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Peter Berglar: Wilhelm von Humboldt

Wolfgang Krisai: "Wilhelm von Humboldt", Skizze nach der Lithographie von Oldermann nach F. Krüger. Umschlag der rororo-Monographie über Wilhelm von Humboldt von Peter Berglar. Feder. 2016.Ein Gutteil meines biographischen Wissens über wichtige Persönlichkeiten stammt aus rororo Bildmonographien, die ich in meiner Jugend und vor allem Studienzeit verschlang. Und auch heute noch greife ich gerne zu dieser genialen Buchreihe, wenn es darum geht, über einen Menschen eine erste, profunde Information einzuholen.

Im Zusammenhang mit meiner Beschäftigung mit der Institution Universität begann mich Wilhelm von Humboldt zu interessieren, der die Universität als Stätte der Forschung und Lehre definierte. Was war er für eine Persönlichkeit?

Das Ergebnis war einigermaßen überraschend:

Privatgelehrter

Wilhelm von Humboldt (1767-1835) war Privatgelehrter auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft, vor allem in den letzten 15 Jahren seines Lebens widmete er sich diesem Gebiet, lernte eine Fremdsprache nach der anderen und machte sich Gedanken über deren Zusammenhänge.

Diplomat

Genauso war er auch Diplomat, während einiger Jahre Vertreter Preußens in Rom beim Heiligen Stuhl, später Adjutant des Kanzlers Hardenberg beim Wiener Kongress, kurz auch Botschafter Preußens in London – von wo er sich aber so schnell wie möglich wieder abberufen ließ.

Diese diplomatischen Posten waren aber für Humboldts Vorstellungen nicht angemessen wichtig und selbstbestimmt. Das veranlasste ihn mehrmals, den Dienst zu quittieren und in ein anderes Tätigkeitsfeld zu wechseln.

Der preußische König Friedrich Wilhelm III. stand ihm wohlwollend gegenüber, daher konnte er sich diese Mimosenhaftigkeit leisten. 1819 allerdings ging er zu weit, stellt den König vor die Wahl zwischen ihm und Hardenberg – und der König entließ ihn.

Bildungsminister

Humboldts kulturelle Bedeutung jedoch fußt auf lediglich eineinhalb Jahren Tätigkeit als Bildungsminister Preußens vom 20. Februar 1809 bis zum 14. Juni 1810 in Königsberg, wohin der preußische Hof vor Napoleon geflüchtet war.

Kaum im Amt, entfaltete Humboldt eine titanische Gestaltungskraft und reformierte in kürzester Zeit das gesamte Bildungswesen Preußens. In Memoranden und Dekreten kümmerte er sich um das große Ganze genauso wie um scheinbar unbedeutende Details.

Schuljahr und Stundenplan

Humboldt „erfand“ das Schuljahr: Man konnte nun nicht mehr seine Kinder zu jedem beliebigen Zeitpunkt in die Schule schicken, sondern nur zu Schuljahresbeginn. Dasselbe galt für den Tagesablauf, wo nun auch ein Stundenplan vorgeschrieben wurde, an den sich die Schüler zu halten hatten.

Solche Details hatten dem großen Ziel der umfassenden Bildung der Bevölkerung. „Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf.“ (Rechenschaftsbericht an den König, Dez. 1809)

Bildung zum aufgeklärten Menschen und Bürger

Damit Bildung möglich wird, müssen dem Kind zunächst in einer „Elementarschule“ die Voraussetzungen dazu beigebracht werden. Wer sich dann als bildbar erweist, kommt auf die eigentliche Schule im Humboldtschen Sinne: in ein humanistisches Gymnasium. Dieses dient nicht eine bestimmten Berufsausbildung, sondern es bildet den Schüler zu einem „aufgeklärten Menschen und Bürger“ (ebd.). Wer dazu geworden ist, „erwirbt die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher so leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum anderen überzugehen.“ (ebd.)

Berglar kritisiert allerdings, dass die von Humboldt bewirkte Ablösung der Bildung „von ihrer Beziehung zur Tätigkeit, zur Arbeit, zur gesellschaftlichen Praxis des Menschen“ (S. 88) ein Jahrhundert später dazu führte, dass gebildete Deutsche in ein politisches Desaster stolperten, gegen das aufzutreten sie auf ihrem Bildungsweg nicht gelernt hatten.

Forschung und Lehre: die Universität

Nach Elementarschule und Gymnasium sollte der Schüler „eine Anzahl von Jahren ausschließend dem wissenschaftlichen Nachdenken an einem Orte widmen, der viele Lehrer und Lernende in sich vereinigt“: an der Universität. Dort sollte kein Schulbetrieb mehr, sondern ein lebendiger Dialog zwischen den Professoren und den Studenten herrschen. Eben die „Einheit von Forschung und Lehre“, die neben der „Freiheit“, sich selbst auszusuchen, was man studieren will, der zweite Eckpfeiler der deutschen Universität wurde (S. 95).

