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Jaan Kross: Wikmans Zöglinge

Wolfgang Krisai: Zwei Gymnasiasten beim Zeichenunterricht. Ölkreide, ca. 1995.

Ein neuer Roman des estnischen Autors Jaan Kross (1920-2007)! Zehn Jahre nach seinem Tod und 30 Jahre, nachdem Kross ihn zu schreiben begann, endlich auf Deutsch. Da ich schon mehrere Romane von Kross mit Begeisterung gelesen habe, musste ich natürlich zuschlagen – und das Buch auch gleich lesen.

Autobiographisch

Das Wikmansche Gymnasium in Tallinn ist der Hauptschauplatz, der zu Beginn, im Jahr 1937, 17jährige Schüler Jaak Sirkel die Hauptfigur. Da dämmert dem Leser natürlich sehr schnell, dass es sich um einen autobiographischen Roman handeln könnte. Das Nachwort von Cornelius Hasselblatt bestätigt diese Vermutung.

Gymnasiastenroman

Man kann sich also mit Vergnügen in einen breit ausladenden Gymnasiastenroman vertiefen, der bestens unterhält und einen zunächst nicht unbedingt mit Tiefgang behelligt. Damals hatte jeder Lehrer und jede Lehrerin – in Wikmans Knabengymnasium gab es auch weibliche Lehrkärfte – nicht nur seinen bzw. ihren Spitznamen, sondern vor allem ausgeprägte Marotten, einen sehr individuellen Sprachduktus und natürlich die unterschiedlichsten „pädagogischen“ Methoden, eine Meute Siebzehnjähriger in Schach zu halten.

Einen guten Teil des „Amüsemangs“ bei der Lektüre bezieht man von der Fähigkeit des Schülers Penn, die Lehrer nachzuahmen. Und der Übersetzerin Irja Grönholm, diese kuriosen Akzente und Sprechweisen kongenial ins Deutsche zu übertragen.

Gleich zu Beginn erinnert Direktor Wikman, nach dem das Gymnasium benannt ist, an die hehren Ziele seiner Schule im noch nicht lange unabhängigen Estland: „‚Wir, die Esten, sind so wenige, dass das Ziel eines jeden Esten  oder zumindest eines jeden Wikmanschen Gymnasiasten – in der Onstärblichkeit liegen muss!‘“ (S. 12)

Schülerstreiche

Wenige Seiten weiter geht es schon um den ersten einer Reihe mehr oder weniger harmloser Schülerstreiche: Religionslehrer Tooder wird mit einer Ladung Magnesium, das im Papierkorb gezündet wird, fast geblendet. Der Schüler, dessen Aufgabe es war, den explodierenden Papierkorb dem Lehrer unter die Nase zu halten, wird vorläufig der Schule verwiesen: Juss Pukspuu. Im nächsten Schuljahr würde man ihn nur dann weiter das Gymnasium besuchen lassen, wenn er zu Schulbeginn in allen Fächern eine Prüfung über den versäumten Stoff ablege.

Allein schon die estnischen Namen haben ja ziemliches Heiterkeitspotential, muss ich sagen. Anfangs sind sie noch schwer zu merken, doch mit der Zeit bessert sich das.

Jaak, der Klassenprimus – es ist ja schon interessant und käme in der deutschen Literatur niemals vor, dass der Klassenprimus der Held eines großteils heiteren Schülerromans ist; Verachtung schulischer Leistung als „Strebertum“ scheint in Estland damals nicht aktuell gewesen zu sein –, Jaak also überlegt sich eine Lösung, wie man dem mit den bevorstehenden Prüfungen heillos überforderten Juss helfen könnte, und gewinnt seine Mitschüler dafür, den ebenfalls ausgezeichneten Klassenkollegen Riks Laasik dafür zu bezahlen, dass er Juss von nun an bis zur Prüfung Nachhilfestunden gebe. Die Bezahlung dient dazu, den Verdienstentgang auszugleichen, den Laasik durch die Stunden erleidet. Laasik ist Sohn einer mittellosen Witwe, die sich gemeinsam mit der ganzen Familie durch Besenbinderei über Wasser hält. Laasiks Freizeit ist also von früh bis spät mit Besenbinden ausgefüllt.

Liebesgeschichte

Juss und Laasik sind einverstanden, und die Stundengeberei grundiert den Großteil des Romans. Sie ist Voraussetzung dafür, dass Jaak Juss’ Zwillingsschwester Virve kennenlernt, als er Riks bei Pukspuus einführt. Sofort ist Jaak von Virve verzaubert, und damit beginnt eine der schönsten und traurigsten Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe.

Was sich zunächst vielversprechend anlässt, gerät nämlich schnell in Turbulenzen. Nicht nur Jaak hat sich in Virve verguckt, sondern auch der an sich staubtrockene Riks, und Virve hält es anfangs geschickt in Schwebe, wem sie ihre Gunst gewährt. Schließlich aber gewinnt Jaak, und Virve trifft sich mit ihm in abgelegenen Cafés, denn ein Wikmanscher Gymnasiast dürfte keinesfalls in Mädchengesellschaft in der Stadt von einem Lehrer ertappt werden.

Riks bleibt dennoch eine ständige Quelle der Eifersucht, die Jaak befällt, weil Riks ja ständig um Virve herumscharwenzeln kann.

Das Abschlussjahr

Schließlich kommt der Beginn des nächsten, für Jaak und seine Mitschüler letzten Schuljahrs. Juss besteht die Prüfungen dank Riks’ Tutorium, geht aber aus Stolz trotzdem von der Schule ab. Direktor Wikman ist inzwischen gestorben und von Direktor Puhm, einer schwammigen, etwas langsamen, vom Bildungsministerium an die Schule strafversetzten Figur ersetzt.

Während Wikman eine Autorität war, die sogar den Siebtklässlern Respekt abnötigte, ist Puhm – bald nur noch „Duhm“, von „dumm“ abgeleitet, genannt – selbst Zielscheibe von Streichen und Frechheiten. Denn auch in der Achten Klasse reißen die Streiche nicht ab.

Schließlich gerät allerdings Riks bei der Ausführung eines Dienstes für die Mädchenschule (er soll die Lösungen der zuerst bei den Burschen, dann bei den Mädchen vom gleichen Professor abgehaltenen Mathematik-Arbeit eiligst zur Mädchenschule bringen, wo Virve ihn bereits erwartet) unter die Straßenbahn und erleidet einen Schädelbasisbruch. Mit knapper Not überlebt er.

In den Mühlen der Geschichte

Was man von der ersten Nennung des Jahres, mit dem der Roman beginnt, 1937, ahnt, tritt ein, als die Abschlussprüfungen überstanden sind und das Schüler-Dasein ein Ende hat: Die Weltgeschichte tritt mit brutalem Stiefel auf das kleine Estland. Historische Informationen, die Kross nur andeutet, weil er sie bei seinen estnischen LeserInnen wohl als bekannt voraussetzen konnte, werden im Nachwort beleuchtet. Das unabhängige Estland wird 1940 von der UdSSR aufgesogen, dann von den Deutschen überrollt, schließlich von den Russen zurückerobert.

Die Schüler des Wikmanschen Gymnasiums geraten in die Mühlen der Geschichte. Kross erzählt allerdings nur noch die wichtigsten Stationen der Liebesgeschichte zwischen Jaak und Virve fertig, damit der Leser nicht verzweifelt. Denn die Studienjahre Jaaks hat Kross in einem noch nicht ins Deutsche übersetzten Roman behandelt.

Während der deutschen Besatzung hat sich der Student Jaak, um sich der Einberufung zur Reichswehr zu entziehen, als unentbehrlicher Weichensteller am Tallinner Bahnhof anstellen lassen. Während dieser Zeit, fünf Jahre nach dem Abitur, trifft er Virve wieder. Riks ist Soldat der Roten Armee geworden und weit weg. Endlich kann sich die Liebe der beiden so richtig entfalten, auch wenn rundum Bomben fallen. Doch das Liebesglück währt nicht lange, denn Jaak wird von den Deutschen eingesperrt, da er anderen illegale Papiere verschafft hat.

