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Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen

Wolfgang Krisai: Blick vom Biergarten am Dach des Yenidze in Dresden, Tuchestift, Buntstift; 2015.

In Dresden kaufte ich mir 2015 dieses schön gemachte Buch, in dem der Dresdner Uwe Tellkamp über seine Heimatstadt schreibt und zu dem der Dresdner Fotograf Werner Lieberknecht eine Menge Schwarzweißfotos beisteuerte.

Mühsam zu lesen

Das Buch hält aber leider nicht, was es auf den ersten Blick verspricht. Tellkamps Text ist – ganz im Gegensatz zu seinem wunderbar geschriebenen Roman „Der Turm“ – unsäglich mühsam zu lesen, und die Fotos sehen zwar gut aus, mehr als fast beliebige Impressionen aus Dresden sind sie aber auch nicht.

Was ist nun das Ärgerliche an Tellkamps Stil?

Er reiht und reiht und reiht Satzfetzen, fast wie Notizen und Stichwörter, aneinander, streut gelegentlich ein paar vollständige Sätze ein, und bald geht es wieder weiter in diesem Notizbuchstil. Oder es kommen gewaltige Satzmonster daher, ohne Rhythmus und Schwung, holprig, mit sperrigen Begriffen und nur Dresdnern geläufigen Bezeichnungen.

Ein beliebig herausgegriffenes Beispiel:

„Die Ostdeutschen hatten Hunger, kaum zu beängstigenden Freßgelagehunger nach Leben, nach Reisen. Sie wollten alles sehen, alles begreifen, alles nachholen, was sie versäumt hatten, alle Träume, und sofort, die in Hermann Haacks geographischen Atlanten eingesperrt gewesen waren. Ich hatte meinen Winkel auf dem Dachboden mit Landkarten tapeziert, dort hockte ich und reiste die schönsten Reisen der Welt, vor mir ein Lederkoffer, aus seinem Exil hinter den Tontöpfen gefischt, über und über bedeckt mit Hotelaufklebern in den musikalischen Farben der Belle Époque: Karl-May-Grün, das Ocker von Kairo, Wüstenblau, Weiß wie die Mauern der Souks, Indisch und Nanking-Gelb, Pompejanisch Rot, Amazonasfalter-Violett … Auf der Prager Straße lud ein Kran Container ab, Vorposten der Deutschen, Dresdner, Commerzbank. Begegnungen. Anna. Wir tanzen wie die Steptänzer, Fred Astaire ist gut, sehr gut sogar, dieser Kerl mit dem Heuschreckenleib und dem allzu bescheidenen Grinsen. Faunpalast, Parklichtspiele, Schauburg, der Fabelname eines längst geschlossenen Nickelodeons: Alabastra, Filmbühne Wölfnitz, die während einer Vorstellung abbrannte, die U. T.-Lichtspiele in der Waisenhausstraße, Dedrophon-Theater und Institut Kosmographia, Hansa-Lichtspiele … die Namen, die farbigen Traumschneisen, die die tschechischen und Ernemann-Projektoren ins erwartungsvolle Kinodunkel schlugen; Schwarzweißfilme im Hauptbahnhofkino, wo es orangefarbene Tapete gibt und eine Bommelmütze ein Heizungsleck abdichtet.“ (S. 97f)

Worum geht es inhaltlich?

Uwe Tellkamp präsentiert uns seine kunterbunt durcheinandergewürfelten Erinnerungen an das Dresden vor und kurz nach der Wende, die unverständlicher Weise „Erkundungen“ genannt werden. Er setzt dabei gewissermaßen voraus, dass wir seine engen Verwandten sind und daher ohnehin wissen, wie das so war, und uns daher mit ein paar andeutenden Stichwörtern zufriedener geben, als wenn er ausführlich schildern würde. Es tauchen alte Verwandte, Freunde, Lehrer, aber auch die Klavierlehrerin auf, daneben Dresdner Originale wie jene russische Matrone, die im Winter vor dem Heizhaus der russischen Kaserne stand. Die Mängelwirtschaft der letzten Jahre der DDR wird angedeutet, doch wirklich politisch wird das Buch zum Glück nie.

