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Grillparzer: Die Ahnfrau

Wolfgang Krisai: Gemäuer. Deckfarbe. Als Demonstrationsbild für gemalte Strukturen für die Schule angefertigt, ca. 1995.Grillparzer wird unterschätzt, und die Ahnfrau erst recht. Weil man sich nicht vorstellen kann, dass Menschen unter solch einem Fluch des Schicksals stehen, wie es in diesem Stück der Fall ist. Dabei ist das überhaupt nicht abwegig, sondern vielmehr ganz realistisch, obwohl die Thematik hier in das Gewand einer dramatisierten Gothic Novel gekleidet ist. Das passt übrigens ausgezeichnet, denn die Stimmung, die hinter der Gothic-Bewegung zu stehen scheint, ist ja genau so düster, wie es zu einem unentrinnbaren Schicksal passt. Was kann das unentrinnbare Schicksal sein? Eine Veranlagung, die einen zwangsläufig unglücklich machen muss. Anderssein. Ein Outsider zu sein.

Ein alter Fluch

Grillparzer hat das Thema in eine Familiengeschichte eingekleidet: Die Familie derer von Borotin steht unter einem Fluch, seit vor vielen Jahren eine Ahnin ihren Mann mit einem Dolch – der noch immer in der Halle des alten Schlosses, in der der die ersten vier Aufzüge spielen, hängt – erstochen hat, eines Liebhabers wegen. Seither sterben die Mitglieder der Familie reihenweise eines unnatürlichen Todes, und die Mörderin von einst geht so lange als Geist durchs Schloss, bis auch der Letzte der Familie tot ist. Zu Beginn der Stücks leben nur noch zwei Familienmitglieder: der alte Graf Zdenko von Borotin und seine Tochter Bertha.

Diese ist gerade von einem edlen jungen Mann aus den Händen einer Räuberbande gerettet und ins Schloss gebracht worden. Bertha hat sich natürlich in ihren Retter Knall und Fall verliebt, und auch dieser ist nicht abgeneigt. Der Vater, der insgeheim hofft, dem Familienfluch ein Schnippchen zu schlagen, gibt die Tochter gerne dem mutigen Manne als Verlobte. Doch da kommt ein Trupp Bewaffneter unter Führung eines Hauptmanns, die den Auftrag haben, die Gegend endgültig von allen Räubern zu säubern. Sie quartieren sich im Schloss ein und gehen sofort auf Räuberjagd in der unmittelbaren Umgebung. Jaromir – so heißt Berthas neuer Verlobter – schläft schon. Oder doch nicht. Denn Bertha trifft ihn angekleidet und verletzt im Schlafzimmer an. Er war aus dem Fenster geklettert, hatte einen Zweikampf, konnte sich wieder ins Schlafzimmer retten. Als dann aber einer aus des Hauptmanns Truppe kommt und Bertha fragt, ob sie einen Mann kenne, der diese Schärpe trage, von der er im Zweikampf einen Teil abgerissen habe, denn das sei einer der Räuber, erkennt Bertha, was für einer Jaromir wirklich ist. Doch dieser beschwört sie, an ihn zu glauben. Er habe dem Räuberdasein abgeschworen, wolle mit ihr in die Niederlande flüchten und dort auf einem Schlösschen als ehrlicher Mensch leben. Bertha lässt sich überzeugen, denn sie liebt ihn. Jaromir nimmt den alten, rostigen Dolch der Ahnfrau an sich und stürzt davon.

Graf Zdenko hat sich verpflichtet gefühlt, selbst bei der Räuberjagd mitzuwirken. Nun hört man ihn einen Todesschrei ausstoßen. Und wirklich: Er wird schwer verwundet hereingetragen. In einem Geheimgang des Schlosses hat er einen Räuber gestellt und ist von diesem schwer verwundet worden. Dem Zuseher ist klar: Das war Jaromir.

