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Jakob Wassermann: Faber oder Die verlorenen Jahre

Wolfgang Krisai: Mann im Restaurant. 2013. Bleistift.

„Faber oder Die verlorenen Jahre“, erstmals veröffentlicht 1924 bei S. Fischer, ist ein Roman über schwierige Menschen, die mit ihrem Leben kaum zurechtkommen. Diese Menschen sind Eugen Faber, seine Frau Martina und deren Haushälterin und Freundin Fides.

Flucht aus Sibirien

Eugen Faber kehrt zu Beginn des Romans nach sechs Jahren Gefangenschaft und Flucht im Jahr 1920 nach Hause zurück. Er war bereits ganz am Anfang des 1. Weltkriegs in russische Kriegsgefangenschaft geraten und nach Sibirien verschleppt worden, von wo ihm eine abenteuerliche Flucht nach China gelang, von wo er nun endlich nach Hause zurückkehren konnte. Seit Längerem schon steht er aber mit seiner Frau in brieflichem Kontakt. Allerdings ist seine Frau keine große Briefschreiberin, sondern berichtet nur trockene Fakten.

An eine Sekte verloren

Diese haben aber schon genügt, um Eugen das Schlimmste fürchten zu lassen: dass er seine Frau an eine Art Sekte verloren habe.

Deshalb geht er zu Beginn auch nicht zu ihr, sondern zu seinem ehemaligen Lehrer und Freund Fleming und danach zu seiner Mutter Anna. Diese Mutter ist ein spezieller Fall: Sie war eine Feministin der ersten Stunde, militante Vertreterin der antiautoritären Erziehung ante litteram und ist nun eine schwierige Pensionistin, die im Haus ihrer Tochter Maria, die einen reichen Konservativen geheiratet hat, eine gerade noch geduldete Person ist.

Der diebische Neffe

In diesem Haus gibt es auch noch den Sohn von Eugens Bruder Roderich, Valentin, der etwa in der Mitte des Romans aus dem engen Leben ausbricht und verschwindet, später auftaucht und ein Diamantencollier aus der Schmucklade Marias stiehlt, das dieser von ihrer Schwiegermutter geliehen worden war. Valentin wird allerdings schnell überführt und dann von Fides, die ihn geschickt beredet, zur Herausgabe des Schmuckes überredet. Diese Szene ist ein entscheidender Punkt im Leben Eugens, der bei der Ausforschung und Überführung des Diebes mitgewirkt hat.

Entfremdung

Eugen ist nämlich inzwischen natürlich doch nach Hause zu seiner Frau Martina zurückgekehrt, doch er muss feststellen, dass ihm seine Frau entfremdet ist. Da sie aber nichts erzählt, bleibt ihm völlig schleierhaft, was ihn an ihre neue Aufgabe bindet: Sie ist zuständig für die Auswahl jener obdachlosen Kinder, die in ein von einer „Fürstin“ geleitetes Kinderdorf aufgenommen werden. Die Fürstin übt auf ihre Umgebung eine Wirkung aus, die jener eines Sektengurus ähnlich ist. Man traut ihr geradezu Wunder zu, jedenfalls aber die Kraft, jeden Menschen allein durch ihre Gegenwart und ihre Worte grundlegend zu verändern. So hat sie nicht nur Martina, sondern auch Fides in ihren Bann gezogen. Fides allerdings hat die Fürstin die Stelle bei Martina verschafft, die für ihren Sohn Christoph während ihrer Abwesenheit eine Betreuungsperson braucht.

Eugen beachtet Fides zunächst kaum. Er widmet sich eher seinem kleinen, kaum mehr als sechsjährigen Sohn, der manchmal mit unglaublich altklugen Reden irritiert. Seine Mutter hat Eugen auch eine Stelle als Beamter verschafft, in der er für irgendwelche baulichen Angelegenheiten zuständig ist, was seinem Beruf als Architekt immerhin ungefähr entspricht.

Offenheit – Nähe – Kuss

Nach einigen Monaten fährt Martina mit der Fürstin nach London, wo sie mit Geldgebern verhandeln. Während dieser zwei Wochen kommt es – wenig überraschend – zu immer tieferen und intimeren Gesprächen zwischen Fides und Eugen. Fides erzählt ihm ihre unglückliche Lebensgeschichte, Eugen eröffnet ihr Einblicke in seine gegenwärtigen Beziehungsprobleme mit Martina. Diese Offenheit stellt eine solche Nähe her, dass es kein Wunder ist, dass Eugen in der angespannten Situation nach Valentins Diebstahl so froh ist, dass Fides diesen zur Vernunft bringen konnte, dass er sie schließlich umarmt und küsst.

Am nächsten Tag kommt Martina verfrüht aus London zurück. Sie merkt sofort, dass hier irgendetwas geschehen ist. Fides wiederum sucht bei der Fürstin Rat, die nun Eugen zu sich bittet.

Flucht vor der Entscheidung

Fides schlägt Eugen vor, Martina solle entscheiden, ob Eugen bei ihr oder bei Fides bleiben solle. Die Fürstin rät Eugen überraschender Weise dazu, die Beziehung zu Fides bis zu Neige durchzuleben, jetzt, wo sie schon einmal angefangen sei.

Völlig aufgewühlt verlässt Eugen die Fürstin und quartiert sich vorläufig bei Fleming ein. Als er seine Sachen von zu Hause holen will, trifft er dort die beiden Frauen an. Er sagt, dass er hier nicht bleiben könne, sondern dass Fides bei Martina bleiben müsse.

Martina reagiert „mit einem Ton zwischen Schmerz und Jubel, klindlichem Schmerz und strahlendem, geheimnisvollem Jubel: ‚Fides, wach auf! Fides, wach auf! Weißt du es denn? Hast du’s gehört? Er ist fort, der Liebste! Der Aller-Allerliebste ist von mir fortgegangen…‘ / Und sie küsste Fides und lachte und schluchzte dabei. Es war wie Verrücktheit. / Fides sah sie mit schwerem Blick verwundert an und senkte das Haupt.“ (S. 394)

Sehr offenes Ende

Das ist das Ende des Romans. Der seltene Fall eines sehr offenen Roman-Endes. Denn Fides kann doch wohl nicht bei Martina bleiben, wie sich Eugen das vorgestellt hat. Aber kann sie zu Eugen ziehen? Das verbietet ihr der Respekt vor Martina. Und diese? Ist sie nun froh, Eugen los zu sein, oder wird sie gerade vor Schmerz verrückt?

Der Roman ist in einer gut lesbaren Sprache geschrieben, kein Wunder, dass Wassermann zu seiner Zeit zu den meistgelesenen Schriftstellern deutscher Sprache gehörte.

Jakob Wassermann: Faber oder Die verlorenen Jahre. Roman. Nachwort von Insa Wilke. Manesse, Zürich, 2016. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 411 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Mann im Restaurant. 2013. Bleistift.

 

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Henry James: Washington Square

Washington Square Park, New York City

Zur Zeit des Romans eine ländliche Idylle, heute ein beliebter Park: Washington Square Park, New York City (Foto: W. Krisai)

Henry James wurde selbst am Washington Square geboren, kennt den Schauplatz also genauestens. Der Roman spielt zu einer Zeit, wo der Platz noch nicht von Wolkenkratzern umstellt, sondern von kleinen Bürgerhäusern gesäumt war und einen durchaus ländlichen Charakter hatte. Sah man aus dem Fenster, konnte man sich wie auf dem Land fühlen.

