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Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat

 

Wolfgang Krisai: Sistiana Mare, 2003. Tuschestift, wasservermalbare Kreiden.

Stefan Zweig zeichnet den Weltumsegler Magellan in seiner spannenden Biographie als einen tragischen Menschen, der zwar großartige Leistungen vollbringt, den Lohn dafür aber nicht einheimsen kann und sogar einem seiner Kontrahenten überlassen muss.

Für Portugal im Krieg

Zunächst ist Magellan, der 1480 in Portugal zur Welt gekommen ist, als Soldat und Matrose im Dienst seines Vaterlandes in Afrika und in Ostasien in Kriegshandlungen verwickelt. Dort lässt er einen Freund auf den Gewürzinseln zurück, der seinen Beruf an den Nagel gehängt hat und eine „Aussteiger“ geworden ist. Ihn möchte Magellan wiedersehen, wenn er von Osten herangesegelt kommt. Einen malaiischen Sklaven nimmt Magellan sich von Malaysia mit, der ihm auf seiner Weltumsegelung als Dolmetscher gute Dienste leistet, aber wegen Magellans frühem Tod ebenfalls unbelohnt bleibt.

Wechsel nach Spanien zu Karl V.

Da der portugiesische König auf Magellans weitere Dienste aber verzichten zu können glaubt, wendet sich dieser mit seiner faszinierenden Idee von der Weltumsegelung an den spanischen König, den späteren Kaiser Karl V., und wird dort überraschend wohlwollend empfangen. Karl übernimmt die Schirmherrschaft über die Expedition, Geld wird aufgetrieben, Magellan wird vom König persönlich unterstützt, gegen alle Widerstände kleingeisterischer Bremser, und so kann im Jahr 1518/19 eine kleine Flotte von fünf Schiffen ausgerüstet und bemannt werden, mit der Magellan am 10. August 1519 von Sevilla losfährt.

Meuterei

Er hat einer leider falschen Karte von Südamerika entnommen, dass dort, wo in Wirklichkeit der Rio de La Plata mündet, eine Durchfahrt zum Pazifik sei. Als die Schiffe nun dort ankommen, erweist sich die riesige Bucht als Mündungstrichter eines Flusses.

Magellan, eine Einzelgänger mit finsterer Miene und eisernem Willen, lässt nach Süden steuern, in den immer kälteren Winter 1520 hinein. Man muss schließlich in einer menschenleeren Bucht weit im Süden überwintern. Da meutern die spanischen Kapitäne der Begleitschiffe Magellans. Doch mit Entschlossenheit und Kühnheit kann Magellan die Meuterei niederschlagen. Da er, wenn er alle Meuterer hinrichtet, keine ausreichend große Mannschaft mehr hätte, begnügt er sich mit der Hinrichtung des Rädelsführers und der Aussetzung zweier weiterer führender Köpfe.

Auf der Suche nach einem Durchlass zum Pazifik

Am 25. Oktober 1520 fahren die Schiffe schließlich in jene Meerenge ein, die später die Magellanstraße genannt wurde. Kurz vor Erreichen des Pazifik (den Magellan so benannte, weil er damals ein ruhiges Meer war), segelt ihm noch sein größtes Schiff davon und zurück nach Spanien. Diesen Deserteuren wird schließlich kein Prozess gemacht, da der Mann, der sie wohl anklagen würde, tot ist. Ein anderes der Schiffe ist inzwischen an den Klippen zerschellt.

Am 28. November erreichten die verbliebenen drei Schiffe den Pazifik. Dann beginnen mehr als hundert Tage Querung des riesigen Meeres, dessen Größe Magellan wie seine Zeitgenossen viel zu gering eingeschätzt hat. Die Mannschaften verhungern fast.

Tödliche Überheblichkeit

Schließlich erreichten sie die heutigen Philippinen. Magellan gelingt es, mit einem dortigen Fürsten friedlich ins Geschäft zu kommen. Die Ureinwohner lassen sich sogar scharenweise taufen.