Gründer der Universität Berlin

Humboldt leitete die Gründung der Universität Berlin in die Wege, doch bevor sie eröffnet werden konnte, hatte er schon wieder seinen Abschied als Bildungsminister eingereicht. (Vermutlich mit der Absicht, vom König durch mehr Machtbefugnisse zum Verbleiben im Amt bewegt zu werden. Womit er sich verrechnet hatte…) Immerhin sorgte er noch dafür, dass an die Universität Berlin die führenden Köpfe der damaligen Zeit als Professoren geholt werden konnten.

Kommunikationstalent

Wie konnte Humboldt in so kurzer Zeit solche Wirkung haben? Schlüssel dazu sind sein Kommunikationstalent und sein umfassendes Interesse. Er trat mit allen bedeutenden Menschen seiner Zeit in Beziehung, und zwar schon als junger Student. In Berlin frequentierte er den Salon von Henriette Herz, in dessen Kreis er auch seine spätere Frau Caroline von Dacheröden kennenlernte. Die Berliner Salons waren damals Treffpunkt sämtlicher Intellektueller der Stadt.

Auf Reisen war es damals möglich, sich bei bedeutenden Persönlichkeiten zu einem Besuch anzumelden. So lernte Humboldt den Weltreisenden und politischen Kopf Georg Forster kennen und freundete sich mit ihm und seiner Gattin an. Oder Friedrich Heinrich Jacobi, den er in Pempelfort bei Düsseldorf besuchte.

Der dritte Klassiker neben Goethe und Schiller

Mit Goethe und Schiller, die er während einiger Jahre in Jena als Freunde gewann und mit denen er regen Austausch pflegte, bildete er das Dreigestirn der deutschen Klassik. Insbesondere Schiller stand ihm nahe, während Goethe sich eher seinem Bruder Alexander von Humboldt wesensverwandt fühlte.

Humboldt war ein Mensch, der sich mit Feuereifer auf Neues stürzte, aber schnell erlahmte und selten ein Werk zu Ende führte. Zumindest dauerte manches viele Jahre, wie seine Übersetzung des „Agamemnon“ von Aischylos, die 1816 erschien. Sein Ruhm fußt daher nicht auf einem schriftstellerischen Werk, sondern auf seinem Universalismus, von dem man sich vor allem in seinen unzähligen Briefen ein Bild machen kann.

Tausende Sonette

Bemerkenswert ist jedoch, dass er in den letzten Lebensjahren jeden Tag mit einem Sonett, das er einem Sekretär diktierte, abschloss. Diese Sonette sind bis heute nicht vollständig publiziert und behandeln inhaltlich sozusagen „Gott und die Welt“.

Unermüdlicher Briefschreiber

Das tägliche mehrstündige Briefeschreiben war Humboldt sein Leben lang ein unabdingbares Bedürfnis. Zum Glück für die Nachwelt, denn die Briefe sind zu einem großen Teil erhalten (wenn auch, wie der Briefwechsel mit seiner Frau Caroline, von den Herausgebern ein wenig geschönt). Darüber hinaus schrieb er immer wieder Tagebuch. Darin kann man minutiös nachlesen, was ihn beschäftigte.

Über seine interessante Ehe mit Caroline von Dacheröden gibt es ein ganzes Buch: Hazel Rosenstrauch: „Wahlverwandt und ebenbürtig“ – das ich als nächstes lese.

Peter Berglar: Wilhelm von Humboldt. rororo Bildmonographie. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 16. – 18. Tsd., 1976. 186 Seiten.

Wolfgang Krisai: „Wilhelm von Humboldt“, Skizze nach der Lithographie von Oldermann nach F. Krüger auf dem Umschlag der rororo-Monographie über Wilhelm von Humboldt von Peter Berglar. Feder. 2016.

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Wolfgang Straub: Carl Ritter von Ghega

Wolfgang Krisai: Dampflok 52 als Museumslok in Simbach am Inn. Tuschestift, 2010.2004 startete der Styria-Verlag offenbar eine Reihe „Biografische Bibliothek“, die über den ersten Band nie hinausgekommen ist. Dieser, geschrieben von Wolfgang Straub, widmet sich Carl Ritter von Ghega.

In Venedig geboren

Nach dem Band „Österreichs Spuren in Venedig“, den ich vor Kurzem gelesen habe, ist das die ideale Ergänzung, denn Ghega wurde in Venedig geboren, und zwar 1802. Seine Jugend und Ausbildung fiel folglich in die Zeit der österreichischen Herrschaft in Venedig, und so war es logisch, dass er zum österreichischen Eisenbahningenieur wurde, als den man ihn gemeinhin kennt.

Sein Vater war ein arsenalotto, also ein im streng geheimen Arsenal beschäftigter Angestellter. Der Sohn sollte ihm nachfolgen, schlug aber, als hoch begabter junger Mann, eine technische Ausbildung ein und wurde Ingenieur für Straßen-, Brücken-, Wasser- und schließlich Eisenbahnbau. Die Bereiche waren damals noch nicht ganz ausdifferenziert, sodass ein Mann wie Ghega sich zeitlebens mit allen diesem Dingen beschäftigen konnte. Die Eisenbahn wurde ab 1835 allerdings zum bedeutendsten Innovations- und Erfolgsgebiet, und Ghega in diesem Fach zu einem der führenden Köpfe weltweit.

