Jane Austen: Stolz und Vorurteil

Wolfgang Krisai: Skizze nach Jean-Jacques Henner: Portrait de femme, 1874, Musée Henner, Paris.Das Jahr 2017 mit dem 200. Todestag Jane Austens (1775-1817) am 18. Juli war eine gute Gelegenheit, mein Unwissen hinsichtlich dieser Autorin zu beenden und eines ihrer Werke zu lesen. Ich wollte ergründen, weshalb die Romane einer längst verstorbenen Autorin heute in jeder Buchhandlung zu kaufen, in zahlreichen Verfilmungen zu sehen sind und tatsächlich gelesen werden. Die Lektüre nur eines Romans würde dafür nicht ausreichen, das war mir klar. Aber ein erster Eindruck entstand jedenfalls.

Ein Roman mit seltsamen Seiten

Dieser erste Eindruck: Ganz verstehe ich die Austen-Begeisterung nicht. Hat doch dieser Roman seine durchaus seltsamen Seiten.

Ähnlich wie in Charlotte Brontës „Jane Eyre“ liest man hier eine unglaublich altkluge Sprache, in der junge Frauen von damals, zumindest im Roman, denken und sprechen. Die Heldin des Romans, Elizabeth Bennet, ist eine scharfe Denkerin und spitze Formuliererin, die sich nichts gefallen lässt. Wahrscheinlich sind dies Eigenschaften, die die Figur auch heute noch attraktiv machen, da nimmt man die unnatürliche Denk- und Sprechweise als zeitbedingtes Stilmittel in Kauf.

Im Nachwort wird der Roman als einer der schönsten Liebesromane und überhaupt als einer der meistgelesenen Romane der Weltliteratur (S. 619) bezeichnet.

Fünf Töchter sind unter die Haube zu bringen

Die Welt, die hier vor der Leserin und dem Leser ausgebreitet wird, befremdet einigermaßen. Töchter zu haben und ihnen keine große Mitgift mitgeben zu können, war im England des späten 18. Jahrhunderts eine mittlere Katastrophe. Und die Familie Bennet hat gleich fünf davon. Während ihr bescheidener Landbesitz, ein Haus in einem Dörfchen in Hertfordshire, nach dem Tod des Vaters aufgrund erbrechtlicher Kalamitäten an einen Cousin fallen würde (einen jungen Geistlichen, den man im Lauf des Romans als unerträglich bigotten Dauerprediger kennenlernt), müssen die fünf Töchter Jane, Elizabeth, Lydia, Kitty und Maria irgendwie unter die Haube gebracht werden. Das jedenfalls ist das einzige und oberste Ziel der Mutter, die es allerdings unwissentlich selbst sabotiert, indem sie sich als strohdumme Plaudertasche erweist, die kein Fettnäpfchen auslässt.

Zunächst glaubt man, die sich anbahnende Liebesgeschichte der ältesten Tochter Jane mit einem neu in die Gegend gezogenen Gutsherrn namens Mr. Bingley sei Gegenstand des Romans. Bingley ist eine sanfte Natur und fühlt sich schnell zur nicht weniger sanften Jane hingezogen, während sein Freund Mr. Darcy vor allem von Elizabeth als eingebildeter, stolzer Schnösel wahrgenommen wird.

Enttäuschung, Beistand und ein Korb

Auf Bällen und bei gegenseitigen Einladungen kommt man einander näher. Schon sieht die Mutter ihre Tochter unter der Haube, als Bingley plötzlich abreist und nicht wiederkehrt. Das Gerücht geht um, er heirate in London die Schwester Darcys.

Elizabeth muss ihrer unglücklichen Schwester beistehen. Schließlich fährt diese ihrerseits zu ihrem Onkel und ihrer Tante Gardiner nach London. Diese wollen Jane auf andere Gedanken bringen.

Eine unheimliche Episode ist die Werbung des geistlichen Cousins um Elizabeths Hand. Diese gibt ihm aber einen Korb, und er findet sich schnell mit Charlotte, einem anderen Mädchen aus dem Dorf, ab, einer Freundin Elizabeths.

Ein Heiratsantrag und noch ein Korb

Bald nach deren Hochzeit folgt Elizabeth deren Einladung und verbringt einige Wochen (damals dauerten Besuche immer lange) bei ihnen. Gutsherrin der Pfarrstelle des Cousins ist Lady Catherine de Bourgh, eine bis ins Groteske selbstherrliche Person, die jedem unverblümt ihre Meinung sagt. Ihr Verwandter ist Mr. Darcy! Er findet sich in Gesellschaft eines weiteren Freundes bei Lady Catherine ein, sodass es, als das Pfarrer-Ehepaar und dessen Freundin aufs Schloss eingeladen werden, zu neuerlichen Begegnungen von Darcy und Elizabeth kommt. Diese gipfeln in einem Heiratsantrag Darcys – den Elizabeth ablehnt, da sie glaubt, Darcy stecke hinter der Intrige, die Jane und Bingley auseinandergebracht habe. Elizabeth hat außerdem von Mr. Wickham, einem Offizier, viel Negatives über Darcy gehört, der Wickham ein Erbe, das ihm Darcys Vater vermacht habe, vorenthalten habe.

Vorurteil und Stolz

Als Elizabeth Darcy all das sagt, sieht er sich gezwungen, sich zu rechtfertigen, und tut dies in einem langen Brief, den er ihr zusteckt. Dieser Brief öffnet Elizabeth die Augen. Ihre negative Einstellung gegenüber Darcy war von Anfang an ein Vorurteil. Sein Stolz eine Einbildung Elizabeths.

Nun bereut sie es, ihn abgewiesen zu haben, es gibt jedoch keinen Weg mehr, dies ungeschehen zu machen.

Bei einer mit Gardiners unternommenen Reise besuchen die drei das Landgut Darcys (man konnte also auch damals schon dergleichen Schlösser als Sehenswürdigkeiten besichtigen) und trifft dort überraschend den abwesend geglaubten Gutsherrn. Darcy benimmt sich überaus zuvorkommend, statt sich wie zu erwarten in den Schmollwinkel zurückzuziehen.

Der selbstlose Retter

Darcys großes Herz und seine enorme Großzügigkeit erweist sich erst recht, als er Elizabeths Schwester Lydia, die mit Wickham durchgebrannt ist, vor der gesellschaftlichen Ächtung rettet, indem er Wickhams Schulden zahlt, eine sofortige Eheschließung ermöglicht, ja Wickham regelrecht dazu zwingt, und dessen Versetzung in ein im Norden stationiertes Regiment einfädelt, damit dem Paar sozusagen ein Neuanfang möglich wird.

Darcy hält das alles geheim, nur Tante Gardiner erfährt davon und teilt es Elizabeth unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit.

Happy End

Allmählich schreitet der Roman seinem Ende zu, und da werden alle Verwicklungen zu einem guten Ende gebracht:

Bingley zieht wieder aufs Land und heiratet Jane.

Darcy kommt mit – und erneuert seinen Heiratsantrag. Diesmal sagt Elizabeth aus vollem Herzen ja.

Happy End.

Schöne Ausgaben

Wer sich heute ein Werk Jane Austens kaufen will, steht vor der Qual der Wahl. Die schönen, gediegen gemachten Mannesse-Bändchen sind, wenn es schon keine englischsprachige Ausgabe sein soll, meine Wahl. Würde ich mir Taschenbücher kaufen, so fiele meine Entscheidung klar zugunsten der von Kat Menschik gestalteten Insel-Taschenbücher aus, die der Verlag sogar mit einer besonderen Bildergalerie auf seiner Homepage ausgezeichnet hat.

Jane Austen: Stolz und Vorurteil. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Ott. Nachwort von Elfi Bettinger. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse-Verlag, Zürich, 2003. 635 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Skizze nach Jean-Jacques Henner: Portrait de femme, 1874, Musée Henner, Paris.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Englische Literatur

Henry James: Washington Square

Washington Square Park, New York City

Zur Zeit des Romans eine ländliche Idylle, heute ein beliebter Park: Washington Square Park, New York City (Foto: W. Krisai)

Henry James wurde selbst am Washington Square geboren, kennt den Schauplatz also genauestens. Der Roman spielt zu einer Zeit, wo der Platz noch nicht von Wolkenkratzern umstellt, sondern von kleinen Bürgerhäusern gesäumt war und einen durchaus ländlichen Charakter hatte. Sah man aus dem Fenster, konnte man sich wie auf dem Land fühlen.

Der Arzt Dr. Austin Sloper besitzt eines dieser Häuser und lebt dort mit seiner Tochter Catherine und seiner verwitweten Schwester Lavinia. Auch er ist verwitwet.

Der Roman erzählt geradlinig, wenn auch in manchmal ironischem Ton, von der einzigen Liebesgeschichte Catherines. Einer unglücklichen Geschichte.