Da kommt einer der Räuber, Boleslav, der gefangen genommen wurde und unbedingt etwas zu beichten hat: Einst hatte er den dreijährigen Sohn des Grafen als Geisel genommen, die Räuberbande wollte den Buben töten, doch Boleslav hatte Mitleid und zog ihn als seinen Sohn auf. Es war Jaromir. Als der Graf dies erfährt, stirbt er. Bertha verzweifelt und verliert den Verstand.

Der letzte Akt spielt vor der Schlossmauer. Jaromir erfährt von dem entflohenen Boleslav seine wahre Identität, will den gräflichen Vater noch retten, da erklingt aus der Kapelle Totengesang. Jaromir steigt dort ein. Letzte Szene in der Kapelle: Die Ahnfrau erscheint Jaromir, zeigt ihm den toten Vater und seine tote Schwester Bertha, woraufhin auch er tot zu Boden sinkt. Der Hauptmann mit seinen Männern kommt zu spät, um ihn noch lebend anzutreffen.

Manieristisches Versmaß

Das Stück ist in vierhebigen Trochäen geschrieben, die sich gelegentlich sogar reimen. Das kurzatmige Versmaß ist vielleicht nicht gerade glücklich gewählt. Man muss es als manieristisches Stilmittel sehen, so wie die Leute aus der Gothic-Szene sich extrem schminken. Auffällig sind die oft seitenlangen monologischen Ausführungen der Figuren.

Die Rolle der geisternden Ahnfrau bleibt seltsam blass. Sie taucht zwar mehrmals auf, aber sie kann nicht direkt ins Geschehen eingreifen. Die Lebenden müssen ihr Schicksal selbst vollenden, und sie tun das auch mit unvermeidlicher Konsequenz.

Grillparzers durch und durch pessimistische Lebenseinstellung dringt hier durch. Alles, was passiert, wendet sich zum Schlechtesten. Grillparzer ist der Thomas Bernhard des 19. Jahrhunderts.

 

Grillparzer, Franz: Die Ahnfrau. Trauerspiel in fünf Aufzügen. Uraufführung 1817 am Theater an der Wien. Ausgabe: Grillparzer: Werke. Band 2: Dramen 1817-1828. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt, 1986. S. 9-120.

Bild oben: Wolfgang Krisai: Gemäuer. Deckfarbe. Als Demonstrationsbild für gemalte Strukturen ca. 1995  für die Schule angefertigt. Deckfarbe, A3, Farbe digital nachbearbeitet.

 

„Die Ahnfrau“ im Akademietheater, Wien

In der Spielzeit 2013/14 wurde „Die Ahnfrau“ auch im Wiener Akademietheater gespielt. Regie führte der inzwischen gefeuerte Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann. Seine „geniale“ Idee: die weiblichen Rollen von Männern ausführen zu lassen. Die darin, das muss man anerkennen, auch „einen guten Job gemacht“ haben. Allerdings: Das ganze geriet dadurch zur Parodie, zu einem Grusel-Spaß, und ich hatte den Eindruck, dass Hartmann nicht einmal ansatzweise daran glaubte, das Stück könne auch eine Botschaft vermitteln. Schade. Aber immerhin ist Grillparzer noch auf der Bühne präsent. – Einen „Trailer„, Bilder und Informationen zur Inszenierung kann man sich auf der Website des Burgtheaters ansehen.

Ein Kommentar

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Grillparzer: Das Kloster bei Sendomir

Band 1 der Centenarausgabe der Werke Hauptmanns, Band 2 der Grillparzer-Ausgabe.

Band 1 der Centenarausgabe der Werke Hauptmanns, Band 2 der Grillparzer-Ausgabe.

