Olivier Kugler: Dem Krieg entronnen. Begegnungen mit Syrern auf der Flucht

Aus: Olivier Kugler: Dem Krieg entronnen. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Edition Moderne, Zürich.

Ein außergewöhnliches Buch! Eines, das man zu Pflichtlektüre für alle machen will, damit jede/r die Situation syrischer Flüchtlinge besser versteht.

Bekanntschaft mit Betroffenen

Am besten kann man Verständnis wecken, wenn man eine Bekanntschaft mit Betroffenen vermitteln kann. Und genau das macht diese „gezeichnete Reportage“ über syrische Flüchtlinge. Der deutsch Reportagenzeichner (ja, so etwas gibt es!) Kugler fuhr im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen in Flüchtlingslager und sprach dort mit Flüchtlingen und Betreuern und macht Fotos, nach denen er später seine Zeichnungen anfertigte.

Gezeichnete Reportage

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Das Buch ist keine Graphic Novel im strengen Sinne, denn es enthält keine mittels Panels erzählten Geschichten, sondern jede Doppelseite ist ein großes Panel, in dem Bild und Text bunt zusammengewürfelt sind. Damit man die Orientierung nicht verliert, geben Nummern, Pfeile und Zeichen die Leserichtung an.

Die Bilder sind zu Teil wie durchsichtig, zum Teil richtig „ausgemalt“ (digital natürlich), zum Teil aber nur mit Farbflächen unterlegt. Das ergibt ein wunderbares Spiel von Farben und Formen.

Aus: Olivier Kugler: Dem Krieg entronnen. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Edition Moderne, Zürich.

Flüchtlinge im Irak, in Griechenland, Frankreich, England und Deutschland

Der erste, längste Teil, befasst sich mit EinwohnerInnen des Flüchtlingslagers Domiz nördlich von Mossul im kurdischen Teil des Iraks. Kugler stellt zuerst die Mitglieder des psychologischen Teams von „Medicins sans frontières“ (MSF) vor, danach widmet er sich den Flüchtlingen, zum Beispiel dem Imbissbudenbesitzer Muhamad, dem Fernsehtechniker Habib, der jungen Mutter Vian, den Hirten Muhamed und Muhamed, dem Sound-System-Verleiher Djwan. Die Lagerbewohner versuchen ja, obwohl sie unter Slum-ähnlichen Bedingungen wohnen, eine Art „normales Leben“ aufrecht zu erhalten, wo auch manchmal ein Fest gefeiert wird, wofür eine Soundanlage gemietet wird. Jeder aber trägt ein furchtbares Schicksal und erzählt von den Schrecken des Krieges, der Flucht und der Asylsuche. Das ist ergreifend.

Aus: Olivier Kugler: Dem Krieg entronnen. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags  Edition Moderne, Zürich.

Nach dem Irak kommt die griechische Insel Kos an die Reihe: mit dem Modedesigner Rezan oder dem Medizinstudenten Omar, der 17jährigen Schülerin Noura oder der jungen Mutter und Physikstudentin Amira.

Auch dem „Dschungel“ von Calais ist ein Kapitel gewidmet, eines, das uns die Jämmerlichkeit und Unmenschlichkeit unserer westlichen Flüchtlingspolitik besonders deutlich vor Augen führt.

Die beiden abschließenden Kapitel befassen sich mit Menschen, die schon Asyl und Unterkunft gefunden haben: eine Familie in Birmingham, die Anästesistin Dr. Waffa in London und eine Familie in Simmozheim im Schwarzwald, wo Olivier Kugler herstammt.

Ein Meisterwerk

Zwischen die großen Kapitel sind Informationsseiten gestellt, die über die heutige Situation in den jeweiligen Orten informieren.

Alles ist sehr eingängig geschrieben, man ist sozusagen mit dabei, wie es sich für eine Reportage gehört. Ein Meisterwerk.

Olivier Kugler: Dem Krieg entronnen. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Edition Moderne, Zürich.Olivier Kugler: Dem Krieg entronnen. Begegnungen mit Syrern auf der Flucht. Edition Moderne, Zürich, 2017. 80 Seiten. Durchgehend farbig illustriert.

Veröffentlichung der Bilder mit freundlicher Genehmigung des Verlags Edition Moderne, Zürich.

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Walter von Zur Westen: Exlibris

Exlibris des Hieronymus Baumgartner, gestochen von Bartel Beham, Abdruck von der Originalplatte (Kupferstich).

Von einer Kollegin bekam ich das mehr als hundert Jahre alte Buch „Exlibris“ von Walter von Zur Westen geschenkt. Es gibt einen Überblick über die Kultur des Exlibris, die praktisch gleichzeitig mit dem Buchdruck entstand und bis zum Erscheinen dieses Buches 1901 andauerte, wenn auch mit regionalen Unterschieden.

Exlibris Land für Land

Nach einer allgemeinen Einführung behandelt Zur Westen die einzelnen Länder chronologisch, natürlich mit Schwerpunkt auf Deutschland. Österreich wird stiefmütterlich behandelt.

