Josef H. Reichholf, Johann Brandstetter: Symbiosen. Das erstaunliche Miteinander in der Natur.

Wolfgang Krisai: Mädchen mit Hund in der Dordogne. Tuschestift, Buntstifte, 2014.

Diesen Band kaufte ich mir – nach den „Haustieren“ –, weil ich vor einigen Jahren im Haus der Natur in Salzburg eine Ausstellung mit den Illustrationen Johann Brandstetters zu diesem Band gesehen habe.

Schön illustriert, aaaber …

Die Ausstellung war großartig, die Bilder sind es ebenfalls. Aaaaber: Die Originale sind etwa A2 groß, abgebildet sind sie jedoch etwa im Format A4. Da die Bilder viel ohnehin schon schwer lesbare Handschrift enthalten, die zu allem Überfluss noch mit Bleistift aufs Papier gehaucht ist, kann man die Schrift auf den Bildern im Buch einfach nicht lesen. Der Verlag hat sich auch nicht die Mühe gemacht, Teilvergrößerungen mit den Schriftpassagen abzubilden. Das ist ein wirklich ärgerlicher, schwerer Mangel dieses ansonsten großartigen Buches.

Im Endeffekt muss daher Reichholfs Text für sich stehen, die Illustrationen dienen nur der Trennung der Kapitel und der ganz, ganz oberflächlichen Hinführung zur jeweils veranschaulicht werden sollenden Symbiose.

Dreißig Symbiosen + eine, die nicht funktioniert

30 Symbiosen stellt Reichholf vor: den Honiganzeiger, der die Menschen für sich arbeiten lässt, „Rehe und Gänse auf weiter Flur“, natürlich „Mensch und Hund“, „Madenhacker, Büffel und Co.“, „Wildschweine und Trüffeln“, „Blüten und Insekten“, Blattschneiderameisen, Bromelienfröschchen (das sind knallrote, winzige Pfeilgiftfröschchen, die ihre Brut in den wassergefüllten Trichtern der Bromelien aufziehen), allerlei fleischfressende Pflanzen, diverse Symbiosen im Meer, die Flechten als Symbiose von Alge und Pilz und zuletzt, als 31., leider derzeit überhaupt nicht funktionierende Symbiose jene von „Stadt und Land“.

Was einem als Durchschnittsmensch der Gegenwart überhaupt nicht bewusst ist, wird in der 31. „Symbiose“ angerissen: Die moderne Argarindustrie (Landwirtschaft kann man das ja überhaupt nicht mehr nennen) ist die größte Bedrohung der Umwelt der Gegenwart. Vergiftung mit Pflanzenschutzgiften, extreme Überdüngung, Massentierhaltung, Rodung der Regenwälder für Sojaproduktion, deren Produkte in Europa an Tiere verfüttert werden, Überproduktion, Vernichtung von Lebensräumen für Wildtiere, usw. usw. usw. Unbemerkt und doch vor aller Augen wird der Planet von der Landwirtschaft ruiniert!

Man lernt und lernt und lernt

Reichholf erzählt über die Symbiosen so interessant und kurzweilig, wie man es sich nur wünschen kann. Man lernt und lernt und lernt dazu. Und genießt gleichzeitig die schöne, von Judith Schalanski gestaltete Aufmachung des Bandes.

Ich vergönne es dem Mattes & Seitz-Verlag, mit der Reihe „Naturkunden“ bis in die Mainstream-Buchhandlungen vorgedrungen zu sein.

Josef H. Reichholf, Johann Brandstetter: Symbiosen. Das erstaunliche Miteinander in der Natur. Reihe: Naturkunden Nr. 35, hg. v. Judith Schalanski, Mattes & Seitz, Berlin, 2016. 298 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Mädchen mit Hund in der Dordogne. Tuschestift, Buntstifte, 2014. – Mensch und Hund, auch das ist eine Symbiose.

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Maren Gottschalk: Johannes Gutenberg. Mann des Jahrtausends.

Wolfgang Krisai: Mainz, Kaiserdom. Zeichnung, 2014.

Maren Gottschalks Biographie über „Johannes Gutenberg. Mann des Jahrtausends“ ist ein für Laien geschriebenes, sehr gut lesbares und anschauliches Buch, das sich im Programm des Böhlau-Verlags wie ein Fremdkörper ausnimmt. Hoffentlich ist ihm trotzdem Erfolg beschieden.

Zumal es sehr schön gestaltet und gediegen gemacht ist: Hardcover, Fadenheftung, Lesebändchen, mit vielen Farbabbildungen, zweifärbigem Druck und moderner Typographie. Außerdem ist es sehr informativ, denn man erfährt nicht nur viel über Gutenberg selbst, sondern auch detaillierte Informationen darüber, wie der Buchdruck damals funktionierte, von der Herstellung des Schrifttypen bis zum „Marketing“ für die Gutenberg-Bibel.

Was mir besonders in Erinnerung ist:

Henne Gensfleisch

Gutenberg hieß Henne Gensfleisch und stammte aus einer wohlhabenden Mainzer Patrizierfamilie. 