Welches Antriebssystem?

Während die Anfangszeit der Eisenbahn in Österreich in den Händen von Privatunternehmern wie Rothschild lag, wendete sich bald das Blatt, als man erkannte, dass ein vernünftiges Eisenbahnnetz ohne staatliche Generalplanung und -aufsicht nicht entstehen würde und die Privaten zu sehr auf ihren Profit und weniger auf das verkehrsmäßige Gemeinwohl schauen würden. In dieser Phase schlug Ghegas große Stunde, er wurde zum obersten Eisenbahnbeamten des Kaiserreichs und mischte mit bei der Generalplanung aller österreichisch-ungarischen Bahnlinien oder bei der Frage, welche Antriebsformen verwendet werden sollten. Damals war nämlich noch nicht ausgemacht, dass die Dampflokomotiven, denen Ghega die größten Chancen gab, die Triebfahrzeuge der Zukunft sein würden, sondern man dachte auch an Pferde (wie bei der Pfeirdeeisenbahn Budweis – Linz – Gmunden), an das untaugliche und heute vergessene System der „Atmosphärischen Bahn“, bei dem die Fahrzeuge durch in ein Rohr eigreifende Kolben, die vom im Rohr erzeugten Vakuum vorangezogen würden, bewegt werden sollten, oder im Gebirge an steile Schienenwege mit Seilzügen. Legendär ist der von Ghega veranstaltete Lokomotivwettbewerb für die Semmeringstrecke, bei dem sich keine der vier angetretenen Loks als wirklich tauglich erwies, der aber immerhin soviel Erkenntnisse brachte, dass der Ingenieur Wilhelm Engerth dann eine taugliche Semmering-Tenderlok kostruieren und bauen lassen konnte.

Formvollendet in die Landschaft eingebettet

Ghega bereiste England und Amerika, um die dortigen Eisenbahnsysteme kennenzulernen und zu studieren. In Amerika lernte er Eisenbahnen von höchster Effizienz bei gleichzeitig geringen Kosten kennen. Auch er selbst strebte natürlich preisgünstige Bahnbauten an, war aber andererseits Ästhet genug, um seine Bahnlinien formvollendet in die Landschaft einzubetten und anstelle der amerikanischen Holzbrücken, wie man sie aus Wildwestfilmen heute noch kennt, die schönen Ziegelviadukte zu bauen, die seine Bahnlinien zu Sehenswürdigkeiten werden ließen.

Semmeringbahn

Die Strecke, mit der er am meisten zu tun hatte, war die Südbahn von Wien nach Triest. Ghega ist im öffentlichen Bewusstsein der Erbauer der Semmeringbahn von Gloggnitz nach Mürzzuschlag. Man stellt ihn sich als den Ingenieur vor Ort vor, der im Gelände herumstapft, Trassen plant und Bauarbeiter-Scharen befehligt. Diese Vorstellung ist aber falsch. Denn Ghega war damals, um 1850, bereits der oberste Eisenbahn-Beamte und nur noch selten tatsächlich auf den Baustellen zu sehen. Planung und Ausführung der Semmeringstrecke oblagen nicht nur ihm, sondern seinem ganzen Team von Ingenieuren, dessen führender Kopf er allerdings war. Die enge Assoziation Ghega – Semmering ist jedoch erst auf posthume Mythenbildung zurückzuführen.

Ghega plante und baute auch gewaltige Viadukte zwischen Laibach und Triest, die allerdings leider nicht erhalten sind. Sie hätten der bis heute weltgrößten Eisenbahnbrücke aus Ziegeln, der sächsischen Göltzschtalbrücke, durchaus Konkurrenz gemacht, wenn schon nicht in der Höhe, so doch in der Länge. Leider erfährt man im Buch nicht, weshalb sie nicht erhalten sind. Ich vermute: Kriegszerstörungen.

Revolution 1848

Der Autor geht auch der Frage nach, inwieweit die Revolution von 1848 und der Semmeringbahnbau zusammenhängen: Anzunehmen ist, dass der österreichische Staat 1848 die Gelegenheit gerne ergriff, tausende Arbeiter aus Wien an den Semmering wegzuschaffen, wo sie halbwegs friedlich arbeiteten, statt auf die Barrikaden zu steigen. Die Verhältnisse, unter denen die Arbeiter vegetierten, wären allerdings durchaus Anlass zu möglichen Protesten gewesen, denn sie waren schlicht menschenunwürdig. Ghega verschwendete darauf keinen Gedanken, das war Sache der Subunternehmer, die die einzelnen Bauabschnitte errichteten.

Trockener Typ

Ghega war kein von Mitgefühl, ja von Gefühlen überhaupt überströmender Mensch. Sein Privatleben hielt er offenbar für uninteressant, dementsprechend hob er keine Briefe auf, schrieb kein persönliches Tagebuch, und seine einzige autobiographischen Äußerung ist eine „Diensttabelle“, in der er aufzählt, welche Ausbildungen, Dienststellen und Planungsaufgaben er wann absolvierte bzw. innehatte. Ein eher trockener Typ also – obwohl er als in Gesellschaft angenehm und unterhaltend geschildert wird.

