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Fritz Habeck: Der Kampf um die Barbacane. Jugendroman

Die Barbacane des Schlosses Pöggstall in Niederösterreich.

In einem „offenen Bücherregal“ in Mödling entdeckte ich den Jugendroman „Der Kampf um die Barbacane“ von Fritz Habeck. Begann ihn gleich zu lesen und las ihn in einem Zug fertig. Ein schöner Lese-Sonntag war das.

Was ist eine Barbacane?

Seit wir einmal in Pöggstall waren, weiß ich auch, was eine Barbacane ist: ein wuchtiger, niedriger Torturm, fast schon eine runde Bastion.

Zu Zeit der 2. Wiener Türkenbelagerung (1683)

In Habecks Roman, der in Niederösterreich zur Zeit der Zweiten Wiener Türkenbelagerung spielt, geht es um die Barbacane der Burg Raipoltenbach beim Lembach (heute: Neulengbach).

Der vierzehnjährige Held des Romans, Andreas, tappt zu Beginn des Romans gleich in eine Falle, indem er einem hässlichen Unbekannten wichtige Informationen über die Burg verrät. Der Unbekannte ist der Räuberhauptmann Fetz, dem die Türken Nase und Ohren abgeschnitten haben.

Systematisch ausgeraubt

Noch in derselben Nacht brennt plötzlich der vor der Burg gelegene Meierhof, und als er gelöscht ist, stellt sich heraus, dass der Brand nur ein Ablenkungsmanöver war: Die Burg wurde hinter dem Rücken der Löschenden systematisch ausgeraubt…

An die Gefahr einheimischer Räuberbanden hatte niemand gedacht, denn die Gefahr, vor der sich im Jahre 1683 alle fürchten, sind die umherziehenden Tatarenhorden und die Türken, die auf Wien vorrücken.

Nach Wien durchgebrannt

Andreas geht in Wien ins Gymnasium, wird von diesem aber wegen Faulheit verwiesen. Er will kein Gelehrter, sondern Maler werden. Davon will aber seine verwitwete Mutter nichts wissen. Sein Vater war ein Feinmechaniker, der vor Jahren mit einem mechanischen Frosch Furore gemacht und damit einen Gönner, den Grafen Alram, gewonnen hat. Dieser lebt zur Zeit in Wien, und Andreas brennt von zu Hause durch, um beim Grafen Unterstützung für seine künstlerische Zukunft zu erbitten.

Andreas kommt allerdings zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt in Wien an, nämlich als gerade die Türken die Stadt einschließen. Der Graf hat daher kein Ohr für die Wünsche des Burschen, nimmt ihn aber zumindest, da man aus der Stadt nicht mehr herauskann, unter seine Obhut. Sein Diener, der alte Soldat Michel, betreut auch Andreas.

Dessen Mutter will eigentlich nach Wien nachkommen, wie sie in einem Brief schreibt, doch ihr Schicksal ist nun völlig ungewiss.

Der Anfang der Türkenbelagerung

Der Leser erlebt nun den Anfang der Türkenbelagerung mit. Da bricht ein Brand im Schottenstift aus, das gleich neben einem großen Pulverlager liegt. Man kann mit Müh und Not verhindern, dass dieses in die Luft fliegt. Das Volk sucht einen Schuldigen und findet ihn in der Person des „Barons Zwiefel“, eines wunderlichen Menschen, der die Dummheit begeht, mit einer Pistole ins Feuer zu schießen. Bald darauf wird er gelyncht. (Das ist, wie der gesamte Hintergrund der Handlung, historische Tatsache.)

Andreas ist begierig, von den Kampfhandlungen an den Basteien etwas mitzubekommen. Also steigt er aufs Dach des Hauses, von wo aus er zur Burgbastei und aufs Glacis sehen kann, wo die Türken ihre Schützengräben gegraben haben.

Durch den Belagerungsring schleichen

Als der Graf ihm erzählt, er wolle durch eine besonders mutige Tat sein ihm entzogenes Regiment wiedergewinnen, sieht auch Andreas seine Chance. Der Graf will nämlich als Geheimkurier durch den Belagerungsring schleichen und eine Botschaft an den Grafen Leslie, der in Stein bei Krems das Entsatzheer sammelt und die Donaubrücke bewacht, übermitteln.

Auch Andreas will aus der Stadt ausbrechen, allerdings nur, um seine Mutter zu finden.

Des Nachts schleicht er also tatsächlich davon, gelangt vor die Tore der Stadt, schlägt sich bis in den Wienerwald durch – und fällt, unvorsichtig geworden, dort einem Tatarentrupp in die Hand. Gemeinsam mit einem anderen Gefangenen liegt er gefesselt in einem Zelt, kann sich aber befreien, seinen Leidensgenossen ebenfalls, und schon sind beide entwischt.

Alle Orte um Wien sind inzwischen verlassen, mit Ausnahme weniger Burgen, in die sich Teile der Bevölkerung geflüchtet haben. Menschen, die sich ergeben haben wie die Bewohner Perchtoldsdorfs, wurden entgegen den Versprechungen der Tataren brutal niedergemetzelt.

