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Friederike Klauner: Die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien

Wolfgang Krisai: Kunsthistorisches Museum, Wien. Gouache, 2006.

Dieses Buch kaufte ich mir 1983 und begann es auch durchzustudieren, erlahmte aber irgendwann. Nun musste es mehr als dreißig Jahre im Regal warten, bis ich es erneut vornahm und wirklich vom Anfang bis zum Ende durchstudierte, mit vielen Unterstreichungen.

Umfassender Einblick in die gesamte Gemäldegalerie

Erst jetzt war ich in der Lage, die hervorragende Qualität dieses Führers zu würdigen: Man bekommt einen umfassenden Einblick in die gesamte Gemäldegalerie, und zwar nicht nur mit ausführlichen Analysen der einzelnen Gemälde. Die Stärke dieser Darstellung liegt im vom Aufbau der Gemäldegalerie unabhängigen Ordnungsprinzip. Während die Gemäldegalerie ja auf der einen Hälfte die niederländische Malerei und Verwandtes und auf der gegenüberliegenden Seite die italienische Malerei zeigt, beides innerhalb der „Länder“ jeweils chronologisch, springt Klauner zwischen den Galeriehälften hin und her, um die Ähnlichkeiten, Unterschiede und vor allem gegenseitigen Beeinflussungen der nördlichen und südlichen Malerei im Lauf der Geschichte herauszuarbeiten. Das Buch bringt also einen deutlichen Mehrwert gegenüber einem an der Abfolge der Räume oder überhaupt nur an Einzelwerken orientierten Führer, wie man sie heute kaufen kann. Nicht alles, was alt ist, ist also überholt, im Gegenteil!

Für die Lektüre zu Hause gedacht

Das Buch ist allerdings nicht so gestaltet, dass es einfach in die Gemäldegalerie mitgenommen werden könnte. Dafür ist es zu schwer und zu wenig klar gegliedert. Skandalös ist die schlechte Bindung. Der fadengeheftete Buchblock löst sich vom dünnen Karton des Einbands.

Erst durch meine Unterstreichungen wird das Buch übersichtlicher. Klauner hat das Werk wohl eher für die heimische Lektüre gedacht.

Entdeckungen über Entdeckungen

Ich habe jedenfalls enorm profitiert, vor allem auch dadurch, dass Klauner sich nicht auf die ganz großen Meister beschränkt, sondern die vielen weiteren, nicht ganz so bedeutenden Künstler, die in der Gemäldegalerie vertreten sind, genauso ausführlich behandelt. Da wurde mir überdeutlich klar, wieviel ich noch nicht weiß über die Malerei der Renaissance und des Barock. Gleich bekommt man größte Lust, sich in weitere Bücher zum Thema zu stürzen.

Als erste Reaktion ging ich jedenfalls in die Gemäldegalerie und sah mir einige Bilder genau an, die ich bisher kaum beachtet hatte. Entdeckungen über Entdeckungen!

Friederike Klauner: Die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien. Vier Jahrhunderte europäischer Malerei. Residenz-Verlag, Salzburg und Wien, 2. Aufl., 1981. 478 Seiten, zahlreiche Schwarzweiß-Abbildungen.

Bild: Wolfgang Krisai: Kunsthistorisches Museum, Wien. Gouache, 2006.

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Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hgg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 2: Die frühneuzeitliche Residenz

Wolfgang Krisai: Das Josephinum an der Währingerstraße in Wien. 2014. Tuschestift, Buntstift.Genauso interessant wie, ja, in mancher Hinsicht noch ergiebiger als der erste Band war dieser zweite Band der Geschichte Wiens, der vom 16. bis zum 18. Jahrhundert reicht.

Interessanter deshalb, weil in diesem Band auch die Kultur entsprechend dargestellt ist, also sowohl Literatur als auch Bildende Kunst und Musik. In einem Band, der die Barockzeit und die Aufklärung umfasst, könnte die Kunst kaum ausgelassen werden, während sie von der Steinzeit bis zum Mittelalter zumindest für den Normalbürger heute keine so große Bedeutung hat, wenn man von der gotischen Baukunst absieht.

Was ist mir im Gedächtnis geblieben?

Zweite Türkenbelagerung

Das markanteste Ereignis dieser Zeit war die zweite Türkenbelagerung 1683. Detail am Rande: Im Gegensatz zur ersten waren diesmal unter den Abwehrkräften auch Einheiten von Studenten und Professoren der Universität.

Nach 1683 kam es zu einem großen Bauboom, dem wir die vielen berühmten Barockbauten Wiens verdanken.

Dominanz des Hofes

Voraussetzung dafür war, dass Wien Ende des 16. Jahrhunderts endlich zum fixen Sitz der habsburgischen Herrscher wurde. Maximilian I. hatte ja noch in Innsbruck und Wiener Neustadt, Rudolf II. in Prag residiert.

Wien wurde in Renaissance und Barock von einer bürgerlich dominierten Stadt zu einer höfischen Stadt. Das sieht man nicht nur am Hausbesitz, der vor 1500 noch überwiegend in der Hand der Bürger, um 1750 aber vor allem in adeliger Hand war, wobei Hof und Regierung die dominierenden Besitzer waren. Die Bauten der großen Adelshäuser gruppieren sich wie Trabanten um die Schlösser der Habsburger, sei es um die Hofburg, sei es auch um Schönbrunn, die „Favorita“ (heute: Theresianum), aber auch um Laxenburg.

Wirtschaft

Im Bereich der Wirtschaft verloren die Zünfte nach und nach ihre beherrschende Stellung, da neben den zünftisch organisierten Meisterbetrieben immer mehr freie Handwerker, die entweder vom Zunftzwang befreit waren, weil sie für den Hof arbeiteten oder sogenannte „Störer“ waren, die z. B. im Hauptberuf Soldaten der Stadtgarde, im Nebenberuf aber Handwerker waren, da das Gehalt der Soldaten nicht zum Leben ausreichte.

Im beschriebenen Zeitraum wurden die Märkte als alleinige Stätten, wo man sich mit Waren eindecken konnte, allmählich von festen Geschäften abgelöst.

Allmählich entwickelte sich auch ein Manufakturwesen, das merkantilistisch ausgerichtet war.

Im Gesundheitswesen ist der Bau des Allgemeinen Krankenhauses und des „Narrenturms“ ein großer Fortschritt. Das „Josephinum“ wurde als Ausbildungsstätte für Militärärzte gegründet.

Schulwesen

Dem Schulwesen ist ein großes Kapitel gewidmet. Allgemein bekannt ist ja, dass Maria Theresia die allgemeine Schulpflicht einführte.

Ich wundere mich allerdings, wie sich dafür genug Lehrer finden konnten. Die Lehrer wurden nämlich häufig überhaupt nicht bezahlt, sondern betrieben den Unterricht entweder nebenbei, während sie eigentlich z. B. Organisten oder Mesner waren, oder sie lebten vom Schulgeld, das die Schüler mehr oder weniger regelmäßig bezahlen mussten. Der Lehrberuf war offenbar zumindest in den Volksschulen ein Hungerleiderjob.

Die Schulen waren auch von chronischem Geldmangel heimgesucht. Staatlicherseits wurde alle paar Jahre irgendeine Reformmaßnahme vorgeschrieben, das dafür nötige Geld aber nicht zur Verfügung gestellt. Das erinnert mich sehr an heute wieder „erreichte“ Zustände.

Im Schulwesen spielten bis zur Aufklärung die katholischen Orden, allen voran die Jesuiten, die Hauptrolle. Die Jesuiten sind in die Literatur- und Theatergeschichte durch das jesuitische Schultheater eingegangen, das für sie ein ganz wesentlicher Teil des Unterrichts war. Man dachte, durch das Theaterspielen werde den Schülern die im Stück vertretene Moral bzw. Haltung besser eingeprägt als durch andere Formen des Unterrichts. Damit hatten sie wohl nicht unrecht.