Das Prunkstück

Ein Abzug von der Originalplatte des Exlibris des Hieronymus Baumgartner, gestochen von Bartel Beham im 16. Jahrhundert, ist das Prunkstück des Bandes.

Dass die Exlibris im Normalfall schwarzweiße Kupferstiche oder Holzschnitte waren, kommt der Drucktechnik des Buches sehr entgegen. Dennoch sind einige Farbabbildungen eingestreut.

Im Mittelalter gab es selten Besitzereinträge in Büchern, und wenn, dann handschriftlich.

Wappen, Allegorien, lesende Mädchen

Inhaltlich beliebt sind Exlibris mit dem Wappen des Besitzers, gelegentlich mit einem Porträt, häufig mit allegorischen Darstellungen. Im 18. und 19. Jh. sind auch lesende Mädchenfiguren mit leicht erotischen Einschlag sehr beliebt, was von Zur Westen naserümpfend zur Kenntnis bringt.

Ein Genuss zum Betrachten

Für mich war die Lektüre großteils ein Genuss, vor allem aber das Betrachten der schönen abgedruckten Beispiele. Und die Aufmachung dieser Velhagen & Klasing-Bände liebe ich sowieso.

Walter von Zur Westen: Exlibris (Bucheignerzeichen). Mit 6 Kunstbeilagen und 164 Abbildungen. Bielefeld und Leipzig, Verlag Velhagen & Klasing, 1901. Reihe: Sammlung Illustrierter Monographien 4. 103 Seiten.

Das Bild stammt diesmal nicht von mir, sondern ist eben jenes Prunkstück des Bandes: das Exlibris des Hieronymus Baumgartner, gestochen von Bartel Beham, Abdruck von der Originalplatte (Kupferstich).

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Schatzkammer des Wissens. 650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek

Wolfgang Krisai: Prunksaal der Österreichischen Nationalbiliothek. Tuschestift und Buntstift, 2015.

Die Österreichische Nationalbibliothek nimmt als ihr Gründungsjahr das Jahr 1368 an – als das Evangeliar des Johannes von Troppau fertiggestellt wurde (einen wirklichen Gründungsakt gibt es nämlich nicht). Aus diesem Anlass ist im Prunksaal heuer das ganze Jahr lang (vom 26. 1. 2018 bis 13. 1. 2019) die Ausstellung „Schatzkammer des Wissens. 650 Jahre Österreichische Nationalbiliothek“ zu sehen. Ich besuchte sie gleich in den ersten Tagen, kaufte den Ausstellungskatalog und las ihn innerhalb weniger Tage.

Essayistische Beleuchtung von allen Seiten

Eine Reihe von Essays beschreibt einerseits die Entwicklungsschritte der Nationalbibliothek von der Habsburgischen Büchersammlung über die Hofbibliothek bis zur Nationalbilbiothek von heute und der Zukunft, andererseits die verschiedenen Teilinstitutionen wie den Prunksaal, die Kartensammlung, die Papyrussammlung, die Plansprachen-Sammlung oder das Literaturmuseum (der zugehörige Essay hat aber mit dem Museum nichts zu tun, sondern behandelt nur einige Manuskripte von Musil, Doderer, Bachmann und Handke – in meinen Augen der am wenigsten informative Teil des Katalogs). Eigene Kapitel sind dem „Bibliotheksstück“ oder der Zensur gewidmet. Eines befasst sich mit der Bibliothek in und nach der NS-Zeit, wo an die 200000 Bücher und Sammlungsobjekte illegal in die Bibliothek gelangten, von denen bislang rund 50000 wieder an die Erben der damaligen Eigentümer restituiert wurden. Da damals die requirierten Bücher gleich lastwagenweise herangekarrt wurden, konnte und wollte man über die genaue Herkunft meist nicht Buch führen, sodass heute eine Restitution unmöglich ist.

Bedeutende Bibliothekare

Große Persönlichkeiten unter den Bibliothekaren waren:

der erste Bibliothekar Hugo Blotius (1533-1608), der 1575 zum Hofbibliothekar ernannt wurde und gleich neben den über dem damals noch vorhandenen Kreuzgang des Minoritenklosters untergebrachten Buchbeständen wohnte;

Gerard van Swieten und sein Sohn Gottfried in der Zeit Maria Theresias und der Aufklärung;

Josef Bick (1880-1952), der der bedeutendste österreichische Bibliothekar des 20. Jahrhunderts war und die NB von 1923-38 und 1945-49 leitete.