Dem Staat ging bald nach 1850 immer mehr das Geld aus, sodass die Doktrin der staatseigenen Eisenbahn aufgegeben werden musste. Die staatseigenen Bahnen wurden nach und nach an Private verkauft, bis schließlich alles verkauft und der Posten des „Generalinspektors der Staatsbahnen“ sinnlos war. Ghega hätte, zumal er keineswegs ein Gegner privater Eisenbahnen war, wohl problemlos als hoher Manager bei einer Privatbahn einsteigen können, tat dies aber nicht. Er wurde 1859 ins Finanzministerium übernommen, über seine Tätigkeit dort ist allerdings nichts bekannt, weil er sie wahrscheinlich nie ausgeübt hat. Denn schon 1860 erlag er der „Lungensucht“, also vermutlich Tuberkulose.

Ghega-Mythos

Nach seinem Tod begann langsam die Bildung eines nicht ganz realistischen Ghega-Mythos. 1869 errichtete man am Semmering ein Ghega-Denkmal, Reden wurden geschwungen, Artikel veröffentlicht. Im Lauf der Zeit wurden vier Roman über Ghega geschrieben, allesamt von heute vergessenen Autoren. Allerdings ist die Semmeringbahn auch in einem literarisch hochwertigen Roman ausführlich geschildert, in Heimito von Doderers „Die Wasserfälle von Slunj“. Und die älteren Österreicher kennen sein Portrait noch vom 20-Schilling-Schein.

Die Biographie ist gut lesbar geschrieben, vermittelt ein überblicksmäßiges Bild der Entwicklung des Eisenbahnwesens in Österreich bis etwa 1860 und natürlich ein sehr detailreiches von Ghega selbst. Die Abbildungen ergänzen den Text, ohne ihn zu überwuchern. Am Schluss befindet sich neben den üblichen Verzeichnissen auch ein tabellarischer Lebenslauf. Dem fadengehefteten und mit einem Lesebändchen versehenen Band ist eine eineinhalb Meter lange „Perspectivische Ansicht der Semmeringbahn von Payerbach bis zum Semmeringtunnel“ beigegeben.

Wolfgang Straub: Carl Ritter von Ghega. Biografische Bibliothek Styria Band 1. Styria-Verlag, Wien 2004. 238 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Dampflok 52 als Museumslok in Simbach am Inn. Tuschestift, 2010.

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Steffen Kverneland: Munch. Graphic Novel

Zu Edvard Munch passt diese Skizze der norwegischen Jazz-Sängerin Silje Nergaard, skizziert in Wien, 2011.

Zu Edvard Munch passt diese Skizze der norwegischen Jazz-Sängerin Silje Nergaard, skizziert in Wien, 2011.

Eine anspruchsvolle Graphic Novel über einen Maler – in diesem Fall Edvard Munch – kann nicht einfach sein Leben von der Geburt bis zum Tod erzählen, das ist klar. Steffen Kverneland, der Autor und Zeichner, beginnt daher mit einem ausführlichen Gespräch zwischen sich und seinem Freund Lars Fiske, in dem die beiden die Idee zu der Graphic Novel entwickeln. Sie soll praktisch nur mit Texten von Munch und seinen Zeitgenossen versehen sein, aber keine „fiktiven“ Texte enthalten. Die „Handlung“ ist in drei, vier Schwerpunkte gegliedert, die nicht unbedingt chronologisch ablaufen müssen.

So sieht man Munch zunächst in Berlin, wo er in der Berliner Bohème verkehrt, sich dem Alkohol ergibt, mit allerlei Freunden aus Skandinavien, allen voran mit August Strindberg, Nächte durchdiskutiert und durchsäuft, dazwischen „Weibergeschichten“ anfängt, wenn auch eher glücklos, mit der Tante, die ihm Mutter-Ersatz ist, korrespondiert und: malt, malt, malt. Seine Ausstellungen geraten zu Skandalen, von Kunst-Insidern werden sie allerdings hymnisch gefeiert.
Die Handlung springt dann nach Oslo zu den Anfängen seiner Malerei, wo das Gemälde „Das kranke Kind“ (von dem es, wie von vielen anderen, mehrere Versionen gibt) im Mittelpunkt steht. Er selbst ist auch ständig krank, entwickelt aber dennoch eine zähe Natur, sodass er schließlich ein hohes Alter erreicht. Sein Vater wurde nach dem frühen Tod der Mutter zu einem bigotten Frömmler, der ob der freizügigen Lebensweise seines Künstler-Sohnes schier verzweifeln will. Erst als Edvard die Nachricht vom Tod des Vaters erreicht, bedauert er, nie ein besseres Verhältnis zu ihm aufgebaut zu haben.
Lars Fiske und Kverneland tauchen zwischendurch immer wieder auf, zum Beispiel besuchen sie den Strand, wo Munch jahrzehntelang in einer Hütte den Sommer verbrachte und viel malte, unter anderem eine ganze Serie von Bildern, die einen „Lebensfries“ bilden sollten. Gelegentlich sind die beiden auch in Fotos zu sehen, in die Sprechblasen eingezeichnet sind.
Ein großer Abschnitt ist Munchs Aufenthalt in Paris gewidmet, ein weiterer großer Abschnitt der Entstehung des berühmtesten Gemäldes, des „Schrei“.
Munchs Werke sind natürlich auch immer wieder ganz oder in Ausschnitten zu sehen, und zwar in der zeichnerischen Darstellung durch Kverneland, die immer sehr gut gelungen ist.