Doch dann leistet sich Magellan einen tödlichen Fehler: Um dem Fürsten seine militärische Stärke zu beweisen, will er die spanische Übermacht in einem kleinen Krieg gegen einen unbotmäßigen Stammesfürsten auf einer winzigen Insel demonstrieren. Die philippinischen Freunde sollen beim Kampf nur zusehen. Doch statt leichten Spiels erweist sich der Kampf wegen schwieriger Bedingungen an der Küste als aussichtslos, die Spanier flüchten, und Magellan wird niedergemetzelt.

Das Schicksal der Übrigen

Damit ist das Prestige der Spanier bei den philippinischen Fürsten sofort im Keller. Die übrig gebliebenen Kapitäne und Matrosen müssen sich erst neu organisieren, was nicht ohne Chaos abgeht. Schließlich werden die Kapitäne und einige Matrosen in eine Falle gelockt und umgebracht.

Die drei spanischen Schiffe ergreifen die Flucht. Eines schlägt Leck und wird versenkt. Schließlich erreichen die beiden verbliebenen Schiffe die Gewürzinseln, die Molukken, wo Magellan schon einmal war. Als man, nachdem man Tonnen von Gewürzen gekauft und geladen hat, losfahren will, erweist sich das größere der beiden Schiffe, die „Trinidad“, als nicht mehr seetüchtig. Man lässt Schiff und Mannschaft zur Reparatur zurück. Die Trinidad segelt später in den Pazifik zurück und verschwindet spurlos.

Übrig bleibt die „Victoria“, die um Afrika herum nach Spanien zurücksegelt, und zwar ohne in Afrika zu landen, da dort nur portugiesische, also feindliche Stützpunkte sind. Mit letzter Kraft erreichen Schiff und ein Rest der Mannschaft am 8. September 1522 Sevilla: Die Weltumsegelung ist gelungen. Magellan hat bewiesen, dass alle Weltmeere zusammenhängen und man rund um die Weltkugel segeln kann. Ein Nebeneffekt, der erst jetzt auffällt: Man gewinnt, wenn immer nach Westen fährt, einen Tag.

Den Ruhm erntet der Falsche

Den Ruhm der Weltumsegelung erntet derjenige, den das Wegsterben der anderen zum Kapitän der Victoria gemacht hat: Sebastian del Cano. Da er selbst einst unter den Meuterern war, hat er kein Interesse, die vor einem Jahr zurückgekehrte Mannschaft des Schiffes, das desertiert ist, vor Gericht zu bringen. Im Gegenteil: Vielleicht hat die Vernichtung sämtlicher Bordtagebücher der Expedition ihren Grund darin, dass Dokumente, in denen die Meuterei aufgezeichnet war, verschwinden sollten.

Nur der italienische Reisechronist Pigafetta hat einen zusammenfassenden Reisebericht hinterlassen – vermutlich auf der Basis eines tagtäglich weitergeführten Tagebuchs, das verschwunden ist. Doch darin ist von der Meuterei nichts zu lesen.

Die Lektüre dieses – wie von Zweig gewohnt – sehr flüssig geschriebenen Buchs ist so fesselnd, dass man kaum aufhören kann. Meine Ausgabe bietet einige Illustrationen, so wie übrigens auch die derzeit erhältliche Fischer-Taschenbuch-Ausgabe.

Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat. S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1953. Erstausgabe: Reichner, Wien, 1938. 334 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Sistiana Mare, 2003. Tuschestift, wasservermalbare Kreiden. – Das ist zwar nur ein Blick auf die Adria und nicht auf den Pazifik, aber immerhin: Meer.

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Von und über Erasmus von Rotterdam

Wolfgang Krisai:Erasmus von Rotterdam nach Hans Holbein d. J., Aquarellstift, Tuschestift, 2017.

Erasmus von Rotterdam ist einem heutzutage ja in erster Linie geläufig, weil das Studenten-Austauschprogramm der EU nach ihm benannt ist (auch wenn ERASMUS strenggenommen eine Abkürzung ist, die wie zufällig den Namen des kosmopolitischen Gelehrten und, um mit Stefan Zweig zu sprechen, „ersten Europäers“ ergibt). Doch wer ist  die Person, die hinter diesem klingenden Namen steckt? Die Lektüre zweier Biographien und einiger Werke von Erasmus verschaffte mir ein Bild dieser erstaunlichen Persönlichkeit.

