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Peter Berglar: Wilhelm von Humboldt

Wolfgang Krisai: "Wilhelm von Humboldt", Skizze nach der Lithographie von Oldermann nach F. Krüger. Umschlag der rororo-Monographie über Wilhelm von Humboldt von Peter Berglar. Feder. 2016.Ein Gutteil meines biographischen Wissens über wichtige Persönlichkeiten stammt aus rororo Bildmonographien, die ich in meiner Jugend und vor allem Studienzeit verschlang. Und auch heute noch greife ich gerne zu dieser genialen Buchreihe, wenn es darum geht, über einen Menschen eine erste, profunde Information einzuholen.

Im Zusammenhang mit meiner Beschäftigung mit der Institution Universität begann mich Wilhelm von Humboldt zu interessieren, der die Universität als Stätte der Forschung und Lehre definierte. Was war er für eine Persönlichkeit?

Das Ergebnis war einigermaßen überraschend:

Privatgelehrter

Wilhelm von Humboldt (1767-1835) war Privatgelehrter auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft, vor allem in den letzten 15 Jahren seines Lebens widmete er sich diesem Gebiet, lernte eine Fremdsprache nach der anderen und machte sich Gedanken über deren Zusammenhänge.

Diplomat

Genauso war er auch Diplomat, während einiger Jahre Vertreter Preußens in Rom beim Heiligen Stuhl, später Adjutant des Kanzlers Hardenberg beim Wiener Kongress, kurz auch Botschafter Preußens in London – von wo er sich aber so schnell wie möglich wieder abberufen ließ.

Diese diplomatischen Posten waren aber für Humboldts Vorstellungen nicht angemessen wichtig und selbstbestimmt. Das veranlasste ihn mehrmals, den Dienst zu quittieren und in ein anderes Tätigkeitsfeld zu wechseln.

Der preußische König Friedrich Wilhelm III. stand ihm wohlwollend gegenüber, daher konnte er sich diese Mimosenhaftigkeit leisten. 1819 allerdings ging er zu weit, stellt den König vor die Wahl zwischen ihm und Hardenberg – und der König entließ ihn.

Bildungsminister

Humboldts kulturelle Bedeutung jedoch fußt auf lediglich eineinhalb Jahren Tätigkeit als Bildungsminister Preußens vom 20. Februar 1809 bis zum 14. Juni 1810 in Königsberg, wohin der preußische Hof vor Napoleon geflüchtet war.

Kaum im Amt, entfaltete Humboldt eine titanische Gestaltungskraft und reformierte in kürzester Zeit das gesamte Bildungswesen Preußens. In Memoranden und Dekreten kümmerte er sich um das große Ganze genauso wie um scheinbar unbedeutende Details.

Schuljahr und Stundenplan

Humboldt „erfand“ das Schuljahr: Man konnte nun nicht mehr seine Kinder zu jedem beliebigen Zeitpunkt in die Schule schicken, sondern nur zu Schuljahresbeginn. Dasselbe galt für den Tagesablauf, wo nun auch ein Stundenplan vorgeschrieben wurde, an den sich die Schüler zu halten hatten.

Solche Details hatten dem großen Ziel der umfassenden Bildung der Bevölkerung. „Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf.“ (Rechenschaftsbericht an den König, Dez. 1809)

Bildung zum aufgeklärten Menschen und Bürger

Damit Bildung möglich wird, müssen dem Kind zunächst in einer „Elementarschule“ die Voraussetzungen dazu beigebracht werden. Wer sich dann als bildbar erweist, kommt auf die eigentliche Schule im Humboldtschen Sinne: in ein humanistisches Gymnasium. Dieses dient nicht eine bestimmten Berufsausbildung, sondern es bildet den Schüler zu einem „aufgeklärten Menschen und Bürger“ (ebd.). Wer dazu geworden ist, „erwirbt die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher so leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum anderen überzugehen.“ (ebd.)

Berglar kritisiert allerdings, dass die von Humboldt bewirkte Ablösung der Bildung „von ihrer Beziehung zur Tätigkeit, zur Arbeit, zur gesellschaftlichen Praxis des Menschen“ (S. 88) ein Jahrhundert später dazu führte, dass gebildete Deutsche in ein politisches Desaster stolperten, gegen das aufzutreten sie auf ihrem Bildungsweg nicht gelernt hatten.

