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Anton Čechov: Die Dame mit dem Hündchen

Wolfgang Krisai: Mädchen mit Hund in der Dordogne. Tuschestift, Buntstifte, 2014.

Ich kaufte mir die zweibändige gebundene Ausgabe von Anton Čechov: „Späte Erzählungen“ aus dem Diogenes-Verlag und las als erste Erzählung „Die Dame mit dem Hündchen“.

Eine junge Dame mit einem Spitz

Zu Anfang spielt diese Erzählung in Jalta unter Kurgästen. Dmitrij Dmitrievič Gurov ist schon zwei Wochen hier auf Kur, da tritt ein neuer Kurgast in Erscheinung: eine junge Dame, zehn Jahre jünger als Kurov, mit einem Hündchen, einem weißen Spitz.

Es dauert nicht lange, da bietet sich für Gurov die Gelegenheit, die Dame kennenzulernen. Sie sitzen nämlich zufällig an nebeneinanderliegenden Tischen auf der Terrasse eines Cafés. Der Hund bietet den Anknüpfungspunkt, und schnell ist man im Gespräch. Die Dame heißt Anna Sergeevna (eine Anspielung auf Anna Sergeevna Karenina) und wirkt wie jemand, der zum ersten Mal allein unterwegs ist. Irgendwie bemitleidenswert, denkt Gurov danach.

Ein erster Kuss, eine erste Nacht

Eine Woche später treffen sie einander wieder, gehen an die Anlegestelle des Dampfers, beobachten die aussteigenden Menschen und stehen immer noch dort, als auch die letzten Ankömmlinge sich entfernt haben. Da küsst Gurov Anna plötzlich leidenschaftlich. „Gehen wir zu Ihnen“, schlägt er vor (S. 296), und Anna lässt sich drauf ein. Nach dem diskret mit Schweigen übergangenen Geschehen im Hotelzimmer erzählt Anna von ihrem schlechten Gewissen. Sie fühle sich vom Bösen verführt. Und Gurov werde sie wohl bald nicht mehr achten, da sie ein leichtfertiges Wesen sei. „Ich bin eine schlechte, niedere Frau, ich verachte mich und denke nicht an Rechtfertigung. Ich habe nicht meinen Mann betrogen, sondern mich selbst. Und nicht erst heute, ich betrüge ihn schon seit langem. Mein Mann ist vielleicht ein ehrenwerter, guter Mensch, aber er ist doch ein Lakai! […] Leben, nur leben wollte ich! […] ich konnte mich nicht mehr beherrschen, etwas war mit mir geschehen, ich war nicht mehr zu halten, sagte zu meinem Mann, ich sei krank, und fuhr hierher …“, erklärt Anna (S. 298)

Noch in derselben Nacht fahren die beiden in einen Nachbarort, wo sie an der Küste sitzen und das Meer betrachten. Ab dieser Nacht treffen sie sich täglich.

Ein Brief vom Ehemann

Als ein Brief von Annas Mann kommt, er sei krank geworden, reist sie ab und verabschiedet sich von Gurov für immer. Sie kehrt in die Gouvernementsstadt S. zurück.

Auch Gurov kehrt nach Moskau zurück, doch die Erinnerung an Anna verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Schließlich fährt er nach S., macht Anna im Theater ausfindig, in einer versteckten Ecke küssen sie einander, doch Anna fleht ihn an, nach Moskau zurückzukehren. Sie werde zu ihm kommen.

Und so setzen sie ihre außereheliche Beziehung fort, indem Anna einmal im Monat unter einem Vorwand nach Moskau fährt und sie miteinander ein paar Stunden im Hotel „Slavjanskij Bazar“ (einem Nobelhotel am Roten Platz) verbringen.

