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Thomas Blubacher: Paradies in schwerer Zeit. Künstler und Denker im Exil in Pacific Palisades und Umgebung

Wolfgang Krisai: Windmühlenturm in Sanary -sur-mer. 2001.Vor einigen Jahren besuchten wir Sanary-sur-mer in Südfrankreich, wo zahlreiche deutsche und österreichische Emigranten in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts vor den Nazis Zuflucht gesucht hatten und geradezu eine Exilanten-Kolonie bildeten.

Viele von ihnen trafen einige Zeit später in einem weiteren Exilort wieder aufeinander: in Pacific Palisades an der kalifornischen Küste, gleich neben Hollywood. Den „Künstlern und Denkern im Exil in Pacific Palisades und Umgebung“ hat Thomas Blubacher ein interessantes Sachbuch gewidmet, das die Exilanten mit kurzen biographischen Kapiteln vorstellt, die durch Fotografien reich illustriert sind.

Wer ist da vertreten?

Natürlich Thomas und Katja sowie Heinrich und Nelly Mann, Lion und Marta Feuchtwanger, Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel und Alfred Döblin. Auch wenige bekannte Autoren: Bruno Frank, Gina Kaus, Emil Ludwig…

Doch auch Regisseure und Komponisten sind vertreten, wie Max Reinhardt, Fritz Lang, Erich Wolfgang Korngold oder Ernst Toch. Letzterer war für mich eine wahre Entdeckung, hatte ich doch bislang nichts von ihm gehört, und dabei schrieb er wunderbare Symphonien und Klavierkonzerte.

Die Denker sind durch Geistesgrößen wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno oder Ludwig Marcuse vertreten.

Ein sehr informatives und dabei angenehm zu lesendes Buch.

Thomas Blubacher: Paradies in schwerer Zeit. Künstler und Denker im Exil in Pacific Palisades und Umgebung. Elisabeth Sandmann Verlag, München, 2011. 169 Seiten. Zahlreiche Farb- und Schwarzweißabbildungen.

Bild: Wolfgang Krisai: Windmühlenturm in Sanary-sur-mer, in dem Franz Werfel lebte und arbeitete. Tuschestiftzeichnung, 2001.

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Thomas Mann: Mario und der Zauberer. Illustriert von Kat Menschik

Illustration von Kat Menschik, © Officina Ludi 2014

Illustration von Kat Menschik, © Officina Ludi 2014

Durch den Blog „Besondersbuch“ (https://besondersbuch.wordpress.com/2015/01/30/25-jahre-officina-ludi/) wurde ich auf eine großartig illustrierte und gediegen gemachte Ausgabe der Erzählung „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann aufmerksam. Es ist eine von Kat Menschik mit mehrfarbigen, plakativen Illustrationen versehene Jubiläumsausgabe der Officina Ludi, Großhansdorf bei Hamburg, 2014. Von Hand im Hamburger Museum der Arbeit in 1500 Exemplaren im Buchdruckverfahren gedruckt und dennoch zu einem sehr günstigen Preis von rund 30 Euro zu erwerben. Da konnte ich nicht anders als kaufen.

Obwohl ich „Mario und der Zauberer“ schon mehrmals gelesen und im Unterricht behandelt habe, las ich die Erzählung jetzt wieder, um sie in dieser edlen Form genießen zu können.

Unangenehme Erlebnisse in Italien

Ein Erzähler, unverkennbar Thomas Mann selbst, erzählt von einem seltsam missglückten und dennoch faszinierenden Sommerurlaub am Strand des Tyrrhenischen Meeres im Italien der 20er-Jahre. Dort hat sich ein unangenehmer Nationalismus und „Moralismus“ breit gemacht, der der deutschen Urlauberfamilie lästige Ärgernisse bereitet.

Am Strand herrscht ein selbstbewusster Pöbel, der zum Beispiel einen kurzen, unbedachten Moment der Nacktheit der Tochter des Erzählers zum Verstoß gegen die öffentliche Moral aufbauscht. Die Polizei wird eingeschaltet, die Deutschen müssen 50 Lire Strafe zahlen.

