Friederike Klauner: Die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien

Wolfgang Krisai: Kunsthistorisches Museum, Wien. Gouache, 2006.

Dieses Buch kaufte ich mir 1983 und begann es auch durchzustudieren, erlahmte aber irgendwann. Nun musste es mehr als dreißig Jahre im Regal warten, bis ich es erneut vornahm und wirklich vom Anfang bis zum Ende durchstudierte, mit vielen Unterstreichungen.

Umfassender Einblick in die gesamte Gemäldegalerie

Erst jetzt war ich in der Lage, die hervorragende Qualität dieses Führers zu würdigen: Man bekommt einen umfassenden Einblick in die gesamte Gemäldegalerie, und zwar nicht nur mit ausführlichen Analysen der einzelnen Gemälde. Die Stärke dieser Darstellung liegt im vom Aufbau der Gemäldegalerie unabhängigen Ordnungsprinzip. Während die Gemäldegalerie ja auf der einen Hälfte die niederländische Malerei und Verwandtes und auf der gegenüberliegenden Seite die italienische Malerei zeigt, beides innerhalb der „Länder“ jeweils chronologisch, springt Klauner zwischen den Galeriehälften hin und her, um die Ähnlichkeiten, Unterschiede und vor allem gegenseitigen Beeinflussungen der nördlichen und südlichen Malerei im Lauf der Geschichte herauszuarbeiten. Das Buch bringt also einen deutlichen Mehrwert gegenüber einem an der Abfolge der Räume oder überhaupt nur an Einzelwerken orientierten Führer, wie man sie heute kaufen kann. Nicht alles, was alt ist, ist also überholt, im Gegenteil!

Für die Lektüre zu Hause gedacht

Das Buch ist allerdings nicht so gestaltet, dass es einfach in die Gemäldegalerie mitgenommen werden könnte. Dafür ist es zu schwer und zu wenig klar gegliedert. Skandalös ist die schlechte Bindung. Der fadengeheftete Buchblock löst sich vom dünnen Karton des Einbands.

Erst durch meine Unterstreichungen wird das Buch übersichtlicher. Klauner hat das Werk wohl eher für die heimische Lektüre gedacht.

Entdeckungen über Entdeckungen

Ich habe jedenfalls enorm profitiert, vor allem auch dadurch, dass Klauner sich nicht auf die ganz großen Meister beschränkt, sondern die vielen weiteren, nicht ganz so bedeutenden Künstler, die in der Gemäldegalerie vertreten sind, genauso ausführlich behandelt. Da wurde mir überdeutlich klar, wieviel ich noch nicht weiß über die Malerei der Renaissance und des Barock. Gleich bekommt man größte Lust, sich in weitere Bücher zum Thema zu stürzen.

Als erste Reaktion ging ich jedenfalls in die Gemäldegalerie und sah mir einige Bilder genau an, die ich bisher kaum beachtet hatte. Entdeckungen über Entdeckungen!

Friederike Klauner: Die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien. Vier Jahrhunderte europäischer Malerei. Residenz-Verlag, Salzburg und Wien, 2. Aufl., 1981. 478 Seiten, zahlreiche Schwarzweiß-Abbildungen.

Bild: Wolfgang Krisai: Kunsthistorisches Museum, Wien. Gouache, 2006.

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Rainer Schmidt: Das Teebuch für Anfänger, Profis und Freaks

Wolfgang Krisai: Lesende mit einer Tasse Tee, Pinselstift, 2013.

Auf der Buch Wien 2016 fiel mir Rainer Schmidts „Kleines Teebuch“ auf, und in der Buch Wien Buchhandlung entdeckte ich dann sozusagen die „Großversion“ des Buches, nämlich „Das Teebuch für Anfänger, Profis und Freaks“.

In diesem schön bebilderten und gediegen gemachten Buch informiert Schmidt über die Teepflanze, die Teeherstellung, verschiedene Blattgrade und Teesorten und -mischungen, aber auch so spezifische Dinge wie die Tee-Lagerung in der Hamburger Speicherstadt. Hamburg ist nämlich Schmidts Arbeitsort.

