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Eduard von Keyserling: Schwüle Tage. Erzählungen

Wolfgang Krisai: Schloss Leesdorf, Baden bei Wien. Tuschestift, Buntstift, 2017.

Schwüle Tage

„Schwüle Tage“ ist die erste Erzählung in dem gleichnamigen Sammelband von längeren Erzählungen Eduard Graf von Keyserlings aus dem Manesse-Verlag.

Die Ich-Erzählung beginnt damit, dass Bill, der Erzähler, mit seinem Vater Gerd im Zug nach Fernow fährt, wo er sich den Sommer über auf das Abitur im zweiten Anlauf vorbereiten soll. Denn beim Haupttermin hat er gerade versagt.

Der Vater ist ein Herr alten Schlags, Gutsbesitzer, wortkarg, streng, immer auf „Tenue“ bedacht. So scheint es zumindest. Im Lauf der Erzählung blättert da allerdings gehörig der Lack ab.

Die Dienerschaft auf Fernow macht sich fast ein wenig lustig über Bills Situation; er befindet sich ja momentan genau zwischen Kind und Erwachsenem, und als „junger Graf“ hat er wohl einst mit den Bediensteten auf bestem Fuß gestanden und war fast ihresgleichen.

In der Nacht hört er vom Park her den melancholischen Gesang einer Bauerntochter, Margusch, der ihr Geliebter davongelaufen ist. Bill setzt sich zu ihr an den Schlossteich und merkt schnell, dass dieses einfache Mädchen einen erstaunlichen Scharfblick auf die Probleme der Herrschaft und der Menschen überhaupt hat.

Der Vater ermahnt am nächsten Morgen den Sohn, sich nicht mit Bauernmädchen einzulassen. Die Warnung ist beileibe nicht unbegründet, denn Bill ist, sobald sich die Gelegenheit ergibt, auf „Weibergeschichten“ aus, ohne allerdings je zum Ziel zu kommen. So etwa stöbert er gemeinsam mit einem Diener nach durchjagter Nacht zwei Mägde auf einem Heuboden auf und hätte am liebsten, dass sie sich ihm augenblicklich hingeben. Nur das Morgengrauen und die Pflicht der Mägde bewahrt diese vor weiteren Annäherungen.

Man hat das Gefühl, es sei für einen jungen baltischen Adeligen selbstverständlich, sich der Mädchen des Dorfs zu bedienen, wenn ihn die Lust anwandelt, und diese Mädchen finden das auch gar nicht unangenehm, sondern ebenfalls selbstverständlich.

Die verwandte Familie Bandag auf dem nahen Gut Warnow wird besucht. Dort gibt es neben einer steinalten Tante vor allem zwei muntere Töchter: Ellita, die ältere, und Gerda, die jüngere. Beide reizen Bills erotische Gelüste. Doch da er sich ungeschickt benimmt, kommt es zu keiner Annäherung, die über ein nächtliches Gespräch im Park hinausginge.

Einmal fühlt er sich ausgeschlossen und bleibt trotzig auf der Veranda, während die Gesellschaft sich drinnen zum Diner versammelt. Und da sieht er in der Nische des Fensters, durch das er hineinschaut, seinen Vater mit Ellita reden – und schlagartig wird ihm klar, dass die beiden ein Verhältnis haben. Doch nun soll Ellita mit dem jungen, geckenhaften Went verheiratet werden.

Ein paar Tage später sieht Bill zu Hause seinen Vater weinen. Er weint um Ellita.

Bei einem weiteren Besuch in Warnow klettert Bill auf einen Baum. Und ausgerechnet unter diesem Baum erscheinen nun Ellita und der Vater zu einem Abschiedsgespräch. Ellita sagt, sie hätte ohne weiteres das Verhältnis noch weitergeführt, aber Gerd habe es ja so wollen, dass sie den jungen Went heiraten solle.

Zu Hause kommt es zu einer Aussprache zwischen Vater und Sohn. Der Vater legt ihm nahe, nach dem Abitur Jurisprudenz zu studieren. Und dann am Haus seines Lebens vernünftig und vor allem stilvoll zu bauen. Man müsse wissen, wann das Haus fertig sei, betont er. Das Gespräch versandet dann aber in Belanglosigkeit.

Schließlich kommt es zur Abfahrt der gesamten Warnower Verwandtschaft. Bill und Gerd finden sich dazu am Bahnhof ein. Als der Zug abgefahren ist, gibt sich der bleiche Vater mit einer kleinen goldenen Spritze eine Injektion. Bill gegenüber sagt er, er brauche das gegen Migräne.

Als Bill wenige Tage später wieder einmal nachts in den Schlosspark geht, um dort Margusch zu treffen, entdecken die beiden den still an einem Baum sitzenden Vater. Als er auf Anreden nicht reagiert, stellen die beiden fest: Er ist tot. Die goldene Spritze liegt neben ihm.

Margusch sagt: „Ach Gottchen! der arme Herr, der hat nu auch nich’ mehr gewollt!“ (S. 84). Dann läuft sie ins Schloss, um Hilfe zu holen.