In Mainz gab es immer wieder Revolten der Handwerker gegen die Patrizier, die ihrerseits dem Erzbischof die Herrschaft abgerungen hatten. Wenn es den Patriziern in Mainz „zu heiß“ wurde, zogen sie aus, die Gutenbergs in ihr Haus in Eltville am gegenüberliegenden Rheinufer.

Gutenberg studierte in Erfurt, das zum Bistum Mainz gehörte. Das ist zumindest das Wahrscheinlichste, und immerhin wird um 1420 ein Student Johannes de Alta Villa vermerkt. Das könnte er gewesen sein.

Heiltumsspiegel

Dann taucht er in Straßburg auf (1443-44), wo er sich als Geschäftsmann betätigte und Heiltumsspiegel herstellt, eine spezielle Form von Pilgerabzeichen, die er in Aachen verkaufen will.

Außerdem muss er sich schon in Straßburg mit der Druckkunst befasst haben.

Grammatik und Kalender

Zwischen 1444 und 1448 gibt es keine Nachrichten über ihn, 1448 ist er in Mainz ansässig. Dort gründet er eine Druckerei, druckt bereits einige kleinere Schriften, unter anderem eine lateinische Grammatik, den „Donat“, und Kalender. 

Dafür musste er alle nötigen Geräte, Materialien und Fertigkeiten erst einmal entwickeln, was sicher nicht von heute auf morgen gegangen ist: Stahlstempel und Handgießgerät, Winkelhaken und Setzschiff, Farbe und Druckerballen, die Druckerpresse. Als Schrift wählte er die Textura.

Die Gutenberg-Bibel

1450 nahm er die Gutenberg-Bibel in Angriff, mit Johannes Fust, der ihm viel Geld dafür lieh, und dessen Ziehsohn Peter Schöffer, und einigen hervorragenden Mitarbeitern seiner Druckerei.

Die Gutenberg-Bibel wurde ein absolutes Meisterwerk, manche meinen, das schönste Buch, das je gedruckt wurde. Die 180 Exemplare waren noch vor dem Druck verkauft, was Enea Silvio Piccolomini in einem Brief erwähnt. Und 1987 wurde eine Gutenberg-Bibel um 9,75 Mill. DM verkauft (also fast 5 Mill. Euro), ein Preis, den kein anderes gedrucktes Buch je erreichte.

Zerwürfnis und Prozess

Noch während des zwei Jahre dauernden Drucks der Bibel entzweite sich Gutenberg mit Johannes Fust und Peter Schöffer. Er verlor einen Prozess gegen sie, musste ihnen viel Geld zurückzahlen und zwei Druckerpressen samt allem nötigen Material überlassen. Damit gründeten die beiden sogleich eine eigene Druckerei, die ebenfalls Meisterwerke hervorbrachte.

Sollte Fust gedacht haben, er könne ein Monopol auf das Drucken erringen, so machte ihm Gutenberg einen Strich durch die Rechnung. Dieser lehrte nämlich viele Menschen die Druckkunst, sodass bald in ganz Deutschland und Europa Druckereien aus dem Boden schossen, zuerst in Bamberg, Straßburg, Frankfurt, bald auch in Subiaco und Rom.

Gutenberg starb 1468 als begüterter Mann, sein Grab ist nicht erhalten.

Übrigens habe ich Maren Gottschalk bei der Buch Wien 2018 erlebt, wo sie einen halbstündigen, äußerst interessanten und kurzweiligen Vortrag über Gutenberg hielt.

Maren Gottschalk: Johannes Gutenberg. Mann des Jahrtausends. Böhlau, Köln u.a., 2018. 160 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Mainz, Kaiserdom. Zeichnung, 2014.

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Alex Beer: Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich

Wolfgang Krisai: Alex Beer, gezeichnet auf der Buch Wien 2018.

Alex Beer (Pseudonym für Daniela Larcher, eine Vorarlbergerin, die in Wien lebt und unter ihrem wirklichen Namen mehrere Vorarlberg-Krimis geschrieben hat) lernte ich bei einer Lesung im Rahmen der Wiener Kriminacht 2018 kennen. Frau Beer las aus ihrem zweiten August-Emmerich-Krimi vor.

Bei der Buch Wien trat sie kurz darauf ebenfalls auf, auch dort hörte ich mir ihre Lesung an, kaufte dann die Taschenbuchausgabe des ersten Emmerich-Romans, „Der zweite Reiter“, ließ ihn signieren und las ihn jetzt auch.

Der Held: eine unglückliche Person

August Emmerich ist eine unglückliche Person, mit Granatsplitter vom Ersten Weltkrieg im Knie, mit einer Freundin, deren Mann im Krieg vermeintlich gefallen ist, im Lauf des Romans, der 1919 spielt, aber wieder auftaucht (woraufhin sich die Freundin, die eigentlich Emmerich liebt, verpflichtet fühlt, zu ihrem angetrauten Ehemann zurückzukehren) und einem Posten als „Polizeiagent“ in Wien.