Schwarztee fermentiert schnell

Was ich nicht wusste, ist die Geschwindigkeit, mit der die Fermentierung des Tees vor sich geht. Ein paar Stunden sind nur nötig, und das bei nächtlicher Kühle, sobald die Teeblätter entsprechend „gerollt“, sprich, mit einem Apparat ein wenig durch die Mangel gedreht und damit vielfach aufgebrochen sind, sodass Sauerstoff ans Innere der Blätter kommt, der die Fermentation ermöglicht. Schwarzer Tee entsteht also innerhalb einer einzigen Nacht, und dann könnte man ihn schon genießen. Allzu lang sollte man Tee jedenfalls nicht lagern, da er seine Aromastoffe verliert.

Fünfmal soviel Koffein

Fermentierter Tee hat übrigens nur ein Fünftel der Koffeinmenge des Grünen Tees, kein Wunder also, dass grüner Tee einen wesentlich munterer macht als der schwarze.

Ein großer Abschnitt ist einer detaillierten Beschreibung der Tee-Anbaugebiete auf der ganzen Welt gewidmet, obwohl aus manchen Gebieten z. B. in Afrika nie ein Tee in europäische Geschäfte kommt, da die Qualität zu minder ist.

Fairer Teehandel?

Interessant war auch die Diskussion des Fairen Teehandels: Schmidts Conclusio ist, es sei im Endeffekt besser, hochwertige, teure Teesorten aus normalem Anbau zu kaufen, weil man damit viel mehr Produzenten signalisiert, dass der Kunde hochwertige Produkte will, weshalb der Produzent darauf achten wird, sein gut geschultes Personal durch höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen an seine Plantage zu binden. Plantagen mit großer Fluktuation von Arbeitskräften bringen normalerweise keine hohe Qualität des Tees zustande, denn es ist eben eine Kunst, den Tee richtig zu ernten.

Die richtige Teezubereitung

Dreißig Seiten des Buches sind der richtigen Teezubereitung und dem Teegenuss gewidmet. Hier habe ich einmal einen handfesten Tipp gefunden, wie man die richtige Aufgusstemperatur für grünen Tee zustande bringt: nach dem Aufkochen fünf Minuten warten, dann aufgießen. Da für grünen Tee kein kochendes Wasser nötig ist, kann man auch heißes Wasser in der Thermoskanne z. B. zum Arbeitsplatz mitnehmen und dann damit immer wieder ein paar Teeblätter aufgießen. Das könnte ich einmal ausprobieren.

Schmidt plädiert entschieden für halbkugelige Glaskannen mit riesigem Metall-Teesieb. Von Kunststoff-Sieben rät er dagegen ab, da sie den Geschmack des Tees nachteilig verändern.

Tee im Teebeutel?

Während in anderen Teebüchern dem Tee in Portionsbeuteln nicht einmal ein Wort gewidmet wird, geht Schmidt darauf an vielen Stellen ein und macht deutlich, warum es sich dabei eigentlich um nur den halben Teegenuss handelt, wenn überhaupt. Zunächst wird der Tee extrem stark zerkleinert, damit er gut ins Sackerl rieselt, dadurch verliert er aber praktisch alle Aroma- und Inhaltsstoffe an die Luft, und was noch da ist, wird vom Filterpapier zurückgehalten und gelangt nie an den Gaumen des Trinkers. Es kommt daher beim Sackerltee in erster Linie auf die Färbekraft des Tees an, die sofort wirksam werden soll. Dafür eignen sich besonders die Assam-Sorten, während chinesischer Tee viel heller bleibt.

Die Farbe des Aufgusses ist übrigens auch beim Blatt-Tee kein Kriterium der Stärke, sondern sie variierte je nach Sorte.

Gesundheitsfördernd

Abschließend zählt Schmidt all jene gesundheitlich positiven Wirkungen auf, die man dem Tee zuschreibt, insbesondere dem grünen Tee: Er ist gut gegen Krebs und zu hohen Cholesterinspiegel, er regelt den Blutdruck, verlangsamt das Altern und mach munter (das ist die bekannteste Wirkung), darüber hinaus wehre er Grippeviren ab, sorge für Entspannung, helfe gegen Depressionen und fördere die geistige Leistungsfähigkeit.