Der Sohn empfindet keine starke Trauer um den Vater. Der Doktor kommt und deutet dem Sohn an, dass der Vater Morphinist gewesen sei. Da wird Bill klar, was der Vater mit „Man muss wissen, wann das Haus fertig ist“ gemeint hat.

Nun ist er der Herr von Fernow. Dass er unbewusst sogleich beginnt, sein „Lebenshaus“ nach ästhetischen Gesichtspunkten zu bauen, merkt man im im letzten Absatz, wo er endlich ein paar Tränen um den Toten vergießt, vor den Augen des Dieners: „Es war gut, dass er mich weinen sah; denn ein Sohn, der nicht um seinen Vater weinen kann, ist häßlich.“ (S. 91)

An dieser Erzählung beeindruckt wie schon in anderen Werken Keyserlings die sich unvermittelt auftuende Doppelbödigkeit. Der zunächst so solide scheinende Vater wird als Mensch mit einem Doppelleben entlarvt; die scheinbar glückliche Braut Ellita trauert um den Verlust ihres Geliebten, usw. In der schwülen Sommeratmosphäre lässt sich die geheime Seite der Personen jedoch nicht mehr geheim halten, wodurch eben manches ans Licht kommt.

Für Keyserling ungewöhnlich ist die Form der Ich-Erzählung. Sie bietet hier aber die Möglichkeit, den naiven Erzähler erst nach und nach hinter die Geheimnisse seiner Verwandtschaft kommen zu lassen, was für den Leser ebenfalls Spannung erzeugt, nicht nur für den Helden selbst.

 

Bunte Herzen

Auf dem baltischen Landgut Kadullen nahe bei der russischen Grenze verbringen Graf Hamilkar von Wendl-Dux und seine Familie und Gäste den Sommer. Zu Gast ist ein Universitätsprofessor mit seiner Frau, der sich mit Träumen beschäftigt und mit dem Grafen über hohe Dinge philosophiert. Sonst gibt es noch eine Schar junger Leute, Mädchen wie Burschen, von denen drei in den Mittelpunkt treten: Hamilkars siebzehnjährige Tochter Billy, ihr Cousin Boris von Dangellô (ein Pole, der zu Gast ist) und ihr Cousin Moritz von Hohenlicht (Student). Die junge Französin Marion Bonnechose, Tochter einer Erzieherin und beste Freundin Billys, spielt eine wichtige Nebenrolle. Hamilkar ist Witwer, den Haushalt leitet seine Schwester, Komtesse Betty.

Was in so einer Situation klar ist und was der Graf auch kommen sieht: Unter den jungen Leuten entwickeln sich Beziehungen. Moritz ist still in Billy verliebt, Boris aber sozusagen „laut“, energisch. Mit seinen hohen, unbedingten Ansprüchen, die er auch an Billy stellt, fasziniert er das junge Mädchen. Alle wissen, dass sich hier ein „Roman“ anbahnt. Boris hält nichts von vorsichtigen Tändeleien und geht aufs Ganze: Er hält bei dem Grafen um die Hand von Billy an.

Der Graf weist ihn entschieden ab und fordert ihn auf, noch am Nachmittag abzureisen. Auch ein Gespräch Billys mit dem Vater fruchtet da nichts, denn dieser bleibt hart. Boris ist für ihn ein in seiner Verstiegenheit völlig unbrauchbarer Anwärter. Dieser sieht das nicht ein, reist zwar befehlsgemäß ab, schickt Billy jedoch ein Briefchen mit der Aufforderung, gegen Mitternacht bei einer markanten Linde am Rand des Schlossparks zu sein, damit sie mit ihm durchbrennen könne.

Billy findet sich tatsächlich dort ein, Boris erwartet sie, in der Nähe steht ein Wagen bereit, man fährt einige Stunden durch die verregnete Nacht, bis der Kutscher aufgehalten wird. Die Brücke, über die der Weg führe, sei einsturzgefährdet. Daher wird bei einer von einer jüdischen Familie betriebenen Spelunke Halt gemacht. Ein Freund von Boris, der ihm bei der Organisation der Flucht geholfen hat, findet sich sein und macht auf Billy einen dubiosen Eindruck. Ihre noch während der Kutschfahrt verliebte Stimmung sinkt von Minute zu Minute. Die jungen Männer spielen Karten und trinken Sekt.

Schließlich zieht Billy sich in ein Nebenzimmer zurück, wo sie sich auf ein Bett legt. Angst überkommt sie, es wird ihr klar, dass das Leben mit Boris nicht schön werden würde, sondern das alles irgendwie finster und bedrohlich ist.