Auf der Suche nach der Geliebten

Am Tag, als die Deutschen vor den Russen aus Tallinn abrücken, lassen sie die Gefangenen frei. Jaak schlägt sich zu den Pukspuus durch, in der Hoffnung, Virve zu treffen. Doch es ist nur ihre Mutter da. Sie vermutet, Virve sei in einem Sommerhäuschen am Meer. Jaak radelt hin, 80 Kilometer, doch das Sommerhäuschen ist leer. Also zurück. Inzwischen hat Jaaks Mutter einen Abschiedsbrief der Tochter entdeckt und lässt ihn Jaak lesen: Virve ist vor den Russen geflüchtet und hofft, nach Schweden zu gelangen. Sie hat sich damit bewusst gegen Jaak entschieden.

Mit den Russen ist auch Riks aufgetaucht. Auch er auf der Suche nach Virve. Nun sitzen beide enttäuschten Rivalen über Virves Brief… Die Zeitläufte haben ihre Liebe zerstört.

Motivische Klammer

Übrigens setzt Kross am Ende des Romans noch eine Klammer zum Beginn: Als Jaak Virve in dem Sommerhäuschen sucht, stößt er auf den Nachbarn, ausgerechnet jenen Religionslehrer Tooder, dem die Schüler durch ihren Magnesiumblitz „erleuchtet“ hatten. Er hat vor Jahren in einem Buch über Kirchengeschichte eine Passage über die Verfolgung von Priestern durch Stalin veröffentlicht und ist sich sicher, dass Stalin ihm deshalb an den Kragen will. Also vertraut er sich in einem Akt selbstmörderischen Gottvertrauens gemeinsam mit seinem achtjährigen Sohn einem kleinen Ruderboot an und fährt, Kirchenlieder singend, in die stürmische See hinaus. Jaak kann ihn nicht zurückhalten.

Jaan Kross: Wikmans Zöglinge. Roman. Aus dem Estnischen von Irja Grönholm. Mit einem Nachwort von Cornelius Hasselblatt. Osburg Verlag, Hamburg 2017. 573 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Zwei Gymnasiasten beim Zeichenunterricht. Ölkreide, ca. 1995.

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Heide Pils: Leicht muss man sein

Wolfgang Krisai: Stadtturm von Retz. Tuschestift, Buntstift, 2016.

Offene Bücherregale können immer wieder interessante Bücher enthalten. Dieses hier fand ich am Hauptplatz von Retz.

Seltsame Bauweise

Dieser „Roman vom Lieben und Verlassenwerden“ ist in einer Weise gebaut, wie ich sie noch nicht erlebt habe: Die Protagonistin des Romans schreibt in Ich-Form, flicht aber immer wieder Erzählungen ein, in denen sie über sich in der dritten Person spricht. Interessanter Weise fasst sich die Ich-Erzählerin aber nicht als Schriftstellerin auf. Diese Erzählungen sind immer autobiographisch, fügen sich daher in die auch sonst autobiographisch wirkende Handlung nahtlos ein, sodass man sich manchmal fragt, was dieser erzähltechnische Kniff bringen soll. Aber er schadet wenigstens nicht.

Vielleicht macht er den Leser darauf aufmerksam, die Handlung nicht so einfach als Autobiographie der Autorin aufzufassen. Dieses Eindrucks kann man sich nämlich nicht erwehren. Besonders zum Schluss, wo Marie-Therese sich im Waldviertel, ihrer Heimat, ein Bauernhaus kauft und es als paradiesischen Alterssitz nützt.

Ob die Handlung nun autobiographisch ist oder nicht, sie ist jedenfalls aus dem Leben gegriffen. Aus einem nicht wahnsinnig glücklichen Frauenleben von heute.

Die Männer

Das Problem in diesem Leben sind die Männer: Weder mit Dauerbeziehung Max noch mit Georg reicht es zu mehr als zu einem Dasein als Geliebte. Beide finden nach Marie-Therese eine andere, die sie heiraten, deretwegen sie aber Marie-Therese nicht vollständig aufgeben. Marie-Therese lässt sich das bieten und leidet darunter. Erklärbar ist das nur durch die irrationale Kraft der Liebe, die gegen jede Vernunft handelt.

Natürlich gibt es neben Max und Georg zahlreiche weitere Beziehungen, die sich aber schnell wieder verflüchtigen. Es will einfach nichts Gescheites werden mit den Männern, die Marie-Therese kennenlernt.

Zwischen modern und altmodisch

Die Heldin changiert selbst zwischen modern und altmodisch. Denn ihre Waldviertler Herkunft bedingt eine stockkonservative Erziehung, in der Männergeschichten eigentlich nicht vorkommen dürften. Doch die junge Frau hat sich bald aus diesem Milieu abgesetzt, nach Wien, wo sie sich den genannten Beziehungen hingibt, mit schlechtem Gewissen einerseits, selbstbewusst und emanzipiert andererseits.

Immerhin, so wenig erfreulich niemals ordentlich funktionierende Männergeschichten auch sind, sie bieten wenigstens den Vorteil von Freiheit und weitgehender Selbstbestimmung für die Frau. Auch wenn diese oft vor Sehnsucht nach Telefonanrufen der Geliebten vergeht.

Die Mutter

Zum Schluss wird auch die Beziehung zu Mutter genauer beleuchtet, als diese im Krankenhaus in Waidhofen stirbt. Die Tochter hat bis zuletzt an dieser hingebungsvollen Mutter gehangen, vor ihr aber ihre Männergeschichten tunlichst geheim gehalten, denn in das Weltbild der Mutter hätten diese nicht gepasst, obwohl man mit ihr durchaus ungeniert über Sex hätte reden können – was aber wiederum Marie-Therese nicht zusammengebracht hat.

Heide Pils: Leicht muss man sein. Roman vom Lieben und Verlassenwerden. Deuticke, Wien, 2003. 155 Seiten

Bild: Wolfgang Krisai: Stadtturm von Retz. Tuschestift, Buntstift, 2016.

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Eduard von Keyserling: Fräulein Rosa Herz. Eine Kleinstadtliebe.

Wolfgang Krisai: Abend in Mödling. Ölpastell, 2007.

Während einer längeren Zugfahrt las ich „Fräulein Rosa Herz“ von Eduard Graf von Keyserling. Der Roman ist der Erstling des Autors und noch völlig anders geartet als die späteren „impressionistischen“ Werke. Dieser Roman entwickelt sich von einer humorigen Karikatur seiner Heldin zu einem tragischen Werk.

Ein überspanntes Mädchen

Rosa Herz ist ein sprechender Name: für ein Mädchen, das reichlich überspannt nur dem eigenen Gefühlsleben huldigt. Sie benimmt sich, als wäre sie die Königin der ganzen Welt. Was krass mit ihrer wirklichen gesellschaftlichen Stellung kontrastiert. Rosa ist nämlich die Tochter eines ehemaligen Balletttänzers und einer Tänzerin, die bei ihrer Geburt gestorben ist. Daraufhin übersiedelte der überforderte Vater mit dem Baby zu seiner Schwester in eine Kleinstadt. Seine Lebensziele sind: selbst ein akzeptierter Bürger dieser Kleinstadt zu werden und Rosa eine Karriere als bürgerliche Tochter zu ermöglichen.

Doch Rosa macht ihm da einen Strich durch die Rechnung. Selbstherrlich bestimmt sie, wann sie in die Schule geht und wann sie schwänzt. Mitten am Vormittag spaziert sie in den Stadtpark, wohin sie einen kürzlich selbst ausgesuchten „Verehrer“ bestellt, der sich geschmeichelt fühlt, obwohl er sich eher benutzt fühlen müsste. Rosa hat ja ohne wirkliches Gefühl für ihn einfach beschlossen, sie müsse jetzt einen Freund haben, und eben ihn, den etwas tölpelhalften Riesen aus der Nachbarschule, ausersehen, der Geliebte zu sein.

Herz im Sturm erobert

Natürlich dauert diese „Liebe“ nur so lang, bis Rosa etwas Besseres findet. Das stellt sich in Gestalt des Ambrosius Tellerat ein: Dieser Jüngling ist auf die schiefe Bahn geraten und wird nun zu seinem Onkel, Herrn Bürgermeister Lanin, und dessen Familie geschickt, um dort wieder vernünftig zu werden. Rosa steht in enger Verbindung zu dieser Familie, da Tochter Sally Lanin ihre Schulfreundin und sie häufig bei Lanins zu Gast ist. Lanin betreibt einen Kolonialwarenladen, wo der linkische Konrad Lurch Kommis ist. Er verehrt Rosa, ist sich aber der Hoffnungslosigkeit seiner Liebe bewusst. Sally und Rosa springen mit ihm wie mit einem minderbemittelten Sklaven um.