Platzmangel durch die Jahrhunderte

Durch die Jahrhunderte zogen sich die immer gleichen Probleme:

Platzmangel für die Bücher: Das beginnt mit Lächerlichkeiten wie der Tatsache, dass man zu Blotius’ Zeiten gar keinen separaten Eingang in die Bibliothek hatte, sondern entweder durchs Minoritenkloster oder die Privatwohnung des Direktors eintreten musste. Es setzt sich fort mit dem immer gleichen Problem jeder noch so zukunftsweisenden Erweiterung: schon wenige Jahrzehnte nach dem Bau des Prunksaals war dieser für die Bücher zu klein, genauso wie der moderne Tiefspeicher inzwischen auch schon voll ist.

Platzmangel für die Leser: Schon früh wurden die Bestände der Hofbibliothek auch der interessierten (zunächst nur männlichen) Öffentlichkeit zugänglich gemacht, aber es gab keine richtigen Lesesäle, sondern man musste sich mit ungeeigneten Räumlichkeiten behelfen, wo zu wenig Platz für die nötigen Tische war. Allmählich erkämpften sich die Direktoren größere Räume, wovon der Augustiner-Lesesaal der heute noch markanteste ist, wenn man von der gewaltigen Erweiterung in den 1960er-Jahren absieht, wo die NB in die Neue Hofburg „hineinwuchs“ mit den von Theiss, Jaksch & Jaksch adaptierten Räumen und der von Margret Gressenbauer-Scherer eigens designten Inneneinrichtung. Die ganz große Lösung war das nicht. Diese wäre ein völliger Bibliotheksneubau gewesen, wie ihn Werner Theiss entworfen hatte: ein radförmiger Gebäudekomplex mit einem Hochhaus in der Mitte, in dem in den oberen Stockwerken die Bücher gespeichert werden sollten, während in den Speichen die Lesesäle und im Rad selbst alle administrativen Räume untergebracht werden sollten. Das wäre eine Sehenswürdigkeit erster Güte geworden…

Wenig informativer Katalogteil

Seltsam uninformativ ist dann der eigentliche Katalogteil ausgefallen, der sich bescheiden „Anhang“ nennt und kaum mehr als eine Auflistung der Exponate ist. Das ist ärgerlich, denn zu vielen der Exponate hätte ich gerne eine ausführlichere Erläuterung und eine größere Abbildung gehabt.

Objekte des Monats

Eine Besonderheit der Ausstellung sind die „Objekte des Monats“. Diese Kostbarkeiten können im Original nicht während der ganzen einjährigen Ausstellungsdauer gezeigt werden, sondern sind jeweils nur ein Monat zu sehen. Nach dem nur wenige Tage ausgestellten Evangeliar des Johannes von Troppau sind das etwa ein antiker Papyrus, die Tabula Peutingeriana, eine Gutenbergbibel oder ein Aquarell von Jakob Alt. Diese Objekte sind alle im Katalog abgebildet.

Schatzkammer des Wissens. 650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek. [Ausstellungskatalog.] Hg. v. Johanna Rachinger. Kremayr & Scheriau, Wien, 2018. 255 Seiten, viele Abbildungen.

Bild: Wolfgang Krisai: Prunksaal der Österreichischen Nationalbiliothek. Tuschestift und Buntstift, 2015.

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Jane Austen: Stolz und Vorurteil

Wolfgang Krisai: Skizze nach Jean-Jacques Henner: Portrait de femme, 1874, Musée Henner, Paris.Das Jahr 2017 mit dem 200. Todestag Jane Austens (1775-1817) am 18. Juli war eine gute Gelegenheit, mein Unwissen hinsichtlich dieser Autorin zu beenden und eines ihrer Werke zu lesen. Ich wollte ergründen, weshalb die Romane einer längst verstorbenen Autorin heute in jeder Buchhandlung zu kaufen, in zahlreichen Verfilmungen zu sehen sind und tatsächlich gelesen werden. Die Lektüre nur eines Romans würde dafür nicht ausreichen, das war mir klar. Aber ein erster Eindruck entstand jedenfalls.

Ein Roman mit seltsamen Seiten

Dieser erste Eindruck: Ganz verstehe ich die Austen-Begeisterung nicht. Hat doch dieser Roman seine durchaus seltsamen Seiten.

Ähnlich wie in Charlotte Brontës „Jane Eyre“ liest man hier eine unglaublich altkluge Sprache, in der junge Frauen von damals, zumindest im Roman, denken und sprechen. Die Heldin des Romans, Elizabeth Bennet, ist eine scharfe Denkerin und spitze Formuliererin, die sich nichts gefallen lässt. Wahrscheinlich sind dies Eigenschaften, die die Figur auch heute noch attraktiv machen, da nimmt man die unnatürliche Denk- und Sprechweise als zeitbedingtes Stilmittel in Kauf.

Im Nachwort wird der Roman als einer der schönsten Liebesromane und überhaupt als einer der meistgelesenen Romane der Weltliteratur (S. 619) bezeichnet.