Boris erscheint, betrunken, und sagt, das Beste wäre, miteinander Selbstmord zu begehen. Er habe ein Pistole dabei. Da wird Billy endgültig Angst und Bang. Nachdem sich Boris entfernt und in der Gaststube hingelegt hat, sein Freund nach Hause geritten ist und es im Haus still wird, nimmt Billy ihren Mantel und klettert aus dem Fenster. Nach Hause, nichts als nach Hause, ist ihr Wunsch. Wie ferngesteuert läuft sie durch den nächtlichen Regen, stundenlang. Als es endlich dämmert, erreicht sie ein kleines Dorf, wo sie sich beim erstbesten Haus erkundigt, wie weit es noch nach Kadullen sei. Ein alter Mann gibt ihr Auskunft: drei Stunden zu Fuß. Aber er kenne das Gut, verkaufe dort immer seinen Honig, und werde sie mit dem Pferdewagen hinbringen. Seine Tochter solle ihr trockene Kleider geben.

Diese Tochter er- und verkennt Billys Lage und glaubt, ein gefallenes Mädchen vor sich zu haben, dem es gehe, wie ihr selbst, die von einem treulosen Burschen geschwängert wurde. Sie redet wie eine Komplizin mit Billy und schimpft auf die Männer. Billy verteidigt den ihren halbherzig.

Im Schloss, wo Billy einen kurzen Abschiedsbrief hinterlassen hatte, herrscht inzwischen helle Aufregung. Junge Männer sind Billy suchen geritten. Da trifft sie ein, schleicht über die Hintertreppe in ihr Zimmer und will den ganzen Tag in Ruhe gelassen werden. Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer.

Erst am Abend erzählt Billy Marion alles. Was Billy nicht ahnt, ist, dass Boris’ Freund an den Grafen einen Brief geschrieben hat, in dem er mitteilt, Boris habe sich erschossen. Als Billy in der Abenddämmerung mit Moritz, den sie draußen zufällig trifft, redet, erfährt sie von ihm die Todesnachricht und bricht ohnmächtig zusammen.

Nach Wochen ist ihr Nervenzusammenbruch auskuriert und sie kann wieder in den Garten gehen.

Graf Hamilkar hat das alles ziemlich mitgenommen, immer wieder grübelt er über das Schicksal nach. Er fragt sich, ob diese ganze Geschichte, die sein Leben ist, überhaupt einen Sinn hat: „Bin ich eine Zahl in der großen Rechnung, so habe ich zwar einen Sinn, aber das Resultat unter dem Strich braucht mir deshalb noch lange nichts zu bedeuten.“ (S. 229) Über diesen Gedanken sinkt er plötzlich auf seiner Parkbank zur Seite und ist tot. „Drüben aber, unter dem Birnbaum, saß Billy, schaute mit fieberblanken Augen in die Abendsonne und lächelte noch immer ihr erwartungsvolles, verlangendes Lächeln.“ (S. 230) Damit endet die Erzählung.

Die Geschichte der gemeinsamen Flucht ist überaus spannend erzählt, das würde man bei Keyserling gar nicht vermuten. Die Erzählung lebt inhaltlich von dem Kontrast zwischen der „aufrechten“ Haltung Graf Hamilkars, der genau weiß, dass er Billy kurzfristig unglücklich machen muss, um ihr dauerndes Glück zu sichern, und der naiven Romantik Billys. Dass Hamilkars gute Absicht aber von der Verrücktheit des Liebespaars, das die Konventionen bricht und gemeinsam flieht, durchkreuzt wird, verursacht das eigentliche Unglück. Billy realisiert in ihrer Naivität gar nicht, dass sie sich gesellschaftlich unmöglich macht. Dass in der Liebe heutzutage nicht mehr alles so rund läuft, macht schon Billys wesentlich ältere Schwester Lisa deutlich, die als tragische Figur im Schloss herumgeistert, weil sie einen treulosen Griechen geheiratet hat, der sie wieder verlassen hat. Nun ist sie gesellschaftlich im Out und zu nichts mehr zu gebrauchen. Das nächste Opfer absurder Liebesvorstellungen ist nun Billy.

Dem Grafen wird aber bewusst, dass seine Welt der alten adeligen Konventionen auch nicht mehr trägt, daran stirbt er schließlich. Für Billy darf man hoffen: Vielleicht gibt es wirklich einen Weg für sie, auf dem sie glücklich wird.

Keyserling schrieb diese Geschichte 1909, während die folgende aus dem Jahr 1914 stammt.

Nicky

Diese Geschichte zeigt, dass Keyserling sich nicht in den Taumel der Kriegsbegeisterung von 1914 hineinreißen ließ. Er sieht schon 1914, dass der Krieg vor allem eine Sterben, ein sinnloses Sterben der Soldaten ist.

Zunächst scheint noch alles friedlich: Baron Oskar von Reichel schickt seine Frau Nicky wie jedes Jahr von der Stadt (vielleicht darf man sich München vorstellen) in ein Bergdorf auf Sommerfrische. Nicky ist irgendwie unbefriedigt von ihrem vorbildlichen Eheleben, das bisher kinderlos ist. Oskar leitet sie sanft, aber bestimmt, und sie hat keinerlei „eigenes“ Leben.

Auch im Bergdorf kennt sie alle Leute, die wie sie dort jedes Jahr auf Sommerfrische sind.