Der Arzt Dr. Austin Sloper besitzt eines dieser Häuser und lebt dort mit seiner Tochter Catherine und seiner verwitweten Schwester Lavinia. Auch er ist verwitwet.

Der Roman erzählt geradlinig, wenn auch in manchmal ironischem Ton, von der einzigen Liebesgeschichte Catherines. Einer unglücklichen Geschichte.

Vier ausgeprägte Charaktere

In dieser Geschichte stoßen vier ausgeprägte, teils ausgeprägt wunderliche Charaktere aufeinander:

Am normalsten ist noch der Arzt selbst, der als Arzt erfolgreich, als Bürger untadelig und als Vater den Konventionen der Zeit entsprechend streng ist. Sein Fehler ist nur, dass er sich einbildet, einen untrüglichen Scharfblick für die Psyche seiner Mitmenschen zu besitzen.

Von seiner Tochter Catherine hält er wenig. In seinen Augen ist sie ein einfältiges Wesen, das er leiten, lenken und beschützen muss, weil es sonst ins Unglück läuft. Das soll sie natürlich nicht, im Gegenteil, der Vater erhofft für sie eine gute Partie, mit der sie einstmals ihre stattliche Erbschaft, die ihr zusteht, sinnvoll nutzen wird.

Catherine ist jedoch nicht einfältig, sondern nur in höchst ungewöhnlicher Weise langsam und unbeirrbar. Ihre Gefühle entstehen wie in Zeitlupe, doch wenn sie einmal da sind, klingen sie auch nie mehr ab. Für mehr als eine Liebe ist in solch einer Seele kein Platz.

In hohem Grade verrückt

Tante Lavinia hingegen ist in hohem Grade verrückt. Sie ist einer jener Menschen, die ihre verquere Vorstellung von der Wirklichkeit für die einzige Wahrheit halten. Sie träumt von romantischer Liebe für ihre Nichte und deren Verehrer, gleichzeitig ist sie selbst in diesen Jüngling verliebt. Sie fühlt sich berufen, durch geheime Machenschaften die Liebe der beiden zu fördern, und sei es um den Preis des Durchbrennens und geheimer Hochzeit irgendwo im Unbekannten. Wenn sie mit jemandem spricht, fasst sie nur die Hälfte richtig auf, und wenn sie später davon erzählt, stellt sie diese Hälfte völlig anders dar, als sie in Wirklichkeit war. Sie empfindet das nicht als Lüge, sondern glaubt wirklich, was sie daherflunkert.

Der junge Liebhaber …

Wer ist nun der junge Liebhaber? Es ist ein gewisser Morris Townsend, der plötzlich bei einer Gesellschaft auftaucht, die die zweite Schwester Dr. Slopers gibt. Sie hat ihn eingeladen, weil er bei einer Freundin wohnt und ein charmanter junger Mann ist. Viel mehr weiß man über ihn zunächst nicht.

Rätselhafter Weise stürzt sich dieser Charmeur mit bohrender Energie auf die schüchterne Catherine und macht ihr vehement den Hof. Irgendwie ist nämlich bis zu ihm durchgesickert, welch reiche Partie sie ist.

Morris ist ein Habenichts und Luftikus, wie Dr. Sloper schnell herausfindet. Sein ererbtes Vermögen hat er schnell verjubelt, und nun lebt er auf Kosten seiner Schwester, deren Kindern er angeblich Spanisch beibringt als Gegenleistung für Kost und Logis.

… kommt als Schwiegersohn nicht in Frage

Für Sloper ist schnell klar: Dieser Kerl ist nur auf das Geld seiner Tochter aus. Als Schwiegersohn kommt er nicht in Frage.

Sloper ist allerdings zu selten zu Hause, um genau verfolgen zu können, was dort vor sich geht. Ärzte besuchten damals den ganzen Tag lang ihre Patienten in deren Häusern.

Während der Vater also nicht da ist, empfängt Catherine immer häufiger ihren Verehrer, was von Tante Lavinia nach Kräften gefördert wird. Dass Sloper den beiden verbietet, den jungen Mann zu empfangen, hat keine Wirkung. Im Gegenteil, Lavinia ist geradezu stolz darauf, ihren eigenen Kopf durchzusetzen.

Catherine hingegen, die bisher ihren Vater wie einen Gott verehrt hat und nie auf die Idee gekommen wäre, sich ihm im mindesten zu widersetzen, fühlt in sich eine immer unwiderstehlichere Liebe zu Morris wachsen, die sie über die Rechte des Vaters stellt.

Heiratsantrag und Nervenzusammenbruch

Schließlich wagt es Morris, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Von diesem erzählt sie noch am selben Abend dem Vater, der ihr unmissverständlich klar macht, dass er diese Verbindung niemals dulden werde. Catherine reagiert mit einem kleinen Nervenzusammenbruch.

Am nächsten Tag kommt Morris, um offiziell um die Hand Catherines anzuhalten, und wird brüsk abgewiesen. Er kann es selbst kaum glauben. Noch nie hat jemand seinem charmanten Wesen widerstanden.

Catherine hofft nun, bestärkt von Lavinia, der Vater werde, wenn sie in der Liebe standhaft bleibe, eines Tages nachgeben. Das erwartet auch Morris, weshalb er die Flinte noch nicht ins Korn wirft, sondern im Geheimen weiter mit Catherine verkehrt.

Europa hilft nicht

Der Vater hofft, mit einer ausgedehnten Europareise zu bewirken, dass Morris von Catherine ablässt und eine andere aufgabelt. Denn dass Catherine den Verehrten innerhalb eines halben Jahres vergessen werde, ist angesichts von deren Langsamkeit in Gefühlsdingen nicht zu erwarten.

Was der Vater sechs Monate lang nicht mitbekommt, ist allerdings der rege geheime Briefverkehr zwischen Catherine und Morris, der über Lavinia läuft, in deren Briefen die des Verehrers versteckt sind. Als der Vater nach einem halben Jahr einmal fragt, ob Catherine noch an Morris denke, beichtet sie ihm ihre Korrespondenz. Der Vater ist schwer enttäuscht und redet nichts mehr mit der Tochter.

Währenddessen besucht Morris alle paar Tage Lavinia und macht es sich wie ein Pascha in den Räumen von Dr. Sloper gemütlich, pafft dessen Zigarren und trinkt dessen Wein.

Nach einem vollen Jahr kehren die Catherine und ihr Vater zurück. Der eigentliche Zweck der Reise ist völlig verfehlt. Catherine trifft sich sofort wieder mit Morris und plant eine geheime Hochzeit. Lavinia ist hingerissen.

Enterbt und verlassen

Sloper kann seiner volljährigen Tochter nicht verbieten, einen Mann ihrer Wahl zu treffen und gar zu heiraten. Er kann ihr auch nicht die 10000 Dollar Erbe von seiten ihrer Mutter sperren. Sehr wohl aber kann er ihr die 20000 Dollar, die sie von ihm erben sollte, testamentarisch entziehen und das Geld wohltätigen Zwecken widmen. Genau das droht er Catherine und Morris nun an.

Als Morris realisiert, wie ernst es Sloper damit ist, will er von Catherine schlagartig nichts mehr wissen. Diese glaubt das zunächst einfach nicht, sondern wälzt weiter geheime Heiratspläne. Schließlich aber dämmert ihr doch, was Morris’ plötzliche angebliche geschäftliche Verpflichtungen in New Orleans bedeuten. Damit bricht für sie die Welt zusammen.