Als Polizeiagent arbeitet er in Zivil sozusagen als Detektiv. Sein Vorgesetzter Sander, ein überaus arroganter Typ, verlangt, er solle einen Ring von Schmugglern und Schwarzhändlern ausheben. Emmerich und sein junger Mitarbeiter Winter, der sich im Lauf des Krimis vom Greenhorn zum mutigen Polizisten mausert, am Ende aber von einem Verbrecher niedergefahren wird (er überlebt, aber was aus ihm wird, erfährt man wohl erst im zweiten Roman), verfolgen tatsächlich einen Schmugglerboss. Aber ohne Erfolg. Stattdessen stoßen sie auf eine Leiche, deren Ermordung die Eingangsszene des Romans darstellt.

Ermittlungen auf eigene Faust

Emmerich glaubt im Gegensatz zum Gerichtsmediziner (einem jungen Schnösel) nicht an Selbstmord und sucht auf eigene Faust nach dem Mörder, mit dem Hintergedanken, bei Erfolg hoffentlich in die Abteilung „Leib und Leben“ befördert zu werden.

Um sein schmerzendes Knie ruhig zu stellen, verfällt Emmerich auf Heroin, das damals in Tablettenform als Schmerzmittel gebräuchlich war, und wird süchtig danach.

Die Suche nach dem Mörder wird zu einer abenteuerlichen Sache, da Emmerich selbst ins Visier des Mörders gerät. Dieser ermordet nach und nach eine ganze Reihe von Männern und sogar eine Kellnerin, die in einem Lokal zuviel mitbekommen hat.

Eine große Hilfe ist Emmerich dabei ausgerechnet der Schmugglerboss, der sich als ein ehemaliger Kollege aus dem Waisenhaus erweist und Emmerich in höchster Not zu Hilfe kommt und dann seine Unterwelt-Verbindungen spielen lässt, um den Mörder ausfindig zu machen.

Die Handlung ist sehr abwechslungsreich und ziemlich spannend.

Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs

Am Ende erweist sich Emmerichs Vorgesetzter als der eigentliche Verbrecher: Er war im Krieg Kommandant einer Einheit, die äußerst brutale Kriegsverbrechen begangen hat. Nach dem Krieg wurde ein Kommission eingerichtet, die – ohnehin nur halbherzig – Kriegsverbrechen aufklären sollte. Da Sandner fürchtet, aufzufliegen, lässt er durch einen noch loyalen und völlig skrupellosen ehemaligen Soldaten alle Mitglieder der damaligen Truppe umlegen und die mitwissende Kellner ebenfalls. Auch Emmerich und Winter sind auf der Abschussliste.

Doch dank der Hilfe seines Schmuggler-Freundes kann Emmerich den wahren Verbrecher entlarven und festnehmen lassen. Emmerich, der zwischendurch selbst unter Mordverdacht verhaftet und eingesperrt worden war (durch eine kühne Flucht kam er wieder aus dem Gefängnis), ist nun entlastet.

Gut recherchiertes Zeitkolorit

Alex Beer hat, soweit ich das beurteilen kann, gut recherchiert und bringt viele interessante Details aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Auch sprachlich ist der Roman akzeptabel, auch wenn damals sicher niemand „Einen schönen Abend!“ gewünscht hätte und natürlich auch mein Lieblings-Unwort „zögerlich“ vorkommt.

Den Titel hat der Roman vom zweiten Reiter der vier apokalyptischen Reiter, vor dem Emmerich durch eine Wahrsagerin gewarnt wird.

Alex Beer: Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. Blanvalet-Verlag, Verlagsgruppe Random-House, München, 2017. 382 Seiten (ohne die umfangreiche Leseprobe aus dem zweiten Roman).

Bild: Wolfgang Krisai: Alex Beer, gezeichnet auf der Buch Wien 2018.

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Michail Schischkin: Auf den Spuren von Byron und Tolstoi. Eine literarische Wanderung von Montreux nach Meiringen

Ein Freund hat mir Michail Schischkin: „Auf den Spuren von Byron und Tolstoi. Eine literarische Wanderung von Montreux nach Meiringen“ geschenkt. Ich wurde neugierig, vor allem des Familiennamens des Autors wegen: Schischkin. Dabei hat dieser nichts mit dem von mir geliebten Maler Iwan Iwanowitsch Schischkin zu tun. Oder vielleicht doch – hinsichtlich der Begeisterung für die Natur.

Missolunghi … Astapowo … ?

Das Buch erschien erstmals unter dem Titel „Montreux – Missolunghi – Astapowo“ im Jahr 2002 im Limmat-Verlag. 2012 wurde es im Rotpunkt-Verlag neuerlich und unter anderem Titel aufgelegt. Vermutlich, weil man fürchtete, die Orte Missolunghi und Astapowo könnten beim heutigen Lesepublikum keine Assoziationen mehr wecken.

Missolunghi? Da ist Byron gestorben. Astapowo? Das ist jene Bahnstation in der russischen Einöde, wo der greise Leo N. Tolstoi auf der Flucht vor seiner Frau von einer Krankheit niedergeworfen wurde und gestorben ist.

Montreux … ?