Dieses Jahr jedoch taucht ein neues Gesicht auf: der brasilianisch-deutsche Pianist Fanoni, berühmt, aber schwindsüchtig. Nicky kommt bei einem längeren Spaziergang zu einer Bank, von der aus sie Fanonis Klavierspiel, das aus dessen nahe gelegenen Häuschen tönt, zuhören kann. Sie ist davon so berührt, dass sie jeden Tag wiederkommt. Das bleibt dem Pianisten nicht verborgen. Bald kommt er aus dem Häuschen und verwickelt Nicky in ein tiefsinniges Gespräch, wie es noch nie jemand mit ihr geführt hat. Sie sieht sich in höhere Sphären gehoben und kann in den nächsten Tagen an nichts anderes mehr denken als an Fanoni.

Kurz darauf treffen sie auf einer Waldlichtung aufeinander und kommen in ein Gespräch, im Laufe dessen Fanoni ein Märchen erzählt: von einer Insel, auf der nur Puppen existierten, die wie Menschen aussehen, aber an einem unangenehmen Schnarren in der Stimme als Puppen zu erkennen sind. Es sind kalte, unangenehme Existenzen.

Sie treffen sich ab nun täglich, einmal gehen sie sogar in einen Nachbarort tanzen, doch das erweist sich als Fehler, da Fanoni einen schrecklichen Hustenanfall erleidet. Nicky fürchtet schon, er werde sterben. Doch er erholt sich wieder, und diese Stunde gemeinsam durchlebter Todesangst bindet die beiden noch mehr aneinander.

Am Wochenende kommt Oskar aus der Stadt und verkündet, die Armee sei in Alarmbereitschaft versetzt, auch er werde einrücken müssen. Er will auch, denn er müsse natürlich sein Vaterland verteidigen. Am nächsten Tag fährt Oskar wieder zurück, und Nicky hat ein schlechtes Gewissen, dass sie während seines Besuches mehr an Fanoni als an ihren Ehemann gedacht habe. Abends trifft sie Fanoni – und es kommt zu einem Kuss.

Wenig später wird der Krieg erklärt, Oskar kommt in Uniform zu Nicky, holt sie in die Stadt, damit sie bei seinem Abrücken ins Feld dabei sein könne. In der Stadt wird Nicky von der allgemeinen Kriegsbegeisterung ergriffen, doch eine Begegnung mit einem Mädchen, das rundheraus fragt, ob die vielen Soldaten alle sterben müssten, bringt einen Riss in die Begeisterung. Als sie dann gleich wieder in die Sommerfrische zurückfährt, sitzt sie mit einem heulenden Mädchen im Abteil, das verzweifelt ist, weil sein erst junges Eheglück vom Krieg zerstört wird.

Ins Dorf zurückgekehrt, bemerkt Nicky eine völlige Veränderung der Stimmung. Auf der abgelegenen Bank trifft sie sich mit Fanoni, der vom Krieg nichts hält. Nicky hingegen spricht zu ihm mit den gängigen Phrasen, und er wirft ihr vor, wie eine Puppe zu sprechen. Fanoni verabschiedet sich enttäuscht und geht. Nicky bleibt weinend zurück. Auf dem Heimweg begegnet ihr die Stallmagd Resei, die ihr prophezeit: „Die Männer sind alle fort; die kommen nicht wieder“ (S. 298).

Während die Geschichte zunächst um die unerfüllte Lebenssituation Nickys kreist, der die geheime Annäherung an Fanoni endlich eine nicht gekannte Würze gibt, wechselt das Thema dann zur Rolle der Frau angesichts des Krieges. Am Schluss steht eine gewisse Stärke und Entschlossenheit der Frauen, die zwar nicht selbst in den Krieg ziehen können, jetzt aber stark bleiben müssen.

Am Südhang

In dieser längsten Erzählung des Bandes steht ein junger Leutnant im Mittelpunkt, Karl Erdmann von West-Wallbaum, der kurz nach der Ernennung zum Leutnant auf das väterliche Landgut kommt, um dort den Sommer zu verbringen. Als „Hypothek“ hat er eine Duellforderung mitgebracht, der er im Lauf der Ferien stattgeben muss. Ein Referendar hat ihn irgendwie beleidigt, jetzt muss das mit der Waffe ausgehandelt werden.

Auf dem Landgut ist im Sommer, wie sich das so gehört, die ganze Familie von West-Wallbaum versammelt, Karls Bruder Otho, seine Schwester Oda samt Verlobtem Graf Ottomar von Lynck, sein jüngerer Bruder Leo, seine Mutter und sein Vater. Weiters gibt es einen Hauslehrer namens Aristides Dorn (der notorische Eiferer, wie sie in Keyserling-Geschichten vorkommen) und, als gesellschaftlichen Mittelpunkt: die geschiedene, aber hocherotische Frau Daniela von Bardow, deren Verwandtschafts- oder Bekanntschaftsverhältnis zur Familie nicht aufgeklärt wird, die aber schon seit Jahren zu den Sommergästen gehört. Alle Männer sind von ihr bezaubert, gegen einige benimmt sie sich kokett (insbesondere gegen Dorn), nur Karl gegenüber bleibt sie kühl schwesterlich, obwohl auch er in sie verliebt ist.