Nur aus Hass auf ihren unbeugsamen Vater lässt sie sich von ihrem Leid nichts anmerken. Und diese Haltung wird ihr zur Gewohnheit.

Summarisch fasst der Roman zum Schluss zusammen, was weiter geschieht:

Catherine bleibt eine immer ältere Jungfer, die sich für wohltätige Institutionen einsetzt und in dieser Rolle hoch geachtet ist. Morris führt das Leben einer verkrachten Existenz, mit kleinen Geschäften hier und dort. Gelegentlich kreuzt er am Rande des Geschichtskreises von Catherine auf, doch sie will nichts mehr von ihm wissen.

Mit Lavinia pflegt er weiterhin losen Kontakt, und diese glaubt, wenn er nur erscheine, könne er Catherine sofort wieder für sich gewinnen. Als Sloper gestorben ist, arrangiert Lavinia tatsächlich einen Überraschungsbesuch Morris’ bei Catherine. Diese ist über diese Dreistigkeit erbost und wirft ihn hochkant hinaus.

Damit endet diese verquere Liebesgeschichte.

Ironische Distanz, messerscharf formuliert

James schildert das alles aus ironischer Distanz. Man fragt sich, warum überhaupt. Warum lässt ein Autor zweihundert Seiten lang kein gutes Haar an seinen Protagonisten? Sogar Sloper, der noch die am positivsten gestaltete Figur ist, wirkt mit seinem Starrsinn nicht gerade sympathisch. Er will das Beste für seine Tochter, erreicht aber nur, dass ihr Leben zu kalter Routine über düsterem Leid wird. Schlimm ist vor allem seine völlige Blindheit gegenüber den Machenschaften Lavinias, die viel zum Unglück ihrer Nichte beiträgt.

Die Sprache, mit der dieses Panoptikum menschlicher Verbohrtheit dargestellt ist, macht den Roman allerdings zum Vergnügen. James ist ein messerscharfer Formulierer, dessen Sätze man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Das fördert zwar das Lesetempo nicht, lässt einen aber immer wieder über die Treffsicherheit des Ausdrucks schmunzeln.

Henry James: Washington Square. In: Henry James: Novels 1881-1886. The Library of America, Band 29. [Des Moines], o. J., S. 1-189.

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Jaan Kross: Wikmans Zöglinge

Wolfgang Krisai: Zwei Gymnasiasten beim Zeichenunterricht. Ölkreide, ca. 1995.

Ein neuer Roman des estnischen Autors Jaan Kross (1920-2007)! Zehn Jahre nach seinem Tod und 30 Jahre, nachdem Kross ihn zu schreiben begann, endlich auf Deutsch. Da ich schon mehrere Romane von Kross mit Begeisterung gelesen habe, musste ich natürlich zuschlagen – und das Buch auch gleich lesen.

Autobiographisch

Das Wikmansche Gymnasium in Tallinn ist der Hauptschauplatz, der zu Beginn, im Jahr 1937, 17jährige Schüler Jaak Sirkel die Hauptfigur. Da dämmert dem Leser natürlich sehr schnell, dass es sich um einen autobiographischen Roman handeln könnte. Das Nachwort von Cornelius Hasselblatt bestätigt diese Vermutung.

Gymnasiastenroman

Man kann sich also mit Vergnügen in einen breit ausladenden Gymnasiastenroman vertiefen, der bestens unterhält und einen zunächst nicht unbedingt mit Tiefgang behelligt. Damals hatte jeder Lehrer und jede Lehrerin – in Wikmans Knabengymnasium gab es auch weibliche Lehrkärfte – nicht nur seinen bzw. ihren Spitznamen, sondern vor allem ausgeprägte Marotten, einen sehr individuellen Sprachduktus und natürlich die unterschiedlichsten „pädagogischen“ Methoden, eine Meute Siebzehnjähriger in Schach zu halten.

Einen guten Teil des „Amüsemangs“ bei der Lektüre bezieht man von der Fähigkeit des Schülers Penn, die Lehrer nachzuahmen. Und der Übersetzerin Irja Grönholm, diese kuriosen Akzente und Sprechweisen kongenial ins Deutsche zu übertragen.

Gleich zu Beginn erinnert Direktor Wikman, nach dem das Gymnasium benannt ist, an die hehren Ziele seiner Schule im noch nicht lange unabhängigen Estland: „‚Wir, die Esten, sind so wenige, dass das Ziel eines jeden Esten  oder zumindest eines jeden Wikmanschen Gymnasiasten – in der Onstärblichkeit liegen muss!‘“ (S. 12)

Schülerstreiche

Wenige Seiten weiter geht es schon um den ersten einer Reihe mehr oder weniger harmloser Schülerstreiche: Religionslehrer Tooder wird mit einer Ladung Magnesium, das im Papierkorb gezündet wird, fast geblendet. Der Schüler, dessen Aufgabe es war, den explodierenden Papierkorb dem Lehrer unter die Nase zu halten, wird vorläufig der Schule verwiesen: Juss Pukspuu. Im nächsten Schuljahr würde man ihn nur dann weiter das Gymnasium besuchen lassen, wenn er zu Schulbeginn in allen Fächern eine Prüfung über den versäumten Stoff ablege.

Allein schon die estnischen Namen haben ja ziemliches Heiterkeitspotential, muss ich sagen. Anfangs sind sie noch schwer zu merken, doch mit der Zeit bessert sich das.

Jaak, der Klassenprimus – es ist ja schon interessant und käme in der deutschen Literatur niemals vor, dass der Klassenprimus der Held eines großteils heiteren Schülerromans ist; Verachtung schulischer Leistung als „Strebertum“ scheint in Estland damals nicht aktuell gewesen zu sein –, Jaak also überlegt sich eine Lösung, wie man dem mit den bevorstehenden Prüfungen heillos überforderten Juss helfen könnte, und gewinnt seine Mitschüler dafür, den ebenfalls ausgezeichneten Klassenkollegen Riks Laasik dafür zu bezahlen, dass er Juss von nun an bis zur Prüfung Nachhilfestunden gebe. Die Bezahlung dient dazu, den Verdienstentgang auszugleichen, den Laasik durch die Stunden erleidet. Laasik ist Sohn einer mittellosen Witwe, die sich gemeinsam mit der ganzen Familie durch Besenbinderei über Wasser hält. Laasiks Freizeit ist also von früh bis spät mit Besenbinden ausgefüllt.

Liebesgeschichte

Juss und Laasik sind einverstanden, und die Stundengeberei grundiert den Großteil des Romans. Sie ist Voraussetzung dafür, dass Jaak Juss’ Zwillingsschwester Virve kennenlernt, als er Riks bei Pukspuus einführt. Sofort ist Jaak von Virve verzaubert, und damit beginnt eine der schönsten und traurigsten Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe.

Was sich zunächst vielversprechend anlässt, gerät nämlich schnell in Turbulenzen. Nicht nur Jaak hat sich in Virve verguckt, sondern auch der an sich staubtrockene Riks, und Virve hält es anfangs geschickt in Schwebe, wem sie ihre Gunst gewährt. Schließlich aber gewinnt Jaak, und Virve trifft sich mit ihm in abgelegenen Cafés, denn ein Wikmanscher Gymnasiast dürfte keinesfalls in Mädchengesellschaft in der Stadt von einem Lehrer ertappt werden.