Was haben die beiden mit Montreux zu tun? Beide Autoren unternahmen, durch einige Jahrzehnte voneinander getrennt, von Montreux aus eine Bergwanderung durch die Schweiz bis Meiringen und hinterließen darüber Aufzeichnungen.

Eine Woche wandern, 400 Seiten schreiben

Michail Schischkin, der als Autor eines Buches über „Die russische Schweiz. Ein literarisch-historischer Reiseführer“ (auf Russisch 2000 erschienen, auf Deutsch 2003) über die Schweizbesuche russischer Schriftsteller bestens Bescheid wissen musste, machte sich selbst auf den gleichen Weg, um über seine Erfahrungen und die seiner berühmten Kollegen ein Buch zu schreiben. Sieben Tage dauerte die Wanderung, das buchförmige Resultat hat 400 Seiten. Das ist eine noch beachtlichere Ausbeute als jene Theodor Fontanes, der über 14 Tage Schottland immerhin 200 Seiten geschrieben hat (siehe meinen Beitrag zu Th. Fontane: Jenseit des Tweed).

Schischkin nützt allerdings die modernen Möglichkeiten, indem er statt eines Notizbuchs seinen Laptop mitführt und bei jeder Rast an seinem Buch weitertippt. (Wieweit danach noch zu Hause daran ergänzt wurde, verrät er nicht.)

Tolstoi … Byron …

Wer nun einen detaillierten Wanderbericht erwartet, wird allerdings enttäuscht. Schischkin hält die Passagen über seine eigene Wanderung ziemlich kurz und widmet sich dafür mit großer Ausführlichkeit Tolstoi, aus dessen Tagebuch viel zitiert und über dessen Leben und Schaffen sehr viel erzählt wird. Gleich danach folgt, mengenmäßig, Byron, doch auch andere große Geister kommen zu Ehren: etwa der Russe Karamsin, der aus Genf stammende Jean-Jacques Rousseau oder der Deutsche Friedrich Nietzsche.

Man lernt in diesen Passagen nicht nur den Blick dieser Männer auf die Schweiz kennen, sondern vor allem sie selbst. Von Byron konnte mir Schischkin noch viel Neues erzählen, von Tolstoi weniger. Trotzdem waren diese Abschnitte durchaus interessant.

Noch interessanter allerdings sind jene Passagen, die von Schischkins Erfahrungen in der Sowjetunion (er wurde 1961 in Moskau geboren), im Russland nach der Wende und in der Schweiz (wo er seit 1995 lebt) handeln.

Russland … Schweiz …

Amüsante und lehrreiche Aspekte kann Schischkin vor allem dem Gegensatz zwischen der Schweiz und Russland abgewinnen. Das ist wie schwarz und weiß. Wobei allerdings die Schweiz nicht immer weiß ist. Schischkin hat einst seinen Bruder in einem sowjetischen Arbeitslager besucht und zum Vergleich später ein Schweizer Gefängnis (nur wer seine Gefängnisse kenne, kenne ein Land wirklich), und das Schweizer Gefängnis sei komfortabler gewesen als z. B. ein russisches Hotel für Schriftsteller. Kein Wunder, dass die Auffassungen von Recht und Gesetz in beiden Ländern einigermaßen unterschiedlich sind. Der Schweizer könne dem Gesetz und seinen Exponenten, also den Behörden, vertrauen, während der Russe die geschriebenen Gesetze zu umgehen versucht, sich jedoch, will er irgendetwas erreichen, nach ungeschriebenen Gesetzen richten muss, die ihm z. B. vorschreiben, mit wieviel Rubel welcher Beamte zu schmieren ist. In der Schweiz herrsche jahrhundertelange Stabilität, während in Russland innerhalb der letzten hundert Jahre kein Stein auf dem anderen geblieben sei.

Die dunklen Seiten der Schweiz

Die dunklen Seiten der Schweiz hingegen sind vor allem im Bankwesen zu finden, das zur Geldwäsche und für allerlei Verbrechertum missbraucht werde. Den Mythos von Wilhelm Tell nimmt Schischkin genüsslich auseinander. Die politischen Wirren zu Zeit Napoleons werden dem unwissenden Leser vor Augen geführt. Und Schischkin berichtet mit Sinn fürs Absurde davon, wie das Schweizer Sozialsystem von angeblichen Asylanten missbraucht wird.

Die Schönheiten der Alpen

Diese Seiten der Schweiz kontrastieren mit den Schönheiten der Alpen, die Schischkin ebenfalls schildert, sehr häufig eben durch die Augen seiner Gewährsmänner. Denn höchstpersönlich erlebt er die Alpentäler und Bergdörfer natürlich eher als Brennpunkte des Tourismus. Aber sogar in unmittelbarer Umgebung weltberühmter Wasserfälle oder Gipfelblicke gilt: Kaum weicht man ein paar Schritte von den touristischen Heerstraßen ab, ist man allein.

Schischkin schrieb dieses Buch auf Deutsch, es gibt kein russisches Original wie von allen seinen anderen Publikationen. Das ist eine erstaunliche Leistung, auch wenn man annehmen darf, dass LektorInnen den einen oder anderen Fehler ausgemerzt haben. Der Text liest sich jedenfalls sehr angenehm und flüssig, sodass der vergnüglichen Horizonterweiterung der Leserin bzw. des Lesers nichts im Wege steht.