Auch in diesem Sommer ist es so, doch die Tatsache, dass Karl bei dem Duell, das sich ganz gegen seinen Willen herumgesprochen hat, erschossen werden könnte, berührt auch Daniela. Zuerst hält sie Karl auf Distanz. Als dieser jedoch sieht, dass ausgerechnet der Hauslehrer ihn bei Daniela ausstechen könnte (er gibt ihr täglich Griechischstunden), greift er zu einem drastischen Mittel: Er schreibt Daniela einen glühenden Liebesbrief.

Daniela will zwar nach außen hin von diesem Brief nicht Notiz nehmen (gelesen hat sie ihn natürlich trotzdem, gibt ihn aber wieder an den Absender zurück), als jedoch die letzte Nacht, die Karl vor dem Duell im Haus verbringen wird, anbricht, bestellt sie ihn diskret in eine versteckte Ecke des Gartens und gibt sich ihm dort hin. Aristides Dorn belauscht die beiden dabei…

Am nächsten Morgen brechen alle Männer zum Duell auf, das in einem entfernten Wald am übernächsten Morgen stattfinden soll. Unterwegs nehmen sie einen Arzt mit, der so eine Situation noch nie erlebt hat und vor Aufregung ganz gesprächig und philosophisch wird. Zu Gesprächen bieten die Wagenfahrt und der Abend genug Gelegenheit. Sogar vom Tod redet der indiskrete Arzt.

Dann das Duell: beide Kontrahenten verfehlen einander, vermutlich absichtlich, man versöhnt sich, alle, insbesondere der Arzt, sind erleichtert.

Als man am Abend wieder im Schloss ist und alle Frauen höchst erleichtert sind, Karl lebend zurück zu haben, hört man plötzlich vom Garten her einen Schuss. Aristides Dorn hat sich erschossen. Der alte Graf versteht überhaupt nicht, warum.

Daniela ist verstört und reist ab. Für immer. Karl Erdmann, der vielleicht auf eine Fortsetzung der Romanze gehofft hat, versteht, dass dies unter den gegebenen Umständen nicht möglich ist und fährt zu seinem Regiment zurück.

Eduard von Keyserling: Schwüle Tage. Erzählungen. Nachwort von Martin Mosebach. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse-Verlag, Zürich, 2005. 439 Seiten. Darin: 

Schwüle Tage, S. 5 – 91,

Bunte Herzen, S. 92-230,

Nicky, S. 231-299, 

Am Südhang, S. 300-422.

Bild: Wolfgang Krisai: Schloss Leesdorf, Baden bei Wien. Tuschestift, Buntstift, 2017.

 

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Erika Pluhar: Paar Weise

Wolfgang Krisai: Abendliches Gespräch. Zeichnung, ca. 2010.Von Erika Pluhar habe ich ja schon einiges gelesen, das mir gefallen hat. Nun stieß ich auf das Taschenbuch „Paar Weise“ mit „Erzählungen und Betrachtungen“. Und las es gleich, fast vollständig zumindest, denn die vorletzte Erzählung wollte mich nicht ansprechen und daher ließ ich sie aus.

Pluhar erzählt von alternden Menschen und ihren Beziehungen. Pluhars Paare allerdings sind nicht, wie der Titel vielleicht vermuten ließe, weise, sondern sie sind in Konflikten gefangen, mit denen sie sich halbwegs zu arrangieren wissen. Oder sie sind gar keine Paare (mehr), sondern einsame Menschen, die sich gerne paaren würden…

Ein kleiner Flirt

So zum Beispiel gleich in der ersten Geschichte, die in einem Schnellzug, der durchs malerische Rheintal fährt, spielt. Ein Herr, allein reisend, sitzt im Speisewagen, da wird eine Dame von einem plötzlichen Schlenker des Waggons zu ihm „hergeweht“, lässt sich von ihm an seinen Tisch einladen, und damit beginnt ein schöner, kleiner Flirt. Beide erlauben sich kleine Überschreitungen des konventionellen Sicherheitsabstands zwischen den Menschen, und das ergibt ein aufregendes Prickeln. Schließlich allerdings muss die Dame aussteigen, und sie tut es, obwohl der Herr sie aufgefordert hat, doch einfach sitzenzubleiben. So weit geht seine Anziehungskraft denn doch nicht, als dass ihm dieser Wunsch erfüllt würde.

Er übt und übt

Die dritte Geschichte, „Zadis“, erzählt, wie viele andere der Geschichten auch, von Künstlern: In diesem Fall einem Pianisten, der immer nur ganz in sich versunken übt und übt, seine Partnerin Zadis aber kaum wahrnimmt. Das ändert sich kaum, als sie ihm eröffnet, schwanger zu sein. Und ihn verlassen zu wollen.

Wo leben?