Ribhegges Biographie und Zweigs Lebensbild

Wilhelm Ribhegges Biographie gibt über die Lebensstationen, Leistungen und Werke des Erasmus genau Auskunft. Stefan Zweig hingegen, den man, wie es bei mir glücklicherweise der Fall war, erst nach einer faktenreichen Biographie lesen sollte, gibt eine wertende Zusammenschau und Charakteristik der Persönlichkeit Erasmus’. Beide Bücher ergänzen sich dadurch aufs beste.

Der Vater war Priester?

Geboren wurde Erasmus 1467 in Rotterdam, damals ein kleines Fischerdorf. Sein Vater war – ja, und da beginnen schon die Unklarheiten. Zweig behauptet noch gerade heraus, der Vater sei ein Priester gewesen. Bei Ribhegge klingt das schon anders: „Der Vater Gerhard […] sollte nach dem Wunsch seiner Familie Priester werden. Aus einer heimlichen Verbindung zwischen Gerhard und Margaret gingen Erasmus und sein älterer Bruder Pieter hervor. Zur beabsichtigten Heirat kam es nicht, weil sich Gerhards Familie dagegen sträubte. So jedenfalls hat es Erasmus selbst später dargestellt. Der Vater habe aus Protest gegen seine Familie Holland verlassen und sei nach Rom gegangen. […] Erst nachdem seine Familie ihm fälschlich von dem angeblichen Tod Margarets nach Rom berichtet habe, habe sich Gerhard aus Trauer um seinen Verlust entschlossen, Priester zu werden. Bei seiner späteren Rückkehr nach Holland habe er von dem Betrug seiner Familie an ihm erfahren.“ (S. 11)

Ins Kloster gezwungen

Erasmus lebte bei der Mutter, doch diese starb, als er noch ein Jugendlicher war, und sein Vater folgte ihr bald ins Grab. Nun bekamen die Burschen einen Vormund, der seinerseits nun alles daransetzte, die beiden in ein Kloster zu zwingen. Was bei beiden schließlich auch gelang.
Erasmus wurde Augustiner-Chorherr im Kloster Steyn bei Gouda. Aus innerer Berufung war er das nicht geworden. 1492 wurde er zum Priester geweiht. Dann durfte er zum Studium nach Paris ziehen, und er kehrte nie wieder in sein Kloster zurück, im Gegenteil, er kämpfte darum, von seinen Mönchsgelübden entbunden zu werden, was der Papst schließlich tatsächlich vollzog.

„Lob der Ehe“

Erasmus fühlte sich weder zum Mönch noch zum Priester berufen. Gegen das Mönchtum äußerte er sich später deutlich in verschiedenen Schriften. Kein Wunder, dass ein Mensch wie er auch ein „Lob der Ehe“ verfasste, auch wenn er selbst nie heiratete (er blieb ja, im Gegensatz zu Luther, katholisch) und dieses kleine Werk immer als eine bloße Argumentationsübung für den Schulgebrauch herunterspielte.

Der führende Humanist seiner Zeit

Berufen fühlte sich Erasmus hingegen zum Gelehrten, und deshalb studierte er die alten Sprachen mit größtem Eifer. Er wurde der führende Humanist des Zeitalters des Humanismus.
Seine Sprache war das Englisch der damaligen Zeit: Latein. Sämtliche seiner Werke und Briefe verfasste er in dieser Sprache, die er fließend sprach und schrieb. Ja, durch ihn, so Stefan Zweig, wurde Latein erst die universelle Gelehrtensprache, als die es einige Zeit die Wissenschaftler der ganzen westlichen Welt untereinander verband.