Durch die Andeutungstechnik ist es für den nun doch nicht mit Tellkamp verwandten Leser sehr schwer, in dem Wust den Durchblick zu behalten. Ich habe ihn jedenfalls verloren, weshalb mir weder das Figurenarsenal noch die Schauplätze, die ich von unserer kurzen Dresden-Reise zumindest oberflächlich kenne, lebendig geworden sind.

Tellkamp zuliebe und wegen der schönen Gestaltung des Buches – und aus Prinzip – biss ich mich bis zum Ende durch.

Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen. Mit Fotografien von Werner Liederknecht. Insel-Verlag, Berlin, 4. Auflage, 2011. 165 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Blick vom Biergarten am Dach des Yenidze in Dresden, Tuchestift, Buntstift; 2015.

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Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wolfgang Krisai: Portalschmuck am Kügelgen-Haus in Dresden. Tuschestift und Buntstift, 2015.Als Maler ist Wilhelm von Kügelgen (1802-1867) nicht allzu berühmt, aber seine Autobiographie ist bis heute lesenswert. Warum?

Kügelgen ist ein Meister der anekdotischen Schilderung von Kindheit und Jugend. Eine amüsante Episode reiht sich an die andere. Der Unterhaltungswert ergibt sich dabei weniger aus den geschilderten Geschehnissen, die nicht selten traurig oder gar tragisch sind, sondern vor allem aus der pointierten Sprache des Autors.

Kleine Kostprobe: „Als ein sehr unzulänglicher Ersatz für dieses Himmelskind [seine früh verstorbene ältere Schwester] ward ich am 20. November des Jahres 1802 in Petersburg geboren, und zwar zu Unzeit, indem ich dem Programme meiner Mutter um zwei Monate zuvorkam: ein Umstand, der auf meine spätere Entwicklung nur nachteilig influieren konnte.“ (S. 8)

Dabei bleibt er aber stets liebenswürdig und es liegt ihm fern, irgendjemanden zynisch an den Pranger zu stellen. Im Gegenteil, noch bei den seltsamsten Käuzen, die im Leben kennenzulernen ihm vergönnt war, sieht er das Gute und Positive.

In Dresden hängengeblieben

Wilhelms Vater Gerhard von Kügelgen verschlug es früh als Maler nach St. Petersburg, wo Wilhelm auch geboren wurde. Um seine Karriere zu fördern, beschließt die junge Familie jedoch, über Estland, woher die Mutter stammte, ins Rheinland zur Mutter des Vaters zu ziehen, um dort künstlerisch besser voranzukommen und später wieder nach St. Petersburg zurückzuziehen oder in Estland ein Landgut zu erwerben. Dazu kommt es allerdings nie. Die Familie strandet gewissermaßen in Dresden, der Vater etabliert sich dort nolens volens als Portraitmaler, obwohl er dieses Genre nicht liebt, und schiebt die Rückkehr in den Osten Jahr für Jahr hinaus. Schließlich kauft er im Dresdner Vorort Loschwitz einen Weinberg mit Sommerhaus – was ihm zum Verhängnis werden sollte.

Gesellschaftlicher Mittelpunkt der Frühromantik

Das Haus der Kügelgens in Dresden – heute als Kügelgen-Haus mit einem „Museum der deutschen Frühromantik“ ein wichtiger Teil des musealen Angebots der Stadt – wurde schnell zu einem Zentrum des gesellschaftlichen Lebens und der Kunstwelt der Stadt. Caspar David Friedrich etwa verkehrte dort, aber auch Goethe stellte sich ein. Eines Tages tauchte er unangemeldet bei Kügelgens auf, als der Vater gerade ausgegangen war, um vom Fenster aus unbemerkt den Einzug eines siegreichen Feldherrn anzusehen, doch noch bevor der vorbeiritt, platze eine zudringliche Verehrerin herein, die den Dichter am Fenster entdeckt hatte, und erging sich in Huldigungen, während derer Goethe jedoch unbemerkt entwischen konnte.

Kriegswirren

Der kriegerische Hintergrund färbt nicht nur diese Szene, sondern einen Großteil des Buches, fallen die geschilderten Jahre doch in die napoleonische Zeit, wo Dresden vom wechselnden Kriegsverlauf mitgenommen wurde. Der sächsische König war treuer Gefolgsmann Napoleons bis zu dessen Ende, was Sachsen insgesamt nicht gut tat. Wenn das Kriegsgetümmel der Stadt zu nahe rückte, suchte die Familie oder zumindest die Frau mit den Kindern in Ballenstedt bei Freunden Zuflucht, jener Stadt, in der Kügelgen seinen Lebensabend verbringen sollte.