Forschung und Lehre: die Universität

Nach Elementarschule und Gymnasium sollte der Schüler „eine Anzahl von Jahren ausschließend dem wissenschaftlichen Nachdenken an einem Orte widmen, der viele Lehrer und Lernende in sich vereinigt“: an der Universität. Dort sollte kein Schulbetrieb mehr, sondern ein lebendiger Dialog zwischen den Professoren und den Studenten herrschen. Eben die „Einheit von Forschung und Lehre“, die neben der „Freiheit“, sich selbst auszusuchen, was man studieren will, der zweite Eckpfeiler der deutschen Universität wurde (S. 95).

Gründer der Universität Berlin

Humboldt leitete die Gründung der Universität Berlin in die Wege, doch bevor sie eröffnet werden konnte, hatte er schon wieder seinen Abschied als Bildungsminister eingereicht. (Vermutlich mit der Absicht, vom König durch mehr Machtbefugnisse zum Verbleiben im Amt bewegt zu werden. Womit er sich verrechnet hatte…) Immerhin sorgte er noch dafür, dass an die Universität Berlin die führenden Köpfe der damaligen Zeit als Professoren geholt werden konnten.

Kommunikationstalent

Wie konnte Humboldt in so kurzer Zeit solche Wirkung haben? Schlüssel dazu sind sein Kommunikationstalent und sein umfassendes Interesse. Er trat mit allen bedeutenden Menschen seiner Zeit in Beziehung, und zwar schon als junger Student. In Berlin frequentierte er den Salon von Henriette Herz, in dessen Kreis er auch seine spätere Frau Caroline von Dacheröden kennenlernte. Die Berliner Salons waren damals Treffpunkt sämtlicher Intellektueller der Stadt.

Auf Reisen war es damals möglich, sich bei bedeutenden Persönlichkeiten zu einem Besuch anzumelden. So lernte Humboldt den Weltreisenden und politischen Kopf Georg Forster kennen und freundete sich mit ihm und seiner Gattin an. Oder Friedrich Heinrich Jacobi, den er in Pempelfort bei Düsseldorf besuchte.

Der dritte Klassiker neben Goethe und Schiller

Mit Goethe und Schiller, die er während einiger Jahre in Jena als Freunde gewann und mit denen er regen Austausch pflegte, bildete er das Dreigestirn der deutschen Klassik. Insbesondere Schiller stand ihm nahe, während Goethe sich eher seinem Bruder Alexander von Humboldt wesensverwandt fühlte.

Humboldt war ein Mensch, der sich mit Feuereifer auf Neues stürzte, aber schnell erlahmte und selten ein Werk zu Ende führte. Zumindest dauerte manches viele Jahre, wie seine Übersetzung des „Agamemnon“ von Aischylos, die 1816 erschien. Sein Ruhm fußt daher nicht auf einem schriftstellerischen Werk, sondern auf seinem Universalismus, von dem man sich vor allem in seinen unzähligen Briefen ein Bild machen kann.

Tausende Sonette

Bemerkenswert ist jedoch, dass er in den letzten Lebensjahren jeden Tag mit einem Sonett, das er einem Sekretär diktierte, abschloss. Diese Sonette sind bis heute nicht vollständig publiziert und behandeln inhaltlich sozusagen „Gott und die Welt“.

Unermüdlicher Briefschreiber

Das tägliche mehrstündige Briefeschreiben war Humboldt sein Leben lang ein unabdingbares Bedürfnis. Zum Glück für die Nachwelt, denn die Briefe sind zu einem großen Teil erhalten (wenn auch, wie der Briefwechsel mit seiner Frau Caroline, von den Herausgebern ein wenig geschönt). Darüber hinaus schrieb er immer wieder Tagebuch. Darin kann man minutiös nachlesen, was ihn beschäftigte.

Über seine interessante Ehe mit Caroline von Dacheröden gibt es ein ganzes Buch: Hazel Rosenstrauch: „Wahlverwandt und ebenbürtig“ – das ich als nächstes lese.