Riks bleibt dennoch eine ständige Quelle der Eifersucht, die Jaak befällt, weil Riks ja ständig um Virve herumscharwenzeln kann.

Das Abschlussjahr

Schließlich kommt der Beginn des nächsten, für Jaak und seine Mitschüler letzten Schuljahrs. Juss besteht die Prüfungen dank Riks’ Tutorium, geht aber aus Stolz trotzdem von der Schule ab. Direktor Wikman ist inzwischen gestorben und von Direktor Puhm, einer schwammigen, etwas langsamen, vom Bildungsministerium an die Schule strafversetzten Figur ersetzt.

Während Wikman eine Autorität war, die sogar den Siebtklässlern Respekt abnötigte, ist Puhm – bald nur noch „Duhm“, von „dumm“ abgeleitet, genannt – selbst Zielscheibe von Streichen und Frechheiten. Denn auch in der Achten Klasse reißen die Streiche nicht ab.

Schließlich gerät allerdings Riks bei der Ausführung eines Dienstes für die Mädchenschule (er soll die Lösungen der zuerst bei den Burschen, dann bei den Mädchen vom gleichen Professor abgehaltenen Mathematik-Arbeit eiligst zur Mädchenschule bringen, wo Virve ihn bereits erwartet) unter die Straßenbahn und erleidet einen Schädelbasisbruch. Mit knapper Not überlebt er.

In den Mühlen der Geschichte

Was man von der ersten Nennung des Jahres, mit dem der Roman beginnt, 1937, ahnt, tritt ein, als die Abschlussprüfungen überstanden sind und das Schüler-Dasein ein Ende hat: Die Weltgeschichte tritt mit brutalem Stiefel auf das kleine Estland. Historische Informationen, die Kross nur andeutet, weil er sie bei seinen estnischen LeserInnen wohl als bekannt voraussetzen konnte, werden im Nachwort beleuchtet. Das unabhängige Estland wird 1940 von der UdSSR aufgesogen, dann von den Deutschen überrollt, schließlich von den Russen zurückerobert.

Die Schüler des Wikmanschen Gymnasiums geraten in die Mühlen der Geschichte. Kross erzählt allerdings nur noch die wichtigsten Stationen der Liebesgeschichte zwischen Jaak und Virve fertig, damit der Leser nicht verzweifelt. Denn die Studienjahre Jaaks hat Kross in einem noch nicht ins Deutsche übersetzten Roman behandelt.

Während der deutschen Besatzung hat sich der Student Jaak, um sich der Einberufung zur Reichswehr zu entziehen, als unentbehrlicher Weichensteller am Tallinner Bahnhof anstellen lassen. Während dieser Zeit, fünf Jahre nach dem Abitur, trifft er Virve wieder. Riks ist Soldat der Roten Armee geworden und weit weg. Endlich kann sich die Liebe der beiden so richtig entfalten, auch wenn rundum Bomben fallen. Doch das Liebesglück währt nicht lange, denn Jaak wird von den Deutschen eingesperrt, da er anderen illegale Papiere verschafft hat.

Auf der Suche nach der Geliebten

Am Tag, als die Deutschen vor den Russen aus Tallinn abrücken, lassen sie die Gefangenen frei. Jaak schlägt sich zu den Pukspuus durch, in der Hoffnung, Virve zu treffen. Doch es ist nur ihre Mutter da. Sie vermutet, Virve sei in einem Sommerhäuschen am Meer. Jaak radelt hin, 80 Kilometer, doch das Sommerhäuschen ist leer. Also zurück. Inzwischen hat Jaaks Mutter einen Abschiedsbrief der Tochter entdeckt und lässt ihn Jaak lesen: Virve ist vor den Russen geflüchtet und hofft, nach Schweden zu gelangen. Sie hat sich damit bewusst gegen Jaak entschieden.

Mit den Russen ist auch Riks aufgetaucht. Auch er auf der Suche nach Virve. Nun sitzen beide enttäuschten Rivalen über Virves Brief… Die Zeitläufte haben ihre Liebe zerstört.

Motivische Klammer

Übrigens setzt Kross am Ende des Romans noch eine Klammer zum Beginn: Als Jaak Virve in dem Sommerhäuschen sucht, stößt er auf den Nachbarn, ausgerechnet jenen Religionslehrer Tooder, dem die Schüler durch ihren Magnesiumblitz „erleuchtet“ hatten. Er hat vor Jahren in einem Buch über Kirchengeschichte eine Passage über die Verfolgung von Priestern durch Stalin veröffentlicht und ist sich sicher, dass Stalin ihm deshalb an den Kragen will. Also vertraut er sich in einem Akt selbstmörderischen Gottvertrauens gemeinsam mit seinem achtjährigen Sohn einem kleinen Ruderboot an und fährt, Kirchenlieder singend, in die stürmische See hinaus. Jaak kann ihn nicht zurückhalten.

Jaan Kross: Wikmans Zöglinge. Roman. Aus dem Estnischen von Irja Grönholm. Mit einem Nachwort von Cornelius Hasselblatt. Osburg Verlag, Hamburg 2017. 573 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Zwei Gymnasiasten beim Zeichenunterricht. Ölkreide, ca. 1995.

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Heide Pils: Leicht muss man sein

Wolfgang Krisai: Stadtturm von Retz. Tuschestift, Buntstift, 2016.

Offene Bücherregale können immer wieder interessante Bücher enthalten. Dieses hier fand ich am Hauptplatz von Retz.

Seltsame Bauweise

Dieser „Roman vom Lieben und Verlassenwerden“ ist in einer Weise gebaut, wie ich sie noch nicht erlebt habe: Die Protagonistin des Romans schreibt in Ich-Form, flicht aber immer wieder Erzählungen ein, in denen sie über sich in der dritten Person spricht. Interessanter Weise fasst sich die Ich-Erzählerin aber nicht als Schriftstellerin auf. Diese Erzählungen sind immer autobiographisch, fügen sich daher in die auch sonst autobiographisch wirkende Handlung nahtlos ein, sodass man sich manchmal fragt, was dieser erzähltechnische Kniff bringen soll. Aber er schadet wenigstens nicht.

Vielleicht macht er den Leser darauf aufmerksam, die Handlung nicht so einfach als Autobiographie der Autorin aufzufassen. Dieses Eindrucks kann man sich nämlich nicht erwehren. Besonders zum Schluss, wo Marie-Therese sich im Waldviertel, ihrer Heimat, ein Bauernhaus kauft und es als paradiesischen Alterssitz nützt.

Ob die Handlung nun autobiographisch ist oder nicht, sie ist jedenfalls aus dem Leben gegriffen. Aus einem nicht wahnsinnig glücklichen Frauenleben von heute.

Die Männer

Das Problem in diesem Leben sind die Männer: Weder mit Dauerbeziehung Max noch mit Georg reicht es zu mehr als zu einem Dasein als Geliebte. Beide finden nach Marie-Therese eine andere, die sie heiraten, deretwegen sie aber Marie-Therese nicht vollständig aufgeben. Marie-Therese lässt sich das bieten und leidet darunter. Erklärbar ist das nur durch die irrationale Kraft der Liebe, die gegen jede Vernunft handelt.

Natürlich gibt es neben Max und Georg zahlreiche weitere Beziehungen, die sich aber schnell wieder verflüchtigen. Es will einfach nichts Gescheites werden mit den Männern, die Marie-Therese kennenlernt.

