Günter de Bruyn: Sünder und Heiliger

Bild: Wolfgang Krisai: Der Romantiker-Friedhof in Maria Enzersdorf bei Wien. Tuschestift und Buntstift, 2013.

Als ich erfuhr, dass Günter de Bruyn am 4. Oktober 2020 gestorben ist, fiel mir ein, dass ich von ihm doch eine Zacharias-Werner-Biographie haben müsste. Und tatsächlich, sie stand im Biographien-Regal. Also las ich sie gleich.

Ein zerrissener Mensch

Zacharias Werner, geboren am 18. 11. 1768 in Königsberg, war ein mehr als zerrissener Mensch, der auf der einen Seite ein selbstgestricktes Christentum missionarisch propagierte (und damit seine literarischen Zeitgenossen bis hinauf zu Goethe nervte), andererseits ein „Second life“ als sexbesessener Verführer von Unterschichtsmädchen nicht in den Griff bekam. Unter Tags bereute er seine Eskapaden, aber in der Nacht stieg er doch wieder jedem Kittel nach oder ging ins Puff. In jungen Jahren heiratete er zum Schrecken der Königsberger guten Gesellschaft, aus der er stammte, sogar eine dubiose Hure, die ihn bald sitzen ließ. Auch zwei weitere Ehen scheiterten, die dritte – mit einer Polin, die er wirklich liebte – endete, indem ihn die Frau beschwor, sie einen anderen heiraten zu lassen, und zwar ausgerechnet einen guten Freund Werners! Und Werner liebte die Frau so sehr, dass er sie glücklich sehen wollte und sie tatsächlich aus der Ehe entließ.

Faszinierender Prediger

In Rom wurde er unter dem Einfluss eines italienischen Kardinals katholisch, der literaturbegeisterte Mainzer Bischof Dalberg weihte ihn zum Priester (mit allen nötigen Dispensen), und in Wien schloss er sich dem Kreis um Clemens Maria Hofbauer an. Während des Wiener Kongresses machte Werner als Prediger ins Wiens Kirchen Furore; man musste ihn gehört haben, die Massen strömten zusammen, Angehörige aller Schichten drängten sich in die vollgestopften Kirchen, nur um diesen faszinierenden Prediger zu erleben. Werner predigte in einem völlig unkonventionellen, ungenierten Stil, so eine Art zweiter Abraham a Sancta Clara. Allerdings flaute dieser Hype wieder ab, und ab dann predigte er ganz konventionell…

Er starb 1823 in Wien und wurde wunschgemäß neben Clemens Maria Hofbauer am Romantikerfriedhof Maria Enzersdorf begraben. Dort liegt er noch heute, während sein Mentor Hofbauer nach Maria am Gestade transferiert wurde.

Dramen und Gedichte

Werners Werke sind heute unbekannt, nur das Schicksalsdrama „Der 24. Februar“ ist noch im Gedächtnis, wenn auch nicht mehr auf dem Buchmarkt, wie mir scheint.

Er schrieb eine ganze Reihe Dramen, allerdings sind sie meist zu lang für eine ungekürzte Aufführung. Iffland war sein großer Förderer, den ersten Achtungserfolg hatte er mit einem Drama über Luther, das allerdings sehr umstritten war. Weitere Dramen handeln von historischen Stoffen, z. B. dem Untergang des Templer-Ordens. Er schrieb auch eine Menge Gedichte.

de Bruyn, Günter: Sünder und Heiliger. Das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner S. Fischer, Frankfurt, 2016. 222 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Der Romantiker-Friedhof in Maria Enzersdorf bei Wien. Tuschestift und Buntstift, 2013. Zacharias Werners Grab ist das zweite mit Steinkreuz von links.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Biographie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s