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Ursula Poznanski: Schatten. Thriller

Wolfgang Krisai: Salzburg, Kapitelplatz mit St. Peter, 2013

Das ist nun schon der vierte Thriller um die Salzburger Ermittler Beatrice Kaspary und Florin Wenninger. Im vorhergehenden wurden die beiden ein Paar. Nun wurde es für die Autorin offenbar Zeit, die unerfreuliche Situation mit Beatrices Ex-Mann, dem Widerling Achim, einer Veränderung zuzuführen, denn wenn die Reaktionen einer Figur allzu vorhersehbar und gleichförmig werden, packt den Leser die Langeweile. Und das wäre doch der Tod eines Thrillers…

Mit Nebenfiguren wird aufgeräumt

Also räumt Poznanski mitten im Buch mit Achim auf. Nie wieder wird er der sein, der er war. Wie er allerdings werden wird, erfahren wir in diesem Roman noch nicht. Es muss ja einen Grund geben, den nächsten zu kaufen.

Ein ähnliches Schicksal ereilt in diesem Roman übrigens aus Beatrices ewig unzufriedenen Vorgesetzten. Er wird im nächsten Roman durch eine neue Figur ersetzt werden müssen.

Konfrontiert mit der eigenen Vergangenheit

Dieser Roman lässt sich zunächst eher mäßig spannend an. Ein gefinkelter Mörder, der Lust daran hat, mittels geschickt gestreuter Hinweise Beatrice mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren, treibt sein Unwesen. Man könnte sagen: Schön, dass er Personen aus dem Weg räumt, die Beatrice unsympathisch sind. So zum Beispiel diesen Markus Wallner, der als erstes dran glauben muss. Ein Ausbund an Widerlichkeit, charakterlicher Zwillingsbruder von Achim.

Die Vergangenheit, der sich Beatrice nun neuerlich stellen muss, gibt der Figur neue Facetten: Wir erfahren, dass Beatrice einst Lang hieß, in Wien studierte und mit einer reichlich arroganten, von sich bis zum Platzen überzeugten Kommilitonin in einer WG zusammenlebte, mit Evelyn. Ausgerechnet, als Beatrice, sonst eher ein Mauerblümchen, eine Nacht mit ihrem Angebeteten David Zimmermann verbringt, ruft Evelyn um drei Uhr früh an und fragt, ob Beatrice, von ihr „Hase“ genannt, sie von einer Party abholen könne. Beatrice lehnt ab.

Als sie am nächsten Tag zu Hause ankommt, entdeckt sie Evelyn in deren Zimmer: tot, grausam verstümmelt, in einem Blutbad.

Das war vor 16 Jahren. Seither macht Beatrice sich Vorwürfe, dass sie Evelyn nicht abgeholt hat. Dann wäre diese wohl nicht gestorben…

Aus „Hase“ wird Polizistin

Das grauenvolle Erlebnis wirft Beatrice völlig aus der Bahn, sie gibt ihr Studium auf, trennt sich von David und wird in Salzburg Polizistin.

Das ist allerdings eine erstaunliche Kehrtwendung für eine Person, die von ihrer Freundin als „Hase“ eingestuft wird. Eine Polizistin müsste doch wohl eher „Tiger“, „Wolf“ oder zumindest „Fuchs“ sein. Inzwischen ist Beatrice all das auch geworden. Man fragt sich, wie das möglich war. Ganz einfach: Evelyn hat Beatrice falsch eingeschätzt, sie war niemals bloß ein „Hase“.

Von diesem Spitznamen erfährt Beatrice erst im Lauf dieses Romans, als sie den einstigen Mord an Evelyn, der damals nicht aufgekärt wurde, sich nun als Ermittlerin vornimmt, um zugleich den alten und den neuen Fall zu lösen. Evelyn hat ein Tagebuch hinterlassen, das Beatrice nun lesen kann.

Spannung ab Seite 130

Für den Leser liegen die Fäden, die später verknüpft werden, hier noch so weit auseinander, sodass der Roman auch nicht richtig spannend werden will. Das ändert sich buchstäblich mit einem Schlag, als der Täter auf Seite 130 Beatrice selbst ins Visier nimmt.