Zwischen modern und altmodisch

Die Heldin changiert selbst zwischen modern und altmodisch. Denn ihre Waldviertler Herkunft bedingt eine stockkonservative Erziehung, in der Männergeschichten eigentlich nicht vorkommen dürften. Doch die junge Frau hat sich bald aus diesem Milieu abgesetzt, nach Wien, wo sie sich den genannten Beziehungen hingibt, mit schlechtem Gewissen einerseits, selbstbewusst und emanzipiert andererseits.

Immerhin, so wenig erfreulich niemals ordentlich funktionierende Männergeschichten auch sind, sie bieten wenigstens den Vorteil von Freiheit und weitgehender Selbstbestimmung für die Frau. Auch wenn diese oft vor Sehnsucht nach Telefonanrufen der Geliebten vergeht.

Die Mutter

Zum Schluss wird auch die Beziehung zu Mutter genauer beleuchtet, als diese im Krankenhaus in Waidhofen stirbt. Die Tochter hat bis zuletzt an dieser hingebungsvollen Mutter gehangen, vor ihr aber ihre Männergeschichten tunlichst geheim gehalten, denn in das Weltbild der Mutter hätten diese nicht gepasst, obwohl man mit ihr durchaus ungeniert über Sex hätte reden können – was aber wiederum Marie-Therese nicht zusammengebracht hat.

Heide Pils: Leicht muss man sein. Roman vom Lieben und Verlassenwerden. Deuticke, Wien, 2003. 155 Seiten

Bild: Wolfgang Krisai: Stadtturm von Retz. Tuschestift, Buntstift, 2016.

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Eduard von Keyserling: Fräulein Rosa Herz. Eine Kleinstadtliebe.

Wolfgang Krisai: Abend in Mödling. Ölpastell, 2007.

Während einer längeren Zugfahrt las ich „Fräulein Rosa Herz“ von Eduard Graf von Keyserling. Der Roman ist der Erstling des Autors und noch völlig anders geartet als die späteren „impressionistischen“ Werke. Dieser Roman entwickelt sich von einer humorigen Karikatur seiner Heldin zu einem tragischen Werk.

Ein überspanntes Mädchen

Rosa Herz ist ein sprechender Name: für ein Mädchen, das reichlich überspannt nur dem eigenen Gefühlsleben huldigt. Sie benimmt sich, als wäre sie die Königin der ganzen Welt. Was krass mit ihrer wirklichen gesellschaftlichen Stellung kontrastiert. Rosa ist nämlich die Tochter eines ehemaligen Balletttänzers und einer Tänzerin, die bei ihrer Geburt gestorben ist. Daraufhin übersiedelte der überforderte Vater mit dem Baby zu seiner Schwester in eine Kleinstadt. Seine Lebensziele sind: selbst ein akzeptierter Bürger dieser Kleinstadt zu werden und Rosa eine Karriere als bürgerliche Tochter zu ermöglichen.

Doch Rosa macht ihm da einen Strich durch die Rechnung. Selbstherrlich bestimmt sie, wann sie in die Schule geht und wann sie schwänzt. Mitten am Vormittag spaziert sie in den Stadtpark, wohin sie einen kürzlich selbst ausgesuchten „Verehrer“ bestellt, der sich geschmeichelt fühlt, obwohl er sich eher benutzt fühlen müsste. Rosa hat ja ohne wirkliches Gefühl für ihn einfach beschlossen, sie müsse jetzt einen Freund haben, und eben ihn, den etwas tölpelhalften Riesen aus der Nachbarschule, ausersehen, der Geliebte zu sein.

Herz im Sturm erobert

Natürlich dauert diese „Liebe“ nur so lang, bis Rosa etwas Besseres findet. Das stellt sich in Gestalt des Ambrosius Tellerat ein: Dieser Jüngling ist auf die schiefe Bahn geraten und wird nun zu seinem Onkel, Herrn Bürgermeister Lanin, und dessen Familie geschickt, um dort wieder vernünftig zu werden. Rosa steht in enger Verbindung zu dieser Familie, da Tochter Sally Lanin ihre Schulfreundin und sie häufig bei Lanins zu Gast ist. Lanin betreibt einen Kolonialwarenladen, wo der linkische Konrad Lurch Kommis ist. Er verehrt Rosa, ist sich aber der Hoffnungslosigkeit seiner Liebe bewusst. Sally und Rosa springen mit ihm wie mit einem minderbemittelten Sklaven um.

Ambrosius erobert Rosas Herz im Sturm, da braucht er sich gar nicht anzustrengen. Allein sein hochnäsiges Gehabe und seine arrogante Herablassung allem Kleinstädtischen gegenüber bewirken schon völliges Hinschmelzen des Mädchens.

Küsserei im dunklen Gwölb

Bei einem Hausball der Lanins kommt es zu einer ersten Küsserei zwischen Rosa und Lanin, und zwar im finsteren „Gwölb“ des Ladens. Erst mitten im Geschehen werden die beiden eines Beobachters gewahr: Lurch! Rosa fällt in Ohnmacht. Ambrosius stiehlt sich davon und überlässt die Ohnmächtige dem hingerissenen Lurch. Kaum erwacht, ergreift sie vor dem Kommis die Flucht.

Rosa und Ambrosius treffen sich nun häufig im Hinterzimmer des Trödlerladens gegenüber von Lanins Haus, der dem Juden Wulf gehört. Seine Tochter Ida ist eine Mitwisserin. Doch auch Sally bleibt Ambrosius’ Liebesnest nicht verborgen, und wutentbrannt – sie hat sich selbst Hoffnungen auf Ambrosius gemacht – verpetzt sie ihren Cousin bei den Eltern. Diese beschließen die sofortige Heimreise des Burschen.

Rosa will durchbrennen

Doch dem wollen Rosa und Ambrosius zuvorkommen, indem sie auf Rosas Wunsch zwecks Eheschließung nach Paris durchbrennen.

Ambrosius ist davon mäßig begeistert, lässt sich aber von Rosa immerhin so weit drängen, dass er bei Wulf einen Wucherkredit aufnimmt. Als Bürgen will er Lurch gewinnen, der aber nicht unterschreiben will. Rosa setzt ihre schärfste Waffe ein: wenn er unterschreibt, darf Lurch sie küssen. Das wirkt.

Nun ist ihr Nervenkostüm schon so angegriffen, dass sie sich auch gleich noch Ambrosius hingibt (Keyserling deutet das natürlich nur äußerst dezent an).

Mit dem Durchbrennen wird es trotzdem nichts. Rosa findet sich zwar nachts am vereinbarten Ort vor den Stadtmauern ein, doch Ambrosius kommt nicht. Stattdessen Ida, die erzählt, ihr Vater habe die Sache Herrn Lanin hinterbracht, dieser habe stante pede Ambrosius in den Zug nach Hause gesetzt, und Lurch habe den Kredit zurückzahlen müssen, mit Zinsen.

Rosa ist zerstört. Die ganze Sache ist schon längst Stadtgespräch, der Vater ist verzagt (er ist kein starker Charakter), Rosa kann hier nicht mehr bleiben. Also hofft sie, eine Stelle als Gouvernante in Russland zu bekommen.