Rooibos-Tee

Was Schmidt kaum bis gar nicht behandelt, sind Tees, die nicht aus der Teepflanze hergestellt werden. Er erwähnt den Rooibos-Tee, das war’s dann aber schon. Die enorme Vielfalt der Kräutertees bleibt „außen vor“. Dabei wäre ein Buch über Kräutertees aus dem Blickwinkel des Genießers durchaus wünschenswert, denn Kräutertees trinkt man heute nicht mehr nur, wenn man krank ist, sondern auch sonst.

Ein Glossar schließt den Band ab.

Trotzdem: Eine lohnende Lektüre, nach der man seinen Tee gleich viel wissender beäugt, beschnuppert und trinkt.

Rainer Schmidt: Das Teebuch für Anfänger, Profis und Freaks. Braumüller, Wien, 2. Auflage 2014. 162 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Lesende mit einer Tasse Tee, Pinselstift, 2013.

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Wilhelm Waetzoldt: Dürer und seine Zeit

Titelseite von Wilhelm Waetzoldt: Albrecht Dürer und seine Zeit.

Am 19. 12. 1987 kaufte ich mir dieses Buch in einem Wiener Antiquariat um 300 Schilling, damals ein durchaus deftiger Preis. Jetzt, fast 30 Jahre später, habe ich das Buch endlich gelesen.

Entstanden ist es vor rund 80 Jahren, erschienen 1938 bei George Allen & Unwin Ltd., London, als „Phaidon-Ausgabe“, gedruckt wurde es allerdings in der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig.

Der Autor

Hinter dieser Edition steckt eine Geschichte, die ich gerne genauer wüsste. Hier nur meine Vermutungen: Wilhelm Waetzoldt (1880-1945) war bis 1933 Direktor der Staatlichen Museen Berlin, wurde von den Nazis seines Amtes enthoben. Die dahinter steckenden Anschuldigungen finanzieller Unregelmäßigkeiten konnte er entkräften. 1934 wurde er Ordinarius für Philosophie an der Universität Halle.

Ein Nazi war Waetzoldt also nicht, sehr wohl aber eine Person, die sich offenbar irgendwie mit dem Regime arrangierte, um nicht ausrangiert zu werden. Seine Bücher über Dürer und Holbein sowie sein Jugendbuch „Du und die Kunst“ waren vermutlich recht populär, das Jugendbuch soll sogar an die Hitlerjugend verteilt worden sein (https://dictionaryofarthistorians.org/waetzoldtw.htm).

Zeitbedingtes

Seinem Dürerbuch merkt man stellenweise an, in welcher Zeit es entstanden ist, nicht nur, wenn darauf hingewiesen wird, dass der Frauenmarkt in Nürnberg nun Adolf-Hitler-Platz heiße, sondern auch dann, wenn Waetzoldt immer wieder das Deutschtum Dürers betont und ihm aufgrund seiner Herkunft bestimmte Eigenschaften zuschreibt. Hier weht – in durchaus zurückhaltender Weise – der Zeitgeist aus dem Buch. Sieht man aber davon ab, liest man es mit Gewinn.

Kapitel nach Themen

Waetzoldt schreibt keine Biographie, sondern ein nach Themen geordnetes Buch mit Kapiteln wie: „Selbstcharakteristik“ (über Dürers Selbstbildnisse), „Religiöse Bildwelt“, „Bildnis“, „Landschaft“, „Dürer und Luther“, „Dienst und Freiheit“ (über die für Maximilian I. geschaffenen Werke), „Mit Zirkel und Richtscheit“ (über Dürers kunst- und militärtheoretische Schriften). Das Buch enthält aber auch das Kapitel „Grenzen der Liebe“, wo Waetzold jene Aspekte von Dürers Werk beleuchtet, die er für schwach und überholt hält.

Ein „richtiges Buch“

Der Inhalt des Buches ist aber nur ein Aspekt, der andere die wunderbare Gestaltung dieses Buches. Es ist eines der schönsten Bücher, die ich besitze und die ich kenne. Schon das Aussehen entspricht einem „richtigen Buch“: stattlich, ohne riesig zu sein, dick, mit einem großzügigen Seitenspiegel, der im Weißrand Marginalien zulässt (Stichwörter zum Inhalt und Abbildungsverweise), eine schöne, gut lesbare Schrifttype und angenehmes Papier.