Innere Turbulenzen

Als Napoleon von der Geschichte hinweggefegt war, machte sich unter den Studenten der Dresdner Kunstakademie eine Begeisterung fürs „Altdeutsche“ breit, die auch den Studenten Wilhelm erfasste, der nach langem Schwanken doch  in der Malerei seine Zukunft zu sehen glaubte. Dem Vater war diese Deutschtümelei mit Vollbart und mittelalterlicher Tracht gar nicht recht. Und der Sohn legte sie, nachdem der Mord des Studenten Sand an August von Kotzebue deutlich gemacht hatte, wozu deutschtümelnde Studenten fähig waren, von einem Tag auf den anderen wieder ab.

Ein junger Mann verliebt sich natürlich auch, in Kügelgens Fall war das die Liebe zu einer entfernten Verwandten, die im Hause Zuflucht gefunden hatte und dem jungen Mann vollkommen den Kopf verdrehte. Die Sache hatte keine Zukunft, das war klar, und die Rettung brachte der Vater, der den Sohn für einige Monate zu einem befreundeten Pastor schickte (einem dieser ausgeprägten Originale) und die junge Verwandte anderswo unterbrachte.

Donnerschlag

Kügelgens künstlerische Entwicklung wird im Zusammenhang mit der Ausbildung an der Akademie zu schildern begonnen. Ein umfassendes Bild vom Künstler Wilhelm von Kügelgen erhält man durch diese „Jugenderinnerungen“ allerdings nicht, denn sie brechen mit einem Donnerschlag plötzlich ab:

Auf dem Heimweg vom Sommerhaus in Loschwitz, wo er Frau und Kinder besucht hat, wird der Vater von einem Raubmörder umgebracht. Wilhelm, der in der Stadt geblieben ist und auf den Vater wartet, meldet die Abgängigkeit bei der Polizei, als er erfahren hat, dass der Vater noch am Abend von Loschwitz losmarschiert sei. Er beteiligt sich selbst an der Suchaktion und entdeckt die nackte Leiche des Vaters in einer Ackerfurche. Die letzten Sätze lauten:

„Über mich aber und die Meinigen ‚ging der Grimm des Höchsten, und seine Schrecken drückten uns, sie umgaben uns wie Wasser und umringten uns miteinander‘. Und hiermit mag ein Schleier auf mein weiteres Ergehen fallen.“ (S. 666)

Man hat den Eindruck, noch im Alter erschüttere die Erinnerung an das schreckliche Ende seines Vaters den Schreibenden so sehr, dass es ihm die Sprache verschlägt. Deshalb dieses abrupte Ende.

Es gibt zwar einen Fortsetzungsband, der aus Notizen und Briefen aus dem Nachlass zusammengestellt, aber bei weitem nicht so ein Lesegenuss sein soll wie die „Jugenderinnerungen“.

Ein sehr informatives Nachwort von Detlef Droese schließt den Band aus der „Manesse Bibliothek der Weltliteratur“ ab.

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Manesse-Verlag, Zürich, 1970. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 701 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Portalschmuck am Kügelgen-Haus in Dresden. Tuschestift und Buntstift, 2015.

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Andreas Friedrich (Text), Jörg Schöner (Fotos): Die Frauenkirche zu Dresden

Wolfgang Krisai: Die Frauenkirche in Dresden. Tuschestift, Buntstift, 2015.Die Dresdner Frauenkirche und ihr Wiederaufbau faszinieren mich, daher wollte ich während unseres Dresden-Aufenthalts im Sommer mehr darüber erfahren, als im DuMont Kunst-Reiseführer Sachsen steht. Zur Frauenkirche werden in Dresdner Buchhandlungen Bücher unterschiedlichsten Umfangs angeboten, und ich wählte ein mittleres, das Gebäude und Wiederaufbau ausführlich schildert, aber noch innerhalb relativ kurzer Zeit zu lesen ist. Daher schaffte ich die Lektüre auch noch während unserer Tage in Dresden, sodass ich die Frauenkirche zum Schluss noch einmal besichtigen und von der Lektüre dabei schon profitieren konnte.