Neben den Jesuiten betrieben z. B. die Piaristen Schulen, die bis heute bestehen, natürlich auch die Benediktiner das berühmte Schottengymnasium, aber auch viele andere Orden. Jeder Orden hatte dabei seine spezifische Ausrichtung. Die Schotten etwa unterrichteten praktisch nur junge Adelige.

Universität

Die Universität hatte im beschriebenen Zeitraum nicht gerade ihre Hochblüte. Das hängt mit Reformation und Gegenreformation zusammen. Es wundert mich nicht, dass viele Professoren und Studenten sich dem Protestantismus zuwandten, da die Universitäten dem Neuen ja aufgeschlossen gegenüberstehen. Im Zuge der Gegenreformation setzte der Hof alles daran, die Universität wieder rein katholisch zu machen. Das ging nur schrittweise und führte zu einem Qualitätsverlust, da viele wichtige Professoren lieber in deutschen protestantischen Universitäten unterrichteten als sich unter Zwang dem Katholizismus zu unterwerfen.

Literatur und Theater

In der Literatur spielten zunächst die Humanisten, etwa Conrad Celtis, eine wichtige Rolle, doch in der Barockzeit gab es in Wien kaum bedeutende Autoren, wenn man von dem berühmten Prediger Abraham a Sancta Clara absieht. Erst im Zuge der Aufklärung treten wieder bedeutendere Geister in Erscheinung, der wichtigste unter den Literaten der Aufklärung ist Alois Blumauer. Die wirklich Großen der österreichischen Literatur folgten allerdings erst später. In der Aufklärung kam auch der „Salon“ als kultureller Treffpunkt in Mode.

Im Theater fällt in diese Zeit die Entstehung der Oper und des Wiener Volkstheaters. In der Oper dominierten lange – bis Christoph Willibald Gluck – die Italiener, sowohl als Komponisten wie auch als Librettisten (man denke an Pietro Metastasio).

Architektur und Bildhauerei

In der Architektur prägen noch heute die Bauten des Barock das Wiener Stadtbild: Karlskirche, Peterskirche, Piaristenkirche, und viele, viele andere Barockkirchen; der Leopoldinische Trakt der Hofburg; Schönbrunn, Belvedere, zahllose adelige Stadtpalais und Schlösser; die „Alte Universität“; die städtischen Repräsentations- und Regierungsgebäude orientierten sich am höfischen Stil, so das „Alte Rathaus“ in der Wipplingerstraße. Künstler wie Johann Bernhard Fischer von Erlach oder Johann Lucas von Hildebrandt prägten die Baukunst der Barockzeit.

Unter den Bildhauern ragt Georg Raphael Donner heraus, der auf dem Mehlmarkt den „Providentiabrunnen“ schuf (heute bekannt als „Donnerbrunnen“ auf dem Neuen Markt), wobei er mit einem besonders billigen Angebot den Hofbildhauer Mattielli aus dem Feld schlug.

Musik

Ähnlich wie in der Literatur sind auch in der Musik vor Mitte des 18. Jh. kaum Künstler vertreten, die heute mehr als einem Fachpublikum geläufig sind. Bekannt sind Namen wie Heinrich Isaak oder Paul Hofhaimer, später Christoph Willibald Gluck. Erst mit Haydn, Mozart und Beethoven treten Komponisten von Weltrang in Erscheinung.

Als Berufsmusiker konnte man in Wien am besten leben, wenn man bei Hof angestellt wurde. Immerhin gab es mehrere Hofkapellen, da nicht nur der Kaiser, sondern auch seine Gattin und seine Kinder eigene Kapellen unterhielten. Als Hofmusiker war man bei allen wichtigen Anlässen und Festen im Einsatz.

Unter Maria Theresia wurden die Hofkapellen schließlich radikal verkleinert und schließlich ganz abgeschafft. Stattdessen engagierte man bei Bedarf die nötigen Musiker. Outsourcing, würde man heute sagen. Ob das wirklich eine billigere Lösung war?

Schlechter gestellt waren die Kirchenmusiker, die nur etwa ein Zehntel dessen verdienten, was die Hofmusiker erhielten. Eine Stelle als Organist oder Kirchenmusiker konnte allerdings das Sprungbrett zu einer Stellung bei Hof sein.

Gut lesbares Buch

Stilistisch ist das ganze Buch, obwohl von verschiedenen WissenschaftlerInnen verfasst, in einer auch dem Laien gut verständlichen Sprache verfasst, die die Lektüre angenehm macht. Zahlreiche Abbildungen illustrieren das im Text Gesagte.

Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hgg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 2: Die frühneuzeitliche Residenz (16. bis 18. Jahrhundert). Hg. v. Karl Vocelka und Anna Traninger. Böhlau Verlag, Wien u.a., 2003. 651 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Das Josephinum an der Währingerstraße in Wien. 2014. Tuschestift, Buntstift.

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Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 1

Wolfgang Krisai: Der Wiener Stephansdom. 2014. Tuschestift, Buntstift..

Nach und nach haben sich die drei Bände der Geschichte der Stadt Wien, herausgegeben von Peter Csendes und Ferdinand Opll, bei mir „eingefunden“, alle zu einem stark verbilligten Preis. Jetzt las ich endlich den ersten Band, und zwar mit größtem Interesse und Gewinn. Abgehalten hat mich ja nicht Desinteresse, sondern die stattliche Dicke des Bandes von knapp 600 Seiten.

Dieser erste Band reicht von der Steinzeit bis zur Ersten Türkenbelagerung 1529. Inbegriffen sind daher sowohl die Römerzeit wie auch das gesamte Mittelalter.

In groben Zügen wusste ich über die Geschichte Wiens ja schon Bescheid, mit der Lektüre dieses Bandes wurde mein Bild jedoch entschieden erweitert.

Einige Aspekte seien willkürlich herausgegriffen:

Alles begann mit einem Römerlager

Das erste Römerlager in Wien war nicht jenes, das vom heutigen Tiefen Graben, Donaukanal, Rotenturmstraße und Graben umrissen war, sondern ein früheres, kleineres, das sich etwa beim Schottenkloster befunden haben muss. Durch dieses führte die Limesstraße, die sich in Herrengasse, Augustinerstraße und Rennweg fortsetzte. Das größere, neuere Lager mit den oben genannten Umrissen liegt nördlich davon und hatte mit der Limesstraße eine Verbindung etwa im heutigen Kohlmarkt.

Im frühen Mittelalter war die Fläche zwischen Sonnenfels- und Bäckergasse ein unbebauter Dorfanger, doch noch im Mittelalter wurde dieser mit einer Häuserzeile zugebaut.

Ständige Kleinkriege

Mir war nicht bewusst, wie sehr Wien im 15. Jahrhundert von Kleinkriegen gebeutelt wurde. Ständig war irgendein Fürst gegen einen anderen aufgebracht, was durch die engmaschige Verfilzung der Besitzungen im Wiener Raum und in der Stadt zu ständig wechselnden Belagerungen, Angriffen, Scharmützeln und Niederlagen führte.

König Ottokars schlechte Nachrede

König Ottokar II. von Böhmen, jener, der in Grillparzers Stück „König Ottokars Glück und Ende“ nicht allzu positiv dargestellt ist, war eine offenbar sehr interessante und im Grunde positive Figur, der nur eben von der Weltgeschichte überrollt und von der Propaganda der habsburgischen Nachwelt in ein schiefes Licht gerückt wurde.

Prostituierte mit gelbem Tüchlein

Interessant auch, wie man in Wien – und wohl auch in anderen mittelalterlichen Städten – mit den Prostitutierten umging: Sie mussten ein gelbes Tüchlein als Erkennungszeichen an der Schulter tragen. Wollten sie aber von ihrem Beruf loskommen, so gab es eine Art Besserungsanstalt, in die sie eintreten konnten. Wer sich dort bewährte, konnte als anerkannte und unbescholtene Bürgerin ein neues Leben beginnen.