Ausgezeichnete Abbildungsqualität

Ein Kunstbuch braucht Abbildungen, und in dieser Hinsicht ist das Buch für die damalige Zeit eine Spitzenleistung: auf rund einem Dutzend schwarzen Seiten sind Farbabbildungen eingeklebt; die zweite Hälfte des Buchs besteht aus einem Abbildungsteil aus hervorragenden Kupfertiefdruck-Tafeln, und in den Text sind Reproduktionen von Holzschnitten eingestreut, die sich auf dem rauen Papier des Textteils besonders gut machen.

Musterbeispiel für gelungene Buchkunst

Dieses Buch ist also ein Musterbeispiel für gelungene Buchkunst, und es ist kein Wunder, dass es auch nach dem Krieg noch mehrere Auflagen erlebt hat. Die weite Verbreitung hat dazu geführt, dass man es heute bei ZVAB zum Spottpreis erwerben kann.

Wilhelm Waetzoldt: Dürer und seine Zeit. Phaidon-Ausgabe. George Allen & Unwin Ltd., London, 1938. 591 Seiten.

Bild: Titelseite von Wilhelm Waetzoldt: Albrecht Dürer und seine Zeit.

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Anne und Olaf Meinhardt: Transsibirische Eisenbahn

Wolfgang Krisai: Wien Hauptbahnhof, Tuschestift, Buntstift, 2014.

Dieser Bildband über die Transsibirische Eisenbahn behandelt sowohl die Route von Moskau nach Peking über die Mongolei als auch die klassische Route nach Wladiwostok. Die Bahn durch die Mandschurei und die Baikal-Amur-Magistrale werden als Alternativrouten zumindest erwähnt.

Die Autorin und der Autor haben für das Buch ein halbes Jahr recherchiert, sodass es Impressionen vom Sommer wie vom Winter zu lesen und zu sehen gibt. Sie haben auch die unterschiedlichen Züge von den einfachsten Liegewagen bis zum Luxuszug „Zarengold“ ausprobiert.

Zu jedem wichtigen Ort an der Bahn haben sie Interessantes zu erzählen, sodass man Lust hätte, an allen diesen Orten ein, zwei Tage zu verbringen.

Natürlich wird auch die alte Baikalbahn, die heute noch mit Dampf-Sonderzügen aufwartet, beschrieben, da sie eine Touristenattraktion ist.

In Sonderkapiteln werden z. B. der Bau der Transsib, die russischen Straflager und ihre Rolle beim Eisenbahnbau, der Sonderzug „Zarengold“, das Eisenbahnmuseum in Nowosibirsk, die russisch-orthodoxe Kirche  oder die russische Küche vorgestellt.

Tolles Buch! Interessanter Text, wunderbare Bilder – die von einem  „typischen Mann“, dem immer wieder Frauen mit langen nackten Beinen ins Bild gelaufen sind, fotografiert wurden.

Anne und Olaf Meinhardt: Transsibirische Eisenbahn. Durch die russische Taiga zum Pazifik. Aktualisierte und überarbeitete Ausgabe. Bruckmann, München, 2014. 183 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Wien Hauptbahnhof, Tuschestift, Buntstift, 2014. – Von Wien aus könnte man per Bahn direkt zum Ausgangpunkt der Transsibirischen Eisenbahn fahren: mit dem Schlafwagen-Kurswagen der Rusisschen Eisenbahnen nach Moskau.

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Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen

Wolfgang Krisai: Blick vom Biergarten am Dach des Yenidze in Dresden, Tuchestift, Buntstift; 2015.

In Dresden kaufte ich mir 2015 dieses schön gemachte Buch, in dem der Dresdner Uwe Tellkamp über seine Heimatstadt schreibt und zu dem der Dresdner Fotograf Werner Lieberknecht eine Menge Schwarzweißfotos beisteuerte.

Mühsam zu lesen

Das Buch hält aber leider nicht, was es auf den ersten Blick verspricht. Tellkamps Text ist – ganz im Gegensatz zu seinem wunderbar geschriebenen Roman „Der Turm“ – unsäglich mühsam zu lesen, und die Fotos sehen zwar gut aus, mehr als fast beliebige Impressionen aus Dresden sind sie aber auch nicht.

Was ist nun das Ärgerliche an Tellkamps Stil?