Baugeschichte

In diesem Band wird schon die Baugeschichte unter der Leitung des Barockbaumeisters George Bähr genau beleuchtet, vor allem auch die ständigen finanziellen und politischen Schwierigkeiten, die zu immer neuen Abänderungen und Einsparungen während des Baus führten, die später zum Teil zu gefährlichen Bauschäden und daraus erwachsenden aufwändigen Renovierungen führten. Doch auch die Steinkuppel, das „Alleinstellungsmerkmal“ dieser Kirche, ist ein Resultat von Sparmaßnahmen, da – was mich überrascht hat – eine Holzkonstruktion mit Kupferverblechung teurer als die Steinversion gewesen wäre und daher fallen gelassen wurde. Allerdings muss Bähr bereits früh mit diesem Gedanken gespielt haben, weil er – entgegen den ursprünglichen Planungen – von Anfang an viel wuchtigere Fundamente legte, als für die Holzkonstruktion vonnöten gewesen wäre.

Auch die Sanierungsmaßnahmen, die sich als nötig erwiesen, werden genau geschildert. Noch wenige Jahre vor der Zerstörung im Jahr 1945 wurde der Bau grundlegend renoviert und das Fundament verstärkt, sodass man sogar beim Wiederaufbau dieses Fundament weiterverwenden konnte.

Bombenhagel und Brand

Vom britischen Bombenhagel am 13. und 14. Februar 1945 blieb die Kirche zwar verschont, allerdings fing sie im darauf folgenden Feuersturm Feuer, sodass die Steine so stark erhitzt wurden, dass sie Gewicht der Kuppel nicht mehr tragen konnten. Alles stürzte ein, bis auf einige wenige Teile der Außenwand und des Altarbereichs. Unter dem Schutt wurde das Altarrelief allerdings so gut konserviert, dass es beim Wiederaufbau verwendet werden konnte.

Zu DDR-Zeiten ließ man die Ruine stehen bzw. liegen, baute nur einen Zaun herum und erhielt so den Steinbestand zu einem großen Teil für die Nachwelt. Nur ein geringer Teil der Steine wurde für andere Zwecke entnommen.

Beispiellose Unterstützungskampagne

Gleich nach der Wende wurde der auch während der DDR-Zeit nie ganz begrabene Gedanke an einen Wiederaufbau wieder lebendig und es entwickelte sich eine beispiellose Kampagne für die Frauenkirche. Hauptanliegen war, das Geld für den ganz nach modernsten Gesichtspunkten durchzuführenden Wiederaufbau zusammenzubringen. Und da gab es so viele Initiativen, dass man den Kraftakt des Wiederaufbaus wagen konnte: Benefizkonzerte, Großspenden potenter Gönner, Sammelaktionen, Bildung von Unterstützervereinen, aber zum Beispiel auch Einzelinitiativen wie die eines Mannes, der jahrelang vor der Münchner Frauenkirche mit einer Spendenbüchse für die Dresdner Schwesterkirche sammelte.

Wiederaufbau

Bevor es losging, musste man eine grundsätzliche Entscheidung fällen: Sollte – wie es die moderne Philosophie des Denkmalschutzes eigentlich forderte – die Ruine lediglich vor weiterem Verfall bewahrt, aber in ihrem durch die Geschichte geformten Dasein akzeptiert werden, oder sollte die Kirche neu gebaut werden, was dem Betrachter ja nur vorgaukelt, er stehe vor einer barocken Kirche, während es sich eigentlich um ein Werk des 21. Jahrhunderts handelt? Dem offiziellen Verein, der inzwischen zur Koordination des Wiederaufbaus gegründet worden war, wurde schnell klar, dass all jene, die sich in selbstloser Weise für die Frauenkirche einsetzten, diese natürlich nicht als Ruine, sondern als benützbare Kirche sehen wollten, und daher fiel der Beschluss auch für den Wiederaufbau. Es sollte eine Kirche entstehen, die mehreren Zwecken dient: Sie sollte als Gotteshaus, als Konzertsaal, als Sehenswürdigkeit, als Museum (in der Krypta) und als Mahnmal dienen.