Ein verzweifelter Liebhaber

Einmal begegnet sie Lurch, der von Lanin damals entlassen worden war und nun in einer verzweifelten finanziellen und seelischen Lage ist. Er muss seine bettlägrige Mutter betreuen und versorgen. Nun sinkt er vor Rosa in die Knie, gesteht ihr, dass er durch die Rückzahlung des Kredits samt Zinsen seine gesamten Ersparnisse verloren hatte, und hofft, da er nun Rosa auf die gleiche gesellschaftliche Stufe gesunken sieht, dass sie ihn erhört. Diese stößt ihn aber nur angewidert zurück. Daraufhin schneidet er sich die Pulsadern auf.

Der Tod eines Babys

Bevor die Gouvernantenstelle konkret wird, stellt sich heraus, dass Rosa schwanger ist. Nun bringt sie die resolute, aber liebevolle Haushälterin der Familie Herz zu ihrer Schwester, die in dem einschichtigen Dorf Tiglau Hebamme ist. Die ganze Familie der Hebamme Böhk nimmt die Schwangere freundlich auf, schon scheint sich alles zum Besseren zu wenden, das Kind kommt zur Welt, Rosa liebt es von ganzem Herzen – ein Gefühl, das sie vorher überhaupt nicht kannte -, doch ein paar Wochen später stellen sich bei dem Baby Krämpfe ein, die der Doktor nicht bekämpfen kann, und wenige Tage später ist es tot.

Keyserlings Schilderung des Todeskampfs dieses armen kleinen Wesens ist erschütternd, und man kann gut nachfühlen, wie verstört Rosa daraufhin ist.

Unverwüstliches Naturell

Doch Rosas im Grunde unverwüstliches Naturell erholt sich schließlich von dem Schicksalsschlag, und sie fährt wieder nach Hause, wo sie den Vater jedoch nicht mehr vorfindet, weil er einige Wochen zuvor gestorben ist. Sie wendet sich an ihre ehemalige Lehrerin um Hilfe, die sich schon immer ihrer angenommen hatte, und diese vermittelt eine Gouvernantenstelle in Moskau.

Als Rosa in der Kutsche abreist, erblickt sie ihren ersten „Geliebten“, wie er nun mit einer anderen Schulkollegin durch den Ort spaziert. Sie selbst hat die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwann einmal doch den Richtigen zu finden:

„Der Gedanke, sie könnte noch einmal jemand recht liebhaben, machte dieses liebesdurstige Frauenherz für einen Augenblick ganz warm, und Rosa lächelte.“ (S. 545)

Kleinstadtleben meisterhaft geschildert

Keyserlings Schilderung des engstirnigen Kleinstadtlebens ist meisterhaft. Da tummeln sich Menschen aller Gesellschaftsschichten vom Bürgermeister über den sich lebemännisch gebenden Apotheker Klappekahl bis zum dubiosen Trödler Wulf (man fragt sich: Ist Keyserling da ein wenig antisemitisch?), zum Fährmann, Wirt, darüber hinaus Kinder und Jugendliche genauso wie eine „ältere Generation“. Alle überaus treffend gezeichnet.

Stilistische Wandlung

Was Rosa betrifft, so steht der Autor ihr zuerst recht distanziert gegenüber, man hat fast ein Lehrstück auktorialen Erzählens vor sich, wo der Erzähler mit seiner Figur nach Belieben schaltet und waltet. Doch je schlimmer Rosas Lebenslage wird, desto mehr schwindet diese Haltung „von oben herab“ und Keyserlings Erzählstil wird immer einfühlsamer.

Man muss hier also durchhalten, denn auch wenn der Anfang seltsam ist, so entschädigen der weitere Handlungsverlauf und die stilistische Entwicklung dafür voll und ganz.

Eduard von Keyserling: Fräulein Rosa Herz. Eine Kleinstadtliebe. Roman. Nachwort von Wiebke Porombka. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich 2015. 573 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Abend in Mödling. Ölpastell, 2007.

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Eduard von Keyserling: Dumala

Wolfgang Krisai: Hunyadischloss in Maria Enzersdorf. 2013, Buntstift, Tuschestift.

Schon die ersten paar Seiten dieses kurzen Romans haben mich für ihn gewonnen: Pastor Erwin Werner, ein stattlicher junger Mann, singt ein schwülstiges Liebeslied, „Am Meer“ von Franz Schubert mit Text von Heinrich Heine, und seine rotbackige Frau begleitet ihn am Klavier. Sie ist von ihrem Mann hingerissen, er von der sehnsüchtigen Stimmung des Liedes. Doch kaum ist der letzte Ton verklungen, „kam der Rückschlag“ (S. 8):

„Wie Siegfried!“, kam es leise über die Lippen der kleinen Frau.

„Wer?“, fuhr Pastor Werner auf.

„Du“, sagte seine Frau.

Werner lachte spöttisch, wandte sich ab und begann, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab zu gehen.

So war es jedes Mal, wenn er sich im Singen hatte gehen lassen, wenn er sich mit Gefühl vollgetrunken hatte.

Dann kam der Rückschlag.

Man hat geglaubt, etwas Großes zu erleben, einen Schmerz, eine Leidenschaft, und dann war es nur ein Lied, etwas, das ein anderer erlebt hat, und die Wände des Zimmers mit ihren Photographien, die großen schwarz und rot gemusterten Möbel, all das beengte ihn, drückte auf ihn.“ 

Bei darauf folgenden Abendessen bringt Lene, die Frau, das Gespräch auf Karola, die Baronin von Dumala, die in der Nähe auf Schloss Dumala wohnt.

Lene seuftze: „Natürlich! Diese Frau ist ja so schön!“

„Was ist dabei zu seufzen?“, sagte Werner. „Lass sie doch schön sein.“

„Weil ist sie nicht mag“, fuhr Lene fort, „deshalb. Sie will alle Männer in sich verliebt machen. Aber schön ist sie.“ 

Werner lachte. „Was für Männer? Die arme Frau pflegt ihren gelähmten Mann Tag und Nacht. Die sieht ja keinen. […]“

„Dich sieht sie doch.“ Lene nahm einen herausfordernden Ton an, als suche sie Streit.

Werner zuckte nur die Achseln. „Mich!“ (S. 9f)

Doppelbödigkeit

Damit ist schon auf den ersten paar Seiten die ganze Problematik der Handlung eröffnet: Der Pastor hält es mit seiner kleinen, vergleichsweise unattraktiven Frau nicht mehr aus und spielt lieber mit dem Feuer, indem er häufig auf „Krankenbesuch“ auf Schloss Dumala erscheint, in erster Linie natürlich, um der Baronin nahe zu sein. Lene stichelt ein bisschen herum, ohne die Dramatik der Gefühlslage ihres Mannes auch nur zu erahnen.

Alle Gespräche, die geführt werden, haben – das liebe ich an Keyserlings Romanen – unter der Oberfläche eine zweite, meist konträre Bedeutung. Unter aller Höflichkeit, Christlichkeit, Moralität brodeln Leidenschaft, Unbeherrschtheit, Liebe und Hass.

Pastor Werner spielt den wortgewaltigen Hirten seiner Gemeinde, wenn er von der Kanzel „herabdonnert“, wie seine Frau halb spöttisch, halb bewundernd sagt. Doch in Wirklichkeit überfallen ihn, kaum ist er irgendwo allein, die Bilder der angebeteten Baronin, und oft verlässt er dann überstürzt das Haus und marschiert wie ferngesteuert nach Dumala.

