Hebbel: Gyges und sein Ring

Wolfgang Krisai: Skizze der Brunnenfigur "Ceres" von Bartolommeo Ammaniti, Florenz, Bargello.

Wolfgang Krisai: Skizze der Brunnenfigur „Ceres“ von Bartolommeo Ammanati, Florenz, Bargello.

Hebbel hat heuer seinen 200. Geburtstag und seinen 150. Todestag. Das müsste in Wien, wo er die zweite Hälfte seines Lebens verbracht hat, doch Anlass für diverse Gedenk-Aktivitäten sein, würde man meinen. Weit gefehlt! Abgesehen von einer Ausstellung im Bezirksmuseum Josefstadt, die den ganzen Sommer über geschlossen ist und auch sonst nur zweimal zwei Stunden in der Woche geöffnet ist, gibt es in Wien: nichts. Im Theater in der Josefstadt wurde in der Spielzeit 2011/12 Hebbels „Nibelungen“ aufgeführt), im Burgtheater gibt es 2014 „Maria Magdalena“. 2013: nichts.

Die Ausstellung war der Anlass, mich wieder mit Hebbel zu beschäftigen. Zunächst las ich die rororo-Monographie, dann fiel mir in einem Wiener Antiquariat die fünfbändige Hebbel-Ausgabe des Hanser-Verlags in die Hände. Da konnte ich nicht widerstehen. Sie ergänzt jetzt meine alte Hebbel-Ausgabe von Hesse und Becker, Leipzig, die aber auch nicht zu verachten ist.

Um die Ausgabe „einzuweihen“, las ich „Gyges und sein Ring“.

Kurioser Stoff

Diese Tragödie in fünf Akten schrieb Hebbel 1853/54, das Stück wurde zu seinen Lebzeiten allerdings nie aufgeführt. Der Stoff stammt aus Herodots Historien, worauf ihn der Bibliothekar des Wiener Polizeipräsidiums Karl Braun von Braunthal aufmerksam gemacht hatte. Hebbel hat die Story allerdings von einer ziemlich kaltblütigen Usurpatoren-Geschichte zu einem moralischen Problemstück umgebaut.

Gyges ist ein griechischer Jüngling und Freund des lydischen Königs Kandaules. Dieser ist mit der schönsten Frau der Welt, Rhodope, verheiratet, die eine indische Prinzessin ist und moralisch ganz in ihrem strengen Weltbild gefangen ist, das ihr verbietet, sich jemandem anderen als ihrem Gatten zu zeigen. Sie lebt also zurückgezogen im Königsschloss, umgeben nur von ihren Dienerinnen, deren eine, Lesbia, im Stück eine unglückliche Rolle spielt.

Kandaules ist nun aber ein fortschrittlicher Geist, der sozusagen ein „aufgeklärter“ Herrscher sein will. Die alte, wuchtige Königskrone, die ihm zu groß und zu schwer war, hat er folglich – und symbolhaft – durch eine neue, leichte, genau passende ersetzen lassen. Sein alter Diener Thoas ist mit diesen Neuerungen überhaupt nicht einverstanden. Er steht hier gewissermaßen für den konservativen Flügel der lydischen Bevölkerung.

Kandaules hätte es gern, wenn Rhodope sich zumindest bei den bevorstehenden Wettspielen der Öffentlichkeit zeigen würde. Doch sie lehnt ab. Gyges wiederum will unbedingt bei diesen Wettspielen mitmachen, und zwar nicht nur als Dichter und Sänger, sondern als Sportler. Kandaules erlaubt es, und Gyges siegt in allen Bewerben glänzend. Das bestärkt Kandaules nur darin, sein eigenes Volk als rückständig und daher reformbedürftig anzusehen und sich ganz dem jungen Griechen anzuvertrauen.

So scheint ihm Gyges auch der geeignete Mann, ihm zu bestätigen, dass Rhodope wirklich die schönste Frau ist. Hier kommt nun der fatale Ring ins Spiel. Gyges hat auf der Flucht vor Räubern in einer Grabkammer nämlich einen Ring gefunden, ihn angesteckt und festgestellt: Der Ring macht den Träger unsichtbar, wenn der darauf befindliche Stein in eine bestimmte Stellung gedreht ist. Gyges kann damit den Räubern entkommen. Allerdings hat er den Ring, der ihm irgendwie nicht geheuer ist, seinem Freund Kandaules geschenkt. Dieser bittet nun Gyges, den Ring noch einmal anzustecken und unsichtbar mit ihm in Rhodopes Schlafzimmer zu schleichen und sie anzusehen, um nachher sagen zu können, ob sie die Schönste sei.

Dass die ganze Sache nicht astrein ist, ist beiden klar, aber sie machen es trotzdem: mit bösem Ausgang. Als Gyges nämlich die nackte Rhodope sieht, verfällt er ihr augenblicklich. Sofort hat er ein schlechtes Gewissen, sie so zu hintergehen, daher dreht er den Ring, sodass er sichtbar wird. Kandaules bemerkt dies aber rechtzeitig und stellt sich so vor Gyges, dass Rhodope diesen nicht sehen kann. Sie hat aber ein Seufzen gehört und andere Geräusche und ahnt, dass noch jemand außer Kandaules im Zimmer ist. Sie befürchtet, es sei ein Attentäter.