Drei Ebenen
Auch die Figuren sind interessant gestaltet. Es gibt nämlich sozusagen drei unterschiedlich gezeichnete Ebenen:
Die Gegenwart mit Kverneland und Fiske, die mit feinem, geschmeidigem, realistischem Strich gezeichnet ist, aber oft auf Farbe verzichtet.
Den alten Munch, der sozusagen über sein Leben spricht und in dieser Form ganz realistisch, aber nur in Grautönen, gemalt ist.
Und schließlich die Hauptsache: der Ablauf des Lebens Munchs, der in einer eckigen, fast kubistischen Manier gezeichnet und großteils sehr kontrastreich in Braun-, Blau- und Rottönen koloriert ist. Es ist hier erstaunlich, wie expressiv diese eckigen Gestalten werden, und wie leicht erkennbar sie trotzdem sind. Munch selbst ist an seinem gewaltigen Kinn sofort identifizierbar, doch auch die anderen Figuren haben typische Merkmale, an deren sie leicht erkannt werden können. Ein expressives, der Handlung entsprechend häufig überhitztes Minenspiel prägt die Gesichter.
Gewisse comic-typische Dinge wie Geräuschwörter oder Bewegungslinien gibt es dagegen praktisch nie, sehr wohl aber „Wut-Zeichen“ in Sprechblasen, wenn es einmal turbulent hergeht.

Auch wenn sich das ganze natürlich nicht so flott liest wie ein Asterix-Heft, weil es sich um eine viel gewichtigere Sache handelt, ist das ein überaus gelungenes Werk.

Steffen Kverneland: Munch. Avant-Verlag, Berlin, 2013. 280 Seiten.

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Rüdiger Safranski: Goethe

Wolfgang Krisai: Goethes Wohnhaus am Frauenplan in Weimar. Tuschestift.

Wolfgang Krisai: Goethes Wohnhaus am Frauenplan in Weimar. Tuschestift.

Rüdiger Safranski hat wieder eine Biographie geschrieben: über Johann Wolfgang Goethe. Betitelt ist sie schlicht „Goethe“, Untertitel: „Kunstwerk des Lebens“. Das ist die Perspektive, unter die diese Biographie gestellt ist: Goethe habe sein Leben bewusst als Kunstwerk gestaltet.

Oder es ist ihm zumindest so geraten. Was in sein Bild von sich selbst passte – und das war sehr viel –, nahm er begierig auf. Noch aus dem letzten Steinchen konnte er Gewinn ziehen und etwas lernen, wenn es ihm nur in seine Interessenssphäre passte. Andererseits konnte er Dinge und auch Menschen souverän (manche würden sagen: gnadenlos) beiseite schieben, wie etwa den in Weimar störenden Jakob Michael Reinhold Lenz. Auch Safranski kann übrigens das Geheimnis um die plötzliche Abschiebung dieses Stürmers und Drängers aus dem bereits klassisch gewordenen Weimar nicht lüften. Was nur hat Lenz denn verbrochen? Goethe hielt es geheim; es musste jedenfalls eine größere Peinlichkeit gewesen sein.

Safranski gelingt es perfekt, den Leser bei der Stange zu halten, indem er nie langweilig wird. Er vertieft sich gerade nur so lange in ein Detail, bis es knapp umrissen ist, dann schwirrt er schon zur nächsten Blüte weiter. Was er dabei zu sagen hat, ist immer brillant formuliert, klar auf den Punkt gebracht und oft „neu“, auch wenn man über Goethe wohl im Grunde nichts Neues mehr sagen kann.

So ist diese Biographie auch ein Lehrbeispiel dafür, dass jede Zeit ihre eigenen Biographien „braucht“, allein schon, um Vergleiche zeitgemäß zu gestalten. Goethe sei ein „Netzwerker“ gewesen, sagt Safranski zum Beispiel. Eine Aussage, die man vor zwanzig Jahren noch nicht gemacht hätte.

Das Buch macht Lust, im Werk Goethes in noch unbeachtete Bereiche vorzustoßen (in meinem Fall etwa der „West-östliche Diwan“) und – jetzt erst recht – im Vergleich auch ältere Goethe-Biographien endlich zu lesen.

Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. Hanser, München 2013. 748 Seiten, davon 100 Anhang.