Nach dem Bild des Autors geformt

Dort amüsiert sich Schlossherr Baron von Werland schon über den eifrig Nächstenliebe übenden Geistlichen. Ich vermute, Werland ist nach dem Bilde des Autors gemodelt: Auch Keyserling war 1907, im Erscheinungsjahr des Romans, nicht mehr gehfähig, da ihn ein Rückmarksleiden als Folge der Syphilis befallen hatte. Außerdem war er drauf und dran zu erblinden oder schon erblindet. Aber er soll sein Leiden mit bissigem Humor ertragen haben, genau wie Baron Werland, der den Pastor mit kritischen Bemerkungen über Religion und insbesondere das Jenseits sekkiert:

Aber der Baron wurde eifrig: „Ich weiß, der Glaube. Nein, Ihr Glaube ist ein Kunststück, zu dem ich kein Talent habe. […] Natürlich! Ihr seid gesund. Ihr denkt so nebenbei einmal: Unsterblichkeit – wie schön! Leben nach dem Tode – entzückend! Und damit ist’s gut. Aber ich – mich geht das jetzt was an. Sehn Sie, Pastor, wenn Sie zu Hause bleiben wollen, nun, dann ist’s Ihnen gleich, wann der Schnellzug nach Paris geht und ob er Anschluss hat. […] Aber wenn die Koffer gepackt sind, ja dann blättern Sie im Kursbuch, dann kommt es auf Genauigkeit an. Nach – also – ich – ich seh mir das Kursbuch an, und, Pastor, ich sag Ihnen, es gibt keinen Anschluss. Wir bleiben liegen.“ (S. 30)

In dem Sekretär des Hauses, den jungen Pichwit, den der Baron als „Pagen“ und „Troubadour“ bezeichnet (S. 33), hat Werner einen Konkurrenten in der Liebe zu Karola. Pichwits Situation ist genauso hoffnungslos wie die Werners, da Karola ihn nicht ernst nimmt, sondern eben nur wie einen Pagen behandelt.

Die Galgenbrücke

Man könnte fast sagen, der Roman sei eine Novelle, weil darin ein Ding eine symbolhafte, wichtige Rolle spielt: die Galgenbrücke. Das ist eine alte, morsche Holzbrücke über eine Schlucht, über die man lieber nicht mehr geht, geschweige den fährt. Doch eines Nachts rast Werner auf seinem von einem braven Schecken gezogenen Schlitten auf die Brücke zu, nachdem er nach einem besonders enttäuschenden Besuch bei Werlands im Wirtshaus einen steifen Grog getrunken hat. Er hat beim Wirt den Dorfschullehrer und den Küster aufgegabelt, und diesen beiden fällt das Herz in die Hosen, als sie merken, worauf sie zurasen. Fast bricht das Pferd ein, es kann sich gerade noch hochrappeln – und drüben ist man.

So wird diese wichtige Brücke mit einer höchst eindrucksvollen Szene in die Handlung eingeführt.

Ein Frauenheld

Wenig später – alles spielt sich ja in ein paar tief verschneiten Wintermonaten ab – taucht auf Dumala der Baron Behrendt von Rast als Besucher auf, der im Ruf steht, ein großer Frauenheld, ja Frauenverbraucher zu sein. Und tatsächlich, schnell wird er zum täglichen Gast, der Karola unverhohlen den Hof macht. Karola genießt das, während Pichwit, Werner und Werland, jeder auf seine Weise, vor Eifersucht vergehen.

Bald ist Rast am Ziel seiner Werbung und kommt jetzt nur noch spät nachts über die Galgenbrücke gefahren. Werner wird das von einem Förster hinterbracht, und obwohl er den Förster barsch zurechtweist, dass er seine Herrin nicht verleumden solle, ist er alarmiert und macht sich nachts, als Lene schläft, auf den Weg zur Brücke. Dort beobachtet er den vorbeisausenden Schlitten, geht ihm nach bis zum Schloss und starrt hinauf zum Fenster. Er wundert sich nicht, dass sich plötzlich Pichwit zu ihm gesellt und ihm genau erzählt, wann Rast immer kommt. Nachdem Rast zurückgefahren ist, stapft Werner innerlich kochend nach Hause.

Mordphantasien

Seine ohnmächtige Lage bringt Werner zur Weißglut. Ständig sieht er das Bild des über die Brücke setzenden Rast vor sich, jede Nacht schleicht er hinaus zu Brücke und Schloss und beobachtet. Mordphantasien überfallen ihn. Bei einem Pastor ist das besonders verwerflich, aber Werner kann’s nicht ändern.

Bei einem Gang durch den Wald stößt Werner einmal auf Rast und Karola, die einander umarmen. Am Höhepunkt seiner Eifersucht schleicht Werner in einer der nächsten Nächte nicht ins Schloss nach, sondern geht auf die Brücke und reißt ein morsches Brett nach dem anderen los und wirft es in die Tiefe. Soll Rast doch da hinunterkrachen!

Auf einem versteckten Beobachtungsposten wartet Werner auf die Rückkehr des Verführers. Als er schließlich den Schlitten herannahmen hört, springt er doch auf, läuft ihm entgegen, schreit halt und stoppt ihn. Rast geht zum Loch in der Brücke:

Rast kam zurück. „Seltsam!“, sagte er. „Wie das geschehen konnte! Sie wissen das natürlich nicht? Nein, wie sollten sie.“ (S. 143)

Rast lädt seinen „Lebensretter“ auf ein Gläschen Sekt ein, um die Rettung zu feiern, und bekommt im Nu heraus, dass sein Retter eigentlich sein Mörder sein wollte.

„Prosit Pastor! Prosit Lebensretter! Natürlich wusst’ ich’s. Auf Ihr Wohl! Hier in der Gegend sind Sie der Einzige, das so was kann. Teufel noch einmal, so was! Eine Fall wie für einen Wolf. Herr, Sie müssen ordentlich hassen können. Aber gekonnt, bis zu Ende gekonnt haben Sie’s auch nicht.“ (S. 150)

Wenige Tage darauf brennt Karola mit Rast nach Florenz durch. Und wenig später liegt Baron Werland, der nun völlig vereinsamt ist, im Sterben. Ein letztes Mal lässt er sich frisieren, stirbt jedoch dabei vor den Augen Werners und Pichwits, der als Betreuer die Stelle Karolas eingenommen hatte.

Allein sein – meine Bestimmung

Beim Begräbnis ist die Verwandtschaft entsetzt, dass Werland sein Testament nicht geändert und Karola als Erbin eingesetzt hat. Diese erscheint und lebt nun – von allen gemieden und geächtet – als einsame Schlossherrin auf Dumala.

Zu Werner sagt sie: „Allein sein, das ist wohl meine Bestimmung. Für das Zusammengehen muss ich kein Talent haben. Entweder tu ich den anderen weh oder sie tun mir weh.“ (S. 198)

Zu einer Annäherung Werners an die Schlossherrin kommt es nun nicht mehr, sie igelt sich in ihre Einsamkeit ein. Die letzten Worte des Romans sind Gedanken Werners:

„Seltsam!“, dachte Werner. „Da glaubt man, man sei mit einem anderen schmerzhaft fest verbunden, sei ihm ganz nah, und dann geht ein jeder seinen Weg und weiß nicht, was in dem andern vorgegangen ist. Höchstens grüßt einer den anderen aus seiner Einsamkeit heraus!“ (S. 199f)

Aus den Zitaten wird Keyserlings Stil deutlich, der in einfachem Parlando von den Schrecklichkeiten des Lebens erzählt. Das ist die gleiche Doppelbödigkeit wie in den Dialogen und im Leben der Figuren.