Interessant auch die Geschichte „Die Veranda“, die von einer im Rollstuhl sitzenden Schlaganfallpatientin erzählt, die sich dagegen zu wehren versucht, dass ihre Betreuerin, Frau Hausinger, über ihr Leben zu bestimmen versucht. Ohne dies in irgendeiner Weise böse zu meinen, ja, ohne es überhaupt zu bemerken. Einem Behinderten gegenüber verhält man sich als Betreuerin eben so. Man will, dass die Gelähmte zumindest ordentlich isst (was sie nicht gern tut) oder sich in der Gegend herumführen lässt. Doch Klara, die Gelähmte, sitzt am liebsten auf der Veranda. Der Schluss: „Manchmal bin ich hungrig, denkt Klara. Manchmal freue ich mich aufs Essen, und Frau Hausinger kocht sehr gut. Aber manchmal weiß ich nicht, wozu ich essen soll. So, wie ich manchmal nicht weiß, wozu ich leben soll.“ Genau das ist die leise Melancholie der Erzählungen dieses Bandes.

Eingestreut sind auch Gedichte, während ich von „Betrachtungen“ im Sinne nicht-erzählender Texte nichts bemerkt habe.

Beziehungsaquarium

Die letzten beiden Erzählungen sind die längsten. Wie gesagt, die vorletzte habe ich nach einigen Seiten überblättert, die letzte hingegen wieder gelesen. Sechs alternde Schauspieler, alle Absolventen derselben Schauspielschule, fahren miteinander im Zug am Meer entlang zu einem Drehort, wo eine Doku über die Schauspielschule gedreht werden soll. Sie haben einander lange nicht gesehen. Jetzt tauchen Erinnerungen an die Studentenzeit auf, gepaart mit trübsinnigen Gedanken über ihre nicht gerade gloriosen Karrieren. Das Zugsabteil als Beziehungsaquarium. Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt ohne rechten Anfang und Ende…

Schön geschriebene, melancholische Geschichten und Gedichte, gespeist aus dem unerschöpflichen Vorrat an Problemen, die menschliche Beziehungen und Beziehungswünsche bereithalten. So vieldeutig der Titel, so unterschiedlich die Konstellationen.

Erika Pluhar: Paar Weise. Geschichten und Betrachtungen zur Zweisamkeit. insel taschenbuch 4183. Berlin, Insel Verlag,  2012. 223 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Abendliches Gespräch. Tuschestift, ca. 2010.

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Eduard von Keyserling: Feiertagsgeschichten

Wolfgang Krisai: Christbaum. Buntstift, 2014.Der schmale Band besteht zu zwei Dritteln aus kurzen Erzählungen, die gut zur Einschätzung Eduard Graf von Keyserlings als einen der wenigen impressionistischen Autoren der deutschen Literatur passen; das letzte Drittel füllen Betrachtungen in essayistischer Form. Im Nachwort des Herausgebers Klaus Gräbner erfährt man, dass es sich durchwegs um Wiederentdeckungen handelt, die in den Wochenend- und Feiertagsbeilagen großer Zeitungen, nämlich der Neuen Freien Presse und des Berliner Blattes „Der Tag“ aus den Jahren 1905 bis 1916, erschienen sind.

Der vollkommene Diener

In den Geschichten erweist sich Keyserling als subtiler Humorist, der menschliche Schwächen mit leiser Ironie darstellt, während die Essays sich um ungewöhnliche Blickwinkel auf Phänomene wie die Liebe, den Hass, das Kranksein, aber auch den Komfort bemühen. Zum Komfort der damaligen Zeit gehörte ganz selbstverständlich die Dienerschaft, und der Autor raisonniert darüber nach, was einen Diener vollkommen mache: sein Bestreben, sich in seinen Herrn einzufühlen, sodass er ihm gewissermaßen die Wünsche von den Augen ablesen könne und diese auch sofort auf eine Weise erfülle, wie sie dem Herrn angenehm ist; dabei müsse der Diener bei aller Präsenz absolut unauffällig im Hintergrund agieren. Aus heutiger Sicht mutet es seltsam an, wie ein Berufsstand, der verschwunden ist, vor hundert Jahren noch als das Selbstverständlichste der Welt betrachtet wird.

Aber zu den Geschichten:

„Die sentimentale Forderung“

Da ist zum Beispiel „Die sentimentale Forderung“ (S. 25 – 32): Magdalene stellt ihren Gatten Botho zur Rede, weil er ein Verhältnis mit der Schauspielerin Ada hat. Sie will abreisen, ohne Botho, zu ihrer Mutter. Botho wundert sich scheinbar, dann setzt er seiner Frau auseinander, dass das bei Männern eben so sei: Man sei einerseits fest verheiratet und liebe seine Frau, brauche und habe daneben aber auch noch manches Verhältnis laufen, das sei eine „sentimentale Forderung“ des männlichen Gemüts, habe aber für die Ehe überhaupt nichts zu bedeuten. Das überzeugt Magdalene nicht, sie besteht auf der Trennung.