Ambrosius erobert Rosas Herz im Sturm, da braucht er sich gar nicht anzustrengen. Allein sein hochnäsiges Gehabe und seine arrogante Herablassung allem Kleinstädtischen gegenüber bewirken schon völliges Hinschmelzen des Mädchens.

Küsserei im dunklen Gwölb

Bei einem Hausball der Lanins kommt es zu einer ersten Küsserei zwischen Rosa und Lanin, und zwar im finsteren „Gwölb“ des Ladens. Erst mitten im Geschehen werden die beiden eines Beobachters gewahr: Lurch! Rosa fällt in Ohnmacht. Ambrosius stiehlt sich davon und überlässt die Ohnmächtige dem hingerissenen Lurch. Kaum erwacht, ergreift sie vor dem Kommis die Flucht.

Rosa und Ambrosius treffen sich nun häufig im Hinterzimmer des Trödlerladens gegenüber von Lanins Haus, der dem Juden Wulf gehört. Seine Tochter Ida ist eine Mitwisserin. Doch auch Sally bleibt Ambrosius’ Liebesnest nicht verborgen, und wutentbrannt – sie hat sich selbst Hoffnungen auf Ambrosius gemacht – verpetzt sie ihren Cousin bei den Eltern. Diese beschließen die sofortige Heimreise des Burschen.

Rosa will durchbrennen

Doch dem wollen Rosa und Ambrosius zuvorkommen, indem sie auf Rosas Wunsch zwecks Eheschließung nach Paris durchbrennen.

Ambrosius ist davon mäßig begeistert, lässt sich aber von Rosa immerhin so weit drängen, dass er bei Wulf einen Wucherkredit aufnimmt. Als Bürgen will er Lurch gewinnen, der aber nicht unterschreiben will. Rosa setzt ihre schärfste Waffe ein: wenn er unterschreibt, darf Lurch sie küssen. Das wirkt.

Nun ist ihr Nervenkostüm schon so angegriffen, dass sie sich auch gleich noch Ambrosius hingibt (Keyserling deutet das natürlich nur äußerst dezent an).

Mit dem Durchbrennen wird es trotzdem nichts. Rosa findet sich zwar nachts am vereinbarten Ort vor den Stadtmauern ein, doch Ambrosius kommt nicht. Stattdessen Ida, die erzählt, ihr Vater habe die Sache Herrn Lanin hinterbracht, dieser habe stante pede Ambrosius in den Zug nach Hause gesetzt, und Lurch habe den Kredit zurückzahlen müssen, mit Zinsen.

Rosa ist zerstört. Die ganze Sache ist schon längst Stadtgespräch, der Vater ist verzagt (er ist kein starker Charakter), Rosa kann hier nicht mehr bleiben. Also hofft sie, eine Stelle als Gouvernante in Russland zu bekommen.

Ein verzweifelter Liebhaber

Einmal begegnet sie Lurch, der von Lanin damals entlassen worden war und nun in einer verzweifelten finanziellen und seelischen Lage ist. Er muss seine bettlägrige Mutter betreuen und versorgen. Nun sinkt er vor Rosa in die Knie, gesteht ihr, dass er durch die Rückzahlung des Kredits samt Zinsen seine gesamten Ersparnisse verloren hatte, und hofft, da er nun Rosa auf die gleiche gesellschaftliche Stufe gesunken sieht, dass sie ihn erhört. Diese stößt ihn aber nur angewidert zurück. Daraufhin schneidet er sich die Pulsadern auf.

Der Tod eines Babys

Bevor die Gouvernantenstelle konkret wird, stellt sich heraus, dass Rosa schwanger ist. Nun bringt sie die resolute, aber liebevolle Haushälterin der Familie Herz zu ihrer Schwester, die in dem einschichtigen Dorf Tiglau Hebamme ist. Die ganze Familie der Hebamme Böhk nimmt die Schwangere freundlich auf, schon scheint sich alles zum Besseren zu wenden, das Kind kommt zur Welt, Rosa liebt es von ganzem Herzen – ein Gefühl, das sie vorher überhaupt nicht kannte -, doch ein paar Wochen später stellen sich bei dem Baby Krämpfe ein, die der Doktor nicht bekämpfen kann, und wenige Tage später ist es tot.

Keyserlings Schilderung des Todeskampfs dieses armen kleinen Wesens ist erschütternd, und man kann gut nachfühlen, wie verstört Rosa daraufhin ist.

Unverwüstliches Naturell

Doch Rosas im Grunde unverwüstliches Naturell erholt sich schließlich von dem Schicksalsschlag, und sie fährt wieder nach Hause, wo sie den Vater jedoch nicht mehr vorfindet, weil er einige Wochen zuvor gestorben ist. Sie wendet sich an ihre ehemalige Lehrerin um Hilfe, die sich schon immer ihrer angenommen hatte, und diese vermittelt eine Gouvernantenstelle in Moskau.

Als Rosa in der Kutsche abreist, erblickt sie ihren ersten „Geliebten“, wie er nun mit einer anderen Schulkollegin durch den Ort spaziert. Sie selbst hat die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwann einmal doch den Richtigen zu finden:

„Der Gedanke, sie könnte noch einmal jemand recht liebhaben, machte dieses liebesdurstige Frauenherz für einen Augenblick ganz warm, und Rosa lächelte.“ (S. 545)

Kleinstadtleben meisterhaft geschildert

Keyserlings Schilderung des engstirnigen Kleinstadtlebens ist meisterhaft. Da tummeln sich Menschen aller Gesellschaftsschichten vom Bürgermeister über den sich lebemännisch gebenden Apotheker Klappekahl bis zum dubiosen Trödler Wulf (man fragt sich: Ist Keyserling da ein wenig antisemitisch?), zum Fährmann, Wirt, darüber hinaus Kinder und Jugendliche genauso wie eine „ältere Generation“. Alle überaus treffend gezeichnet.

Stilistische Wandlung

Was Rosa betrifft, so steht der Autor ihr zuerst recht distanziert gegenüber, man hat fast ein Lehrstück auktorialen Erzählens vor sich, wo der Erzähler mit seiner Figur nach Belieben schaltet und waltet. Doch je schlimmer Rosas Lebenslage wird, desto mehr schwindet diese Haltung „von oben herab“ und Keyserlings Erzählstil wird immer einfühlsamer.

Man muss hier also durchhalten, denn auch wenn der Anfang seltsam ist, so entschädigen der weitere Handlungsverlauf und die stilistische Entwicklung dafür voll und ganz.

Eduard von Keyserling: Fräulein Rosa Herz. Eine Kleinstadtliebe. Roman. Nachwort von Wiebke Porombka. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich 2015. 573 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Abend in Mödling. Ölpastell, 2007.

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Eduard von Keyserling: Dumala

Wolfgang Krisai: Hunyadischloss in Maria Enzersdorf. 2013, Buntstift, Tuschestift.

Schon die ersten paar Seiten dieses kurzen Romans haben mich für ihn gewonnen: Pastor Erwin Werner, ein stattlicher junger Mann, singt ein schwülstiges Liebeslied, „Am Meer“ von Franz Schubert mit Text von Heinrich Heine, und seine rotbackige Frau begleitet ihn am Klavier. Sie ist von ihrem Mann hingerissen, er von der sehnsüchtigen Stimmung des Liedes. Doch kaum ist der letzte Ton verklungen, „kam der Rückschlag“ (S. 8):

„Wie Siegfried!“, kam es leise über die Lippen der kleinen Frau.

„Wer?“, fuhr Pastor Werner auf.

„Du“, sagte seine Frau.

Werner lachte spöttisch, wandte sich ab und begann, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab zu gehen.

So war es jedes Mal, wenn er sich im Singen hatte gehen lassen, wenn er sich mit Gefühl vollgetrunken hatte.

Dann kam der Rückschlag.

Man hat geglaubt, etwas Großes zu erleben, einen Schmerz, eine Leidenschaft, und dann war es nur ein Lied, etwas, das ein anderer erlebt hat, und die Wände des Zimmers mit ihren Photographien, die großen schwarz und rot gemusterten Möbel, all das beengte ihn, drückte auf ihn.“ 

Bei darauf folgenden Abendessen bringt Lene, die Frau, das Gespräch auf Karola, die Baronin von Dumala, die in der Nähe auf Schloss Dumala wohnt.