Peter Berglar: Wilhelm von Humboldt. rororo Bildmonographie. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 16. – 18. Tsd., 1976. 186 Seiten.

Wolfgang Krisai: „Wilhelm von Humboldt“, Skizze nach der Lithographie von Oldermann nach F. Krüger auf dem Umschlag der rororo-Monographie über Wilhelm von Humboldt von Peter Berglar. Feder. 2016.

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Stätten des Wissens. Die Universität Wien entlang ihrer Bauten 1365 – 2015

Wolfgang Krisai: Alte Universität Wien / Österreichische Akademie der Wissenschaften. Tuschestift, 2013.Nachdem ich mich mit der Geschichte der Universität als Institution im allgemeinen beschäftigt hatte (siehe: Koch: Die Universität), reizte mich nun die Geschichte der Universität, die ich selbst besucht hatte: der Universität Wien.

Schon auf der „Buch Wien 2015“ war mir der schöne Bildband „Stätten des Wissens. Die Universität Wien entlang ihrer Bauten 1365 – 2015“ ins Auge gefallen, den ich mir dann kaufte und bald las, und zwar mit größtem Interesse und Gewinn.

Auch eine Geschichte der Universität Wien

Das Buch bietet nicht nur genaue Beschreibungen vieler wichtiger Universitätsbauten in Wien, sondern – unumgänglich, möchte man sagen – auch eine Geschichte der Universität Wien, die man braucht, um die Bauten überhaupt entsprechend würdigen zu können. Diese Geschichte, die sich in den Bauten niederschlägt, ist abwechslungsreich und spannend. Wie ein roter Faden durchzieht sie das Problem des Platzmangels, das offensichtlich systemimmanent ist, denn die Bauherren verschätzen sich immer, was die zukünftigen Entwicklungen der Institutionen betrifft. Sowohl die steigenden Studentenzahlen wie auch die Explosion des Wissens und damit der Forschungsgebiete und Institute, genauso aber auch der Publikationen, die in der Universitätsbibliothek Platz finden sollen, wurden immer grob unterschätzt.

Gegründet 1365

Gegründet wurde die Universität Wien 1365 von Herzog Rudolf IV., dem Stifter. Doch erst zwei Jahrzehnte später, unter Herzog Albrecht III., kam die Sache so richtig in Schwung. Man spricht sogar von einer „Neugründung“ der Universität durch Albrecht. Bauliches Zentrum der Universität war ein Kollegiengebäude auf dem Areal, das heute vom Jesuitenkloster in Anspruch genommen wird und etwas östlich der heutigen Jesuitenkirche liegt. Neben dieser „Zentrale“ der Universität gab es im Mittelalter zahlreiche weitere Bauten, die mit der Uni in Verbindung standen: ein weiteres Hauptgebäude südlich des ersten, die sogenannte „Neue Schul“ (eine traditionelle Unsitte, irgendwelche Bauten als „Neue …“ zu benennen, die zuletzt in den 60er-jahren des 20. Jahrhunderts zum Bau des noch heute so bezeichneten „Neuen Institutgebäudes“, kurz NIG, führte, das inzwischen schon so alt ist, dass es eine Generalsanierung über sich ergehen lassen musste) und zahlreiche „Bursen“ und „Kodreien“ innerhalb des Stadtgebiets. Eine Burse ist eine Art Studentenheim, geleitet von einem Magister, der dort auch für Ordnung und Studierbetrieb sorgte. Vom Wort „bursa“ stammt unser Wort „Bursche“ ab. Kodreien hingegen sind Bursen für arme Studenten, die sich die Bursen nicht leisten konnten. Das Leben in einer Kodrei war dementsprechend spartanisch.

Jesuiten

Nächster Schritt: Die Jesuiten bekommen den gesamten höheren Bildungsbetrieb Wiens übertragen. Sie bauen das Uni-Gebäude riesig aus und ergänzen es durch die prachtvolle barocke Universitäts- bzw. Jesuitenkirche. Der Universitätsbetrieb umfasst damals auch die Gymnasien bzw. deren Vorgängerinstitutionen, sodass viele Studenten erst 16 Jahre alt waren.

Bekanntlich legten die Jesuiten großen Wert aufs Theaterspielen, daher ließen sie auch einen entsprechenden Theatersaal einrichten.