Ein mutiger Cembalist

Als Andreas in eine verlassene Burg kommt, hört er dort plötzlich Cembalospiel. Der Cembalist ist zu seinem größten Erstaunen niemand anderer als Graf Alram, der gemeinsam mit Michel auf dem Weg nach Stein ist. Der Graf versteckt sich nicht, sondern vertraut darauf, dass er im Ernstfall die Tataren schon in die Flucht schlagen werde. So ist es auch, als ein kleiner Trupp vor der Burg erscheint.

Für die Weiterreise schließt sich Andreas dem Grafen an, sie erbeuten drei Pferde von einem Tatarentrupp und reiten mit diesen weiter.

Als eine Gräfin samt Kammerzofe die Hilfe des Grafen erbittet, nehmen sie die beiden Damen mit, denn der Graf ist natürlich ein vollendeter Kavalier.

Die Tasche des Toten

Andreas hat er angewiesen, im Falle seines Todes die Tasche mit der Botschaft zu nehmen und sicher nach Stein zu bringen. Als nun bei einem Überfall von Tataren der Graf vom Pferd stürzt und leblos liegen bleibt, glaubt Andreas ihn tot, nimmt die Tasche und rast davon.

Tatsächlich kann er sich bis Stein durchschlagen, die Botschaft überbringen und damit die Gunst des Grafen Leslie erringen.

Die Räuber und der Graf

Es hält ihn nur kurz in Stein, denn er will unbedingt seine Mutter wiederfinden, daher macht er sich davon in Richtung Lempach. Er erreicht Burg Raipoltenbach, wo anscheinend niemand mehr ist. Als er durchs Tor geht, wird er plötzlich überwältigt und steht dem Räuberhauptmann Fetz gegenüber. Dieser hat sich mit seiner zehnköpfigen Räuberband in der Burg, genauer: in der Barbacane, eingenistet. Bald stellt sich heraus, dass die Räuber im Hauptgebäude der Burg Leute in Schach halten: ausgerechnet den Grafen Alram, Michel, den Arzt Voytt und einen Jesuitenpater. Auch der Schmied der Burg und ein Bauer werden von den Räubern hier festgehalten. Andreas gelingt es, zum Grafen in das Haupthaus der Burg zu flüchten.

Gemeinsam gegen die Tataren

Die Räuber und der Graf und seine Leute stehen einander als feindliche Parteien gegenüber, doch als plötzlich eine Tatarenhorde vor den Mauern der Burg erscheint, haben beide Parteien einen gemeinsamen Feind. Sie arrangieren sich, der Graf übernimmt den Oberbefehl und organisiert mit den bescheidenen Mitteln, die die Burg zu bieten hat, die erfolgreiche Verteidigung.

Dieser schwierige Kampf um die Burg, der sich nach Erfolgen der von regulären türkischen Einheiten verstärkten Tataren auf den Kampf um die Barbacane konzentriert, nimmt fast die gesamte zweite Hälfte des Romans ein.

Die Belagerten werden beschossen, die Burg in Brand gesteckt, die Mauern überstiegen, die Eingeschlossenen sollen ausgeräuchert werden – doch all dem können sie widerstehen.

Alle sind weg

Und schließlich erwachen Andreas, der Graf, Michel und der Pater (der Arzt ist den Türken zum Opfer gefallen) – und sowohl die Belagerer als auch die Räuber sind verschwunden.

Nun können die vier sich nach Stein durchschlagen, wo Andreas beim Grafen Leslie für den Grafen Alram eintritt, damit dieser wieder zu einem Kommando über ein Regiment kommt. Und Leslie hat tatsächlich eines zu vergeben.

Die Schlacht um Wien

Andreas schließt sich dem Grafen an, als dieser mit dem Entsatzheer auf Wien vorrückt. Vom Kahlenberg aus kann er die Entscheidungsschlacht um Wien beobachten und dann mit dem Entsatzheer nach Wien einziehen.

Man erfährt, wie unehrenhaft sich sowohl der Polenkönig Jan Sobiesky und seine Soldaten wie auch Profiteure unter den belagerten Wienern benommen haben. Obwohl Sobiesky nominell den Oberbefehl hatte, erfocht Herzog Karl von Lothringen eigentlich den Sieg. Auch das sind historische Tatsachen.

Endlich malen

In Wien beschafft sich Andreas Papier und Aquarellfarben und malt aus der Erinnerung Szenen des Kampfes um die Barbacane. Diese Bilder überzeugen den Grafen Alram, dass in Andreas wirklich ein Künstler steckt, und er finanziert ihm ein Studium in Italien.

Bevor Andreas allerdings nach Italien abreist, sieht er seine Mutter wieder, die in der Festung Purkersdorf überlebt hat und in nun in Wien wieder trifft.

Anhang

Als Anhang gibt es im Roman eine kurze Zusammenfassung von Vorgeschichte und Ablauf der Türkenbelagerung sowie ein Glossar der heute nicht mehr gebräuchlichen Wörter.