Vier ausgeprägte Charaktere

In dieser Geschichte stoßen vier ausgeprägte, teils ausgeprägt wunderliche Charaktere aufeinander:

Am normalsten ist noch der Arzt selbst, der als Arzt erfolgreich, als Bürger untadelig und als Vater den Konventionen der Zeit entsprechend streng ist. Sein Fehler ist nur, dass er sich einbildet, einen untrüglichen Scharfblick für die Psyche seiner Mitmenschen zu besitzen.

Von seiner Tochter Catherine hält er wenig. In seinen Augen ist sie ein einfältiges Wesen, das er leiten, lenken und beschützen muss, weil es sonst ins Unglück läuft. Das soll sie natürlich nicht, im Gegenteil, der Vater erhofft für sie eine gute Partie, mit der sie einstmals ihre stattliche Erbschaft, die ihr zusteht, sinnvoll nutzen wird.

Catherine ist jedoch nicht einfältig, sondern nur in höchst ungewöhnlicher Weise langsam und unbeirrbar. Ihre Gefühle entstehen wie in Zeitlupe, doch wenn sie einmal da sind, klingen sie auch nie mehr ab. Für mehr als eine Liebe ist in solch einer Seele kein Platz.

In hohem Grade verrückt

Tante Lavinia hingegen ist in hohem Grade verrückt. Sie ist einer jener Menschen, die ihre verquere Vorstellung von der Wirklichkeit für die einzige Wahrheit halten. Sie träumt von romantischer Liebe für ihre Nichte und deren Verehrer, gleichzeitig ist sie selbst in diesen Jüngling verliebt. Sie fühlt sich berufen, durch geheime Machenschaften die Liebe der beiden zu fördern, und sei es um den Preis des Durchbrennens und geheimer Hochzeit irgendwo im Unbekannten. Wenn sie mit jemandem spricht, fasst sie nur die Hälfte richtig auf, und wenn sie später davon erzählt, stellt sie diese Hälfte völlig anders dar, als sie in Wirklichkeit war. Sie empfindet das nicht als Lüge, sondern glaubt wirklich, was sie daherflunkert.

Der junge Liebhaber …

Wer ist nun der junge Liebhaber? Es ist ein gewisser Morris Townsend, der plötzlich bei einer Gesellschaft auftaucht, die die zweite Schwester Dr. Slopers gibt. Sie hat ihn eingeladen, weil er bei einer Freundin wohnt und ein charmanter junger Mann ist. Viel mehr weiß man über ihn zunächst nicht.

Rätselhafter Weise stürzt sich dieser Charmeur mit bohrender Energie auf die schüchterne Catherine und macht ihr vehement den Hof. Irgendwie ist nämlich bis zu ihm durchgesickert, welch reiche Partie sie ist.

Morris ist ein Habenichts und Luftikus, wie Dr. Sloper schnell herausfindet. Sein ererbtes Vermögen hat er schnell verjubelt, und nun lebt er auf Kosten seiner Schwester, deren Kindern er angeblich Spanisch beibringt als Gegenleistung für Kost und Logis.

… kommt als Schwiegersohn nicht in Frage

Für Sloper ist schnell klar: Dieser Kerl ist nur auf das Geld seiner Tochter aus. Als Schwiegersohn kommt er nicht in Frage.

Sloper ist allerdings zu selten zu Hause, um genau verfolgen zu können, was dort vor sich geht. Ärzte besuchten damals den ganzen Tag lang ihre Patienten in deren Häusern.

Während der Vater also nicht da ist, empfängt Catherine immer häufiger ihren Verehrer, was von Tante Lavinia nach Kräften gefördert wird. Dass Sloper den beiden verbietet, den jungen Mann zu empfangen, hat keine Wirkung. Im Gegenteil, Lavinia ist geradezu stolz darauf, ihren eigenen Kopf durchzusetzen.

Catherine hingegen, die bisher ihren Vater wie einen Gott verehrt hat und nie auf die Idee gekommen wäre, sich ihm im mindesten zu widersetzen, fühlt in sich eine immer unwiderstehlichere Liebe zu Morris wachsen, die sie über die Rechte des Vaters stellt.

Heiratsantrag und Nervenzusammenbruch

Schließlich wagt es Morris, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Von diesem erzählt sie noch am selben Abend dem Vater, der ihr unmissverständlich klar macht, dass er diese Verbindung niemals dulden werde. Catherine reagiert mit einem kleinen Nervenzusammenbruch.

Am nächsten Tag kommt Morris, um offiziell um die Hand Catherines anzuhalten, und wird brüsk abgewiesen. Er kann es selbst kaum glauben. Noch nie hat jemand seinem charmanten Wesen widerstanden.

Catherine hofft nun, bestärkt von Lavinia, der Vater werde, wenn sie in der Liebe standhaft bleibe, eines Tages nachgeben. Das erwartet auch Morris, weshalb er die Flinte noch nicht ins Korn wirft, sondern im Geheimen weiter mit Catherine verkehrt.

Europa hilft nicht

Der Vater hofft, mit einer ausgedehnten Europareise zu bewirken, dass Morris von Catherine ablässt und eine andere aufgabelt. Denn dass Catherine den Verehrten innerhalb eines halben Jahres vergessen werde, ist angesichts von deren Langsamkeit in Gefühlsdingen nicht zu erwarten.

Was der Vater sechs Monate lang nicht mitbekommt, ist allerdings der rege geheime Briefverkehr zwischen Catherine und Morris, der über Lavinia läuft, in deren Briefen die des Verehrers versteckt sind. Als der Vater nach einem halben Jahr einmal fragt, ob Catherine noch an Morris denke, beichtet sie ihm ihre Korrespondenz. Der Vater ist schwer enttäuscht und redet nichts mehr mit der Tochter.

Währenddessen besucht Morris alle paar Tage Lavinia und macht es sich wie ein Pascha in den Räumen von Dr. Sloper gemütlich, pafft dessen Zigarren und trinkt dessen Wein.

Nach einem vollen Jahr kehren die Catherine und ihr Vater zurück. Der eigentliche Zweck der Reise ist völlig verfehlt. Catherine trifft sich sofort wieder mit Morris und plant eine geheime Hochzeit. Lavinia ist hingerissen.

Enterbt und verlassen

Sloper kann seiner volljährigen Tochter nicht verbieten, einen Mann ihrer Wahl zu treffen und gar zu heiraten. Er kann ihr auch nicht die 10000 Dollar Erbe von seiten ihrer Mutter sperren. Sehr wohl aber kann er ihr die 20000 Dollar, die sie von ihm erben sollte, testamentarisch entziehen und das Geld wohltätigen Zwecken widmen. Genau das droht er Catherine und Morris nun an.

Als Morris realisiert, wie ernst es Sloper damit ist, will er von Catherine schlagartig nichts mehr wissen. Diese glaubt das zunächst einfach nicht, sondern wälzt weiter geheime Heiratspläne. Schließlich aber dämmert ihr doch, was Morris’ plötzliche angebliche geschäftliche Verpflichtungen in New Orleans bedeuten. Damit bricht für sie die Welt zusammen.

Nur aus Hass auf ihren unbeugsamen Vater lässt sie sich von ihrem Leid nichts anmerken. Und diese Haltung wird ihr zur Gewohnheit.

Summarisch fasst der Roman zum Schluss zusammen, was weiter geschieht:

Catherine bleibt eine immer ältere Jungfer, die sich für wohltätige Institutionen einsetzt und in dieser Rolle hoch geachtet ist. Morris führt das Leben einer verkrachten Existenz, mit kleinen Geschäften hier und dort. Gelegentlich kreuzt er am Rande des Geschichtskreises von Catherine auf, doch sie will nichts mehr von ihm wissen.

Mit Lavinia pflegt er weiterhin losen Kontakt, und diese glaubt, wenn er nur erscheine, könne er Catherine sofort wieder für sich gewinnen. Als Sloper gestorben ist, arrangiert Lavinia tatsächlich einen Überraschungsbesuch Morris’ bei Catherine. Diese ist über diese Dreistigkeit erbost und wirft ihn hochkant hinaus.

Damit endet diese verquere Liebesgeschichte.

Ironische Distanz, messerscharf formuliert

James schildert das alles aus ironischer Distanz. Man fragt sich, warum überhaupt. Warum lässt ein Autor zweihundert Seiten lang kein gutes Haar an seinen Protagonisten? Sogar Sloper, der noch die am positivsten gestaltete Figur ist, wirkt mit seinem Starrsinn nicht gerade sympathisch. Er will das Beste für seine Tochter, erreicht aber nur, dass ihr Leben zu kalter Routine über düsterem Leid wird. Schlimm ist vor allem seine völlige Blindheit gegenüber den Machenschaften Lavinias, die viel zum Unglück ihrer Nichte beiträgt.