Ausbildungsstätte nützlicher Staatsdiener

Während der Aufklärung gerieten die Jesuiten in Misskredit, der Orden wurde aufgehoben und die Universitäts-Agenden gingen in die Hand des Staates über. Unter Maria Theresia kümmerten sich berühmte Männer wie Joseph von Sonnenfels um die Neuorganisation der Universität, die nun als eine Ausbildungsstätte nützlicher Staatsdiener verstanden wurde und keineswegs als eine freie Forschungs- und Lehranstalt. Kontrolle allenthalben.

Die „Neue Aula“

Immerhin sorgte Maria Theresia dafür, dass die Uni ein standesgemäßes (wenn auch von Anfang an zu kleines) Hauptgebäude bekam: die „Neue Aula“ neben der Jesuitenkirche, ein wunderbarer spätbarocker Bau von Jean Nicolas de Jadot, heute auch als „Alte Universität“ und Sitz der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bekannt. Der Festsaal mit schönen Deckenfresken, die vier Fakultäten vorstellend, ist noch heute berühmt, aber leider nur bei Veranstaltungen zugänglich. Während des Uni-Betriebs im 18. Jh. war der Saal, der das Uni-Gebäude im ersten Stock quer teilt, untertags ein Störfaktor, weil die Studenten lange Zeit nicht durchgehen durften, wenn sie von der einen Seite des Gebäudes auf die andere wechseln mussten, abends ein beliebter Konzertsaal, wo Haydn oder Beethoven Aufsehen erregende Konzerte gaben.

Zur Kaserne umfunktioniert

Die geistige Beengung des Studienbetriebs führte 1848 zum Befreiungsschlag in Form der maßgeblich von Studenten ausgeführten Revolution. Kaiser Franz Joseph ließ die Revolution zwar niederschlagen, die Uni wurde zur Kaserne umfunktioniert (nur die Sternwarte am Dach blieb als Universitätssternwarte mangels Alternative noch einige Jahrzehnte in Betrieb), aber immerhin begriffen die Bildungsminister, dass man den Universitätsbetrieb besser und vor allem freier organisieren musste. In Preußen war von Wilhelm von Humboldt ein neues, zukunftsträchtiges Universitätsideal ausgerufen worden: die Universität als Symbiose von Forschung und Lehre. Das sollte nun auch in Österreich verwirklicht werden.

Das Universitätsgebäude am Ring

Verständlich, dass eine Hauptstadt eines Kaiserreichs auch eine repräsentative Universität brauchte. Daher mussten die zahllosen Provisorien, die sich nach 1848 herausgebildet hatten, endlich beseitigt werden. Im Zug der Errichtung der Wiener Ringstraße mit ihren Prachtbauten sollte auch die Universität ihren gebührenden Platz erhalten. 30 Jahre lang diskutierte und plante man, bis sich schließlich der endgültige Bauplatz fand und man direkt an der Ringstraße zwischen Rathaus und Votivkirche die „Hauptuni“, wie sie heute von Studenten genannt wird, errichtete. Architekt war Heinrich von Ferstel. Eröffnet wurde das Gebäude 1884.

Es ist gleichsam ein Architektur gewordenes Kompendium der Bildungsideale des 19. Jahrhunderts. Ein umfangreiches Programm bildlicher Darstellungen und Inschriften zeigt alle wesentlichen Forscher und Gelehrten der Weltgeschichte an den Außenfassaden. Darüber hinaus ist auch die Architektur selbst Ausdruck des Bildungsideals: der Neorenaissance-Stil erinnert an die Zeit des Humanismus; der Mittelrisalit zitiert den Louvre als Bildungsstätte seit der französischen Revolution; die Seitenrisalite zitieren die Seitenfront der Biblioteca Marciana in Venedig, die Sgraffiti an der Rückwand lehnen sich an die Gestaltung von Gottfried Sempers Polytechnikum in Zürich an. Diese Architekturzitate sind mir bisher überhaupt nicht bewusst gewesen, was wiederum beweist, dass man nur sieht, was man weiß.

