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Melissa Faliveno: Tomboyland

Wolfgang Krisai: "Ex libris". Porträt von Melissa Faliveno. Tuschestift, Buntstift. 2017.

Ich kenne wenige Menschen, die Schriftsteller*in sind, persönlich. Melissa Faliveno ist eine von ihnen, und noch dazu eine, die ich unter außergewöhnlichen Umständen, nämlich durch zwei zufällige Begegnungen auf der Fähre am East River zwischen Brooklyn und Manhattan, kennengelernt habe. 

Klar, wenn Melissa ein Buch schreibt, muss ich es kaufen und lesen. Im Sommer 2020 war es so weit: Ihr erstes Buch, der Essayband „Tomboyland“, erschien, ich kaufte ihn und las ihn bis im Spätsommer fertig.

Das Buch ist eine sehr interessante Essaysammlung, deren Titel eigentlich perfekt andeutet, worum es gehen wird. Tomboy nennt man eine Person, die zwischen Frau und Mann changiert. Melissa ist so ein Mensch, wie im Essay „Tomboy“ ausführlich dargestellt wird. Und -land? Gemeint ist das Land, aus dem Melissa stammt: Wisconsin. Das „home“ dieses Tomboys. Für meine Ohren klingt es überraschend, wie eine so durch und durch „moderne“ Frau geradezu romantisch und sehnsüchtig von ihrer Heimat spricht, einer Gegend im konservativen, agrarischen Mittleren Westen, in der es für Persönlichkeiten wie sie realistisch gesehen gar keinen Platz gibt und von der sie, obwohl sie seit mehr als zehn Jahren in Brooklyn lebt, innerlich nicht loskommt und loskommen will. Immer noch denkt sie, wenn sie ihr „home“ meint, an Wisconsin und den kleinen Ort, aus dem sie stammt. 

Die Essays kreisen also einerseits um sie, vor allem um ihre Gender-Identität und die mit deren Unsicherheit verbundenen Schwierigkeiten, andererseits um ihr „homeland“.

Die Folgen eines verheerenden Tornados

Der erste Essay erzählt von einer Naturkatastrophe, die den Nachbarort Barnveld im Jahr 1984 heimgesucht hat: Ein Tornado zog exakt über den Ort hinweg und verwüstete ihn vollständig. Man erfährt nun, wie die Menschen mit diesem Desaster fertig wurden: Manche hatten Verwandte oder Freunde verloren, die unter den zum Glück wenigen Opfern des Sturms waren; viele mussten ihr Haus wieder aufbauen; manche erzählen von der großen Hilfsbereitschaft, die die Menschen im Ort nach der Katastrophe zusammenschweißte; manche von ihrem Einsatz als Rettungsfahrer oder Krankenschwester; manche von den nicht enden wollenden Spätfolgen des Traumas. Faliveno hat hier offenbar ausführlich recherchiert und mit vielen Zeugen des Unglücks gesprochen.

Die Autorin – ein „Tomboy“

Dann folgt „Tomboy“, ein langer Essay, der einen äußerst interessanten Einblick in das Leben und Fühlen eines Menschen gibt, der zwar offiziell eine Frau ist und gegenwärtig mit einem Mann zusammenlebt, der aber keine klare Geschlechtsidentität hat, sondern zwischen Mann und Frau changiert. Die Anfangsszene des Essays ist geradezu lustig: Melissa trifft sich mit einer neuen Bekannten in einer Bar, wo sich an deren lasziver Kleidung erweist, dass diese das Treffen als ein „Date“ zwischen zwei Lesben verstanden hat. Als Melissa ihr sagt, sie lebe in einer festen Beziehung, und das mit einem Mann, ist die Reaktion: „To say I watched her face fall would be an understatement. It plummeted headlong off a cliff into a swamp of disbelief and despair. ‚No‘, she said […]. She looked at me, shook her head, and said: ‚I can’t believe you’re straight‘.“ (S. 42)

Danach beleuchtet Faliveno viele Aspekte:

Das Mädchen vom Land, das sich wie ein Bub benimmt und dem man das auch nachsieht, solange es noch nicht in der Pubertät ist; die junge Frau in Brooklyn, die von irgendwelchen Passanten angepöbelt wird, weil sie ein wenig wie ein Mann aussieht; Bisexualität und Homosexualität; die Reaktionen von Verwandten, Freunden, aber auch Fremden auf ihr Transgender-Aussehen – und vor allem ihre eigene Unsicherheit angesichts ihrer Gender-Fluidity. 

Die Beziehung zu Motten

In dem kurzen Essay „Of a Moth“ geht es um ungebetene Gäste, die man nicht loswird: die Motten in der Wohnung. Der ganze Essay hat einen lustigen Grundton, denn obzwar die Motten sich mit keiner noch so gefinkelten Methode endgültig ausrotten lassen, sind sie doch kein so widerliches Ungeziefer wie etwa die Küchenschaben. Ja, mit der Zeit gewöhnt man sich an die herumschwirrenden Plagegeistert und bedauert es geradezu, wenn sich wieder einmal eine von ihnen in seltsamer Hypnose der abends im Zimmer brennenden Kerze nähert und – zisch! – in der Flamme verbrennt.

