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Ken Follett: Die Säulen der Erde

Wolfgang Krisai: Das Münster von Konstanz. Aus meinem Skizzenbuch der Bodensee-Radtour 2009.

Wolfgang Krisai: Das Münster von Konstanz. Aus meinem Skizzenbuch der Bodensee-Radtour 2009.

Seit Anfang August las ich – mit einer zweiwöchigen Reiseunterbrechung – an diesem 1300-Seiten-Ziegel: „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett. Als Kunstlehrer sollte ich das Buch ja längst gelesen haben. Nun ist diese Bildungslücke also geschlossen.

Kathedralenbau in Kingsbridge

Der Roman erzählt eine ausgedehnte mehrsträngige Handlung rund um den Bau der ersten gotischen Kathedrale Englands im fiktiven Ort Kingsbridge irgendwo im Süden des Landes unweit von Winchester und Salisbury (der dortigen Kathedrale ist jene im Roman in manchen Teilen nachempfunden). Die Zeit der Handlung gibt der Autor aufs Jahr genau an: 1123 bis 1174.

Paukenschlag am Anfang

Am Anfang steht gleich einmal ein Paukenschlag, damit der Leser gepackt wird: ein Dieb wird aufgehängt. Das wäre noch nichts Besonderes, aber als der Mann schon fast am Strang baumelt, taucht eine junge Frau auf und verflucht lauthals jene drei Männer, die ihn an den Galgen gebracht haben: einen Mönch, einen Weltpriester und einen Ritter. So schnell, wie sie aufgetaucht ist, verschwindet die Frau auch wieder. Nun will man natürlich wissen, weshalb es zu diesem Geschehen kam – und muss fast 1300 Seiten darauf warten. Denn erst ganz am Ende kommt Follett wieder auf diese Hinrichtung zurück.

Die Handlung entwickelt sich

Dazwischen erstreckt sich der eigentliche Roman:

Zunächst die Geschichte des Steinmetzen und Baumeisters Tom Builder, der an einem Wohnhaus für William Hamleigh und seine Braut Aliena baut. Doch da Aliena William auf schmähliche Weise abblitzen lässt, entlässt dieser Tom, der daraufhin mit seiner schwangeren Frau Agnes und zwei Kindern – Alfred und Martha – vergeblich Arbeit suchend von Ort zu Ort zieht. Sein Traum: eine Kathedrale bauen. Aber nicht einmal einen kleine Hütte will ihn jemand bauen lassen.

In einem ausgedehnten, wilden Waldgebiet in der Nähe eines kleinen Klosters bringt die ausgemergelte Agnes einen Sohn zur Welt und stirbt gleich nach der Geburt. Da er keinen anderen Ausweg sieht, lässt Tom das Baby auf dem Grab der Frau zurück. Bald packen ihn aber Gewissensbisse und er eilt zurück, doch das Baby ist weg. Stattdessen begegnet ihm eine junge Frau, die mit ihrem Sohn Jack, einem sich seltsam benehmenden Buben (wir würden wohl sagen, er ist leicht autistisch), im Wald lebt. Sie holt Tom in ihre Höhle – und die beiden sind noch am selben Abend ein von Sinnlichkeit überwältigtes Liebespaar.

Toms Baby hingegen wurde von einem Priester entdeckt und in das nahe Kloster gebracht, wo es auf den Namen Jonathan getauft und als Klosterkind großgezogen wird. Der junge Prior des Klosters, Philip, nimmt Jonathan mit, als er zum Prior des Hauptklosters in Kingsbridge bestellt wird. Dies geht allerdings nur mit Hilfe eines ehrgeizigen Geistlichen am Bischofshof, Waleran Bigod, der dafür seinerseits Unterstützung von Philip fordert, falls es zu einer neuen Bischofswahl kommt. Zu spät merkt Philip, dass er übertölpelt wurde: Der Bischof ist nämlich schon tot, die Wahl des Nachfolgers steht unmittelbar bevor. Und Waleran wird Bischof.