Im Hotel werden sie Opfer einer Überängstlichkeit einer italienischen Fürstin, die die letzten Reste eines Keuchhustens der deutschen Kinder für hoch ansteckend hält. Statt sich in ein Nebengebäude umquartieren zu lassen, ziehen die Deutschen es vor, sich in der Pension Angioleri einzuquartieren, wo die Atmosphäre erfreulicher ist.

Mehrmals denkt man an Abreise, setzt sie aber nicht in die Tat um.

Ein Zauberer mit unglaublichen Fähigkeiten

Schließlich besuchen sie den Kindern zuliebe die abendliche Vorstellung eines Zauberkünstlers, eines gewissen Cipolla (zu Deutsch: Zwiebel). Die Schilderung dieser Vorstellung umfasst zwei Drittel der Erzählung.

Cipollas Veranstaltung ist denn auch wahrlich schildernswert: Der Mann ist nämlich kein normaler Zauberer, sondern ein Hypnotiseur mit unglaublichen Fähigkeiten.

Dabei stellt er eine wenig einnehmende Erscheinung dar, bucklig, mit „splitterigen“ Zähnen, ständig billige Zigaretten rauchend und einen Cognac nach dem anderen hinunterkippend. Diese Stimulantien braucht er, um die „Leiden“ durchzustehen, die ihm der Auftritt bereitet. Cipolla sieht die Sache nämlich aus seinem persönlichen Blickwinkel: Nicht die von ihm zu grotesken Taten gezwungenen Hypnose-Opfer sind die Leidenden, sondern nur er, der Zauberkünstler selbst.

Er lässt gleich zu Beginn einen vorlauten jungen Mann dem Publikum die Zunge herausstrecken. Später rekrutiert er eine ganze Truppe von „Freiwilligen“ aus dem Publikum und lässt sie unablässig auf der Bühne „tanzen“. Cipolla erweist sich als telepatisch begabter Errater von gezogenen Spielkarten oder Errechner der Summe willkürlich vom Publikum genannter Zahlen. Das errechnen wäre noch nicht erstaunlich, sehr wohl ist es aber die Tatsache, dass Cipolla das Endergebnis schon vorher verdeckt auf einer Tafel auf der Bühne notiert hat und sie am Ende aufdeckt: Er hat schon vorausgewusst, was ihm das Publikum für Zahlen nennen wird… Dergleichen Erstaunlichkeiten hat Cipolla noch eine ganze Reihe auf Lager.

Ist der Zauberer Mussolini?

Natürlich ist man versucht, die Erzählung zu deuten, z. B. als versteckte Darstellung des faschistischen Italien mit Cipolla als Mussolini, der alle hypnotisiert. Wie ich meinen Büchern über Thomas Mann entnehme, sind sich die Interpreten allerdings nicht ganz einig, inwieweit so eine Interpretation schon von Thomas Mann intendiert sein konnte. Er selbst hat jedenfalls mehrmals gesagt, die Erzählung sei nicht primär als politische Satire gedacht gewesen.

Trotzdem hat man sie natürlich als Allegorie auf den Faschismus in Italien verstanden, mit dem Zauberer als Verführer, aber auch vor allem mit einem nur allzu willigen Publikum, das sich aus allen Schichten zusammensetzt und auch Ausländer umfasst – wie die Familie des Erzählers, der aber offenbar der einzige ist, der Cipolla kritisch sieht. Andere, zum Beispiel eine Engländerin, reißen sich geradezu darum, bei Cipollas Kunststücken mitmachen zu dürfen.

Die Macht des Künstlers

Neben der politischen Interpretation gibt es auch noch jene, die Cipolla als Künstlerfigur auffasst. Der verwachsene, von der Natur benachteilgte Künstler Cipolla erlangt durch seine „Kunst“ ungeahnte Macht über sein Publikum. Diese Interpretation hat allerdings den Nachteil, auf den ersten Teil der Erzählung kaum anwendbar zu sein, wo Cipolla noch überhaupt keine Rolle spielt, sondern nur das faschistisch aufgeheizte Klima in Italien dargestellt wird.

