerin. Das klingt recht solide, wird aber kontrastiert von einem Lebensüberdruss und einer Unlust, in dieser Provinzstadt länger zu leben, die alle drei Frauen erfasst hat. Am liebsten würden sie „nach Moskau!“ ziehen, ein Ausruf, der zum Leitmotiv des Stücks wird. Doch im Endeffekt kann sich keine der drei aufraffen, wirklich die Stadt zu verlassen und in das Moskau ihrer Träume zu ziehen.

Im Haus verkehren einige Gäste, die die Frauen umschwärmen. Ja, im ersten Akt wird auch Andrej noch umschwärmt, und zwar von Natascha, der er einen Heiratsantrag macht. In Akt zwei bis vier sind sie verheiratet, und die Wirklichkeit der Ehe lässt Andrej ernüchtern und Natascha zu einer keifenden Glucke werden.

Offiziere sind attraktiver als Zivilisten

Die anderen Gäste sind alle männlich, zum Großteil Offiziere. Die Damen finden Offiziere attraktiver als Zivilisten. Dementsprechend wenig haben sie für den stets im Hintergrund anwesenden Doktor Cebutykin übrig, einem Militärarzt, der ständig mit bissigen bis dummen Bemerkungen stört.

Oberstleutnant Verschinin ist der sympathischste der Offiziere, und er verliebt sich ausgerechnet in die schon verheiratete Mascha. Allerdings ist er selbst ebenfalls verheiratet, mit einer Frau, die immer wieder Selbstmordversuche macht, und Vater zweier Töchter.

Ein Duell

Irina wird von Baron Tutzenbach, einem deutschstämmigen Russen, der mehrmals betont, er sei kein Deutscher, sondern Russe, sogar orthodox, umschwärmt, doch leider kann sie dessen Liebe nicht erwidern. Im vierten Akt hat sie sich dazu durchgerungen, Tutzenbach, der seine Militärlaufbahn zugunsten eines Zivilberufs aufgegeben hat, trotzdem zu heiraten und ihm eine gute Ehefrau zu sein. Tutzenbach hat sich am Vorabend des vierten Akts jedoch zu einer Beleidigung eines Offiziers hinreißen lassen, was zu einem Duell führt, das während des vierten Aktes in einem nahen Wald stattfindet. Man hört sogar den fernen Schuss, der Tutzenbach das Leben kostet.

Im vierten Akt verlässt die ganze Truppe, der die Offiziere angehören, die Stadt und wird nach Polen versetzt. Allgemeiner Abschied daher.

Im Haus leben schließlich nur noch Andrej, Natascha und deren zwei Kinder. Olga hat eine Dienstwohnung im Gymnasium bezogen, wohin sie auch ihre ehemalige, nun über achtzigjährige Amme Anfisa mitgenommen hat. Irina wird ebenfalls wegziehen.

Noch unglücklicher

Alle drei Schwestern sind am Ende noch unglücklicher als zu Beginn. Mascha sagt, sie führe, da Verschinin jetzt abrücken muss, „ein verpfuschtes Leben“ (S. 75). Aber: „Ist doch alles egal …“ (S. 75) Weiterleben zu müssen ist für sie fast eine Strafe: „Alle gehen von uns fort, einer ist ganz von uns gegangen, ganz, für immer, wir bleiben allein, um unser Leben von vorn anzufangen. Wir müssen leben … Wir müssen leben …“ (S. 77)

Trost in der Arbeit

Irina erhofft sich Trost in der Arbeit: „Morgen werde ich allein fahren, ich werde in der Schule Unterricht geben und mein ganzes Leben denen widmen, die es vielleicht brauchen. […] und ich werde arbeiten, arbeiten …“ (S. 77)

Olga hofft, irgendwann den Sinn ihres Lebens herauszubekommen: „und wir werden erfahren, warum wir leben, warum wir leiden … Wenn man es nur wüßte, wenn man es nur wüßte!“ (S. 78)

Einzig Anfisa ist zufrieden, denn endlich hat sie ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bett. Bescheidene Freuden einer uralten Dienstbotin.