Ohne Bilder …

Im Zeitalter von Google-Maps verzichteten Autor und Verlag auf die Beigabe von Landkarten oder Abbildungen. Wodurch einem schmerzlich bewusst wird, wie schlecht die Qualität der Darstellung von Wegen und Topographie in Google Maps immer noch ist. 

Michail Schischkin: Auf den Spuren von Byron und Tolstoi. Eine literarische Wanderung von Montreux nach Meiringen. Rotpunktverlag, Zürich, 2012. 407 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Der Montblanc in Wolken. Aus einem Reisetagebuch von 2010. Tuschestift, Buntstift.

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Oliver Pötzsch: Der Spielmann. Die Geschichte des Johann Georg Faustus

Bild: Wolfgang Krisai: Mittelalterfest Mödling. 2018.Als ich neulich in einer Wiener Buchhandlung war, entdeckte ich unter den historischen Romanen Oliver Pötzsch: „Der Spielmann. Die Geschichte des Johann Georg Faustus“. Da ich kürzlich mit einer Klasse den Faust behandelte, zog mich der Titel gleich magisch an. Ich kaufte das Buch – und las es sofort.

Der Roman ist nur der erste Teil eines Zweiteilers, der zweite Band soll 2019 erscheinen.

Faust – realistisch

Pötzsch macht den Versuch, das Leben Fausts realistisch darzustellen, so weit dies geht. Denn um die Gestalt des Taufels kommt er natürlich nicht herum, will er auch gar nicht, logischer Weise.

Der Teufel ist in diesem Fall ein „unsterblicher“, geheimnisvoller Magier, dem Johann Faust zum ersten Mal in seiner Kindheit in seiner Heimatstadt Knittlingen bei einem Kirtag begegnet. Seither geht dem Buben diese Gestalt nicht mehr aus dem Kopf.

Teufel Tonio als Retter

Der Zauberer, Tonio hießt er, hilft Johann bald aus einer Patsche, in die er geraten ist, weil er sich in Margarete, die Tochter des reichsten Bauern des Orts, verknallt hat. Margarete erwidert zwar die Liebe, aber sie werden ertappt, und Johanns kaltherziger Vater, der ihn hasst, weil er gar nicht sein Kind, sondern das eines Gauklers ist, mit dem sich seine Frau eingelassen hat, jagt ihn davon.

In einem Wirtshaus wird Faust wieder aus einer Patsche befreit – von Tonio, der ihn daraufhin mit sich nimmt, als Lehrling.

Faust fährt mit dem Magier kreuz und quer durchs Land, überall treten sie als Gaukler und Wahrsager auf. Faust lernt Handlesen und bemerkt, dass er aus der Hand den nahen Tod mancher Leute sehen kann. 

In einem abgelegenen Turm hat Tonio ein Winterquartier. Dort betreiben die beiden Studien, Tonio allerdings geheim, was Fausts Neugier reizt.

Teuflische Verstrickung

Im Lauf der wendungsreichen Handlung, die Faust mit Margarete wieder zusammenführt oder ihn als Chef einer Gauklertruppe nach Venedig gelangen lässt, gerät Faust immer tiefer in die teuflische Verstrickung, deren Drahtzieher Tonio ist.

Immer dort, wo Tonio auftaucht, verschwinden kleine Kinder. Als Faust in Nördlingen mit einem Initiationsritual in eine Bande von Teufelsanhängern aufgenommen werden soll, bemerkt er auch, wozu die Kinder gebraucht werden: deren Blut wird im Rahmen der Teufelszeremonie getrunken. Entsetzt kann er sich dem Geschehen durch Flucht in letzter Minute entziehen. Das geschieht etwa in der Mitte des Romans. Tonio scheint ihn danach aus den Augen verloren zu haben – doch das erweist sich als eine Täuschung. Faust scheint ihm nicht zu entkommen.

Peinliche Modernismen

Der Roman ist recht gut geschrieben, wenn auch einige peinliche sprachliche Modernismen stören: Mehrfach heißt es z. B. „zögerlich“, einmal sogar sagt Tonio, sie hätten „alle Zeit der Welt“. So etwas ist natürlich grauenhaft, zumal es offenbar weder Autor noch Lektor seltsam vorkommt.

Goethe-Zitate

Lustig für Kenner des Goethe’schen Faust sind die gelegentlich eingestreuten Goethe-Zitate: „Blut ist ein ganz besond’rer Saft“, „Johann, mir graut’s vor dir“, usw. Für Nicht-Kenner sind die Zitate in einem Anhang aufgelistet.

Gespannt bin ich, wie Pötzsch die Handlung vorantreiben will. Alles ist offen. Er könnte sich an die Handlungsfülle von „Faust II“ halten, dann kann er leicht wieder 800 Seiten zustande bringen. Die große Frage ist dann: Wird Faust – wie im Volksbuch – vom Teufel geholt oder wie bei Goethe doch noch erlöst?