Lene seuftze: „Natürlich! Diese Frau ist ja so schön!“

„Was ist dabei zu seufzen?“, sagte Werner. „Lass sie doch schön sein.“

„Weil ist sie nicht mag“, fuhr Lene fort, „deshalb. Sie will alle Männer in sich verliebt machen. Aber schön ist sie.“ 

Werner lachte. „Was für Männer? Die arme Frau pflegt ihren gelähmten Mann Tag und Nacht. Die sieht ja keinen. […]“

„Dich sieht sie doch.“ Lene nahm einen herausfordernden Ton an, als suche sie Streit.

Werner zuckte nur die Achseln. „Mich!“ (S. 9f)

Doppelbödigkeit

Damit ist schon auf den ersten paar Seiten die ganze Problematik der Handlung eröffnet: Der Pastor hält es mit seiner kleinen, vergleichsweise unattraktiven Frau nicht mehr aus und spielt lieber mit dem Feuer, indem er häufig auf „Krankenbesuch“ auf Schloss Dumala erscheint, in erster Linie natürlich, um der Baronin nahe zu sein. Lene stichelt ein bisschen herum, ohne die Dramatik der Gefühlslage ihres Mannes auch nur zu erahnen.

Alle Gespräche, die geführt werden, haben – das liebe ich an Keyserlings Romanen – unter der Oberfläche eine zweite, meist konträre Bedeutung. Unter aller Höflichkeit, Christlichkeit, Moralität brodeln Leidenschaft, Unbeherrschtheit, Liebe und Hass.

Pastor Werner spielt den wortgewaltigen Hirten seiner Gemeinde, wenn er von der Kanzel „herabdonnert“, wie seine Frau halb spöttisch, halb bewundernd sagt. Doch in Wirklichkeit überfallen ihn, kaum ist er irgendwo allein, die Bilder der angebeteten Baronin, und oft verlässt er dann überstürzt das Haus und marschiert wie ferngesteuert nach Dumala.

Nach dem Bild des Autors geformt

Dort amüsiert sich Schlossherr Baron von Werland schon über den eifrig Nächstenliebe übenden Geistlichen. Ich vermute, Werland ist nach dem Bilde des Autors gemodelt: Auch Keyserling war 1907, im Erscheinungsjahr des Romans, nicht mehr gehfähig, da ihn ein Rückmarksleiden als Folge der Syphilis befallen hatte. Außerdem war er drauf und dran zu erblinden oder schon erblindet. Aber er soll sein Leiden mit bissigem Humor ertragen haben, genau wie Baron Werland, der den Pastor mit kritischen Bemerkungen über Religion und insbesondere das Jenseits sekkiert:

Aber der Baron wurde eifrig: „Ich weiß, der Glaube. Nein, Ihr Glaube ist ein Kunststück, zu dem ich kein Talent habe. […] Natürlich! Ihr seid gesund. Ihr denkt so nebenbei einmal: Unsterblichkeit – wie schön! Leben nach dem Tode – entzückend! Und damit ist’s gut. Aber ich – mich geht das jetzt was an. Sehn Sie, Pastor, wenn Sie zu Hause bleiben wollen, nun, dann ist’s Ihnen gleich, wann der Schnellzug nach Paris geht und ob er Anschluss hat. […] Aber wenn die Koffer gepackt sind, ja dann blättern Sie im Kursbuch, dann kommt es auf Genauigkeit an. Nach – also – ich – ich seh mir das Kursbuch an, und, Pastor, ich sag Ihnen, es gibt keinen Anschluss. Wir bleiben liegen.“ (S. 30)

In dem Sekretär des Hauses, den jungen Pichwit, den der Baron als „Pagen“ und „Troubadour“ bezeichnet (S. 33), hat Werner einen Konkurrenten in der Liebe zu Karola. Pichwits Situation ist genauso hoffnungslos wie die Werners, da Karola ihn nicht ernst nimmt, sondern eben nur wie einen Pagen behandelt.

Die Galgenbrücke

Man könnte fast sagen, der Roman sei eine Novelle, weil darin ein Ding eine symbolhafte, wichtige Rolle spielt: die Galgenbrücke. Das ist eine alte, morsche Holzbrücke über eine Schlucht, über die man lieber nicht mehr geht, geschweige den fährt. Doch eines Nachts rast Werner auf seinem von einem braven Schecken gezogenen Schlitten auf die Brücke zu, nachdem er nach einem besonders enttäuschenden Besuch bei Werlands im Wirtshaus einen steifen Grog getrunken hat. Er hat beim Wirt den Dorfschullehrer und den Küster aufgegabelt, und diesen beiden fällt das Herz in die Hosen, als sie merken, worauf sie zurasen. Fast bricht das Pferd ein, es kann sich gerade noch hochrappeln – und drüben ist man.

So wird diese wichtige Brücke mit einer höchst eindrucksvollen Szene in die Handlung eingeführt.

Ein Frauenheld

Wenig später – alles spielt sich ja in ein paar tief verschneiten Wintermonaten ab – taucht auf Dumala der Baron Behrendt von Rast als Besucher auf, der im Ruf steht, ein großer Frauenheld, ja Frauenverbraucher zu sein. Und tatsächlich, schnell wird er zum täglichen Gast, der Karola unverhohlen den Hof macht. Karola genießt das, während Pichwit, Werner und Werland, jeder auf seine Weise, vor Eifersucht vergehen.

Bald ist Rast am Ziel seiner Werbung und kommt jetzt nur noch spät nachts über die Galgenbrücke gefahren. Werner wird das von einem Förster hinterbracht, und obwohl er den Förster barsch zurechtweist, dass er seine Herrin nicht verleumden solle, ist er alarmiert und macht sich nachts, als Lene schläft, auf den Weg zur Brücke. Dort beobachtet er den vorbeisausenden Schlitten, geht ihm nach bis zum Schloss und starrt hinauf zum Fenster. Er wundert sich nicht, dass sich plötzlich Pichwit zu ihm gesellt und ihm genau erzählt, wann Rast immer kommt. Nachdem Rast zurückgefahren ist, stapft Werner innerlich kochend nach Hause.

Mordphantasien

Seine ohnmächtige Lage bringt Werner zur Weißglut. Ständig sieht er das Bild des über die Brücke setzenden Rast vor sich, jede Nacht schleicht er hinaus zu Brücke und Schloss und beobachtet. Mordphantasien überfallen ihn. Bei einem Pastor ist das besonders verwerflich, aber Werner kann’s nicht ändern.

Bei einem Gang durch den Wald stößt Werner einmal auf Rast und Karola, die einander umarmen. Am Höhepunkt seiner Eifersucht schleicht Werner in einer der nächsten Nächte nicht ins Schloss nach, sondern geht auf die Brücke und reißt ein morsches Brett nach dem anderen los und wirft es in die Tiefe. Soll Rast doch da hinunterkrachen!

Auf einem versteckten Beobachtungsposten wartet Werner auf die Rückkehr des Verführers. Als er schließlich den Schlitten herannahmen hört, springt er doch auf, läuft ihm entgegen, schreit halt und stoppt ihn. Rast geht zum Loch in der Brücke:

Rast kam zurück. „Seltsam!“, sagte er. „Wie das geschehen konnte! Sie wissen das natürlich nicht? Nein, wie sollten sie.“ (S. 143)

Rast lädt seinen „Lebensretter“ auf ein Gläschen Sekt ein, um die Rettung zu feiern, und bekommt im Nu heraus, dass sein Retter eigentlich sein Mörder sein wollte.

„Prosit Pastor! Prosit Lebensretter! Natürlich wusst’ ich’s. Auf Ihr Wohl! Hier in der Gegend sind Sie der Einzige, das so was kann. Teufel noch einmal, so was! Eine Fall wie für einen Wolf. Herr, Sie müssen ordentlich hassen können. Aber gekonnt, bis zu Ende gekonnt haben Sie’s auch nicht.“ (S. 150)

Wenige Tage darauf brennt Karola mit Rast nach Florenz durch. Und wenig später liegt Baron Werland, der nun völlig vereinsamt ist, im Sterben. Ein letztes Mal lässt er sich frisieren, stirbt jedoch dabei vor den Augen Werners und Pichwits, der als Betreuer die Stelle Karolas eingenommen hatte.

