Nina Hartmann, Gregor Barcal: Match me if you can. Eine Dating-App-Komödie

Wolfgang Krisai: SMS. Tuschestift, 2011.Nina Hartmann ist Kabarettistin und geborene Tirolerin. Daher ist in dieser Zwei-Personen-Komödie die Heldin Lisa Tirolerin und spricht einen ausgeprägten Tiroler Dialekt. Das steht allerdings nur in den Regieanweisungen, denn der Text ist in ganz normaler Standardsprache geschrieben und soll – das steht ebenfalls in den Regieanweisungen – ganz nach Bedarf in andere Dialekte übertragen werden.

Die zweite Person, Martin, ist Städter und spricht keinen Dialekt. Daraus sollten sich lustige Kontraste ergeben, von denen dann aber doch nicht so viel kommt wie angekündigt.

Dating-App

Lisa hat sich auf der Dating-App „Tinder“ angemeldet und nach einiger Zeit Lust bekommen, endlich über Tinder auch ein reales Date anzubahnen. Zuvor hat sie sich nur immer die auf Tinder angebotenen Männer durchgescrollt. Wenn man sie auf dem Smartphone nach links wischt, sind sie weg, wischt man nach rechts, gibt es ein „Like“. Liked einen der gerade Gelikte ebenfalls, so ist das ein „Match“ und man kann miteinander chatten. Alles Weitere kann sich dann ergeben: Telefonnummernaustausch, Date, große Liebe…

Fake und Fake

Lisa hat nun mit ihrem Chat-Freund Martin so ein Date ausgemacht und sitzt im vereinbarten Café. Sie sieht in Wirklichkeit anders aus als auf ihrem Tinder-Account-Foto, was übrigens natürlich genauso auf Martin zutrifft. Kein Wunder, dass sie einander zunächst nicht erkennen, als Martin eintrifft. Trotzdem kommen sie ins Gespräch, und Martin ist so angetan von seinem überraschenden Aufriss, dass er sein Date per Handy absagt. Lisa braucht ziemlich lange, um draufzukommen, dass der sie per SMS versetzt habende Martin eben jener dickliche Mann ist, der gerade mit ihr flirtet.

Witziges Kapital schlägt die Komödie auch daraus, dass Martin seinem Arbeitskollegen und Freund René zwischendurch immer wieder per SMS oder Kurztelefonat Rechenschaft über den Flirt-Fortschritt gibt. Das gleiche macht René, der ebenfalls gerade mit einer turtelt, dabei aber schneller vorankommt als Martin und nun unbedingt dessen Wohnung als Liebesnest haben will, solange Martin im Café ist. Er ist ja verheiratet, kann also mit der Neuen nicht zu sich nach Hause gehen.

Verwechslungskomödie für zwei

Es stellt sich heraus, dass Lisa mit René verheiratet ist. Da Martin ein loyaler Freund ist, nimmt er zunächst von Lisa Abstand. Als Lisa aber erzählt, dass René Martin in der Firma absägen will (was sich am Ende aber als falsch herausstellt), erzählt er ihr, was René gerade treibt, um sie zu einem Rache-Sex zu bewegen. Schon knöpft er sich das Hemd auf, mitten im Lokal, doch die wutschnaubende Lisa sucht schon auf Tinder nach einem aktuellen Date, findet einen Typ namens „African Horse 25“, der gerade Lust auf ein Date hätte, und zischt zu diesem ab. Was die beiden nicht wissen: Der geile „African Horse 25“ ist ihr Mann René… Das erfahren aber Martin und die Zuschauer, weil dieser zu allerletzt nochmals mit René telefoniert und ihn nach seinem Tinder-Namen fragt. Martins breites Grinsen sagt alles.

Aufgrund der gefakten virtuellen Existenzen der handelnden Personen war es möglich, mit nur zwei real auf der Bühne agierenden Figuren eine Verwechslungskomödie zu schreiben.

Lustiges Stück, das die gerade aktuelle Situation auf dem online-Dating-Markt humoristisch nützt. Sobald sich da neue Formen der Anbahnung bilden, wird das Stück unaktuell werden. Daher: Jetzt lesen.

Nina Hartmann, Gregor Barcal: Match me if you can. Eine Dating-App-Komödie. Schultz & Schirm-Verlag, Wien, 2016. 109 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: SMS. Tuschestift, 2011.

PS: Jedem Band aus dem Schultz & Schirm-Verlag ist ein Vorwort von Verlags-Mitgründer Michael Niavarani vorangestellt, aus dem ich hier zitieren möchte, weil es mir als altem Theaterstück-Leser aus der Seele spricht:

„Da muss Ihnen wohl ein Irrtum passiert sein: Sie halten ein abgedrucktes Theaterstück in der Hand. Man hat uns ja von einigen Seiten abgeraten, kleine Büchlein herauszugeben, in denen schwarz auf weiß und knochentrocken das steht, was saftig und bunt auf einer Bühne zu passieren hat. Solche Heftchen, sagten uns manche, verkaufen sich gar nicht. Wer, um alles in der Welt, liest ein Theaterstück? [Niavarani erzählt, wie er als junger Mann erstmals das Textbuch einer Broadwayshow las.] Es musste fast 30 Jahre dauern, bis Helen Zellweger, Georg Hoanzl und ich unsern Verlag Schultz & Schirm gründeten, einen Theaterverlag, der […] eine eigene Buchreihe herausbringt, mit aktuellen Theaterstücken, vornehmlich Komödien. Damit die paar Wahnsinnigen, die das Theater so sehr lieben, dass sie es auch in knochentrockener Form lesen wollen, auf ihre Kosten kommen.“

 

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Österreichische Literatur, Theaterstück

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s