PS: Als ich das Buch kaufen wollte, stellte ich entsetzt fest, dass es plötzlich nicht mehr fadengeheftet war. Offenbar ist Hanser ab der 2. Auflage zur Klebebindung übergegangen. Ich wollte schon vom Kauf Abstand nehmen, da riet mir meine Frau, alle in der Buchhandlung vorhandenen Exemplare zu checken. Und tatsächlich: Zum Glück war ganz unten im Stapel noch ein fadengeheftetes Exemplar der Erstausgabe zu finden.

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Stefan Zweig: Marie Antoinette

Wolfgang Krisai: Zeichnung einer anonymen Terracotta-Büste aus dem 18. Jh. im Musée Jacquemart-André, Paris.

Wolfgang Krisai: Zeichnung einer anonymen Terracotta-Büste aus dem 18. Jh. im Musée Jacquemart-André, Paris.

Auch die Lektüre dieses Buches – wie jene der Wolfdietrich-Biographie – hat etwas mit Salzburg zu tun: Mit der 5A besuchte ich dort das Ballett „Marie Antoinette“, das zu einem Potpourri unterschiedlichster Musik ein „Lebensbild“ der französischen Königin zu geben versuchte. Außerdem besuchten wir das Stefan-Zweig-Centre in der Edmundsburg auf dem Mönchsberg, und dort erzählte der Direktor, Dr. Klemens Renoldner, bei seiner Führung, er habe eine französische Historikerin gefragt, was man in Frankreich von Stefan Zweigs Marie-Antoinette-Biographie halte, und sie habe gesagt, man finde sie gut. Was also lag näher, als dieses Buch nun zu lesen? Ich lieh es mir aus, und jetzt ist es gelesen.

Stefan Zweigs Weise, eine Biographie zu erzählen, ist natürlich nicht mit der eines modernen Historikers zu vergleichen. Er schreibt nicht trocken und sachlich, sondern blumig und elegant, er versucht nicht, die Figur zu entzaubern, jedenfalls nicht im heutigen Sinn, sondern ihr jene Ehre zu geben, die ihr gebührt, ihre Fehler aber auch nicht zu beschönigen, wie dies royalistisch gesinnte Biographen früherer Zeiten offenbar getan haben. Außerdem gibt es immer wieder Passagen, in denen Zweig sich sozusagen in die „Seele“ der Heldin einzufühlen versucht, um sie als Charakter und Persönlichkeit verständlich zu machen.

Bildnis eines „mittleren Charakters“

Zweig sieht Marie Antoinette als einen „mittleren Charakter“, der zwischen gut und böse, zwischen privat und öffentlich, zwischen verspielt und ernsthaft angesiedelt ist – und gerade dadurch der welthistorischen Aufgabe, die sich ihr eröffnet hätte, nicht gewachsen ist. Als Fünfzehnjährige wird sie in eine politisch motivierte Ehe mit dem kaum älteren französischen Thronfolger gestoßen, und diese Ehe bleibt jahrelang kinderlos, weil der Dauphin sich vor einer Operation scheut, die ihm ermöglichen würde, Kinder zu zeugen. Erst energisches Zureden Josephs II. führt hier zum Entschluss und dann zu vier Kindern, von denen zwei früh sterben.

Der Dauphin und spätere König Ludwig XVI. ist ein äußerst schwacher Mensch, der sich zu keinem Entschluss aufraffen kann, am liebsten seinen Hobbys Schmiedekunst und Jagd nachgeht und seiner lebenslustigen Frau nichts bieten kann – außer unbedingter ehelicher Treue, denn für einen Seitensprung ist er viel zu träge.

Marie Antoinette ist das genaue Gegenteil dieses Mannes, sie ist lebenslustig, vergnügungssüchtig, verschwenderisch, ein Nachtmensch, der am liebsten auf Maskenbällen tanzt, sich dem Glücksspiel hingibt oder im privaten Schlösschen Trianon Schäferstündchen abhält. Mit ihrem natürlichen Charme gewinnt sie alle Menschen, mit denen sie zu tun hat. Dabei fehlt ihr völlig das Gespür für menschliche Qualitäten, was zur Folge hat, dass sie sich mit windigen Gesellen und intriganten Weibspersonen umgibt, die die leichtgläubige Königin für ihre eigenen Zwecke ausnützen. So „verliebt“ sich Marie Anoinette Hals über Kopf in die mittellose Gräfin Polignac, die bald die eigentliche Macht in Händen hält und skrupellos ihrer Familie zu neuem Reichtum und bedeutenden Ämtern verhilft.

Politisches Desinteresse provoziert die Revolution

Für ihre Untertanen interessiert sich die Königin nicht im mindesten, sie hat nie eine Reise durch Frankreich gemacht, sich nie etwas außerhalb ihrer Adelssphäre zeigen lassen, nie mit jemandem vom Volk gesprochen außer mit ihren Dienerinnen und Dienern. Politisches Interesse: gleich null. Völlig willkürlich überredet sie ihren willenlosen Gatten, diesem oder jenem ein Ministeramt zukommen zu lassen, und völlig bedenkenlos wirft sie das Geld zum Fenster hinaus.

