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Peter Rühmkorf: Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide.

Wolfgang Krisai: Schausteller beim Mittelalterfest in Eggenburg 2017. Tuschestift.

Im Zug meiner Beschäftigung mit Walther von der Vogelweide bin ich auf eine interessante Neuerscheinung gestoßen, habe sie sofort bestellt und gelesen: Peter Rühmkorf: „Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide.“

Das Buch dokumentiert Rühmkorfs Beschäftigung mit Walther sehr genau. Er hatte nämlich vor, eine Oper über die Minnesänger zu schreiben – wozu es nie kam. Stattdessen entwickelte sich aus dem Projekt ein längerer Essay über Walther von der Vogelweide, der in diesem Band von S. 93 bis 154 reicht, erstmals jedoch in dem Band „Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich“ 1975 veröffentlicht wurde.

Walther der Gegenwart neu vermitteln

Rühmkorf stellte damals fest, es gebe keine brauchbare Nachdichtung der Gedichte Walthers, also machte er sich selbst daran, für seinen Essay einige beispielhafte Gedichte zu übertragen. Das gefiel ihm bald so sehr, dass er weit mehr übertrug, als für den Essay nötig war, und überhaupt mit dem Gedanken spielte, das Gesamtwerk Walthers auf diese Weise neu zu erschließen.

Rühmkopfs Walther-Übertragungen füllen den ersten Teil des Buches von Seite 11 bis 92. Die Gedichte sind jeweils mittelhochdeutsch und neuhochdeutsch nebeneinander gestellt, außerdem mit wissenschaftlichen Anmerkungen und Lesehilfen versehen. 

Rühmkorf wollte Walther nicht einfach übersetzen, das sei bisher noch niemandem so gelungen, dass nichts Papieren-Verstaubtes herausgekommen sei. Man müsse Walther, den alte Mythenbildungen vom 19. Jahrhundert bis in die NS-Zeit dem Menschen von heute verdächtig machen, der Gegenwart neu vermitteln, und zwar nicht durch neue Mythenbildung:

„Warum nicht noch einmal dort mit dem Vermitteln = Übertragen anfangen, wo der Dichter überhaupt als Dichter faßbar wird: bei seinen Gedichten. Warum sich nicht noch einmal neu auf jene erstaunenswerten Lieder, Gesänge, Sprüche und Pamphlete einlassen, die doch gewiß nicht nur Studierstoff sind, sondern poetischer Reizstoff, Leuchtstoff, Erregungsstoff, Wirkstoff. […] dann beginnt sich allmählich ein Individuum vor uns zu entfalten: fast zeitgenössisch in seinen zwischen Privatpassionen und politischen Leidenschaften zerteilten Interessen und weit zerklüfteter, womöglich schillernder, als es sich unsere datenverarbeitende Schulweisheit träumen läßt“ (S. 100).

Staunenswerte Pointensicherheit

Rühmkorf gelingt dies in erstaunlichem Maße. Es ist ein Genuss, seine schnoddrigen Übertragungen zu lesen, insbesondere, wenn man die mhd. Fassung dagegen hält und sieht, mit welch staunenswerter Pointensicherheit Rühmkorf zu Werke geht. Ein Beispiel: der Sangspruch „Mir ist verspart der sælden tor“ (S. 22/23):

Das Paradies ist mir versperrt,

da steh ich nackt und ausgesperrt:

müßig, noch weiter an das Tor zu klopfen.

Erklär mir einer die verkehrte Welt:

daß rechts und links von mir der Regen fällt,

und von dem Segen trifft mich nicht ein Tropfen!

Der milde Herr von Österreich

tränkt einem warmen Regen gleich

die Leute und das ganze Land.

Das streckt sich hin wie eine satte Wiese,

mit Blumen überreich bestückte.

Wenn mir davon EIN Blättchen pflückte

die mächtige Gönnerhand,

weißgott, in welchen Tönen ich sie priese!

In diesem Sinne: Walther, Dichter, Musikant.

Die letzten vier Verse im Original: bræche mir ein blat dar under / sîn vil milte rîchiu hant, / sô möhte ich loben die lichten ougenweide. / hie bî sî er an mich gemant. – Vor allem der letzte Vers hat’s mir angetan. Walther sagt „Damit sei er an mich erinnert“, und Rühmkorf verwendet dafür ein Redewendung, die dem Angesprochenen zutraut, selbst zu verstehen, was mit dem ganzen Gedicht gemeint ist: Dreh den Hahn der Fördermittel auch für mich auf!

Es geht auch ums Geld

Rühmkorfs Begeisterung für Walther rührt von einer ähnlichen Lebenssituation her. Rühmkorf sah sich als einen immer wieder um Anerkennung und vor allem schlicht um Geld ringenden Dichter, der sich nicht zu gut sein darf, jede sich bietende Gelegenheit zu pekuniär honorierter Produktion zu ergreifen. Genau das Gleiche kann man aus Walthers Liedern herauslesen, der sich immer wieder beklagt, dass seine Gönner zu wenig freigebig seien. Dennoch lassen sich weder Walther noch Rühmkorf ihre „genialen Schandschnauzen“ mit Maulkörben versehen.

