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Von und über Erasmus von Rotterdam

Wolfgang Krisai:Erasmus von Rotterdam nach Hans Holbein d. J., Aquarellstift, Tuschestift, 2017.

Erasmus von Rotterdam ist einem heutzutage ja in erster Linie geläufig, weil das Studenten-Austauschprogramm der EU nach ihm benannt ist (auch wenn ERASMUS strenggenommen eine Abkürzung ist, die wie zufällig den Namen des kosmopolitischen Gelehrten und, um mit Stefan Zweig zu sprechen, „ersten Europäers“ ergibt). Doch wer ist  die Person, die hinter diesem klingenden Namen steckt? Die Lektüre zweier Biographien und einiger Werke von Erasmus verschaffte mir ein Bild dieser erstaunlichen Persönlichkeit.

Ribhegges Biographie und Zweigs Lebensbild

Wilhelm Ribhegges Biographie gibt über die Lebensstationen, Leistungen und Werke des Erasmus genau Auskunft. Stefan Zweig hingegen, den man, wie es bei mir glücklicherweise der Fall war, erst nach einer faktenreichen Biographie lesen sollte, gibt eine wertende Zusammenschau und Charakteristik der Persönlichkeit Erasmus’. Beide Bücher ergänzen sich dadurch aufs beste.

Der Vater war Priester?

Geboren wurde Erasmus 1467 in Rotterdam, damals ein kleines Fischerdorf. Sein Vater war – ja, und da beginnen schon die Unklarheiten. Zweig behauptet noch gerade heraus, der Vater sei ein Priester gewesen. Bei Ribhegge klingt das schon anders: „Der Vater Gerhard […] sollte nach dem Wunsch seiner Familie Priester werden. Aus einer heimlichen Verbindung zwischen Gerhard und Margaret gingen Erasmus und sein älterer Bruder Pieter hervor. Zur beabsichtigten Heirat kam es nicht, weil sich Gerhards Familie dagegen sträubte. So jedenfalls hat es Erasmus selbst später dargestellt. Der Vater habe aus Protest gegen seine Familie Holland verlassen und sei nach Rom gegangen. […] Erst nachdem seine Familie ihm fälschlich von dem angeblichen Tod Margarets nach Rom berichtet habe, habe sich Gerhard aus Trauer um seinen Verlust entschlossen, Priester zu werden. Bei seiner späteren Rückkehr nach Holland habe er von dem Betrug seiner Familie an ihm erfahren.“ (S. 11)

Ins Kloster gezwungen

Erasmus lebte bei der Mutter, doch diese starb, als er noch ein Jugendlicher war, und sein Vater folgte ihr bald ins Grab. Nun bekamen die Burschen einen Vormund, der seinerseits nun alles daransetzte, die beiden in ein Kloster zu zwingen. Was bei beiden schließlich auch gelang.
Erasmus wurde Augustiner-Chorherr im Kloster Steyn bei Gouda. Aus innerer Berufung war er das nicht geworden. 1492 wurde er zum Priester geweiht. Dann durfte er zum Studium nach Paris ziehen, und er kehrte nie wieder in sein Kloster zurück, im Gegenteil, er kämpfte darum, von seinen Mönchsgelübden entbunden zu werden, was der Papst schließlich tatsächlich vollzog.

„Lob der Ehe“

Erasmus fühlte sich weder zum Mönch noch zum Priester berufen. Gegen das Mönchtum äußerte er sich später deutlich in verschiedenen Schriften. Kein Wunder, dass ein Mensch wie er auch ein „Lob der Ehe“ verfasste, auch wenn er selbst nie heiratete (er blieb ja, im Gegensatz zu Luther, katholisch) und dieses kleine Werk immer als eine bloße Argumentationsübung für den Schulgebrauch herunterspielte.