Das ganze spielt sich vor dem Hintergrund politischer Wirren ab: zwei Anwärter auf den englischen Königsthron liefern sich einen jahrzehntelangen Krieg, und die unsicheren Herrschaftsverhältnisse machen sich sowohl William Hamleigh wie auch Waleran Bigod zunutze: Waleran baut sich eine Bischofsburg und will Philip ausschalten und selbst eine Kathedrale bauen, während William sich an Aliena grausam rächt, indem er die Burg ihres Vaters stürmt, den Vater seinem politischen Gegner ausliefert und Aliena vergewaltigt.

Prior Philip wiederum will sein Kloster, das unter seinem Vorgänger einen Niedergang erlebte, wieder zu Macht, Reichtum und Ansehen verhelfen und deshalb eine neue Kirche bauen. Da kommt es ihm sehr zupass, dass just in der Nacht, nachdem er Tom Builder samt Familie im Kloster aufgenommen hat, die alte Kirche niederbrennt. Niemand außer dem Leser und Tom Builder erfährt je, wie das zugegangen ist: Der kleine Jack hat sie angezündet, um dem Stiefvater Arbeit zu verschaffen. Tom wird Dombaumeister.

Verfeindete Protagonisten

Damit sind die Fronten abgesteckt: Auf der „guten Seite“ befinden sich Prior Philip, Tom Builder mit seinen Kindern und seiner neuen Geliebten und deren Sohn Jack, und Aliena und ihr Bruder Richard (denen der sterbende Vater im Gefängnis den Schwur abgenommen hat, dass sie nicht ruhen würden, bis sie die Grafschaft zurückerobert hätten).

Auf der „bösen Seite“ stehen Bischof Waleran Bigod und der überaus grausame William Hamleigh. Den ganzen Roman über geraten die beiden Seiten in immer neuen Konflikten aneinander. Das kann ich hier nicht ausbreiten, es ist jedenfalls spannend, mitreißend und aufregend, wie es sich für einen guten Roman dieses Genres gehört.

Meisterwerk des historischen Romans

Da Follett ein Meister seines Faches ist, wird der Roman nie langweilig, das versteht sich. Aber er überragt durchschnittliche historische Romane durch seine einprägsamen, interessanten Figuren, mit denen der Leser wirklich mitfühlen und -leben kann. Damit das überzeugend gelingt, braucht es auch eine entsprechende Länge, und die hat der Roman auch. Außerdem schafft es Follett ohne Schwierigkeiten, einem lebendig vor Augen zu führen, wie es bei einem Kathedralenbau so zuging und welche Innvationen der gotische Baustil brachte.

Übersetzt wurde er von gleich drei Übersetzern, darunter Till Lohmeyer, einem Bekannten meiner Mutter.

Der Roman wurde als achtteilige Fernseh-Miniserie verfilmt, die ich mir unbedingt kaufen muss.

Ken Follett: Die Säulen der Erde. Roman. Köln: Bastei-Lübbe-Taschenbuch, 2010. 1325 Seiten (incl. Nachwort und Leseprobe von „Sturz der Titanen“). Mit Farbabbildungen aus der Verfilmung.

Englische Originalausgabe „The Pillars of the Earth“ erstmals erschienen 1989.

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Le Tour du chœur de la cathédrale de Chartres

Wolfgang Krisai: "Christus und die Ehebrecherin" aus dem "Tour du chœur" der Kathedrale von Chartres.

Wolfgang Krisai: „Christus und die Ehebrecherin“ aus dem „Tour du chœur“ der Kathedrale von Chartres.

Endlich schaffte ich es heuer im Sommer, die Kathedrale von Chartres zu besichtigen. Über das „Königsportal“, also das Westportal, hatte ich schon vor Jahren einen Fischer-„kunststück“-Band gelesen und war nun sehr auf die Wirklichkeit gespannt. Die mich nicht enttäuscht hat. Die Kathedrale hielt allerdings auch noch eine gewaltige Überraschung bereit, von der ich bislang nichts wusste: Den „Tour du chœur“.

