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„Es sind vortreffliche Italienische Sachen daselbst“. Louise von Göchhausens Tagebuch ihrer Reise mit Herzogin Anna Amalia nach Italien

Wolfgang Krisai: Rokoko-Berline, sogenannter "Prinzen- oder Damenwagen", Wagenburg, Schloss Schönbrunn, Wien. Federzeichnung, 2017.

Meine Frau schenkte mir diese wissenschaftliche Ausgabe von „Louise von Göchhausens Tagebuch ihrer Reise mit Herzogin Anna Amalia nach Italien vom 15. August 1788 bis 18. Juni 1790“. Es ist der Band 72 der „Schriften der Goethe-Gesellschaft“ und vom Wallstein-Verlag in gediegener Weise gestaltet.

Interessant kommentierte Ausgabe

Das eigentliche Tagebuch umfasst 148 Seiten, darüber hinaus gibt es eine Einleitung, editorische Erläuterungen, einen äußerst umfangreichen Sachkommentar und ein kommentiertes Personenverzeichnis.

Die Idee, die Personen normalerweise nicht im Kommentar zu kommentieren, sondern im Personenverzeichnis, ist sehr praktisch, da man ja häufig nicht beim ersten Auftreten der Person gleich etwas nachschauen will, sondern vielleicht erst beim fünften oder zehnten. Allerdings ist die Kommentierung im Personenverzeichnis deutlich weniger ausführlich als die zu den Sachthemen im Sachkommentar, wo die Informationen oft geradezu ausufern, vor allem, wenn es um Kunstwerke geht, die besichtigt und genannt werden.

Einige Seiten des Originals sind abgebildet, sodass man auch von der Handschrift Göchhausens einen Eindruck bekommt. Auch ein von Goethe gezeichnetes Porträt der Autorin ist enthalten.

Scharfes Mundwerk, aber nüchternes Tagebuch

Louise von Göchhausen war eine kleine, verwachsene Frau, die lange Jahre die Hofdame der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach war und nur wenige Monate nach deren Tod 1803 ebenfalls starb. Sie war beliebt, weil sie einen scharfen Verstand und ein offenbar nicht weniger scharfes Mundwerk hatte.

Das goutierte möglicherweise aber nicht jeder, denn im Kommentar zum 1. 12. 1789 (Aufenthalt war gerade in Rom, an diesem Tag erfuhr man vom Selbstmord des jungen Sängers David Heinrich Grave) wird vermutet, Louise von Göchhausens ständige Sticheleien gegen den Sänger hätten zu dessen Tod beigetragen und darüber sei es zu einem ernsten Zerwürfnis mit der Herzogin gekommen (wovon wieder Goethe ein Jahr später in einem Brief etwas andeutet). Im Tagebuch wird davon nichts gesagt, denn Gefühle und Kommentare sind daraus generell ausgespart.

Genaue Chronistin des Tagesgeschehens

Göchhausen vermerkt genau, aber in aller Kürze, was jeden Tag gemacht wurde, wo man übernachtete, wo man einkehrte, welchen Vergnügungen man sich hingab.

Die Herzogin liebte die Musik (komponierte sogar selbst), daher hatte sie Musiker – zunächst einen Schweizer Komponisten, der sich aber bald beurlauben ließ, und dann eben diesen unglückseligen Grave – in ihrer Entourage, wie übrigens auch einen Arzt, einen Koch, einen italienischen Cicerone, eine Kammerfrau, eine Kammerjungfer, einen Hofmarschall und die Hofdame Göchhausen umfasste.

Eigentlich inkognito

Die Herzogin reiste inkognito unter dem Namen Gräfin von Allstedt, konnte das Inkognito aber vor allem in Rom nicht mehr aufrecht erhalten.