Briefwechsel mit Peter Wapnewski

Den dritten Teil des Buches füllt der Briefwechsel Rühmkorfs mit dem Germanistikprofessor Peter Wapnewski, den er um Rat hinsichtlich seines Walther-Vorhabens gebeten hat und der gerne bereit war, mit dem Dichter in einen angeregten Gedankenaustausch zu treten. Die beiden treffen sich auch mehrmals (Rühmkorf musste dazu von Hamburg bis fast nach Karlsruhe fahren, wo Wapnewski lehrte), und es entwickelt sich fast eine richtige Freundschaft zwischen den beiden. Die allerdings auch etwas aushalten muss, da Wapnewski große Vorbehalte gegen den Essay Rühmkorfs anmeldet und Rühmkorf darauf sehr empfindlich reagiert. Geglättet wurde das wieder durch sehr positive gegenseitige Rezensionen: Rühmkorf rezensiert Wapnewskis Buch über den Minnesang, Wapnewski „Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich“.

Die Briefe mitsamt den beiden Rezensionen reichen von Seite 161 bis 228.

Schließlich folgt ein ausführliches Nachwort des Herausgebers Stephan Opitz, an das sich die Lebensdaten von Walther, Peter und Peter anschließen.

Ein überaus interessantes Buch, das einem Walther tatsächlich lebendig macht und zudem Einblick in die spannende Entstehungsgeschichte von Rühmkorfs Übertragungen und Essay gibt.

Peter Rühmkorf: Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide. Hg. v. Stephan Optiz unter Mitarb. v. Christoph Hilse. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung in Verbindung mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. Wallstein, Göttingen, 2017. 279 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Schausteller beim Mittelalterfest in Eggenburg 2017. Tuschestift.

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Claudia Frieser: Oskar und das Geheimnis der verschwundenen Kinder

Wolfgang Krisai: Mittelalterfest Mödling. Tuschestift, Buntstift, 2014.Ein Deutschlehrer-Kollege und ich machen ein fächerübergreifendes Projekt: Er liest mit der Klasse „Oskar und das Geheimnis der verschwundenen Kinder“ und ich lasse es im Kunstunterricht mit Linolschnitten illustrieren.

Albrecht Dürer als Dreizehnjähriger

Daher musste ich das Buch jetzt lesen – und tat es mit großem Vergnügen. Was ich zu Beginn gar nicht wusste: In dem Roman kommt Albrecht Dürer als Kind vor, im Alter von 13 Jahren, und das rechtfertigt die fächerübergreifende Arbeit noch mehr.

In einem Vorort von Nürnberg lebt der 12- bis 13jährige Oskar mit seiner Familie. Am Dachboden findet er eine alte Kiste mit historischen Gewändern, die ihm sein Großvater hinterlassen hat. Von dem hat er auch einen Brief bekommen, in dem steht, wie man sich mittels der alten Weide im Garten in die Vergangenheit zurückversetzen kann.

Zeitreise ins Jahr 1484

Oskar probiert das am nächsten Tag in der Früh gleich aus, schleicht mit mittelalterlicher Kleidung ausgerüstet in den Garten, kriecht in die hohle Eiche, zieht sich dort um und murmelt dabei das Jahr, in das er versetzt werden will: 1484.

Gleich darauf erwacht er aus einer kurzen Ohnmacht – tatsächlich im Jahr 1484. Kriecht aus der Weide und steht in einer anderen Welt: in der Nähe von Nürnberg im Mittelalter.

Er fährt mit einem Bauern in die Stadt, wird dort von einem aufgeweckten Burschen namens Albrecht (erraten: es ist Albrecht Dürer) angesprochen und von diesem durch die Stadt geführt.

Nächtlicher Überfall

Als er abends wieder zu seiner Weide gehen will, sind die Stadttore schon zu, und die Wächter lassen ihn nicht durch. Also streift er durch das nächtliche Nürnberg. Plötzlich wird er zusammengeschlagen – und erwacht im Bürgerspital, wo er verbunden wurde.

Dort kümmert sich die Baderin Kathrin um ihn und nimmt ihn nach ein, zwei Tagen bei sich als Lehrling auf. Oskar kann sich nämlich nach dem Schlag auf den Kopf an nichts mehr erinnern, weder an seine Familie noch an seinen Wohnort.

Holt der Teufel Babys aus dem Bürgerspital?

Als Gehilfe Katharinas wird er in einen Kriminalfall verwickelt: Es verschwinden immer wieder Neugeborene aus dem Spital, und ein verrückter Alter verbreitet das Gerücht, der Teufel habe die Kinder geholt. Als das Kind des reichen Patriziers Messerholz stirbt, dessen Geburt Kathrin miterlebt hat, will sie das Kind untersuchen, um festzustellen, woran das kräftige Baby so plötzlich gestorben sei.

Bei der Untersuchung bemerkt Oskar, dass Kathrin irgendetwas seltsam findet. Sie verrät ihm nicht, was, denn sie will keine falschen Gerüchte in die Welt setzen.

