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Petra Gust-Kazakos: Ganz weit weg

Wohl eines der teuersten Reise-Schreibzeuge: Wenzel Jamnitzer: Schreibzeug-Kästchen. Nürnberg, um 1560/70. KHM Wien, Kunstkammer.

Wohl eines der teuersten Reise-Schreibzeuge: Wenzel Jamnitzer: Schreibzeug-Kästchen. Nürnberg, um 1560/70. KHM Wien, Kunstkammer.

Petra Gust-Kazakos ist eine Literatur-Bloggerin (phileablog.wordpress.com), deren Blog ich seit längerer Zeit folge. Schon auf dessen Startseite sieht man, dass sie ein Buch publiziert hat, und zwar in Tobias Wimbauers Eisenhut-Verlag: „Ganz weit weg. Leselust und Reisefieber“. Inzwischen habe ich das Buch gekauft und mit Gewinn gelesen.

Petra macht sich in diesem 150-Seiten-Essay Gedanken über die Parallelen zwischen Lesen und Reisen. Zwischen diesen beiden angenehmen Seiten des Lebens lassen sich in der Tat viele Ähnlichkeiten feststellen. Einige Beispiele:

  • Bücher decken ähnliche Interessen ab wie Reisen: Unterhaltsame Lektüre – Strand- und Wellness-Urlaube; Abenteuerromane, Krimis, Thriller – Individualreisen und Safaris; Gesellschaftsromane – Kreuzfahrten; religiöse Literatur – Pilgerreisen; Kunstbände – Besuche von Kunstmuseen oder -messen (S. 10).
  • Die Reisen in der Kindheit (auf den Rücksitzen während unendlich langer Autofahrten vor sich hin träumend) haben manches gemeinsam mit kindlichen Lese-Erfahrungen.
  • Natürlich erweitern sowohl Reisen wie auch Lektüre das Bewusstsein.

Die Autorin geht auch ausführlich auf die Geschichte des Reisens und die Geschichte der Reiseliteratur von Pausanias bis Peter Handke ein. Aber auch auf ganz praktische Aspekte: Welche Lektüre nehme ich zum Beispiel am besten auf Reisen mit? Eventuell eBooks? (Nein, die lieber doch nicht.) Oder wo decke ich mich unterwegs mit Büchern ein, wenn der Lesestoff ausgeht?

Natürlich liest eine Bloggerin unterwegs nicht nur, sondern sie schreibt auch. Heute am Notebook. Früher hingegen, weiß sie zu berichten, führte man raffinierte Reisesekretäre oder zumindest Schreibschatullen mit allen nötigen Utensilien mit sich. Überhaupt: Reise-Acessoires. Da gab es Schrankkoffer, faltbare Stühle und Tische, ja sogar mobile Badewannen.

Es geht auch um die Frage, ob und wie man sich auf Reise oder Lektüre vorbereiten soll. Petra liebt modernen Komfort in Form angenehmer, kleiner Hotels gehobenen Standards, deren Existenz – übrigens erst seit dem 19. Jahrhundert – an sich schon die Gewähr ist, dass der Reisende nicht irgendwelchem Nächtigungsunbill ausgesetzt ist. Allerdings will auch ein Hotel gut gewählt sein. Auch das Reiseziel, die vorbereitende Lektüre. Und dennoch: Nicht alles kann und soll geplant ablaufen, auch das spontane Herumflanieren gehört zum Reisen.

Wir erfahren einiges über Petras Lieblingshotels, ihre Städte-Vorlieben oder ihre Souvenir-Käufe. Sie liebt – sehr passend – Souvenirs in Form von Lesezeichen.

Ein interessanter Abschnitt befasst sich auch mit dem „Zuhause“. Petras Zuhause befindet sich in Karlsruhe, daher erfahren wir auch, was diese Stadt an Schönem zu bieten hat. Man könnte ja statt zu reisen auch daheim Urlaub machen: „Staycation“ heißt das. Wunderbares Wort.

All das und noch viel mehr wird in elegantem Plauderton vor der Leserin oder dem Leser ausgebreitet, wir flanieren gewissermaßen durch „Leselust und Reisefieber“.