Universitätssternwarte

Das Hauptgebäude der Universität war Ende des 19. Jahrhunderts aber nur eines von mehreren bedeutenden Bauvorhaben. Daneben wurden z. B. die Universitätssternwarte, seinerzeit immerhin die größte der Welt, und mehrere Institutsgebäude errichtet. Alles in allem war die Universität Wien um 1900 eine der führenden Unis der Welt.

Diesen Status büßte die Uni im 20. Jahrhundert leider ein. Der Erste Weltkrieg führte zu „Brain drain“ und Stagnation beim weiteren Ausbau. Von 1938 – 1945 spielte die Universität eine unrühmliche Rolle. 1945 wurde sie zerbombt und musste rund zehn Jahre lang wieder aufgebaut werden.

Ab den 60er-Jahren ging es dann auch imagemäßig wieder bergauf. Auch die Studentenzahlen stiegen, sodass das bereits erwähnte NIG errichtet werden musste, um die Hörermassen aufzunehmen.

Campus Altes AKH

Ein besonders markanter baulicher Schritt war Ende des 20. Jh. der Umbau des aufgelassenen Alten Allgemeinen Krankenhauses zu einem modernen Universitätscampus in alten Mauern. Die beiden letzten Bauten, von denen das Buch berichtet, sind der Institutsneubau Währingerstraße 29 und der Umbau eines Bürogebäudes zum mathematischen Institutsgebäude am Oskar-Morgenstern-Platz 1.

Josephinum, „Narrenturm“, Universitätsbibliothek

Das Buch widmet auch Bauten, die nur indirekt mit der Universität zu tun haben, einige Abschnitte: z. B. dem Josephinum in der Währingerstraße oder dem dahinter befindlichen „Narrenturm“. Auch die Entwicklungsgeschichte der Universitätsbibliothek wird ausführlich dargestellt. Sie kulminiert im schönen großen Lesesaal der UB im Hauptgebäude der Uni. Was ich als Student nicht bemerkt hatte, ist die Tatsache, dass man, um Platz für einen weiteren Bücherspeicher zu bekommen, dessen Boden beim Wiederaufbau um satte zweieinhalb Meter angehoben hat. Jetzt, wo ich es weiß, erinnere ich mich, dass ich als Student beim Herausnehmen von Büchern aus dem Untergeschoß der umlaufenden Regale fast mit dem Kopf an der Galerie angestreift bin. Leider bietet das Buch keine Vergleichsfotos zwischen dem ursprünglichen und dem Zustand nach Anhebung des Bodens.

Das ist aber auch der einzige Abbildungsmangel, denn sonst ist der Band üppig bebildert.

Insgesamt ein überaus interessantes und informatives Buch, das einem die Wiener Universität und ihre Bauten bestens erschließt.

Stätten des Wissens. Die Universität Wien entlang ihrer Bauten 1365 – 2015. Hg. v. Julia Rüdiger und Dieter Schweizer. Böhlau, Wien u.a., 2015. 394 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Alte Universität Wien / Österreichische Akademie der Wissenschaften. Tuschestift, 2013.

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Hans-Albrecht Koch: Die Universität.

Wolfgang Krisai: Arkadenhof der Universität Wien. Tuschestift. 2015

Die Institution Universität halte ich für eine der größten Errungenschaften der westlichen Kultur. Genial ist die Idee, Forschung und Lehre so eng zu vernetzen, dass daraus der wahrscheinlich stärkste Motor des Fortschritts wurde.

Darüber hinaus ist die Universität die Manifestation der bedeutendsten Fähigkeit des Menschen: des Lernens. In diesem Fall auf höchstem Niveau. (Die Voraussetzungen dafür im Schulwesen dürfen auch nicht unterschätzt werden, insbesondere die Gymnasien.)

Wie weit bestätigt die Geschichte der Universität nun diese Thesen?

Dazu las ich nun das 2008 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschienene Buch „Die Universität. Geschichte einer europäischen Institution“ von Hans-Albrecht Koch. Und erfuhr daraus, dass nicht alles, was ich für genuin universitär gehalten habe, schon immer so war. Der Gedanke, die Universität solle „Forschung und Lehre“ vereinigen, wurde so erst von Wilhelm von Humboldt entwickelt. (Hut ab vor diesem Mann!)

