Eduard von Keyserling: Fräulein Rosa Herz. Eine Kleinstadtliebe.

Wolfgang Krisai: Abend in Mödling. Ölpastell, 2007.

Während einer längeren Zugfahrt las ich „Fräulein Rosa Herz“ von Eduard Graf von Keyserling. Der Roman ist der Erstling des Autors und noch völlig anders geartet als die späteren „impressionistischen“ Werke. Dieser Roman entwickelt sich von einer humorigen Karikatur seiner Heldin zu einem tragischen Werk.

Ein überspanntes Mädchen

Rosa Herz ist ein sprechender Name: für ein Mädchen, das reichlich überspannt nur dem eigenen Gefühlsleben huldigt. Sie benimmt sich, als wäre sie die Königin der ganzen Welt. Was krass mit ihrer wirklichen gesellschaftlichen Stellung kontrastiert. Rosa ist nämlich die Tochter eines ehemaligen Balletttänzers und einer Tänzerin, die bei ihrer Geburt gestorben ist. Daraufhin übersiedelte der überforderte Vater mit dem Baby zu seiner Schwester in eine Kleinstadt. Seine Lebensziele sind: selbst ein akzeptierter Bürger dieser Kleinstadt zu werden und Rosa eine Karriere als bürgerliche Tochter zu ermöglichen.

Doch Rosa macht ihm da einen Strich durch die Rechnung. Selbstherrlich bestimmt sie, wann sie in die Schule geht und wann sie schwänzt. Mitten am Vormittag spaziert sie in den Stadtpark, wohin sie einen kürzlich selbst ausgesuchten „Verehrer“ bestellt, der sich geschmeichelt fühlt, obwohl er sich eher benutzt fühlen müsste. Rosa hat ja ohne wirkliches Gefühl für ihn einfach beschlossen, sie müsse jetzt einen Freund haben, und eben ihn, den etwas tölpelhalften Riesen aus der Nachbarschule, ausersehen, der Geliebte zu sein.

Herz im Sturm erobert

Natürlich dauert diese „Liebe“ nur so lang, bis Rosa etwas Besseres findet. Das stellt sich in Gestalt des Ambrosius Tellerat ein: Dieser Jüngling ist auf die schiefe Bahn geraten und wird nun zu seinem Onkel, Herrn Bürgermeister Lanin, und dessen Familie geschickt, um dort wieder vernünftig zu werden. Rosa steht in enger Verbindung zu dieser Familie, da Tochter Sally Lanin ihre Schulfreundin und sie häufig bei Lanins zu Gast ist. Lanin betreibt einen Kolonialwarenladen, wo der linkische Konrad Lurch Kommis ist. Er verehrt Rosa, ist sich aber der Hoffnungslosigkeit seiner Liebe bewusst. Sally und Rosa springen mit ihm wie mit einem minderbemittelten Sklaven um.

Ambrosius erobert Rosas Herz im Sturm, da braucht er sich gar nicht anzustrengen. Allein sein hochnäsiges Gehabe und seine arrogante Herablassung allem Kleinstädtischen gegenüber bewirken schon völliges Hinschmelzen des Mädchens.

Küsserei im dunklen Gwölb

Bei einem Hausball der Lanins kommt es zu einer ersten Küsserei zwischen Rosa und Lanin, und zwar im finsteren „Gwölb“ des Ladens. Erst mitten im Geschehen werden die beiden eines Beobachters gewahr: Lurch! Rosa fällt in Ohnmacht. Ambrosius stiehlt sich davon und überlässt die Ohnmächtige dem hingerissenen Lurch. Kaum erwacht, ergreift sie vor dem Kommis die Flucht.

Rosa und Ambrosius treffen sich nun häufig im Hinterzimmer des Trödlerladens gegenüber von Lanins Haus, der dem Juden Wulf gehört. Seine Tochter Ida ist eine Mitwisserin. Doch auch Sally bleibt Ambrosius’ Liebesnest nicht verborgen, und wutentbrannt – sie hat sich selbst Hoffnungen auf Ambrosius gemacht – verpetzt sie ihren Cousin bei den Eltern. Diese beschließen die sofortige Heimreise des Burschen.

Rosa will durchbrennen

Doch dem wollen Rosa und Ambrosius zuvorkommen, indem sie auf Rosas Wunsch zwecks Eheschließung nach Paris durchbrennen.

Ambrosius ist davon mäßig begeistert, lässt sich aber von Rosa immerhin so weit drängen, dass er bei Wulf einen Wucherkredit aufnimmt. Als Bürgen will er Lurch gewinnen, der aber nicht unterschreiben will. Rosa setzt ihre schärfste Waffe ein: wenn er unterschreibt, darf Lurch sie küssen. Das wirkt.