Für Gurov ist klar: Er hat schon viele Beziehungen gehabt, aber noch nie geliebt. Doch nun liebt er zum ersten Mal wirklich:

Ein offenes Ende

„Anna Sergeevna und er liebten sich wie zwei einander sehr nahe, vertraute Menschen, wie Eheleute, wie zärtliche Freunde; ihnen schien, als habe das Schicksal sie füreinander bestimmt, unbegreiflich nur, weshalb er, wie auch sie, mit einem anderen Menschen verheiratet war […]. Danach berieten sie lange, sprachen darüber, wie sie es vermeiden könnten, sich zu verstecken, zu betrügen, in verschiedenen Städten zu leben, sich lange nicht zu sehen. […] und beiden war klar, dass es bis zum Ende noch sehr-sehr weit war und dass das Komplizierteste und Schwierigste eben erst begonnen hatte.“ (S. 314f)

So endet die Geschichte – etwas abrupt.

Interessant daran ist, dass hier die außereheliche Liebe der beiden als die wirkliche Liebe dargestellt wird und man als Leser den Ausgang des Geschehens selbst imaginieren muss. Gelingt es den beiden, ihre Liebe auszuleben? Stirbt vielleicht Annas Ehemann? Betrügt Dmitrijs Frau diesen vielleicht auch? Dann könnten sich Möglichkeiten auftun. Oder wird aus der Liebe doch nichts als ein sich totlaufendes Ritual? Oder fliegt die Sache auf und es kommt zu einem Duell, wo Dmitrij auf der Strecke bleibt?

Eine kongeniale Übersetzung

Die Erzählung ist kurz und flüssig geschrieben. Der Diogenes-Verlag preist in seiner Verlagschronik* die Übersetzung Peter Urbans als kongenial, der lakonischen, alltäglichen Sprache Čechovs angemessen. Für den Verlag steht die wissenschaftliche Transkiption des Namens gleichsam symbolisch für „zeitgemäß“ und „modern“, während die unter dem Namen Tschechow veröffentlichten Ausgaben veraltet seien. Angesichts solcher Überheblichkeit packt mich gleich eine gewisse Skepsis. Leider kann ich nicht überprüfen, welche der Übersetzungen, die ich habe, dem Original am ehesten entspricht.

Für die Diogenes-Ausgabe spricht aber deren umfangreicher Apparat mit Entstehungsgeschichte, Anmerkungen, Selbstzeugnissen, usw. Erfreulicher Weise wurde inzwischen das Problem mit der Betonung der russischen Namen behoben, das in meiner „Drei-Schwestern“-Ausgabe von 1974 noch besteht: In den Anmerkungen werden alle Namen etymologisch erklärt und die Betonung durch Akzente gekennzeichnet. Da erlebt man so seine Betonungs-Überraschungen.

Anton Čechov: Die Dame mit dem Hündchen. In: ders.: Die Dame mit dem Hündchen. Späte Erzählungen 1897-1903. Übersetzt und mit einem umfangreichen Anhang versehen von Peter Urban. Diogenes, Zürich, 2015. S. 291-315.

* Diogenes. Eine illustrierte Verlagschronik 1952 – 2002 mit Bibliographie. Aufgezeichnet von Daniel Kampa. Diogenes, Zürich, 2003.

Bild: Wolfgang Krisai: Mädchen mit Hund in der Dordogne. Tuschestift, Buntstifte, 2014.

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Das Haus mit dem Giebelzimmer

Wolfgang Krisai: Haus in Maria Enzersdorf. Tuschestift, Buntstift, 2013.Unter drei verschiedenen Titeln habe ich diese Erzählung zu Hause: „Das Haus mit dem Giebelzimmer“, „Das Haus mit dem Mansardendach“ und „Missjussj“.

Ein Maler, zwei Mädchen, ein Landgut

Es geht um einen Landschaftsmaler jüngeren Alters, der auf dem Landgut seines Freundes Belokurow im Gouvernement T. (Tver? Tula?) einen gemütlichen Sommer verbringt, großteils mit Faulenzen. Eines Tages entdeckt er auf einem langen Spaziergang ein nettes Gutshaus mit Giebelzimmer, dringt in den weitläufigen Garten ein und begegnet dort zwei Mädchen, die ihn erstaunt beobachten, aber gewähren lassen. Als er wieder zu Hause ist, fragt der Ich-Erzähler seinen Freund, wer die beiden wohl gewesen seien.