Petra Gust-Kazakos: Ganz weit weg. Leselust und Reisefieber.Eisenhut-Verlag, Hagen-Berchum, 2010. Bibliotope, Band 2. 152 Seiten.

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Achleitner: Die Plotteggs kommen

Wolfgang Krisai: "Waldwiese". Rätselfrage: Was fehlt in diesem Bild? Die Antwort ergibt sich aus nachfolgendem Eintrag!

Wolfgang Krisai: „Waldwiese“. Wasservermalbare Ölkreide, 2004. Rätselfrage: Was fehlt in diesem Bild? Die Antwort ergibt sich aus nachfolgendem Eintrag!

Bei der Wiener Buchmesse „Buch Wien“ Ende November 2013 ackerte ich mich vier Tage lang durch das Buch- und Lesungsangebot der österreichischen Verlagswelt. Am Stand des Verlags Sonderzahl entdeckte ich ein unscheinbares, dünnes Büchlein mit dem kryptischen Titel „Die Ploteggs kommen“. Hätte es nicht Friedrich Achleitner geschrieben, hätte ich es vielleicht nicht weiter beachtet. Achleitner ist ja ein scharfer Beobachter der kleinen Seltsamkeiten des Alltags, zum Beispiel in der Wiener U-Bahn. Oder im heimatlichen Innviertel. Außerdem ein profunder Kenner der modernen Architektur Österreichs.

In diesem Bändchen nun lernt man ihn auch als Genießer des ruralen Österreich kennen, dem – wie jedem Wanderer und Spaziergänger in Österreich – natürlich jene seltsamen riesenhaften Plastikballen nicht entgangen sind, die sich im Schutz von Waldrändern oder Hecken verschämt bis unverschämt auf den Wiesen breit machen.

Wer es noch nicht wusste, weiß es nach der Lektüre dieses Buches: Das sind die „Plotteggs“. Man ist schon versucht, den Namen als „von einer außerirdischen Verschwörerbande gelegte Rieseneier“ zu interpretieren, doch dann stellt sich heraus: Achleitner benannte sie schlicht nach seinem Freund Manfred Wolff-Plottegg, dem er genauere Kenntnisse über die wahre Natur dieser Fremdkörper verdankt. Es sind mittels einer technischen Apparatur, die an einen Traktor gekoppelt ist, hergestellte Heuballen, deren luftdichte Plastikhülle im Inneren einen Gärungsprozess ermöglicht, der aus Gras lange haltbares, für Tiere offenbar irgendwie genießbares „Silofutter“ macht, weshalb die dicken weißen oder grünlichen Kugeln auch „Silagen“ heißen.

Achleitner gewinnt dem Phänomen allerlei kuriose Aspekte ab, die zum Teil ins Surrealistische hinübergleiten. Etwa, wenn von den Gefahren der Plottegg-Explosionen die Rede ist, die ganze Landstriche verwüsten können. Auch die Frage, wie sich der Spaziergänger, dessen erholungssuchender Blick lieber biedermeierliche Idyllen als agrarische Verunstaltungen sehen will, mit den Plotteggs auseinandersetzt, beschäftigt ihn. Natürlich erfährt man auch so nebenbei, wie diese Dinger gemacht werden.

Den Abschluss bildet ein P.S.: In Graz sei Achleitner 1992 vor dem Künstlerhaus auf einige Plotteggs gestoßen, diese aber „provozierten in der Nacht bei den Passanten die wildesten Einfälle: Einige wurden auf die Fahrbahn gerollt, andere aufgeschnitten und angezündet oder in die Mur geworfen. Obwohl sich, wie man den sehr objektiven Polizeiberichten entnehmen kann, die Plotteggs völlig passiv verhielten, lösten sie die größten Aggressionen aus. Ja gerade ihre geballte Passivität, ihre stumme Anwesenheit, hatte die Aktionen der Grazer provoziert“ (Seite 45).

Friedrich Achleitner: Die Plotteggs kommen. Sonderzahl-Verlag, Wien, 3. Auflage 2013. 47 Seiten. Mit Fotos.

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Peter Handke: Versuch über den Pilznarren

Wolfgang Krisai: Pilze. Tuschestift.

Wolfgang Krisai: Pilze. Tuschestift.