Den Zauberer hat Mann selbst in Italien erlebt, nicht aber den Paukenschlag am Schluss der Vorstellung – der zugleich das Ende der Erzählung ist. Cipolla holt sich den Kellner Mario auf die Bühne, suggeriert ihm, er sei dessen Geliebte, und bringt ihn dazu, ihn auf die Wange zu küssen. Als Mario, aus der Trance entlassen und völlig lächerlich gemacht, wieder ins Publikum zurückgeht, dreht er sich plötzlich um und schießt Cipolla nieder. (Man darf sich nicht fragen, wieso ein schlichter italienischer Kellner offenbar immer eine Pistole bei sich trägt und auch noch zielsicher zu schießen versteht.)

Dieser Schluss ist Manns Erfindung. Auch er schreit nach Interpretation: Ist er ein Aufruf, sich mit Gewalt gegen einen Diktator zur Wehr zu setzen? Wie soll man das Ende aber mit der Künstler-Interpretation in Einklang bringen? Da sehe ich keine Möglichkeit, wenn man nicht sagen will, der Künstler werde sozusagen das Opfer unverständigen Ignorantentums. Also dominiert doch eindeutig die politisch-ethische Aussage.

Patriotische Überschätzung seiner Nation

Thomas Mann sagte einmal, er habe damals nicht ahnen können, dass ausgerechnet das kultivierte deutsche Volk sich zu Unglaublichem verführen lassen würde: „Als ich [die Erzählung] schrieb, glaubte ich nicht, dass Cipolla in Deutschland möglich sei. Es war eine patriotische Überschätzung meiner Nation. Schon die gereizte Art, in der die Kritik die Erzählung aufnahm, hätte mir zeigen sollen, wohin die Reise ging, und was alles auch in dem ‚gebildetsten‘ Volk – gerade ihm – möglich sein werde.“ (zit. nach: Wilhelm Große: Textanalyse und Interpretation zu Thomas Mann Tonio Kröger / Mario und der Zauberer, Königs Erläuterungen 288, Bange-Verlag, Hollfeld 2010, S. 114)

Großartige Illustrationen

Die Illustrationen von Kat Menschik fangen die Atmosphäre der Erzählung treffend ein. Man ist an Jugendstil-Farbholzschnitte erinnert, wie sie zur Entstehungszeit der Erzählung und kurz davor in Mode waren. Den kräftigen Farbauftrag des Drucks kann man mit den Fingern ertasten – das nur zum derzeit viel gepriesen Aspekt des Haptischen von „pBooks“ im Gegensatz zu eBooks.

Insgesamt: zauberhaft!

Thomas Mann: Mario und der Zauberer. Ein tragisches Reiseerlebnis. Illustriert von Kat Menschik. Officina Ludi, Großhansdorf bei Hamburg, 2014. 47 Seiten.

Bild: Kat Menschik: Illustration zu „Mario und der Zauberer“, Seite 7. Copyright: Officina Ludi, 2014, wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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Thomas Mann: Fiorenza

Wolfgang Krisai: Die Paradiestür des Baptisteriums von Florenz. Tuschestift und Farbstift, 2011.Einen einzigen Versuch machte Thomas Mann als Dramatiker: Er schrieb das Stück „Fiorenza“, das bezeichnender Weise in den Gesamtausgaben ohne Gattungsangabe steht, so wenig war sich der Autor seiner Sache sicher. Das Stück wurde mehrfach aufgeführt, aber als zu „episch“ kritisiert. Nun erschien es mit umfangreichem Kommentarband in der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe.

Worum geht’s?

„Fiorenza“ ist die Stadt Florenz zur Zeit der Renaissance, als gerade der fundamentalistische Dominikaner-Prediger Girólamo Savonarola dort mehr und mehr Anhänger gewann (was bald zur Aufrichtung eines kurzlebigen Gottesstaates führte, an dessen Ende Savonarola auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde).