Die Sprache, mit der dieses Panoptikum menschlicher Verbohrtheit dargestellt ist, macht den Roman allerdings zum Vergnügen. James ist ein messerscharfer Formulierer, dessen Sätze man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Das fördert zwar das Lesetempo nicht, lässt einen aber immer wieder über die Treffsicherheit des Ausdrucks schmunzeln.

Henry James: Washington Square. In: Henry James: Novels 1881-1886. The Library of America, Band 29. [Des Moines], o. J., S. 1-189.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Amerikanische Literatur

Dirk Stichweh, Jörg Machirus, Scott Murphy: NY Skyscrapers

Wolfgang Krisai: Manhattan vom Roosevelt-Island aus. Tuschestift, Buntstift. 2016.

Nach meinem New-York-Aufenthalt im Sommer 2016 kaufte ich mir diesen schönen Bildband über die Hochhäuser der Stadt.

Hochhäuser in Downtown und Midtown

Nach einer kurzen Einführung in die Entwicklung des Hochhausbaus in New York und Chicago, wo die ersten Hochhäuser gebaut wurden, folgt die Beschreibung der wichtigsten Bauten. Im ersten Drittel des Buches werden die Wolkenkratzer im Süden Manhattans betrachtet, wo übrigens sowohl die zerstörten Twin Towers wie auch die Neubebauung des World-Trade-Center-Areals vorgestellt werden.

Die nächsten zwei Drittel widmen sich den Hochhäusern in Midtown. Andere Hochhäuser, etwa in Brooklyn, werden nicht behandelt.

Ganz am Ende gibt es noch eine Doppelseite mit den spektakulärsten Hochhausprojekten der nächsten Jahre.

Dirk Stichweh überfrachtet seine Darstellung nicht mit technischen Details, sondern beschreibt die Aspekte der Bauten, die den Laien interessieren: die epochentypische oder -untypisch Gestalt, die Position im Ranking der höchsten, größten, teuersten oder aufregendsten Bauwerke, eventuelle baurechtliche Probleme, die Nutzung und – vor allem bei den neuesten Bauten wichtig – Fragen der Energieeffizienz und ökologischen Verträglichkeit.

Prächtige Fotos

Flächenmäßig wesentlich umfangreicher als der Text sind die prächtigen Fotos, die die einzelnen Bauten und gelegentlich als eingestreute Doppelseiten ganze Ensembles zeigen. Vorwiegend sieht man Außenansichten, manchmal Details aus dem Inneren. Erfreulicher Weise erheben die Fotos keinen selbstständigen künstlerischen Anspruch, sondern ordnen sich dem Zweck des Buches unter. Also keine großflächigen, monotonen Detailaufnahmen, sondern Gesamtansichten, soweit es bei der Dichte der Bebauung Manhattans überhaupt möglich ist, einen Wolkenkratzer ganz zu sehen. Viele der Bilder dürften auch aus dem Hubschrauber aufgenommen worden sein.

Dirk Stichweh (Text), Jörg Machirus, Scott Murphy (Fotos): NY Skyscrapers. Über den Dächern von New York City. Prestel-Verlag, München, London, New York, 2016. 190 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Manhattan vom Roosevelt-Island aus. Tuschestift, Buntstift. 2016.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Kunstbücher, Reiseliteratur, Sachbuch

Brigitte Riebe: Die schöne Philippine Welserin. Historischer Roman

Wolfgang Krisai: Philippine Welser, Skizze nach einem Gemälde von 1557 auf Schloss Ambras. Bleistift, 2017.Ich las Brigitte Riebes historischen Roman über Philippine Welser als Vorbereitung auf die Ausstellung über Erzherzog Ferdinand II. von Tirol auf Schloss Ambras (15. Juni bis 8. Oktober 2017).

Tochter der zweitreichsten Handelsdynastie Deutschlands

Philippine ist ein Spross der zweitreichsten Handelsdynastie Deutschlands nach den Fuggern, der Welser. Berühmt wurde sie durch ihre geheime Ehe mit Erzherzog Ferdinand II. von Tirol.

Die Autorin behandelt Philippines Leben von der Jugend, wo sie Ferdinand kennengelernt hat, bis zu ihrem Tod 1580. Die Darstellung wechselt zwischen auktorial erzählten Kapiteln und Ausschnitten aus dem fiktiven Tagebuch der Heldin. Dabei wird kein Versuch gemacht, die Sprache etwa irgendwie historisierend zu gestalten, aber die Autorin verfällt auch nicht ins andere Extrem einer zu großen Verheutigung.

Eine kräuterkundige Frau

Die Großkapitel (die meist ein, zwei auktoriale und ein Tagebuch-Kapitel enthalten) sind nach Heilpflanzen benannt, zu denen jeweils eine Darstellung und eine Auflistung der guten und gefährlichen Eigenschaften der Pflanze beigestellt sind. Das kommt nicht von ungefähr, denn Philippine ist eine große Kräuterkundlerin und Medizinerin, ein Faktum, das historisch belegt ist. Im Roman lernt sie das alles von ihrer ebenso kundigen Mutter Anna, die sich mit der Kräuterkunde über ihre unglückliche Ehe hinwegtröstet.

Ehe gegen den Willen des Kaisers

Philippines Ehe mit Ferdinand hingegen ist zum Großteil glücklich. 1557 schließen die beiden eine geheime Ehe, gegen den Willen des Vaters Ferdinands, Kaiser Ferdinands I.. Als dieser von der Sache erfährt, muss er sich wohl oder übel dem Willen des Sohnes beugen, denn die Ehe ist nicht mehr rückgängig zu machen. Der Kaiser bestimmt aber, dass Ferdinands Kinder aus dieser Ehe von der Erbfolge der Habsburger ausgeschlossen werden. Immerhin aber werden sie gut versorgt.

„Findelkinder“

Zunächst lebt Philippine auf einem Schloss Pürglitz bei Prag, da Ferdinand Statthalter von Böhmen ist. So oft es geht, kommt er Philippine besuchen. Diese ist über die große Liebe ihres Mannes glücklich, wenn auch nicht darüber, dass sie vor der „Welt“ bloß als dessen Konkubine und ihre Söhne Andreas und Karl als „Findelkinder“ gelten. Die Kinder werden nämlich gemäß eines damals üblichen Ritus geheim zur Welt gebracht, dann wie Findelkinder vor das Schlosstor gelegt, „gefunden“ und der Schlossherrin in die Obhut gegeben.

„Mutter Tirols“

Ab 1567 wohnt Philippine auf Schloss Ambras bei Innsbruck, da Ferdinand inzwischen Herzog von Tirol geworden ist. In Tirol erwirbt Philippine sich durch ihre medizinischen Kenntnisse, die sie zum Wohl der Bevölkerung einsetzt, bald einen guten Ruf als die „Mutter Tirols“.

Erst 1576 dürfen die Eheleute sich öffentlich zu ihrer Ehe bekennen, da der Papst Ferdinand von seinem Schweigegelübde entbindet.

Insgeheim bereitet Ferdinand zu dieser Zeit jedoch schon eine weitere, dynastisch passende Ehe mit seiner Nichte aus Mantua vor, was Philippine im Roman herausfindet und resigniert mitverfolgt, indem sie Ferdinands Briefe liest.

Versuche, Philippine zu vergiften

Den ganzen Roman durchzieht das Kräuter-Thema, nicht nur positiv, sondern vor allem auch negativ, denn Philippine ist fortwährend der Gefahr ausgesetzt, vergiftet zu werden. Das beginnt schon auf Brednitz, dem Schloss ihrer Tante Katharina, wo die Hochzeit geschlossen wird. Schon davor will sie eine Dienstmagd – offensichtlich in höherem Auftrag – vergiften, wird aber ertappt und eingesperrt. Doch kurz darauf ist sie für immer verschwunden.

Eine Kammerfrau, der Philippine vollstes Vertrauen geschenkt hat, erweist sich ebenfalls als Giftmischerin. Und zuletzt versucht es noch eine Schwägerin, die lebenslustige, aber bankrotte Eva, doch dieses leicht durchschaubare Vorhaben kann Philippine rechtzeitig aufdecken.

Durch diese kriminelle Seite der Handlung bekommt der Roman seine Würze.

In einem Anhang erläutert die Autorin, inwieweit ihr Roman historisch „wahr“ ist.

Seltsamer Weise wird der Roman auf dem Umschlag als „historischer Kriminalroman“, auf dem Innentitel jedoch als „historischer Roman“ bezeichnet. Die Ambivalenz kommt wohl von der recht schwachen Ausprägung der Krimi-Handlung.

Brigitte Riebe: Die schöne Philippine Welserin. Historischer Roman. Gmeiner-Verlag, Maßkirch, 2013. 337 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Philippine Welser, Skizze nach einem Gemälde von 1557 auf Schloss Ambras. Bleistift, 2017.