Kosmopolit

Da Erasmus sich vor allem in Gelehrtenkreisen oder unter Kirchenmännern bewegte, ermöglichte ihm das Latein eine grenzüberschreitende Lebensweise, fast die eines Kosmopoliten. Erasmus lebte zeitweise in Paris, wo er studierte, in Italien, wo er ihm anvertraute Studenten begleitete, in England, wo er mit Thomas Morus Freundschaft schloss und den späteren Heinrich VIII. persönlich kennenlernte, in Löwen, wo er an der Universität lehrte, und schließlich in Basel, wo er den ihm kongenialen Drucker Froben, den wichtigsten Wissenschaftsverleger seiner Zeit, fand, aus dessen Presse eine Vielzahl von Werken des Erasmus hervorging. Kurz vor seinem Lebensende verbrachte Erasmus noch einige Jahre in Freiburg im Breisgau, einer katholischen Stadt, in die er sich zurückzog, als in Basel der Bildersturm radikaler Protestanten das ruhige Leben eines katholischen Gelehrten unmöglich machte.

Ein neues Neues Testament

Was arbeitete dieser Gelehrte? Er brachte z. B. eine maßgebliche griechisch-lateinische Edition des Neuen Testaments heraus, mit seiner eigenen, die bis dahin kanonische Vulgata in manchem korrigierende Übersetzung. Diese Ausgabe benützte übrigens Luther für seine Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche.
Erasmus brachte auch zahlreiche Gesamtausgaben Antiker Autoren heraus, etwa der Werke und Briefe des Hl. Hieronymus oder des Komödiendichters Plautus.

Die „Torheit“ ist durchaus klug

Daneben gibt es eigene Werke, allen voran das bis heute bekannte „Lob der Torheit“. Das ist ein originelles Werk, in dem Erasmus einen Weg gefunden hat, die Schwächen und Fehler der Welt zu kritisieren, ohne Gefahr zu laufen, gleich persönlich angefeindet und verketzert zu werden. Er lässt nämlich die „Torheit“ (eine Allegorie, in der man sich Dummheit, Eingebildetheit, Selbstüberschätzung, Frechheit, Beschränktheit und ähnliche unerfreuliche Eigenschaften gut gemischt vorstellen darf) persönlich auftreten. Man darf nur nicht glauben, diese Person Torheit sei nun selbst eine Törin. Im Gegenteil, sie weiß sehr genau Bescheid über die Welt und über die Wirkung, die sie in dieser Welt hat. In ihren Augen ist dies natürlich eine positive Wirkung, ist sie doch von sich selbst und ihrer Wichtigkeit mehr als überzeugt. Diese Wirkung und Bedeutung zu beweisen ist ihr Anliegen im „Lob der Torheit“: Sie geht die verschiedenen Stände vom Armen bis zum Reichen, vom Handwerker bis zum König, vom Mönch bis zum Papst, genauso die verschiedenen Lebensalter vom Kind und Jugendlichen bis zum Greis oder die Einwohner verschiedener Länder durch. Alle machen nichts als Torheiten, und gerade deshalb leben sie gut und glücklich – wenn auch nicht verantwortungsvoll.
Es ist kein Wunder, dass sich diese Satire auf die Menschheit bis heute gehalten hat. Man glaubt, Erasmus habe vorausgeahnt, welchen Präsidenten die Amerikaner im Jahr 2016 wählen und welche Leute in anderen Ländern sich zu Diktatoren aufschwingen würden, und diese schon im Voraus, unter der damals üblichen Bezeichnung „König“, aufs genaueste porträtiert: „Sie glauben die Rolle eines Fürsten gut zu spielen, wenn sie ständig jagen, schmucke Pferde unterhalten, Ämter und Kommandostellen mit Vorteil verkaufen und täglich auf neue Wege sinnen, um die Bürger zu schröpfen und die Staatseinkünfte in die eigenen Tasche zu leiten, wobei sie allerdings um einen gerissenen Vorwand nicht verlegen sind, damit auch die gröbste Ungerechtigkeit noch unter dem Schein des Rechtes auftritt.“ (S. 85)

Eine Frau mit Büchern?

Originell sind die „Dialoge“ oder „Gespräche“, die Erasmus geschrieben hat, zum Beispiel jener zwischen einem Abt und einer gebildeten Frau, deren Privatbibliothek der Abt überhaupt nicht dem Stande einer Frau entsprechend findet. Geradezu eine Frühschrift der Frauenemanzipation.
Diese „Gespräche“ sind die witzigen, leichtgewichtigeren Gegenstücke zu Platons Dialogen.