Allein sein – meine Bestimmung

Beim Begräbnis ist die Verwandtschaft entsetzt, dass Werland sein Testament nicht geändert und Karola als Erbin eingesetzt hat. Diese erscheint und lebt nun – von allen gemieden und geächtet – als einsame Schlossherrin auf Dumala.

Zu Werner sagt sie: „Allein sein, das ist wohl meine Bestimmung. Für das Zusammengehen muss ich kein Talent haben. Entweder tu ich den anderen weh oder sie tun mir weh.“ (S. 198)

Zu einer Annäherung Werners an die Schlossherrin kommt es nun nicht mehr, sie igelt sich in ihre Einsamkeit ein. Die letzten Worte des Romans sind Gedanken Werners:

„Seltsam!“, dachte Werner. „Da glaubt man, man sei mit einem anderen schmerzhaft fest verbunden, sei ihm ganz nah, und dann geht ein jeder seinen Weg und weiß nicht, was in dem andern vorgegangen ist. Höchstens grüßt einer den anderen aus seiner Einsamkeit heraus!“ (S. 199f)

Aus den Zitaten wird Keyserlings Stil deutlich, der in einfachem Parlando von den Schrecklichkeiten des Lebens erzählt. Das ist die gleiche Doppelbödigkeit wie in den Dialogen und im Leben der Figuren.

Impressionistisch

Impressionistisch sei das, liest man: „Keyserling ist neben Schnitzler sicher der bedeutendste impressionistische Erzähler“ (Wolfgang Nehring: Eduard von Keyserling. In: Deutsche Dichter, Bd. 6, Reclam, Stuttgart, 1989, S. 292), und: „Die Erzählkunst Keyserlings besteht darin, den Gehalt seiner Werke völlig in Sprache umzusetzen.“ (ebd.) Ja, genau.

Eduard von Keyserling: Dumala. Roman. Nachwort von Philipp Haibach. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich, 2014. 221 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Hunyadischloss in Maria Enzersdorf. 2013, Buntstift, Tuschestift.

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Charlotte Brontë: Jane Eyre

Wolfgang Krisai: Schlafendes Mädchen. 1978. Kreide auf braunem Papier.Jetzt las ich Charlotte Brontës Roman „Jane Eyre“, der mich sehr gepackt hat, nach leichten Eingewöhnungs-Schwierigkeiten. Anfangs hat mich nämlich irritiert, dass die Autorin ihre 10jährige Heldin im Stil von Sonntagspredigten ihre Alltagsgespräche führen lässt. Nimmt man das jedoch einmal als zeitbedingtes Stilmittel hin, dann wird es durchaus interessant.

Menschenverachtendes Internat

Die kleine Jane wird von ihrer Zieh-Mutter gehasst und in ein menschenverachtendes Internat gesteckt, wo sie nur zufällig oder wegen ihrer robusten Natur dem buchstäblichen Tod entgeht, dem viele der Schülerinnen wegen Unterernährung und mangelnder Widerstandskraft erliegen.

Verliebt in den Dienstherren

Danach verdingt sie sich als Gouvernante bei einem Herrn von Rochester, dessen uneheliche, aber bei ihm lebende sechsjährige Tochter sie betreuen muss. Es entsteht eine machtvolle Liebe zwischen Jane und Rochester, sie können aber nicht heiraten, weil Rochester schon verheiratet ist – mit einer verrückt gewordenen Frau, die er in einem Kammerl seines Herrenhauses weggesperrt hat.

Moralische Druckmittel

Als Rochester hofft, Jane trotzdem zu seiner Geliebten machen zu können, ergreift diese die Flucht und gerät zufällig an Verwandte, mit denen sie sich zwar sehr gut versteht, wo ihr Cousin sie aber mit moralischen und religiösen Druckmitteln zwingen will, ihn zu heiraten und mit ihm als Missionarsgattin nach Indien zu gehen.

Wieder flieht Jane, zurück zu Rochester, über dessen Schicksal sie Klarheit haben will. Der ist inzwischen nicht mehr verheiratet, weil seine irre Frau das Haus in Brand gesteckt hat und dabei selbst umgekommen ist. Rochester hat beim vergeblichen Versuch, sie aus dem brennenden Haus zu retten, sein Augenlicht und eine Hand eingebüßt. Doch das hält Jane nicht ab, nun bei ihm zu bleiben. Happy End. Glückliche Ehe.

Was ist nun das Faszinierende an diesem Roman?

Die Handlung allein kann es ja nicht sein, dazu ist sie zu skurril – obwohl sie zum Teil auf autobiographischem Fundament stehen soll. Um das genauer zu prüfen, müsste ich ein besserer Brontë-Kenner sein.

Der romantische Stil kann es auch nicht sein, der ist ja eher abschreckend.

Janes Selbstbehauptungswille

Faszinierend ist aber die Persönlichkeit Janes, die förmlich platzt vor Selbstbehauptungswillen. Von ihrer hasserfüllten Ziehmutter lässt sie sich eines Tages nichts mehr gefallen und sagt ihr ins Gesicht, dass sie sie hasst. Das ist der Grund, warum sie in das Internat gesteckt wird, wo sie sich schnell nach oben arbeitet, trotz der Verleumdung von Mr. Brocklehurst, der der Ziehmutter versprochen hat, das Mädchen vor allen anderen zu demütigen. Und das auch wirklich tut.

Angesichts der an den Tag gekommenen Vorkommnisse in geistlich wie weltlich geführten Internaten in den letzten Jahrzehnten wird wohl die Schilderung des unmenschlichen Internatslebens in Mr. Brocklehursts Institut „Lowood“ gar nicht weit von der Realität entfernt sein.

Liebe wider Willen

Dann kommt die schwierige Liebesgeschichte mit Mr. Rochester, deren Entwicklung die Leserin bzw. der Leser mit Spannung folgt. Interessant daran finde ich, dass Jane sozusagen gegen ihren Willen ihrem Dienstherren verfällt. Sie sträubt sich mit allen Mitteln dagegen, und Rochester ist auch keineswegs ein zuvorkommender Mann, sondern benimmt sich seinerseits lange Zeit abstoßend. Als Jane ihm jedoch unerschrocken das Leben rettet, schlägt es bei ihm ein. Fast macht er ihr eine Liebeserklärung.

Rochester trägt die Last seiner bestehenden Ehe mit der geistesgestörten Südamerikanerin. Von der Existenz dieser Frau im Herrenhaus ahnt man nichts, sondern man verdächtigt wie Jane die Irrenwärterin, die Rochester angestellt hat, sie habe einen Mordanschlag auf Rochester vollführt.

Die Autorin erzeugt Spannung und nützt diese Episoden zu satirischer Darstellung, indem sie Rochester allerlei Spielchen treiben lässt: Er macht einer eleganten Dame den Hof, um Jane auf die Folter zu spannen; er verkleidet sich als Wahrsagerin, um in Janes Seele zu lesen; und er glänzt immer wieder durch unangekündigte Abwesenheit.

Kritik an Scheinheiligkeit

Ein wichtiger Aspekt des Romans ist die implizite Kritik an Scheinheiligkeit und Bigotterie. Besonders das Internatskapitel und die Diskussionen mit dem angehenden Missionar zeigen das. Im 19. Jahrhundert muss das skandalös geklungen haben.

Emanzipationsroman

Der Roman wird außerdem als ein frühes Manifest der Frauenemanzipation verstanden: Jane liebt Rochester zwar, ist aber nicht bereit, dafür ihre persönliche Integrität zu opfern. Deshalb will sie nicht seine Geliebte werden, sondern flieht. Da ihr Herz einem anderen gehört, will sie auch nicht die Gattin ihres Missionars-Cousins werden. Auch hier wieder besteht sie auf ihrer persönlichen Würde.

Zu Ehe kommt es erst, als sie ihrem Ehemann zumindest ebenbürtig, wenn nicht überlegen ist, da Rochester schließlich behindert ist. Doch – und das ist bezeichnend – für Jane ist Rochesters Behinderung eine Äußerlichkeit, die ihr ermöglicht, für ihn da zu sein, wo er es braucht. Ihrer Liebe und ihrem Respekt vor dem Ehemann tut das keinen Abbruch. Es braucht die Behinderung Rochesters, um ihn vom hohen Ross, auf dem ein Mann des 19. Jahrhunderts automatisch saß, herunterzustoßen, damit er mit Jane eine auf Gleichberechtigung fußende Ehe eingehen kann.