Mit den Juden, deren es im Mittelalter eine ganze Menge in Wien gab, ging man weniger human um. Praktisch alle wurden um 1420 aus der Stadt vertrieben oder umgebracht.

Die Bürger konnten eine Vielzahl von Ämtern bekleiden, doch nur, wenn sie über ein ansehnliches Vermögen verfügten. Sie hatten in allen die Stadt betreffenden Dingen ein Mitspracherecht, das sie mehr oder weniger erfolgreich nützten.

1365 Gründung der Universität

Der Entwicklung des Bildungswesens in Wien ist ein sehr langes Kapitel gewidmet, wobei ein Großteil auf die Universität Wien entfällt, die 1365 von Rudolf IV. dem Stifter gegründet wurde. Sie stand in engster Verbindung mit der Domschule von St. Stephan, die sozusagen die Vorstufe zur Universität darstellte.

Auch der Sozialgeschichte wird ein umfangreiches Kapitel gewidmet, mehr oder weniger ausgespart ist nur die Kunst.

Erfreulicher Weise ist der Band sehr gut geschrieben, sodass die Lektüre auch flüssig vonstatten geht. Alle vier, fünf Seiten gibt es ein halb- bis ganzseitiges Bild.

Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 1: Von den Anfängen bis zur Ersten Wiener Türkenbelagerung (1529). Böhlau, Wien u.a., 2001. 597 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Der Wiener Stephansdom. 2014. Tuschestift, Buntstift.

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Christine Nöstlinger: Maikäfer, flieg!

Wolfgang Krisai: Brandruinen. Deckfarbe. Ca. 1977.Anlässlich der Anfang 2016 herausgekommenen Verfilmung des Buches las ich nun endlich „Maikäfer flieg!“ von Christine Nöstlinger. Der Untertitel dieses 1973 erstmals erschienenen autobiographischen Jugendromans lässt schon ahnen, worum es geht: „Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich“.

Wien am Ende des Zweiten Weltkriegs

Die Ich-Erzählerin ist ein achtjähriges aufgewecktes Mädchen aus Wien Hernals. Dort lebt sie zusammen mit ihrer Mutter, ihrer älteren Schwester Hildegard, ihrer fast tauben, aber energischen Oma Juli und ihrem Opa. Sie erzählt in unverblümt direkter Sprache, was sie zu Ende des Zweiten Weltkriegs, genauer: von wenige Tage vor Einmarsch der Russen bis zum Abzug der russischen Kampftruppen und der Übernahme durch den „Tross“ einige Wochen später, erlebt hat.

Ausgebombt und umquartiert

Das Elternhaus wird von Bomben getroffen, nur noch das Zimmer der Großeltern steht und wird von diesen weiter bewohnt. Die restliche Familie kann aber in die Neuwaldegger Villa der Eltern von Frau von Braun ziehen, die ihr Eigentum in diesen schweren Zeiten nicht unbewacht lassen will. Frau von Braun ist ein strammer Nazi, trotzdem nimmt die Familie das Angebot, in die Villa zu ziehen, an. Auf dem Weg dorthin stößt der desertierte Vater hinzu, der bisher in einem Lazarett war, weil seine Beine verletzt sind, sich bei der Verlegung der Lazarettinsassen aber davonmachen konnte, mit einem Urlaubsschein, den er sich – wie gewohnt – selbst ausgestellt hat.

Die Russen kommen

Es dauert noch einige Tage, bis die Russen tatsächlich da sind. In diesen Tagen raffen die Leute alles Essbare zusammen, das sie nur finden können, unter anderem die delikaten Vorräte eines Nazi-Clubhauses und die weniger delikaten, aber reichlichen Lebensmittel aus einem anderen Nazi-Gebäude.

Da auch Frau von Braun ausgebombt wird, zieht sie mit ihrem Sohn Gerald ebenfalls in die Villa.

Schließlich rücken die Russen ein. Über sie grassieren die scheußlichsten Gerüchte, die sich zum Glück in der Realität nicht bestätigen. Die Familie hat Glück: In der Villa wird ein freundlicher und korrekter Major einquartiert, samt seiner Dienerschaft und einer Dienststelle. Und im Gartenhaus wird eine Regimentsküche eingerichtet, die der verwachsene Koch Cohn betreut. Dieser Cohn ist Jude aus St. Petersburg und kann ein paar Brocken Deutsch. Mit ihm freundet sich unsere Ich-Erzählerin schnell an. Sein Standard-Satz zu allen Problemen des Lebens ist: „Macht nix, macht nix, Frau“. Mit „Frau“ meint er die Erzählerin.

Vater repariert Armbanduhren

Der Vater, von Beruf Uhrmacher, macht sich nützlich, indem er die vielen Armbanduhren der Russen, die diese den Österreichern abgenommen haben, repariert. Er behauptet, wegen seiner maroden Beine nie Soldat gewesen zu sein, fürchtet aber, als deutscher Soldat aufzufliegen, wenn er seine Russischkenntnisse, die er sich beim Russlandfeldzug angeeignet hat, zeigt.

Rettende Russischkenntnisse

Doch eines Tages muss er Russisch reden: Ein stockbesoffener Feldwebel will nämlich mit seiner Maschinenpistole die österreichischen Villenbewohner niedermähen, weil sie seine Pistole gestohlen hätten. Diese Pistole haben tatsächlich Gerald und die Erzählerin am Vortag im Garten versteckt. Der Vater kann – auf Russisch – den Feldwebel beruhigen, bis er einschläft und abtransportiert werden kann. Nun ist zwar heraus, dass der Vater Russisch kann, aber es hat zum Glück keine Folgen.

Cohn wäre bei einer anderen Gelegenheit fast ebenfalls Opfer des unbeherrschten Feldwebels geworden. Er kann sich aber rechtzeitig in Sicherheit bringen. Nur seine dicke Brille geht zu Bruch. Um diese ersetzen zu lassen, muss er ins Militärspital in der Innenstadt fahren. Die Erzählerin versteckt sich auf dem Pferdewagen, weil Cohn versprochen hat, nachzusehen, ob Oma und Opa noch leben, und das Mädchen will unbedingt selbst dabei sein.

Sie kommen wirklich zu den Großeltern, doch Cohn, der ins Spital weitergefahren ist, wird unterwegs verhaftet und kommt nie wieder zurück. Dafür holt der Vater das Mädchen ab, wird am Rückweg fast von der Militärpolizei eingesperrt und nur durch die befreundeten Russen, die vom Mädchen alarmiert wurden, gerettet.

Die Tage mit den netten Russen sind aber bald zu Ende, sie rücken weiter nach Westen vor und der – gefürchtete – Tross stößt nach. Damit endet der Roman.

Glück gehabt

Der Roman stellt vor dem düsteren Hintergrund der Kriegszerstörungen die eher heitere Seite des Kinderlebens im Chaos des Kriegsendes dar. Glück gehabt, kann man von der Familie der Ich-Erzählerin sagen. Nicht alle kleinen Mädchen sind damals so glimpflich davongekommen. Vielleicht hat die Aufgeweckheit des Mädchens – die wohl ein autobiographischer Zug ist – es vor Schlimmerem bewahrt.

Christine Nöstlinger: Maikäfer flieg! Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich. Roman. Beltz und Gelberg, Weinheim u.a., 3., veränderte Auflage, 1978. 171 Seiten. Schulbibliothek.

Bild: Wolfgang Krisai: Brandruinen. Deckfarbe. Ca. 1977. – Dieses Bild malte ich noch während meiner Schulzeit im Kunstunterricht aus der Phantasie. Das Thema war, so weit ich mich erinnere, „Ruinenstadt“.

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Goldene Zeiten. Meisterwerke der Buchkunst von der Gotik bis zur Renaissance.