Fünf Töchter sind unter die Haube zu bringen

Die Welt, die hier vor der Leserin und dem Leser ausgebreitet wird, befremdet einigermaßen. Töchter zu haben und ihnen keine große Mitgift mitgeben zu können, war im England des späten 18. Jahrhunderts eine mittlere Katastrophe. Und die Familie Bennet hat gleich fünf davon. Während ihr bescheidener Landbesitz, ein Haus in einem Dörfchen in Hertfordshire, nach dem Tod des Vaters aufgrund erbrechtlicher Kalamitäten an einen Cousin fallen würde (einen jungen Geistlichen, den man im Lauf des Romans als unerträglich bigotten Dauerprediger kennenlernt), müssen die fünf Töchter Jane, Elizabeth, Lydia, Kitty und Maria irgendwie unter die Haube gebracht werden. Das jedenfalls ist das einzige und oberste Ziel der Mutter, die es allerdings unwissentlich selbst sabotiert, indem sie sich als strohdumme Plaudertasche erweist, die kein Fettnäpfchen auslässt.

Zunächst glaubt man, die sich anbahnende Liebesgeschichte der ältesten Tochter Jane mit einem neu in die Gegend gezogenen Gutsherrn namens Mr. Bingley sei Gegenstand des Romans. Bingley ist eine sanfte Natur und fühlt sich schnell zur nicht weniger sanften Jane hingezogen, während sein Freund Mr. Darcy vor allem von Elizabeth als eingebildeter, stolzer Schnösel wahrgenommen wird.

Enttäuschung, Beistand und ein Korb

Auf Bällen und bei gegenseitigen Einladungen kommt man einander näher. Schon sieht die Mutter ihre Tochter unter der Haube, als Bingley plötzlich abreist und nicht wiederkehrt. Das Gerücht geht um, er heirate in London die Schwester Darcys.

Elizabeth muss ihrer unglücklichen Schwester beistehen. Schließlich fährt diese ihrerseits zu ihrem Onkel und ihrer Tante Gardiner nach London. Diese wollen Jane auf andere Gedanken bringen.

Eine unheimliche Episode ist die Werbung des geistlichen Cousins um Elizabeths Hand. Diese gibt ihm aber einen Korb, und er findet sich schnell mit Charlotte, einem anderen Mädchen aus dem Dorf, ab, einer Freundin Elizabeths.

Ein Heiratsantrag und noch ein Korb

Bald nach deren Hochzeit folgt Elizabeth deren Einladung und verbringt einige Wochen (damals dauerten Besuche immer lange) bei ihnen. Gutsherrin der Pfarrstelle des Cousins ist Lady Catherine de Bourgh, eine bis ins Groteske selbstherrliche Person, die jedem unverblümt ihre Meinung sagt. Ihr Verwandter ist Mr. Darcy! Er findet sich in Gesellschaft eines weiteren Freundes bei Lady Catherine ein, sodass es, als das Pfarrer-Ehepaar und dessen Freundin aufs Schloss eingeladen werden, zu neuerlichen Begegnungen von Darcy und Elizabeth kommt. Diese gipfeln in einem Heiratsantrag Darcys – den Elizabeth ablehnt, da sie glaubt, Darcy stecke hinter der Intrige, die Jane und Bingley auseinandergebracht habe. Elizabeth hat außerdem von Mr. Wickham, einem Offizier, viel Negatives über Darcy gehört, der Wickham ein Erbe, das ihm Darcys Vater vermacht habe, vorenthalten habe.

Vorurteil und Stolz

Als Elizabeth Darcy all das sagt, sieht er sich gezwungen, sich zu rechtfertigen, und tut dies in einem langen Brief, den er ihr zusteckt. Dieser Brief öffnet Elizabeth die Augen. Ihre negative Einstellung gegenüber Darcy war von Anfang an ein Vorurteil. Sein Stolz eine Einbildung Elizabeths.

Nun bereut sie es, ihn abgewiesen zu haben, es gibt jedoch keinen Weg mehr, dies ungeschehen zu machen.

Bei einer mit Gardiners unternommenen Reise besuchen die drei das Landgut Darcys (man konnte also auch damals schon dergleichen Schlösser als Sehenswürdigkeiten besichtigen) und trifft dort überraschend den abwesend geglaubten Gutsherrn. Darcy benimmt sich überaus zuvorkommend, statt sich wie zu erwarten in den Schmollwinkel zurückzuziehen.

Der selbstlose Retter

Darcys großes Herz und seine enorme Großzügigkeit erweist sich erst recht, als er Elizabeths Schwester Lydia, die mit Wickham durchgebrannt ist, vor der gesellschaftlichen Ächtung rettet, indem er Wickhams Schulden zahlt, eine sofortige Eheschließung ermöglicht, ja Wickham regelrecht dazu zwingt, und dessen Versetzung in ein im Norden stationiertes Regiment einfädelt, damit dem Paar sozusagen ein Neuanfang möglich wird.

Darcy hält das alles geheim, nur Tante Gardiner erfährt davon und teilt es Elizabeth unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit.

Happy End

Allmählich schreitet der Roman seinem Ende zu, und da werden alle Verwicklungen zu einem guten Ende gebracht:

Bingley zieht wieder aufs Land und heiratet Jane.