Gestern bat mich eine Schülerin aus der 7B, Grillparzers Erzählung „Das Kloster bei Sendomir“ rezensieren zu dürfen, obwohl das nicht auf der Leseliste steht. Ich genehmigte das natürlich und nahm es zum Anlass, die Erzählung selbst wieder zu lesen, die ich, glaube ich, zum ersten und einzigen Mal bereits in meiner eigenen Schulzeit gelesen hatte, damals gezwungener Maßen und daher mit entsprechendem Desinteresse und Widerwillen, sodass sie sich mir inhaltlich überhaupt nicht, gefühlsmäßig aber negativ eingeprägt hatte.

Das ist jetzt revidiert. Nicht nur ist die Handlung aufregend, nicht nur ist es erschütternd, wie ein überaus guter Mensch aus übergroßer Enttäuschung zum Mörder wird, sondern vor allem ist der Text ein außergewöhnliches Lese-Erlebnis, was den Stil betrifft. Die Erzählung ist ein Musterbeispiel, wie man sich im 19. Jahrhundert bemühte, alles möglichst „unbanal“ auszudrücken. Für den Leser ist das, als beträte man die Höhle Ali Babas, wo einem aus dem Halbdunkel Berge von sprachlichem Gold und Wort-Edelsteinen entgegenfunkeln. Beispiel gefällig? Gleich vom Anfang, wo – vielleicht zu Beginn des 19. Jh. – zwei Reiter in einem neugotischen Kloster nahe der Stadt Sendomir in Polen Quartier genommen haben und ein Zimmer zugewiesen bekommen haben:

„Die beiden Fremden traten in das angewiesene Gemach, welches, obgleich, wie das ganze Kloster, offenbar erst seit kurzem erbaut, doch altertümliche Spitzformen mit absichtlicher Genauigkeit nachahmte. Weniges, doch anständiges Geräte war rings an den Wänden verteilt. Die hohen Bogenfenster gingen ins Freie, wo der in Osten aufsteigende Mond, mit der letzten Abendhelle kämpfend, nur sparsame Schimmer auf die Erhöhungen des hüglichten Bodens warf, indes in den Falten sich allgemach die Nacht mit ihrem dunkeln Gefolge lagerte, und stille Ruhe, hold vermischend, ihren Schleier über Belebtes und Unbelebtes ausbreitete.

Die eigenen Diener der Ritter trugen Wein auf und Abendkost. Ein derbgefügter Tisch, in die Brüstung des geöffneten Bogenfensters gerückt, empfing die ermüdeten Gäste, die, auf hohe Armstühle gelagert, sich bald an dem zauberischen Spiele des Mondlichtes ergetzten, bald, zu Wein und Speise zurückkehrend, den Körper für die Reise des nächsten Tages stärkten.“ (S. 170).

Als die beiden sich zur Ruhe begeben wollen, erscheint ein älterer Mönch, dessen feuriger Blick so gar nicht zu seinem Habit passen will. Die beiden Gäste verwickeln ihn in ein Gespräch, sodass er schließlich bereit ist, ihnen die Geschichte dieses neu erbauten Klosters zu erzählen.

Die Erzählung des Mönchs ist die eigentliche Erzählung, das ganze Werk ist also eine Rahmenerzählung. Ich frage mich, weshalb man im 19. Jahrhundert so gerne Rahmenerzählungen schrieb. Man denke nur an Storm, wo auch jede zweite Novelle eine Rahmenerzählung ist.

Grillparzer schafft zwischen Rahmen und Erzählung einen allmählichen Übergang, statt, wie es gelegentlich auch geschieht, da einen abrupten Bruch zu machen. Der Mönch ist erst nach einigem Bereden bereit, mit der Geschichte herauszurücken, und er unterbricht sich auch anfangs immer wieder, um die beiden Zuhörer zum Beispiel etwas zu fragen.