Der Roman ist solide geschrieben, spannend, jedoch stellenweise etwas sprunghaft. Er vermittelt jedenfalls einen guten Eindruck von den Verhältnissen im Jahr 1683. Gerade waghalsige Kuriergänge durch die feindlichen Linien waren ein Charakteristikum dieser Türkenbelagerung, es ist daher durchaus verständlich, dass der Autor solche Kuriere als seine Helden gewählt hat.

Fritz Habeck: Der Kampf um die Barbacane. Jugend und Volk, Wien, München, 1960. 271 Seiten.

Bild: Ausnahmsweise einmal keine Zeichnung, sondern ein Foto, das ich 2013 aufgenommen habe: die Barbacane des Schlosses Pöggstall in Niederösterreich.

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Krause, Ute: Osman. Der Dschinn in der Klemme.

Auf der Suche nach passender Klassenlektüre für meine zukünftige 1. Klasse entdeckte ich dieses schön gemachte, richtig gebundene Buch bei Thalia, kaufte es – und las es gleich.

Nette Geschichte, die sich um die Türkenbelagerung von Wien rankt.

Sie beginnt allerdings in der Gegenwart in Wien, wo Anton, ein etwa 10jähriger Bub, in einem Laden eine verstaubte, blau-goldene Flasche entdeckt, mitgehen lässt und zu Hause öffnet: Ein Dschinn – ein Flaschengeist – entfährt der Flasche und macht es sich in der Badewanne bequem. Der Dschinn ist ein Orientale, dick, gemütlich, der Anton ganz selbstverständlich als seinen Herrn anerkennt.

Irrtümlich glauben nun Anton und seine Familie (Schwester „Knödel“ und die Eltern), sie könnten sich nun wünschen, so viel sie wollten – à la Aladin und die Wunderlampe. Also wünschen sie sich gleich einmal einen Palast anstelle der jämmerlichen alten Hütte, in der sie wohnen. Rumms, der Palast ist da – aber auf dem technischen Niveau der Zeit von 1683. Kein Strom, kein Internet, kein Herd…

Also wünschen sie sich als nächstes Strom und Telefonanschlüsse. Anton vermasselt allerdings den Wunsch und bekommt lauter Telefonanschlüsse und Steckdosen – ohne Strom. Osman kennt ja keinen Strom.

Osman hat allerdings ein Problem: Er hat seinem letzten Herrn – 1683 – einen schlechten Dienst erwiesen und dieser ist gestorben. So eine Schmach will er nicht auf sich sitzen lassen. Anton wünscht sich also, er solle die Sache bei der Türkenbelagerung in Ordnung bringen. Im Augenblick der Äußerung des Wunsches rangeln Anton und Knödel gerade um die Flasche und werden somit ebenfalls in die Zeit von 1683 versetzt.

Nun beginnt eine halbwegs spannende Abenteuerhandlung. Anton wird Diener eines Beraters des Großwesirs namens Mehmed Ali, jenes Mannes, dem die Dummheit des Dschinn das Leben kostete. Knödel kommst schnurstracks in den Harem des Großwesirs als Sklavin der obersten Haremsdame Jasmina. Von dieser lernt sie ein paar Brocken Türkisch, während Knödel die Haremsdamen im Walzertanzen unterweist. Beides wird im Lauf der Handlung noch sehr nützlich.

Anton soll nun gut machen, was beim ersten Versuch des Dschinn schiefgegangen ist. Nicht Mehmet Ali soll persönlich eine Geheimbotschaft an den Sultan übermitteln, sondern Anton soll sie dem Boten überbringen. Das geht aber schief, und Anton wird von österreichischen Soldaten verhaftet und nach Wien ins Gefängnis gebracht.

Knödel erfährt von dem Unglück, lässt Mehmed eine neue Botschaft schreiben und bringt sie glücklich zum Boten.

Inzwischen hat Anton in dem Wiener Buben Friedrich einen guten Freund gefunden (vorher hatte Anton Friedrich aus der Sklaverei freigekauft). Dummerweise kann der Dschinn einem neuen Herrn nur drei Wünsche erfüllen. Anton hat sein Kontingent also schon verbraucht. Durch Zufall wird aber Friedrich zum Herrn des Dschinn, wünscht sich, dass alle wieder ins Wien der Gegenwart zurückkehren, und rumms, es geschieht. Die Eltern wundern sich kaum, dass Anton und Knödel eine Nacht (die für sie mehrere Wochen gedauert hat) verschwunden waren.

Und in dem Laden, wo Anton die Flasche geklaut hatte, entdecken sie einen uralten Mann namens Friedrich, der sich als der Friedrich aus der Türkenbelagerung erweist…

Stil: für zehnjährige fassbar, einfacher, aber nicht aufdringlich simpler Satzbau, wenige komplizierte Begriffe, viele Dialoge.

Insgesamt ist das Buch gut für eine erste Klasse geeignet.

Es gibt bereits eine TB-Ausgabe davon, außerdem zwei Folgebände mit weiteren Abenteuern von Anton und dem Dschinn.

Krause, Ute: Osman. Der Dschinn in der Klemme.

Kinderbuch.

Illustriert von der Autorin.

Oetinger-Verlag, Hamburg 2009.

190 Seiten.

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