Darcy kommt mit – und erneuert seinen Heiratsantrag. Diesmal sagt Elizabeth aus vollem Herzen ja.

Happy End.

Schöne Ausgaben

Wer sich heute ein Werk Jane Austens kaufen will, steht vor der Qual der Wahl. Die schönen, gediegen gemachten Mannesse-Bändchen sind, wenn es schon keine englischsprachige Ausgabe sein soll, meine Wahl. Würde ich mir Taschenbücher kaufen, so fiele meine Entscheidung klar zugunsten der von Kat Menschik gestalteten Insel-Taschenbücher aus, die der Verlag sogar mit einer besonderen Bildergalerie auf seiner Homepage ausgezeichnet hat.

Jane Austen: Stolz und Vorurteil. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Ott. Nachwort von Elfi Bettinger. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse-Verlag, Zürich, 2003. 635 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Skizze nach Jean-Jacques Henner: Portrait de femme, 1874, Musée Henner, Paris.

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Henry James: Washington Square

Washington Square Park, New York City

Zur Zeit des Romans eine ländliche Idylle, heute ein beliebter Park: Washington Square Park, New York City (Foto: W. Krisai)

Henry James wurde selbst am Washington Square geboren, kennt den Schauplatz also genauestens. Der Roman spielt zu einer Zeit, wo der Platz noch nicht von Wolkenkratzern umstellt, sondern von kleinen Bürgerhäusern gesäumt war und einen durchaus ländlichen Charakter hatte. Sah man aus dem Fenster, konnte man sich wie auf dem Land fühlen.

Der Arzt Dr. Austin Sloper besitzt eines dieser Häuser und lebt dort mit seiner Tochter Catherine und seiner verwitweten Schwester Lavinia. Auch er ist verwitwet.

Der Roman erzählt geradlinig, wenn auch in manchmal ironischem Ton, von der einzigen Liebesgeschichte Catherines. Einer unglücklichen Geschichte.

Vier ausgeprägte Charaktere

In dieser Geschichte stoßen vier ausgeprägte, teils ausgeprägt wunderliche Charaktere aufeinander:

Am normalsten ist noch der Arzt selbst, der als Arzt erfolgreich, als Bürger untadelig und als Vater den Konventionen der Zeit entsprechend streng ist. Sein Fehler ist nur, dass er sich einbildet, einen untrüglichen Scharfblick für die Psyche seiner Mitmenschen zu besitzen.

Von seiner Tochter Catherine hält er wenig. In seinen Augen ist sie ein einfältiges Wesen, das er leiten, lenken und beschützen muss, weil es sonst ins Unglück läuft. Das soll sie natürlich nicht, im Gegenteil, der Vater erhofft für sie eine gute Partie, mit der sie einstmals ihre stattliche Erbschaft, die ihr zusteht, sinnvoll nutzen wird.

Catherine ist jedoch nicht einfältig, sondern nur in höchst ungewöhnlicher Weise langsam und unbeirrbar. Ihre Gefühle entstehen wie in Zeitlupe, doch wenn sie einmal da sind, klingen sie auch nie mehr ab. Für mehr als eine Liebe ist in solch einer Seele kein Platz.

In hohem Grade verrückt

Tante Lavinia hingegen ist in hohem Grade verrückt. Sie ist einer jener Menschen, die ihre verquere Vorstellung von der Wirklichkeit für die einzige Wahrheit halten. Sie träumt von romantischer Liebe für ihre Nichte und deren Verehrer, gleichzeitig ist sie selbst in diesen Jüngling verliebt. Sie fühlt sich berufen, durch geheime Machenschaften die Liebe der beiden zu fördern, und sei es um den Preis des Durchbrennens und geheimer Hochzeit irgendwo im Unbekannten. Wenn sie mit jemandem spricht, fasst sie nur die Hälfte richtig auf, und wenn sie später davon erzählt, stellt sie diese Hälfte völlig anders dar, als sie in Wirklichkeit war. Sie empfindet das nicht als Lüge, sondern glaubt wirklich, was sie daherflunkert.

Der junge Liebhaber …

Wer ist nun der junge Liebhaber? Es ist ein gewisser Morris Townsend, der plötzlich bei einer Gesellschaft auftaucht, die die zweite Schwester Dr. Slopers gibt. Sie hat ihn eingeladen, weil er bei einer Freundin wohnt und ein charmanter junger Mann ist. Viel mehr weiß man über ihn zunächst nicht.

Rätselhafter Weise stürzt sich dieser Charmeur mit bohrender Energie auf die schüchterne Catherine und macht ihr vehement den Hof. Irgendwie ist nämlich bis zu ihm durchgesickert, welch reiche Partie sie ist.

Morris ist ein Habenichts und Luftikus, wie Dr. Sloper schnell herausfindet. Sein ererbtes Vermögen hat er schnell verjubelt, und nun lebt er auf Kosten seiner Schwester, deren Kindern er angeblich Spanisch beibringt als Gegenleistung für Kost und Logis.