Ab dieser Stelle wird nicht mehr nur aus Beatrices Sicht erzählt, sondern mehrheitlich aus der Sicht Florins, der beunruhigt ist, als Beatrice nicht am Fundort der Leiche einer besonders unsympathischen Person, die man als Leser schon lange kennt, eintrifft. Florin muss nun auch die Sorge für die beiden Kinder Beatrices übernehmen und will dies gemeinsam mit Achim machen, der sich allerdings nicht gerade kooperativ verhält. Nur – nicht mehr lange.

Die restlichen 280 Seiten des Romans sind so spannend, dass sie der Bezeichnung Thriller alle Ehre machen.

Auch wenn der Krimi in Salzburg spielt, ist er doch kein typischer Regionalkrimi, da Poznanski mit Salzburger Flair äußerst sparsam umgeht. Hie und da ein Hinweis, ein Schauplatz, das muss genügen.

Ursula Poznanski: Schatten. Thriller.Wunderlich im Rowohlt-Verlag, Reinbek, 2017. 413 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Salzburg, Kapitelplatz mit St. Peter, 2013. – Die goldene Kugel mit männlicher Figur darauf ist Teil des Kunstwerks „Sphaera“ von Stephan Balkenhol aus dem Jahr 2007. Die zugehörige weibliche Figur entdeckt man nur, wenn man weiß, wo sie sich befindet – jedenfalls nicht auf diesem Bild.

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Ursula Poznanski, Arno Strobel: Fremd. Thriller

Wolfgang Krisai: Ausbruch. Aquarell, ca. 1990.Obwohl ich eigentlich mitten in einem umfangreichen Buch steckte, las ich den Thriller „Fremd“ von Ursula Poznanski und Arno Strobel, weil ich nach ein paar Seiten nicht mehr aufhören konnte. Vor allem in der ersten Hälfte entwickelt das Buch einen starken Sog, der einen dann trotz gewisser Schwächen bis zum Ende weiterträgt.

Partielle Gedächtnislücke

Der Roman spielt eine orginelle Grundidee von A bis Z durch: Eine Person – im Roman die in Deutschland lebende australische Milliardärstochter Joanna Berrigan – kann sich an ihren Verlobten – den IT-Spezialisten Erik Thieben – plötzlich nicht mehr erinnern, mit dem sie aber in einem Haus zusammenlebt.

Erik kommt eines Abends nach Hause, und Joanna behandelt ihn wie einen Einbrecher, vor dem sie sich panisch fürchtet. Erst allmählich merkt sie, dass er ihr nichts tun will, allerdings behauptet, ihr Verlobter zu sein. Sie kann sich an keinen Erik erinnern.

Zunächst scheint der Roman ein rein psychologisches Problem abzuhandeln: partielle Gedächtnislücke. Seltsam ist jedoch, dass auch Eriks Sachen alle aus dem gemeinsamen Haus verschwunden sind.

Da Joanna schließlich einwilligt, eine Ärztin aufzusuchen, bleibt Erik bei ihr. Als sie zur Ärztin fahren wollen, springt Joanna plötzlich an einer Kreuzung aus dem Auto und flüchtet zur gemeinsamen Freundin Ela in ein nahe gelegenes Spital, wo diese im Labor arbeitet. Ela kann sie schließlich überreden, tatsächlich eine Ärztin aufzusuchen, wohin sie sie auch bringt.

Mordversuch

Bald treten aber Phänomene auf, die über das Vergessenproblem hinausgehen: Joanna bekommt einen Anfall, in dem sie Erik niederzustechen versucht. Da er sich zufällig im letzten Moment bewegt, trifft sie nur den Arm. Als Erik ins Krankenhaus fährt, wird er von einem Auto in den Straßengraben gedrängt. Mordversuch Nummer zwei? Sieht so aus.

Terroranschlag

Vom Firmenchef Gabor wird er ebenfalls seltsam behandelt: Dieser will ihn offenbar aus einer Sache draußenhalten, von der Erik zufällig erfahren hat, weil er das streikende Notebook des Chefs wieder in Gang bringen musste und dann auf dem Bildschirm eine Nachricht las. Er reimt sich zusammen, dies sei ein Hinweis auf das ganz große Geschäft, und daran will er unbedingt beteiligt sein. Als er das bei Gabor energisch einfordert, überlegt es sich dieser anders und schickt ihn nach München zum Bahnhof, um die damit betrauten Geschäftsfreunde abzuholen. Als Erik mit geringer Verspätung dort eintrifft, entgeht er mit knapper Not einem gewaltigen Bombenanschlag auf die Bahnhofshalle, bei dem über hundert Menschen sterben. Sollte er da auch sterben?