3 Kommentare

Eingeordnet unter biographischer Roman, Kriminalroman

Fritz Habeck: Der Kampf um die Barbacane. Jugendroman

Die Barbacane des Schlosses Pöggstall in Niederösterreich.

In einem „offenen Bücherregal“ in Mödling entdeckte ich den Jugendroman „Der Kampf um die Barbacane“ von Fritz Habeck. Begann ihn gleich zu lesen und las ihn in einem Zug fertig. Ein schöner Lese-Sonntag war das.

Was ist eine Barbacane?

Seit wir einmal in Pöggstall waren, weiß ich auch, was eine Barbacane ist: ein wuchtiger, niedriger Torturm, fast schon eine runde Bastion.

Zu Zeit der 2. Wiener Türkenbelagerung (1683)

In Habecks Roman, der in Niederösterreich zur Zeit der Zweiten Wiener Türkenbelagerung spielt, geht es um die Barbacane der Burg Raipoltenbach beim Lembach (heute: Neulengbach).

Der vierzehnjährige Held des Romans, Andreas, tappt zu Beginn des Romans gleich in eine Falle, indem er einem hässlichen Unbekannten wichtige Informationen über die Burg verrät. Der Unbekannte ist der Räuberhauptmann Fetz, dem die Türken Nase und Ohren abgeschnitten haben.

Systematisch ausgeraubt

Noch in derselben Nacht brennt plötzlich der vor der Burg gelegene Meierhof, und als er gelöscht ist, stellt sich heraus, dass der Brand nur ein Ablenkungsmanöver war: Die Burg wurde hinter dem Rücken der Löschenden systematisch ausgeraubt…

An die Gefahr einheimischer Räuberbanden hatte niemand gedacht, denn die Gefahr, vor der sich im Jahre 1683 alle fürchten, sind die umherziehenden Tatarenhorden und die Türken, die auf Wien vorrücken.

Nach Wien durchgebrannt

Andreas geht in Wien ins Gymnasium, wird von diesem aber wegen Faulheit verwiesen. Er will kein Gelehrter, sondern Maler werden. Davon will aber seine verwitwete Mutter nichts wissen. Sein Vater war ein Feinmechaniker, der vor Jahren mit einem mechanischen Frosch Furore gemacht und damit einen Gönner, den Grafen Alram, gewonnen hat. Dieser lebt zur Zeit in Wien, und Andreas brennt von zu Hause durch, um beim Grafen Unterstützung für seine künstlerische Zukunft zu erbitten.

Andreas kommt allerdings zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt in Wien an, nämlich als gerade die Türken die Stadt einschließen. Der Graf hat daher kein Ohr für die Wünsche des Burschen, nimmt ihn aber zumindest, da man aus der Stadt nicht mehr herauskann, unter seine Obhut. Sein Diener, der alte Soldat Michel, betreut auch Andreas.

Dessen Mutter will eigentlich nach Wien nachkommen, wie sie in einem Brief schreibt, doch ihr Schicksal ist nun völlig ungewiss.

Der Anfang der Türkenbelagerung

Der Leser erlebt nun den Anfang der Türkenbelagerung mit. Da bricht ein Brand im Schottenstift aus, das gleich neben einem großen Pulverlager liegt. Man kann mit Müh und Not verhindern, dass dieses in die Luft fliegt. Das Volk sucht einen Schuldigen und findet ihn in der Person des „Barons Zwiefel“, eines wunderlichen Menschen, der die Dummheit begeht, mit einer Pistole ins Feuer zu schießen. Bald darauf wird er gelyncht. (Das ist, wie der gesamte Hintergrund der Handlung, historische Tatsache.)

Andreas ist begierig, von den Kampfhandlungen an den Basteien etwas mitzubekommen. Also steigt er aufs Dach des Hauses, von wo aus er zur Burgbastei und aufs Glacis sehen kann, wo die Türken ihre Schützengräben gegraben haben.

Durch den Belagerungsring schleichen

Als der Graf ihm erzählt, er wolle durch eine besonders mutige Tat sein ihm entzogenes Regiment wiedergewinnen, sieht auch Andreas seine Chance. Der Graf will nämlich als Geheimkurier durch den Belagerungsring schleichen und eine Botschaft an den Grafen Leslie, der in Stein bei Krems das Entsatzheer sammelt und die Donaubrücke bewacht, übermitteln.

Auch Andreas will aus der Stadt ausbrechen, allerdings nur, um seine Mutter zu finden.

Des Nachts schleicht er also tatsächlich davon, gelangt vor die Tore der Stadt, schlägt sich bis in den Wienerwald durch – und fällt, unvorsichtig geworden, dort einem Tatarentrupp in die Hand. Gemeinsam mit einem anderen Gefangenen liegt er gefesselt in einem Zelt, kann sich aber befreien, seinen Leidensgenossen ebenfalls, und schon sind beide entwischt.

Alle Orte um Wien sind inzwischen verlassen, mit Ausnahme weniger Burgen, in die sich Teile der Bevölkerung geflüchtet haben. Menschen, die sich ergeben haben wie die Bewohner Perchtoldsdorfs, wurden entgegen den Versprechungen der Tataren brutal niedergemetzelt.

Ein mutiger Cembalist

Als Andreas in eine verlassene Burg kommt, hört er dort plötzlich Cembalospiel. Der Cembalist ist zu seinem größten Erstaunen niemand anderer als Graf Alram, der gemeinsam mit Michel auf dem Weg nach Stein ist. Der Graf versteckt sich nicht, sondern vertraut darauf, dass er im Ernstfall die Tataren schon in die Flucht schlagen werde. So ist es auch, als ein kleiner Trupp vor der Burg erscheint.

Für die Weiterreise schließt sich Andreas dem Grafen an, sie erbeuten drei Pferde von einem Tatarentrupp und reiten mit diesen weiter.

Als eine Gräfin samt Kammerzofe die Hilfe des Grafen erbittet, nehmen sie die beiden Damen mit, denn der Graf ist natürlich ein vollendeter Kavalier.

Die Tasche des Toten

Andreas hat er angewiesen, im Falle seines Todes die Tasche mit der Botschaft zu nehmen und sicher nach Stein zu bringen. Als nun bei einem Überfall von Tataren der Graf vom Pferd stürzt und leblos liegen bleibt, glaubt Andreas ihn tot, nimmt die Tasche und rast davon.

Tatsächlich kann er sich bis Stein durchschlagen, die Botschaft überbringen und damit die Gunst des Grafen Leslie erringen.

Die Räuber und der Graf

Es hält ihn nur kurz in Stein, denn er will unbedingt seine Mutter wiederfinden, daher macht er sich davon in Richtung Lempach. Er erreicht Burg Raipoltenbach, wo anscheinend niemand mehr ist. Als er durchs Tor geht, wird er plötzlich überwältigt und steht dem Räuberhauptmann Fetz gegenüber. Dieser hat sich mit seiner zehnköpfigen Räuberband in der Burg, genauer: in der Barbacane, eingenistet. Bald stellt sich heraus, dass die Räuber im Hauptgebäude der Burg Leute in Schach halten: ausgerechnet den Grafen Alram, Michel, den Arzt Voytt und einen Jesuitenpater. Auch der Schmied der Burg und ein Bauer werden von den Räubern hier festgehalten. Andreas gelingt es, zum Grafen in das Haupthaus der Burg zu flüchten.

Gemeinsam gegen die Tataren

Die Räuber und der Graf und seine Leute stehen einander als feindliche Parteien gegenüber, doch als plötzlich eine Tatarenhorde vor den Mauern der Burg erscheint, haben beide Parteien einen gemeinsamen Feind. Sie arrangieren sich, der Graf übernimmt den Oberbefehl und organisiert mit den bescheidenen Mitteln, die die Burg zu bieten hat, die erfolgreiche Verteidigung.

Dieser schwierige Kampf um die Burg, der sich nach Erfolgen der von regulären türkischen Einheiten verstärkten Tataren auf den Kampf um die Barbacane konzentriert, nimmt fast die gesamte zweite Hälfte des Romans ein.

Die Belagerten werden beschossen, die Burg in Brand gesteckt, die Mauern überstiegen, die Eingeschlossenen sollen ausgeräuchert werden – doch all dem können sie widerstehen.

Alle sind weg

Und schließlich erwachen Andreas, der Graf, Michel und der Pater (der Arzt ist den Türken zum Opfer gefallen) – und sowohl die Belagerer als auch die Räuber sind verschwunden.

Nun können die vier sich nach Stein durchschlagen, wo Andreas beim Grafen Leslie für den Grafen Alram eintritt, damit dieser wieder zu einem Kommando über ein Regiment kommt. Und Leslie hat tatsächlich eines zu vergeben.