Der führende Humanist seiner Zeit

Berufen fühlte sich Erasmus hingegen zum Gelehrten, und deshalb studierte er die alten Sprachen mit größtem Eifer. Er wurde der führende Humanist des Zeitalters des Humanismus.
Seine Sprache war das Englisch der damaligen Zeit: Latein. Sämtliche seiner Werke und Briefe verfasste er in dieser Sprache, die er fließend sprach und schrieb. Ja, durch ihn, so Stefan Zweig, wurde Latein erst die universelle Gelehrtensprache, als die es einige Zeit die Wissenschaftler der ganzen westlichen Welt untereinander verband.

Kosmopolit

Da Erasmus sich vor allem in Gelehrtenkreisen oder unter Kirchenmännern bewegte, ermöglichte ihm das Latein eine grenzüberschreitende Lebensweise, fast die eines Kosmopoliten. Erasmus lebte zeitweise in Paris, wo er studierte, in Italien, wo er ihm anvertraute Studenten begleitete, in England, wo er mit Thomas Morus Freundschaft schloss und den späteren Heinrich VIII. persönlich kennenlernte, in Löwen, wo er an der Universität lehrte, und schließlich in Basel, wo er den ihm kongenialen Drucker Froben, den wichtigsten Wissenschaftsverleger seiner Zeit, fand, aus dessen Presse eine Vielzahl von Werken des Erasmus hervorging. Kurz vor seinem Lebensende verbrachte Erasmus noch einige Jahre in Freiburg im Breisgau, einer katholischen Stadt, in die er sich zurückzog, als in Basel der Bildersturm radikaler Protestanten das ruhige Leben eines katholischen Gelehrten unmöglich machte.

Ein neues Neues Testament

Was arbeitete dieser Gelehrte? Er brachte z. B. eine maßgebliche griechisch-lateinische Edition des Neuen Testaments heraus, mit seiner eigenen, die bis dahin kanonische Vulgata in manchem korrigierende Übersetzung. Diese Ausgabe benützte übrigens Luther für seine Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche.
Erasmus brachte auch zahlreiche Gesamtausgaben Antiker Autoren heraus, etwa der Werke und Briefe des Hl. Hieronymus oder des Komödiendichters Plautus.

Die „Torheit“ ist durchaus klug

Daneben gibt es eigene Werke, allen voran das bis heute bekannte „Lob der Torheit“. Das ist ein originelles Werk, in dem Erasmus einen Weg gefunden hat, die Schwächen und Fehler der Welt zu kritisieren, ohne Gefahr zu laufen, gleich persönlich angefeindet und verketzert zu werden. Er lässt nämlich die „Torheit“ (eine Allegorie, in der man sich Dummheit, Eingebildetheit, Selbstüberschätzung, Frechheit, Beschränktheit und ähnliche unerfreuliche Eigenschaften gut gemischt vorstellen darf) persönlich auftreten. Man darf nur nicht glauben, diese Person Torheit sei nun selbst eine Törin. Im Gegenteil, sie weiß sehr genau Bescheid über die Welt und über die Wirkung, die sie in dieser Welt hat. In ihren Augen ist dies natürlich eine positive Wirkung, ist sie doch von sich selbst und ihrer Wichtigkeit mehr als überzeugt. Diese Wirkung und Bedeutung zu beweisen ist ihr Anliegen im „Lob der Torheit“: Sie geht die verschiedenen Stände vom Armen bis zum Reichen, vom Handwerker bis zum König, vom Mönch bis zum Papst, genauso die verschiedenen Lebensalter vom Kind und Jugendlichen bis zum Greis oder die Einwohner verschiedener Länder durch. Alle machen nichts als Torheiten, und gerade deshalb leben sie gut und glücklich – wenn auch nicht verantwortungsvoll.
Es ist kein Wunder, dass sich diese Satire auf die Menschheit bis heute gehalten hat. Man glaubt, Erasmus habe vorausgeahnt, welchen Präsidenten die Amerikaner im Jahr 2016 wählen und welche Leute in anderen Ländern sich zu Diktatoren aufschwingen würden, und diese schon im Voraus, unter der damals üblichen Bezeichnung „König“, aufs genaueste porträtiert: „Sie glauben die Rolle eines Fürsten gut zu spielen, wenn sie ständig jagen, schmucke Pferde unterhalten, Ämter und Kommandostellen mit Vorteil verkaufen und täglich auf neue Wege sinnen, um die Bürger zu schröpfen und die Staatseinkünfte in die eigenen Tasche zu leiten, wobei sie allerdings um einen gerissenen Vorwand nicht verlegen sind, damit auch die gröbste Ungerechtigkeit noch unter dem Schein des Rechtes auftritt.“ (S. 85)

Eine Frau mit Büchern?