Sehr überrascht hat mich der lebendige Briefstil des Erasmus, hatte ich mir doch trockene Gelehrtenprosa erwartet. Doch davon sind seine Briefe weit entfernt, auch wenn sie nicht immer ganz von konventionellen Elementen frei sind.

Zurückgezuckt

Stefan Zweig stellt dar, wie Erasmus einerseits zur wichtigsten Autorität in Europa aufstieg – das sein „Triumph“ – und als solche von allen Seiten um seine Expertise gebeten, von zahllosen Gelehrten und Mächtigen der Zeit besucht oder zumindest in eine Korrespondenz verwickelt wurde, wie er andererseits aber – das war seine „Tragik“ – aber den Schritt von der Gelehrtenstube in die religionspolitische Arena der Reformationszeit nicht gewagt hatte, sondern im entscheidenen Augenblick zurückgezuckt sei und geglaubt habe, er können mit Briefen aus der Ferne die verfeindeten Parteien zum Frieden bewegen. Mit Luther, dem Tatmenschen, konnte auf diese Weise kein Einvernehmen hergestellt werden. Erasmus wollte sich vornehm aus dem Streit der religiösen Parteien heraushalten, doch das war auf die Dauer nicht möglich. Obwohl er noch vor Luther „protestantische“ Ideen entwickelt hatte, wagte er den Schritt aus der katholischen Kirche heraus nicht, der er sich als Priester verpflichtet fühlte. Schließlich schrieb er, von vielen gedrängt, eine deutlich gegen Luther gerichtete Schrift: „Vom freien Willen“. Luther schlug mit der Keule seiner Sprachmacht zurück, um Erasmus nicht nur theologisch, sondern vor allem persönlich zu vernichten. Der Gegensatz konnte nicht mehr überbrückt werden.

1536, zehn Jahre vor Luther, starb Erasmus in Basel. Dort ist er im Dom begraben.

Wilhelm Ribhegge: Erasmus von Rotterdam. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010. Reihe: Gestalten der Neuzeit. 278 Seiten.

Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. Europäischer Buchklub, Stutgart u.a., 1950. 209 Seiten.

Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit. Encomium moriae. Übers. u. hg. von Anton J. Gail. Reclam, Stuttgart, 1980. RUB. 136 S.

Erasmus von Rotterdam: Encomium matrimonii / Lob der Ehe. Lat. / Dt. Übers., komm. u. hg. von Gernot Krapinger. Reclam, Stuttgart, 2015. RUB. 93 S.

Erasmus von Rotterdam: Briefe. Verdeutscht u. hg. v. Walther Köhler. Dieterich, Leipzig 1938. Sammlung Dieterich 2. XLIV, 577 S.

Erasmus von Rotterdam: Gespräche. Ausgew., übers. u. eingel. v. Hans Trog. Schwabe, Basel 1936. 159 S.

Bild: Wolfgang Krisai: Erasmus von Rotterdam nach Hans Holbein d. J., Aquarellstift, Tuschestift, 2017.

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Stefan Zweig: Montaigne

Wolfgang Krisai: Der Turm Montaignes auf Schloss St. Michel de Montaigne. Farbstift und Tuschestift. 2014.Der biographische Essay ist eines der letzten Werke Stefan Zweigs (1891 – 1942) und wurde in dessen Nachlass gefunden. Die Ausgabe folgt dem Typoskript Zweigs, in das er handschriftliche Ergänzungen eingetragen hat.

Warum Montaigne?

Zweig begründet zunächst, weshalb er sich gerade jetzt, 1941, in der nicht nur für ihn, sondern für die ganze Welt schrecklichen politischen Situation des Zweiten Weltkriegs und der Naziherrschaft in Europa, mit einem Mann wie Montaigne befasst: Montaigne habe in ähnlich finsteren Zeiten gelebt, er habe zum Beispiel die Bartholomäusnacht erlebt, und er habe sich darin in vorbildlicher Weise bewährt: als unabhängiger Denker und Schriftsteller, der sich aus dem politischen Leben auf sein Landschloss St. Michel de Montaigne bei Bordeaux zurückgezogen hat. In den Religionskriegen sei er zwar zu seiner katholischen Religion gestanden, habe aber Toleranz gegenüber den Andersgläubigen vorgelebt.