Nationalbibliothek

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Durch eine Zusendung des Luzerner Quaternio-Verlags, der auf Faksimiles mittelalterlicher Codices spezialisiert ist, wurde ich auf ein großes Ausstellungsprojekt aufmerksam, das derzeit in zwölf Bibliotheken des deutschen Sprachraums läuft und die Buchkunst am Übergang von der Gotik zur Renaissance dokumentiert. Zu allen Ausstellungen bringt der Quaternio-Verlag die Kataloge heraus.

Ausstellung im Prunksaal der Nationalbibliothek

Eine der Hauptausstellungen läuft unter dem Titel „Goldene Zeiten“ bis 21. Februar 2016 im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Sie bietet in gerade noch überschaubarem Umfang einen interessanten Einblick in die Buchkunst des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts, der Zeit Herzog Albrechts. III.,  Kaiser Friedrichs III. und Maximilians I., des „letzten Ritters“.

Der Katalog in auffälligem Überformat ermöglichte mir, das Gesehene zu Hause nochmals Revue passieren zu lassen und besser zu verstehen.

Buchkunst und Sammelleidenschaft

Bemerkenswert finde ich an Ausstellung und Katalog, dass sie normalerweise getrennt behandelte Aspekte, die mit der Buchkunst verbunden sind, zusammenführen. Nicht nur die künstlerischen Leistungen selbst (etwa das mit prachtvollem Einband versehene Evangeliar des Johann von Troppau von ca. 1368), sondern zum Beispiel auch die Frage, wie die Fürsten damals ihre Bibliotheken zusammensammelten (nämlich neben gezielten Aufträgen an Scriptorien und Buchkünstler durch Geschenke, Brautgaben, aber auch niemals zurückgegebene, aus anderen Bibliotheken entlehnte Werke). Neben den „bedeutenden“ Buchtypen vor allem religiösen Charakters, wo neben dem Evangeliar vor allem die große Zahl eigens für die Fürsten geschaffener Gebetbücher auffällt, zeigt die Ausstellung auch Gebrauchsliteratur, vor allem Lehrbücher. Dabei handelt es sich um ABCdarien, Grammatiken und Ähnliches, die alle auch buchkünstlerisch anspruchsvoll ausgeschmückt sind. Der Buchschmuck erfüllt dabei über den Inhalt hinausgehende Aufgaben, da über die Bilder den Fürstenkindern zum Beispiel die Wappen der Verwandtschaft vermittelt wurden.

Jedem Österreicher ist die Buchstabenfolge AEIOU bekannt, die in der Ausstellung als Eigentumsvermerk in einigen Büchern auftaucht – eine Funktion, die mir bisher nicht bekannt war.

Umbruch von der Handschrift zum Druck

Interessant ist auch, mitzuverfolgen, wie in dieser Zeit die handschriftliche und handgemalte Buchkunst allmählich von der gedruckten Buchkunst abgelöst wird. Während unter Friedrich III. (gestorben 1493) noch die Manuskripte klar die Oberhand haben, zumal es in Wien noch gar keinen nennenswerten Drucker gab, interessierte sich sein Sohn und Nachfolger Maximilian I. (gestorben 1519) bereits für das neue Medium und dessen Verbreitungsmöglichkeiten. Bekannt und in der Ausstellung natürlich vertreten sind Maximilians persönlich vorangetriebene Projekte, der „Triumphzug“ und die beiden autobiographischen Werke „Theuerdank“ und „Weißkunig“. Vom Theuerdank gibt es einige Ausgaben, die eine Art „Probedruck“ darstellen. Diese Drucke wurden vom Kaiser und den verantwortlichen Buchgestaltern, vor allem dem Sekretär Marx Treitzsaurwein, begutachtet, kommentiert und ergänzt. Der Theuerdank kam noch zu Lebzeiten des Kaisers heraus, während der Weißkunig über die Probedrucke nicht hinauskam und erst 1775 im Druck erschien (auch diese Ausgabe gibt es in der Ausstellung zu sehen).

Die „Zeughausbücher“

Neben diesen bekannten Werken werden auch weitere Projekte Maximilians dokumentiert, etwa die „Zeughausbücher“, die einen schriftlichen und bildlichen Überblick über die Waffenbestände in den Zeughäusern im Reich Maximilians bieten. Die Exemplare stehen in unmittelbarer Abhängigkeit, da die Bilder zum Großteil abgepaust wurden. Im Katalog ist eine interessante Darstellung von „Armbrost und Pfeyl“ in mehreren Fassungen wiedergegeben, auf der unter fünf Armbrüsten unterschiedlichen Typs (mit Stahl- oder Holzbogen) die Munition gezeigt wird: Mannshoch sind die Bolzen aufgestapelt, es müssen Tausende sein, die der Schütze zur Verfügung hatte, und neben dem sorgsam aufgeschichteten Stapel stehen ein Fass und eine Spezialkiste, in denen die zugehörigen metallenen Bolzenspitzen gelagert wurden. Zu Füßen eines ebenfalls abgebildeten Armbrustschützen liegen schließlich zwei Reserve-Stahlbogen (wenn die Spannkraft eines Bogens nachließ, wechselte man ihn wohl gegen einen neuen aus, ohne die ganze Armbrust wechseln zu müssen) und einige Dutzend schon schussfertig zusammengesteckt Bolzen mit Metallspitzen.

Das „Wiener Heiltumsbuch“

Den Abschluss der Ausstellung und des Katalogs bildet ein Abschnitt über das „Wiener Heiltumsbuch“, dessen Darstellung des Stephansdoms bekannt ist. Das Büchlein war ein Produkt der ersten Wiener Druckerei von Bedeutung, jener von Johannes Winterburger (um 1460 – 1519). Es handelt sich dabei im Grunde um einen der ersten Ausstellungskataloge der Druckgeschichte. Es zeigt nämlich in Wort und Bild alle jährlich am Sonntag nach Ostern in den Fenstern eines speziell dafür errichteten Ausstellungsgebäudes, des „Heiltumsstuhls“, dem Volk gezeigten Reliquien (in ihren kostbaren Reliquiaren). Zum Schmunzeln bringen einen die frühneuhochdeutschen Bildlegenden. Bei Stephansdom heißt es: „Aller heylign Thuemkirchen Sand Steffan Mit dem Turn und ander schigligkait. Abgunnderveht.“ Wer den Dom hier so treffend samt Baukran auf dem unfertigen Nordturm „abgunnderveht“ (= abkonterfeit = abgebildet) hat, ist leider nicht bekannt.

Bewundernswerte Akribie der Buchmalerei

Das große Format des Katalogs ermöglicht große Abbildungen höchster Qualität, sodass der Katalog auch eine Einladung ist, sich noch intensiver, als es in der Ausstellung möglich ist, mit diesen Meisterwerken der Buchmalerei und Druckkunst zu befassen. Was da an Figuren und Figürchen, Vögeln, Insekten, Blumen und Ranken, floralen und abstrakten Ornamenten mit geradezu übermenschlicher Akribie gemalt wurde, nötigt einem den größten Respekt ab.

Goldene Zeiten. Meisterwerke der Buchkunst von der Gotik bis zur Renaissance. Katalogband zur Ausstellung in der Österreichischen Nationalbibliothek vom 20. November 2015 bis 21. Februar 2016. Mit Beiträgen von Regina Cermann, Andreas Fingernagel, Alois Haidinger, Maria Theisen und Caroline Zöhl. Redaktion Andreas Fingernagel, Ute Schmidthaler. Hg. v. Andreas Fingernagel. Quaternio-Verlage Luzern, 2015. 152 Seiten.

Das Wiener Heiltumsbuch kann man in hochauflösenden Scans auf der Website der Österreichischen Nationalbibliothek abrufen.

Zu den 12 Ausstellungen gibt es Informationen auf der Website des Quaternio-Verlags.

Bild: Wolfgang Krisai: Prunksaal der österreichischen Nationalbibliothek, Wien. 2015. Tuschestift, Farbstift.