Die Reiseroute – am vorderen Vorsatzpapier auf einer Landkarte abgebildet – verlief von Weimar über Regensburg, München, Innsbruck, Verona, Mailand, Parma, Florenz, Pisa, Siena, Viterbo nach Rom, wo man länger blieb, dann weiter nach Neapel, nach einem Monat zurück nach Rom, dann bald wieder nach Neapel, wo man dann lange blieb – mit Ausflügen nach Paestum, auf die Insel Ischia, nach Andria (dort aber merkwürdiger Weise nicht zum Castel del Monte!), zurück ging es dann über Rom, Ancona, Bologna, Venedig, Padua, Verona, Innsbruck, Augsburg, Nürnberg nach Weimar. In Venedig erwartete sie Goethe, der dort schon ein Monat zu früh eingetroffen war, und begleitete sie dann nach Hause.

Die Reise beanspruchte die Weimarer Staatsfinanzen empfindlich, zumal die Herzogin die geplante Reisezeit von einem Jahr fast um ein weiteres Jahr überzog. Aber es gefiel ihr in Neapel dermaßen…

Erstaunliche Aufnahmekapazitäten

Absolut erstaunlich ist die Aufnahmekapazität der Herzogin und der Hofdame, was Kunstwerke betrifft. Praktisch jeden Tag wird irgendeine Sehenswürdigkeit besichtigt, manchmal auch mehrere, und in den Kirchen, Klöstern und Palästen (die, sofern der Besitzer abwesend war, offenbar problemlos zugänglich waren) wurde nach bedeutenden und weniger bedeutenden Gemälden Ausschau gehalten. 

Darüber hinaus empfing die Herzogin fast täglich Künstler, die ihr Zeichnungen vorlegten, von denen sie gelegentlich welche kaufte, oder die sie porträtierten. So etwa Angelika Kauffmann, Tischbein, aber auch den Maler Verschaffelt und viele andere.

Gesellschaftsleben

Täglich wurde in Gesellschaft gespeist, der Koch war also eine wesentliche Figur in der Reisegesellschaft. Und am Abend ging man in die Oper, in ein Konzert, ließ sich vorsingen oder vorspielen oder spielte und sang selbst. In den wenigen stillen Stunden schrieben sowohl die Herzogin wie auch die Hofdame an ihren Tagebüchern. 

Von Lektüre ist nie die Rede, möglicherweise wurden aber Reiseführer (sofern es solche schon gab) konsultiert. Jedenfalls hätte man nicht so viele Kunstwerke besichtigen können, wenn man nicht im Vorhinein von deren Existenz erfahren hätte.

Die Natur spielt ebenfalls eine geringere Rolle. So spektakuläre Naturschauspiele wie aus dem Vesuv hervorquellende Lava, zu der man extra hinaufstieg bzw. -getragen wurde, oder Wasserfälle, Schluchten oder Ähnliches besichtigten die Reisenden aber sehr wohl.

Eigene Kutsche, fremde Pferde

Die Gruppe reiste in zwei eigenen Kutschen, nur die Pferde wurden an den Poststationen gewechselt, manchmal mussten auch welche zusätzlich vorgespannt werden, um Berge zu überwinden. Diese Kutschen waren sicher nicht gerade bequem im Verhältnis zu heutigen Fortbewegungsmitteln. Außerdem konnten sie umstürzen (was einmal geschah, wobei aber niemand verletzt wurde) oder Räder konnten zu Bruch gehen (was öfter geschah). Vor dem Regen schützten sie jedoch offenbar ausreichend, auch Kälte ließ sich ertragen.

Insgesamt eine äußerst interessante Lektüre. Man möchte gleich mehr über Louise von Göchhausen oder Anna Amalia erfahren.

„Es sind vortreffliche Italienische Sachen daselbst“. Louise von Göchhausens Tagebuch ihrer Reise mit Herzogin Anna Amalia nach Italien vom 15. August 1788 bis 18. Juni 1790. Hg. u. komm. v. Juliane Brandsch. Schriften der Goethe-Gesellschaft, Band 72. Wallstein-Verlag, Göttingen, 2008. 518 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Rokoko-Berline, sogenannter „Prinzen- oder Damenwagen“, Wagenburg, Schloss Schönbrunn, Wien. Federzeichnung, 2017. – Mit einer Zeichnung von Anna Amalias Reisekutsche kann ich nicht aufwarten, aber zumindest von dieser schönen Kutsche aus der Wiener Wagenburg.