Originell sind die „Dialoge“ oder „Gespräche“, die Erasmus geschrieben hat, zum Beispiel jener zwischen einem Abt und einer gebildeten Frau, deren Privatbibliothek der Abt überhaupt nicht dem Stande einer Frau entsprechend findet. Geradezu eine Frühschrift der Frauenemanzipation.
Diese „Gespräche“ sind die witzigen, leichtgewichtigeren Gegenstücke zu Platons Dialogen.

Sehr überrascht hat mich der lebendige Briefstil des Erasmus, hatte ich mir doch trockene Gelehrtenprosa erwartet. Doch davon sind seine Briefe weit entfernt, auch wenn sie nicht immer ganz von konventionellen Elementen frei sind.

Zurückgezuckt

Stefan Zweig stellt dar, wie Erasmus einerseits zur wichtigsten Autorität in Europa aufstieg – das sein „Triumph“ – und als solche von allen Seiten um seine Expertise gebeten, von zahllosen Gelehrten und Mächtigen der Zeit besucht oder zumindest in eine Korrespondenz verwickelt wurde, wie er andererseits aber – das war seine „Tragik“ – aber den Schritt von der Gelehrtenstube in die religionspolitische Arena der Reformationszeit nicht gewagt hatte, sondern im entscheidenen Augenblick zurückgezuckt sei und geglaubt habe, er können mit Briefen aus der Ferne die verfeindeten Parteien zum Frieden bewegen. Mit Luther, dem Tatmenschen, konnte auf diese Weise kein Einvernehmen hergestellt werden. Erasmus wollte sich vornehm aus dem Streit der religiösen Parteien heraushalten, doch das war auf die Dauer nicht möglich. Obwohl er noch vor Luther „protestantische“ Ideen entwickelt hatte, wagte er den Schritt aus der katholischen Kirche heraus nicht, der er sich als Priester verpflichtet fühlte. Schließlich schrieb er, von vielen gedrängt, eine deutlich gegen Luther gerichtete Schrift: „Vom freien Willen“. Luther schlug mit der Keule seiner Sprachmacht zurück, um Erasmus nicht nur theologisch, sondern vor allem persönlich zu vernichten. Der Gegensatz konnte nicht mehr überbrückt werden.

1536, zehn Jahre vor Luther, starb Erasmus in Basel. Dort ist er im Dom begraben.

Wilhelm Ribhegge: Erasmus von Rotterdam. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010. Reihe: Gestalten der Neuzeit. 278 Seiten.

Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. Europäischer Buchklub, Stutgart u.a., 1950. 209 Seiten.

Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit. Encomium moriae. Übers. u. hg. von Anton J. Gail. Reclam, Stuttgart, 1980. RUB. 136 S.

Erasmus von Rotterdam: Encomium matrimonii / Lob der Ehe. Lat. / Dt. Übers., komm. u. hg. von Gernot Krapinger. Reclam, Stuttgart, 2015. RUB. 93 S.

Erasmus von Rotterdam: Briefe. Verdeutscht u. hg. v. Walther Köhler. Dieterich, Leipzig 1938. Sammlung Dieterich 2. XLIV, 577 S.

Erasmus von Rotterdam: Gespräche. Ausgew., übers. u. eingel. v. Hans Trog. Schwabe, Basel 1936. 159 S.

Bild: Wolfgang Krisai: Erasmus von Rotterdam nach Hans Holbein d. J., Aquarellstift, Tuschestift, 2017.

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