… kommt als Schwiegersohn nicht in Frage

Für Sloper ist schnell klar: Dieser Kerl ist nur auf das Geld seiner Tochter aus. Als Schwiegersohn kommt er nicht in Frage.

Sloper ist allerdings zu selten zu Hause, um genau verfolgen zu können, was dort vor sich geht. Ärzte besuchten damals den ganzen Tag lang ihre Patienten in deren Häusern.

Während der Vater also nicht da ist, empfängt Catherine immer häufiger ihren Verehrer, was von Tante Lavinia nach Kräften gefördert wird. Dass Sloper den beiden verbietet, den jungen Mann zu empfangen, hat keine Wirkung. Im Gegenteil, Lavinia ist geradezu stolz darauf, ihren eigenen Kopf durchzusetzen.

Catherine hingegen, die bisher ihren Vater wie einen Gott verehrt hat und nie auf die Idee gekommen wäre, sich ihm im mindesten zu widersetzen, fühlt in sich eine immer unwiderstehlichere Liebe zu Morris wachsen, die sie über die Rechte des Vaters stellt.

Heiratsantrag und Nervenzusammenbruch

Schließlich wagt es Morris, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Von diesem erzählt sie noch am selben Abend dem Vater, der ihr unmissverständlich klar macht, dass er diese Verbindung niemals dulden werde. Catherine reagiert mit einem kleinen Nervenzusammenbruch.

Am nächsten Tag kommt Morris, um offiziell um die Hand Catherines anzuhalten, und wird brüsk abgewiesen. Er kann es selbst kaum glauben. Noch nie hat jemand seinem charmanten Wesen widerstanden.

Catherine hofft nun, bestärkt von Lavinia, der Vater werde, wenn sie in der Liebe standhaft bleibe, eines Tages nachgeben. Das erwartet auch Morris, weshalb er die Flinte noch nicht ins Korn wirft, sondern im Geheimen weiter mit Catherine verkehrt.

Europa hilft nicht

Der Vater hofft, mit einer ausgedehnten Europareise zu bewirken, dass Morris von Catherine ablässt und eine andere aufgabelt. Denn dass Catherine den Verehrten innerhalb eines halben Jahres vergessen werde, ist angesichts von deren Langsamkeit in Gefühlsdingen nicht zu erwarten.

Was der Vater sechs Monate lang nicht mitbekommt, ist allerdings der rege geheime Briefverkehr zwischen Catherine und Morris, der über Lavinia läuft, in deren Briefen die des Verehrers versteckt sind. Als der Vater nach einem halben Jahr einmal fragt, ob Catherine noch an Morris denke, beichtet sie ihm ihre Korrespondenz. Der Vater ist schwer enttäuscht und redet nichts mehr mit der Tochter.

Währenddessen besucht Morris alle paar Tage Lavinia und macht es sich wie ein Pascha in den Räumen von Dr. Sloper gemütlich, pafft dessen Zigarren und trinkt dessen Wein.

Nach einem vollen Jahr kehren die Catherine und ihr Vater zurück. Der eigentliche Zweck der Reise ist völlig verfehlt. Catherine trifft sich sofort wieder mit Morris und plant eine geheime Hochzeit. Lavinia ist hingerissen.

Enterbt und verlassen

Sloper kann seiner volljährigen Tochter nicht verbieten, einen Mann ihrer Wahl zu treffen und gar zu heiraten. Er kann ihr auch nicht die 10000 Dollar Erbe von seiten ihrer Mutter sperren. Sehr wohl aber kann er ihr die 20000 Dollar, die sie von ihm erben sollte, testamentarisch entziehen und das Geld wohltätigen Zwecken widmen. Genau das droht er Catherine und Morris nun an.

Als Morris realisiert, wie ernst es Sloper damit ist, will er von Catherine schlagartig nichts mehr wissen. Diese glaubt das zunächst einfach nicht, sondern wälzt weiter geheime Heiratspläne. Schließlich aber dämmert ihr doch, was Morris’ plötzliche angebliche geschäftliche Verpflichtungen in New Orleans bedeuten. Damit bricht für sie die Welt zusammen.

Nur aus Hass auf ihren unbeugsamen Vater lässt sie sich von ihrem Leid nichts anmerken. Und diese Haltung wird ihr zur Gewohnheit.

Summarisch fasst der Roman zum Schluss zusammen, was weiter geschieht:

Catherine bleibt eine immer ältere Jungfer, die sich für wohltätige Institutionen einsetzt und in dieser Rolle hoch geachtet ist. Morris führt das Leben einer verkrachten Existenz, mit kleinen Geschäften hier und dort. Gelegentlich kreuzt er am Rande des Geschichtskreises von Catherine auf, doch sie will nichts mehr von ihm wissen.