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Montaigne: Tagebuch der Reise nach Italien

Wolfgang Krisai: Der Turm Montaignes auf Schloss St. Michel de Montaigne. Farbstift und Tuschestift. 2014.Ich hatte einen Klassenkollegen, der regelmäßig wegen Nierenkoliken ausfiel. Er war kaum die Hälfte der Schultage in der Schule, so sehr setzte ihm die Krankheit zu. Nun habe ich ein Buch eines Leidensgenossen dieses Mitschülers gelesen: das Reisetagebuch von Michel de Montaigne (1533 – 1592) aus den Jahren 1580 und 1581. Wenn jemand ständig von Nierenkoliken, abgehenden Nierensteinen und Nierensand, dazu noch von Migräne und Zahnschmerzen heimgesucht wird, darf man sich nicht wundern, dass er in seinem Tagebuch darüber schreibt. Erstaunlich ist es vielmehr, wenn dieser Geplagte trotzdem noch andere Dinge wahrnimmt, wie Montaigne es tut.

Der Hauptzweck seiner Reise scheint jedenfalls medizinischer Natur gewesen zu sein: so viele Heilbäder wie möglich aufzusuchen und auszuprobieren, in der Hoffnung, dass sie seine Krankheit lindern. Ob er auf völlige Heilung gehofft hat, geht aus dem Buch nicht hervor. Von den Ärzten, deren einige er unterwegs konsultiert, scheint er jedenfalls wenig erwartet zu haben.

Protokoll einer Krankheit

Man glaubt jedenfalls kaum, wie viele Kurorte mit Heilquellen Montaigne auf seinem Weg aufspürt und welche Mengen an Heilwasser er dort trinkt und wieder ausscheidet. Wie gut ihm diese oder jene Therapiemethode tut, wie gut oder schlecht er schläft, was er isst und was lieber nicht, all das (und einiges Unappetitlichere) wird minutiös beobachtet und notiert.

1580 Aufbruch

Montaigne bricht 1580 zu seiner Reise auf, nachdem er die Erstausgabe seiner Essais dem französischen König überreicht hat. Natürlich reist er nicht allein, sondern in Gesellschaft einiger junger Adeliger, die im Tagebuch aber eine recht untergeordnete Rolle spielen. Seine Route führt ihn von Beaumont-sur-Oise bei Paris über Châlons-sur-Marne nach Basel, von dort über Baden, Schaffhausen, Konstanz und Lindau nach Augsburg.

Offen für alles Ungewöhnliche

Noch in Frankreich lernt er interessante Fälle von Transgender-Menschen kennen: Einerseits erfährt er von einer Marie, die sich als Mann verkleidete, eine Frau heiratet, aber kurz darauf verraten und gehenkt wurde. Ich vermute, es handelte sich hier um eine lesbische Frau, die auf diesem Weg ihre sexuelle Orientierung ausleben wollte. Kurz darauf berichtet er über eine weitere Marie, jene „mit dem Bart“, bei der, als sie noch ein Mädchen war, bei einem heftigen Sprung plötzlich männliche Geschlechtsteile hervortraten. Der zuständige Bischof taufte sie um auf Germain (S. 31f).

An diesen Beispielen erkennt man, dass Montaigne auf seiner Reise offene Augen und Ohren für alles „Interessante“ und Ungewöhnliche hat. Für eine ungewöhnliche Sehenswürdigkeit oder ein Treffen mit einem ungewöhnlichen Menschen macht er gelegentlich auch einen Umweg, andererseits lässt er wichtige Orte links liegen, wenn er stattdessen schneller in einen neuen Badeort gelangt.

Wunderwerk der Festungstechnik

In Augsburg schildert er minutiös den damals legendären „Augsburger Einlass“, eine mit komplizierter Mechanik betriebene Abfolge von Stadttoren, durch die man in der Nacht in die Stadt gelangen konnte, ohne direkt mit einem Pförtner oder Torwächter in Berührung zu kommen. Aber nur, wenn man in einem der Zwischengelasse seinen Obulus in der richtigen Höhe in eine Schale geworfen hatte, die der Wächter sogleich hochzog. War es zu wenig Geld, blieb der Einlass Heischende eben bis zum Morgengrauen innerhalb des „Einlasses“ gefangen… (S. 97-99).