Im Stück stehen einander der sterbende Lorenzo de Medici und der aufstrebende Fanatiker Savonarola gegenüber, wenn auch erst ganz am Ende des dritten und letzten Aktes. In den beiden vorhergehenden wird dieses Aufeinandertreffen vorbereitet: Lorenzos Söhne Giovanni (ein jugendlicher, schwammiger Kardinal) und Piero (ein streitbarer Hitzkopf) treten in Erscheinung und vertragen sich nicht, beide sind offensichtlich ungeeignet, das Erbe Lorenzos zu übernehmen. Künstler und Philosophen wie Pico della Mirandola plaudern über die Zeitläufte und geben das etwas klägliche Bild eines devoten Hofes stets nach dem Wind sich drehender Geister ab. Jeder weiß ja, dass Savonarola ein gegen Lorenzo und dessen weltliche Herrschaft hetzender Hassprediger ist, und dennoch gehen viele interessiert in die Kirche, um dieses Schauspiel zu erleben bzw. schon mal zu überlegen, was denn Wahres an diesem neuen Zeitgeist sein könnte.

Nur die bildschöne Geliebte Lorenzos, Fiore, will Savonarola provozieren, indem sie demonstrativ zu spät zur Predigt in der Kirche erscheint, im Kircheninneren der Sänfte entsteigt und sich auf einen Platz direkt unter der Kanzel drängt. Dass Savonarola sie zuletzt als Hure Babylon beschimpfte, worauf sie erbost den Dom verlassen habe, ist die Neuigkeit, die eifrig besprochen wird. Dann erscheint Fiore höchstpersönlich, um anzukündigen, dass sie Savonarola hierher in die Medici-Villa bestellt habe, damit er sich von Lorenzo absetzen lasse.

Im letzten Akt entwickelt sich die Angelegenheit aber anders, als Fiore sich das vorgestellt hat. Lorenzo rafft seine letzten Kräfte zusammen, um die gegensätzlichen Brüder auf seine Nachfolge vorzubereiten, er hört sich das Gerede der Künstler über ein geplantes Fest zu seiner Genesung an und unterhält sich noch ein letztes Mal mit seiner Geliebten Fiore. Von ihr erfährt er, dass einst in Ferrara Savonarola als junger Bursch in sie untersterblich verliebt gewesen sei, dass sie den linkischen Kerl aber brüsk abgewiesen habe, worauf er die Mönchslaufbahn eingeschlagen habe. Lorenzo willigt ein, mit Savonarola, wenn Fiore ihn schon eigenmächtig hierherbestellt habe, ein Gespräch zu führen, ja, bei ihm zu beichten, da dieser Mönch ganz offensichtlich der einzige wäre, der es wagte, ihm die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Und angesichts des Todes sei es Zeit dafür.

Finales Streitgespräch

So kommt es zum finalen Gespräch zwischen den beiden Antagonisten. Savonarola bleibt natürlich unbeugsam, für Lorenzos kompromisslerische Vorschläge, wie Florenz zu regieren sei, hat er nichts übrig. Er nennt dann drei Bedingungen, unter denen er sich herbeilassen könnte, Lorenzo von seinen Sünden freizusprechen: Dieser müsse bereuen (ok, das geht noch, meint Lorenzo), er müsse alles zu Unrecht zusammengeraffte Geld und Gut rückerstatten (zähneknirschend sagt Lorenzo auch dieses zu) und – er müsse Florenz Savonarola überlassen, was dieser „frei geben“ nennt. Das will Lorenzo nicht, denn die Stadt solle nur von jemandem regiert werden, der sie liebt, und Savonarola, argwöhnt Lorenzo, tue dies eben nicht! Savonarola sagt auch geradeheraus, er wolle Florenz „die Flügel brechen“. Da regt sich Lorenzo dermaßen auf, dass es zuviel ist. Mit dem Schrei „Man töte ihn, der alles töten will! Mein ist Florenz … Florenz … Florenz“ bricht er tot zusammen. Im darauf folgenden Tumult prophezeit Fiore Savonarola: „Das Feuer, das du entfachst, wird dich verzehren, dich selbst, um dich zu reinigen und die Welt von dir“. Mit den Worten „Ich liebe das Feuer“ entschreitet der Mönch. Vorhang.