Oliver Pötzsch: Der Spielmann. Die Geschichte des Johann Georg Faustus. List/Ullstein-Verlag, Berlin, 2018. 783 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Mittelalterfest Mödling. 2018.

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Die Rückkehr der Legion. Römisches Erbe in Oberösterreich. OÖ. Landesausstellung 2018, Katalog

Wolfgang Krisai: Römische Stadt am Magdalensberg, ca. 30. n. Chr. , Bleistift, 1997.

Ausstellungen verlocken oft, sich mit einer Materie näher zu befassen. Man kauft den Katalog – und liest ihn dann nicht. Denn eigentlich hätte man ihn VOR dem Ausstellungsbesuch schon lesen sollen, dann hätte man mehr von der Ausstellung gehabt. 

Ausstellungskatalog schon vor dem Ausstellungsbesuch gelesen

Erstmals habe ich nun tatsächlich einen Katalog bereits vor dem Ausstellungsbesuch gelesen, nämlich den zur oberösterreichischen Landesausstellung 2018 „Die Rückkehr der Legion. Römisches Erbe in Oberösterreich“ in Enns/Lauriacum, Schlögen und Oberranna.

Interessantes Begleitbuch zur Ausstellung

Dieses Buch ist eigentlich kein Katalog, wie man ihn kennt: die erste Hälfte eine Ansammlung staubtrocken geschriebener wissenschaftlicher Artikel, die zweite eine mehr oder weniger gut kommentierte Reproduktionensammlung der Ausstellungsobjekte. Für die Landesausstellung ist man einen bewusst anderen, an der Besucherin bzw. Leserin, am Besucher bzw. Leser orientierten Weg gegangen: Man produzierte ein interessantes, gut bebildertes Sachbuch für interessierte Laien, das Wissenschaft für NichtwissenschaftlerInnen erschließt. (Übrigens ist das Buch auch gar nicht so teuer wie sonst Kataloge von Ausstellungen dieses Kalibers: 18.- €.)

Moderne Archäologie

Was wird erschlossen:

Wie die moderne Archäologie überhaupt zu Ergebnissen kommt, nicht nur durch Grabungen, sondern auch durch verschiedene Formen nichtinvasiver Forschung wie Geomagnetik- und Georadar-Aufnahmen.

Überblicksmäßig erfährt man von der Herrschaft der Römer in Noricum.

Der Limes wird vorgestellt. 2018 hat man bei der UNESCO beantragt, die in Österreich gelegenen Teile des Limes als Weltkulturerbe aufzunehmen.  Das brachte auch der Archäologie großen Schwung, denn die Funde am Limes müssen ordentlich erschlossen sein, damit so ein Antrag fruchtet.

Enns = Lauriacum

In Lauriacum (heute: Enns) war in einem großen Kastell die Legio II. Italica stationiert. Rund um das Kastell gab es zivile Siedlungen und Gräberfelder, wie das auch in Carnuntum der Fall war.

Der Aufbau des Kastells wird genau dargestellt, das Leben darin und rundherum, Essen, Trinken, Baden (für die Römer besonders wichtig), die Haustiere, die Münzfunde, die Grabstelen (häufig sehr aussagekräftig), die Wandmalereien, deren Reste entdeckt wurden, die verschiedenen Handwerke, dabei vor allem die Ziegelhersteller; die Batterie von neun Kalkbrennöfen in unmittelbarer Lagernähe, von denen einer musterhaft ausgegraben wurde.

Schlüsse aus Grabfunden ziehen

Interessant auch, welche Schlüsse man aus Grabfunden ziehen kann und wie in einigen Fällen sogar Enthauptungen feststellbar sind. Ja, sogar aus Resten verbrannter Leichname kann man noch allerlei erschließen.

Relativ wenig erfährt man über die Religion, und das, obwohl in Lauriacum der Heilige Florian sein Martyrium hatte, worauf natürlich schon ausführlich eingegangen wird.

Genau erfahren wir, wie man heutzutage aus Schädelfunden das Aussehen der lebenden Menschen rekonstruieren kann, was am Beispiel einer Frau und eines Mannes gemacht wurde.

(In diesem Kapitel wird von einem Museum in Holland, „Hildes Haus“, berichtet, wo das Museumskonzept auf solchen Rekonstruktionen basiert. Das klingt sehr interessant.)

Schlögen und Oberranna: kleinere Fundstätten

Nach dem ausführlicheren Teil über Lauriacum behandelt das Buch die Fundstätten in Schlögen und Oberranna.

In Schlögen an der berühmten Donauschlinge befand sich ein kleineres römisches Kastell, das ziemlich genau erschlossen und ergraben werden konnte. Daneben gibt es zivile Bauten, wovon vor allem ein kleines römisches Badehaus, eine Mini-Therme gewissermaßen, im Mittelpunkt der jüngsten Forschungen stand. Die Ausgrabungsstätte wurde jetzt mit einem sogenannten Schutzbau überdacht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Eine römische „Burg“

Das gleiche gilt für die überraschend gut erhaltenen Reste einer römischen „Burg“ mit vier dicken, runden Ecktürmen, dem „Burgus“ von Oberranna. Teile dieses Burgus waren jahrhundertelang der Keller eines Wirtshauses, das jedoch im 20. Jahrhundert zusperren musste und verfiel. Die Gemeinde Engelhartszell, auf deren Gebiet Oberranna liegt, konnte das Grundstück erwerben, das desolate Wirtshaus wurde abgerissen, der römische Unterbau ausgegraben und ebenfalls mit einem Schutzbau überdeckt. 