Bald darauf begegnet den beiden bei einem Spaziergang das ältere der beiden Mädchen, Lidija Woltschaninowa, die Belokurow kennt und aufs Gut einlädt. Aus dem darauf folgenden Besuch entwickelt sich im Lauf des Sommers ein regelmäßiger Kontakt des Malers mit den im Landgut wohnenden Damen. Neben Lidija, genannt Lida, sind es deren Mutter Jekaterina Pawlowna und ihre sechzehnjährige Schwester Shenja, die aus der Kindheit den Spitznamen Missjussj trägt (unklar, wie man das korrekt ausspricht).

Konträre Standpunkte

Lida ist eine tatkräftige junge Frau, die es als ihre Aufgabe ansieht, für die Bauern des Umlandes Gutes zu tun, indem sie Schulen und Apotheken fördert. Neben ihren dezidierten Ansichten duldet sie keine weiteren, daher gerät sie mit dem Maler immer wieder aneinander, der über die Wohlfahrt der Bevölkerung ganz andere, nämlich kommunistische Ansichten hat. Shenja hingegen ist still und sanft und verliebt sich allmählich in den jungen Künstler.

Gegen Ende der Erzählung kommt es zum Eklat, als dem Maler einmal die Geduld reißt und er ungewöhnlich heftig widerspricht, als Lida wieder einmal mahnt, man müsse doch Schulen und Apotheken fördern. Im Gegenteil, ruft er, gerade diese Art, die Bauern zu fördern, bewirke das Gegenteil, nämlich noch größere Abhängigkeit vom Grundherrn und noch härtere Arbeit. Auf lange Sicht müsse das System der ungleichen Besitzverhältnisse und Arbeitsverteilung über den Haufen geworfen werden. Wenn alle Menschen sich an der Arbeit, die zum Wohl aller getan werden muss, beteiligen, bleibe auch allen genug Freizeit, um sich zu bilden. Erst das werde zu wahrer Bildung führen und die Menschen glücklich machen.

Leidenschaftlicher Kuss

Als Lida beleidigt ist, zieht sich der Maler zurück und will nach Hause gehen, trifft im Garten aber auf Shenja, die ihn ein Stück begleitet. Es ist schon eine herbstlich kühle Nacht, und sie friert bald erbärmlich. Als ihr der Maler seinen Mantel umlegen will, übermannt es ihn und er küsst Shenja leidenschaftlich. Deren Reaktion ist zwar nicht ablehnend, sie gesteht dem Maler aber, dass sie zu Hause keine Geheimnisse voreinander hätten und sie daher sofort den Vorfall der Mutter und der Schwester berichten werde. Und sie fürchte, Lida werde die Sache nicht gutheißen…

Als Shenja weg ist, streift der Maler noch lange im Garten herum und starrt zu den Fenstern des Giebelzimmers, wo Shenja wohnt, hinauf.

Abgereist…

Als er am nächsten Nachmittag wiederkommt, trifft er nur Lida an, die einem Mädchen Unterricht gibt und ihm sagt, die beiden anderen seien abgereist und würden den Winter über wegbleiben. Ein Diener steckt dem Maler ein Briefchen Shenjas zu: „Ich habe alles meiner Schwester erzählt, und sie verlangt, daß ich mich von Ihnen trenne“, las ich. „Ich habe nicht die Kraft, sie durch meinen Ungehorsam zu kränken. Gott möge Ihnen Glück gewähren, verzeihen Sie mir. Wenn Sie wüßten, wie bitterlich ich und Mama weinen!“ (S. 271)

Ein Abschnitt, der Jahre später spielt, schließt die Erzählung. Der Maler hat zufällig Belorukow getroffen, den er nach den Woltschaninows fragt. Doch dieser weiß nicht viel, von Shenja gar nichts.