Die Schlacht um Wien

Andreas schließt sich dem Grafen an, als dieser mit dem Entsatzheer auf Wien vorrückt. Vom Kahlenberg aus kann er die Entscheidungsschlacht um Wien beobachten und dann mit dem Entsatzheer nach Wien einziehen.

Man erfährt, wie unehrenhaft sich sowohl der Polenkönig Jan Sobiesky und seine Soldaten wie auch Profiteure unter den belagerten Wienern benommen haben. Obwohl Sobiesky nominell den Oberbefehl hatte, erfocht Herzog Karl von Lothringen eigentlich den Sieg. Auch das sind historische Tatsachen.

Endlich malen

In Wien beschafft sich Andreas Papier und Aquarellfarben und malt aus der Erinnerung Szenen des Kampfes um die Barbacane. Diese Bilder überzeugen den Grafen Alram, dass in Andreas wirklich ein Künstler steckt, und er finanziert ihm ein Studium in Italien.

Bevor Andreas allerdings nach Italien abreist, sieht er seine Mutter wieder, die in der Festung Purkersdorf überlebt hat und in nun in Wien wieder trifft.

Anhang

Als Anhang gibt es im Roman eine kurze Zusammenfassung von Vorgeschichte und Ablauf der Türkenbelagerung sowie ein Glossar der heute nicht mehr gebräuchlichen Wörter.

Der Roman ist solide geschrieben, spannend, jedoch stellenweise etwas sprunghaft. Er vermittelt jedenfalls einen guten Eindruck von den Verhältnissen im Jahr 1683. Gerade waghalsige Kuriergänge durch die feindlichen Linien waren ein Charakteristikum dieser Türkenbelagerung, es ist daher durchaus verständlich, dass der Autor solche Kuriere als seine Helden gewählt hat.

Fritz Habeck: Der Kampf um die Barbacane. Jugend und Volk, Wien, München, 1960. 271 Seiten.

Bild: Ausnahmsweise einmal keine Zeichnung, sondern ein Foto, das ich 2013 aufgenommen habe: die Barbacane des Schlosses Pöggstall in Niederösterreich.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Österreichische Literatur, Jugendliteratur

Marc Elsberg: Zero. Sie wissen, was du tust

Wolfgang Krisai: Frau am Brooklyn Pier. Tuschestift, Buntstift, 2016.

Eigentlich hätte ich Marc Elsbergs Roman „Zero. Sie wissen, was du tust“ sofort nach seinem Erscheinen 2014 lesen sollen. Denn Bücher wie diese, die sich mit aktuellen Phänomenen befassen, könnten leicht veralten. In diesem Fall ist es aber nicht so, denn der Roman ist so aktuell wie bei seinem Erscheinen, ja vielleicht noch aktueller, weil wir inzwischen der darin beschriebenen Zukunft näher gekommen sind: dem völligen Überwachungs- … ja, was? „Überwachungsstaat“ trifft  das, was hier beschrieben wird, nicht ganz. Natürlich, der Staat, insbesondere die Polizei und die Geheimdienste, bedient sich der Überwachungsmöglichkeiten, die das Internet, die allgegenwärtigen Überwachungskameras im öffentlichen Raum, die Smartphones, Smart-Watches und Datenbrillen bieten, aber nicht nur der Staat, sondern auch andere „Interessenten“ an den Daten der Bürger treten als Nutzer auf: Firmen, die die Daten weiterverkaufen, Unternehmen, die damit Geschäft machen wollen, dass sie die Menschen beeinflussen können – und solche, die dies alles nur zum Besten der eigenen Kunden machen wollen.

Das Leben per Software verbessern

Solch ein Unternehmen steht im Mittelpunkt des Romans: Freemee. Dieses Software-Unternehmen bietet seinen Kunden sogenannte ActApps an, mit deren Hilfe sie ihr Leben verbessern können.

Cynthia Bonsant (sprechender Name! „Gut und heilig“, klingt aber auch wie eine Pharmafirma), die Hauptfigur, hat eine Tochter namens Viola, die sich in den Monaten vor dem Einsetzen der Handlung vom gruftigen Goth zur attraktiven, erfolgreichen jungen Dame gemausert hat. Die Mutter freut sich, als sie allerdings im Lauf des Romans erfährt, was der Grund für die Veränderung ist, freut sie sich wieder weniger: Es sind die Lebensanweisungen, die Vi von den ActApps auf Schritt und Tritt erhält. Damit der User den Anweisungen folgt, hat Freemee ein ausgeklügeltes System von Anreizen erfunden, von denen starke Motivationskraft ausgeht. Man kann erfolgreicher werden, nicht nur in Schule und Beruf, sondern vor allem auch bei potentiellen Liebespartnern. Ein durchtrainierter Körper hilft da (man nehme: Fitness-ActApps) genauso wie die richtige Körpersprache und die richtigen Worte (auch dafür gibt es ActApps). Die Apps treten in Form charmanter virtueller „Charaktere“ oder besser „RoboterInnen“ in Erscheinung, die der Userin bzw. dem User die Anweisungen vorschlagen. Man wird zu nichts gezwungen – aber man erfährt immer rechtzeitig, was man versäumt oder was die negativen Folgen sind, wenn man der ActApp nicht folgt. Der Erfolg wird in Prozenten gemessen („Sie haben 18% Chancen auf eine Liebesnacht“), die eigene Position wird in allerlei Rankings festgelegt.

Die Versuchung eines Programmierers

Im Roman erliegt allerdings das Superhirn hinter den ActApps, der Programmierer Carl Montik, der Versuchung, auszutesten, wie weit die NutzerInnen den ActApps folgen. Seine Experimente haben in der Vergangenheit zum Tod zahlreicher Freemee-Kunden geführt, die sich von ActApps in krasse Selbstüberschätzung oder in Depressionen wegen Nichterreichens der Ziele treiben ließen. Als sogar ein Vorstandmitglied Opfer der eigenen manipulierten ActApps wird, fährt Carl jedoch seine Experimente etwas zurück.

Es gibt jedoch einen Gegenspieler all der Datenüberwacher, -manipulatoren und -missbraucher: „Zero“, ein Team anonymer Mahner im Internet, deren Slogan an einen alten Spruch aus dem antiken Rom erinnert: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Datenkraken zerschlagen gehören“.

Der von Drohnen verfolgte US-Präsident

Der Roman beginnt äußerst wirksam mit einem spektakulären „Auftritt“ von Zero: Ein Schwarm von Zero gesteuerte Drohnen dringt in den Privatgarten des amerikanischen Präsidenten ein und verfolgt ihn sogar bis ins Innere des Weißen Hauses, wo die Sicherheitsbeamten schließlich die Drohnen unschädlich machen können. Der ganze Überfall wird live im Internet übertragen.

Damit hat Zero, der vorher nur durch wenig breitenwirksame kritische Youtube-Videos in Erscheinung getreten ist, einen Quantensprung an Popularität gemacht. Und er ist ins Fadenkreuz der NSA und des FBI geraten.

Während diese Institutionen die realen Leute hinter Zero – erfolglos – ausfindig machen wollen, wollen Freemee und die Online-Redaktion der Zeitung „Daily“, bei der Cynthia Bonsant angestellt ist, von der möglichst langen Suche nach Zero profitieren und ihre Nutzerzahlen steigern.

Die tödliche Datenbrille

Parallel zu der Zero-Handlung entwickelt sich ein weiterer Handlungsstrang: Darin geht es direkt um die ActApps von Freemee. Als nämlich Cynthia eine der Redaktion gehörige Datenbrille an ihre Tochter verleiht, hat diese nichts besseres zu tun, als diese Brille auf der Straße zu nutzen, um mittels Gesichtserkennungssoftware die Personen in ihrer Umgebung zu identifizieren. Da funktioniert erstaunlich gut, und die Datenbrille zaubert Vi zu fast allen Personen Namen, Beruf, Alter, Wohnort, etc. auf den Brillen-Bildschirm. Sie borgt die Brille auch einem ihrer Freunde, Adam, und dieser identifiziert einen zufällig des Weges kommenden Schwerverbrecher. Die Jugendlichen alarmieren die Polizei und nehmen die Verfolgung des Verbrechers auf. Dieser bekommt das schließlich mit, zückt eine Pistole und erschießt Vi’s Freund. Gleichzeit wird aber er selbst von einer ankommenden Polizeistreife niedergeschossen.

Warum Adam, der noch vor kurzer Zeit ein pummeliger Zauderer war, plötzlich so unbeirrbar hinter dem Verbrecher her war, fragt Cyn sich bald. Von Vi wird sie in die Geheimnisse der ActApps eingeweiht, von denen sie noch keine Ahnung hat. Die „Daily“ setzt sie auf die Gefahren, die von Freemee ausgehen, an, weshalb sie sich selbst einmal versuchsweise in Freemee-Konto anlegt und eine Liebes-App ausprobiert.