Blick aufs Umland

Das Buch blickt auch über die „Grenzen“ der Landesausstellung hinaus, indem es auf weitere Fundstätten in Österreich und Südbayern kurz eingeht: die Städte Iuvavum/Salzburg, Ovilava/Wels und Cetium/St. Pölten; auf die zahlreichen Vici (Dörfer) und die ebenso zahlreichen Villae Rusticae (Gutshöfe). Das Leben in römischen Bauernhöfen veranschaulicht übrigens ein ebenfalls erwähntes neues Römermuseum in Altheim.

Den Abschluss des Bandes bildet ein kursorischer Überblick über das heute noch lebendige römische „Erbe“, sei es in der Sprache, in der Architektur, der Literatur, der Badekultur („Thermen“ erfreuen sich heute größter Beliebtheit) oder dem Weinbau.

Die Abbildungen

Während die Texte der Kapitel sehr gelungen und leserfreundlich sind, hat das Buch eine schwache Seite: die Texte zu den Abbildungen. Diese sind manchmal zu knapp und zu ungenau, besonders dann, wenn etwa auf Landkarten verschiedenfärbige Grundrisse eingezeichnet sind – und man die Bedeutung der Farben nur erahnen kann. In einigen Karten ist zumindest die Kartenlegende des Originals mit abgebildet, sodass man mit einer Lupe lesen könnte, was da steht.

Sehr gut hingegen, dass abgebildete Inschriften prinzipiell mit einer die häufigen Abkürzungen vervollständigenden Umschrift und in deutscher Übersetzung versehen sind. Lateinkenntnisse braucht man also keine, obwohl mich die spannende Darstellung der römischen Welt bedauern lässt, dass ich im Lateinunterricht als Jugendlicher nicht besser aufgepasst habe…

Die Abbildungen selbst sind sehr interessant und instruktiv. Besonders anschaulich wird der Forschungsgegenstand durch die abgebildeten Computer-Rekonstruktionen des Bauwerke. Erhellend ist auch, dass immer wieder Fotos von den Grabungs- und sonstigen Forschungsarbeiten eingestreut sind.

Die Rückkehr der Legion. Römisches Erbe in Oberösterreich. OÖ. Landesausstellung 2018. Hrsg. v. Amt der OÖ. Landesreg., Direktion Kultur, Trauner Verlag, Linz, 2018. 263 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Römische Stadt am Magdalensberg, ca. 30. n. Chr. , Bleistift, 1997. Mit einem Bild von der Landesausstellung kann ich noch nicht aufwarten, ich war ja noch nicht dort, dafür habe ich mich selbst einmal als „Archäologe“ betätigt und mir zeichnerisch vorgestellt, wie die Ausgrabungsstätte am Kärntner Magdalensberg zur Römerzeit ausgesehen haben könnte.

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Peter Rühmkorf: Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide.

Wolfgang Krisai: Schausteller beim Mittelalterfest in Eggenburg 2017. Tuschestift.

Im Zug meiner Beschäftigung mit Walther von der Vogelweide bin ich auf eine interessante Neuerscheinung gestoßen, habe sie sofort bestellt und gelesen: Peter Rühmkorf: „Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide.“

Das Buch dokumentiert Rühmkorfs Beschäftigung mit Walther sehr genau. Er hatte nämlich vor, eine Oper über die Minnesänger zu schreiben – wozu es nie kam. Stattdessen entwickelte sich aus dem Projekt ein längerer Essay über Walther von der Vogelweide, der in diesem Band von S. 93 bis 154 reicht, erstmals jedoch in dem Band „Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich“ 1975 veröffentlicht wurde.

Walther der Gegenwart neu vermitteln

Rühmkorf stellte damals fest, es gebe keine brauchbare Nachdichtung der Gedichte Walthers, also machte er sich selbst daran, für seinen Essay einige beispielhafte Gedichte zu übertragen. Das gefiel ihm bald so sehr, dass er weit mehr übertrug, als für den Essay nötig war, und überhaupt mit dem Gedanken spielte, das Gesamtwerk Walthers auf diese Weise neu zu erschließen.

Rühmkopfs Walther-Übertragungen füllen den ersten Teil des Buches von Seite 11 bis 92. Die Gedichte sind jeweils mittelhochdeutsch und neuhochdeutsch nebeneinander gestellt, außerdem mit wissenschaftlichen Anmerkungen und Lesehilfen versehen. 