Handlung

Er erzählt die tragische Geschichte des Grafen Starschensky, der hier neben dem Kloster ein Schloss besaß, dessen Ruinen noch zu sehen sind, in Warschau sich in ein Mädchen verliebte und dessen verarmten Vater und Brüder selbstlos fast bis zum eigenen Bankrott unterstützte. Sich solchermaßen um die Familie verdient gemacht habend, wagt er es, um die Hand des Mädchens, Elga, anzuhalten. Er wird erhört, heiratet, zieht, als seine finanzielle Situation brenzlig wird, von Warschau wieder auf sein Landgut, Elga geht gerne mit, bringt eine Tochter zur Welt – alles verläuft idyllisch. Bis der Gutsverwalter dem Grafen mitteilt, dass sich nachts immer wieder eine dubiose Gestalt in der Nähe des Schlosses herumtreibt. Zufällig entdeckt der Graf um diese Zeit in einem Geheimfach der Schmuckschatulle seiner Frau das Bildnis ihres Vetters Oginsky und stellt eine frappierende Ähnlichkeit zwischen diesem und seiner Tochter fest. Der nächtliche Besucher wird ertappt, kann aber fliehen. Der Graf ist sicher, es handle sich um Oginsky, stellt seine Frau zur Rede, doch diese leugnet.

In Warschau erkundigt sich der Graf bei den Brüdern Elgas nach Oginsky, erfährt, dass dieser tatsächlich in Elga verliebt gewesen sei, er spürt ihn auf und entführt ihn in sein Schloss, genauer gesagt in eine nahe gelegene Aussichtswarte. Dort kommt es zu einer nächtlichen Gegenüberstellung mit Elga, die weiterhin die Verbindung leugnet. Der Graf will Oginsky, der alles gesteht, zum Duell fordern, doch dieser kann aus dem Fenster springen und entfliehen. In ohnmächtiger Wut will nun Starschensky wenigstens Elga töten, doch sie fleht um ihr Leben. Da will der Graf herausbringen, ob sie wenigstens als Mutter handeln werde, und sagt, er werde sie am Leben lassen, wenn sie die Tochter töte. Als sie angesichts der Waffe in Starschenskys Faust tatsächlich die Tochter mit einer Nadel erstechen will, ist das für den Grafen der Beweis, dass es in ihrer Seele nur „schwarz und Nacht“ sei und sie den Tod verdient habe. Er ersticht Elga und zündet dann über der Leiche die Warte und das ganze Schloss an, sodass sein Mord als Unfall getarnt ist. Die Tochter gibt er zu einer Köhlersfamilie, selbst verkauft er sein Landgut und stiftet mit dem Erlös eben dieses Kloster.

Was aus dem Grafen geworden sei, fragen die Gäste. Man ahnt es und hat es von Anfang an geahnt: Der seltsame Mönch ist selbst der Graf, der hier ein Büßerleben führt. Den ganzen Tag verrichtet er die niedrigsten Dienste, und jeweils um eins in der Nacht, der Todesstunde Elgas, muss er offenbar brutale Bußübungen machen, vor denen ihm selbst graut. Denn just um eins ist er mit seiner Erzählung fertig und der Abt, vor dem Starschensky sich wie ein ängstlicher Hund aus dem Zimmer drückt, holt ihn.

Am nächsten Morgen wollen die Gäste vom Abt mehr über den Grafen erfahren, doch dieser gibt sich zugeknöpft. Sie beschließen, auf der Rückreise von Warschau, das ihr Ziel ist, weitere Erkundigungen einzuziehen, doch die Rückreise muss über eine andere Strecke genommen werden und deshalb erfahren die beiden – und die Leser – nichts mehr von dem unglücklichen Grafen, der „in verdammlicher Übereilung Verbrechen bestraft durch Verbrechen“ (S. 214).

Übrigens soll die Geschichte „nach einer als wahr überlieferten Begebenheit“ verfasst sein.