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Wolfgang Schmeltzl: Lobspruch auf die Stadt Wien

Wolfgang Krisai: Schottenkirche, Wien, von der Freyung aus gesehen. Tuschestift. 2013.

Im Schottenstift an der Freyung in Wien unterrichtete Wolfgang Schmeltzl im 16. Jahrhundert. Allerdings sah die Stiftskirche damals noch anders aus. Ich zeichnete die Kirche im Sommer 2013.

Durch ein Zitat im DuMont-Kunst-Reiseführer Wien von Felix Czeike kam ich auf diesen Text des Schullehrers Wolfgang Schmeltzl (1500 Kemnath in der Oberpfalz – 1561 St. Lorenzen am Steinfeld, Niederösterreich), der im 16. Jahrhundert im Wiener Schottenstift unterrichtete und neben einer Reihe anderer Werke, die ihm den Ruf eines wienerischen Hans Sachs einbrachten, 1547 einen längeren Lobspruch auf die Stadt Wien verfasste.

Lobeshymne auf die neue Heimatstadt des Autors

Man muss sich diesen Text als ein Gedicht jener Art vorstellen, wie sie gelegentlich zu Ehren eines Jubilars bei runden Geburtstagen vorgetragen werden: Die Verdienste des zu Lobenden werden breit ausgemalt, etwaige kritische Punkte geflissentlich ausgespart.

Schmeltzls Lobes-Objekt ist seine neue Heimatstadt Wien, und er schreibt ihr zu Ehren ein einige hundert Verse langes Gedicht. Das Versmaß ist stellenweise etwas holprig (Knittelverse), die Sprache Frühneuhochdeutsch (ich las allerdings eine neuhochdeutsche Version aus dem Internet).

Hang zur Genauigkeit

Das Erstaunliche an dem Gedicht ist Schmeltzls Hang zur Genauigkeit. Er beschreibt die wichtigen Bauten der Stadt wie etwa den Stephansdom ganz detailliert und schreitet seine Länge und Breite ab, damit er sogar die Maße (in Schritten) angeben kann.

Da eine Stadt nicht nur aus Gebäuden besteht, behandelt Schmeltzl auch die Menschen, die Politik, Verwaltung und das Geschäftsleben. Da wird einem bewusst, wie viele Märkte es in Wien damals gab, da ja sämtliche Frischwaren jeden Tag von den Bauern herangeschafft werden mussten, weil man sie nicht lange aufbewahren konnte.

Geschichtsquelle ersten Ranges

Viele Honoratioren der Stadtverwaltung zählt Schmeltzl namentlich und unter Nennung ihrer Verdienste auf. Sein Text ist damit sicher eine historische Quelle ersten Ranges.

Schmeltzls Lobspruch ist für Leute, die sich für die Geschichte der Stadt Wien interessieren, und überhaupt für Wien-Fans eine äußerst lohnende Lektüre. Ich frage mich, wie ich so lange brauchen konnte, um darauf zu stoßen.

Wolfgang Schmeltzl: Lobspruch auf die Stadt Wien. Wien, Kuppitsch 1849.

Das Gedicht kann bei Google-Books als Scan der Ausgabe von 1849, die ihrerseits ein Faksimile der Originalausgabe ist, abgerufen werden, außerdem gibt es den Text in der neuhochdeutschen Bearbeitung, die ich gelesen habe, bei zeno.org.

Bild: Wolfgang Krisai: Schottenkirche, Wien, von der Freyung aus gesehen. Tuschestift. 2013.

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Gerhard Loibelsberger: Die Naschmarkt-Morde

Wolfgang Krisai: Gerhard Loibelsberger liest vor. Schwarzer Buntstift. 2015.Meine Frau organisierte eine Lesung mit Gerhard Loibelsberger in ihrer Bücherei. Der Wiener Krimi-Autor las in seiner inzwischen legendären schauspielerischen Weise aus dem Kriminalgeschichtenband „Kaiser, Kraut und Kiberer“. Darin spielt Inspector Joseph Maria Nechyba die Hauptrolle, genauso wie in Loibelsbergers „Hauptserie“ von Kriminalromanen aus dem Wien der Zeit von 1900 bis 1918. Davon kaufte ich mir den ersten, „Die Naschmarkt-Morde“, und las ihn gleich, zumal ich ohnehin nach beruflich anstrengenden Tagen dringend eine erholsame Lektüre nötig hatte.

Krimi-Genuss …

Kann man sich bei einem Krimi erholen? Bei einem „Loibelsberger“: Ja. Hier wird nicht Grausamkeit schockierend breitgetrenen, sondern der Mörder beschränkt sich auf unblutiges Um-die-Ecke-bringen seiner Opfer durch Erdrosseln mittels eines eleganten Seidenschals. Unelegant sind da eher die Haupt und Nebenfiguren, die schon gelegentlich kräftig rülpsen und furzen oder nach durchzechter Nacht auch das Klo am Gang (in der Wohnung gab’s damals bei einfacheren Leuten noch kein WC) vollkotzen. Ja, und „Watschen“ werden von Angehörigen aller Gesellschaftsklassen gerne ausgeteilt, manchmal gleich links und rechts. Das gehört zum von Loibelsberger liebevoll, äh… schonungslos ausgebreiteten Lokalkolorit aus dem Wien des Jahres 1903.

mit Liebesgeschichte …

Gelegentlich versinkt aber auch einer in den vollen Brüsten einer zweitklassigen Sängerin vom Theater an der Wien. Und sogar „der Nechyba“, der sich doch genrebedingt eigentlich vorwiegend mit dem Aufklären der ominösen Naschmarkt-Morde beschäftigen sollte, verfällt einem gestandenen Weibsbild, der superben Köchin Aurelia Litzelsberger. Loibelsberger bringt da eine überzeugende Liebesgeschichte zweier Leute zustande, die zum Verlieben eigentlich schon zu alt und zu wenig gefühlvoll sind, nach außen zumindest. Aber gerade deshalb passen sie so gut zusammen.

und Kochkünsten,

Die Köchin in herrschaftlichen Diensten ist beeindruckt davon, dass sie in Nechyba einen Vertreter des männlichen Geschlechts gefunden hat, der ebenfalls kocht, statt nach Wiener Junggesellenmanier ausschließlich im Wirtshaus seine kulinarischen Bedürfnisse zu befriedigen. Kein Wunder, dass in diesem Buch – und in den anderen Nechyba-Romanen natürlich ebenfalls – ein veritables Altwiener Kochbuch versteckt ist. Loibelsberger beschreibt nämlich die Kochvorgänge so genau, dass man – nach seinen eigenen Worten – die Rezepte tatsächlich nachkochen könnte.

Naschmarkt-Feeling,

Dazu wäre es natürlich gut, wenn man in Wien lebte, denn dann könnte man auch die Beschaffung der wesentlichen Ingredienzien auf dem Hauptschauplatz des Romans realiter nachvollziehen: auf dem Naschmarkt. Für Nicht-Wienkenner: Der Naschmarkt ist damals wie heute ein an den zentralen Karlsplatz angrenzendes Marktgebiet, wo täglich von zahllosen „Standlern“ (mit fest gemauertem oder mobilem Marktstand) alles, was das Herz einer Köchin oder eines Kochs begehrt, vom exotischsten Gewürz bis zum Grundmaterial fürs Beuschl, in höchster Qualität zum Verkauf angeboten wird. Damals stammten die Verkäufer aus allen Gebieten der Donaumonarchie, heute stammen sie zusätzlich noch aus sämtlichen Erdteilen, die sich für die Einwanderung nach Österreich eignen. Ein entsprechendes Sprachengewirr, geradezu orientalische Basarmethoden in der Darbietung der Früchte und sonstigen Waren, ein Meer der interessantesten Gerüche (heute nicht mehr so durchmischt mit weniger angenehmem Gestank von Exkrementen wie in Loibelsbergers Jahrhundertwende-Wien) kennzeichnen den Naschmarkt und machen ihn zu einem Muss auch für Touristen. Heute schließt sich übrigens jeden Samstag südwestlich ans Marktgebiet der größte Flohmarkt der Stadt an, ebenfalls eine Attraktion. Nechyba wohnt nicht weit vom Naschmarkt in einer kleinen Wohnung mit Wasser am Gang – der berühmten „Bassena“ (also einem viertelkugelförmigen emaillierten metallenen Wasserbecken mit Kaltwasserhahn, aus dem das berühmte, wunderbar schmeckende Wasser aus der 1873 in Betrieb genommenen Ersten Wiener Hochquellenleitung sprudelt). Nechyba selbst ist auch ziemlich kugelförmig, trotzdem aber durchaus agil. Nur eben dem Essen zugetan, von früh bis spät.