Der betörend schöne Mitarbeiter

Sie ist nämlich geschieden und seit Längerem erfolglos auf Partnersuche. Nun muss sie in der Redaktion mit einem indischen IT-Spezialisten, Chandor Akarwal, zusammenarbeiten, der hinreißend schön ist. Mit Hilfe von Peggy, des virtuellen ActApp-Avatars, die ihr sagt, wie sie bei Chandor Erfolg haben kann, gewinnt sie diesen erstaunlich schnell für sich, zumindest für eine beschwipste Liebesnacht.

Die verschlungene Handlung noch weiter nachzuerzählen wäre zu langwierig. Der Leser muss sich sehr anstrengen, um nicht völlig den Überblick zu verlieren über all die Gruppen von Geheimdienstlern und IT-Spezialisten, die in den kurzen Kapiteln, die in guter Thriller-Manier immer mit einem kleinen Cliffhänger abbrechen, auftreten.

Schauplatz Museumsquartier, Wien

Für mich als Österreicher war besonders der in Wien spielende Abschnitt interessant: Im Innenhof des Museumsquartiers können Cyn, Akarwal und ihr Chef nämlich einen Zero-Vertreter orten, der sich dort ins Internet einloggt. Sie wollen ihn ansprechen, er bekommt das aber spitz und flüchtet. Und plötzlich verfolgen ihn nicht nur Cyn und Akarwal, sondern auch ein Dutzend weniger harmlose Killertypen. Zero flüchtet in Wiens „Unterwelt“, in die Kanalisation. Der „dritte Mann“ lässt grüßen!

Cyn verfolgt den Mann in die Kanalisation, wird dort aber von jemandem fast ersäuft, von dem Zero-Typ aber gerettet. Deshalb schwört sie in einem Online-Video der Suche nach Zero ab, wechselt also die Seiten.

Showdown in New York

Zum Showdown kommt es in New York, wo Cyn und Chandor hinfliegen, um bei einer Talkshow über Freemee zu reden. Cyn hat inzwischen von einem Freund Vi’s erfahren, dass Freemee Tausende Menschen auf dem Gewissen hat.

Freemee lässt den Burschen rasch ausschalten. Aber zu spät. Cyn und Chandor kommen dahinter, was da gelaufen ist, und werden dadurch selbst zu Verfolgten. Chandor wird im Hotelzimmer erschlagen, Cyn flieht durch New York, zum Teil durch das dortige Kanalsystem, und rettet sich nur dadurch, dass sie einen Passanten dazu bringt, sie zu filmen und diesen Film live ins Internet zu übertragen. Cyn erzählt in aller Kürze von den tödlichen Manipulationen Freemees, bevor sie von der Polizei festgenommen wird, die glaubt, sie hätte Chandor umgebracht.

Da sich aber – da sind die genauen Ortungsmöglichkeiten von Handys wieder ein Segen – herausstellt, dass Cyn Chandor nicht umgebracht haben kann, weil sie zum Zeitpunkt des Mordes bereits auf der Flucht war, glaubt die Polizei ihr. Freemees Machenschaften werden aufgedeckt, Cyn freigelassen, Zero wird als wichtiger Aufdecker bejubelt, Happy End.

Die „Crowd“

Oder fast. Denn die Botschaft des Romans ist zwiespältig: Das Internet und die Totalüberwachung kann gut oder schlecht sein, je nachdem. Die Rettung sieht der Autor offenbar eher in der „Crowd“, in den Milliarden Nutzern, die, wenn sie sich zusammentun, das Gute fördern und das Böse stoppen können. Hoffen wir, dass er sich hier nicht irrt.

Marc Elsberg: Zero. Sie wissen, was du tust. Roman. Blanvalet, München, 2014. 480 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Frau am Brooklyn Pier. Tuschestift, Buntstift, 2016.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Österreichische Literatur, Kriminalroman, Science Fiction

Eduard von Keyserling: Schwüle Tage. Erzählungen

Wolfgang Krisai: Schloss Leesdorf, Baden bei Wien. Tuschestift, Buntstift, 2017.

Schwüle Tage

„Schwüle Tage“ ist die erste Erzählung in dem gleichnamigen Sammelband von längeren Erzählungen Eduard Graf von Keyserlings aus dem Manesse-Verlag.

Die Ich-Erzählung beginnt damit, dass Bill, der Erzähler, mit seinem Vater Gerd im Zug nach Fernow fährt, wo er sich den Sommer über auf das Abitur im zweiten Anlauf vorbereiten soll. Denn beim Haupttermin hat er gerade versagt.

Der Vater ist ein Herr alten Schlags, Gutsbesitzer, wortkarg, streng, immer auf „Tenue“ bedacht. So scheint es zumindest. Im Lauf der Erzählung blättert da allerdings gehörig der Lack ab.

Die Dienerschaft auf Fernow macht sich fast ein wenig lustig über Bills Situation; er befindet sich ja momentan genau zwischen Kind und Erwachsenem, und als „junger Graf“ hat er wohl einst mit den Bediensteten auf bestem Fuß gestanden und war fast ihresgleichen.

In der Nacht hört er vom Park her den melancholischen Gesang einer Bauerntochter, Margusch, der ihr Geliebter davongelaufen ist. Bill setzt sich zu ihr an den Schlossteich und merkt schnell, dass dieses einfache Mädchen einen erstaunlichen Scharfblick auf die Probleme der Herrschaft und der Menschen überhaupt hat.

Der Vater ermahnt am nächsten Morgen den Sohn, sich nicht mit Bauernmädchen einzulassen. Die Warnung ist beileibe nicht unbegründet, denn Bill ist, sobald sich die Gelegenheit ergibt, auf „Weibergeschichten“ aus, ohne allerdings je zum Ziel zu kommen. So etwa stöbert er gemeinsam mit einem Diener nach durchjagter Nacht zwei Mägde auf einem Heuboden auf und hätte am liebsten, dass sie sich ihm augenblicklich hingeben. Nur das Morgengrauen und die Pflicht der Mägde bewahrt diese vor weiteren Annäherungen.

Man hat das Gefühl, es sei für einen jungen baltischen Adeligen selbstverständlich, sich der Mädchen des Dorfs zu bedienen, wenn ihn die Lust anwandelt, und diese Mädchen finden das auch gar nicht unangenehm, sondern ebenfalls selbstverständlich.

Die verwandte Familie Bandag auf dem nahen Gut Warnow wird besucht. Dort gibt es neben einer steinalten Tante vor allem zwei muntere Töchter: Ellita, die ältere, und Gerda, die jüngere. Beide reizen Bills erotische Gelüste. Doch da er sich ungeschickt benimmt, kommt es zu keiner Annäherung, die über ein nächtliches Gespräch im Park hinausginge.

Einmal fühlt er sich ausgeschlossen und bleibt trotzig auf der Veranda, während die Gesellschaft sich drinnen zum Diner versammelt. Und da sieht er in der Nische des Fensters, durch das er hineinschaut, seinen Vater mit Ellita reden – und schlagartig wird ihm klar, dass die beiden ein Verhältnis haben. Doch nun soll Ellita mit dem jungen, geckenhaften Went verheiratet werden.

Ein paar Tage später sieht Bill zu Hause seinen Vater weinen. Er weint um Ellita.

Bei einem weiteren Besuch in Warnow klettert Bill auf einen Baum. Und ausgerechnet unter diesem Baum erscheinen nun Ellita und der Vater zu einem Abschiedsgespräch. Ellita sagt, sie hätte ohne weiteres das Verhältnis noch weitergeführt, aber Gerd habe es ja so wollen, dass sie den jungen Went heiraten solle.

Zu Hause kommt es zu einer Aussprache zwischen Vater und Sohn. Der Vater legt ihm nahe, nach dem Abitur Jurisprudenz zu studieren. Und dann am Haus seines Lebens vernünftig und vor allem stilvoll zu bauen. Man müsse wissen, wann das Haus fertig sei, betont er. Das Gespräch versandet dann aber in Belanglosigkeit.

Schließlich kommt es zur Abfahrt der gesamten Warnower Verwandtschaft. Bill und Gerd finden sich dazu am Bahnhof ein. Als der Zug abgefahren ist, gibt sich der bleiche Vater mit einer kleinen goldenen Spritze eine Injektion. Bill gegenüber sagt er, er brauche das gegen Migräne.

Als Bill wenige Tage später wieder einmal nachts in den Schlosspark geht, um dort Margusch zu treffen, entdecken die beiden den still an einem Baum sitzenden Vater. Als er auf Anreden nicht reagiert, stellen die beiden fest: Er ist tot. Die goldene Spritze liegt neben ihm.

Margusch sagt: „Ach Gottchen! der arme Herr, der hat nu auch nich’ mehr gewollt!“ (S. 84). Dann läuft sie ins Schloss, um Hilfe zu holen.