Rache und Selbstbestrafung

Hierin scheint die Kernaussage der Novelle anzuklingen: Wer ein Verbrechen durch ein Verbrechen rächt, der wird unglücklich und verfehlt sein Ziel. Starschensky hätte also Elga vergeben sollen, statt sie „bestrafen“ zu wollen, denn ihm als Einzelmensch steht die Bestrafung des Ehebruchs nicht zu. Interessant, dass Grillparzer nun die Selbstbestrafung des Grafen sozusagen als „Lösung“ anbietet. Ob das in Wirklichkeit funktioniert? Ich muss zugeben, dass ich vor Jahren einmal näher darüber nachgedacht habe, was jemand, der seine Familie ermordet hat, dann tun sollte, wenn er weiterlebt, und mir eigentlich die gleiche Lösung vorgestellt habe: Im Gefängnis (dorthin käme der Mörder ja) die niedrigsten Dienste verrichten, um „Buße zu tun“. Im konkreten Fall handelte es sich um eine Mörderin, die sich jedoch kurz nach der Verurteilung umbrachte. Selbstmord kann aber, das hat der Graf richtig erkannt, keine „Buße“ sein.

Was Grillparzer völlig außer Acht lässt, ist der juristische Aspekt. Warum wird Starschenksy nicht vor Gericht gestellt, warum stellt er sich nicht selbst, sondern nimmt seine „Absolution“ selbst in die Hand? Das ist ja auch eine Form von Selbstjustiz, die nicht in Ordnung ist. Als Mörder verdient er Strafe, und das ist etwas anderes als freiwillige Buße, möge sie noch so hart sein.

Spiegel von Grillparzers „Beziehungen“

Laut Einleitung stehen hinter der „rätselhaften“ Frauengestalt Elga sowohl Charlotte von Paumgarten, mit der Grillparzer zur Zeit der Abfassung der Novelle ein ehebrecherisches Verhältnis hatte, wie auch – und vor allem – Marie, spätere Daffinger, in die Grillparzer verliebt war, die aber, während sie mit Grillparzer turtelte, bereits mit Daffinger verlobt war und noch vor der Eheschließung mit diesem die nächste Liebschaft mit einem von Wertheimstein anvisierte. Grillparzer stellte sich mit der ehebrecherischen Elga nun vielleicht, so der Kommentar, ein besonders verabscheuenswürdiges Beispiel weiblicher Untreue und Flatterhaftigkeit vor Augen, um über die drohende Enttäuschung mit Marie nicht zu unglücklich zu werden. Am Totenbett Charlotte von Paumgartens, die er mit seiner Gefühlskälte in den Tod getrieben hatte, wie sie meinte, konnte Grillparzer nichts anderes als kalte Ablehnung in sich entdecken, weil er inzwischen ja eine andere hatte (ich hoffe, ich habe das alles richtig verstanden), und wegen dieser Gefühlskälte hatte er auch nicht übel Lust, sich selbst zu bestrafen. Er fühlte sich als Egozentriker, der auf Dauer nicht zu einer Frau gehören könne.

Gerhart Hauptmann: Elga. Drama.

Las jetzt die Eintragung über „Das Kloster bei Sendomir“ in Kindlers Literaturlexikon, in der auch steht, dass Gerhart Hauptmann die Erzählung dramatisiert hat. Was liegt näher, als die Centenarausgabe der Werke Hauptmanns wieder einmal zu Ehren kommen zu lassen und nun auch diese Dramatisierung zu lesen, die Hauptmann 1896 geschrieben und schlicht „Elga“ betitelt hat. Zumal ich mich ja in letzter Zeit selbst in diesem literarischen Fach betätigt habe.

Hauptmann macht aus der Novelle einen Einakter mit sechs Szenen. Die eigentliche Erzählung ist hier ein Alptraum eines einzelnen Ritters, der im Kloster übernachtet. Ausgelöst wird der Alptraum durch den Mönch Starschenski (bei Hauptmann mit -i). Warum aber, das bleibt im Dunkel. Der Ritter lädt den Mönch auf einen Pokal Wein ein und zeigt ihm leutselig Bilder von seiner Frau und seinem Kind. Der Mönch fährt zurück und warnt ihn: „Es baue niemand sein Glück auf Weib und Kind – – !“ (S. 717) Soll der Traum vielleicht eine Warnung Gottes an den Ritter sein? Es bleibt unklar.