Das Leben eines Selbstdenkers

Zweig schildert die Lebenstationen Montaignes (1533 – 1592) einprägsam: etwa die ambitionierte Erziehung zum Latein als „Muttersprache“ (durch einen nicht des Französischen mächtigen deutschen Lateinlehrers), seine politische Karriere als hoher Beamter in Bordeaux und dessen späterer Bürgermeister, seine eineinhalbjährige Reise nach Deutschland und Italien, vor allem aber seine Zeit als zurückgezogener Leser, Denker und Essayist in seinem berühmten Turm des heimatlichen Schlosses. Dort hat er im obersten Stockwerk seine für damalige Verhältnisse riesige Bibliothek mit über tausend Bänden untergebracht, dort lässt er an die Deckenbalken griechische und lateinische Sinnsprüche schreiben, die ihm beim peripathetischen Denkprozess (also dem Nachdenken im Gehen) Anregungen geben sollen, und dort entwickelt er aus zunächst ungeordneten Notizen nach und nach die neuartige Gattungsform des Essais.

Seine gesammelten Essais bringt er 1580 selbst zum Druck, und sie machen allgemein großen Eindruck. Noch zu Lebzeiten veranstaltet er eine zweite Auflage (1582), und seiner geliebten Wahltochter Marie de Gournay vertraut er die Aufgabe an, seine Essais in dritter, stark erweiterter Auflage (1595) herauszugeben.

Fremdsprachige Zitate

Zweig beherrscht als Bildungsbürger zumindest Englisch und Französisch perfekt, daher zitiert er natürlich ausgiebig in diesen Sprachen, und zwar aus Montaignes Essais und aus einer englischsprachigen Montaigne-Biographie, die ihm im brasilianischen Exil offenbar vorgelegen ist. Da bildungsbürgerliche Fremdsprachenkenntnis, insbesondere des Französischen, heute nicht mehr vorausgesetzt werden kann, hat der Herausgeber Übersetzungen der fremdsprachigen Zitate eingefügt, allerdings auf wenig glückliche Weise, nämlich in eckigen Klammern direkt in den Text hinter das jeweilige Zitat. Fußnoten hätten mir besser gefallen.

Das Bändchen ist eine gute Hinführung zu Michel de Montaigne, die meine Montaigne-Lektüre perfekt ergänzt hat.

Stefan Zweig: Montaigne. Hg. von Knut Beck. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, 8. Aufl. 2014. 95 Seiten.

Bild: Es geht nicht anders, hier muss ich nochmals den Turm des Schlosses St. Michel de Montaigne einfügen, gezeichnet im Sommer 2014 bei der Besichtigung dieses bedeutenden Ortes.

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Stefan Zweig: Marie Antoinette

Wolfgang Krisai: Zeichnung einer anonymen Terracotta-Büste aus dem 18. Jh. im Musée Jacquemart-André, Paris.

Wolfgang Krisai: Zeichnung einer anonymen Terracotta-Büste aus dem 18. Jh. im Musée Jacquemart-André, Paris.

Auch die Lektüre dieses Buches – wie jene der Wolfdietrich-Biographie – hat etwas mit Salzburg zu tun: Mit der 5A besuchte ich dort das Ballett „Marie Antoinette“, das zu einem Potpourri unterschiedlichster Musik ein „Lebensbild“ der französischen Königin zu geben versuchte. Außerdem besuchten wir das Stefan-Zweig-Centre in der Edmundsburg auf dem Mönchsberg, und dort erzählte der Direktor, Dr. Klemens Renoldner, bei seiner Führung, er habe eine französische Historikerin gefragt, was man in Frankreich von Stefan Zweigs Marie-Antoinette-Biographie halte, und sie habe gesagt, man finde sie gut. Was also lag näher, als dieses Buch nun zu lesen? Ich lieh es mir aus, und jetzt ist es gelesen.