Melancholie des sinnlosen Lebens

Tschechow fängt in diesem Stück die Melancholie des sinnlosen Lebens ein. Im Gegensatz zur Erzählung „Das Haus mit dem Giebelzimmer“(siehe vorhergehenden Eintrag) gibt es hier keine Figur, die eine sozialrevolutionäre Ideologie vertritt. Kleine Ansätze dazu bietet nur Baron von Tutzenbach, der ein Lob der Arbeit anstimmt und selbst Unternehmer werden will, den jedoch vor der Ausführung dieses Vorhabens der Tod ereilt. Ein sinnloser Tod in einem zum Glück inzwischen abgekommenen sinnlosen „Ritual“.

Meine Ausgabe, übersetzt und kommentiert von Peter Urban, bietet neben dem Text auch einen umfangreichen Kommentar mit Entstehungsgeschichte, Varianten, Tschechow-Texten über sein Stück und einem sehr nützlichen Stellenkommentar.

Tschechow oder Čechov? Ich tendiere ja eher zu Tschechow, der Diogenes-Verlag bedient sich aber der wissenschaftlichen Transliteration des Namens und schreibt Čechov. Eine unerfreuliche Situation, da man nun zwei Schreibungen parallel hat, unter denen Bücher des Autors veröffentlicht sind…

Anton Čechov: Drei Schwestern. Drama in vier Akten. Übersetzt und herausgegeben von Peter Urban. Diogenes, Zürich, 1974. detebe. 131 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Anton Tschechow, nach einem Foto im Tschechow-Museum, Moskau. Tuschestift, 2017.

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Nina Hartmann, Gregor Barcal: Match me if you can. Eine Dating-App-Komödie

Wolfgang Krisai: SMS. Tuschestift, 2011.Nina Hartmann ist Kabarettistin und geborene Tirolerin. Daher ist in dieser Zwei-Personen-Komödie die Heldin Lisa Tirolerin und spricht einen ausgeprägten Tiroler Dialekt. Das steht allerdings nur in den Regieanweisungen, denn der Text ist in ganz normaler Standardsprache geschrieben und soll – das steht ebenfalls in den Regieanweisungen – ganz nach Bedarf in andere Dialekte übertragen werden.

Die zweite Person, Martin, ist Städter und spricht keinen Dialekt. Daraus sollten sich lustige Kontraste ergeben, von denen dann aber doch nicht so viel kommt wie angekündigt.

Dating-App

Lisa hat sich auf der Dating-App „Tinder“ angemeldet und nach einiger Zeit Lust bekommen, endlich über Tinder auch ein reales Date anzubahnen. Zuvor hat sie sich nur immer die auf Tinder angebotenen Männer durchgescrollt. Wenn man sie auf dem Smartphone nach links wischt, sind sie weg, wischt man nach rechts, gibt es ein „Like“. Liked einen der gerade Gelikte ebenfalls, so ist das ein „Match“ und man kann miteinander chatten. Alles Weitere kann sich dann ergeben: Telefonnummernaustausch, Date, große Liebe…

Fake und Fake

Lisa hat nun mit ihrem Chat-Freund Martin so ein Date ausgemacht und sitzt im vereinbarten Café. Sie sieht in Wirklichkeit anders aus als auf ihrem Tinder-Account-Foto, was übrigens natürlich genauso auf Martin zutrifft. Kein Wunder, dass sie einander zunächst nicht erkennen, als Martin eintrifft. Trotzdem kommen sie ins Gespräch, und Martin ist so angetan von seinem überraschenden Aufriss, dass er sein Date per Handy absagt. Lisa braucht ziemlich lange, um draufzukommen, dass der sie per SMS versetzt habende Martin eben jener dickliche Mann ist, der gerade mit ihr flirtet.

Witziges Kapital schlägt die Komödie auch daraus, dass Martin seinem Arbeitskollegen und Freund René zwischendurch immer wieder per SMS oder Kurztelefonat Rechenschaft über den Flirt-Fortschritt gibt. Das gleiche macht René, der ebenfalls gerade mit einer turtelt, dabei aber schneller vorankommt als Martin und nun unbedingt dessen Wohnung als Liebesnest haben will, solange Martin im Café ist. Er ist ja verheiratet, kann also mit der Neuen nicht zu sich nach Hause gehen.