Er reiht und reiht und reiht Satzfetzen, fast wie Notizen und Stichwörter, aneinander, streut gelegentlich ein paar vollständige Sätze ein, und bald geht es wieder weiter in diesem Notizbuchstil. Oder es kommen gewaltige Satzmonster daher, ohne Rhythmus und Schwung, holprig, mit sperrigen Begriffen und nur Dresdnern geläufigen Bezeichnungen.

Ein beliebig herausgegriffenes Beispiel:

„Die Ostdeutschen hatten Hunger, kaum zu beängstigenden Freßgelagehunger nach Leben, nach Reisen. Sie wollten alles sehen, alles begreifen, alles nachholen, was sie versäumt hatten, alle Träume, und sofort, die in Hermann Haacks geographischen Atlanten eingesperrt gewesen waren. Ich hatte meinen Winkel auf dem Dachboden mit Landkarten tapeziert, dort hockte ich und reiste die schönsten Reisen der Welt, vor mir ein Lederkoffer, aus seinem Exil hinter den Tontöpfen gefischt, über und über bedeckt mit Hotelaufklebern in den musikalischen Farben der Belle Époque: Karl-May-Grün, das Ocker von Kairo, Wüstenblau, Weiß wie die Mauern der Souks, Indisch und Nanking-Gelb, Pompejanisch Rot, Amazonasfalter-Violett … Auf der Prager Straße lud ein Kran Container ab, Vorposten der Deutschen, Dresdner, Commerzbank. Begegnungen. Anna. Wir tanzen wie die Steptänzer, Fred Astaire ist gut, sehr gut sogar, dieser Kerl mit dem Heuschreckenleib und dem allzu bescheidenen Grinsen. Faunpalast, Parklichtspiele, Schauburg, der Fabelname eines längst geschlossenen Nickelodeons: Alabastra, Filmbühne Wölfnitz, die während einer Vorstellung abbrannte, die U. T.-Lichtspiele in der Waisenhausstraße, Dedrophon-Theater und Institut Kosmographia, Hansa-Lichtspiele … die Namen, die farbigen Traumschneisen, die die tschechischen und Ernemann-Projektoren ins erwartungsvolle Kinodunkel schlugen; Schwarzweißfilme im Hauptbahnhofkino, wo es orangefarbene Tapete gibt und eine Bommelmütze ein Heizungsleck abdichtet.“ (S. 97f)

Worum geht es inhaltlich?

Uwe Tellkamp präsentiert uns seine kunterbunt durcheinandergewürfelten Erinnerungen an das Dresden vor und kurz nach der Wende, die unverständlicher Weise „Erkundungen“ genannt werden. Er setzt dabei gewissermaßen voraus, dass wir seine engen Verwandten sind und daher ohnehin wissen, wie das so war, und uns daher mit ein paar andeutenden Stichwörtern zufriedener geben, als wenn er ausführlich schildern würde. Es tauchen alte Verwandte, Freunde, Lehrer, aber auch die Klavierlehrerin auf, daneben Dresdner Originale wie jene russische Matrone, die im Winter vor dem Heizhaus der russischen Kaserne stand. Die Mängelwirtschaft der letzten Jahre der DDR wird angedeutet, doch wirklich politisch wird das Buch zum Glück nie.

Durch die Andeutungstechnik ist es für den nun doch nicht mit Tellkamp verwandten Leser sehr schwer, in dem Wust den Durchblick zu behalten. Ich habe ihn jedenfalls verloren, weshalb mir weder das Figurenarsenal noch die Schauplätze, die ich von unserer kurzen Dresden-Reise zumindest oberflächlich kenne, lebendig geworden sind.

Tellkamp zuliebe und wegen der schönen Gestaltung des Buches – und aus Prinzip – biss ich mich bis zum Ende durch.

Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen. Mit Fotografien von Werner Liederknecht. Insel-Verlag, Berlin, 4. Auflage, 2011. 165 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Blick vom Biergarten am Dach des Yenidze in Dresden, Tuchestift, Buntstift; 2015.

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Michael Büker: Ich war noch niemals auf Saturn. Eine Reise durchs Universum

Wolfgang Krisai: Die Wiener Urania. Tuschestift und Buntstift, 2015.