Charlotte Brontë: Jane Eyre. Roman. Aus dem Englischen von Andrea Ott. Nachwort von Elfi Bettinger. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich, 2001. 777 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Schlafendes Mädchen. 1978. Kreide auf braunem Papier.

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John Dos Passos: Manhattan Transfer

Wolfgang Krisai: Manhattan vom Greenpoint Ferry Pier in Brooklyn aus. Tuschestift-Skizze, 2015.Wenn ich schon meinem in St. Petersburg studierenden jüngsten Sohn zu Ehren einen Roman über Petersburg las, wollte ich auch meinem ältesten Sohn, der in New York arbeitet, zu Ehren einen Roman über New York lesen. Da bot sich der schon lange im Regal stehende Meilenstein der modernen Literatur „Manhattan Transfer“ von John Dos Passos an.

Montage-Technik

Er soll, so weit war ich vorinformiert, der erste Roman sein, der sich der Montage-Technik bediente, und als solcher eine Anregung für Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ gewesen sein. Die amerikanische Originalausgabe er schien 1925.

Das Großstadtleben

Der Roman versucht das New Yorker Großstadtleben rund um den Ersten Weltkrieg authentisch wiederzugeben. Dos Passos bedient sich dafür einer ganzen Reihe von Figuren aus allen gesellschaftlichen Schichten vom Bettler bis zum reichen Unternehmer, von der einfachen Näherin bis zur Starschauspielerin. Typisch für das moderne Leben ist das Durcheinander von Lebens-Bruchstücken, die man mitbekommt. Man weiß von dieser ein bisschen etwas, von jenem eine Lebensepisode – aber in den seltensten Fällen kennt man einen Menschen und dessen Leben von A bis Z.

Genau das macht auch dieser Roman: Kleine Lebensabschnitte der Figuren reihen sich unvermittelt aneinander, so, als schalte man am Fernseher von Kanal zu Kanal und sähe immer nur kurze Ausschnitte aus Filmen. Da die Zahl der Fernsehkanäle aber begrenzt ist, zappt man auch immer wieder hin und zurück, sodass man aus den gleichen „Lebensfilmen“ mehrere Abschnitte mitbekommen kann. Was dazwischen war, kann man sich ungefähr zusammenreimen oder es zumindest erahnen.

Glühwürmchenzüge schusseln im Zwielicht

Es gibt eine Gliederung des ganzen Buches in drei „Bücher“ und umfangreiche Kapitel. Jedes Kapitel wird durch einen kursiv gedruckten, kurzen Anfang eingeleitet, der eine Impression der Großstadt bietet, meist ohne noch konkreten Personen zugeordnet zu sein. Das sind die sprachlich originellsten Abschnitte. Ein Beispiel: der Anfang von Kapitel drei aus dem dritten Buch:

„Glühwürmchenzüge schusseln im Zwielicht durch die nebligen Schatten spinnwebiger Brücken, Aufzüge steigen und fallen in ihren Schächten, Hafenlichter blinken.

Wie Pflanzensaft beim ersten Frost beginnen um fünf Uhr Männer und Frauen allmählich aus den hohen Gebäuden der City hervorzusickern, grauwangige Scharen überfluten U-Bahnen und Tunnelbahnen, verschwinden unter die Erde.

Die ganze Nacht lang stehen die großen Gebäude leer und still, dunkel ihre Millionen Fenster. Lichtsabbernd kauen die Fähren scharfe Spuren in den lackglatten Hafen. Um Mitternacht gleiten die vieressigen Eildampfer aus ihren grellbeleuchteten Ankerplätzchen in die Finsternis hinaus. Bankdirektoren, triefäugig von geheimen Konferenzen, hören das Tuten der Schlepper, während die Leuchtkäferwächter sie durch die Seitentüren hinauslassen. Brummend sinken sie in die Polster ihrer Limousinen und sausen auf die Vierziger zu, rasselnde Straßen voller Lichter, weiß wie Gin, gelb wie Whisky, schäumend wie Apfelwein.“ (S. 362)

Der Rest der Kapitel ist dann in weniger expressiver Sprache abgefasst und mit vielen Dialogen gespickt, sodass sich das alles sehr gut liest.

Das, was ich mir als Montage-Technik erwartet habe, nämlich das unvermittelte Ineinanderschneiden von Erzählung, Dialog, Wahrnehmungsfetzen, Werbetexten, Radiomeldungen, etc., tritt hingegen seltener in Erscheinung, und wenn, nur kurz.

Figurenarsenal

Ich hätte, um den Überblick über das Figurenarsenal des Romans nicht zu verlieren, von Anfang an eine Figurentabelle anlegen und diese Schritt für Schritt mit Daten anreichern sollen. Das habe ich jedoch nicht gemacht, daher fürchte ich, dass meine Erinnerung an die Romanfiguren noch bruchstückhafter und unsicherer ist als das, was der Autor uns serviert.

Es gibt ein paar „Hauptfiguren“, die praktisch den ganzen Roman durchziehen. Von den Frauen ist dies Ellen, die zunächst ein Musicalstar wird, später aber Journalistin.

Sie wird von zahlreichen Verehrern umkreist, von denen die männliche Hauptfigur Jimmy Herf sogar die Ehre hat, sie zu heiraten. Die Ehe geht aber nicht lange gut, der Sohn Martin kann daran auch nichts ändern.

Das Ende

Jimmy folgt man von der Kindheit an. Er ist der überbehütete Sohn einer kränklichen Mutter, die bald stirbt, wird dann von Verwandten aufgenommen und schlägt eine journalistische Laufbahn ein. Er hat die Arbeit als Reporter aber bald satt, weil er sich lediglich als „Schreibmaschine“ fühlt, die nur über das schreibt, was sich gerade zuträgt, aber niemals selbst kreativ etwas hervorbringen darf. Folglich schmeißt er seinen Job irgendwann hin und will sich als Schriftsteller versuchen. Im letzten Abschnitt des Romans trennt er sich von Ellen, gibt seine letzten Dollars für ein Essen aus und fährt dann mit einem Lastwagen ins Ungewisse:

„Ein riesiger Möbelwagen, gelb und blank, ist draußen vorgefahren.

‚Sagen Sie mal, darf ich mitfahren?’, fragt er den rothaarigen Chauffeur.

‚Wie weit wollense denn?‘

‚Das weiß ich nicht … Ziemlich weit.‘“ (Das ist, auf Seite 479, das Ende des Romans.)

Eigentlich ein Mörder

Während Jimmy Herf im gesamten Roman eine Rolle spielt, ist jene Person, mit der der Roman eröffnet wird, nur im ersten Buch vorhanden: Bud Korpenning. Dieser junge Mann vom Land kommt mit der Fähre nach New York – „Manhattan Transfer“ ist die Bezeichnung für die New Yorks Fähren – und will hier Arbeit finden, egal, welche. Das verfolgt man als Leser über einige Abschnitte mit. Doch Bud hat Pech. Niemand kann ihn brauchen. Schließlich verliert er die Nerven, erzählt in einem Obdachlosenasyl seinem Bettnachbarn, dass er eigentlich ein Mörder ist, der seinen Vater erschlagen hat und deshalb nach New York geflüchtet ist, und marschiert dann auf die Brooklyn Bridge hinaus, überklettert das Brückengeländer und stürzt sich in den East River. Eine Fährenbesatzung hat ihn aufklatschen gehört, kann ihn aber nur noch tot herausholen – mit gebrochenem Genick. Das am Ende des ersten Buches, Seite 151.

Holzbeiniger Schnapsbudenbesitzer

Daneben gibt es noch zahlreiche weitere mehr oder weniger interessante Figuren. Zum Beispiel einen holzbeinigen Besitzer einer illegalen Schnapsbude am Hafen, bei dem Jimmy gerade zu Gast ist (um eine Reportage darüber zu schreiben), als ein illegaler Champagnertransport anlegt und beim Ausladen von konkurrierenden Gaunern überfallen wird, die jedoch zurückgeschlagen werden. Allerdings geht dabei neben einigen feindlichen Schädeldecken auch das Holzbein des Wirts zu Bruch.

Während dieser piratenhafte Wirt eine eher lustige Gestalt ist, gehört Joe Harland zur gegenteiligen Kategorie: Zu Beginn gibt er guten Freunden noch bombensichere Tipps für gewinnbringende Aktienspekulationen, doch einige Kapitel später hat er sich schon gröber verspekuliert, sein Reichtum hat sich in nichts aufgelöst und er ist in der Gosse gelandet. Gelegentlich findet er noch einen ehemaligen Bewunderer, der ihm einen Vierteldollar für einen Imbiss zusteckt, aber das war’s dann schon.