(Wer sich die Spannung nicht nehmen lassen will, springe jetzt auf „Verstimmt“ hinunter.)

Entführung

Es stellt sich heraus, dass auch Joanna inzwischen auf der Todesliste der unbekannten Gegner steht, deshalb alarmiert sie widerwillig ihren autoritären Vater, der von Erik nichts wissen will, sondern einen anderen Mann für sie vorgesehen hat. Der Vater schickt sofort einen Privatjet, mit dem sie nach Australien geholt werden soll. Ohne Erik. Unter diesen Umständen weigert sich Joanna, die sich inzwischen ein zweites Mal in Erik verliebt hat, mitzufliegen und flieht mit diesem aus dem Flughafengebäude. Sie quartieren sich für einige Tage in einem Münchner Hotel ein, weil ihr Haus von den Mördern observiert wird. Als Joanna einmal das Hotel verlässt, beobachtet Erik vom Zimmerfenster aus, dass sie in ein Auto gezerrt und entführt wird. Er vermutet den Bediensteten ihres Vaters, Gavin, dahinter, und fährt neuerlich zum Flughafen, wo ja die Privatmaschine nach wie vor wartet. Dort trifft er zwar Gavin, nicht aber Joanna an. Sie muss den Mördern, als deren Kopf Erik schon länger seinen Chef Gabor ausgemacht hat, in die Hände gefallen sein.

Showdown

Es kommt zum Showdown in einer Fabrikshalle, wo die Mörderbande Joanna als Geisel hält. Erik rast hin, während Gavin ihm mit seinen Kollegen folgt, die nicht nur Flugbegleiter, sondern eine waschechte Bodyguard-Einheit sind und nun Joanna aus dem Schlamassel rauszuhauen versuchen. Auch die Polizei ist eingeschaltet. Großangriff auf die Fabrikshalle, wo Joanna und Erik gerade knapp vor ihrer Ermordung stehen. Sie sollen beseitigt werden, weil sie herausbekommen haben, dass Gabor hinter dem Münchner Terroranschlag steckt, nicht die „Islamisten“, die sich angeblich dazu bekannt haben. Und hinter Gabor steckt Heinrich von Ritteck, Boss einer Gruppierung alter Nazis, die Deutschland vom Islam befreien will. Ritteck und seine Schergen sind nun in der Fabrikshalle, um für die Beseitigung der Mitwisser zu sorgen. Doch sie zögern zu lange, Gavin kracht mit seinen Mannen herein, die Antiterroreinheit der Polizei folgt auf dem Fuß, Ritteck richtet sich selbst, seine und Gabors Mordgesellen werden erschossen, Gabor festgenommen. Joanna und Erik sind gerettet.

Des Rätsels Lösung

Nun aber folgt erst die Auflösung der rätselhaften Vergesslichkeit Joannas: Gabors Komplize, der Psychologe Bartsch, hat Joanna während ihres letzten Urlaubs hypnotisiert und ihr eingeimpft, wenn sie einen Anruf mit dem Codewort „Totes Licht“ bekommt, alle Sachen ihres Verlobten zu beseitigen und diesen dann, sobald er nach Hause kommt, zu erstechen. Der Polizei gegenüber solle sie Notwehr geltend machen. Ein Arbeitskollege der inzwischen auch schon umgelegt ist, hat Erik eine Audiodatei der Hypnose-Sitzung Bartschs mit Joanna zugespielt. Diese hören sie sich jetzt an: Die Sitzung wird durch einen kurzen englischen Wortwechsel unterbrochen, dessen wichtigsten Satz „Forget him!“ Joanna in ihrer Hypnose als auf Erik bezogenen Befehl internalisiert, obwohl er sich auf etwas ganz anderes bezog. Das hat Erik das Leben gerettet, denn anstatt in sofort zu ermorden, hat sie ihn zunächst vergessen. Erst später ist aus ihrem Unterbewusstsein auch der Mordbefehl hochgekommen.