Impressionistisch

Impressionistisch sei das, liest man: „Keyserling ist neben Schnitzler sicher der bedeutendste impressionistische Erzähler“ (Wolfgang Nehring: Eduard von Keyserling. In: Deutsche Dichter, Bd. 6, Reclam, Stuttgart, 1989, S. 292), und: „Die Erzählkunst Keyserlings besteht darin, den Gehalt seiner Werke völlig in Sprache umzusetzen.“ (ebd.) Ja, genau.

Eduard von Keyserling: Dumala. Roman. Nachwort von Philipp Haibach. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich, 2014. 221 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Hunyadischloss in Maria Enzersdorf. 2013, Buntstift, Tuschestift.

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Charlotte Brontë: Jane Eyre

Wolfgang Krisai: Schlafendes Mädchen. 1978. Kreide auf braunem Papier.Jetzt las ich Charlotte Brontës Roman „Jane Eyre“, der mich sehr gepackt hat, nach leichten Eingewöhnungs-Schwierigkeiten. Anfangs hat mich nämlich irritiert, dass die Autorin ihre 10jährige Heldin im Stil von Sonntagspredigten ihre Alltagsgespräche führen lässt. Nimmt man das jedoch einmal als zeitbedingtes Stilmittel hin, dann wird es durchaus interessant.

Menschenverachtendes Internat

Die kleine Jane wird von ihrer Zieh-Mutter gehasst und in ein menschenverachtendes Internat gesteckt, wo sie nur zufällig oder wegen ihrer robusten Natur dem buchstäblichen Tod entgeht, dem viele der Schülerinnen wegen Unterernährung und mangelnder Widerstandskraft erliegen.

Verliebt in den Dienstherren

Danach verdingt sie sich als Gouvernante bei einem Herrn von Rochester, dessen uneheliche, aber bei ihm lebende sechsjährige Tochter sie betreuen muss. Es entsteht eine machtvolle Liebe zwischen Jane und Rochester, sie können aber nicht heiraten, weil Rochester schon verheiratet ist – mit einer verrückt gewordenen Frau, die er in einem Kammerl seines Herrenhauses weggesperrt hat.

Moralische Druckmittel

Als Rochester hofft, Jane trotzdem zu seiner Geliebten machen zu können, ergreift diese die Flucht und gerät zufällig an Verwandte, mit denen sie sich zwar sehr gut versteht, wo ihr Cousin sie aber mit moralischen und religiösen Druckmitteln zwingen will, ihn zu heiraten und mit ihm als Missionarsgattin nach Indien zu gehen.

Wieder flieht Jane, zurück zu Rochester, über dessen Schicksal sie Klarheit haben will. Der ist inzwischen nicht mehr verheiratet, weil seine irre Frau das Haus in Brand gesteckt hat und dabei selbst umgekommen ist. Rochester hat beim vergeblichen Versuch, sie aus dem brennenden Haus zu retten, sein Augenlicht und eine Hand eingebüßt. Doch das hält Jane nicht ab, nun bei ihm zu bleiben. Happy End. Glückliche Ehe.

Was ist nun das Faszinierende an diesem Roman?

Die Handlung allein kann es ja nicht sein, dazu ist sie zu skurril – obwohl sie zum Teil auf autobiographischem Fundament stehen soll. Um das genauer zu prüfen, müsste ich ein besserer Brontë-Kenner sein.

Der romantische Stil kann es auch nicht sein, der ist ja eher abschreckend.

Janes Selbstbehauptungswille

Faszinierend ist aber die Persönlichkeit Janes, die förmlich platzt vor Selbstbehauptungswillen. Von ihrer hasserfüllten Ziehmutter lässt sie sich eines Tages nichts mehr gefallen und sagt ihr ins Gesicht, dass sie sie hasst. Das ist der Grund, warum sie in das Internat gesteckt wird, wo sie sich schnell nach oben arbeitet, trotz der Verleumdung von Mr. Brocklehurst, der der Ziehmutter versprochen hat, das Mädchen vor allen anderen zu demütigen. Und das auch wirklich tut.

Angesichts der an den Tag gekommenen Vorkommnisse in geistlich wie weltlich geführten Internaten in den letzten Jahrzehnten wird wohl die Schilderung des unmenschlichen Internatslebens in Mr. Brocklehursts Institut „Lowood“ gar nicht weit von der Realität entfernt sein.

Liebe wider Willen

Dann kommt die schwierige Liebesgeschichte mit Mr. Rochester, deren Entwicklung die Leserin bzw. der Leser mit Spannung folgt. Interessant daran finde ich, dass Jane sozusagen gegen ihren Willen ihrem Dienstherren verfällt. Sie sträubt sich mit allen Mitteln dagegen, und Rochester ist auch keineswegs ein zuvorkommender Mann, sondern benimmt sich seinerseits lange Zeit abstoßend. Als Jane ihm jedoch unerschrocken das Leben rettet, schlägt es bei ihm ein. Fast macht er ihr eine Liebeserklärung.

Rochester trägt die Last seiner bestehenden Ehe mit der geistesgestörten Südamerikanerin. Von der Existenz dieser Frau im Herrenhaus ahnt man nichts, sondern man verdächtigt wie Jane die Irrenwärterin, die Rochester angestellt hat, sie habe einen Mordanschlag auf Rochester vollführt.

Die Autorin erzeugt Spannung und nützt diese Episoden zu satirischer Darstellung, indem sie Rochester allerlei Spielchen treiben lässt: Er macht einer eleganten Dame den Hof, um Jane auf die Folter zu spannen; er verkleidet sich als Wahrsagerin, um in Janes Seele zu lesen; und er glänzt immer wieder durch unangekündigte Abwesenheit.

Kritik an Scheinheiligkeit

Ein wichtiger Aspekt des Romans ist die implizite Kritik an Scheinheiligkeit und Bigotterie. Besonders das Internatskapitel und die Diskussionen mit dem angehenden Missionar zeigen das. Im 19. Jahrhundert muss das skandalös geklungen haben.

Emanzipationsroman

Der Roman wird außerdem als ein frühes Manifest der Frauenemanzipation verstanden: Jane liebt Rochester zwar, ist aber nicht bereit, dafür ihre persönliche Integrität zu opfern. Deshalb will sie nicht seine Geliebte werden, sondern flieht. Da ihr Herz einem anderen gehört, will sie auch nicht die Gattin ihres Missionars-Cousins werden. Auch hier wieder besteht sie auf ihrer persönlichen Würde.

Zu Ehe kommt es erst, als sie ihrem Ehemann zumindest ebenbürtig, wenn nicht überlegen ist, da Rochester schließlich behindert ist. Doch – und das ist bezeichnend – für Jane ist Rochesters Behinderung eine Äußerlichkeit, die ihr ermöglicht, für ihn da zu sein, wo er es braucht. Ihrer Liebe und ihrem Respekt vor dem Ehemann tut das keinen Abbruch. Es braucht die Behinderung Rochesters, um ihn vom hohen Ross, auf dem ein Mann des 19. Jahrhunderts automatisch saß, herunterzustoßen, damit er mit Jane eine auf Gleichberechtigung fußende Ehe eingehen kann.

Charlotte Brontë: Jane Eyre. Roman. Aus dem Englischen von Andrea Ott. Nachwort von Elfi Bettinger. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich, 2001. 777 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Schlafendes Mädchen. 1978. Kreide auf braunem Papier.

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