Verwechslungskomödie für zwei

Es stellt sich heraus, dass Lisa mit René verheiratet ist. Da Martin ein loyaler Freund ist, nimmt er zunächst von Lisa Abstand. Als Lisa aber erzählt, dass René Martin in der Firma absägen will (was sich am Ende aber als falsch herausstellt), erzählt er ihr, was René gerade treibt, um sie zu einem Rache-Sex zu bewegen. Schon knöpft er sich das Hemd auf, mitten im Lokal, doch die wutschnaubende Lisa sucht schon auf Tinder nach einem aktuellen Date, findet einen Typ namens „African Horse 25“, der gerade Lust auf ein Date hätte, und zischt zu diesem ab. Was die beiden nicht wissen: Der geile „African Horse 25“ ist ihr Mann René… Das erfahren aber Martin und die Zuschauer, weil dieser zu allerletzt nochmals mit René telefoniert und ihn nach seinem Tinder-Namen fragt. Martins breites Grinsen sagt alles.

Aufgrund der gefakten virtuellen Existenzen der handelnden Personen war es möglich, mit nur zwei real auf der Bühne agierenden Figuren eine Verwechslungskomödie zu schreiben.

Lustiges Stück, das die gerade aktuelle Situation auf dem online-Dating-Markt humoristisch nützt. Sobald sich da neue Formen der Anbahnung bilden, wird das Stück unaktuell werden. Daher: Jetzt lesen.

Nina Hartmann, Gregor Barcal: Match me if you can. Eine Dating-App-Komödie. Schultz & Schirm-Verlag, Wien, 2016. 109 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: SMS. Tuschestift, 2011.

PS: Jedem Band aus dem Schultz & Schirm-Verlag ist ein Vorwort von Verlags-Mitgründer Michael Niavarani vorangestellt, aus dem ich hier zitieren möchte, weil es mir als altem Theaterstück-Leser aus der Seele spricht:

„Da muss Ihnen wohl ein Irrtum passiert sein: Sie halten ein abgedrucktes Theaterstück in der Hand. Man hat uns ja von einigen Seiten abgeraten, kleine Büchlein herauszugeben, in denen schwarz auf weiß und knochentrocken das steht, was saftig und bunt auf einer Bühne zu passieren hat. Solche Heftchen, sagten uns manche, verkaufen sich gar nicht. Wer, um alles in der Welt, liest ein Theaterstück? [Niavarani erzählt, wie er als junger Mann erstmals das Textbuch einer Broadwayshow las.] Es musste fast 30 Jahre dauern, bis Helen Zellweger, Georg Hoanzl und ich unsern Verlag Schultz & Schirm gründeten, einen Theaterverlag, der […] eine eigene Buchreihe herausbringt, mit aktuellen Theaterstücken, vornehmlich Komödien. Damit die paar Wahnsinnigen, die das Theater so sehr lieben, dass sie es auch in knochentrockener Form lesen wollen, auf ihre Kosten kommen.“

 

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Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman. Schauspiel

Wolfgang Krisai: Bücher. Acryl auf Papier, 1988.Auf Ibsens „John Gabriel Borkman“ wurde ich durchs Fernsehen aufmerksam, wo über eine Premiere des Stücks berichtet wurde und die Bemerkung fiel, das sei das passende Stück zur Wirtschaftskrise.

Finanzverbrecher im Größenwahn

Und tatsächlich, Ibsen führt hier einen Finanzverbrecher vor, der als Bankdirektor in Größenwahn verfiel, große Gebiete in Norwegen wegen ihrer Bodenschätze erschließen wollte und dafür das in seiner Bank angelegte Geld der Kunden veruntreute. Bevor Borkmans Rohstoffgeschäfte noch irgendein Geld abwarfen (mit dem er die „geliehenen“ Gelder zurückzahlen wollte), verriet ihn ein Mitwisser. Borkman wurde der Prozess gemacht, er kam für fünf Jahre ins Kittchen und lebt seither – schon acht Jahre lang – zurückgezogen im ersten Stock eines Anwesens, das seine Schwägerin ihm, seiner Frau Gunhild und seinem Sohn Erhard zur Verfügung gestellt hat.

Komplizierte Familienverhältnisse

Mit dieser Schwägerin hat es eine besondere Bewandtnis: Sie heißt Ella Rentheim, ist die Zwillingsschwester von Gunhild und war einst die eigentliche Liebe Borkmans, der sie aber aus Karrieregründen zugunsten Gunhilds stehen ließ. Nach Borkmans Sturz nahm Ella sich dennoch mehrere Jahre lang des Sohnes Erhard an, der sozusagen ein Pflegekind für sie wurde. Doch Gunhild verlangte Erhard zurück, weil er die Mission durchführen sollte, John Gabriel Borkman zu rehabilitieren. Das hält Gunhild für eine Voraussetzung dafür, gesellschaftlich wieder akzeptiert zu werden. Derzeit nämlich ist sie eine Ausgestoßene.