Paris, Bologna, Oxford

Das Buch stellt die Entwicklung der Universität in Europa und den USA dar, allerdings mit Schwerpunkt auf Deutschland. Die Uni ist jedoch keine deutsche Erfindung, sondern eine französische und italienische. Die beiden ersten Universitäten waren nämlich Paris (entstanden um 1200) und Bologna (ebenfalls um 1200), und im gleichen Atemzug müsste auch Oxford (um 1200) genannt werden.

Mit der heutigen Institution hatten diese Universitäten noch nicht viel gemein, außer dass die größten Geister der Zeit dort Studenten unterrichteten. (Man denke nur an den Theologen Thomas von Aquin, der in Paris lehrte. Latein als damalige lingua franca ermöglichte eine internationale Herkunft von Professoren und Studenten.)

Bald folgten die Gründungen der Universitäten Cambridge (1233), Montpellier (1289), Prag (1348), Krakau (1364). Die erste Universität im heutigen deutschen Sprachraum war Wien (1365), gefolgt von Heidelberg (1385) und vielen anderen.

Ich kann hier nicht die gesamte Entwicklung nachzeichnen, sondern nur einige Aspekte herausgreifen, die mir besonders interessant erschienen:

Vorlesungen auf Deutsch

So zum Beispiel die Tatsache, dass Deutsch als Unterrichtssprache nicht erst in der Aufklärung verwendet wurde, wie immer wieder behauptet wird, sondern schon viel früher. So hielt z. B. Thomas Münzer bereits in der Renaissance deutschsprachige Vorlesungen.

Intrigenstadl

Schon während meines eigenen Studiums ist mir aufgefallen, dass die Universität nicht nur hehre Stätte von Forschung und Lehre ist, sondern – gewissermaßen als Ausgleich – auch ein fürchterlicher Intrigenstadel. Das war auch früher schon so. Zu spüren bekam das etwa Friedrich Schiller, als er in Jena Universitätsprofessor wurde. Er hatte beantragt, Geschichtsprofessor zu werden, wurde dann aber als Philosophieprofessor berufen. Nachdem er unter gewaltigem Publikumszuspruch seine berühmte Antrittsvorlesung „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte“ (1789) gehalten hatte, trat schnell ein Neider auf den Plan, der ihm aus der Tatsache, dass er als Philosophieprofessor illegitim ins Fach Geschichte ausgrase, einen Strick zu drehen versuchte. (S. 102f).

Schiller-Lektüre hätte übrigens dem Autor dieses Buches nicht geschadet, denn dann wäre ihm vermutlich der peinliche Schnitzer nicht passiert, die wegen brutaler Rekatholisierungsmethoden als „Bloody Mary“ in die Geschichte eingegangene Mary I. Tudor mit Maria Stuart zu verwechseln (S. 108).

Universitätsbibliotheken: Eckpfeiler des Erfolgs

Koch streicht auch die Bedeutung der Universitätsbibliotheken als Eckpfeiler des Erfolgs heraus: Wo es eine gute Universitätsbibliothek gab, dorthin ließen sich die Professoren auch gerne berufen.

Die weltgrößte Universitätsbibliothek gibt es übrigens weder in Paris noch in Wien, sondern: in Harvard. Ja, die ganze Universität wurde dort nach jenem edlen Spender John Harvard benannt, der 1638 dem College „seine Bibliothek und die Hälfte seines Besitzes hinterließ“ (S. 110).

Den imposanten Universitätsbibliotheken des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist sogar ein eigener Abschnitt gewidmet (etwas irreführend „Universitätsgebäude“ betitelt). Als ein besonders wichtiges Beispiel führt Koch neben Graz die Universitätsbibliothek Wien an, deren Lesesaal in der von Heinrich von Ferstel erbauten Universität am Ring noch heute eine wunderbare Atmosphäre ausstrahlt. Natürlich haben auch die Universitätsbibliotheken mit akuten Platzproblemen zu kämpfen, da seltsamer Weise seit Jahrhunderten der Platzbedarf von Büchern unterschätzt wird. (Ein Phänomen, das ich auch von meiner privaten Bibliothek kenne…) Eine Strategie, dieses Problems Herr zu werden, war im 20. Jh. die Idee der „self-renewing-library“, deren Platzbedarf deshalb nicht steigen sollte, weil man immer genausoviele alte Bände ausscheiden sollte, wie neue angekauft wurden. „Mit der Betrachtung einer Bibliothek als einer Infrastruktureinrichtung für wissenschaftliche Arbeit hat dergleichen kaum noch zu tun“ (S. 172).