Michael Büker, Physiker in Dresden, ist auf unterhaltsame Präsentation von Wissenschaft spezialisiert. In diesem locker erzählten Taschenbuch nimmt er den Leser auf eine informative und zugleich unglaublich anschauliche „Reise“ durch das Universum mit.

Erstaunlicher Wissenszuwachs über das Weltall

Man erfährt in groben Zügen den aktuellen Stand der Astronomie und der Weltraumforschung im Jahr 2016. Es ist erstaunlich, was sich auf diesen Gebieten in den letzten zehn bis zwanzig Jahren getan hat. Allerlei Raumsonden und Weltraumteleskope haben unser Bild von den Planeten und Sternen ungeheuer bereichert, auch wenn nicht jede Mission von Erfolg gekrönt war. Das Sonnensystem wurde um zahllose Himmelskörper, die dank der verbesserten Teleskope sichtbar wurden, ergänzt – was allerdings Pluto seinen Status als Planet gekostet hat. Nun befindet er sich in Gesellschaft zahlreicher Zwergplaneten, von denen einige sogar größer sind als er, die im Kuyper-Gürtel außerhalb der Neptun-Umlaufbahn um die Sonne kreisen.

Im Inneren der Sterne

Auch die Vorgänge im Inneren der Himmelskörper werden geschildert, wo es zu wilden Zusammenballungen von Materie kommt und Expansionsdruck durch die Kernfusion und Schwerkraft gegeneinander kämpfen, bis ein Stern entweder zu einem schwarzen Loch wird oder langsam auskühlt.

Strandlektüre mit wissenschaftlichem Mehrwert

Das große Plus des Buches ist der lebendige, anschauliche Stil. Strandlektüre mit wissenschaftlichem Mehrwert, sozusagen.

Der Nachteil ist die karge Bebilderung, die sich auf einige lustige Grafiken beschränkt. Büker rechnet wohl damit, dass der moderne Leser sofort sein Smartphone zückt und die reichlich angegebenen Internetquellen nach Bildern durchforstet.

Lauter Internet-Quellen

Diese Liste der Quellen bot für mich ein Aha-Erlebnis: Internetquellen überwiegen bei weitem, vorbei ist die Zeit von Literaturverzeichnissen, die voller Papierbücher sind, zumindest in sich so rasch weiterentwickelnden Sparten wie der Astronomie, wo der gesamte Informationsfluss schon ins Internet migriert ist.

Weiterführende Bücher

Trotzdem kaufte ich mir gleich einmal ein schöne Papierbuch zum Thema „Weltall“: ein Dorling-Kindersley-Jugendbuch. Hier wird in schönen Graphiken aufbereitet, was Büker in Worten dargestellt hat. Und ein anderes Buch voller wunderbarer Fotos aus dem Weltall bekam ich geschenkt: „Juwelen des Universums“.

Michael Büker: Ich war noch niemals auf Saturn. Eine Reise durchs Universum. Illustrationen: Veronika Mischitz, Kirschvogelkantine. Ullstein-Taschenbuch, Ullstein, Berlin 2016. 396 Seiten.

Weltall. Das Universum in spektakulären Bildern. Reihe DK Wissen. Dorling Kindersley, München 2016. 208 Seiten.

Rhodri Evans: Juwelen des Universums. Die spektakulärsten Bilder aus dem All. Frankh-Kosmos, Stuttgart 2016. 192 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Die Wiener Urania. Tuschestift und Buntstift, 2015. – Zufällig war ich mit meinem Skizzenbuch zugegen, als im Sommer 2015 am helllichten Tag die Kuppel der Sternwarte der Wiener Urania geöffnet und das darin befindliche Fernrohr sichtbar wurde. – Die Urania ist heute eine Volkshochschule und ein Kino, geplant wurde das Gebäude vom Otto-Wagner-Schüler Max Fabiani, die Eröffnung fand 1910 statt. In der Kuppel der Sternwarte befindet sich ein 8-Zoll-Fernrohr der Firma Zeiss.

 

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Peter Prange: Ich, Maximilian, Kaiser der Welt

Wolfgang Krisai: Drei Figuren vom Grabmal Kaiser Maximilians in der Innsbrucker Hofkirche. Tuschestift, 2009.

