William Shakespeare: Der Sturm

Wolfgang Krisai: Die Bühne für Shakespeares "Sturm", Sommertheater Perchtoldsdorf bei Wien. 2015. Füllfeder.Das Shakespeare-Jahr 2014 habe ich ohne Shakespeare-Lektüre verstreichen lassen, aber zumindest gab es einen Shakespeare-Kauf: Antiquarisch kaufte ich mir Erich Frieds dreibändige Shakespeare-Übersetzung.

Im Sommer 2015 spielt man in Perchtoldsdorf Shakespeares „Sturm“, und daher nahm ich mir diesen als ersten der von Fried übersetzten Stücke vor.

Und selten bin ich bei der Lektüre so ochs-vorm-scheunentor-artig dagestanden wie diesmal. Ich fragte mich dauernd: Was soll das Ganze?

Kuriose Zauberwelt auf einsamer Insel

Ein von seinem Bruder Antonio verdrängter ehemaliger Herzog von Mailand, Prospero, wurde auf eine einsame Insel verschlagen und lebt dort gemeinsam mit seiner Tochter Miranda als Zauberer mit zwei äußerst unterschiedlichen Wesen als „Gehilfen“: dem Luftgeist Ariel, dem er die Freiheit versprochen hat und der daher immer wieder danach fragt, wann sein Dienst endlich zu Ende sei; und dem „Erdgeist“ (könnte man sagen, wenn er ein Geist wäre) Caliban, einem „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“, arg verwachsen und entstellt, einem Ungeheuer, das nichts Gutes im Sinn hat und nur durch die Macht Prosperos halbwegs in Schranken gehalten wird. Weitere Zauberwesen stehen Prospero nach Bedarf zur Verfügung.

Im Unterschied zu Defoe interessiert Shakespeare nicht im mindesten, wie sich ein Mensch auf einer einsamen Insel das Überleben sichern kann. Prospero kann das einfach. Er hat ja Zauberkräfte. Wie ein Herzog von Mailand zu Zauberkräften kommt, erfährt man natürlich auch nicht. Es ist so. Das hat man hinzunehmen.

Schiffbruch auf Prosperos Geheiß

Prospero setzt diese Zauberkräfte ein, um seine Gegner, d. h. seinen Bruder, auszuschalten. Dieser ist nämlich, weshalb, erfährt man nicht, mit dem Schiff übers Meer unterwegs. Ihn begleiten Alonso, der König von Neapel (und Lehensherr von Mailand), und dessen Sohn Ferdinand sowie weitere Personen. Prospero befiehlt den Winden, einen ordentlichen Sturm zu veranstalten (aha, deshalb der Titel), sodass das Schiff zu Bruch geht und die Reisenden an verschiedenen Stellen ans Ufer gespült werden. Sie überleben samt und sonders, das hat Prospero so veranlasst. Er will sie nämlich nicht durch Mord ausschalten, sondern durch subtilere Mittel.

Die Schiffbrüchigen

Die Szenen zeigen nun abwechselnd, was an verschiedenen Stellen der Insel mit den dort jeweils hinverschlagenen Leuten geschieht. Caliban trifft auf Matrosen, die ein Weinfass gerettet haben und sich nun gemeinsam mit ihm besaufen. Im Rausch beschließen sie, Caliban bei der Ermordung seines verhassten Herrn Prospero zu unterstützen. (Klar, Prospero bekommt das mit und kann es verhindern. Am Schluss ist Caliban die Unterwürfigkeit in Person.)

Alonso und Antonio und ein kleines Gefolge fürchten das Schlimmste, glauben, alle anderen müssten ertrunken sein, und sind bald so verzagt, dass sie bereit wären, alles für eine Rettung zu geben. Insbesondere Antonio führt sich unrühmlich auf.

Alonsos junger Sohn Ferdinand wird separat in der Nähe von Prosperos Inselresidenz angespült, trifft dort auf Miranda und – Überraschung! – verliebt sich. Prospero sieht das ganz gern. Ja, hat es vorausgesehen.

Schließlich fügt es das „Schicksal“ so, dass alle Personen gegen Ende des Stücks bei Prospero zusammentreffen, zur Einsicht in ihre Untaten gekommen sind, Prospero als den rechtmäßigen Herzog anerkennen, Ferdinand heiraten darf, Ariel endlich entlassen wird und alles sich in Wohlgefallen auflöst.

Und da soll man sich als unbedarfter Leser nicht fragen: Was soll das? Da hat ja Ferdinand Raimund wesentlich tiefgehendere Zaubermärchen geschrieben.