Die nun folgenden fünf Traum-Szenen setzen ein, als Starschenski bereits mit Elga verheiratet ist und ein Kind, Klein Elga, hat. Elgas Brüder kommen, um Geld zu schnorren, das ihnen der Graf gerne gibt. Dabei kommt die Sprache auf Oginski, und Elga täuscht heftige Abneigung vor. Der Verwalter warnt den Grafen, dieser entdeckt im Schmuckkästchen der Frau das ominöse Medaillon mit Oginskis Bildnis, erkennt die Ähnlichkeit mit Klein Elga, seine Frau leugnet aber jede Beziehung zu Oginski. Der Graf schafft – inzwischen schon halb dem Wahnsinn verfallen – Oginski aus Warschau heran, abweichend von Grillparzer gibt es zunächst ein Gespräch zwischen dem Grafen, Elga und Oginski, bei dem Elga wieder ganz fremd tut. Der Graf hält es aber für erwiesen, dass Oginski seine Frau geschwängert hat, daher lässt er ihn vom Verwalter in den Aussichtsturm verfrachten und dort umbringen (eigenartig, dass der biedere Verwalter dies so mir nichts, dir nichts ausführt). Dann zerrt Starschenski Elga ins Turmzimmer, und erst als sie den toten Geliebten sieht, lässt sie die Maske fallen und „bricht los: Ich hasse dich! Ich speie dich an!“ (S. 754) Damit, und nicht etwa mit der Ermordung Elgas, endet der Traum, der Ritter erwacht und befiehlt seinem Diener eiligsten Aufbruch. Er wolle hier keinen Mönch mehr sehen.

Unbefriedigendes Ende

Dieses Ende ist noch überstürzter und unbefriedigender als Grillparzers rasches Abkadenzieren. Wer die Erzählung nicht kennt, muss den Kopf schütteln und sich fragen, was das ganze nun solle. Hauptmann darf natürlich die Kenntnis der Erzählung bei seinem Publikum voraussetzen, doch gerade im Lichte des Grillparzerschen Endes darf man sich fragen, warum Hauptmann knapp davor abbricht, warum der Graf zwar – anders als bei Grillparzer – Oginski ermordet, Elga aber nicht, und warum Klein Elga überhaupt nicht mehr erwähnt wird. Höchst seltsam.

Es gibt auch eine meines Erachtens wenig überzeugende neue Figur, die Mutter des Grafen, Marina. Diese steht zwischen den beiden, ohne zu begreifen, welche Tragödie sich hier anbahnt.

Hauptmann arbeitet jedenfalls stärker als Grillparzer die dämonischen Züge Elgas heraus, die zwischen liebender Ehefrau und Vamp changiert. Dazu passt auch die stellenweise etwas abgehackte Sprache, die sowohl Elga wie auch der Graf führen, die aber ziemlich unnatürlich wirkt. Allerdings sind diese Stellen eher unauffällig und nebensächlich, als charakteristisches Stilmittel tritt diese Sprache eigentlich nicht in Erscheinung.

Franz Grillparzer: Das Kloster bei Sendomir. In: Grillparzer: Gesammelte Werke. Auf Grund der von der Gemeinde Wie veranstalteten kritischen Gesamtausgabe hg. v. Edwin Rollett und August Sauer. 2. Band. Kunstverlag Anton Schroll & Co, Wien 1923. S. 173 – 215.

Gerhart Hauptmann: Elga. in: Hauptmann: Sämtliche Werke. Centenar-Ausgabe. Hg. v. Hans-Egon Hass. Band 1. Propyläen / Ullstein, Frankfurt – Berlin 1966. S. 711 – 755.

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