Die Baderin schöpft Verdacht und wird abserviert

Messerholz hat sein Kind einer Amme gegeben. Diese suchen Katharina und Oskar am nächsten Sonntag auf. Als Katharina sie auf ein auffälliges Muttermal des Babys anspricht, stimmt die Amme zu: sie habe das auch bemerkt. Kathrin ist nun sicher, dass das tote Baby nicht das Kind der Familie Messerholz ist, denn es hat dieses Muttermal nicht. Dem Patrizier wurde ein falsches totes Kind untergeschoben.

In der Nacht belauscht Oskar ein Gespräch draußen vor der Mauer des Bürgerspitals. Er glaubt, die Amme mit einem Mann reden zu hören, dem sie erzählt, Kathrin habe sie besucht und Verdacht geschöpft.

Tags darauf wird Kathrin abgeführt, da Verdacht bestehe, sie stehe mit dem Teufel im Bunde, der die kleinen Kinder aus dem Bürgerspital entführe. Sie wird in eine winzige Zelle im Stadtgefängnis gesteckt. Sie bittet Oskar, Pater Benedikt aus dem Siechenhaus zu alarmieren, der ihr helfen werden.

Mit Hilfe von Albrecht und dessen Vater, die wie er an die Haltlosigkeit der Vorwürfe glauben, gelangt er zu Pater Benedikt, der sofort zu Kathrin ins Gefängnis geht und sie befragt.

Albrecht und Oskar als Detektive

Albrecht und Oskar versuchen inzwischen herauszufinden, wer Kathrin beschuldigt haben könnte. Der mit ihr verfeindete Stadtmedicus Oberstolzer? Als sie diesen aushorchen, stellt sich heraus, dass er keine Ahnung von der Sache hat.

Als am Abend wieder ein Kind im Spital entbunden wird, legen sich die beiden Buben auf die Lauer, ob jemand kommt, es zu „holen“. Und tatsächlich, mitten in der Nacht erscheint der Spitalmeister (der ebenfalls nicht gut auf Kathrin zu sprechen ist) und stiehlt das Baby. Albrecht und Oskar verfolgen ihn und seinen Komplizen die Pegnitz entlang bis in einen unterirdischen Gang. Durch ein Missgeschick werden sie entdeckt, und der Spitalmeister und dessen Komplize wollen die beiden umbringen. In letzter Sekunde zieht jemand dem Kerl eins über, dass er bewusstlos zusammenbricht. Es ist der Pater, der den Stadtbütteln vorausgeeilt ist, um die Burschen zu retten.

Der Spitalmeister und sein Komplize werden festgenommen, Kathrin aus dem Gefängnis entlassen.

Die Auflösung des Verbrechens: Der Spitalmeister hat einige unerwünschte Babys von armen Frauen gegen viel Geld an kinderlose reiche Leute verkauft. Solange die Mütter nichts von den Kindern wissen wollten, fiel das nicht auf. Erst als er den kleinen Messerholz-Buben als Ersatz für ein unerwartet gestorbenes Spitalsbaby verscherbelt hat, kommt die Sache auf.

Rückkehr in die Gegenwart

Oskar hat bei dem Schreck, den ihm Kathrins Verhaftung eingejagt hat, sein Gedächtnis wiedergefunden. Nach einer schönen kleinen „Feier“ der Befreiung Kathrins behauptet er, er müsse nun zu seinen Eltern, die ihn nach Bamberg auf die Lateinschule schicken wollten. Man nimmt ihm seine Notlüge ab und er macht sich auf den Weg – zur hohlen Weide, findet diese und zieht sich um, während er ständig das Datum, an dem er seine Zeitreise begonnen hat, vor sich hin sagt.

Nach einer kurzen Ohnmacht ist er wieder in der Gegenwart. Zu Hause haben sie von seiner „Reise“ überhaupt nichts bemerkt, da er nur ein paar Minuten im Garten war…

Dieses sehr gut geschriebene Buch bietet sich für eine Klassenlektüre geradezu an: Es ist spannend, gut verständlich, vermittelt ein anschauliches Bild der Mittelalters, gibt Gelegenheit zu Diskussionen über Themen wie Gleichberechtigung der Frau, künstliche Befruchtung, Adoption oder Armenfürsorge. Und nicht zuletzt kann man auf Albrecht Dürer zu sprechen kommen, dessen Selbstbildnis als Dreizehnjähriger im Roman vorkommt.

Der Band ist mit Vignetten von Constanze Spengler und einem Stadtplan des spätmittelalterlichen Nürnberg illustriert.

Es gibt übrigens drei weitere Bände, da Oskar es nicht lassen kann und weitere Zeitreisen in die Renaissance unternimmt.

Claudia Frieser: Oskar und das Geheimnis der verschwundenen Kinder. dtv junior. 11. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2015. 231 Seiten.

Eine andere Form der „Zeitreise“ ins Mittelalter zeigt mein Bild vom Mittelalterfest in Mödling: Wolfgang Krisai: Mittelalterfest Mödling. Tuschestift, Buntstift, 2014.

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