Rühmkorf wollte Walther nicht einfach übersetzen, das sei bisher noch niemandem so gelungen, dass nichts Papieren-Verstaubtes herausgekommen sei. Man müsse Walther, den alte Mythenbildungen vom 19. Jahrhundert bis in die NS-Zeit dem Menschen von heute verdächtig machen, der Gegenwart neu vermitteln, und zwar nicht durch neue Mythenbildung:

„Warum nicht noch einmal dort mit dem Vermitteln = Übertragen anfangen, wo der Dichter überhaupt als Dichter faßbar wird: bei seinen Gedichten. Warum sich nicht noch einmal neu auf jene erstaunenswerten Lieder, Gesänge, Sprüche und Pamphlete einlassen, die doch gewiß nicht nur Studierstoff sind, sondern poetischer Reizstoff, Leuchtstoff, Erregungsstoff, Wirkstoff. […] dann beginnt sich allmählich ein Individuum vor uns zu entfalten: fast zeitgenössisch in seinen zwischen Privatpassionen und politischen Leidenschaften zerteilten Interessen und weit zerklüfteter, womöglich schillernder, als es sich unsere datenverarbeitende Schulweisheit träumen läßt“ (S. 100).

Staunenswerte Pointensicherheit

Rühmkorf gelingt dies in erstaunlichem Maße. Es ist ein Genuss, seine schnoddrigen Übertragungen zu lesen, insbesondere, wenn man die mhd. Fassung dagegen hält und sieht, mit welch staunenswerter Pointensicherheit Rühmkorf zu Werke geht. Ein Beispiel: der Sangspruch „Mir ist verspart der sælden tor“ (S. 22/23):

Das Paradies ist mir versperrt,

da steh ich nackt und ausgesperrt:

müßig, noch weiter an das Tor zu klopfen.

Erklär mir einer die verkehrte Welt:

daß rechts und links von mir der Regen fällt,

und von dem Segen trifft mich nicht ein Tropfen!

Der milde Herr von Österreich

tränkt einem warmen Regen gleich

die Leute und das ganze Land.

Das streckt sich hin wie eine satte Wiese,

mit Blumen überreich bestückte.

Wenn mir davon EIN Blättchen pflückte

die mächtige Gönnerhand,

weißgott, in welchen Tönen ich sie priese!

In diesem Sinne: Walther, Dichter, Musikant.

Die letzten vier Verse im Original: bræche mir ein blat dar under / sîn vil milte rîchiu hant, / sô möhte ich loben die lichten ougenweide. / hie bî sî er an mich gemant. – Vor allem der letzte Vers hat’s mir angetan. Walther sagt „Damit sei er an mich erinnert“, und Rühmkorf verwendet dafür ein Redewendung, die dem Angesprochenen zutraut, selbst zu verstehen, was mit dem ganzen Gedicht gemeint ist: Dreh den Hahn der Fördermittel auch für mich auf!

Es geht auch ums Geld

Rühmkorfs Begeisterung für Walther rührt von einer ähnlichen Lebenssituation her. Rühmkorf sah sich als einen immer wieder um Anerkennung und vor allem schlicht um Geld ringenden Dichter, der sich nicht zu gut sein darf, jede sich bietende Gelegenheit zu pekuniär honorierter Produktion zu ergreifen. Genau das Gleiche kann man aus Walthers Liedern herauslesen, der sich immer wieder beklagt, dass seine Gönner zu wenig freigebig seien. Dennoch lassen sich weder Walther noch Rühmkorf ihre „genialen Schandschnauzen“ mit Maulkörben versehen.

Briefwechsel mit Peter Wapnewski

Den dritten Teil des Buches füllt der Briefwechsel Rühmkorfs mit dem Germanistikprofessor Peter Wapnewski, den er um Rat hinsichtlich seines Walther-Vorhabens gebeten hat und der gerne bereit war, mit dem Dichter in einen angeregten Gedankenaustausch zu treten. Die beiden treffen sich auch mehrmals (Rühmkorf musste dazu von Hamburg bis fast nach Karlsruhe fahren, wo Wapnewski lehrte), und es entwickelt sich fast eine richtige Freundschaft zwischen den beiden. Die allerdings auch etwas aushalten muss, da Wapnewski große Vorbehalte gegen den Essay Rühmkorfs anmeldet und Rühmkorf darauf sehr empfindlich reagiert. Geglättet wurde das wieder durch sehr positive gegenseitige Rezensionen: Rühmkorf rezensiert Wapnewskis Buch über den Minnesang, Wapnewski „Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich“.

Die Briefe mitsamt den beiden Rezensionen reichen von Seite 161 bis 228.

Schließlich folgt ein ausführliches Nachwort des Herausgebers Stephan Opitz, an das sich die Lebensdaten von Walther, Peter und Peter anschließen.

Ein überaus interessantes Buch, das einem Walther tatsächlich lebendig macht und zudem Einblick in die spannende Entstehungsgeschichte von Rühmkorfs Übertragungen und Essay gibt.

Peter Rühmkorf: Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide. Hg. v. Stephan Optiz unter Mitarb. v. Christoph Hilse. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung in Verbindung mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. Wallstein, Göttingen, 2017. 279 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Schausteller beim Mittelalterfest in Eggenburg 2017. Tuschestift.

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