Kaffehaus-Atmosphäre …

Da man als Polizeiinspector aber nicht ununterbrochen selbst kochen kann, spielt auch die Wiener Gastronomie im Roman eine bedeutende Rolle. Und davon wiederum vor allem die Kaffeehäuser, konkret: das Sperl in der Gumpendorferstraße und das Landtmann neben dem Burgtheater. Beide heute noch bestehend. Der Kaffeehausbetrieb der damaligen Zeit wird mit größter Sachkenntnis geschildert, die Loibelsberger sich bei seinen minutiösen, jahrelangen Recherchen für seinen Erstling angeeignet hat. Allein die Zahl der möglichen Varianten der Kombination von Kaffee und Milch und „Schlag“ (=Schlagsahne) ist beeindruckend. Auch „mit Haut“ (gemeint ist: Milchhaut) ist darunter, dafür muss man schon ein masochistischer Kaffeetrinker sein, um so etwas zu bestellen… Heute gibt’s „mit Haut“ nicht mehr, aber vieles, was Loibelsberger beschreibt, kann man heute natürlich noch genauso in Wiener Kaffeehäusern, die auf Tradition halten, erleben, insbesondere die selbstherrlichen Kellner. Im Kaffeehaus trifft sich das Stammpersonal der Loibelsberger-Krimis zum Frühstück, zum Kartenspielen oder zum Austausch vertraulicher Informationen. Das sind neben Nechyba zum Beispiel der Redakteur Goldblatt, der Scharfrichter Lang oder – aus Standesgründen weniger zum Kartenspielen – der Graf Borowicz (im Roman der Unglücksbringer).

und originellen Gestalten:

Am Naschmarkt kreuzen darüber hinaus die als Mörder in Frage kommenden Gestalten und die echten Mordopfer auf. Als Letztere zum Beispiel eine Gräfin auf Abwegen und ein Dienstmädchen, das ganz unschuldig „drankommt“. Und Erstere sind hochoriginelle, saftige Figuren: erstens der Fleischhauersgeselle Schöberl, ein brutaler Weiber-Nachsteiger, der unwillige Dienstmädchen schon auch mal öffentlich verprügelt (aber ein „Würger“ sei er nicht, beteuert er beim Verhör dann unter Tränen), und zweitens der Horoskopverkäufer Gotthelf mit seinem frechen Papagei. Übrigens, das sei hier auch erwähnt, sind dem Roman sowohl als Fußnoten wie auch als Glossar Erklärungen der Wörter beigegeben, die nicht im ganzen deutschen Sprachraum ohne weiteres verständlich sind.

Lokalkolorit vom Feinsten

Warum also Loibelsberger lesen? Nur zur Erholung? Nein: Auch, weil man auf wirklich gelungene Weise das Wien von vor hundert Jahren vor Augen geführt bekommt. Kaum ist man auf Seite 271, wo „Ende“ steht, angelangt, weiß man: Es würde sich auszahlen, weitere Loibelsbergers zu lesen. Deren es zum Glück inzwischen eine ganze Menge gibt.

Gerhard Loibelsberger: Die Naschmarkt-Morde. Ein Roman aus dem alten Wien. Gmeiner-Verlag, Meßkirch, 2009. 274 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Gerhard Loibelsberger liest vor. Schwarzer Buntstift. 2015. Gezeichnet bei der Loibelsberger-Lesung in der Bücherei & Mediathek Laxenburg.

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Bielefeld & Hartlieb: Auf der Strecke. Ein Fall für Berlin und Wien.

 

Wolfgang Krisai: Beim Westbahnhof, Wien. Kohleskizze, 2007.

Wolfgang Krisai: Beim Westbahnhof, Wien. Kohleskizze, 2007.

Steglitzmind stellte auf ihrem Blog die Wiener Buchhandlung Hartlieb vor, die wir, meine Frau, einer meiner Söhne und ich, daraufhin sofort besuchten. Die Buchhändlerin Petra Hartlieb betätigt sich gemeinsam mit ihrem Berliner Co-Autor Claus-Ulrich Bielefeld auch als Krimi-Autorin. Wir kauften u. a. den ersten ihrer Krimis.

Auch wenn ich am Schluss bei dem immer rasanteren „Showdown“ nicht mehr ganz mitgekommen bin, was ja, da ich nicht die Kommissarin bin, auch egal ist, so war das doch eine lohnende und interessante Lektüre. Und eine unterhaltsame. Auch ein bisschen spannende (nicht jeder Krimi kann mörderisch spannend sein).

Was ist nun das Interessante dran?

Die literarischen Bezüge: Da sich die Handlung um den Schriftsteller Xaver Pucher dreht, der ein epochemachendes Werk veröffentlichen will und mit seinem vorherigen Roman einen Bestseller gelandet hat, und die beste Freundin der Kommissarin Buchhändlerin ist (ein Selbstportrait Hartliebs?), biete der Krimi viele nette Einblicke in den Literaturbetrieb.

Der Wien-Bezug: Für jemanden wie mich, der im Umland Wiens wohnt, ist ein Wien-Krimi natürlich eine schöne Sache, da man sich unter den „Locations“ meist etwas vorstellen kann. Hartlieb vermeidet erfreulicher Weise allzu morbide wienerische Örtlichkeiten, wie sie sonst gern als „typisch Wien“ verwendet werden. So wird etwa der Zentralfriedhof zwar kurz Schauplatz, dann aber Gegenstand einer eher touristischen Durchforstung (incl. jüdischem Teil). Anna Haberl, die resche Wiener Kommissarin, zeigt nämlich ihrem Berliner Pendant Thomas Bernhardt (das nun ist wieder eine etwas zu übertriebene Reverenz vor dem Literaturbetrieb) den Friedhof anlässlich des Begräbnisses des Mordopfers.

Der Berlin-Bezug: Berlin sollte man ja gesehen haben. Mir, dem diese touristische Pflicht noch bevorsteht, macht der Roman Lust darauf.

Die Liebesgeschichten: Eine Wiener Kommissarin, die im Privatleben so resch gar nicht ist, wie sie sich den Berlinern gegenüber am Telefon geben zu müssen glaubt, und ein fescher Berliner Kommissar: Da muss sich doch etwas entwickeln. Und tatsächlich, am Ende… Aber psst! Damit es seine Berliner Beziehungsaspirantin nicht erfährt.

Die Eisenbahn: Der Mord spielt sich in einem Zug von Wien nach Berlin ab. Ich war zunächst überrascht, dass der Zug vom Westbahnhof abfahren soll. Aber tatsächlich, der Euro-Night von Wien nach Berlin fährt um Viertel elf vom Westbahnhof ab. Derzeit jedenfalls. Vor ein paar Jahren war es wohl nicht anders. Ich als Eisenbahnfan liebe es natürlich, wenn dieses Verkehrsmittel in einem Roman eine Rolle spielt. Wenn auch hier in unerfreulichem, da tödlichem Zusammenhang.

Das Kriminelle und die Ermittlungen: logisch, bei einem Krimi.

Genug Gründe also, diesen Roman zu mögen.