Münchner Renaissance-Begeisterung

Thomas Mann schrieb das Stück von 1898 bis 1905, mit Unterbrechungen. Damals war in München, wo Mann lebte, die Renaissance groß im Schwange, und mancher Münchner Künstler und Kunstbegeisterte sah sein eigenes Zeitalter als eine neue Renaissance, mit aufwändigen Künstlerfesten, Umzügen und sonstigen Aktivitäten, alles volksnah und kunstfreundlich regiert vom Prinzregenten Luitpold. Man kann also, belehrt einen der Kommentar, das Stück auch als ein auf diese Münchner Neu-Renaissance gemünztes Werk lesen.

Thema Gottesstaat

Eigentlich ist die Thematik kulturfeindlicher Gottesstaat versus kultivierter laizistischer Staat heute aktueller denn je, wenn auch zum Glück nicht in Zentraleuropa, aber an anderen Stellen des globalen Dorfs. Daher könnte Thomas Manns dramatischer Exkurs heute durchaus von Bedeutung sein. Mir scheint jedoch, dass die Positionen im Stück zu verworren, zu wenig auf den Konflikt hin zugespitzt sind, der ja erst auf den letzten zehn Seiten so richtig zur Sprache kommt, sodass das Hauptthema vom Geplänkel der ersten beiden Akte erdrückt wird. Zu einem populären Hauptwerk Thomas Manns wird das Stück nie werden, aber es ist auch nicht so uninteressant, wie ich zunächst glaubte.

Der Kommentarband

Der dicke Kommentarband umfasst eine detaillierte und sehr interessante Behandlung der Entstehungs- und Aufführungsgeschichte des Werks, dann folgt der ebenso ausführliche Stellenkommentar, den ich zugegebener Maßen kaum zu Rate gezogen habe, und darauf folgen noch einige zusätzliche Dokumente und Abbildungen.

In diesem Band der GKFA sind auch noch Thomas Manns wenige Gedichte und zwei Filmentwürfe enthalten, die ich noch nicht gelesen habe.

Thomas Mann: „Fiorenza. Gedichte. Filmentwürfe“, Große kommentierte Frankfurter Ausgabe, Frankfurt, S. Fischer, 2014. Textband hg. u. textkrit. durchgesehen von Elisabeth Galvan. 157 Seiten. Kommentarband von Elisabeth Galvan. 498 Seiten.

Fiorenza findet man auch in der Frankfurter Ausgabe, hg. von Peter de Mendelssohn, hier bezeichnender Weise eingereiht in Thomas Mann: Frühe Erzählungen, Frankfurt, S. Fischer, 1981, Seite 385 – 492.

Bild: Wolfgang Krisai: Die Paradiestür des Baptisteriums von Florenz. Tuschestift und Farbstift, 2011.

PS: Was ist mit „Zettels Traum“? Den habe ich bis Anfang Oktober unterbrochen, damit ich ein paar andere Bücher lesen kann.

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Thomas Mann über „Anna Karenina“

Wolfgang Krisai: Strand bei Giens. Ölkreide. 2001.

Wolfgang Krisai: Strand bei Giens. Ölkreide. 2001.

Nachdem ich „Anna Karenina“ gelesen hatte, fiel mir ein, dass ich ja Thomas Manns Äußerungen über Tolstoi und insbesondere dieses Werk lesen könnte. Thomas Mann schrieb, wie ich feststellte, einen eigenen kleinen Essay über „Anna Karenina“.