Montaigne vermerkt auch jeden Tag, wie viele Meilen er zurückgelegt hat. In den Anmerkungen ist aufgelistet, wie lange eine Meile in welcher Gegend war. Das konnte von 4 km bei Paris bis zu 8,35 km in der Schweiz differieren.

Erste Hälfte vom Sekretär verfasst

Die erste Hälfte der Reise notiert übrigens nicht Montaigne persönlich, sondern ein Sekretär, dem dieser den Tagesablauf erzählt hat. Der Sekretär schreibt also offenbar nicht oder nicht immer genau nach Diktat, sondern fasst in eigenen Worten zusammen, was sein Herr im erzählt. Er war ja nicht immer dabei, wenn Montaigne z. B. bei einem örtlichen Adeligen zu Gast war.

Diese Schreibsituation führt allerdings stellenweise zu Unklarheiten, wer hier das „Ich“ des Textes sei. Montaigne? Der Sekretär?

Am liebsten zu Pferd

Von Augsburg geht es über München nach Innsbruck, wo der habsburgische Herzog ihn nicht vorlässt, weil er gerade nicht gut auf die Franzosen zu sprechen ist (wegen einer ganz und gar unpolitischen Affäre: die französische Post wollte für einen auf dem Postweg abhanden gekommenen Edelstein des Herzogs keinen Schadenersatz zahlen).

Weiter über Südtirol, Trient nach Verona, Vicenza und Venedig. Auch wenn er erst auf der Rückreise diese Stadt genauer kennenlernen will, kann Montaigne sich nicht beherrschen, besucht Venedig und reitet dann wieder zurück nach Padua – obwohl er höchst ungern einen Weg zweimal zurücklegt. Sein Glück, denn die Rückreise läuft ganz anders ab als geplant und er kommt nie wieder nach Venedig.

Montaigne ist am liebsten zu Pferd unterwegs, denn das tut seinem Leiden gut. Außerdem wird ihm in Sänften, Kutschen oder Schiffen regelmäßig schlecht.

Bücher beschlagnahmt

Über Ferrara, Bologna und Florenz gelangt er schließlich zum südlichsten Punkt seiner Reise, nach Rom. Hier beanstandet er, dass er übergenau gefilzt wird. Insbesondere seine mitgeführten Bücher, auch seine eigenen Essais, werden zur Kontrolle vorläufig beschlagnahmt. Wochen später erhält er sie zurück, wobei beanstandet wird, dass er Bücher mit ketzerischen Inhalten mitführe: nämlich solche, in denen zum Zweck der Widerlegung die Lehren der Protestanten zitiert werden. Auch seine Essais findet die Behörde nicht ganz astrein, und es wird ihm empfohlen, in späteren Auflagen die beanstandeten Stellen zu ändern.

Vor allem in Deutschland und der Schweiz hatte sich Montaigne immer ausführlich über die konfessionellen Verhältnisse informiert. Kein Wunder in Zeiten, wo es eine der wesentlichsten Fragen war, ob man Katholik, Lutheraner, Zwinglianer oder Calvinist war. Wie so oft stellt sich bei näherer Betrachtung heraus, dass die meisten Leute überhaupt ihre eigene Mixtur aus Lehren der verschiedenen Konfessionen glauben und man vielerorts ganz gut und friedlich damit leben kann. (In Montaignes Heimat leider nicht.)

Beim Papst in Rom

In Rom dominiert logischer Weise der Katholizismus. Montaigne, selbst praktizierender Katholik, besucht zu Weihnachten die Papstmesse im Petersdom und ist überrascht, wie ungeniert sich während der heiligen Handlung die konzelebrierenden Kardinäle über ganz weltliche Dinge unterhalten. Auch eine Audienz beim Papst wird ihm gewährt, und er schildert das umständliche Zeremoniell samt Fußkuss mit sanfter Ironie. Immerhin: der 80jährige Papst ist wesentlich gesünder als der viel jüngere Montaigne! (S. 170-174)

Zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt

In Rom kommt Montaigne sein Sekretär abhanden (hat er ihn entlassen? ist er ihm durchgegangen?) – also schreibt er den Rest des Tagebuchs (ungefähr die Hälfte) selbst, zunächst auf Italienisch, in Frankreich dann wieder auf Französisch. Ab diesem Zeitpunkt werden die gesundheitlichen Aspekte viel dominanter, kein Wunder.