Sie erwartet nun, dass Kandaules diesem Verdacht nachgeht, den Attentäter ausforscht und hinrichtet. Doch Kandaules beschwichtigt nur und tut nichts. Das kommt ihr seltsam vor.

Aus Gyges’ Verhalten erkennt Kandaules, dass Rhodope die Schönste sein muss, denn sie hat Gyges verzaubert. Um ihn abzufinden, will er ihm die Dienerin Lesbia, mit der Gyges bei den Wettkämpfen geflirtet hat, überlassen. Doch Gyges will nichts mehr von ihr wissen, was sie natürlich wundert, sondern sie soll nur von Rhodope erzählen.

Gyges ist so heftig in Liebe entbrannt, dass er diese Liebe seiner Angebeteten gestehen muss. Was er auch tut. Er sieht ein, dass er Böses getan hat (zumindest nach den Moralvorstellungen Rhodopes) und will sich umbringen. Das bringt er dann doch nicht über sich, als er zu Rhodope vorgedrungen ist und ihr alles gestanden hat. Rhodope schlägt einen Ausweg vor: Gyges muss sich mit Kandaules duellieren. Zunächst lehnt Gyges ab. Er wird sich doch nicht mit einem Freund duellieren! Da Rhodope aber nicht umzustimmen ist, kommt es tatsächlich zum Duell. Kandaules bietet Gyges die ungeschützte Brust, denn er hat inzwischen auch eingesehen, dass er schuldig geworden ist (zumindest in den Augen Rhodopes). Da er aber Gyges gebeten hat, ins Schlafzimmer zu kommen, kann er jetzt nicht einfach zum Duell schreiten und seinen Freund umbringen. Gyges wiederum will nicht einen Wehrlosen niederstechen. Da sie beide einsehen, dass einer von ihnen jetzt das Leben lassen muss, vereinbaren sie schließlich, den jeweils anderen im Duell so wie einen wilden Tiger zu behandeln. Gyges tötet Kandaules, wie zu erwarten war.

Thoas kommt sogleich daher und setzt Gyges die Krone auf. Seltsamer Weise erfährt man nicht, ob er die alte oder die neue verwendet. Logisch wäre eigentlich die alte.

Auch Rhodope anerkennt Gyges als den neuen König. Da es jetzt wieder nur einen lebenden Menschen gibt, der sie je gesehen hat, kann sie wieder vor die Götter treten. Glaubt man. Doch – abschließender Theatercoup! – für Rhodope ist damit die Sache nicht erledigt. Die Schmach kann nicht so einfach weggewischt werden, der einzige Ausweg ist: Sie ersticht sich selbst. Vorhang.

Stil

Die Lektüre ist mir übrigens sehr leicht gefallen, da Hebbel einen flüssigen Blankvers schreibt und das Stück überhaupt eher „schlank“ ist.

Vorlage: Herodot

Bei Herodot zwingt die namentlich nicht genannte Königin Gyges, entweder sich töten zu lassen oder Kandaules zu töten. Er entscheidet sich für Letzteres, sie legen Kandaules um, und Gyges, der neue König, kann glücklich und zufrieden mit der Königin leben. Das ist zwar im Vergleich zu Hebbel die realistischere Version, aber auch die moralisch unschönere.

Aktualität?

Hebbel scheint das Stück, so jedenfalls mein Eindruck, als eine kleine Etüde in Sachen Moral konzipiert zu haben. Wie muss ein Mensch – wie müssen drei Menschen reagieren, wenn sie in so eine schiefe Situation geraten. Bei Hebbel kommt es daher zu zwei Toten und einem vermutlich auf Lebenszeit Unglücklichen. Einem Zeitalter, in dem noch eifrig duelliert wurde, mag dies als „richtige“ Lösung des Falls erscheinen. Für uns heute ist das ein reichlich kurioser Rigorismus, zumindest auf den ersten Blick.

Allerdings: Was Kandaules hier macht, ist schon ein starkes Stück. Welcher glückliche Ehemann würde heute seinen Freund bitten, z. B. per versteckter Kamera ihn im Schlafzimmer zu beobachten, um dann sagen zu können, ob die Frau toll ist? In unserer Kultur sind die Ehefrauen aber nicht versteckt, daher ist so eine Aktion auch unnötig. Jeder kann sagen, ob eine Ehefrau schön, intelligent, attraktiv usw. ist.

Hebbel ging es offenbar darum, zu zeigen, dass ein zu fortschrittlicher Mensch sowohl im Großen (in der Politik) wie im Kleinen (im Privatleben) auf das Unverständnis der Rückständigen stoßen kann, was zu gröberen Schwierigkeiten führt, hier sogar zum Untergang des Fortschrittlichen. Hebbel war selbst auf Seiten der Revolutionäre von 1848, wollte aber gleichzeitig die Monarchie erhalten sehen. Gyges ist sozusagen ein Abbild dieser Einstellung: Er ist ein fortschrittlicher Mensch, wird zugleich aber von den „Konservativen“ (hier von Thoas vertreten) akzeptiert. Allerdings bleibt da ein „Rest“, der nicht aufgeht: der Selbstmord Rhodopes, die aus ihrem Weltbild nicht herauskann.

Friedrich Hebbel: Gyges und sein Ring. Eine Tragödie in fünf Akten. In: F. H.: Werke. München, Hanser, 1964. Zweiter Band, Seite 7 – 72.

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