Botho ist ratlos, dann fällt ihm als Rettung nur Ada ein, an die er sich wendet und die die Sache in die Hand nimmt: Sie lässt sich bei Magdalene melden und erhebt kurzerhand die Forderung, diese solle ihr Botho abtreten. Das kommt für Magdalene aber nicht in Frage, obwohl sie sich eben noch von Botho trennen wollte. Magdalene macht Ada klar, dass Bothos Liebe zu ihr nur „eine sentimentale Forderung“ sei, aber keine ernstzunehmende Sache. Ada gibt sich enttäuscht und fährt ab. Draußen trifft sie Botho, der neugierig fragt, wie das Gespräch verlaufen sei. „‚Gehen Sie nur nach Hause. Man hat wieder ganz von Ihnen Besitz ergriffen. […] Nur eins, Kleiner, glaube ich, Sie werden es aufgeben müssen, sentimentale Forderungen zu stellen.‘“, sagt Ada dem verdatterten Botho und lässt ihn stehen.

„Geschlossene Weihnachtstüren“

Die nächste Geschichte, „Geschlossene Weihnachtstüren“ (S. 33 – 44), widmet sich auf ganz andere Weise dem Thema der halbherzigen Beziehungen: Der Dandy Helmar von Alderkaß unterhält erotisch angehauchte Beziehungen zu verschiedenen Damen. Einer von ihnen, Helene, will er nun zu Weihnachten ein kleines Geschenk vorbeibringen und mit ihr mit unverbindlicher Plauderei und gemütlichem Flirten den Weihnachtsabend verbringen, an dem ihm sonst mangels Familie etwas einsam zumute wäre. Doch als Alderkaß bei ihr vorspricht, eröffnet sie ihm, dass ihr Mann auf ihn eifersüchtig sei und sie ihn ihrer Ehe aufopfere, was sie auch für Alderkaß, der ihr vom hohen Wert des Opfers gesprochen habe, tue. Alderkaß muss gehen und verflucht sich für seine pathetischen Sprüche. Immerhin, da wäre eine andere, Verena, bei der er nun auftaucht, doch auch hier wird er überraschend abserviert, denn Verena hat sich für einen jungen Mann entschieden, der eine weniger unverbindliche Beziehung mit ihr anstrebt. Schließlich sucht Alderkaß Zuflucht bei einem einfachen Schankmädchen, das sich seiner sentimentalen Feiertagslaune sicher nicht verweigern wird. Wie viele trübe Tage hat er nicht schon in der Gaststube verbracht, mit „Nachdenken“, wie er Marie erzählt hat. Nun würde er gerne nicht nur nachdenken und bittet Marie zu sich an den Tisch. Doch diese stellt ihm Oskar vor, ihren neuen Verlobten, mit dem sie nun in dessen Familie den Weihnachtsabend verbringen werde.

Auch in den übrigen Geschichten geht es um fragile Beziehungen, um sich anbahnende Seitensprünge, die dann doch nicht geschehen, weil sich im letzten Augenblick etwas ereignet, das die Ehe wieder einrenkt.

„Verwundet“

Aus dem Rahmen fällt die Geschichte „Verwundet“ (S. 89 – 98), am 25. Dezember 1915 in der Neuen Freien Presse erschienen: Sie beschreibt eine Nacht eines angeschossenen deutschen Soldaten an der französischen Front. Mit letzter Kraft hat er sich aus der Feuerlinie unter einen Busch in Sicherheit gebracht. Dort liegt ein toter Franzose. Im Schutz der Dunkelheit schleicht dessen Verlobte heran, merkt, dass er tot ist, aber da noch ein lebender Deutscher liegt, der mit ihr ein Gespräch beginnt und sich gar nicht als ein unmenschlicher Franzosenfresser, sondern ein trauriger, schwacher, genauso „unschuldig“ in die Kriegsmaschinerie geratener Mensch erweist wie ihr toter Geliebter. Der Deutsche wird ohnmächtig. Am nächsten Morgen finden ihn seine Kameraden noch lebend, zugedeckt mit dem schwarzen Tuch der Französin…

Ich vermute, während des Zweiten Weltkriegs hätte eine Geschichte wie diese in keiner Tageszeitung erscheinen können, aber mitten im ersten Weltkrieg konnte eine solche Geschichte im wichtigsten Presseorgan der Monarchie veröffentlicht werden.

Keyserling und Wedekind – eine Anekdote

Das Nachwort wartet mit bisher unbekannten Informationen zum Autor auf. Keyserling müsse bereits 1906 und nicht wie allgemein angenommen 1908 erblindet sein (im Klappentext steht trotzdem 1908). Außerdem erzählt der Herausgeber einige nette Anekdoten über Keyserling, dessen Hässlichkeit legendär war (und von der man sich in Lovis Corinths berühmtem Portrait überzeugen kann), u. a. folgende:

„Einst stellte ihn Frank Wedekind vor die Alternative ‚Ich oder Halbe. – Wer Halbes Freund [ist], gilt mir als Feind‘ und zerriß ihn in der Luft. Keyserling lauschte diesem Redestrom ergeben und schwieg sich selber völlig aus, bis die Droschke dann vor seinem Hause hielt. ‚Hast du geschlafen?‘, fragte Wedekind. – ‚Nein, lieber Frank, wie stellst du dir das vor?‘ – ‚Wie ist es also, Keyserling? Entscheide dich, ich oder er?‘ Keyserling, der inzwischen mühselig ausgestiegen war, reichte dem stürmischen Frager ruhig die Hand: ‚Ich schätze es im Grund mehr, wenn man mich nich vor solche Alternativen stellt. Und Halbe hat es nich jetan. Sagen wir also: er! Und nun, mein lieber Frank: auf ewig lebe wohl.‘ Mit leisem Lächeln wendete er sich ab – er wußte ja, daß eine Ewigkeit in Schwabing ihre Grenzen hat. Wedekind rief wütend nach: ‚Ist mir sehr recht! Es ist immer eine Überwindung, mit Leuten zu verkehren, die so häßlich sind!‘ Keyserling erwiderte in ruhigem Ton: ‚Ich habe mir dich natürlich nach der – Schönheit ausjesucht.‘“ (S. 171f)

Eduard von Keyserling: Feiertagsgeschichten. Erzählungen und Betrachtungen. Hg. u. m. e. Nachw. vers. v. Klaus Gräbner. Steidl-Verlag, Göttingen 2008. 173 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Christbaum. Buntstift, 2014.

Ein Kommentar

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Carl Zuckmayer: Auf einem Weg im Frühling

Wolfgang Krisai: Innviertler Landschaft. Tuschestift, Buntstifte. 2011.

Wolfgang Krisai: Innviertler Landschaft. Tuschestift, Buntstifte. 2011.

Ich habe dieses schmale Bändchen sicher irgendwo auf einem Flohmarkt entdeckt. Und kürzlich entdeckte ich es beim Entlangstreifen an meinen Regalen wieder und las es in einem Zug.

Es enthält zwei kurze Erzählungen und elf ganzseitige Illustrationen. Es sind lavierte Rohrfederzeichnungen des Salzburger Malers und Zeichners Anton Steinhart (1889 – 1964), die außerordentlich schön sind in ihrer flotten, expressiven Art. Sie machen den eigentlichen Wert des Bandes aus, denn Zuckmayers Elaborate sind nicht gerade seine Meisterwerke.

In der ersten Erzählung geht’s ja noch halbwegs: Zuckmayer schildert einen Spaziergang mit seinen drei Hunden im Frühling in der Nähe von Henndorf. Und er freut sich des Frühlings, eines Säers, den er genau beobachtet, des Waldrands, wo er sich unter die Bäume legt. Und fast eindöst. Plötzlich knirscht es über ihm: Hunde und Herr wittern gespannt. Und bald knirscht und knarrt es wieder, und ein paar Meter neben ihnen kracht ein mächtiger Eichenast zu Boden. Gerade noch Glück gehabt!

Die zweite Erzählung ist die wie auch immer aufgezeichnete mündliche Spontangeschichte „Wiedersehen mit einer Stadt“. Gemeint ist Salzburg, aber Zuckmayer subsumiert darunter auch gleich die Umgebung, und erzählt hat er sie wohl irgendwann Ende der 60er-Jahre bei einer Lesung in Salzburg, wo er kein Manuskript dabei hatte und die Zuhörer lieber mit spontanen Einfällen erfreuen wollte. Seine Werke könnten sie ja ohnehin aus Büchern lesen. So was hab ich schon gern! Häufig – und so auch hier – ist nämlich das spontane Gerede der AutorInnen, das sie den Zuhörern dann servieren, wesentlich weniger begeisternd als die eigentlichen Werke. Zuckmayer schwadroniert denn auch in guter Alt-Männer-Stammtischmanier drauflos und erzählt halt, was ihm so einfällt. Also keine durchgehende Handlung, dafür Aufzählungen von Henndorfer Bauern, die er alle noch kenne, auch wenn sie teilweise schon verstorben seien, und zu deren Höfen er blind hinfinden würde. Begeisterte Sätze über die wunderschöne Stadt Salzburg, deren zwischen Zuckmayers Henndorfer Jahren und der jetzigen Lesung liegende finstere NS-Vergangenheit man doch ruhen lassen solle. Überhaupt, Salzburg: Da gehört eigentlich das Salzkammergut auch noch dazu, genauso wie Schärding, wohin überall der zünftige Autor einst zu Fuß gewandert ist, weshalb er alles noch so lebendig in Erinnerung hat. 

Also: Es mag ja für den einen oder anderen Zuhörer damals ein netter Abend mit Salzburg-Reminiszenzen gewesen sein, aber weshalb man das für die Nachwelt aufbewahren sollte, ist ein Rätsel. Immerhin, wenn dieses Rätsel der Anlass war, Anton Steinharts kraftvolle Zeichnungen zu veröffentlichen, dann sei es akzeptiert!

Carl Zuckmayer: Auf einem Weg im Frühling. Erzählung. Wiedersehen mit einer Stadt. Aus dem Stegreif erzählt. Mit 11 Zeichnungen von Anton Steinhart. dtv, München, 4. Aufl. 1986. Originalausgabe: Residenz-Verlag, Salzburg, 1970. 68 Seiten.

Natürlich ist das Bändchen längst vergriffen, aber im Internet kann man es sich antiquarisch um 1 Euro kaufen. Das ist es allemal wert.

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