Erik und Joanna hoffen nun, dass es eine Möglichkeit gibt, die Wirkung der Vergessens-Hypnose rückgängig zu machen.

Epilog: Treffen der übrig gebliebenen Mitglieder der Nazi-Truppe Rittecks. Sie schwören, dem Vermächtnis ihres Anführers Ritteck treu zu bleiben und weiterzumachen…

Verstimmt

Ich bin zwar ein Poznanski-Fan, mit diesem Roman aber ziemlich auf die Probe gestellt worden. Denn Romane, deren Helden schwerreiche Erbinnen sind, mag ich gar nicht, und solche, wo politisch inkorrekte Geheimbünde gigantische Verbrechen begehen, noch weniger. Solche, die wirken, als schielten die Autoren auf tagesaktuelle Zustände zwecks Verkaufszahlensteigerung mittels politisch korrekter „Aussage“, begeistern mich auch nicht. „Man merkt die Absicht und ist verstimmt.“ Die „Aussage“ hier: Gefährlich sind nicht die islamischen Zuwanderer und deren angebliche Terrornetzwerke, sondern die Neonazis in Deutschland, die zu jeder Grausamkeit gegen diese Zuwanderer fähig sind.

Spannend war der Roman trotzdem, und darauf kommt es bei so einem Thriller ja in erster Linie an. Stilistisch ist der Text eine perfekte Einheit, obwohl vermutlich die Erik-Kapitel von Arno Strobel und die Joanna-Kapitel, die sich damit abwechseln, von Ursula Poznanski geschrieben sind. Wahrscheinlich haben die beiden den Text dann aber gemeinsam überarbeitet. So stelle ich mir das laienhaft vor.

Ursula Poznanski, Arno Strobel: Fremd. Thriller. Wunderlich im Rowohlt-Verlag, Reinbek, 2015. 392 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Ausbruch. Aquarell, ca. 1990.

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Ursula Poznanski: Stimmen. Thriller

Wolfgang Krisai: Blick auf Salzburg mit dem Mozartsteg. Tuschestift. 2013Wenn ein neuer Krimi, genauer: Thriller, unserer ehemaligen Schülerin Ursula Poznanski herauskommt, muss ich den natürlich lesen. Zumal ihn diesmal eine meiner Bibliotheksmitarbeiterinnen der Schulbibliothek vor mir gelesen und sehr gelobt hat. Also lieh ich ihn mir für die Osterferien aus – und las ihn gleich am ersten Ferientag zu Ende.

Mord in einer psychiatrischen Klinik

Gleich vorweg: Der Roman ist gut geschrieben und spannend, gewährt außerdem Einblicke in eine Sphäre, in die man lieber real keinen Einblick haben möchte: in eine psychiatrische Klinik.

Am nördlichen Stadtrand Salzburgs liegt nämlich das – fiktive – Klinikum (wie Krankenhäuser neuerdings euphemistisch genannt werden) Salzburg Nord, das auch eine psychiatrische Abteilung hat. Dort ist ein junger Arzt ermordet worden, und die Leiche wurde auf seltsame Weise mit Kindermessern aus Plastik dekoriert.

Die aus den beiden vorherigen Thrillern „Fünf“ und „Blinde Vögel“ schon bekannten Polizeibeamten Beatrice Kaspary und Florin Wenninger ermitteln ohne viel Erfolg zunächst, können also auch nicht verhindern, dass es zu weiteren Morden kommt.

Dem Abteilungsleiter Dr. Klement geht es offenbar weniger um die armen Ermordeten als um seinen gefährdeten Ruf als Wissenschaftler. Der tote Arzt könnte daran gedacht haben, auffliegen zu lassen, dass Klement seine Forschungsergebnisse frisiert.

Missbrauchsopfer schweigt

Klements wichtigste Patientin ist ein Extremfall: Jasmin Matheis (spricht man die eigentlich Mathé-is oder Máth-eis aus? Ich habe immer die erste Variante „gehört“). Das ist eine riesenhafte Frau, die schwer traumatisiert ist, weil sie viele Jahre lang von ihrem Vater, einem minderbemittelten Bauern, im Keller eingesperrt und missbraucht wurde. Per Zufall wurde sie entdeckt. Die beiden dieser Verbindung entsprungenen Kinder wurden vom Vater im eigenen Fischteich ertränkt. Als die Sache aufflog, erhängte sich der Vater. Die Tochter kam in die Klinik, weil sie kein Wort spricht und auch sonst kaum Reaktionen zeigt. Von der Außenwelt ist sie völlig abgeschirmt.