Peter Prange stellte 2014 seinen neu erschienenen historischen Roman über Kaiser Maximilian I. in Wien vor, und bei dieser Gelegenheit kaufte ich das Buch und ließ es signieren. Jetzt habe ich es gelesen, und zwar im Rekordtempo, so spannend war es.

Tod in Wiener Neustadt

Von Maximilian I. hatte ich nur eine äußerst vage Vorstellung, die nun etwas stärker konturiert wurde. Allerdings behandelt der Roman praktisch nur die Jahre von seiner Brautwerbung um Marie von Burgund bis zu seiner Erhebung zum Kaiser des Römischen Reichs Deutscher Nation. Er beginnt mit dem Tod Maximilians in Wels. Dieser war gerade auf dem Weg nach Wiener Neustadt – wo er nun begraben liegt. In seiner Todesstunde lässt Prange u. a. zwei Personen um ihn sein, denen er in seinem Roman eine zentrale Rolle zugewiesen hat: Rosina von Kraig, seiner Geliebten, und Kunz von der Rosen, seinem Hofnarren.

Künstlerische Freiheit

Historisch inkorrekt lässt Prange diesen Kunz sogar noch das Ende des Romans erleben, wo er in die Zukunft, nämlich bis zur Kaiserkrönung Karls V. in Bologna, ausgreift, obwohl Kunz im selben Jahr wie Maximilian, 1519, starb. Künstlerische Freiheit.

Doch damit ist auch schon das Problem eines solchen Romans angerissen: Als Leser, der kein Maximilian-Experte ist, weiß man nie, was historisch wahr und was vom Autor erdichtet ist. Daher müsste man nun eigentlich „zum Drüberstreuen“ Hermann Wiesfleckers fünfbändige Mammut-Biographie Maxmilians lesen, um vergleichen zu können.

Unerfreulicher Ränkeschmied

Kunz von der Rosen macht Prange, offenbar auch hier entgegen der historischen Wahrheit, zu einem unerfreulichen Ränkeschmied, der jahrelang im Sold der Franzosen Maximilian zu schaden versucht. Max kommt nie dahinter, ja, er hat nicht einmal den leisesten Verdacht, dass sein gewitzter Hofnarr (auch das war Kunz eigentlich nicht, sondern nur der bunte Vogel des Hofes), den er sogar in den Adelsstand versetzt und immer wieder mit geheimen Aufträgen bedacht hat, eigentlich ein Verräter ist. Für die Erzeugung von Spannung im Roman ist diese Umdeutung der Figur jedoch von größtem Nutzen.

Die Liebe der Staatsraison geopfert

Rosina von Kraig macht Prange hingegen zur großen Liebe von Maximilian. Schon der Jugendliche verfällt dieser schönen jungen Frau, der er ewige Liebe schwört. Als die Staatsraison den jungen Thronfolger zwingt, eine standesgemäße Ehe einzugehen, trennen sich die Wege von Max und Rosina für einige Zeit. Rosina gerät in einer Truppe von Schaustellern und zieht mit ihnen durch die Welt. In Gent stößt sie wieder auf Max, der sie unbedingt als seine Mätresse haben will.

Bildschön, sportlich, blitzgescheit: Marie von Burgund

Verheiratet ist Max nun ja mit Marie von Burgund, einer bildschönen, sportlichen und blitzgescheiten Frau, in die er sich, ganz gegen seine Erwartung (Kunz hat sie ihm im Auftrag der Franzosen als hässliche Hexe dargestellt), bis über beide Ohren verliebt hat. Marie weckt in Max Seiten, die er bisher noch nicht entwickelt hatte, so seine sprachlichen Fähigkeiten, das Interesse an Kunst, Musik und Literatur und vor allem an der Politik. Das Herzogtum Burgund, das Maries Vater Karl der Kühne zu hoher weltpolitische Bedeutung führen konnte, ist nämlich ein höchst umstrittenes Gebiet: Kaiser Friedrich III., Maximilians Vater, will es im Römisch Deutschen Kaiserreich haben, der französische König Ludwig reklamiert es für Frankreich, und im Land selbst kämpfen aufständische Handwerker unter Jan Coppenhole mit Maximilian um die Regierungsgewalt. Marie und Max sind fest entschlossen, Burgund zusammenzuhalten und nicht in die Hände der Franzosen fallen zu lassen. Es kommt zu einer jahrzehntelangen Abfolge von Kriegen, die Max zum Teil gewinnt, da er ein tollkühner Kämpfer und innovativer Stratege ist, zum Teil verliert, weil er immer zu wenig Geld und damit zu wenig Söldner hat.

