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Poznanski, Ursula: Cryptos

Bild: Wolfgang Krisai: Entwurf für ein Wandbild. Ölkreide. 1991.

Der neueste Jugendthriller von Ursula Poznanski heißt „Cryptos“. Auf dem Cover sieht man die Burg Hochosterwitz auf einem Stück herausgerissenem Erdboden in der Luft schweben – über einer bewölkten Berglandschaft.

Dystopische ferne Zukunft

Das Buch hat aber mit Hochosterwitz oder Burgen nichts zu tun. Vielmehr geht es um virtuelle Welten, die in einer dystopischen nicht allzu fernen Zukunft, in der der Klimawandel das Leben auf der Erde zu einer Hitzehölle gemacht hat, als Zufluchtsorte der Menschen dienen. Das erinnert mich sehr an Tad Williams’ „Otherland“, das hier Pate gestanden sein könnte.

Die Firma Mastermind bietet für die Menschen diese virtuellen Welten an, in die man gelangt, wenn man einen Spezialanzug anzieht, in eine „Kapsel“ steigt, sich diese schließt, der Anzug sich an allerlei Leitungen anschließt und der Benutzer nach wenigen Sekunden in der von ihm angesteuerten virtuellen Welt auftaucht und sich dort bewegen kann, als wäre er ein wirklicher Bewohner dieser Welt.

Quälender Realitätsstopp

Die Heldin und Ich-Erzählerin des Romans, Jana, ist Designerin solcher Welten und arbeitet in einem Mastermind-Designcenter. Sie hat drei unterschiedliche Welten entworfen, das idyllische Kerrybrook, die gefährliche Wildnis Macando und die Welt namens „Cretaceous“. Wird man in einer dieser Welten müde und schläft ein, erwacht man real in der Kapsel, die sich öffnet, und man muss einen sogenannten „Realitätsstopp“ einlegen – für viele eine quälende Zeit zwischen den Ausflügen ins Virtuelle. Sollte man in der virtuellen Welt getötet werden, bedeutet das hingegen nur, dass man aus dieser Welt für einige Zeit hinausfällt und sich eine andere virtuelle Welt aussuchen muss.

Virtuell niedergestochen und real gestorben

Zu Beginn des Romans passiert allerdings in Kerrybrook etwas Unvorhergesehenes: Eine Nutzerin wird niedergestochen und stirbt gleichzeitig real in ihrer Kapsel an einem Stromschlag. Mastermind-Sicherheitsbeamtin Olga will nun von Jana, dass sie herausfindet, was da passiert ist. Auch Sicherheitschef Lauritz, eine von allen gefürchtete Person, will das wissen.

Doch Jana kommt nicht dahinter, weder durch Untersuchung der virtuellen Welt „von außen“ noch von innen, wo sie wie eine Detektivin in Kerrybrook nach dem Mörder sucht.

Neben ihr sitzt im Designstudio der Designer Matisse, mit dem sich Jana angefreundet hat. Er will ihr helfen, genauso wie der attraktive, überaus selbstbewusste Designer Rick. 

Verschwörergruppe

Als die wahren Helfer erweisen sich aber bald die Mitglieder einer Verschwörergruppe, die sich in der verborgenen virtuellen Welt Cryptos treffen und gegen Mastermind arbeiten. Sie haben nämlich entdeckt, dass Mastermind nichts unternimmt, wenn etwa Kapsel-Stationen von Flutwellen überschwemmt werden und die in den Kapseln liegenden User ertrinken oder Kapseln Bränden zum Opfer fallen, usw.

Im Lauf des Romans stellt sich heraus, dass der Mastermind-Chef sogar vorhat, eine Milliarde Menschen zugrunde gehen zu lassen, um der Überbevölkerung der Erde ein Ende zu bereiten. Dieses geplante Massensterben wollen die Cryptos-Leute verhindern.

Originelle virtuelle Weltern

Die in mehreren virtuellen Welten und in der Realität spielende Handlung ist vielfältig, einfallsreich und spannend. Die virtuellen Welten sind recht originell gestaltet, auch wenn sie im Detailreichtum und Überzeugungskraft nicht an jene aus „Otherland“ heranreichen. 

Wie sich’s für ein Jugendbuch gehört, geht alles gut aus. 

Man darf nur nicht allzu genau nachfragen, wie die Realität tatsächlich organisiert ist, denn dann würde einem auffallen, dass die Informationen darüber, wie es technisch möglich ist, dass mehrere Milliarden Menschen praktisch permanent in virtuellen Welten leben, und wie das politisch organisiert ist, sehr dünn sind. Aber das ist ein Charakteristikum aller Bücher, in denen es um die Rettung der Welt geht: Die „Welt“ ist meist ein sehr unterkomplexes „Weltchen“. Na, macht nichts, der von der Spannung zum Weiterlesen getriebene Lesende wird sich solche Fragen nicht stellen.

Poznanski, Ursula: Cryptos. Thriller. Loewe-Verlag, Bindlach, 2020. 443 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Entwurf für ein Wandbild. Ölkreide. 1991.

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