Sehr günstig für den Wiederaufbau war nun, dass für die vielen Renovierungen jeweils genaue Pläne und Zeichnungen bzw. Fotos angefertigt wurden, die wie durch ein Wunder im Keller der Kirche erhalten geblieben waren. Auf diesem Material konnte man aufbauen.

Steinpuzzle

Schon 1990 begannen die konkreten Planungen des Wiederaufbaus, für den ja zunächst einmal eine passende Vorgangsweise erfunden werden musste, da es vergleichbare Bauaufgaben bisher nicht gegeben hatte. Berühmt ist dann die genaue Bestandsaufnahme und Katalogisierung der noch vorhandenen Steine, die wie Teile eines Puzzles ihrem ehemaligen „Einbau-Ort“ zugeordnet werden mussten. Wo es sinnvoll möglich war, sollten die alten Steine ja in den neuen Bau integriert werden. Innerhalb von 17 Monaten wurden 22000 m3 Schutt abgetragen und wissenschaftlich ausgewertet (S. 91). Von 1995 bis 2005 wurde dann die Kirche wieder aufgebaut und mit Inneneinrichtung und Bemalung versehen. Man hielt sich, wo sie sich bewährt hatte, an Bährs Bauweise, verwendete aber besseren Sandstein und verstärkte die Kuppel mit einem hochmodernen „Stahlband“, sodass der Schub nach außen abgemildert ist. Unter dem Platz rund um die Kirche befinden sich moderne Zubauten, nämlich Technikräume und Künstlerzimmer, die für Konzerte gebraucht werden. Außerdem wurde als modernes Einsprengsel ein Lift eingebaut, damit die Touristen bequem zur Kuppel hinaufgelangen konnten, von wo dann der schon von Bähr stammende spiralförmig bis zur Laterne nach oben führende Umgang zwischen den beiden Schalen der Außenkuppel beginnt. Die Bestuhlung auf den Emporen ist etwas geräumiger als im Original und die Kirche ist modern klimatisiert.

Versöhnungszeichen

Als Zeichen der Aussöhnung zwischen den einstigen Feinden fertigte der Sohn eines der britischen Bomberpiloten das 4 Meter hohe goldene Kreuz, das samt dem Laternendach am 22. Juni 2004 von einem Kran an die Spitze der Kirche gesetzt wurde. Das alte Kreuz steht dafür so deformiert, wie es im Schutt gefunden wurde, im Inneren der Kirche.

Zu all diesen Informationen bietet das Buch auch viele sehr schöne und instruktive Bilder, sodass man wirklich aufs Angenehmste belehrt wird.

Es gibt auch eine englischsprachige Version des Buches.

Andreas Friedrich (Text), Jörg Schöner (Fotos): Die Frauenkirche zu Dresden. Geschichte und Wiederaufbau. Michel Sandstein Verlag, Dresden, 2. Aufl. 2006. 131 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Die Frauenkirche in Dresden. Tuschestift, Buntstift, 2015.

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Tellkamp, Uwe: Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café

Wolfgang Krisai: Sabina Hank und Band, Wien 2011. Bleistift.

Wolfgang Krisai: Sabina Hank und Band, Wien 2011. Bleistift.

Das Buch fand ich im Ramsch, das wunderschöne Titelblatt und natürlich der Autor veranlassten mit zum Kauf.

Nun las ich es. Was nicht so einfach ist, weil Tellkamp hier einen sehr schwierigen Stil pflegt. Aber warum auch nicht?

Oft ergeht er sich in ausführlichen Stimmungsbeschreibungen mit immer wieder frappierenden Formulierungen. Die Handlung ist dabei manchmal kaum wahrzunehmen, aber man bekommt sie doch mit:

Der Schauplatz ist das Hecht-Viertel in Dresden, genauer ein mehrstöckiges Wohnhaus und das portugiesische Café ganz in der Nähe. Zu Beginn zieht eine junge Frau, Sophie, neu ein und begegnet gleich Florian, der sich in sie stante pede verliebt, dies aber nicht zu zeigen wagt. Sophie ist Geigerin der Gruppe „Tango verde“, die häufig im Portugiesischen Café auftritt. Florian ist Angestellter des Antiquariats „Aquarium“.