Zu Borkman hat Gunhild kaum Kontakt, sie hört ihn immer nur oben auf und ab gehen. Gelegentlich bekommt er Besuch von einem ehemaligen Buchhalter, Foldal, mit dem er sich aber im Lauf des Stücks überwirft. Dessen Tochter Frida speilt ihm manchmal am Klavier vor. Einst hat Borkman ihren Musikschulbesuch bezahlt.

All das sind Voraussetzungen, die am Tag, an dem das Stück spielt, großteils vorbei sind.

Die „Mission“ des Sohnes: blanker Unsinn

Am Vormittag – im ersten Akt – kommt Ella erstmals seit Jahren wieder zu Gunhild. Es kommt zu einer kleinen Auseinandersetzung über Erhards „Mission“, die Ella für blanken Unsinn hält. Sie verlangt außerdem, dass Gunhild und John endlich wieder miteinander reden.

Nächster Akt: in Borkmans Zimmer: die Auseinndersetzung mit dem glücklosen „Dichter“ Foldal; Gespräch zwischen Borkman und Ella, aus dem man viel Vergangenes erfährt. Frida kommt und will Klavier spielen, wird aber nicht gebraucht, weil Borkman nun endlich wieder aus seiner Klause heraustreten will.

Er brennt mit einer Lebedame durch

Dritter Akt: Die Nachbarin Fanny Wilton, eine Lebedame, kommt, um Erhard zu einer Abendgesellschaft abzuholen – ausgerechnet bei jenem Mann, der einst Borkmans Sturz herbeigeführt hat. Erhard ist hin und her gerissen. Zuerst will er bei seiner Mutter bleiben, doch dann animiert ihn Ella, doch zur Abendgesellschaft zu gehen, zumal dort Frida am Klavier zum Tanz aufspielen wird.

Letzter Akt: Es stellt sich heraus, dass Erhard gar nicht zur Abendgesellschaft wollte, sondern diese nur als Vorwand benützte, um mit seiner Geliebten Fanny und in Begleitung von Frida durchzubrennen.

Eine „eisige Hand“

Als nun Ella dem endlich einmal vors Haus gehenden Borkman nicht nur eröffnet, dass Erhard verschwunden ist – und mit wem –, sondern ihm auch Vorwürfe macht, er habe einst ihre Liebe „gemordet“, da wird es Borkman zuviel, er fühlt eine „eisige Hand“ nach seinem Herzen greifen und stirbt. Zurück bleiben die rivalisierenden Schwestern, die beide Betrogene sind: Borkman ist tot und kann die Familie nicht mehr rehabilitieren; Erhard ist weg und wird seine „Mission“ nicht vollführen. Ella sagt, sie beide seien „Schatten – über ihm, dem Toten“ (so der letzte Satz).

Ein „Zocker“

Ist das Drama nun wirklich ein passender Kommentar zur Wirtschaftskrise? In gewisser Weise ja. Denn John Gabriel ist ein Vertreter jener „Zocker“, die die Besitztümer anderer im wahnhaft optimistischen Glauben, mit den eigenen Finanzjonglierereien den ganz großen Gewinn zu machen, in unvorstellbaren Größenordnungen verschleudern.

Solche Leute gibt es

Es ist sicher nicht das spannendste und beste Ibsen-Stück, trotzdem aber interessant, weil es einen Menschen vorführt, nämlich Borkman, der bis zuletzt an seine unsinnigen Spekulationen glaubt und einem wahnhaften Phantom nachjagt, mit dem er das große Geld zu machen hofft. Dabei ist er aber keineswegs ein Filou, sondern sieht sich als seriösen Geschäftsmann, und gerade das ist eine Kombination, die es wirklich gibt.

Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman. Schauspiel in vier Akten. In: Henrik Ibsen: Dramen. Zweiter Band. Winkler Verlag, München 1973. Seite 629 – 697.

Bild: Wolfgang Krisai: Bücher. Acryl auf Papier, 1988. – Ganz rechts lehnen die beiden dunkelblauen Bände meiner Ibsen-Ausgabe, Winkler Dünndruck-Bibliothek der Weltliteratur, Leder mit Goldschnitt. Sie waren ein Geschenk zur Matura und sind immer noch Prachtstücke meiner Bibliothek.

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