Stefan Zweigs Weise, eine Biographie zu erzählen, ist natürlich nicht mit der eines modernen Historikers zu vergleichen. Er schreibt nicht trocken und sachlich, sondern blumig und elegant, er versucht nicht, die Figur zu entzaubern, jedenfalls nicht im heutigen Sinn, sondern ihr jene Ehre zu geben, die ihr gebührt, ihre Fehler aber auch nicht zu beschönigen, wie dies royalistisch gesinnte Biographen früherer Zeiten offenbar getan haben. Außerdem gibt es immer wieder Passagen, in denen Zweig sich sozusagen in die „Seele“ der Heldin einzufühlen versucht, um sie als Charakter und Persönlichkeit verständlich zu machen.

Bildnis eines „mittleren Charakters“

Zweig sieht Marie Antoinette als einen „mittleren Charakter“, der zwischen gut und böse, zwischen privat und öffentlich, zwischen verspielt und ernsthaft angesiedelt ist – und gerade dadurch der welthistorischen Aufgabe, die sich ihr eröffnet hätte, nicht gewachsen ist. Als Fünfzehnjährige wird sie in eine politisch motivierte Ehe mit dem kaum älteren französischen Thronfolger gestoßen, und diese Ehe bleibt jahrelang kinderlos, weil der Dauphin sich vor einer Operation scheut, die ihm ermöglichen würde, Kinder zu zeugen. Erst energisches Zureden Josephs II. führt hier zum Entschluss und dann zu vier Kindern, von denen zwei früh sterben.

Der Dauphin und spätere König Ludwig XVI. ist ein äußerst schwacher Mensch, der sich zu keinem Entschluss aufraffen kann, am liebsten seinen Hobbys Schmiedekunst und Jagd nachgeht und seiner lebenslustigen Frau nichts bieten kann – außer unbedingter ehelicher Treue, denn für einen Seitensprung ist er viel zu träge.

Marie Antoinette ist das genaue Gegenteil dieses Mannes, sie ist lebenslustig, vergnügungssüchtig, verschwenderisch, ein Nachtmensch, der am liebsten auf Maskenbällen tanzt, sich dem Glücksspiel hingibt oder im privaten Schlösschen Trianon Schäferstündchen abhält. Mit ihrem natürlichen Charme gewinnt sie alle Menschen, mit denen sie zu tun hat. Dabei fehlt ihr völlig das Gespür für menschliche Qualitäten, was zur Folge hat, dass sie sich mit windigen Gesellen und intriganten Weibspersonen umgibt, die die leichtgläubige Königin für ihre eigenen Zwecke ausnützen. So „verliebt“ sich Marie Anoinette Hals über Kopf in die mittellose Gräfin Polignac, die bald die eigentliche Macht in Händen hält und skrupellos ihrer Familie zu neuem Reichtum und bedeutenden Ämtern verhilft.

Politisches Desinteresse provoziert die Revolution

Für ihre Untertanen interessiert sich die Königin nicht im mindesten, sie hat nie eine Reise durch Frankreich gemacht, sich nie etwas außerhalb ihrer Adelssphäre zeigen lassen, nie mit jemandem vom Volk gesprochen außer mit ihren Dienerinnen und Dienern. Politisches Interesse: gleich null. Völlig willkürlich überredet sie ihren willenlosen Gatten, diesem oder jenem ein Ministeramt zukommen zu lassen, und völlig bedenkenlos wirft sie das Geld zum Fenster hinaus.

Als dann die wirtschaftliche Situation im Land bedenklich wird, greift der König zu einer Notmaßnahme, die die Revolution heraufbeschwört: Er beruft die Nationalversammlung ein. Dort reißt der Bürgerstand bald die Macht an sich, 1789 kommt es zum Sturm auf die Bastille – und auf Versailles. Der König wird gezwungen, nach Paris zu übersiedeln. Ab diesem Zeitpunkt ist klar, dass er nicht mehr die letzt Macht im Staat hat. Man residiert in den Tuilerien und ist de facto unter Hausarrest. Die Nationalgarde bewacht den Palast und lässt niemanden hinein oder heraus, der nicht von der Nationalversammlung autorisiert ist. Bald jedoch wird durch den Charme der Königin diese Haft lockerer.