Zunächst schildert er darin sich selbst, wie er in einem Strandkorb an der Ost- oder Nordsee sitzt, die Brandung beobachtet und dabei das gewaltige Heranrauschen des Meeres als Gleichnis für den Roman sieht: „Das Element der Epik mit seiner rollenden Weite, seinem Hauch von Anfänglichkeit und Lebenswürze, seinem breit anrauschenden Rhythmus, seiner beschäftigenden Monotonie – wie gleicht es dem Meere, wie gleicht ihm das Meer!“ Und in Tolstoi sieht TM den Roman zu höchster Größe gewachsen, wobei er „Anna Karenina“ noch über „Krieg und Frieden“ stellt. AK sei der bedeutendste Gesellschaftsroman der Weltliteratur.

TM erzählt eine nette Anekdote, wie Tolstoi den Anfang des Romans gefunden habe: als er nämlich seinem Sohn die „Erzählungen Belkins“ von Puschkin aus der Hand nahm und darin den Satz fand: „Die Gäste versammelten sich im Landhause“. So müsse ein Roman beginnen, habe er gesagt, sich hingesetzt und zu schreiben begonnen.

TM bespricht dann ausführlicher, wie schwer Tolstoi das Schreiben des Romans wurde – obwohl man es dem Werk überhaupt nicht anmerkt. Denn Tolstoi hatte in dieser Periode – 1873-78 – mit einer völligen Umwälzung seiner Weltanschauung zu kämpfen, die dazu führte, dass er die Kunst, seine eigene natürlich gleich mit, in Grund und Boden verdammte und nur noch als Mittel, moralische Ansprüche zu popularisieren, gelten ließ. Doch der Künstler in Tolstoi, meint TM, habe über den Moralapostel und Weltverbesserer Tolstoi immer wieder gesiegt, sodass der Autor gewissermaßen gegen sich selbst geschrieben habe.

Konstantin Lewin sei – statt Anna, die Tolstoi offensichtlich geliebt habe – die eigentliche Hauptfigur, das Sprachrohr des Autors, der sehr viele biographische Details, vor allem aber seine ganze Weltanschauung vom Autor aufgeladen bekommen habe. Nur dessen künstlerische Seite nicht. Das ist mir erst beim Lesen des Essays bewusst geworden, ein wie unkünstlerischer Mensch Lewin ist – bei aller Sympathie, die man für ihn empfindet, eine erstaunliche Tatsache. Lewin ist der Raisonneur – aber ins Russische gewendet. Er nimmt mit seinen tiefschürfenden Gedanken sich, seine Welt und seine Zeitgenossen auseinander, unterzieht sie einer radikalen Kritik, so radikal, dass am Schluss sogar Tolstois Verleger kalte Füße bekam und den achten Teil nicht mehr veröffentlichen wollte (im Erstdruck in der Zeitschrift „Russischer Bote“). Für Lewin und Tolstoi lässt sich das „richtige Leben“ nur in einer asketischen, kunst- und vernunftfeindlichen Lebenshaltung finden. TM hält dagegen, dass man im 20. Jahrhundert, das zum Teil völlig dem Irrweg des Anti-Rationalismus verfallen sei, erkennen müsse, dass Vernunft und Glaube nicht zu trennen sind, und dass die Kunst nicht ein verdammenswerter Luxus, sondern „das schönste, strengste, heiterste und frömmste Symbol alles übervernünftig menschlichen Strebens nach dem Guten, nach Wahrheit und nach Vollendung“ sei.

Der Essay ist natürlich ein Genuss zum Lesen, da er wie alle Werke TMs überaus geschliffen und treffend formuliert ist. Macht Lust auf weitere Essays, zum Beispiel jenen großen Vortrag über „Goethe und Tolstoi“.

Thomas Mann: „Anna Karenina“. In: T.M.: Leiden und Größe der Meister. S. Fischer Verlag, Frankfurt 1982, S. 945-963. (Gesammelte Werke in Einzelausgaben, herausgegeben von Peter de Mendelssohn.)

Oder in: T. M.: Essays. Hg. v. Michael Mann. Band 1: Literatur. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1977, S. 182-196.

In der „Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe“ noch nicht erschienen.

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