Der Maler denkt auch nach Jahren immer wieder an das Haus mit dem Giebelzimmer, „und aus irgendeinem Grunde glaube ich, daß man auch meiner gedankt, daß man auf mich wartet – und wir uns einst noch begegnen werden … Mißjussj, wo bist du?“ (S. 273)

Eine Liebe, die nicht gedeihen konnte

Das ist eine schöne, melancholische Erzählung über eine Liebe, die nicht gedeihen kann und doch nicht ganz stirbt. Die einem dann das ganze Leben lang nachhängt als verpasste Gelegenheit und als Versagen. Im Grunde waren es die politischen Differenzen und die mangelnde Toleranz den Andersdenkenden gegenüber, die diese Liebe zum Scheitern brachten. Durchaus lebensnah.

Anton Pawlowitsch Tschechow: Das Haus mit dem Giebelzimmer. In: A. Tsch.: Neue Meistererzählungen. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig, 1949. S. 246-273.

Bild: Wolfgang Krisai: Haus in Maria Enzersdorf. Tuschestift, Buntstift, 2013.

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Eduard von Keyserling: Beate und Mareile. Eine Schlossgeschichte

Wolfgang Krisai: Altes Schloss Laxenburg. 2015. Tuschestift, Buntstift.

Weder Beate noch Mareile ist die Hauptfigur dieser Erzählung, sondern Günther von Tarniff, ein junger baltischer Graf, der sich auf sein Landgut in Lettland zurückgezogen hat und dort ein ruhiges Leben mit seiner Frau Beate und seinen Kindern leben will. Abendgesellschaften, Schlittenfahrten, Jagden… damit vertreibt man sich in diesen Kreisen die Zeit. Die ältere Generation beobachtet die jüngere und misst sie an engstirnigen Maßstäben. Das ganze hat etwas vom Leben in einem winzigen Bergdorf, jeder kennt jeden, jeder überwacht jeden, niemand ist frei und glücklich.

Das spürt auch Günther, dessen Frau bieder und unzugänglich ist, sodass er sexuelle Entspannung bei der Bauerntochter Eve sucht und zunächst auch findet. Beate merkt nichts, bis sie eine ungewollt schwanger gewordene Dienstbotin ungnädig entlässt und diese ihr brieflich reinen Wein über ihren Gatten einschenkt.

Eine spannendere Frau

Dieser hat allerdings Eve schon hinter sich gelassen und sich einer spannenderen Frau genähert: der Verwalterstochter Mareile, die eine gefeierte Sängerin ist. Warum sie nun aber monatelang Zeit hat, sich in ihrem baltischen Heimatdorf aufzuhalten, habe ich entweder überlesen oder erfährt man nicht. Genug: Sie ist da, und alle Männer haben nur noch Augen für sie. Das geschieht schon zu Beginn der Erzählung, doch zu diesem Zeitpunkt lässt sie Günther noch nicht an sich heran, sondern heiratet den Kunstmaler Hans Berkow.

Dieser erweist sich aber als zu banale Gestalt, sie verlässt ihn und kehrt nach Lantin zurück in ihr Elternhaus.

Nun schlägt Günthers Stunde: Er reitet mit Mareile aus, sie kommen sich näher, und da es weit und breit keine bessere Partie gibt, muss es kommen, wie es kommt. In einem abgelegenen Gartenpavillon schlagen sie ihr Liebesnest auf – unbemerkt beobachtet von der zähneknirschend resignierenden Eve.

Unvorsichtig

Beate merkt lange nichts. Doch die Liebenden werden unvorsichtig, und eines Tages sieht Beate vom Fenster aus zuerst Mareile in den Wald verschwinden und dann Günther – und zieht ihre Schlüsse. Und fasst ihren Beschluss: Mareile muss weg. Sie stellt Günther vor die Wahl: entweder Mareile geht oder sie.