Getreue und Ungetreue

Schon 1789 verließen alle Hofschranzen und lieben Verwandten (die zum Teil gegen König und Königin intrigiert hatten und dies im Exil weiterhin taten, so das spätere König Ludwig XVIII.) fluchtartig Versailles, um sich im Ausland in Sicherheit zu bringen. Nur ganz wenige wirklich Getreue blieben, darunter jener schwedische Graf von Fersen, der der einzige wirkliche Geliebte der Königin war. Fersen organisiert für den 20. Juni 1791 einen Fluchtversuch der königlichen Familie, der aber so pomös inszeniert ist, dass die Flucht bald bemerkt wird und schließlich in Varennes hinter Chalons sur Marne ein unrühmliches Ende findet. Fersen ist auf Wunsch der Königin und „Befehl“ des Königs nicht mitgeritten – und wirft sich diese Feigheit bis zum Lebensende vor.

Bald nach der gescheiterten Flucht, 1792, wird die königliche Familie im „Temple“ eingesperrt, nun ist das schon eher eine wirkliche Haft. Am 21. Jänner 1793 wird Ludwig XVI. hingerichtet. Und als ein weiterer Fluchtversuch kläglich scheitert, macht man auch Marie Antoinette den „Prozess“, der natürlich, wie in solcher revolutionären Situation nicht anders zu erwarten, eine Farce ist. Man bringt sogar ihren eigenen neunjährigen Sohn dazu, seine Mutter des Inzests mit ihm zu bezichtigen. Sie wird zum Tod verurteilt, das war von vornherein klar, und am 16. Oktober 1793 guillotiniert.

Wenn Zweig die Geschehnisse zutreffend schildert, dann ist es kein Wunder, dass die französische Revolution ausgebrochen und Marie Antoinette hingerichtet worden ist. Ein Königspaar, das in diesem Ausmaß seiner Aufgabe nicht gerecht wird, muss geradezu den Aufstand provozieren.

Maria Theresias wirkungslose Mahnungen

Da halfen auch die zahllosen mahnende Briefe Kaiserin Maria Theresias an ihre Tochter Marie Antoinette nichts. Zweig zitiert daraus immer wieder. Auch der Berater Graf Mercy, der zwischen Maria Theresia und Marie Antoinette sozusagen den Verbindungsmann darstellt, kann die leichtfertige Königin nicht zum Umdenken bewegen.

Zweigs Biographie ist, wenn man die zum Teil etwas gesuchte Ausdrucksweise akzeptiert, eine durchaus anregende und interessante Lektüre. Obwohl sie vor mehr als 80 Jahren, nämlich 1932, erstmals erschienen ist.

Stefan Zweig: Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters. Büchergilde Gutenberg, Wien, 1953. 569 Seiten.

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Die letzten Tage des Stefan Zweig

Mit Stefan Zweig im Stefan-Zweig-Centre in Salzburg.

Mit Stefan Zweig im Stefan-Zweig-Centre in Salzburg.

Diese sehr schön gezeichnete Graphic Novel stellt die letzte Lebensphase Stefan Zweigs dar, ab seiner Fahrt von New York nach Petropolis bis zu seinem gemeinsamen Selbstmord mit Lotte Altmann.

Sie basiert auf einem Roman von Michel Onfray – den ich wohl auch lesen sollte. (Stefan Zweig wird vielleicht endlich wieder ernstgenommen. So gibt es ein neues Buch über ihn von Rüdiger Görner, der eine Rehabilitation dieses zu Unrecht ins Eck seichter Salonliteratur gestellten Mannes versucht.)

Das Problem mit dieser Graphic Novel ist: Sie erzählt so viel so rapide, dass man kaum mitkommt. Ein Mensch gänzlich ohne Vorwissen wird eine Menge nicht mitbekommen, ist des doch schon für einen mit Vorwissen nicht leicht, alles zu verstehen.

Dennoch: eine gute Sache!

Sorel & Seksik: Die letzten Tage des Stefan Zweig. Graphic Novel. Jacoby & Stuart, Berlin, 2012. 86 Seiten.

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