Mit Lavinia pflegt er weiterhin losen Kontakt, und diese glaubt, wenn er nur erscheine, könne er Catherine sofort wieder für sich gewinnen. Als Sloper gestorben ist, arrangiert Lavinia tatsächlich einen Überraschungsbesuch Morris’ bei Catherine. Diese ist über diese Dreistigkeit erbost und wirft ihn hochkant hinaus.

Damit endet diese verquere Liebesgeschichte.

Ironische Distanz, messerscharf formuliert

James schildert das alles aus ironischer Distanz. Man fragt sich, warum überhaupt. Warum lässt ein Autor zweihundert Seiten lang kein gutes Haar an seinen Protagonisten? Sogar Sloper, der noch die am positivsten gestaltete Figur ist, wirkt mit seinem Starrsinn nicht gerade sympathisch. Er will das Beste für seine Tochter, erreicht aber nur, dass ihr Leben zu kalter Routine über düsterem Leid wird. Schlimm ist vor allem seine völlige Blindheit gegenüber den Machenschaften Lavinias, die viel zum Unglück ihrer Nichte beiträgt.

Die Sprache, mit der dieses Panoptikum menschlicher Verbohrtheit dargestellt ist, macht den Roman allerdings zum Vergnügen. James ist ein messerscharfer Formulierer, dessen Sätze man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Das fördert zwar das Lesetempo nicht, lässt einen aber immer wieder über die Treffsicherheit des Ausdrucks schmunzeln.

Henry James: Washington Square. In: Henry James: Novels 1881-1886. The Library of America, Band 29. [Des Moines], o. J., S. 1-189.

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Dirk Stichweh, Jörg Machirus, Scott Murphy: NY Skyscrapers

Wolfgang Krisai: Manhattan vom Roosevelt-Island aus. Tuschestift, Buntstift. 2016.

Nach meinem New-York-Aufenthalt im Sommer 2016 kaufte ich mir diesen schönen Bildband über die Hochhäuser der Stadt.

Hochhäuser in Downtown und Midtown

Nach einer kurzen Einführung in die Entwicklung des Hochhausbaus in New York und Chicago, wo die ersten Hochhäuser gebaut wurden, folgt die Beschreibung der wichtigsten Bauten. Im ersten Drittel des Buches werden die Wolkenkratzer im Süden Manhattans betrachtet, wo übrigens sowohl die zerstörten Twin Towers wie auch die Neubebauung des World-Trade-Center-Areals vorgestellt werden.

Die nächsten zwei Drittel widmen sich den Hochhäusern in Midtown. Andere Hochhäuser, etwa in Brooklyn, werden nicht behandelt.

Ganz am Ende gibt es noch eine Doppelseite mit den spektakulärsten Hochhausprojekten der nächsten Jahre.

Dirk Stichweh überfrachtet seine Darstellung nicht mit technischen Details, sondern beschreibt die Aspekte der Bauten, die den Laien interessieren: die epochentypische oder -untypisch Gestalt, die Position im Ranking der höchsten, größten, teuersten oder aufregendsten Bauwerke, eventuelle baurechtliche Probleme, die Nutzung und – vor allem bei den neuesten Bauten wichtig – Fragen der Energieeffizienz und ökologischen Verträglichkeit.

Prächtige Fotos

Flächenmäßig wesentlich umfangreicher als der Text sind die prächtigen Fotos, die die einzelnen Bauten und gelegentlich als eingestreute Doppelseiten ganze Ensembles zeigen. Vorwiegend sieht man Außenansichten, manchmal Details aus dem Inneren. Erfreulicher Weise erheben die Fotos keinen selbstständigen künstlerischen Anspruch, sondern ordnen sich dem Zweck des Buches unter. Also keine großflächigen, monotonen Detailaufnahmen, sondern Gesamtansichten, soweit es bei der Dichte der Bebauung Manhattans überhaupt möglich ist, einen Wolkenkratzer ganz zu sehen. Viele der Bilder dürften auch aus dem Hubschrauber aufgenommen worden sein.

Dirk Stichweh (Text), Jörg Machirus, Scott Murphy (Fotos): NY Skyscrapers. Über den Dächern von New York City. Prestel-Verlag, München, London, New York, 2016. 190 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Manhattan vom Roosevelt-Island aus. Tuschestift, Buntstift. 2016.

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Brigitte Riebe: Die schöne Philippine Welserin. Historischer Roman

Wolfgang Krisai: Philippine Welser, Skizze nach einem Gemälde von 1557 auf Schloss Ambras. Bleistift, 2017.Ich las Brigitte Riebes historischen Roman über Philippine Welser als Vorbereitung auf die Ausstellung über Erzherzog Ferdinand II. von Tirol auf Schloss Ambras (15. Juni bis 8. Oktober 2017).

Tochter der zweitreichsten Handelsdynastie Deutschlands

Philippine ist ein Spross der zweitreichsten Handelsdynastie Deutschlands nach den Fuggern, der Welser. Berühmt wurde sie durch ihre geheime Ehe mit Erzherzog Ferdinand II. von Tirol.