Günther, der zum radikalen Bruch mit seiner engelgleichen Gattin nicht bereit ist, trennt sich also von Mareile, die nach Berlin geht.

Einige Wochen später hält Günther es jedoch nicht mehr aus und fährt ihr nach. In Berlin wird die Liaison stürmisch erneuert. Bis es bei einer Abendgesellschaft zum Eklat kommt: Ein Adeliger verurteilt Günthers Verhalten in ziemlich eindeutigen Worten, weshalb dieser ihn zum Duell fordert.

Duell

Sekundanten. Morgenstunde. Wald. Man misst die Entfernung, die Duellanten treten einander gegenüber, ein Schuss: Günther ist getroffen, wenn auch nicht tödlich.

Nach langwieriger Genesung kehrt er als gebrochener Mann nach Hause zurück und wird von Beate mit Genugtuung empfangen. Eine sterbende Tante hatte ihr gesagt: „Sie kommen zurück“, man müsse nur lange genug warten können. Nun ist Günther wiedergekommen.

Letzte Szene: Mareile ist ebenfalls heimgekehrt, schreibt Günther einen Brief und lädt ihn zu einem Rendezvous im Gartenpavillon ein. Er gibt ihr eine abschlägige Antwort. An seiner Stelle taucht dort Eve auf, und die beiden Frauen reden übers Verlassenwerden. Eve habe sich in einem Waldtümpel ertränken wollen, es aber nicht geschafft. Und Mareile weiß: Auch sie könnte sich nicht umbringen. Schon gar nicht wegen eine Mannes vom Schloss dort oben. Als letzte Geste ballt sie die Faust in Richtung Schloss.

Ein Leben der Mittelmäßigkeit

Die Erzählung stellt dar, wie sich aus einem Leben der Mittelmäßigkeit einmal eine halbwegs starke Leidenschaft emporringt und schließlich wieder in die Mediokrität zurücksinkt. Günther von Tarniff – schon der Name signalisiert Schwäche und Durchschnittlichkeit. Ein Graf, nicht mehr ganz jung, auch noch nicht alt, der im Grunde nichts zu tun hat, weil er sich nicht ernsthaft um sein Landgut kümmern will – eigentlich eine schreckliche Metapher auf den „normalen Mann“, dessen Leben so dahindümpelt und höchstens einmal von einer Affäre aufgewühlt wird, aus der sich aber nichts Außergewöhnliches entwickelt, sondern die irgendwann in sich zusammenfällt.

Eduard von Keyserling: Beate und Mareile. Eine Schlossgeschichte. Nachwort von Uwe Timm. Zürich, Manesse, 2013. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 218 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Altes Schloss Laxenburg. 2015. Tuschestift, Buntstift.

 

 

 

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Jochen Jung: Wolkenherz

Wolfgang Krisai: Jochen Jung liest aus "Wolkenherz", Bleistiftskizze, 2012.

Wolfgang Krisai: Jochen Jung liest aus „Wolkenherz“, Bleistiftskizze, 2012.

Bei einer Lesung bei „Rund um die Burg“ vor zwei Jahren las Jochen Jung, der Chef des Jung & Jung-Verlags, aus der damals neu herausgekommen Erzählung „Wolkenherz“ den Anfang vor, und der machte mir große Lust auf das ganze Buch. Es dauerte nun einige Zeit, bis ich es tatsächlich kaufte und las.