Stilistisch stellt er auch kein Problem dar, wenn man Freude am Berlinerischen hat. Das Wienerische ist im Vergleich dazu etwas sparsamer verwendet, was vielleicht mit der angepeilten gesamtdeutschen Leserschaft zu tun hat, die sich wohl mit dem Berliner Dialekt – seit Gerhart Hauptmann ja Grundwissen für Literaturbegeisterte – leichter tut als mit dem Wienerischen.

Claus-Ulrich Bielefeld, Petra Hartlieb: Auf der Strecke. Ein Fall für Berlin und Wien. Diogenes, Zürich, 2011. 358 Seiten.

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Goethe: Giuseppe Bossi: Über Leonardo da Vincis Abendmahl zu Mailand.

Giacomo Raffaelli (1753-1836): Kopie des "Abendmahls" von Leoardo da Vinci. Wien, Minoritenkirche.

Giacomo Raffaelli (1753-1836): Kopie des „Abendmahls“ von Leoardo da Vinci. Wien, Minoritenkirche.

Nach dem langen Follett nun ein kurzer Goethe. Da ich durch eine Sendung des „Büchermarkts“ (Deutschlandradio Kultur) über Rüdiger Safranskis neues Buch über Goethe wieder Lust auf Goethe-Lektüre bekam, nahm ich mir den Band 12 der Hamburger Ausgabe zur Hand und schlug ihn willkürlich auf. Zu Tage kam ein Aufsatz über Leonardo. Ein Blick in den Kommentar ergab, dass der Text nur ein Teil eines etwas längeren Aufsatzes über Leonardos „Abendmahl“ und dessen Kopien ist. Ich suchte ihn mir also sowohl in der Artemis- wie auch in der Münchner Ausgabe heraus und las ihn.

Verfall des Originals – Geschichte einer Kopie

Es geht darin eigentlich nicht nur indirekt um Leonardos Werk, denn der eigentliche Gegenstand des Aufsatzes sind die Zeichnungen, die der Italienische Künstler Giuseppe Bossi (1777-1815) kurz nach 1800 von einigen Köpfen von Leonardos Abendmahl anfertigte, und zwar als „Durchzeichnungen“ nach einer Kopie des Abendmahls. Etwas vertrackte Situation. Die sich aber aus dem damaligen Zustand des „Cenacolo“ erklärt: Das Bild befand sich um 1800 in einem dermaßen beklagenswerten Zustand (mehrfach wenig sachkundig übermalt, die Wände von Überschwemmungen feucht, der Saal jahrzehntelang als Stall missbraucht, usw.), dass zu befürchten stand, das Bild werde nicht zu retten sein. Also bestellte Eugène Beauharnais, der Vizekönig von Italien, 1805 bei Bossi und dem Mosaizisten Giacomo Raffaelli (1753-1836) eine Kopie im Originalformat, aber in einer ungewöhnlichen Technik: Mosaik. Ausgeführt wurde das Mosaik aufgrund des von Bossi angefertigten Kartons in den Jahren 1810 – 17. 1818 kaufte es Kaiser Franz I., und es wurde schließlich in die Minoritenkriche von Wien verbracht, wo es bis heute zu sehen ist. (Deshalb war diese Kirche auch schon zweimal Ort einer Leonardo-Ausstellung.)

Bossi schrieb knapp vor seinem Tod auch noch ein Buch über seine Leonardo-Forschungen anlässlich des Abendmahl-Auftrags. 1817 gelangte bei einer Italienreise Großherzog Karl Augusts von Sachsen-Weimar das Buch und einige der vorbereitenden „Durchzeichnungen“ Bossis in den Besitz des Herzogs, der die Erwerbungen bald darauf in Weimar zur Schau stellte. Goethe war natürlich unter den ersten, die die Bilder zu sehen bekamen, und sie regten ihn dazu an, sich näher mit Leonardos Abendmahl zu beschäftigen, das er auf seiner Rückreise von Italien 1788 im Original gesehen hatte.

Goethe ist der Erste, der das Werk richtig würdigt

Resultat ist der vorliegende Aufsatz, der nicht nur Bossis Beschäftigung mit Leonardo referiert, sondern vorweg auch kurz Leonardos Abendmahl selbst genauer analysiert. Diese Analyse des Gemäldes ist nun der wichtige Teil des Aufsatzes, denn darin macht Goethe klar, welch epochale Leistung in der ganz neuartigen Gestaltung des Themas durch Leonardo liegt. Goethe war (lt. Kommentar Münchner Ausgabe, Bd. 11.2, S. 1067) der erste, der diese Leistung in voller Tragweite erkannte und darüber schrieb.

Tatsächlich bietet Goethe hier in aller Kürze eine ausgezeichnete Beschreibung dessen, was sich auf dem Bild tut.

Für mich waren aber auch andere Teile des Aufsatzes interessant, so die Beschreibung des Verfalls des Gemäldes und der Bemühungen mehrerer Kopisten, es auf dem Weg der Kopie zu erhalten. Interessanter Weise erwähnt Goethe zwar, dass Bossis Karton dann als Mosaik ausgeführt werden sollte („Eugen beschloß das, durch dreihundert Jahre durch, verdorbene Bild, so viel als möglich in einem neuen Gemälde wieder herzustellen, dieses aber sollte, damit es unvergänglich bliebe, in Mosaik gesetzt werden“, Münchner Ausgabe, Bd. 11.2, S. 422), sagt aber zur Problematik dieser doch ungewöhnlichen Übertragung in eine ganz andere Technik – nichts. Überraschend, dass dies auch dem Kommentator der Münchner Ausgabe keine Bemerkung wert ist. Allerdings konnte Goethe die Mosaikkopie ja nicht sehen, sodass sie ihn vermutlich kaum beschäftigt hat.

Übersetzung in neue Technik

Aus heutiger Sicht könnte man aber die Mosaikkopie mit neuen Augen sehen: Ist doch das – sehr kleinteilige – Mosaik geradezu eine „Übersetzung“ von Leonardos kleinteilig craqueliertem und abgeblättertem Gemälde. In meinem schönen Leonardo-Bildband von Daniel Arasse (DuMont, Köln, 1999) ist das Abendmahl auf einer ausklappbaren Tafel groß abgebildet, zusätzlich gibt es noch genauere Detailaufnahmen, auf denen man den Zustand nach der letzten Restaurierung sieht: In kleine Partikel zerfallene Farbreste, aus denen man nur mit Mühe irgendwelche Details erkennen kann. In der Minoritenkirche kann sich der Betrachter ein Bild davon machen, wie das Werk ausgesehen haben könnte, als es erst zu zerfallen begann…

Für mich ist die Lektüre dieses Aufsatzes doppelt anregend, da ich nicht nur grundsätzlich ein Leonardo-Fan bin, sondern gerade jetzt mit meiner zweiten Klasse als Klassenlektüre ein Jugendbuch über Leonardo lese und ich für die Klasse auch ein kleines Theaterstück über Leonardo schreiben will, das im Oktober aufgeführt werden soll. Da muss ich mich beeilen!

 

Johann Wolfgang Goethe: Giuseppe Bossi: Über Leonardo da Vincis Abendmahl zu Mailand. In: J. W. G.: Sämtliche Werke. Bd. 13: Schriften zur Kunst. Artemis-Gedenkausgabe. Artemis-Verlag, Zürich, und dtv, München, 1977. Seite 744-778. Bzw. in: J. W. G.: Sämtliche Werke, Bd. 11.2, Münchner Ausgabe, btb, München 2006. S. 403-437.

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Alena Urbankova: Unterwegs nach Syrakus

Wolfgang Krisai: Terracina: Duomo. 2002. - Auf diesem Platz saß acht Jahre später auch Alena Urbankova und grübelte über ihren Reisestil nach.

Wolfgang Krisai: Terracina: Duomo. 2002. – Auf diesem Platz saß acht Jahre später auch Alena Urbankova und grübelte über ihren Reisestil nach.