Der Unfall eines Milchwagenkutschers

Eine interessante Abhängigkeit zunächst scheinbar zum gegenseitigen Nachteil, später aber doch zum Vorteil verbindet den jungen, aufstrebenden Anwalt George Baldwin mit dem Milchwagenkutscher Gus McNiel und dessen Frau Nellie. Am Ende des zweiten Kapitels der ersten Buchs gibt es einen eindrucksvollen Knalleffekt: Gus kutschiert seinen Milchwagen gedankenverloren über einen Bahnübergang und wird von einem daherrollenden Waggon niedergefahren:

„‚He – he – ogottogott!‘ schreit ein Mann am Rande des Trottoirs. ‚Obacht! Die Waggons!‘

Ein klaffender Mund unter einem Mützenschirm, eine flatternde grüne Fahne … ‚Allmächtiger Gott! Ich bin auf dem Gleis …‘ Er reißt den Kopf des Gauls zur Seite. Hinter ihm kracht es schmetternd gegen den Wagen. Waggons, der Wallach, grüne Flagge, rote Häuser wirbeln im Kreis, zerfallen in schwarze Finsternis.“ (S. 59f)

Im nächsten Kapitel sieht George Baldwin genau in diesem Unfall seine Chance: Er spricht bei Nellie vor und überredet sie, ihn mit der rechtlichen Vertretung ihres verunfallten Gatten zu beauftragen. Sie sagt zu – und verfällt dem charmanten Anwalt, der gleich ein Verhältnis mit ihr beginnt.

Die weitere Entwicklung des Ganzen überraschte mich: Baldwin erkämpft enormen Schadenersatz für Gus, was den Startschuss zu einer erfolgreichen Anwaltskarriere bedeutet; als das Verfahren abgeschlossen ist, hat Nellie von ihm genug und kehrt zum auch gesundheitlich wieder hergestellten Gus zurück, der mit dem Geld geschickt umgeht, den Milchwagen-Job an den Nagel hängt und ein wichtiger Kommunalpolitiker wird.

Es gibt also, wie man sieht, nicht nur negative Entwicklungen. Auch wenn Baldwin zugegebenermaßen zwar finanziell, nicht aber erotisch erfolgreich ist.

Gelungen

Ich könnte jetzt noch weitere Episoden erzählen. An viele erinnere ich mich kaum noch, doch das entspricht eigentlich dem Großstadtleben, wie Dos Passos es schildert: das eine geht, das andere kommt, man erlebt manches mit, anderes nur als Zuschauer am Rande, vieles höchstens vom Hörensagen. Genau das scheint mir das Anliegen des Romans zu sein: den Leser das Großstadtleben erlebbar zu machen. Und es ist gelungen.

John Dos Passos: Manhattan Transfer. Roman. Aus dem Amerikanischen übertragen von Paul Baudisch. Lizenzausgabe für die Deutsche Buch-Gemeinschaft, etc.; Rowohlt, Hamburg, 1959. 479 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Manhattan vom Greenpoint Ferry Pier in Brooklyn aus. Tuschestift-Skizze, 2015.

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Andrey Belyj: Petersburg

Wolfgang Krisai: Abstraktes Bild. 2002. Gouache.Anlässlich der Abfahrt meines Sohnes nach St. Petersburg, wo er ein Auslandssemester verbringen wird, nahm ich mir Andrey Belyjs Hauptwerk, den Roman „Petersburg“ aus dem Jahr 1913 vor. So weit war ich vorinformiert, dass man sich davon keine touristisch relevanten Informationen über diese Stadt erwarten darf. Stattdessen bekommt man einen Meilenstein der modernen russischen Romankunst serviert, den Vladimir Nabokov neben Joyce’s „Ulysses“ und Kafkas „Verwandlung“ zu den drei bedeutendsten Texten am Beginn der Moderne zählte.

Bewusstseinsströme?

Der Roman bietet keine mit den erzählerischen Mitteln des 19. Jahrhunderts erzählte „Geschichte“. Wenn man will, kann man ihn als einen „Bewusstseinsstrom“ auffassen – allerdings: wessen? Eines anonymen Erzählers?

Dieser anonyme Erzähler muss ein auktorialer Erzähler sein, weil er ins Gehirn aller seiner Protagonisten hineinschlüpfen kann. Vor allem in die Gehirne seiner beiden Hauptpersonen: Vater und Sohn, Apollon Apollonowitsch und Nikolai Apollonowitsch Ableuchow. Man liest ziemlich konsequent abwechselnd einen Abschnitt aus dem Bewusstsein des Vaters und des Sohnes, manchmal unterbrochen von Abschnitten aus der Sicht weiterer Gestalten der Handlung.

Dabei erfährt man als Leser, was der jeweils an der Reihe Seiende sich denkt, was er fühlt oder wahrnimmt. Manchmal nimmt er Einbildungen wahr: Es geschehen also unvermittelt die seltsamsten Dinge, bis sich am Kapitelende herausstellt, es war ein Traum, eine Fieberphantasie, eine Panikattacke oder Ähnliches.

Das Irrationale des Lebens

Belyj fängt mit dem Roman die Zusammenhanglosigkeit des Lebens ein, die irrationale Seite der Menschen, die Überhitztheit mancher Gedankengänge und die nicht und nicht funktionieren wollende Kommunikation mit den Mitmenschen. Wahrnehmungsfetzen treiben am Leser vorbei, die Figuren stammeln halbe Sätze und ringen um Worte, ohne sie zu finden, sie stürmen durch Petersburg, das eine Hexenküche finsterer Plätze, dunkler Eingänge und kalter Kanäle ist. Streikende Menschenmassen ergießen sich auf den Newski-Prospekt und wirken wie ein gigantischer Tausendfüßler. Die Stadt brodelt in einer vorrevolutionären Atmosphäre.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist ein hoher Staatsbeamter im Landwirtschaftsministerium und als solcher hoch geachtet und gefürchtet, da er das ganze Land mit seinen Direktiven überzieht und überall Agenten hinschickt. Allerdings lässt seine Gestaltungskraft inzwischen deutlich nach, und in den wenigen Tagen, die der Roman umfasst, wirft Apollon Apollonowitsch seine Arbeit schließlich hin, erscheint nicht mehr im Amt und lässt sich pensionieren.

Als Staatsbeamter ist der Vater ein Vertreter des Regierungssystems, das junge Revolutionäre der damaligen Zeit – der Roman spielt 1905 – stürzen wollen. Daher steht auch Apollon Apollonowitsch auf der Abschussliste, und ironischer Weise soll ausgerechnet sein Sohn Nikolai auf ihn einen Bombenanschlag verüben.

24 Stunden, bis es kracht

Der Roman umfasst ziemlich genau die Zeitspanne von der Übergabe der Zeitbombe an Nikolai bis zu deren Explosion. Das sind mehrere Tage, denn Nikolai braucht einige Zeit, bis er überhaupt realisiert, was er da bekommen hat und in einem Akt des Gehorsams gegenüber der „Partei“ das Uhrwerk des Zeitzünders in Gang setzt. Ab dann sind es noch rund 24 Stunden, bis es kracht…

Nikolai macht in diesen wenigen Stunden eine Wandlung vom Revolutionär zum treuen Sohn durch. So ein richtiger eingefleischter Revolutionär war er ja nie, sondern eher ein Student, der seinen Vater hasst und daher gegen das Establishment ist. Als solcher ist er mit „der Partei“ (man erfährt nicht, welcher genau) in Berührung gekommen, hat dort geäußert, er wolle am liebsten seinen Vater in die Luft sprengen – und siehe da, die Partei nimmt diese Äußerung wörtlich, schwört den Jungspund darauf ein, und schon sitzt er in der Falle.

Vatermord?

Der dubiose Parteisoldat Dudkin, der ihm die Bombe überbracht hat, macht ihm klar, dass es nun kein Zurück mehr gäbe. Und in pubertärer Vatersverachtung zieht Nikolai tatsächlich das Teufelsding auf. Kaum ist das geschehen, wird ihm aber anders, denn er realisiert erst jetzt, was er da eigentlich vorhat: Vatermord! Davor schreckt er nun doch zurück – nur ist es dafür zu spät.