Als dann die wirtschaftliche Situation im Land bedenklich wird, greift der König zu einer Notmaßnahme, die die Revolution heraufbeschwört: Er beruft die Nationalversammlung ein. Dort reißt der Bürgerstand bald die Macht an sich, 1789 kommt es zum Sturm auf die Bastille – und auf Versailles. Der König wird gezwungen, nach Paris zu übersiedeln. Ab diesem Zeitpunkt ist klar, dass er nicht mehr die letzt Macht im Staat hat. Man residiert in den Tuilerien und ist de facto unter Hausarrest. Die Nationalgarde bewacht den Palast und lässt niemanden hinein oder heraus, der nicht von der Nationalversammlung autorisiert ist. Bald jedoch wird durch den Charme der Königin diese Haft lockerer.

Getreue und Ungetreue

Schon 1789 verließen alle Hofschranzen und lieben Verwandten (die zum Teil gegen König und Königin intrigiert hatten und dies im Exil weiterhin taten, so das spätere König Ludwig XVIII.) fluchtartig Versailles, um sich im Ausland in Sicherheit zu bringen. Nur ganz wenige wirklich Getreue blieben, darunter jener schwedische Graf von Fersen, der der einzige wirkliche Geliebte der Königin war. Fersen organisiert für den 20. Juni 1791 einen Fluchtversuch der königlichen Familie, der aber so pomös inszeniert ist, dass die Flucht bald bemerkt wird und schließlich in Varennes hinter Chalons sur Marne ein unrühmliches Ende findet. Fersen ist auf Wunsch der Königin und „Befehl“ des Königs nicht mitgeritten – und wirft sich diese Feigheit bis zum Lebensende vor.

Bald nach der gescheiterten Flucht, 1792, wird die königliche Familie im „Temple“ eingesperrt, nun ist das schon eher eine wirkliche Haft. Am 21. Jänner 1793 wird Ludwig XVI. hingerichtet. Und als ein weiterer Fluchtversuch kläglich scheitert, macht man auch Marie Antoinette den „Prozess“, der natürlich, wie in solcher revolutionären Situation nicht anders zu erwarten, eine Farce ist. Man bringt sogar ihren eigenen neunjährigen Sohn dazu, seine Mutter des Inzests mit ihm zu bezichtigen. Sie wird zum Tod verurteilt, das war von vornherein klar, und am 16. Oktober 1793 guillotiniert.

Wenn Zweig die Geschehnisse zutreffend schildert, dann ist es kein Wunder, dass die französische Revolution ausgebrochen und Marie Antoinette hingerichtet worden ist. Ein Königspaar, das in diesem Ausmaß seiner Aufgabe nicht gerecht wird, muss geradezu den Aufstand provozieren.

Maria Theresias wirkungslose Mahnungen

Da halfen auch die zahllosen mahnende Briefe Kaiserin Maria Theresias an ihre Tochter Marie Antoinette nichts. Zweig zitiert daraus immer wieder. Auch der Berater Graf Mercy, der zwischen Maria Theresia und Marie Antoinette sozusagen den Verbindungsmann darstellt, kann die leichtfertige Königin nicht zum Umdenken bewegen.

Zweigs Biographie ist, wenn man die zum Teil etwas gesuchte Ausdrucksweise akzeptiert, eine durchaus anregende und interessante Lektüre. Obwohl sie vor mehr als 80 Jahren, nämlich 1932, erstmals erschienen ist.

Stefan Zweig: Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters. Büchergilde Gutenberg, Wien, 1953. 569 Seiten.

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Raffetseder / Stöger: Curt Kubin

Wolfgang Krisai: Alfred Kubins Arbeitszimmer in Zwickledt. Tuschestift.

Wolfgang Krisai: Alfred Kubins Arbeitszimmer in Zwickledt. Tuschestift.

Es liegt nahe, sich in Form einer Graphic Novel des Lebens und der Persönlichkeit des österreichischen Zeichners, Illustrators und Schriftstellers Alfred Kubin anzunähern. Und nun haben die beiden Österreicher Christoph Raffetseder (der Zeichner) und Herbert Christian Stöger (der Texter) sich der Sache ziemlich erfolgreich angenommen.

Kubin wird als etwas wunderlicher, seherisch veranlagter Kauz dargestellt, der mit den Dingen spricht bzw. sie zu sich sprechen hört, der naiv wirkt und in Wirklichkeit ein schlauer Fuchs ist, was man besonders deutlich daran sieht, wie er sich mit simplen Ausreden die Nazis vom Hals hält. Mit seiner Frau Hedwig pflegt er einen eher distanzierten Umgang, andeutungsweise erfährt man, dass es neben ihr auch noch andere Frauen im Leben des Künstlers gibt. Natürlich spielen viele Szenen in Zwickledt, daher ist es von Vorteil, wenn man die Örtlichkeit schon besichtigt hat. Wir haben das ja 2011 gemacht und sind dort von der Nichte der Haushälterin herumgeführt worden, die ausgeprägtesten Innviertler Dialekt sprach. Sie kommt ganz am Schluss des Buchs als Fünfjährige vor, die Kubin am Sterbebett besucht.