Der Sohn empfindet keine starke Trauer um den Vater. Der Doktor kommt und deutet dem Sohn an, dass der Vater Morphinist gewesen sei. Da wird Bill klar, was der Vater mit „Man muss wissen, wann das Haus fertig ist“ gemeint hat.

Nun ist er der Herr von Fernow. Dass er unbewusst sogleich beginnt, sein „Lebenshaus“ nach ästhetischen Gesichtspunkten zu bauen, merkt man im im letzten Absatz, wo er endlich ein paar Tränen um den Toten vergießt, vor den Augen des Dieners: „Es war gut, dass er mich weinen sah; denn ein Sohn, der nicht um seinen Vater weinen kann, ist häßlich.“ (S. 91)

An dieser Erzählung beeindruckt wie schon in anderen Werken Keyserlings die sich unvermittelt auftuende Doppelbödigkeit. Der zunächst so solide scheinende Vater wird als Mensch mit einem Doppelleben entlarvt; die scheinbar glückliche Braut Ellita trauert um den Verlust ihres Geliebten, usw. In der schwülen Sommeratmosphäre lässt sich die geheime Seite der Personen jedoch nicht mehr geheim halten, wodurch eben manches ans Licht kommt.

Für Keyserling ungewöhnlich ist die Form der Ich-Erzählung. Sie bietet hier aber die Möglichkeit, den naiven Erzähler erst nach und nach hinter die Geheimnisse seiner Verwandtschaft kommen zu lassen, was für den Leser ebenfalls Spannung erzeugt, nicht nur für den Helden selbst.

 

Bunte Herzen

Auf dem baltischen Landgut Kadullen nahe bei der russischen Grenze verbringen Graf Hamilkar von Wendl-Dux und seine Familie und Gäste den Sommer. Zu Gast ist ein Universitätsprofessor mit seiner Frau, der sich mit Träumen beschäftigt und mit dem Grafen über hohe Dinge philosophiert. Sonst gibt es noch eine Schar junger Leute, Mädchen wie Burschen, von denen drei in den Mittelpunkt treten: Hamilkars siebzehnjährige Tochter Billy, ihr Cousin Boris von Dangellô (ein Pole, der zu Gast ist) und ihr Cousin Moritz von Hohenlicht (Student). Die junge Französin Marion Bonnechose, Tochter einer Erzieherin und beste Freundin Billys, spielt eine wichtige Nebenrolle. Hamilkar ist Witwer, den Haushalt leitet seine Schwester, Komtesse Betty.

Was in so einer Situation klar ist und was der Graf auch kommen sieht: Unter den jungen Leuten entwickeln sich Beziehungen. Moritz ist still in Billy verliebt, Boris aber sozusagen „laut“, energisch. Mit seinen hohen, unbedingten Ansprüchen, die er auch an Billy stellt, fasziniert er das junge Mädchen. Alle wissen, dass sich hier ein „Roman“ anbahnt. Boris hält nichts von vorsichtigen Tändeleien und geht aufs Ganze: Er hält bei dem Grafen um die Hand von Billy an.

Der Graf weist ihn entschieden ab und fordert ihn auf, noch am Nachmittag abzureisen. Auch ein Gespräch Billys mit dem Vater fruchtet da nichts, denn dieser bleibt hart. Boris ist für ihn ein in seiner Verstiegenheit völlig unbrauchbarer Anwärter. Dieser sieht das nicht ein, reist zwar befehlsgemäß ab, schickt Billy jedoch ein Briefchen mit der Aufforderung, gegen Mitternacht bei einer markanten Linde am Rand des Schlossparks zu sein, damit sie mit ihm durchbrennen könne.

Billy findet sich tatsächlich dort ein, Boris erwartet sie, in der Nähe steht ein Wagen bereit, man fährt einige Stunden durch die verregnete Nacht, bis der Kutscher aufgehalten wird. Die Brücke, über die der Weg führe, sei einsturzgefährdet. Daher wird bei einer von einer jüdischen Familie betriebenen Spelunke Halt gemacht. Ein Freund von Boris, der ihm bei der Organisation der Flucht geholfen hat, findet sich sein und macht auf Billy einen dubiosen Eindruck. Ihre noch während der Kutschfahrt verliebte Stimmung sinkt von Minute zu Minute. Die jungen Männer spielen Karten und trinken Sekt.

Schließlich zieht Billy sich in ein Nebenzimmer zurück, wo sie sich auf ein Bett legt. Angst überkommt sie, es wird ihr klar, dass das Leben mit Boris nicht schön werden würde, sondern das alles irgendwie finster und bedrohlich ist.

Boris erscheint, betrunken, und sagt, das Beste wäre, miteinander Selbstmord zu begehen. Er habe ein Pistole dabei. Da wird Billy endgültig Angst und Bang. Nachdem sich Boris entfernt und in der Gaststube hingelegt hat, sein Freund nach Hause geritten ist und es im Haus still wird, nimmt Billy ihren Mantel und klettert aus dem Fenster. Nach Hause, nichts als nach Hause, ist ihr Wunsch. Wie ferngesteuert läuft sie durch den nächtlichen Regen, stundenlang. Als es endlich dämmert, erreicht sie ein kleines Dorf, wo sie sich beim erstbesten Haus erkundigt, wie weit es noch nach Kadullen sei. Ein alter Mann gibt ihr Auskunft: drei Stunden zu Fuß. Aber er kenne das Gut, verkaufe dort immer seinen Honig, und werde sie mit dem Pferdewagen hinbringen. Seine Tochter solle ihr trockene Kleider geben.

Diese Tochter er- und verkennt Billys Lage und glaubt, ein gefallenes Mädchen vor sich zu haben, dem es gehe, wie ihr selbst, die von einem treulosen Burschen geschwängert wurde. Sie redet wie eine Komplizin mit Billy und schimpft auf die Männer. Billy verteidigt den ihren halbherzig.

Im Schloss, wo Billy einen kurzen Abschiedsbrief hinterlassen hatte, herrscht inzwischen helle Aufregung. Junge Männer sind Billy suchen geritten. Da trifft sie ein, schleicht über die Hintertreppe in ihr Zimmer und will den ganzen Tag in Ruhe gelassen werden. Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer.

Erst am Abend erzählt Billy Marion alles. Was Billy nicht ahnt, ist, dass Boris’ Freund an den Grafen einen Brief geschrieben hat, in dem er mitteilt, Boris habe sich erschossen. Als Billy in der Abenddämmerung mit Moritz, den sie draußen zufällig trifft, redet, erfährt sie von ihm die Todesnachricht und bricht ohnmächtig zusammen.

Nach Wochen ist ihr Nervenzusammenbruch auskuriert und sie kann wieder in den Garten gehen.

Graf Hamilkar hat das alles ziemlich mitgenommen, immer wieder grübelt er über das Schicksal nach. Er fragt sich, ob diese ganze Geschichte, die sein Leben ist, überhaupt einen Sinn hat: „Bin ich eine Zahl in der großen Rechnung, so habe ich zwar einen Sinn, aber das Resultat unter dem Strich braucht mir deshalb noch lange nichts zu bedeuten.“ (S. 229) Über diesen Gedanken sinkt er plötzlich auf seiner Parkbank zur Seite und ist tot. „Drüben aber, unter dem Birnbaum, saß Billy, schaute mit fieberblanken Augen in die Abendsonne und lächelte noch immer ihr erwartungsvolles, verlangendes Lächeln.“ (S. 230) Damit endet die Erzählung.

Die Geschichte der gemeinsamen Flucht ist überaus spannend erzählt, das würde man bei Keyserling gar nicht vermuten. Die Erzählung lebt inhaltlich von dem Kontrast zwischen der „aufrechten“ Haltung Graf Hamilkars, der genau weiß, dass er Billy kurzfristig unglücklich machen muss, um ihr dauerndes Glück zu sichern, und der naiven Romantik Billys. Dass Hamilkars gute Absicht aber von der Verrücktheit des Liebespaars, das die Konventionen bricht und gemeinsam flieht, durchkreuzt wird, verursacht das eigentliche Unglück. Billy realisiert in ihrer Naivität gar nicht, dass sie sich gesellschaftlich unmöglich macht. Dass in der Liebe heutzutage nicht mehr alles so rund läuft, macht schon Billys wesentlich ältere Schwester Lisa deutlich, die als tragische Figur im Schloss herumgeistert, weil sie einen treulosen Griechen geheiratet hat, der sie wieder verlassen hat. Nun ist sie gesellschaftlich im Out und zu nichts mehr zu gebrauchen. Das nächste Opfer absurder Liebesvorstellungen ist nun Billy.

Dem Grafen wird aber bewusst, dass seine Welt der alten adeligen Konventionen auch nicht mehr trägt, daran stirbt er schließlich. Für Billy darf man hoffen: Vielleicht gibt es wirklich einen Weg für sie, auf dem sie glücklich wird.