Die Rettung: Kindlers Literaturlexikon

Zum Glück steht bei mir eine Ausgabe von Kindlers Literaturlexikon im Regal, sodass ich nachlesen konnte, was berufenere Geister dem Stück abgewinnen können. Und da steht nun nicht „schwächstes Stück Shakespeares“, „unglaubwürdige Handlung“, „politischer Nonsens“ oder „verrückte Robinsonade“, sondern das Gegenteil:

Es sei vermutlich das letzte Stück Shakespeares, angeregt durch die 1609 erfolgte Entdeckung der Bermudas durch Schiffbrüchige. Mit sparsamen Handlungselementen „bringt das Stück einen außerordentlichen gedanklichen Reichtum zur Anschauung, indem es die einzelnen Personen unter wechselnden Aspekten zueinander in antithetische Beziehung setzt und so eine vielschichtige, in sich bewegte Ideenstruktur sinnlich fassbar macht. Sein Grundthema, aus dem alle anderen Themen hervorgehen, ist der Gegensatz und die Wechselbeziehung von Natur und ‚Kunst‘. Beide Phänomene erweisen sich als mehrdeutig und mehrwertig.“ Während die Natur durch den „Wilden“ Caliban verkörpert wird, den es zu zähmen gelte, weil er zu freier Selbstbestimmung unfähig sei und daher „wesensmäßig ausersehen, beherrscht und benutzt zu werden“, bedeute Kunst dagegen „durch Erkenntnis und Triebkontrolle in einem kontinuierlichen Erziehungsprozeß erworbene ‚Bildung‘, die sich, wie in der Gestalt Prosperos verdeutlicht wird, in der freien Verfügung über die Kräfte der äußeren und der eigenen Natur vollendet.“ Und so weiter.

Man sieht: Ich habe das Stück nicht verstanden. Eigentlich sollte ich es jetzt noch einmal lesen. Vielleicht aber doch vorher noch einen ausführlicheren Kommentar. Oder jene Bücher über Shakespeare, die schon des Längeren in meiner Bibliothek auf Lektüre warten. Oder ich sollte vorher die „Sturm“-Aufführung in Perchtoldsdorf ansehen, oder doch lieber nachher, wenn ich erkenntnisgesättigt beurteilen kann, ob sie gut ist. Aber wenn ich das alles gelesen habe, wird das Sommertheater in Perchtoldsdorf längst dem Winter gewichen sein. Also lass ich es lieber ganz und lese etwas anderes…

William Shakespeare: „Der Sturm“ [Komödie in fünf Akten.] In: Shakespeare. 27 Stücke von William Shakespeare in der Übersetzung von Erich Fried. Wagenbach, Berlin, 1989. Band 3. Seite 571 – 620.

Kindlers Literatur Lexikon im dtv. München, 1986. Band 11, Seite 9278f.

Bild: Wolfgang Krisai: Die Bühne für Shakespeares „Sturm“, Sommertheater Perchtoldsdorf bei Wien. 16. 6. 2015. Füllfeder. – Die Skizze entstand bei einer Urban-Sketching-Tour im Kunstunterricht.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher

4 Antworten zu “William Shakespeare: Der Sturm

  1. Shakespeare und Kindler werden ja ohnehin maßlos überschätzt. 🙂 Die Urban Sketching Tour klingt interessant!

    • Liebe Andrea / Danares! Die „Sturm“-Lektüre war für mich ein interessanter Fall. Bei Lichtenberg, glaube ich, heißt es: „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl – muss das immer am Buch liegen?“ Ich wage für mich in Anspruch zu nehmen, dass mein Kopf, zumindest was Literatur betrifft, nicht hohl ist, und für Shakespeares Stücke nimmt man allgemein auch an, sie seien alles andere als hohl. Und jetzt hat es dennoch hohl geklungen, als „Der Sturm“ mit meinem Kopf zusammengestoßen ist. Wie ist das möglich? Einer der Gründe war, dass ich das Stück schnell mal zwischendurch unkonzentriert gelesen habe, im Trubel des endenden Schuljahres. Zweitens scheint es ja tatsächlich eines der problematischeren Stücke des Meisters zu sein, das gerade deshalb heute gerne inszeniert wird und eine Herausforderung für Theater und Leser ist. Sinnvolle Vorbereitung auf die Lektüre wäre also angebracht gewesen. Dazu fehlte mir die Zeit./ Zum „Kindler“: Seit meiner Jugend habe ich ihn immer wieder gerne NACH der Lektüre zu Rate gezogen, sozusagen zum Vergleich. Meist habe ich festgestellt, dass im Kindler Ähnliches steht, wie ich mir gedacht habe. Diesmal klang Kindler nicht so hohl wie mein Lese-Erlebnis und hat mir die Augen durchaus geöffnet. / Urban Sketching: In meinem Kunstunterricht war das immer schon ein fester Bestandteil, auch als es den Begriff dafür noch längst nicht gab. Die Schülerinnen und Schüler zeichnen mit Begeisterung, und ich gehe, wenn möglich, mit gutem Beispiel voran.
      Schönen und lese-erlebnisreichen Sommer! buchwolf