Von Baseball und Bisexualität

„Switch-Hitter“ erzählt von Melissa als bisexueller Sportlerin. Ein Switch-Hitter ist, klärt mich dictionary.com auf, „baseball: a batsman who can hit either right- or left-handed. slang: a bisexual person“. Für sie als knabenhaftes Mädchen lag es nahe, sich im Sport zu verwirklichen. Baseball war ein Männersport, da gab es keinen Zugang, aber Softball wurde zu ihrer Lieblingssportart. Der Sport bedeutete Verausgabung, vollen Einsatz, Erfolg und Misserfolg, Kameradschaft und Gemeinschaft. Und außerdem bot der Mannschaftssport die Gelegenheit, mit ähnlich gearteten Mädchen zusammenzukommen und Freundschaft zu schließen. Melissa betreibt natürlich nicht nur Softball, sondern auch andere Sportarten wie etwas Gewichtheben. Zur wirklichen Profisportlerin fehlt ihr allerdings der letzte Biss. Zwar hat einer ihrer Trainer gesagt: „You’ll make it if you want it“ (S. 108), doch als es darum geht, in eine Universitäts-Mannschaft aufgenommen zu werden, versagt sie überraschend. Daraufhin hört sie mit dem Softball auf – und beginnt zu trinken. Auch das schildert sie ganz offen. Vom Alkohol kommt sie los, als sie wieder Sport betreibt: Roller-Derby. In der neuen Mannschaft findet sie ihre erste lesbische Partnerin.

Das „Mädchen vom Land“

In „Meat an Potatoes“ geht es um die Aura des „Mädels vom Land“, dem man gewissermaßen ansieht, dass es mit Fleisch und Erdäpfeln aufgezogen worden ist. Und diese Aura wird man nicht los, auch wenn man zehn Jahre in der Großstadt wohnt und einen intellektuellen Job hat. Daneben geht es im Essay auch um das Essen: Soll man Vegetarierin sein? In Brooklyn eher ja, da kauft man bei Wholefoods ein und ernährt sich verantwortlich, aber zu Hause in Wisconsin, da ist man erst wirklich daheim, wenn auf dem Teller „meat and potatoes“ aufgehäuft werden.

Gun country

Ein Essayband über den Mittleren Westen der USA kann nicht ohne einen Essay über Waffen auskommen. „Gun country“ nennt Faliveno ihr Land. Sie beschreibt die Selbstverständlichkeit, mit der die Leute Waffen besitzen, sei es Jagdgewehre, sei es Revolver und Pistolen. Dort wundert sich niemand, wenn einer mit einer Pistole im Gürtel zum Gottesdienst erscheint. Doch muss man als Intellektuelle nicht den Waffenbesitz in den USA in Bausch und Bogen verurteilen? Theoretisch ja, doch Faliveno ist ehrlich genug, zuzugeben, dass die Sache denn doch nicht so einfach ist, insbesondere, wenn man an die allgemeine Begeisterung der Landbevölkerung für die Jagd denkt. Für einen Europäer hingegen ist es befremdlich, sich vorzustellen, dass viele Leute, auch Frauen, in den USA eine „gun“ haben, um notfalls sich selbst und die Familie zu verteidigen. Aber – würden sie wirklich jemanden totschießen? Das ist dann zum Glück doch eher die Ausnahme. 

Kinder oder nicht?

„Motherland“ – da geht es wieder um Wisconsin. und zwar unter dem Aspekt der Mutterschaft. Die Bestimmung der Frau sei, so die dortige landläufige Ansicht, Heirat und Mutterschaft. Doch was, wenn jemand wie Melissa Faliveno gar keine Kinder haben will? Da entsteht ein ständiger Rechtfertigungsdruck. Die Problematik der verweigerten Mutterschaft verwebt Faliveno hier mit Überlegungen und Beobachtungen zur Pflanzenzucht. Insbesondere die „spider plant“, die Grünlilie (Chlorophytum comosum), hat es ihr angetan, da sie ständig Ableger produziert und damit sozusagen ein Symbol der Mutterschaft ist. Faliveno hat zwar keine eigenen Kinder, aber sie wurde nach und nach zu einer „Pflanzen-Mama“, die zahlreiche Pflanzen von Freunden, die weggezogen waren, aufnahm und pflegte. 

Ein weiterer Aspekt, der in diesem Zusammenhang erörtert wird, ist der des Leids, das durch Mutterschaft verursacht wird. Das wird zwar nicht so gern offen ausgesprochen, ist aber da, bei der Großmutter genauso wie bei der Mutter, die ihr Leben ganz der Mutterrolle unterordnen mussten, aber auch bei Melissa selbst, der die Frage Kinder oder nicht? im Grunde auch Leid verursacht…

Der letzte Essay, „Driftless“, handelt von einem Naturphänomen in Wisconsin, einem Landstrich, der von der eiszeitlichen Vergletscherung ausgenommen war und daher ganz anders aussieht als der Rest des Bundesstaats. Dieser Essay unterscheidet sich von den anderen durch eine betont poetische Sprache. Auch hier geht es nicht nur um die Natur, sondern auch um Beziehungen zu Menschen, die diese Natur erforschen.

Alle Essays sind locker strukturiert und in kurze Abschnitte aufgeteilt, die jeweils mit einer großen Initiale beginnen. Gattungstypisch ist das lockere, informelle und ganz subjektive Umkreisen des Themas oder der Themen, mal erzählerisch, mal raisonierend. Die Sprache war für mich gut verständlich, auch wenn mir vielleicht einige Anspielungen und Hintersinnigkeiten entgangen sein mögen.

Ein lesenswertes, sehr interessantes Buch jedenfalls!

Faliveno, Melissa: Tomboyland. Essays. Topple Books (=Amazon), 2020. 244 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: „Ex libris“. Porträt von Melissa Faliveno. Tuschestift, Buntstift. 2017.

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