Beatrice entdeckt jedoch mit der Zeit zaghafte Ansätze zu „Mitteilungen“ seitens Jasmins. Diese hängen mit Tarot-Karten zusammen, die Jasmin in einem krankenhaus-internen Tarot-Seminar kennengelernt hat. Das ist wichtig, da Jasmin beim ersten Mord diese seltsamen Messerchen arrangiert hat, wie die darauf befindlichen Fingerabdrücke beweisen.

Ein anderer wichtiger Patient ist Walter Trimmel, der ständig eingebildete „Stimmen“ hört, die ihm Vorwürfe machen oder ihm irgendetwas Erniedrigendes befehlen, wie zum Beispiel, das Blut der Arztleiche aufzulecken. Trimmel wird im Lauf des Romans selbst Opfer eines Mordversuchs.

Überfall auf die Polizistin

Ja, auch Beatrice wird eines Nachts an ihrer Haustür überfallen, kann dem Schlag mit einer Eisenstange allerdings ausweichen und dem Täter mit dem Schlüsselbund Wunden im Gesicht zufügen. Am nächsten Tag gibt es im Klinikum wieder einen Toten, einen Pfleger – und dieser hat im Gesicht Wunden, die von Beatrices Schlüsselbund stammen.

Schließlich kommt es zu einem dramatischen Finale, das ich entgegen meiner Blogphilosophie hier nicht verrate.

Das psychologische Drumherum

Die Misere, die zwischen Beatrice und ihrem Ex-Mann Achim besteht, geht auch in diesem Roman weiter. Daneben aber kommen sich Beatrice und Florin näher und schlafen sogar miteinander. (Da bahnt sich für die nächsten Thriller ein Konfliktpotential hat, da die Liebe zwischen Arbeitskollegen sicher nicht so einfach sein wird…)

Der unsympathische Chef der beiden, Hoffmann, macht gerade Schreckliches durch, weil seine Frau an Krebs stirbt, sodass er keine Zeit hat, Beatrice auf die Nerven zu gehen. Das macht dafür der arrogante und selbstherrliche Kollege Bechner, der zum Schluss aber ganz klein wird, weil er irrtümlich ausgeplaudert hat, dass Jasmin Mateis in der Klinik lebt, was natürlich sofort weltweites Aufsehen erregt.

Auch der wegen seines Geschwätzes nervtötende Polizeipsychologe Dr. Kossner hat wieder seine Auftritte, darf aber durchaus auch Brauchbares zum Fall beitragen.

Also: Solide Arbeit der Autorin, genau das, was man sich von einem guten Krimi erwartet.

Ursula Poznanski: Stimmen. Thriller. Wunderlich/Rowohlt, Reinbek, 2015. 441 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Blick auf Salzburg mit dem Mozartsteg. 2013. Tuschestift.

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Ursula Poznanski: Blinde Vögel. Thriller

Wolfgang Krisai: Festung Hohensalzburg von Südosten. Bleistift.

Wolfgang Krisai: Festung Hohensalzburg von Südosten. Bleistift.

Ein großer Thriller-Leser bin ich an sich nicht, aber wenn es um ein Werk einer ehemaligen Schülerin unseres Gymnasiums geht, das noch dazu enorm spannend ist, dann kann ich nicht anders, als mich hineinzustürzen: Ursula Poznanski: „Blinde Vögel“.

Das ist der zweite Thriller für Erwachsene und der zweite Band der – zu erwartenden – Serie mit dem Ermittlerduo Beatrice Kaspersky und Florin Wenninger aus Salzburg.

Im ersten Krimi spielte das Geocachen eine wesentliche Rolle, und diesmal ist es eine Facebook-Gruppe, in der die Fäden der Handlung zusammenlaufen. Nicht gerade eine krimi-typische, nämlich eine Lyrik-Fangruppe, in der die Beteiligten Gedichte von Rilke, August Stramm, Heine und anderen großen Dichtern posten und ausgiebig kommentieren.