Keyserling schrieb diese Geschichte 1909, während die folgende aus dem Jahr 1914 stammt.

Nicky

Diese Geschichte zeigt, dass Keyserling sich nicht in den Taumel der Kriegsbegeisterung von 1914 hineinreißen ließ. Er sieht schon 1914, dass der Krieg vor allem eine Sterben, ein sinnloses Sterben der Soldaten ist.

Zunächst scheint noch alles friedlich: Baron Oskar von Reichel schickt seine Frau Nicky wie jedes Jahr von der Stadt (vielleicht darf man sich München vorstellen) in ein Bergdorf auf Sommerfrische. Nicky ist irgendwie unbefriedigt von ihrem vorbildlichen Eheleben, das bisher kinderlos ist. Oskar leitet sie sanft, aber bestimmt, und sie hat keinerlei „eigenes“ Leben.

Auch im Bergdorf kennt sie alle Leute, die wie sie dort jedes Jahr auf Sommerfrische sind.

Dieses Jahr jedoch taucht ein neues Gesicht auf: der brasilianisch-deutsche Pianist Fanoni, berühmt, aber schwindsüchtig. Nicky kommt bei einem längeren Spaziergang zu einer Bank, von der aus sie Fanonis Klavierspiel, das aus dessen nahe gelegenen Häuschen tönt, zuhören kann. Sie ist davon so berührt, dass sie jeden Tag wiederkommt. Das bleibt dem Pianisten nicht verborgen. Bald kommt er aus dem Häuschen und verwickelt Nicky in ein tiefsinniges Gespräch, wie es noch nie jemand mit ihr geführt hat. Sie sieht sich in höhere Sphären gehoben und kann in den nächsten Tagen an nichts anderes mehr denken als an Fanoni.

Kurz darauf treffen sie auf einer Waldlichtung aufeinander und kommen in ein Gespräch, im Laufe dessen Fanoni ein Märchen erzählt: von einer Insel, auf der nur Puppen existierten, die wie Menschen aussehen, aber an einem unangenehmen Schnarren in der Stimme als Puppen zu erkennen sind. Es sind kalte, unangenehme Existenzen.

Sie treffen sich ab nun täglich, einmal gehen sie sogar in einen Nachbarort tanzen, doch das erweist sich als Fehler, da Fanoni einen schrecklichen Hustenanfall erleidet. Nicky fürchtet schon, er werde sterben. Doch er erholt sich wieder, und diese Stunde gemeinsam durchlebter Todesangst bindet die beiden noch mehr aneinander.

Am Wochenende kommt Oskar aus der Stadt und verkündet, die Armee sei in Alarmbereitschaft versetzt, auch er werde einrücken müssen. Er will auch, denn er müsse natürlich sein Vaterland verteidigen. Am nächsten Tag fährt Oskar wieder zurück, und Nicky hat ein schlechtes Gewissen, dass sie während seines Besuches mehr an Fanoni als an ihren Ehemann gedacht habe. Abends trifft sie Fanoni – und es kommt zu einem Kuss.

Wenig später wird der Krieg erklärt, Oskar kommt in Uniform zu Nicky, holt sie in die Stadt, damit sie bei seinem Abrücken ins Feld dabei sein könne. In der Stadt wird Nicky von der allgemeinen Kriegsbegeisterung ergriffen, doch eine Begegnung mit einem Mädchen, das rundheraus fragt, ob die vielen Soldaten alle sterben müssten, bringt einen Riss in die Begeisterung. Als sie dann gleich wieder in die Sommerfrische zurückfährt, sitzt sie mit einem heulenden Mädchen im Abteil, das verzweifelt ist, weil sein erst junges Eheglück vom Krieg zerstört wird.

Ins Dorf zurückgekehrt, bemerkt Nicky eine völlige Veränderung der Stimmung. Auf der abgelegenen Bank trifft sie sich mit Fanoni, der vom Krieg nichts hält. Nicky hingegen spricht zu ihm mit den gängigen Phrasen, und er wirft ihr vor, wie eine Puppe zu sprechen. Fanoni verabschiedet sich enttäuscht und geht. Nicky bleibt weinend zurück. Auf dem Heimweg begegnet ihr die Stallmagd Resei, die ihr prophezeit: „Die Männer sind alle fort; die kommen nicht wieder“ (S. 298).

Während die Geschichte zunächst um die unerfüllte Lebenssituation Nickys kreist, der die geheime Annäherung an Fanoni endlich eine nicht gekannte Würze gibt, wechselt das Thema dann zur Rolle der Frau angesichts des Krieges. Am Schluss steht eine gewisse Stärke und Entschlossenheit der Frauen, die zwar nicht selbst in den Krieg ziehen können, jetzt aber stark bleiben müssen.

Am Südhang

In dieser längsten Erzählung des Bandes steht ein junger Leutnant im Mittelpunkt, Karl Erdmann von West-Wallbaum, der kurz nach der Ernennung zum Leutnant auf das väterliche Landgut kommt, um dort den Sommer zu verbringen. Als „Hypothek“ hat er eine Duellforderung mitgebracht, der er im Lauf der Ferien stattgeben muss. Ein Referendar hat ihn irgendwie beleidigt, jetzt muss das mit der Waffe ausgehandelt werden.

Auf dem Landgut ist im Sommer, wie sich das so gehört, die ganze Familie von West-Wallbaum versammelt, Karls Bruder Otho, seine Schwester Oda samt Verlobtem Graf Ottomar von Lynck, sein jüngerer Bruder Leo, seine Mutter und sein Vater. Weiters gibt es einen Hauslehrer namens Aristides Dorn (der notorische Eiferer, wie sie in Keyserling-Geschichten vorkommen) und, als gesellschaftlichen Mittelpunkt: die geschiedene, aber hocherotische Frau Daniela von Bardow, deren Verwandtschafts- oder Bekanntschaftsverhältnis zur Familie nicht aufgeklärt wird, die aber schon seit Jahren zu den Sommergästen gehört. Alle Männer sind von ihr bezaubert, gegen einige benimmt sie sich kokett (insbesondere gegen Dorn), nur Karl gegenüber bleibt sie kühl schwesterlich, obwohl auch er in sie verliebt ist.

Auch in diesem Sommer ist es so, doch die Tatsache, dass Karl bei dem Duell, das sich ganz gegen seinen Willen herumgesprochen hat, erschossen werden könnte, berührt auch Daniela. Zuerst hält sie Karl auf Distanz. Als dieser jedoch sieht, dass ausgerechnet der Hauslehrer ihn bei Daniela ausstechen könnte (er gibt ihr täglich Griechischstunden), greift er zu einem drastischen Mittel: Er schreibt Daniela einen glühenden Liebesbrief.

Daniela will zwar nach außen hin von diesem Brief nicht Notiz nehmen (gelesen hat sie ihn natürlich trotzdem, gibt ihn aber wieder an den Absender zurück), als jedoch die letzte Nacht, die Karl vor dem Duell im Haus verbringen wird, anbricht, bestellt sie ihn diskret in eine versteckte Ecke des Gartens und gibt sich ihm dort hin. Aristides Dorn belauscht die beiden dabei…

Am nächsten Morgen brechen alle Männer zum Duell auf, das in einem entfernten Wald am übernächsten Morgen stattfinden soll. Unterwegs nehmen sie einen Arzt mit, der so eine Situation noch nie erlebt hat und vor Aufregung ganz gesprächig und philosophisch wird. Zu Gesprächen bieten die Wagenfahrt und der Abend genug Gelegenheit. Sogar vom Tod redet der indiskrete Arzt.

Dann das Duell: beide Kontrahenten verfehlen einander, vermutlich absichtlich, man versöhnt sich, alle, insbesondere der Arzt, sind erleichtert.

Als man am Abend wieder im Schloss ist und alle Frauen höchst erleichtert sind, Karl lebend zurück zu haben, hört man plötzlich vom Garten her einen Schuss. Aristides Dorn hat sich erschossen. Der alte Graf versteht überhaupt nicht, warum.

Daniela ist verstört und reist ab. Für immer. Karl Erdmann, der vielleicht auf eine Fortsetzung der Romanze gehofft hat, versteht, dass dies unter den gegebenen Umständen nicht möglich ist und fährt zu seinem Regiment zurück.

Eduard von Keyserling: Schwüle Tage. Erzählungen. Nachwort von Martin Mosebach. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse-Verlag, Zürich, 2005. 439 Seiten. Darin: 

Schwüle Tage, S. 5 – 91,

Bunte Herzen, S. 92-230,

Nicky, S. 231-299, 

Am Südhang, S. 300-422.

Bild: Wolfgang Krisai: Schloss Leesdorf, Baden bei Wien. Tuschestift, Buntstift, 2017.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Deutsche Literatur