Ein neuer Versuch von Handke? Jüngst habe ich bei einem Flohmarkt einen Sammelband mit den ersten drei Versuchen (… Müdigkeit, … Jukebox, … geglückten Tag) erstanden, die ich allesamt schon längst gelesen habe, und vor einigen Wochen oder Monaten den vierten, jenen über den „Stillen Ort“ gelesen, da passt nun dieser fünfte (und angeblich letzte) Versuch gut in die Reihe.

Ein „Versuch über den Pilznarren“? Das muss ich natürlich lesen, stamme ich doch aus einer Familie, wo diese Spezies vorkommt, und zwar in ihrer wissenschaftlichen Ausprägung.

Gestern hörte ich mir im Büchermarkt-Podcast eine Sendung über diesen neuesten „Versuch“ an, die mir zusätzlich Lust auf die Lektüre machte. Ich borgte mir also das Exemplar der Schulbibliothek aus und las gleich einmal die Hälfte, also die ersten hundert Seiten (locker bedruckt, also keine besondere Leseleistung). Heute kaufte ich mir das Buch selbst und las nun in meiner eigenen Ausgabe den Rest.

Durch den Podcast war ich schon vorinformiert, und das war wohl gut so: Handke schreibt hier über einen „Freund“, der ein fanatischer Pilzsammler ist, eben jenen „Pilznarren“. Aber diesen Freund gibt es in Wirklichkeit nicht, es ist Handke selbst, der sich hier nach außen projiziert. Das bestätigt er übrigens in dem äußerst lesenswerten Interview mit Klaus Nüchtern aus dem „Falter“ vom Dezember 2012:

„Ich schreibe einen letzten „Versuch“, den „Versuch über den Pilznarren“. Ich erzähle so, als ob es jemand anderer wäre – von einem Freund, der durch diese Leidenschaft verschollen geht.“

Der Freund

Also: Handke gibt vor, einen gleichaltrigen Kindheitsfreund aus seinem Geburtsort Griffen zu haben, der schon als Kind, um zu Geld zu kommen, auf die Idee verfallen ist, Pfifferlinge, also Eierschwammerl (die im ganzen Buch seltsamer Weise nie so genannt werden, sondern mit allerlei Umschreibungen bezeichnet sind – ist in Kärnten der Begriff „Eierschwammerl“ nicht geläufig? Heißen sie dort „Rehlein“?) zu sammeln und am Ortsrand an eine Pilzsammelstelle, die von einer balkanischen Flüchtlingsfamilie betrieben wird, zu verkaufen.

Was kauft sich der Bub für die paar Schilling, die er für die Schwammerl bekommt? Klar: Bücher! Sachbücher.

Dennoch wird er später „nur“ Jurist, während der Ich-Erzähler Handke zwar Jus studiert, dann aber Schriftsteller wird (dem entsprechend hat Handke als Bub auch keine Sachbücher, sondern literarische Bücher gekauft).

Der Fund

Der Jurist schlägt eine Anwaltslaufbahn ein, die er erfolgreich vorantreibt, er heiratet eine Frau aus dem Nachbardorf. Als diese hochschwanger ist, will der Freund sich mit ihr in der Stadt zum Essen treffen und geht durch ein stadtnahes Waldstück, wo er plötzlich seinen ersten Steinpilz, noch dazu  ein Prachtexemplar, entdeckt. Diese für einen Pilznarren epochale Begegnung nimmt denn im Versuch auch breiten Raum ein. Der Pilz wird irgendwie aus dem Erdreich praktiziert, wie eine Naturmonstranz durch die Stadt getragen, im Restaurant der Frau enthüllt (die gar nicht so hingerissen ist wie der italienische Kellner), vom Kellner fachmännisch in hauchdünne Scheibchen geschnitten und von allen dreien dann aufs Gourmetmäßigste verzehrt. Diese Steinpilz-Entdeckung weckt beim Juristen die inzwischen eingeschlafene Pilz-Leidenschaft, die nun immer mehr sein Leben zu bestimmen droht.

Auch andere Pilzarten kommen zu Ehren, etwa die Stinkmorchel, aber auch der Parasol (dessen gewaltige Hüte in der Nachkriegszeit als Schnitzel-Ersatz paniert wurden), und weitere, unter denen ich mir als Nicht-Pilzkenner weniger vorstellen kann.