Facebook-Gruppe

Diesmal bildet ein Doppelmord den Ausgangspunkt, der wie ein Mord und anschließender Selbstmord des Täters aussieht. Die beiden Toten waren in der Lyrik-Gruppe angemeldet, kannten sich aber sonst bis wenige Tage vor ihrem Tod nicht.

Einige Tage später gibt es den nächsten Toten, dann noch eine vermeintliche Selbstmörderin – und so nimmt der Roman immer mehr Fahrt auf, bis er wirklich enorm spannend wird.

Schließlich stellt sich heraus, dass die Morde etwas man dem Balkankrieg um 1990 zu tun haben, sodass der Roman auch noch eine zeitgeschichtliche Wende bekommt.

Mix aus Krimi, Literatur und Geschichte

Diese Mischung mag Poznanski herausgefordert haben: in einen „normalen Thriller“ eine Menge hohe Literatur einzubauen und dem ganzen noch einen ernsten geschichtlichen Touch zu verleihen.

Die verwendeten Gedichte, u. a. „Patrouille“ von August Stramm oder Rilkes berühmter „Panther“, sind von höchster Qualität, und wenn der Band dazu beiträgt, diese Dichter mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, dann soll mir das nur recht sein.

Wichtig und lehrreich ist auch die Rolle, die Facebook in diesem Roman spielt: Die Polizei verwendet es sofort, um an Informationen über die Personen im Umkreis der Toten zu kommen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass Poznanski hier – bewusst oder nicht – stark untertreibt, wie schnell die Polizei Internet-Aktivitäten, Handy-Telefonate und SMS lückenlos mitprotokolliert und daraus Schlüsse zieht. Jedenfalls aber macht der Roman bewusst, dass man in sozialen Netzwerken nicht unbeobachtet bleibt und auch ausforschbar ist, wenn man anonym zu bleiben versucht.

Die Jugoslawien-Kriegsverbrecher-Thematik, die zwar von Anfang an angedeutet ist, aber erst gegen Schluss richtig durchbricht, wirkt fast ein wenig bemüht: Sie soll dem Buch moralisches Gewicht geben. Für mein Gefühl ächzt der Roman aber gewaltig unter dieser Last, denn die angesprochenen Untaten sind so haarsträubend, dass ihre „Verwendung“ in einem Thriller an ein Sakrileg grenzt. Andererseits steckt darin natürlich die aufklärerische Absicht des Buches.

Stil: Cannelloni statt Blunzngröstl

Stilistisch ist der Roman, wie auch schon der Vorgänger, solide geschrieben. Es gibt keine Peinlichkeiten, aber auch keine literarischen Experimente, keine Versuchung, die Salzburger Umgangssprache irgendwie einfließen zu lassen, andererseits auch keine lästigen Anbiederungen an die deutschen Leserinnen und Leser. Ich stelle mir vor, dass es eine Gratwanderung für die Autorin war, alle Wörter zu vermeiden, wo es zwischen Deutschland und Österreich auffallende Diskrepanzen gäbe. So sind zum Beispiel die Gaststätten, die vorkommen, keine österreichischen, sondern italienische oder typische In-Lokale, wo man Cannelloni isst statt Blunzngröstl.

Ein unbedingt lesenswerter Thriller.

Ursula Poznanski: Blinde Vögel. Thriller. Wunderlich-Verlag im Rowohlt-Verlag, Reinbek 2013. 476 Seiten.

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Poznanski: Saeculum

Ursula Poznanski

Ursula Poznanski bei ihrer Lesung in der Schulbibliothek des BG und BRG Perchtoldsdorf

Eigentlich hatte ich ja gar keine Zeit zum Lesen, denn das vergangene Wochenende war voller Verpflichtungen. Dennoch griff ich zu Ursula Poznanskis „Saeculum“, das zu lesen immerhin eine schulische Rechtfertigung hatte, da ich die Autorin in die Schule einladen will. Der Roman erwies sich als Falle: Man fängt an – und rummms! ist man drin und kommt nicht mehr heraus, bevor man Seite 492 erreicht hat.

Die Aufmachung des Buches ist ja schon vielversprechend: Frakturschrift, kahle Bäume ragen in den weißen Himmel, schwarz gefärbter Buchschnitt rundum. Der Buchschnitt hat noch dazu den großen Vorteil, dass die Seiten ein wenig aneinander kleben und das Umblättern mit meinem Lieblingsgeräusch verbunden ist: das Ratschen, wenn man zusammenhaltende Seiten eines neuen Buches zum ersten Mal trennt.