  2. Kalliope

    Schade, dass dir das Lesen des Stücks keinerlei Genuss bereitete. Ich kenne Erich Frieds Übersetzung nicht, aber eigentlich bürgt dieser Dichter für Qualität. In Act II, Szene 1 kommt die Erklärung, was Antonio in die Nähe der Insel verschlägt. Er war mit König Alonso zur Vermählung seiner Tochter Claribel mit dem König von Tunis geladen und sie befinden sich auf dem Heimweg nach Italien. Überleben konnten Prospero und Miranda vor allem durch die Hilfe Calibans, der (ähnlich wie die Ureinwohner Amerikas) den Neuankömmlingen zeigte, wo Nahrung zu finden ist. Umso größer die Ungerechtigkeit der Versklavung Calibans, ein Motiv, welches in vielen Bearbeitungen betont wird (auch in Perchtoldsdorf). Die Produktion der Sommerspiele eignet sich aber nicht dazu, Shakespeare besser zu verstehen, vor allem die Figur des Prospero ist meiner Meinung nach nicht im Sinne Shakespeares interpretiert. Sehr stimmig finde ich die 2010 Verfilmung mit Helen Mirren als „Prospera“, jedenfalls was die für mich wichtigsten Aussagen des Stücks betrifft: der Prozess, der zum Verzeihen führt, die Notwendigkeit des Loslassens von Macht, Besitz und Eitelkeit und was es bedeutet, zu seiner Heimat (Prospero) und seiner eigentlichen Bestimmung (Ariel) zurückzukehren. Nicht zu vergessen: einer der schönsten Stellen aus Shakespeares Stücken über die Vergänglichkeit des Lebens.
    Our revels now are ended. These our actors,
    As I foretold you, were all spirits, and
    Are melted into air, into thin air:
    And like the baseless fabric of this vision,
    The cloud-capp’d tow’rs, the gorgeous palaces,
    The solemn temples, the great globe itself,
    Yea, all which it inherit, shall dissolve,
    And, like this insubstantial pageant faded,
    Leave not a rack behind. We are such stuff
    As dreams are made on; and our little life
    Is rounded with a sleep.

    Shakespeare muss man auf der Bühne erleben, am besten natürlich auf Englisch, um in den Genuss der Sprachmelodie zu kommen. Die Stücke wurden ausschließlich für die Bühne geschrieben und sollten auch dort erlebt werden, z.B. in der großartigen Aufführung im Akademietheater mit Maria Happel als Caliban und Joachim Meyerhoff als Ariel- Wiederaufnahme im September!
    Es würde mich freuen, wenn du mittels großer Schauspielkunst dem Stück doch noch etwas abgewinnen kannst!

    • Liebe Kalliope!
      Danke für den ausführlichen und erhellenden Kommentar. Zum Lesen eines Werks braucht es auch den „Kairos“, den richtigen Augenblick. Wenn man den nicht hat, kann auch Gutes ins Leere stoßen. So „Der Sturm“ bei mir: Gegen Schuljahresschluss schnell mal den „Sturm“ lesen, damit man Bescheid weiß – das hat nicht funktioniert. Ich habe schon sehr viele Shakespeare-Stücke gelesen, auch einige im Theater gesehen, konnte den meisten viel abgewinnen, daher war ich auf so etwas – dass sich mir ein Stück völlig verschließt – nicht gefasst. Trotzdem wollte ich dieses Lese-„Erlebnis“ in meinem Blog nicht ganz verschweigen, obwohl es eigentlich peinlich ist, wenn ein durchaus erfahrener Leser mal so daneben liegt. Mir ist natürlich klar: Das liegt an MIR, nicht an Shakespeare. / Der Behauptung, man müsse Shakespeare unbedingt im Theater erleben, muss ich aber widersprechen. Eine Inszenierung kann manches verdeutlichen, und ich habe vor 30 Jahren einmal eine geniale Aufführung von „Der Widerspenstigen Zähmung“ im Fernsehen auf Englisch gesehen, die mir die Augen für Shakespeares ungeheuren Wortwitz geöffnet hat, der in den Übersetzungen tatsächlich etwas in den Hintergrund tritt, aber ich bevorzuge dennoch die Lektüre (sprich: die dabei von selbst entstehende „Inszenierung“ im Kopf). Das war schon immer so. Ich habe weitaus mehr Stück gelesen als im Theater gesehen.
      Schönes Lesen in einem schönen Sommer wünscht dir
      buchwolf

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