Die Autorin behandelt Philippines Leben von der Jugend, wo sie Ferdinand kennengelernt hat, bis zu ihrem Tod 1580. Die Darstellung wechselt zwischen auktorial erzählten Kapiteln und Ausschnitten aus dem fiktiven Tagebuch der Heldin. Dabei wird kein Versuch gemacht, die Sprache etwa irgendwie historisierend zu gestalten, aber die Autorin verfällt auch nicht ins andere Extrem einer zu großen Verheutigung.

Eine kräuterkundige Frau

Die Großkapitel (die meist ein, zwei auktoriale und ein Tagebuch-Kapitel enthalten) sind nach Heilpflanzen benannt, zu denen jeweils eine Darstellung und eine Auflistung der guten und gefährlichen Eigenschaften der Pflanze beigestellt sind. Das kommt nicht von ungefähr, denn Philippine ist eine große Kräuterkundlerin und Medizinerin, ein Faktum, das historisch belegt ist. Im Roman lernt sie das alles von ihrer ebenso kundigen Mutter Anna, die sich mit der Kräuterkunde über ihre unglückliche Ehe hinwegtröstet.

Ehe gegen den Willen des Kaisers

Philippines Ehe mit Ferdinand hingegen ist zum Großteil glücklich. 1557 schließen die beiden eine geheime Ehe, gegen den Willen des Vaters Ferdinands, Kaiser Ferdinands I.. Als dieser von der Sache erfährt, muss er sich wohl oder übel dem Willen des Sohnes beugen, denn die Ehe ist nicht mehr rückgängig zu machen. Der Kaiser bestimmt aber, dass Ferdinands Kinder aus dieser Ehe von der Erbfolge der Habsburger ausgeschlossen werden. Immerhin aber werden sie gut versorgt.

„Findelkinder“

Zunächst lebt Philippine auf einem Schloss Pürglitz bei Prag, da Ferdinand Statthalter von Böhmen ist. So oft es geht, kommt er Philippine besuchen. Diese ist über die große Liebe ihres Mannes glücklich, wenn auch nicht darüber, dass sie vor der „Welt“ bloß als dessen Konkubine und ihre Söhne Andreas und Karl als „Findelkinder“ gelten. Die Kinder werden nämlich gemäß eines damals üblichen Ritus geheim zur Welt gebracht, dann wie Findelkinder vor das Schlosstor gelegt, „gefunden“ und der Schlossherrin in die Obhut gegeben.

„Mutter Tirols“

Ab 1567 wohnt Philippine auf Schloss Ambras bei Innsbruck, da Ferdinand inzwischen Herzog von Tirol geworden ist. In Tirol erwirbt Philippine sich durch ihre medizinischen Kenntnisse, die sie zum Wohl der Bevölkerung einsetzt, bald einen guten Ruf als die „Mutter Tirols“.

Erst 1576 dürfen die Eheleute sich öffentlich zu ihrer Ehe bekennen, da der Papst Ferdinand von seinem Schweigegelübde entbindet.

Insgeheim bereitet Ferdinand zu dieser Zeit jedoch schon eine weitere, dynastisch passende Ehe mit seiner Nichte aus Mantua vor, was Philippine im Roman herausfindet und resigniert mitverfolgt, indem sie Ferdinands Briefe liest.

Versuche, Philippine zu vergiften

Den ganzen Roman durchzieht das Kräuter-Thema, nicht nur positiv, sondern vor allem auch negativ, denn Philippine ist fortwährend der Gefahr ausgesetzt, vergiftet zu werden. Das beginnt schon auf Brednitz, dem Schloss ihrer Tante Katharina, wo die Hochzeit geschlossen wird. Schon davor will sie eine Dienstmagd – offensichtlich in höherem Auftrag – vergiften, wird aber ertappt und eingesperrt. Doch kurz darauf ist sie für immer verschwunden.

Eine Kammerfrau, der Philippine vollstes Vertrauen geschenkt hat, erweist sich ebenfalls als Giftmischerin. Und zuletzt versucht es noch eine Schwägerin, die lebenslustige, aber bankrotte Eva, doch dieses leicht durchschaubare Vorhaben kann Philippine rechtzeitig aufdecken.

Durch diese kriminelle Seite der Handlung bekommt der Roman seine Würze.

In einem Anhang erläutert die Autorin, inwieweit ihr Roman historisch „wahr“ ist.

Seltsamer Weise wird der Roman auf dem Umschlag als „historischer Kriminalroman“, auf dem Innentitel jedoch als „historischer Roman“ bezeichnet. Die Ambivalenz kommt wohl von der recht schwachen Ausprägung der Krimi-Handlung.

Brigitte Riebe: Die schöne Philippine Welserin. Historischer Roman. Gmeiner-Verlag, Maßkirch, 2013. 337 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Philippine Welser, Skizze nach einem Gemälde von 1557 auf Schloss Ambras. Bleistift, 2017.

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