Einer seiner „Freunde“ (Nikolai hat nur dubiose Freunde) versteht ihn und rät ihm, die Bombe, da das Uhrwerk nicht zu stoppen ist, einfach in die Newa zu werfen.

Der Maskierte

Zu allem Überfluss ist Nikolai noch unglücklich verliebt in Sofja Petrowna, die Gattin eines eher waschlappenhaften Leutnants, der sich darein fügt, eine lebenslustige Gattin zu haben. Diese schart Verehrer um sich, ohne sich für einen Geliebten zu entscheiden.

Eines Abends schwirrt der verzweifelte Nikolai an, sieht, dass Sofja nicht zu Hause ist, versteckt sich im Eingangsbereich und erschreckt die Heimkehrerin schließlich gewaltig. Da sie ihn nicht erkennt (er hat einen roten „Domino“, also einen Maskenmantel, an), wird sie halb hysterisch. Die Geschichte wird herumerzählt, und ein um Themen verlegener Redakteur einer Petersburger Postille erfindet nun Episode um Episode über den „roten Domino“, der in der ganzen Stadt sein Unwesen treibe. Nikolai merkt davon nichts, weil er das Blatt nicht liest.

In der vorletzten Nacht der Handlung findet ein Maskenball statt, wo sowohl Vater wie auch Sohn Ableuchow hingehen. Der Vater, weil er der Gastgeberin verpflichtet ist, der Sohn, weil er dort die Geliebte zu treffen hofft. Diese wiederum geht ihrem Gatten zum Trotz hin, der ihr den Ballbesuch verboten hat, und übergibt Nikolai nebenbei den Brief der Partei, in dem diese den Bombenanschlag befiehlt.

Es ist unmöglich, hier die gesamte Handlung wiederzugeben, die unter anderem überhitzte Gespräche, tätliche Auseindersetzungen und einen Mord an einem Parteifunktionär zu bieten hat. All das saust in kurzen Kapiteln am Leser vorbei, der Mühe hat, den Überblick zu behalten. Etwa ab der Mitte, wo der Bomben-Mechanismus aufgezogen wird, packt einen dann auch die Spannung, was nun passieren wird. Wirft Nikolai die Bombe in die Newa? Oder steckt er sie wie zuvor ausgemalt unter Apollons Kopfkissen?

Das Opfer entdeckt die Bombe

Weder, noch. Denn während Nikolai bei der Partei seinen Rücktritt vom Schwur, den Vater zu ermorden, erklärt, stöbert Apollon im Schreibtisch des Sohnes herum, entdeckt eine tickende Sardinenbüchse, nimmt sie in sein Arbeitszimmer mit und untersucht sie ein wenig. Dann jedoch vergisst er das seltsame Ding.

Er erfährt nämlich, dass seine Frau, die vor zweieinhalb Jahren mit einem Spanier durchgebrannt ist, wieder zurückgekehrt ist. Apollon holt sie vom Hotel nach Hause zurück.

Währenddessen sucht der heimgekehrte Nikolai verzweifelt nach der Bombe, die er in die Newa werfen will, findet sie aber in seinem Zimmer nicht mehr. Da er nicht gut fragen kann, ob jemand vom Personal eine tickende Zeitbombe gefunden und mitgenommen hat, steigt seine Verzweiflung, bis er erfährt, dass ein Gast in seiner Abwesenheit bei ihm war, eingelassen wurde und das Zimmer durchstöbern konnte. Gewiss hatte dieser die Bombe mitgenommen. Halbwegs beruhigt beteiligt sich Nikolai an der großen Versöhnung mit der Mutter.

Explosion

Als alle schließlich im Bett liegen, kracht es im Arbeitszimmer unbeschreiblich, die Fenster zersplittern, die Wand bekommt Risse, es qualmt, staubt, brennt – doch niemand wird verletzt oder getötet.

Typisch. Im wirren Chaos der Roman-Ereignisse explodiert die Bombe am „falschen Ort“. Was da eigentlich los war, findet die Polizei nie heraus. Nikolai allerdings entfleucht lieber nach Ägypten, während der Vater sich, allmählich zum Tattergreis werdend, auf ein Landgut zurückzieht und dort seinen Lebensabend mit seiner Frau verbringt. Nach dem Tod des Vaters kehrt Nikolai nach Russland zurück und betätigt sich seinerseits als Gutsbesitzer. Vom einstigen Möchtegern-Revolutionär ist also nichts übriggeblieben. All das erfährt man in einem kurzen Epilog.

Musikalische Sprache

Übrigens bleibt dem Leser einer Übersetzung eine wesentliche Dimension des Romans vorenthalten, wie J. Holthusen in „Russische Literatur im 20. Jahrhundert“, Francke, Tübingen., 2. Aufl. 1992, S. 48 ausführt:

„Den westlichen Leser, der auf Übersetzungen angewiesen bleibt, täuschen Belyjs Romane notwendigerweise in Bezug auf ihre artistische Bedeutung. Das liegt daran, daß Belyj einen ganz eigenen ‚phrasierten‘ Prosastil geschaffen hat, der von Anfang bis zum Ende auf rhythmischen Bögen und Phrasen aufgebaut ist. Belyj hat nicht nur den ornamentalen Stil Gogols weiterentwickelt, sondern auch (wie schon in den ‚Symphonien‘) von musikalischen Prinzipien einen weitgehenden Gebrauch gemacht (Wiederholungen, Variationen, Leitmotive). Neben der ständigen Wiederaufnahme bestimmter ‚Phrasen‘ sind auch Belyjs Wortspiele sehr zu beachten, seine ironischen Anspielungen und seine doppeldeutigen Selbstzitate.“

Während Joyce mit experimentellen Formen und Proust mit übergenauer Seelenzergliederung den modernen Roman erschaffen, liefert Belyj mit „Petersburg“ dazu das Satyrspiel. Sein Roman ist eine surrealistisch wirkende Groteske, die lange vor dem Absurden Theater und dem Existenzialismus die Absurdität des Daseins vor Augen führt.

Andrey Belyj

Abschließend noch ein paar Bemerkungen zu Andrey Belyj:

Er hieß eigentlich Boris Nikolajewitsch Bugajew und lebte von 1880 bis 1934. Sein Vater war Mathematikprofessor in Moskau, und auch der Sohn studierte u. a. Naturwissenschaften. Er wurde zum führenden Symbolisten der russischen Literatur, versuchte das moderne Denken mit religiösen Weisheitslehren zu verbinden und ließ sich von Rudolf Steiner so sehr faszinieren, dass er vier Jahre lang (1912-16) am Aufbau des Goetheanums in Dornach mitwirkte. Zuvor hatte er nach Anfängen mit Lyrik („Symphonien“, 1902-1908) seine beiden ersten Romane veröffentlicht: „Die silberne Taube“ und „Petersburg“, die eigentlich ein dritter zu einer Trilogie abrunden sollte, der nie geschrieben wurde.

Nach der Oktoberrevolution betätigte Belyj sich zunächst als revolutionärer Schriftsteller, verließ das Land aber enttäuscht im Jahr 1921 und übersiedelte nach Berlin. Schon zwei Jahre später kehrte er aber in die Sowjetunion zurück, schrieb seine Memoiren und eine Studie über  „Die Meisterschaft Gogols“. Eine 1500 Seiten starke Geschichte Europas unter dem Titel „Geschichte der allmählichen Selbsterkenntnis der Seele“ durfte nicht erscheinen und wurde erst 1993 gedruckt. (Nach dem Artikel über „Bely“ in Wolfgang Kasack: Russische Autoren in Einzelportraits. Reclam, Stuttgart, 1994, S. 41-48.)

Andrey Belyj: Petersburg. Aus dem Russischen von Gisela Drohla. Lizenzausgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft mit Genehmigung des Insel-Verlags, Frankfurt; 1963. 425 Seiten.

2005 erschien bei Suhrkamp eine Neuübersetzung von Gabriele Leupold, die gleich um 200 Seiten länger als meine Version ist. Warum? Weil Belyj im Lauf seines Lebens den Roman für Neuausgaben gekürzt hat. Die Suhrkamp-Version hat die ursprüngliche Länge (suhrkamp-taschenbuch 3716, 638 Seiten).

In meiner Ausgabe wird Andrey mit -y geschrieben, häufiger ist die Schreibung mit -i: Andrei.

Bild: Wolfgang Krisai: Abstraktes Bild. 2002. Gouache.

 

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