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Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung

Wolfgang Krisai: Librairie Alcyon im Bücherdorf Montolieu, Südfrankreich. Zeichnung aus dem Reisetagebuch von 2010.
„Viel Spaß hinter den Kulissen“ schrieb mir Petra Hartlieb nach ihrer Lesung in der Wiener Städtischen Bücherei am 27. 10. 14 in ihr Buch. Vorgestern begann ich es zu lesen, heute bin ich fertig: und es hat „Spaß“ gemacht, das heißt, es war ein Vergnügen, das Buch zu lesen, manchmal musste ich fast lachen, manchmal war ich vor Rührung fast den Tränen nahe, und von Seite 1 bis 208 war ich mitgerissen. Von einem Buch über eine Buchhandlung!

200 Seiten über 10 Jahre Buchhändlerin

Wie kann man darüber 200 Seiten schreiben, noch dazu lediglich über die Zeit seit 2004, wo Petra und Oliver Hartlieb eine in Konkurs gegangene Buchhandlung in der Wiener Währingerstraße gekauft haben? Doch es ist möglich, denn hinter den oben erwähnten „Kulissen“ einer Buchhandlung tut sich mehr, als der Kunde denkt:

Zunächst muss der Kauf organisiert, das Geld aufgetrieben, der alte Laden in eine neue Buchhandlung (trotzdem mit dem Flair einer alten, mit bis zur Decke reichenden Regalen) verwandelt und der Betrieb aufgenommen werden. Und dann entwickelt sich das Ganze weiter. Die Kunden werden mehr, die Angestellten auch, man führt auf die Buchmesse, installiert ein „Warenwirtschaftssystem“, liest Vorschauen, empfängt Verlagsvertreter, gestaltet ein Kundenmagazin, startet eine Website, natürlich bald inklusive Webshop, usw. usw. usw.

Daneben gilt es, zwei Kinder bei Laune zu halten, mit dem Ehemann und Arbeitspartner gut auszukommen (das funktioniert bei Hartliebs offenbar fast problemlos) und – das Wichtigste! – ausreichend Schlaf zu finden. Denn mit dem Absperren der Ladentür am Abend ist die Arbeit natürlich lange nicht vorbei, sondern sie erstreckt sich nicht selten bis tief in die Nacht.

Begeisterte Helferinnen und Helfer

All das wäre ohne die großzügige Hilfe vieler, vieler Menschen – alter Freunde, spontaner Bekanntschaften, begeisterter Kunden und netter Nachbarn – keine solche Erfolgsgeschichte geworden. Vor allem aber nicht ohne die nie versiegende Begeisterung von Petra Hartlieb für ihre Arbeit.

Lob für die Kundschaft

Natürlich gibt es viele lustige Sachen zu berichten, z. B. Skurriles von Büchertischen bei Lesungen Prominenter, von Begegnungen mit Autoren, manchmal auch von seltsamen Kunden. Hier lauert übrigens die große Gefahr für solche Bücher: dass die Autorin bzw. der Autor der Versuchung erliegt, sich durch genüsslich erzählte Anekdoten über dumme Kunden auf deren Kosten ein paar Lacher zu holen. Petra Hartlieb widersteht dieser Versuchung, fast immer zumindest. Stattdessen lobt sie ihre Kundinnen und Kunden, von denen viele nach und nach zu Freundinnen und Freunden geworden sind.

Kampf gegen den „Riesen“

Wenig Lob, genauer: gar keines, fällt hingegen für den großen Feind kleiner Buchhandlungen ab, für Amazon. Petra Hartlieb ist sogar eine aktive Kämpferin gegen den „Internet-Riesen“. Und gewinnt dadurch Kundschaft jüngeren Alters, die vorher gedanken- und ahnungslos munter bei Amazon eingekauft hat.

Ganz zum Schluss scheint noch einmal alles zu scheitern – an einer nicht funktionierenden hypermodernen Buchhandelssoftware. Im letzten Moment erkennen die Computer-Leute, dass hier wirklich etwas auf dem Spiel steht, tun sich endlich wirksam zusammen und können die Probleme lösen. Allgemeines Aufatmen.

Krimis auch noch!

Wie Petra Hartlieb es schafft, neben dem aufreibenden Buchhandelsbetrieb auch noch Krimis zu schreiben und dieses Buch, weiß sie wohl selbst nicht so recht. Zum Glück hat sie es trotzdem geschrieben!

Wer dieses Buch gelesen hat, wird seine Buchhandlung(en) mit anderen Augen sehen, und vor allem die Menschen drin, jene vor und vor allem hinter den „Kulissen“.

Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung. DuMont Buchverlag, Köln, 2014. 208 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Librairie Alcyon im Bücherdorf Montolieu, Südfrankreich. Zeichnung aus dem Reisetagebuch von 2010.

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Bielefeld & Hartlieb: Auf der Strecke. Ein Fall für Berlin und Wien.

 

Wolfgang Krisai: Beim Westbahnhof, Wien. Kohleskizze, 2007.

Wolfgang Krisai: Beim Westbahnhof, Wien. Kohleskizze, 2007.

Steglitzmind stellte auf ihrem Blog die Wiener Buchhandlung Hartlieb vor, die wir, meine Frau, einer meiner Söhne und ich, daraufhin sofort besuchten. Die Buchhändlerin Petra Hartlieb betätigt sich gemeinsam mit ihrem Berliner Co-Autor Claus-Ulrich Bielefeld auch als Krimi-Autorin. Wir kauften u. a. den ersten ihrer Krimis.

Auch wenn ich am Schluss bei dem immer rasanteren „Showdown“ nicht mehr ganz mitgekommen bin, was ja, da ich nicht die Kommissarin bin, auch egal ist, so war das doch eine lohnende und interessante Lektüre. Und eine unterhaltsame. Auch ein bisschen spannende (nicht jeder Krimi kann mörderisch spannend sein).

Was ist nun das Interessante dran?

Die literarischen Bezüge: Da sich die Handlung um den Schriftsteller Xaver Pucher dreht, der ein epochemachendes Werk veröffentlichen will und mit seinem vorherigen Roman einen Bestseller gelandet hat, und die beste Freundin der Kommissarin Buchhändlerin ist (ein Selbstportrait Hartliebs?), biete der Krimi viele nette Einblicke in den Literaturbetrieb.

Der Wien-Bezug: Für jemanden wie mich, der im Umland Wiens wohnt, ist ein Wien-Krimi natürlich eine schöne Sache, da man sich unter den „Locations“ meist etwas vorstellen kann. Hartlieb vermeidet erfreulicher Weise allzu morbide wienerische Örtlichkeiten, wie sie sonst gern als „typisch Wien“ verwendet werden. So wird etwa der Zentralfriedhof zwar kurz Schauplatz, dann aber Gegenstand einer eher touristischen Durchforstung (incl. jüdischem Teil). Anna Haberl, die resche Wiener Kommissarin, zeigt nämlich ihrem Berliner Pendant Thomas Bernhardt (das nun ist wieder eine etwas zu übertriebene Reverenz vor dem Literaturbetrieb) den Friedhof anlässlich des Begräbnisses des Mordopfers.

Der Berlin-Bezug: Berlin sollte man ja gesehen haben. Mir, dem diese touristische Pflicht noch bevorsteht, macht der Roman Lust darauf.

Die Liebesgeschichten: Eine Wiener Kommissarin, die im Privatleben so resch gar nicht ist, wie sie sich den Berlinern gegenüber am Telefon geben zu müssen glaubt, und ein fescher Berliner Kommissar: Da muss sich doch etwas entwickeln. Und tatsächlich, am Ende… Aber psst! Damit es seine Berliner Beziehungsaspirantin nicht erfährt.

Die Eisenbahn: Der Mord spielt sich in einem Zug von Wien nach Berlin ab. Ich war zunächst überrascht, dass der Zug vom Westbahnhof abfahren soll. Aber tatsächlich, der Euro-Night von Wien nach Berlin fährt um Viertel elf vom Westbahnhof ab. Derzeit jedenfalls. Vor ein paar Jahren war es wohl nicht anders. Ich als Eisenbahnfan liebe es natürlich, wenn dieses Verkehrsmittel in einem Roman eine Rolle spielt. Wenn auch hier in unerfreulichem, da tödlichem Zusammenhang.

Das Kriminelle und die Ermittlungen: logisch, bei einem Krimi.

Genug Gründe also, diesen Roman zu mögen.

Stilistisch stellt er auch kein Problem dar, wenn man Freude am Berlinerischen hat. Das Wienerische ist im Vergleich dazu etwas sparsamer verwendet, was vielleicht mit der angepeilten gesamtdeutschen Leserschaft zu tun hat, die sich wohl mit dem Berliner Dialekt – seit Gerhart Hauptmann ja Grundwissen für Literaturbegeisterte – leichter tut als mit dem Wienerischen.

Claus-Ulrich Bielefeld, Petra Hartlieb: Auf der Strecke. Ein Fall für Berlin und Wien. Diogenes, Zürich, 2011. 358 Seiten.

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