Stein gewordenes Mysterienspiel

Wie bei vielen französischen Kathedralen gibt es auch in Chartres einen Chorumgang um den Chor herum. Doch hier ist der Chor vom Umgang durch einen hohen Verbau getrennt, gewissermaßen durch eine Mauer, durch die ein paar Portale geschlagen sind, in der sich sogar Kapellen befinden und in zwei Meter Höhe eine Abfolge von rund 40 Nischen, in denen Szenen aus dem Leben Mariens und Jesu durch unterlebensgroße Statuen dargestellt sind. Als ich diese Gruppen sah, war ich überwältigt. Ein Stein gewordenes „Mysterienspiel“ des späten Mittelalters. Überaus lebendig und lebensnah dargestellte biblische und legendarische Szenen, die sich fast alle auch inhaltlich sofort erschlossen: von der Verkündigung an Joachim und Anna über die Geburt Marias, dann die Verkündigung an Maria, die Geburt Christi, die Darstellung im Tempel, Beschneidung, Wunder (beginnend mit dem von Kana), schließlich Jesu Einzug in Jerusalem, der Verrat, Jesus vor Pilatus, Kreuzaufrichtung, Beweinung, Auferstehung, der ungläubige Thomas, Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Tod, Himmelfahrt und Krönung Mariens und viele mehr. Das Leben Jesu ist also in die Erzählung des Lebens Marias eingebettet.

Buch darüber

Im Souvenirshop der Kathedrale kaufte ich dann ein Buch, das sich mit dem „Tour du chœur“ befasst, die Entstehung beschreibt und alle Szenen abbildet. (Übrigens zum Spottpreis von 7,50 Euro.)

Daraus erfuhr ich, dass sich die Entstehung des Werks über mehr als 200 Jahre hinzog: von vor 1510, wo der Beschluss dafür befasst wurde, bis 1727, wo die letzte Szene aufgestellt wurde. Dennoch ist das Werk sehr einheitlich, weil die nachfolgenden Künstler sich ziemlich treu am Stil der Spätgotik orientierten und auch das gotische Maßwerk der architektonischen Umrahmung der Szenen konsequent beibehalten wurde. Mehrere Bildhauer arbeiteten im Lauf der Zeit daran: Jehan Texier dit Jehan de Beaune, Jehan Soulas, François Marchand, Thomas Boudin, Jean Dedieu (der u. a. 1678/79 „Christus und die Ehebrecherin“ meißelte), Pierre Legros I., Jean-Baptiste Tuby II., Simon Mazière und unbekannte Künstler.

Kein Avantgarde-Werk

Mag sein, dass das Werk nicht so „berühmt“ ist (wäre es weltberühmt, hätte ich wohl davon in Kunstgeschichten oder anderen Büchern schon längst erfahren), weil es kein „Avantgarde-Kunstwerk“ ist, sondern ein bewusst historisierendes Werk, das nicht ins Schema der an künstlerischen Innovationen orientierten Kunstgeschichte passt. Mir ist diese avantgarde-orientierte Kunstgeschichte inzwischen herzlich egal, daher kann ich Werk wie diesen „Tour“ in ihrer Großartigkeit entsprechend genießen.

Françoise Jouanneaux (Text), Robert Melnoury (Fotos): Le Tour du chœur de la cathédrale de Chartres. Orléans: Association Régionale pour l’Étude du Patrimoine de la région Centre, 2000. Reihe: Images du Patrimoine. 64 Seiten, zahlreiche s/w-Abbildungen.

Abschließend noch zwei Fotos, die ich in der Kirche aufgenommen habe:

Der "Tour du chœur" der Kathedrale von Chartres, Abschnitt von der Nordseite.

Der „Tour du chœur“ der Kathedrale von Chartres, Abschnitt von der Nordseite.

Jean Dedieu: "Christus und die Ehebrecherin" aus dem "Tour du chœur" der Kathedrale von Chartres (1678/79).

Jean Dedieu: „Christus und die Ehebrecherin“ (1678/79).

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