In der Nähe von Lucca nimmt Montaigne überhaupt einen längeren Bade-Aufenthalt, wohnt privat (genaue finanzielle Überlegungen spielen immer wieder eine wichtige Rolle), gibt einmal sogar eine Art „Ball“ für alle, die kommen wollen.

Ein bisschen geht es noch kreuz und Quer durch Italien, dann ereilt Montaigne die Nachricht, er sei in absentia zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt worden (eine Funktion, die auch schon sein Vater bekleidete). Das freut ihn nicht besonders, und er macht sich gleich in die Gegenrichtung, zu einem zweiten Aufenthalt in Rom, auf den Weg. Aber das hilft nichts: Als ihn der französische König persönlich nach Bordeaux befiehlt, muss er folgen. Ein kurzer zweiter Badeaufenthalt in Lucca noch, und dann ab nach Hause. Allmählich interessiert ihn nur noch das schnelle Vorankommen, da nimmt er sogar eine Sänfte in Kauf, die ihn über den Pass nach Mont Cenis bringt.

„Donnerstag, am Tag des Sankt Andreas und letzten Tag des November kehrte ich schließlich zur Nacht nach Montaigne heim, sieben Meilen: von wo ich an zweiundzwanzigsten Juni 1580 aufgebrochen war, um nach La Fère zu gehn. So hat meine Reise siebzehn Monate und acht Tage gedauert.“ Das sind die letzten Worte des Reisetagebuchs (S. 375).

Editions-Krimi

Während Montaigne seine Essais selbst zum Druck befördert hatte, verstaute er sein Reisetagebuch tief unten in einer Truhe. Dort ruhte es unbeachtet bis 178 Jahre nach seinem Tod. Als es 1770 von Abbé Joseph Prunis aufgestöbert wurde, begann ein regelrechter Editions-Krimi, den der Übersetzer Hans Stilett im Vorwort beschreibt. Der Abbé wird nämlich just von jenen Experten der königlichen Bibliothek, die die Authentizität des Tagebuchs bestätigten, ausgebootet, und ein anderer Herausgeber bringt das Buch 1774 an die Öffentlichkeit. Diese – insbesondere die Aufklärer – ist enttäuscht: Der liberale Selbstdenker der „Essais“ entpuppt sich als braver Katholik, der jeden Sonntag in die Messe geht, und als wunderlicher Selbstbeobachter, der ständig von seinen Nierensteinen schreibt.

Das Original und die Transkription von Joseph Prunis gehen verloren. Immerhin gibt es schon 1777-79 die erste deutsche Übersetzung. Goethe ist vom französischen Original begeistert: Es bereitete ihm „an manchen Stellen noch mehr Vergnügen als seine Essais“.

1908 bringt Otto Flake eine – fehlerhafte – Übersetzung heraus, die als Insel-Taschenbuch bis heute lieferbar ist. Hans Stilett übersetzte nun alles neu und unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse, sodass man mit dem schönen Band der „Anderen Bibliothek“ eine verlässliche Ausgabe in Händen hat.

Michel de Montaigne: Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580 bis 1581. Übersetzt und mit einem Essay versehen von Hans Stilett. Die Andere Bibliothek, Berlin, 2014. 492 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Der Turm Montaignes auf Schloss St. Michel de Montaigne. Farbstift und Tuschestift. 2014. – In diesem Turm hatte Montaigne sein Refugium mit Kapelle, Wohnzimmer, Schreibkammer und Bibliothek. Der kleine Ort mit Montaignes Geburts- und Wohnschloss liegt rund 30 km östlich von Bordeaux.

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