Steigerungsformen einer Leidenschaft

Die Pilzleidenschaft des Juristen steigert sich allmählich. Er geht in den Wald hinaus, im Anzug, aktenbepackt, und schreibt seine Plädoyers auf einer versteckten Lichtung, zu Füßen ein Häufchen zuvor gesammelte Pilze. Er entwickelt einen Sammelinstinkt, der auch an den unwahrscheinlichsten Plätzen noch zu Funden führt, in der Wüste, im tiefsten Winter, im Zentrum der Großstadt… Er vernachlässigt seine Frau und seine Tochter, die ihn schließlich verlassen. Er nimmt an Mykologenkongressen teil, bei denen er vor allem die bereitwillig erzählten Sammleranekdoten liebt, während er der wissenschaftlichen Seite dieser Veranstaltungen weniger abgewinnen kann. Schließlich wirft er seinen Job hin, um sich ganz seiner Pilzsammelei zu widmen, obwohl er die angehäuften Pilze gar nicht verwerten kann und sie ihm im Keller haufenweise verschimmeln. Eines Winters verschwindet der Pilznarr im Wald und kehrt nicht wieder.

Auferstehung

Nein, das doch nicht. Das wäre ein zu tristes Ende. Handke lässt ihn also nach einem geschlagenen Jahr wieder auftauchen, quartiert den Narren bei sich ein, durchstreift mit ihm die Gegend irgendwo nordöstlich von Paris (wohl Marquemont im Vexin, wo Handke das Buch zum Teil geschrieben hat) und speist zum Abschluss des Textes in einer „Auberge du Saint Graal“, einem kleinen Landgasthaus. Hier stellt sich, von Handke herbeigerufen, auch die Gattin des Juristen ein, und es gibt ein versöhnliches Wiedersehen. Und sogar eine vierte Person gesellt sich hinzu. Nur – wer? Der Ausruf „O Jugend!“ könnte bedeuten: die Allegorie der Jugend, wie bei Ferdinand Raimund. Oder ist es Parzival, oder Amfortas? Des Grals wegen? (Schon vorher wird ja das Pilzsammeln als das letzte Abenteuer, man könnte sagen, als die letzte mögliche „Aventiure“ gepriesen. Dass die Aventiuren schließlich zum Gral führen, passt da gut.)

„Aber ist das am Ende nicht zu viel des Märchens? Mag sein: Im Märchen wurde er geheilt. In der Wirklichkeit aber…“ (S. 216). … lässt sich die Pilzleidenschaft des Autors Peter Handke wohl nicht „heilen“, auch nicht dadurch, dass er sie sich von der Seele schreibt. Handke wird also seine Gesprächspartner wohl weiterhin mit beiläufig aus Sakkotaschen hervorgekramten Pilzen überraschen.

Märchenversuchsportraitbiographie

Was ist das nun für ein Text? Ein „Märchen“? Ein „Essay“, also „Versuch“? Ein „Portrait“? Eine „Biographie“? Eine Mischform aus allen vieren. Ein „Versuch“ ist es jedenfalls am wenigsten, wenn man darunter eine „kürzere Abhandlung … in … geistreicher Form“ (Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur)  versteht. Eher schon ist es ein Portrait, eigentlich Selbstportrait, denn es wird ja praktisch nichts anderes als diese Person des Pilznarren behandelt. Andere Aspekte der Pilzsammlerei (Wissenschaft, Pilzkundliches, Fragen des Artenschutzes, etc.) kommen nur andeutungsweise, wenn der Pilznarr konkret damit zu tun hat, zur Sprache. Am häufigsten natürlich, da der Narr ja vorwiegend ein Sammler von Speisepilzen ist, das Zubereiten und Essen von Pilzgerichten. Da darf man sich allerdings nicht erwarten, dass Rezepte eingestreut seien, sondern es wird eben gelegentlich ein Pilzgericht gegessen.