Weitere wichtige Personen: Nora, die blinde Masseuse, von der sich Florian immer wieder massieren lässt. Dass zwischen den beiden eine Liebesbeziehung bestanden haben muss, bekommt man erst am Ende mit.

Daneben gibt es noch einen Maler, weitere Hausbewohner, die Kellnerin Tanja, den jungen Mann Johannes, der zum Schluss ein altes Flugzeug revitalisiert. Sophie will unbedingt einen Flug mit ihm wagen.

Da spitzt sich die Sache zu: Florian vergeht fast vor Liebe zu Sophie, die sich nun offenbar mit Johannes näher einlassen will (sonst würde sie nicht auf diesem Flugabenteuer bestehen), alle drängen ihn, ihr seine Liebe doch zu gestehen, doch sogar als Sophie selbst Schritte unternimmt, um sich ihm anzunähern, bleibt er reserviert. Daraufhin lässt sie jäh von ihm ab.

Letzte Szene: Johannes will mit Sophie fliegen, doch zum vereinbarten Zeitpunkt taucht diese nicht auf, also startet Johannes allein. Verspätet kommt Sophie gelaufen, ruft schon von Ferne verzweifelt etwas Unhörbares, aber Florian sieht an ihren Mundbewegungen, dass sie „Nora“ schreit.

Was ist da wohl geschehen? Man erfährt es nicht. Ich vermute Folgendes: Nora war tatsächlich die Freundin Florians, das Verhältnis scheint zwar etwas abgekühlt, aber im Grunde noch aufrecht zu sein. Da verliebt er sich in Sophie, Nora bekommt das mit und erkennt nun, dass sie Florian im Weg steht. Dieser, als edler Mensch, glaubt, einer Blinden nicht einfach den Laufpass geben zu können, zwingt sich also, seine Liebe zu Sophie nicht merken zu lassen, was nicht ganz gelingt, da es ihn ja gewaltig erwischt hat. Aber immerhin kann er sich so weit beherrschen, dass er nie seine Zuneigung ausspricht. Sophie hat schließlich genug davon und nähert sich Johannes an. Nora bekommt das nicht mit, sondern bringt sich um, weil sie Florians neuer Liebe nicht im Weg stehen will und verzweifelt ist. Sophie ist die Überbringerin der Schreckensnachricht.

Zum Glück habe ich erst nach der Lektüre im Internet nach Interpretationen geforscht – und, gleich vorweg gesagt – keine gefunden, die das Ende aufklären würde. Aber ich habe seltsame Vorgänge um das Buch erfahren:

Der Roman ist der Erstling Tellkamps und wurde 2000 kaum beachtet. Als nun Tellkamp 2008 den deutschen Buchpreis für „Der Turm“ bekam, wollte der Faber-Verlag mitnaschen und legte das Buch gegen den Willen Tellkamps neu auf. Wie man sieht, landete es aber bald im Ramsch.

Tellkamp protestierte öffentlich gegen diese Neuauflage, ohne zu sagen, warum er sie nicht wollte. Das Buch sei ihm heute „peinlich“. Warum? Ich halte es für einen passablen Erstling, für den man sich unter literarischer Perspektive nicht zu schämen braucht, auch wenn ein bissiger FAZ-Kritiker, dem nicht einmal der „Turm“ gefallen hat, es in der Luft zerrissen hat. Su vermutet, Tellkamp habe nicht-literarische Gründe, die Veröffentlichung abzulehnen. Vermutlich hat er einen Fall dargestellt, der ihm selbst passiert ist und der alte Geschichten aufrühren würde, über die er lieber Gras wachsen sehen würde. Vielleicht gab es wirklich eine Blinde, und er hat sie auf gut thomasmannisch im Roman sterben lassen, in Wirklichkeit sich aber schnöde von ihr getrennt? Und diese Frau ist nun böse auf ihn…

Wie auch immer. Das Buch ist eines der seltenen Beispiele, die ein offenes Ende haben, das einen wirklich ins Grübeln bringt. Eigentlich sollte man es gleich noch einmal lesen, nun detektivischer.

Tellkamp, Uwe: Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café.

Roman.

2. Auflage.

Faber & Faber, Leipzig 2009.

158 Seiten.

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