2009/10 ging die Professorin für Landschaftsdesign der Universität für Angewandte Kunst, Alena Urbankova (jeweils auf gut Tschechisch auf der ersten Silbe zu betonen), auf den Spuren von Johann Gottfried Seume (siehe unten!) von Wien bis ins sizilianische Syrakus.

Das Buch schildert diese große Wanderung minutiös, Tag für Tag. Urbanova machte den Weg in drei jeweils einige Monate auseinanderliegenden Etappen: Wien – Padua, Padua – Rom bzw. Abstecher nach Neapel und zuletzt Rom – Syrakus.

Seume nahm ungefähr den gleichen Weg, allerdings hielt sich Urbankova nicht sklavisch an seine Route, sondern machte Umwege, um passend zu ihrem Beruf immer wieder Gärten aller Art zu besichtigen, unter anderem so berühmte wie den Garten von Bomarzo nördlich von Rom. Außerdem ging sich nicht die gesamte Strecke zu Fuß, sondern benützte hin und wieder Busse, Züge oder Taxis, so wie auch Seume gelegentlich in die Postkutsche stieg.

Um ihre Reise mitzuverfolgen unterbrach ich die Lektüre meines anderen „Wanderjahre“-Buches, jenes von Gregorovius.

Urbankova scheint kein schönfärberisches Bild der Wanderung geben zu wollen, sondern sie erzählt bewusst auch alles Unerfreuliche. Und dessen gibt es leider genug:

schlechtes Wetter

schlecht markierte Wege

verkehrsreiche Straßen

Irrwege

unzulängliche Landkarten

falsch informierende Reiseführer

ausgestorbene Dörfer ohne Hotel

mühsame Quartiersuche

Dreisternhotels von Einsternqualität

heruntergekommene Zimmer

harte Betten

lieblos gemachtes Essen

gar kein Essen

unergiebiges Frühstück

misstrauische und wortkarge Landbevölkerung

Hunde

fehlende Pinkelmöglichkeiten

unpünktliche Busse und Bahnen

verwahrloste Bauten

zugemüllte Strände

abblätternde Kirchen

grässlich verbaute Peripherien

geschlossene Museen

abgezäunte Sehenswürdigkeiten

usw.

usw.

Man muss den Eindruck gewinnen: Italien hat unter Berlusconi einen schrecklichen Niedergang erlebt. Das wird wohl leider stimmen. Es fehlt das Geld für die nötigen Sanierungen, man denke nur an Pompeij, das langsam verfällt. Und vor allem die Süditaliener zeigen auch wenig Neigung, durch persönlichen Einsatz die Situation zu verbessern, etwa, indem sie ihren Müll nicht systematisch in der Landschaft verteilen.

Gibt’s auch Positives?

Zugegeben: ja. Manchmal. Zum Beispiel schöne Hotels, nette Vermieter, üppiges Essen, sonniges Wetter, überwältigende Ausblicke, großartige Kirchen, idyllische Gärten, usw.

Und wie ist das Buch geschrieben?

Durchaus lesbar, wenn auch nicht unbedingt brillant. Das muss man von einem Reisetagebuch einer Landschaftsdesignerin auch nicht erwarten. Jeder Tag füllt rund zwei Seiten, sodass sie sich auch nicht an gewissen Sachen zu sehr festbeißt.

Vor jedem der drei Abschnitte steht eine zusammenfassende Seite, die sozusagen einen Ausblick gibt, und dann „geht“ sie in medias res.

Die Italiener sind ja nicht in der Lage, auch nur drei deutsche Wörter in einem italienischen Buch korrekt zu schreiben. Dieses Buch ist nun die Rache: Hier ist jedes dritte italienische Wort falsch geschrieben, und das, obwohl z. B. Ortsnamen ganz leicht zu googeln wären. So heißt es zum Beispiel „Latissana“ statt „Latisana“, und das gleich mehrmals, oder „quardi“ statt „guardi“ („sehen Sie!“). Ich habe die Fehler nicht angestrichen und kann daher jetzt keine Zitatenliste bieten. Die Autorin, die zugibt, nur schlecht Italienisch zu können, ist hier außer obligo, aber der Verlag… – ist eben auch nur ein provinzieller, wo es zu sprachlicher Genauigkeit auch nicht reicht.

Immerhin gibt es wenigstens im Deutschen nur wenige Fehler, das ist schon mal etwas.

Der Band ist allerdings, das sei hervorgehoben, in bewährter Bibliothek-der-Provinz-Manier sehr solide gemacht, mit schwerem Papier und Fadenheftung.

Er ist außerdem illustriert, und zwar einerseits zwischen den Etappen jeweils mit einer Lage Reproduktionen jener selbst gezeichneten Ansichtskarten, die Urbankova an die Angewandte geschickt hat (vielleicht lief dort ihre Wanderung als „Kunstprojekt“), die sehr stark abstrahierend die Landschaft wiedergeben, und andererseits mit vielen Fotos. Diese sind klein wiedergegeben und haben keine Bildlegende. Daher muss man entweder wissen oder anhand des in der Nähe befindlichen Textes erschließen, was da drauf ist. Das ist nur vielfach nicht exakt möglich, daher sind diese Bilder eher ein schmückendes Beiwerk als eine erhellende Zusatzinformation. Vielleicht wären Bildunterschriften schon eine unzulässige Anbiederung an den Leser? Soll er doch im Unklaren bleiben, das ist viel exklusiver im wörtlichen Sinne!

Ok, trotz dieser Mängel: ein interessantes Buch.

Alena Urbankova: Unterwegs nach Syrakus. Eine Wanderung auf den Spuren von Johann Gottfried Seume. Verlag Bibliothek der Provinz, Wien (neu! nicht mehr Weitra!), 2012. 295 Seiten.

Ergänzend sei hier noch meine Lesetagebuch-Eintragung zur Lektüre von Johann Gottfried Seumes „Spaziergang nach Syrakus“ vom 12. 1. 1986 zitiert:

Gestern schloss ich Johann Gottfrieds Seumes „Spaziergang von Leipzig nach Syrakus“ ab. 400 Seiten Mischung aus politischer Kritik und Kritik der Wirtshäuser am Weg. Neben diesen Dominanten fallen die Betrachtung von Kunstwerken oder die Beschreibung des Weges (mit Ausnahme der ständigen Räuber-Gefahr) stark zurück. Seume verweist deshalb immer auf die Möglichkeit, sich solches aus anderen Büchern besser zu beschaffen.

Das Buch liest sich – auch angesichts seines geringen Umfanges – recht flott.

Was mir nicht klar wurde und auch nicht in einem Vor- oder Nachwort meiner puristischen Ausgabe erklärt ist: Wer jenes „Du“ ist, an den sich Seume wendet. Der Leser dürfte es nicht sein; vermutlich also ein Freund, der aber nicht in Leipzig wohnt – denn von dort schreibt ihm Seume auch noch einen Brief – , sondern vielleicht im heimatlichen Grimma? Und die zweite Frage ist: Wurden diese „Briefe“ abgeschickt oder gesammelt, wurden sie für die Veröffentlichung redigiert – oder wurden sie überhaupt fingiert?

(Alena Urbankova erwähnt, dass der Briefpartner fingiert sei.)

Johann Gottfried Seume: Spaziergang von Leipzig nach Syrakus im Jahre 1802. Greno, Nördlingen, 1985. Die Andere Bibliothek. 431 Seiten.

Da heuer am 29. Jänner der 250. Geburtstag von Seume (1763 – 1810) war, gibt es derzeit wieder einiges zu diesem Autor auf dem Buchmarkt, nicht nur mehrere Spaziergang-Ausgaben, sondern auch eine Biographie.

Und mir fällt bei dieser Gelegenheit ein, dass ich auch Seumes Autobiographie „Mein Leben“ habe, und zwar in der Ausgabe der „Krater-Bibliothek“, die, ebenfalls von Franz Greno verlegt, in den 80erJahren nicht über wenige Bände hinausgekommen ist. Sollte ich vielleicht auch endlich lesen…

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