Stilistisch ist es ein interessanter Text. Handke schreibt, wie man sprechen könnte, mit Einwürfen und Selbstunterbrechungen:

„Und jetzt, in der ganz neuen, in, wie sagt man?, „unserer“ Zeit häufen sich anscheinend die Erzählwerke, worin die Pilze eher ihrer Rolle in den Phantasmagorien der Allgemeinheit nachkommen, entweder als Mordwerkzeuge oder als Mittel zur, wie sagt man?, „Bewußtseinserweiterung“. Nichts von dem allen, weder der Pilzjäger als Held, noch als der Träumer vom vollkommenen Mord, noch als der Vorläufer eines anderen Ich-Bewußtseins, soll in dem „Versuch über den Pilznarren“ erzählt werden. Oder, in Ansätzen, vielleicht doch? So oder so: Eine Geschichte wie die seinige, wie die sich ereignet hat, und wie ich sie, zeitweise aus nächster Nähe, miterlebt habe, ist jedenfalls noch keinmal aufgeschrieben worden.“ (S. 13f)

Wer also etwas Neues über Pilzsammler lesen will: Das!

Peter Handke: Versuch über den Pilznarren. Eine Geschichte für sich. Suhrkamp, Berlin 2013. 216 Seiten. Fadengeheftet.

Links:

Büchermarkt des Deutschlandfunks vom 26. 9. 2013

“Ich kann nicht realistisch über Frauen schreiben”, von Klaus Nüchtern, Falter 49/12.

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Thomas Mann über „Anna Karenina“

Wolfgang Krisai: Strand bei Giens. Ölkreide. 2001.

Wolfgang Krisai: Strand bei Giens. Ölkreide. 2001.

Nachdem ich „Anna Karenina“ gelesen hatte, fiel mir ein, dass ich ja Thomas Manns Äußerungen über Tolstoi und insbesondere dieses Werk lesen könnte. Thomas Mann schrieb, wie ich feststellte, einen eigenen kleinen Essay über „Anna Karenina“.

Zunächst schildert er darin sich selbst, wie er in einem Strandkorb an der Ost- oder Nordsee sitzt, die Brandung beobachtet und dabei das gewaltige Heranrauschen des Meeres als Gleichnis für den Roman sieht: „Das Element der Epik mit seiner rollenden Weite, seinem Hauch von Anfänglichkeit und Lebenswürze, seinem breit anrauschenden Rhythmus, seiner beschäftigenden Monotonie – wie gleicht es dem Meere, wie gleicht ihm das Meer!“ Und in Tolstoi sieht TM den Roman zu höchster Größe gewachsen, wobei er „Anna Karenina“ noch über „Krieg und Frieden“ stellt. AK sei der bedeutendste Gesellschaftsroman der Weltliteratur.

TM erzählt eine nette Anekdote, wie Tolstoi den Anfang des Romans gefunden habe: als er nämlich seinem Sohn die „Erzählungen Belkins“ von Puschkin aus der Hand nahm und darin den Satz fand: „Die Gäste versammelten sich im Landhause“. So müsse ein Roman beginnen, habe er gesagt, sich hingesetzt und zu schreiben begonnen.

TM bespricht dann ausführlicher, wie schwer Tolstoi das Schreiben des Romans wurde – obwohl man es dem Werk überhaupt nicht anmerkt. Denn Tolstoi hatte in dieser Periode – 1873-78 – mit einer völligen Umwälzung seiner Weltanschauung zu kämpfen, die dazu führte, dass er die Kunst, seine eigene natürlich gleich mit, in Grund und Boden verdammte und nur noch als Mittel, moralische Ansprüche zu popularisieren, gelten ließ. Doch der Künstler in Tolstoi, meint TM, habe über den Moralapostel und Weltverbesserer Tolstoi immer wieder gesiegt, sodass der Autor gewissermaßen gegen sich selbst geschrieben habe.