Der Roman traf eine Ader meiner Interessen: die für lebendig gemachte Geschichte. Er spielt nämlich unter Menschen, die sich dem Mittelalter verschrieben haben und ihre Leidenschaft in sogenannten „Rollenspielen“ ausleben. Im Mittelpunkt steht der Medizinstudent Bastian, der von Sandra, die ihm gut gefällt, auf einen Mittelaltermarkt geführt und dort zu einer Rollenspiel-Convention des Spiels „Saeculum“ eingeladen wird. Und er macht mit.

„Saeculum“ ist ein Rollenspiel, in dem die Spieler sich nach ganz strengen Regeln ins 14. Jahrhundert zurückversetzen. Nicht einmal für den Notfall sind Handy oder Taschenlampe oder Pflaster erlaubt. Organisiert wird das Rollenspiel von Paul und einigen weiteren jungen Leuten, die den Schauplatz auswählen, die Teilnehmer einladen und alles nötige Material vor Ort schaffen.

Paul verwickelt Bastian auf dem Mittelaltermarkt in ein seltsames Gespräch. Erst ganz am Ende, beim „Showdwon“, klärt sich auf, was es damit auf sich hat. Und bis dahin fasziniert Poznanski ihre Leserinnen und Leser mit einer wunderbar ausführlich und überaus spannend erzählten Handlung. Die Gruppe schlägt sich zu ihrem „Spielplatz“ irgendwo im österreichischen Waldviertel durch, doch dort verschwindet dann ein Mitglied nach dem anderen, die verbliebenen werden zusehends entnervt, die Ausgesetztheit in der Natur bringt auch die Psyche der jungen Leute in Bedrängnis.

Ich will hier nicht verraten, wie es ausgeht.

Toller Roman jedenfalls!

Buchdaten:

Ursula Poznanski: Saeculum.

Thriller.

Loewe-Verlag, Bindlach, 2011.

492 Seiten.

Das Foto (© W. Krisai) entstand im Frühling 2012 bei der Lesung der Autorin im Gymnasium Perchtoldsdorf, wo sie 1986 maturierte.

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Ursula Poznanski: Erebos

Vor Kurzem wurde ich durch die „Perchtoldsdorfer Rundschau“ auf die Jugendbuchautorin Ursula Poznanski aufmerksam. Sie hat 1985 an unserer Schule maturiert, lebt in Liesing und hat 2010 mit dem Roman „Erebos“ den deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen.

Sofort bestellte ich den Roman – und auch gleich ihren neuesten, „Saeculum“.

„Erebos“ habe ich innerhalb von zwei Tagen gelesen, so interessant und spannend war der Roman.

Die Handlung spielt in London in der Gegenwart. Schülerinnen und Schüler eines Londoner Gymnasiums (bzw. des Äquivalents dazu) geraten reihenweise in den Bann eines Computerspiels namens „Erebos“. Einige Schülerinnen und Schüler und der Englischlehrer Mr. Watson hingegen bleiben skeptisch und warnen vor möglichen Gefahren des Spiels.

Hauptperson des Romans ist Nick, ein rund siebzehnjähriger Jüngling, der unter seinen Eltern leidet (die Mutter ist eine kochfaule Chaotin, der Vater ein desinteressierter Angestellter) und gern seine Klassenkollegin Emily als Freundin hätte, die aber nichts von ihm wissen will.

Zu Beginn des Romans ärgert sich Nick über seinen Freund Colin, der plötzlich so geheimnistuerisch und verändert ist. Es hat mit dem Computerspiel zu tun, stellt sich schnell heraus. Nach einiger Zeit wird auch Nick von einer Spielerin mit der Installations-DVD von „Erebos“ beschenkt (das Spiel kann man nicht kaufen, nur einmal spielen und das nur, wenn man sich an die strikten Geheimhaltungsregeln hält) und taucht seinerseits in die Spielwelt von Erebos ein. Sein Avatar legt sich die Identität eines „Dunkelelfs“ zu und stürzt sich kopfüber und voller Begeisterung in Abenteuer. Seltsamer Weise gibt es im Spiel einen sogenannten „Boten“, der über den realen Nick unglaublich gut Bescheid weiß (später klärt sich auf: Das Spiel scannt die Festplatte und das Internet auf Informationen über den User) und ihm seltsame Aufträge gibt, die in der wirklichen Welt auszuführen sind. Nick wundert sich zwar, führt die Aufträge aber zunächst aus: eine Schachtel von einem Stadtteil Londons in einen anderen bringen und dort verstecken; jemanden unbemerkt fotografieren; so in dieser Preislage.