Nun ist ihr Nervenkostüm schon so angegriffen, dass sie sich auch gleich noch Ambrosius hingibt (Keyserling deutet das natürlich nur äußerst dezent an).

Mit dem Durchbrennen wird es trotzdem nichts. Rosa findet sich zwar nachts am vereinbarten Ort vor den Stadtmauern ein, doch Ambrosius kommt nicht. Stattdessen Ida, die erzählt, ihr Vater habe die Sache Herrn Lanin hinterbracht, dieser habe stante pede Ambrosius in den Zug nach Hause gesetzt, und Lurch habe den Kredit zurückzahlen müssen, mit Zinsen.

Rosa ist zerstört. Die ganze Sache ist schon längst Stadtgespräch, der Vater ist verzagt (er ist kein starker Charakter), Rosa kann hier nicht mehr bleiben. Also hofft sie, eine Stelle als Gouvernante in Russland zu bekommen.

Ein verzweifelter Liebhaber

Einmal begegnet sie Lurch, der von Lanin damals entlassen worden war und nun in einer verzweifelten finanziellen und seelischen Lage ist. Er muss seine bettlägrige Mutter betreuen und versorgen. Nun sinkt er vor Rosa in die Knie, gesteht ihr, dass er durch die Rückzahlung des Kredits samt Zinsen seine gesamten Ersparnisse verloren hatte, und hofft, da er nun Rosa auf die gleiche gesellschaftliche Stufe gesunken sieht, dass sie ihn erhört. Diese stößt ihn aber nur angewidert zurück. Daraufhin schneidet er sich die Pulsadern auf.

Der Tod eines Babys

Bevor die Gouvernantenstelle konkret wird, stellt sich heraus, dass Rosa schwanger ist. Nun bringt sie die resolute, aber liebevolle Haushälterin der Familie Herz zu ihrer Schwester, die in dem einschichtigen Dorf Tiglau Hebamme ist. Die ganze Familie der Hebamme Böhk nimmt die Schwangere freundlich auf, schon scheint sich alles zum Besseren zu wenden, das Kind kommt zur Welt, Rosa liebt es von ganzem Herzen – ein Gefühl, das sie vorher überhaupt nicht kannte -, doch ein paar Wochen später stellen sich bei dem Baby Krämpfe ein, die der Doktor nicht bekämpfen kann, und wenige Tage später ist es tot.

Keyserlings Schilderung des Todeskampfs dieses armen kleinen Wesens ist erschütternd, und man kann gut nachfühlen, wie verstört Rosa daraufhin ist.

Unverwüstliches Naturell

Doch Rosas im Grunde unverwüstliches Naturell erholt sich schließlich von dem Schicksalsschlag, und sie fährt wieder nach Hause, wo sie den Vater jedoch nicht mehr vorfindet, weil er einige Wochen zuvor gestorben ist. Sie wendet sich an ihre ehemalige Lehrerin um Hilfe, die sich schon immer ihrer angenommen hatte, und diese vermittelt eine Gouvernantenstelle in Moskau.

Als Rosa in der Kutsche abreist, erblickt sie ihren ersten „Geliebten“, wie er nun mit einer anderen Schulkollegin durch den Ort spaziert. Sie selbst hat die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwann einmal doch den Richtigen zu finden:

„Der Gedanke, sie könnte noch einmal jemand recht liebhaben, machte dieses liebesdurstige Frauenherz für einen Augenblick ganz warm, und Rosa lächelte.“ (S. 545)

Kleinstadtleben meisterhaft geschildert

Keyserlings Schilderung des engstirnigen Kleinstadtlebens ist meisterhaft. Da tummeln sich Menschen aller Gesellschaftsschichten vom Bürgermeister über den sich lebemännisch gebenden Apotheker Klappekahl bis zum dubiosen Trödler Wulf (man fragt sich: Ist Keyserling da ein wenig antisemitisch?), zum Fährmann, Wirt, darüber hinaus Kinder und Jugendliche genauso wie eine „ältere Generation“. Alle überaus treffend gezeichnet.

Stilistische Wandlung

Was Rosa betrifft, so steht der Autor ihr zuerst recht distanziert gegenüber, man hat fast ein Lehrstück auktorialen Erzählens vor sich, wo der Erzähler mit seiner Figur nach Belieben schaltet und waltet. Doch je schlimmer Rosas Lebenslage wird, desto mehr schwindet diese Haltung „von oben herab“ und Keyserlings Erzählstil wird immer einfühlsamer.

Man muss hier also durchhalten, denn auch wenn der Anfang seltsam ist, so entschädigen der weitere Handlungsverlauf und die stilistische Entwicklung dafür voll und ganz.

Eduard von Keyserling: Fräulein Rosa Herz. Eine Kleinstadtliebe. Roman. Nachwort von Wiebke Porombka. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich 2015. 573 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Abend in Mödling. Ölpastell, 2007.

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