Konstantin Lewin sei – statt Anna, die Tolstoi offensichtlich geliebt habe – die eigentliche Hauptfigur, das Sprachrohr des Autors, der sehr viele biographische Details, vor allem aber seine ganze Weltanschauung vom Autor aufgeladen bekommen habe. Nur dessen künstlerische Seite nicht. Das ist mir erst beim Lesen des Essays bewusst geworden, ein wie unkünstlerischer Mensch Lewin ist – bei aller Sympathie, die man für ihn empfindet, eine erstaunliche Tatsache. Lewin ist der Raisonneur – aber ins Russische gewendet. Er nimmt mit seinen tiefschürfenden Gedanken sich, seine Welt und seine Zeitgenossen auseinander, unterzieht sie einer radikalen Kritik, so radikal, dass am Schluss sogar Tolstois Verleger kalte Füße bekam und den achten Teil nicht mehr veröffentlichen wollte (im Erstdruck in der Zeitschrift „Russischer Bote“). Für Lewin und Tolstoi lässt sich das „richtige Leben“ nur in einer asketischen, kunst- und vernunftfeindlichen Lebenshaltung finden. TM hält dagegen, dass man im 20. Jahrhundert, das zum Teil völlig dem Irrweg des Anti-Rationalismus verfallen sei, erkennen müsse, dass Vernunft und Glaube nicht zu trennen sind, und dass die Kunst nicht ein verdammenswerter Luxus, sondern „das schönste, strengste, heiterste und frömmste Symbol alles übervernünftig menschlichen Strebens nach dem Guten, nach Wahrheit und nach Vollendung“ sei.

Der Essay ist natürlich ein Genuss zum Lesen, da er wie alle Werke TMs überaus geschliffen und treffend formuliert ist. Macht Lust auf weitere Essays, zum Beispiel jenen großen Vortrag über „Goethe und Tolstoi“.

Thomas Mann: „Anna Karenina“. In: T.M.: Leiden und Größe der Meister. S. Fischer Verlag, Frankfurt 1982, S. 945-963. (Gesammelte Werke in Einzelausgaben, herausgegeben von Peter de Mendelssohn.)

Oder in: T. M.: Essays. Hg. v. Michael Mann. Band 1: Literatur. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1977, S. 182-196.

In der „Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe“ noch nicht erschienen.

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Handke: Versuch über den Stillen Ort

Handke wurde am 6. Dezember 2012 siebzig. Anlässlich dessen bringt das Theatermuseum eine Ausstellung, was wiederum ich zum Anlass nehme, mit der 7B ein Handke-Projekt zu machen, aus dessen Anlass ich nun meine Handke-Kenntnisse updaten will. Ich habe ja schon jahrelang nichts mehr von ihm gelesen.

Vor Kurzem machte ich einen ersten Versuch mit „Immer noch Sturm“, einem undefinierbar zwischen Prosa und Drama angesiedelten Text, der bei den Salzburger Festspielen aufgeführt und über den grünen Klee gelobt wurde. Jochen Jung empfahl mir das Stück. Es erwies sich aber als elendslangweilig, sodass ich nach einem Drittel aufgab.

Nun kaufte ich mir den „Versuch über den Stillen Ort“, nachdem ich eine positive Besprechung im „Büchermarkt“-Podcast gehört hatte. Und las ihn vor ein paar Tagen in einem Zug durch. Dank der großen Schrift war das problemlos möglich.

Handke raisonniert über die Rolle, die stille Orte (zum Beispiel die „Glasglocke“, in die sich ein lesender Internatsschüler verkapselt) oder eben „Stille Orte“, also Toiletten, in seinem Leben gespielt haben. Die Toiletten sind ja auch mögliche Ort der Abkapselung. Ich befürchtete, er werde nun unzählige Toiletten-Erinnerungen ins Spiel bringen, wurde aber angenehm enttäuscht, denn es werden nur wenige behandelt, und die auf vergleichsweise appetitliche Weise. Während von dem ländlichen Holz-Abort noch kräftige Gerüche ausgehen, erinnert die Tanzenberger Internatstoilette stark an die antiquierten Mehrpersonen-Bedürfnisanstalten in Kremsmünster, und die Toilette an der Uni in Klagenfurt dient dem ziemlich mittellosen Studenten als Haar-Waschraum – aber nicht nur ihm, sondern auch einem seiner Professoren und einem wunderlichen anderen Outcast.

So werden die Toiletten also in abwechslungsreicher Weise dargestellt, sodass das Büchlein sich gut in die Reihe der „Versuche“ Handkes einreiht.

Peter Handke: Versuch über den Stillen Ort. Suhrkamp, 2012.

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