Als Belohnung für die ausgeführten Aufträge steigt Nick in einen höheren Level auf – oder er darf sich etwas wünschen. Als er sich wünscht, ein von ihm für Emilys Freund gehaltener Schüler solle von Emily ablassen, beschuldigt ein Mädchen diesen Burschen am nächsten Tag, sie zu vergewaltigen versucht zu haben. Das war nicht ganz im Sinne Nicks, der solche Weiterungen nicht vorausgesehen hatte.

Als er allerdings – etwa in der Mitte des Romans – Mr. Watson den Inhalt eines Pillenfläschchens in die Tee-Thermoskanne schütten soll, wird ihm die Sache verdächtig und er führt den Auftrag nicht aus. Schon beim nächsten Einsteigen in das Spiel wirft ihn der Bote gnadenlos aus dem Spiel. Das Spiel verschwindet von der Festplatte seines Computers und lässt sich nicht mehr neu installieren.

Nun ist Nick plötzlich einer von denen, die „draußen“ sind – und betrachtet das Spiel zunehmend kritisch. Emily nähert sich ihm an und führt ihn in einen kleinen Zirkel von Computerfreaks ein, die das Gefahrenpotential von „Erebos“ aufdecken und das Spiel unschädlich machen wollen. Victor, Herausgeber einer Indie-Computerzeitschrift, ist der Kopf der Gruppe, Speedy und dessen Freundin Kathi sowie Emily und jetzt auch Nick gehören noch dazu. Sie spielen das Spiel, sofern sie nicht „draußen“ sind, und versuchen hinter die geheime Absicht zu kommen. Im Spiel läuft alles auf einen finalen Kampf mit einem gewissen „Ortolan“ hinaus. Nick bringt mittels Internet-Recherche heraus, dass es diesen Ortolan wirklich gibt, dass er Besitzer einer Computerspiel-Firma ist und vor einigen Jahren einen Spielprogrammierer, der etwas Phänomenales programmiert hatte (nämlich, wie sich herausstellt, jene künstliche Intelligenz, die im Spiel „Erebos“ zur Anwendung kommt), mit allen Mitteln zur Herausgabe des Quellcodes des Spiels zwingen will. Der Programmierer bliebt verstockt und nahm sich das Leben. Es ist der Vater Adrians, eines Mitschülers von Nick. Dieser Adrian hat nun, zwei Jahre nach dem Tod des Vaters, das Spiel unter die Leute gebracht und damit einen Racheplan des Vaters angestoßen. Die Computerspieler werden vom Spiel systematisch darauf hingetrimmt, ohne nachzudenken in der wirklichen Welt verbrecherische Aufträge auszuführen. Die fünf skrupellosesten Spieler sollen schließlich den finalen Kampf gegen Ortolan, und zwar den in der realen Welt, aufnehmen und diesen töten…

Der Roman ist spannend, liest sich flüssig, hat eine überzeugende Handlung und bietet Figuren, mit denen sich ein Jugendlicher gut identifizieren kann. Die Faszination, die Computerspiele auf junge Menschen ausüben, ist der Motor dahinter – sowohl als Handlungsträger als auch als Lese-Motivation. Die Computerspiel-Welt ist sehr genau beschrieben (ich habe hier nicht wiedergegeben, was sich da genau an interessanter und farbiger Handlung abspielt) und, so weit ich das beurteilen kann, auf dem Entwicklungsstand der Branche von 2010.

Die Grundidee erinnert mich an „Otherland“, wo auch virtuelle und reale Realität ineinander verzahnt sind – nur eben noch wesentlich umfangreicher.

Daten:

Poznanski, Ursula: Erebos.

Thriller.

Loewe-Verlag, Bindlach, 2010

485 Seiten.

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