Universität in der Literatur

Gutes Benehmen und ausgeprägter Fleiß waren nicht immer die Stärken von Studenten, was Anlass zu Universitätssatiren vom Mittelalter bis heute gab. Im englischsprachigen Raum entwickelte sich sogar ein eigener Romantypus, der „Universitätsroman“ (z. B. von David Lodge), der sich allerdings in der deutschen Literatur nicht durchsetzte. „Die Universität als Thema der Literatur“ ist ein eigenes Kapitel (S. 264-269).

Frauenstudium

Den Entwicklungen im 20. Jh. widmet Koch verständlicher Weise viel Aufmerksamkeit. Etwa der Frage, wie es um das Frauenstudium stand, das eigentlich eine sehr junge Errungenschaft ist und, betrachtet man den Prozentsatz der Studentinnen heute, einen gewaltigen Siegeszug der Frauen gleichkommt. Auch als Lehrende setzten sich Frauen erst spät durch. Die erste Habilitation einer Frau, der Germanistin Elise Richter, gab es 1905 in Wien. 1921 wurde sie a. o. Professorin.

Relativ neu ist auch das Verbindungs(un)wesen mit seinen Saufgelagen und den „Mensuren“.

Nationalsozialismus und Universität

Von da ist es nicht weit zum unerfreulichsten Kapitel der Universitätsgeschichte: dem Verhältnis der Unis zum Nationalsozialismus. Heidegger fällt einem da gleich ein, der auf S. 208 relativ glimpflich davonkommt. Auf der anderen Seite stehen die Mitglieder der „Weißen Rose“ (S. 206f).

Universitätslehrer waren nicht selten ausgeprägte Wendehälse, was durch die Universitätspolitik der Besatzungmächte, die die Unis möglichst schnell wieder auf die Beine bringen wollten. Kurioses Exptrembeispiel ist der „Fall Schneider/Schwerte“, wo der nationalsozialistisch belastete Ernst Schneider sich 1945 einfach für tot erklären ließ und als Hans Schwerte eine neue Universitätskarriere begann (übrigens auch die „Witwe“ des Ernst Schneider heiratete!) und es bis zum Rektor der TH Aachen brachte. Schneider setzte sich in den 70er-Jahren „für die kritische Aufarbeitung des Nationalsozialismus und die europäische Versöhnung“ ein. Erst 1995 kam man ihm auf die Schliche (S. 225).

Sehr ausführlich werden die Studentenunruhen samt ihren ins Terrormilieu reichenden Hintergründen geschildert.

Summarisch hingegen fasst Koch die Entwicklung der künstlerischen Hochschulen zusammen (S. 242-248). Einrichtungen im Umfeld der Universitäten wie der DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst), die Forschungsinstitute von den Akademien der Wissenschaft bis zu Fraunhofer-Gesellschaft, ja sogar die Volkshochschulen werden ebenfalls kurz behandelt.

Bologna-Prozess

Ganz zum Schluss lässt Koch kein gutes Haar am „Bologna-Prozess“:

„Die Wirklichkeit der Bologna-Prozesse sieht anders aus als erwartet: noch mehr Bürokratie und noch mehr Immobilität und die allmähliche Ausbildung einer Schafs- statt Lammsgeduld, die ist unentbehrlich, um nach der Welle von sog. ‚Rankings‘ durch Einrichtungen wie das Gütersloher ‚Centrum für Hochschulentwicklung‘ weitermachen zu können.“ (S. 272)

Der Band ist gut zu lesen, wenn auch stellenweise der Wechsel von einem Thema zum nächsten etwas überraschend vonstatten geht. Zur Illustration dienen einige Schwarzweißabbildungen.

Hans-Albrecht Koch: Die Universität. Geschichte einer europäischen Institution.Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2008. 320 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Arkadenhof der Universität Wien. Tuschestift. 2015

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