Der Ich-Erzähler Jonathan kehrt anlässlich des Begräbnisses seiner Mutter wieder in die Gegend seiner Kindheit zurück, auf eine Nordsee-Insel. Da es zum Baden zu kühl ist und das für einen Trauergast überhaupt unpassend wäre, beobachtet er lieber die Wolken über dem Meer. Aber nicht nur. Denn es fällt ihm auch eine einzelne schneidige Schwimmerin (mit einer „prachtvollen Fülle grauen Haares“) auf, die sich ins Wasser traut, nach dem Schimmen aber fröstelnd zu ihm kommt und ihn fragt, wo er denn übernachte. Da Joachim noch kein Quartier bezogen hat, fordert sie ihn auf, bei ihr ein Zimmer zu nehmen. Sie wohne dort und dort, er müsse nur nach Johanna fragen. Es sei kostenlos, er müsse nur als Gegenleistung etwas über sich erzählen.

Dem Erzähler kommt das bedenklich vor, daher will er im Strandhotel Quartier beziehen, zieht dann dort aber doch nicht ein, sondern begibt sich ins Abenteuer des angeboteten Privatquartiers.

Dort ist er nicht mit der Besitzerin allein. Es gibt noch deren an den Rollstuhl gefesselte Mutter (Frau Jansen „aus Schwansen“), die eine ziemlich resolute, aber trotzdem gütige Person ist, eine Dauermitbewohnerin (Hanna), die am Strand einen kleinen Erfrischungskiosk betreibt, und einen altersschwachen Hund namens Plato.

Alle drei Frauen nähern sich nun – jede auf ihre Weise – dem männlichen Gast an. Am ehestens zum Ziel kommt noch die Kioskbesitzerin, aber auch nur, weil die Nacht einen turbulenten Verlauf nimmt. (Ich hoffe, ich rekonstruiere das jetzt halbwegs korrekt:)

Frau Jansen will von Jonathan zum Strandhotel gefahren werden, was dieser auch gern macht. Dort begegnen sie jenen drei Rowdys, die Jonathan schon im Zug hierher aufgefallen sind und vor denen er aus dem Zug geflüchtet ist. Die drei belästigen später Hanna, nehmen ihr Plato ab, den sie ausführt, sodass dieser Hund in eine Nervenkrise gestürzt wird, an der er am Ende der Erzählung stirbt. Jonathan macht sich bei den Rowdys unbeliebt, weil er Hanna beschützt. Daher wird er, als er spät nachts noch einmal allein an den Strand geht, von ihnen brutal niedergeschlagen. Zuvor aber lädt Hanna ihn quasi als Dank für die Rettung zu einem Schäferstündchen in ihren Kiosk ein, wo sie übrigens auch fast von den Rowdys ertappt worden wären.

Auch zwischen Hausherrin Johanna und Jonathan gibt es schwüle Momente.

Erzählt wird gemäß der Abmachung natürlich auch viel, was im Text so gelöst ist, dass einzelne Kapitel aus der Handlung herausspringen und in Form von Rückblicken oder Raisonnements etwas einbringen, das man sonst nicht erfahren würde. Sogar der Hund hat – aus dem Jenseits sprechend – sein Kapitel.

Im Endeffekt verlieren sich die erotischen Momente wieder und Jonathan kann, denkt man, wieder unbeschadet, aber um einige schöne Erinnerungen reicher, nach Hause fahren.

Warum heißt die Geschichte „Wolkenherz“? Das ist ein geradezu genialer Titel: Jonathan ist leidenschaftlicher Wolkenbeobachter, wobei ihn die Figuren, die man in den Wolken entdeckt, die sich aber schnell wieder auflösen, besonders faszinieren. Alle handelnden Personen heißen ähnlich, so wie die Wolken einander prinzipiell ähneln. Johanna hat prächtige grauen Haare, was auch die Farbe mancher Wolken ist.

Und sagt man nicht, ein Verliebter befände sich auf „Wolke 7“? Aber mit dem Verliebtsein ist es in der Geschichte wie mit den Wolken: Es entsteht und vergeht in einemfort. Das Herz verhält sich also wie die Wolken. Und das ist wunderbar getroffen.

Jochen Jung: Wolkenherz. Eine Geschichte. Haymon-Verlag, Innsbruck, 2012. 140 Seiten.

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