Tödlicher Sturz

Marie von Burgund kommt früh zu Tode. Prange gibt Max, Rosina und Kunz daran die Schuld: Kunz hat – wieder im Auftrag des Feindes – den Sattelgurt Maries angeritzt; Rosina hat Max gezwungen, sich zu ihr zu bekennen; Max hat dieses Bekenntnis lange aufgeschoben, doch eines Tages gesteht er Marie sein Verhältnis zu Rosina doch. Marie galoppiert wutentbrannt davon, setzt über einen breiten Graben, das Pferd strauchelt, der Sattelgurt reißt, Marie fliegt in hohem Bogen davon, schlägt hart auf und stirbt wenige Tage darauf an ihren Verletzungen.

Rosina sucht das Weite und begeht sogar einen Selbstmordversuch, der aber statt zum Tod zum Verlust jeglicher Erinnerung an Maximilian führt. Ausgerechnet Kunz findet die Halbtote und holt gleich Max’ Erzfeind Coppenhole, dem er sie als Faustpfand gegen Max empfiehlt. Coppenhole verliebt sich in Rosina, die sich nun Barbara nennt, und heiratet sie sogar. Allerdings erlangt sie ihr Gedächtnis wieder und kommt Coppenhole auf die Schliche. Mit einem, der sie jahrelang belogen hat, will sie nicht länger zusammen sein. Coppenholes Tage sind aber ohnedies gezählt, denn im Zuge der Kriegswirren wendet sich Gent gegen seinen ehemaligen Führer und lässt ihn köpfen.

Grausamkeit und Depression

Maximilian hat nämlich inzwischen mit Frankreich Frieden geschlossen – nach haarsträubenden Vorkommnissen zwar, aber was fordert nicht alles die Staatsraison im Verein mit einem leeren Säckel! Nun kann er sich, inzwischen zum Deutschen König gekrönt, an die Befriedung der Ungarn machen. In diesem Feldzug, den er zusammen mit seinem Sohn Philipp dem Schönen unternimmt, zeigt sich Maximilians widersprüchliche Persönlichkeit besonders krass: ungeheure Entschlossenheit im Kampf, hohe Qualität als Heerführer, Menschenkenntnis einerseits, plötzlich hervorbrechende unmenschliche Grausamkeit und tiefe Depressionen andererseits. Philipp, der dies erstmals miterlebt, ist von seinem Vater mehr als enttäuscht.

Ins Gedächtnis eingebrannt

Alles dies und noch viel mehr – erzählt Peter Prange in kurzen Kapiteln, die immer mit einem unaufdringlichen Cliffhanger enden und den Leser zum Weiterlesen zwingen. Die Figuren, allen voran Marie und Max, treten plastisch und lebendig vor die Augen des Lesers, der jedoch genauso den Gauner Kunz von der Rosen verwünscht und die vom Schicksal gebeutelte Rosina bedauert. Nach 650 Seiten haben sich die historischen Persönlichkeiten von Friedrich III. bis Karl V., von Karl dem Kühnen zu Ludovico il Moro, von Maximilians Schwester Kunigunde bis zu seiner Tochter Margarethe genauso wie die Hauptfiguren selbst ins Gedächtnis des Lesers gegraben, was einem bloßen Geschichtsbuch wesentlich weniger leicht gelingen würde. Und genau deshalb liest man einen historischen Roman.

Peter Prange: Ich, Maximilian, Kaiser der Welt. Historischer Roman. Fischer Scherz, Frankfurt a. M. 2014. 671 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Drei Figuren vom Grabmal Kaiser Maximilians in der Innsbrucker Hofkirche. Tuschestift, 2009. – Kaiser Maximilians beeindruckendes Grabmal in der Innsbrucker Hofkirche besteht aus einem Sarkophag und an die 30 überlebensgroßen Metallfiguren, den sogenannten „Schwarzen Mandern“ (obwohl auch einige Frauen darunter sind) sowie einer Reihe von Porträtbüsten. Absolut sehenswert.

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