So löblich der Versuch ist, sich Kubins buchkünstlerisch anzunehmen, so ist doch zu sagen, dass hier auch ein beliebiger anderer Psychopath als Thema das gleiche hergegeben hätte, denn die künstlerische Arbeit Kubins, sowohl die zeichnerische wie auch die schriftstellerische, spielt nur am Rande eine Rolle. Das ist doch etwas dürftig, denn darin hätte auch eine Herausforderung liegen können.

Raffetseder macht keinen Versuch, stilistisch irgendwelche Anklänge an Kubins Werke aufkommen zu lassen. Das wiederum ist verständlich und wäre auf platt kopierende Weise auch nicht sinnvoll. Wäre aber nicht ein künstlerischer Bezug zu Kubins Werken denkbar, der dieses Problem umgeht?

Der Text von Herbert Stöger ist – bewusst – stilistisch banal. Ich wollte sagen: einfach. Kubin als Mensch wie jedermann? Dieser Banalitätseindruck wird noch vom dilettantischen Lettering verstärkt, das nun wirklich besser gemacht gehört.

Eine biographische „Handlung“ gibt es nicht, wenn man darunter eine fortlaufende Chronologie versteht. Das Buch wird in wenige Seiten umfassende Kleinepisoden aufgeteilt, die, wie in einer Schlussnotiz vermerkt ist, Gelegenheit geben sollen, „aufgrund von alltäglichen Begebenheiten festzustellen, wie und wodurch es zu diesem künstlerisch speziellen Werk gekommen sein mag. Es geht neben den Personen, um Dinge und Tiere, die in seiner Umgebung waren, und mit ihm in Kontakt traten.“ (Die Grammatik- und Beistrichfehler dieser Notiz sind zum Glück nicht repräsentativ für den Text selbst.)

Wie der Untertitel sagt, sind hier Fakten und Fiktion gemischt. Ich bin nicht genug Kenner der Biographie Kubins, um immer auseinanderhalten zu können, was nun wahr ist und was nicht.

Ganz seltsam ist der Buchtitel „Curt Kubin“, der offensichtlich auf den Nirvana-Sänger Kurt Cobain Bezug nimmt. Aber von diesem Bezug ist dann im inneren des Buches nicht das Geringste zu merken. Oder ist mir der Bezug nur entgangen, weil ich von Cobain nichts kenne und über ihn nur weiß, was im Wikipedia-Artikel steht?

Also: Lesenswertes, wenn auch in manchen Punkten nicht ganz überzeugendes Buch.

Christoph Raffetseder (Zeichnung), Herbert Christian Stöger (Text): Curt Kubin. Eine Fact-Fiction-Comic-Biographie über Alfred Kubin. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra o. J. (2012?). 66 Seiten, gebunden.

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Scrase: Wilhelm Lehmann

Wolfgang Krisai: Lichtung. Aquarell.

Wolfgang Krisai: Lichtung. Aquarell.

Sehr interessant, diese Biographie des in unseren Breiten vollkommen unbekannten Wilhelm Lehmann (1882 bis 1968).

Ich wollte sie haben, weil mich einerseits Lehrmann als Naturlyriker interessiert, andererseits dieser Mann auch ein Gymnasiallehrer war.

Was das Lehrer-Sein betrifft, so hat Lehmann es leider gehasst, obwohl er ein recht guter und bei den Schülern ziemlich beliebter Lehrer war. Den Zwiespalt zwischen Künstlertum und Brotberuf kenne ich in abgeschwächter Form (da ich ja kein hauptberuflicher Künstler geworden bin).

Lehmann litt auch unter seinen Beziehungen zu Frauen, die sich als schwierig gestalteten, zumal er ein Mensch war, der die Einsamkeit für sein Schaffen brauchte und es liebte, weite Spaziergänge in die Natur zu machen, allein.

Seine erste Frau war 15 Jahre älter als er, und die Ehe ging nicht lange gut. Sein Sohn aus dieser Ehe blieb ihm zeitlebens entfremdet.

Die zweite Frau spielte dann die Rolle der treu sorgenden Gattin, die nicht nur souverän den Haushalt in Schwung hält, sondern auch Sekretärin und Managerin ihres Künstlergatten ist und ihm trotzdem alle Freiheiten, die er braucht, gewährt. So konnte er schließlich allein Urlaub machen, sei es verkrochen in einem Klause in einem Holsteiner Dorf, sei es als Italienreisender. Zwei weitere Kinder gingen im Abstand von zehn Jahren aus dieser zweiten Ehe hervor, ein – renitenter – Sohn (der aber später eine patente Frau heiratete, mit der Lehmann gut auskam, und dem Vater schließlich einen Bundalow in Eckernförde baute) und eine ergebene Tochter namens Agathe.

Lehmanns Werk teilt sich in zwei Phasen: Die Frühphase mit den Romanen, die Spätphase mit den – ungleich berühmteren – Gedichtbänden.

Außerdem wurde Lehmann in den Vierziger- und Fünfzigerjahren ein gefragter Essayist und Vortragender, woraus eine Reihe von Essaybänden hervorging.

Scrase, David: Wilhelm Lehmann. Biographie. Wallstein-Verlag, Göttingen, 2011. 438 Seiten.

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