Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Diesen Roman kaufte ich mir auf der Buch Wien 2011, nachdem ich ein Interview mit der Autorin auf der Buchmesse erlebt hatte. Judith Schalansky signierte das Buch und stempelte mir mit einem ihrer offenbar schon legendären Stempel einen fein ziselierten Nadelbaum zur Signatur.

Jetzt habe ich ihn gelesen. Für Lehrer ja Pflicht, da es sich um einen Schulroman handelt. Schalansky stammt aus einer Lehrer-Familie, machte als Kind im Konferenzzimmer der Schule ihrer Eltern Hausaufgaben, erlebte auf diese Weise die offenbar international immer gleiche Atmosphäre eines Konferenzzimmers selbst mit, weiß über das Lehrer-eben aus Sicht der Betroffenen bestens Bescheid – und lässt all das in ihren Roman einfließen.

Die Hauptperson, aus deren Gedankenwelt der Roman im Grunde besteht (er ist in erlebter Rede abgefasst), ist die auf die Pension zugehende Biologie- und Sportlehrerin Inge Lohmark. Eine verhärtete, verknöcherte, gnadenlose Person, so geworden, um im „Kampf“ mit den Schülern nicht unterzugehen. Kollegen dieser Art gibt es an jeder Schule. Das sind die „strengen“, die sich rühmen, Schüler zu Fall gebracht zu haben.

Inge Lohmarks Interesse gilt der Biologie. Der Sport spielt eine untergeordnete Rolle. Lohmark sieht alles unter dem Blickwinkel einer brutalen Evolutionslehre: Nur der Starke überlebt. Die Stärkste muss sie selbst sein, damit sie überlebt.

Ein roter Faden, der sich durch den Roman zieht, ist ihre Beziehung zu ihrer Tochter. Diese, Claudia, ist nach Amerika gezogen, möglichst weit weg von der Mutter. Lässt nichts von sich hören. Ihre Hochzeit mit einem Amerikaner teilt sie nach der Trauung mittels Postkarte mit. Mehr nicht. Was zu diesem extrem distanzierten Verhältnis der Tochter zur Mutter geführt hat, erfährt man erst gegen Ende des Romans. Inge Lohmark hat kein Sensorium für die psychische Lage ihrer Schülerinnen, nicht einmal ihrer Tochter.

Knapp vor Ende des Romans wird sie vom Direktor plötzlich aus dem Unterricht geholt und mit einer Schülerin, die Mobbingopfer ist, konfrontiert. Davon hat sie nichts gemerkt. Ihr werden Konsequenzen angedroht. Der Leser darf vermuten, dass Inge Lohmark nach den Ferien nicht mehr an der Schule unterrichten wird.

Die Schule: ein Gymnasium kurz vor der Schließung aus Schülermangel, in einem gottverlassenen Städtchen irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. Alle nur halbwegs intelligenten Leute sind weggezogen aus dieser Gegend. Das Gymnasium stirbt schlicht aus.

Ein paar Kolleginnen und Kollegen Lohmarks werden ein wenig ausführlicher in die Handlung eingebacht: der anpasslerische Mathe-Referendar; der noch immer stramme Kommunist, knapp vor der Pensionierung; der Direktor, der wider besseres Wissen Optimismus verbreitet; die Kunstlehrerin, die ein wahres Jammerbild von Anbiederung an die Schüler ist. Alle nerven Lohmark im Grunde, daher gibt es auch keinen näheren Kontakt.

Lohmarks Mann Wolfgang züchtet auf der ländlichen Farm Strauße. Und hat auch keine innige Beziehung zu seiner Frau. Er lebt mit den Straußen und für die Strauße.

Sonst passiert in dem Roman eigentlich nichts. Schalansky sagte im Interview, sie sei froh, dass in einem modernen Roman nicht viel passieren müsse.

Womit füllt die Autorin also ihre 200 Seiten? Ganz einfach: mit den permanent sprudelnden biologistischen Gedanken der Protagonistin. Alles, was geschieht, kommentiert diese augenblicklich aus dem Blickwinkel ihrer sozialdarwinistischen Weltanschauung. Oft sind diese bissigen Kommentare vergnüglich zu lesen, insgesamt aber doch unerfreulich. Man kann sich die Denkweise der Frau gut vorstellen, sie ist durchaus plausibel, so kann man als Lehrerin werden – aber sympathisch oder gar vorbildlich ist das nicht. Genausowenig wie die von Lohmark ätzend kommentierten Weichei-Verhaltensweisen der Kunstlehrerin oder die vorvorgestrige Linientreue des Altkommunisten.

Schalansky hat Buchgestaltung studiert und vom Verlag erreicht, dass sie das Buch ganz nach ihrem Gutdünken gestalten durfte. Ein dementsprechend un-suhrkampisches Buch ist es geworden, mit grobem Leineneinband und vielen Illustrationen aus alten Biologie-Lehrbüchern. Fast wie aus einem Independent-Kleinverlag mit Kunstanspruch. Ein Genuss, das Buch in der Hand zu halten und die – fadengehefteten – Seiten zu wenden.

Wird der Roman einst unter die klassischen Schulromane der deutschen Literatur à la „Professor Unrat“ oder „Der Schüler Gerber“ gerechnet werden, wo ebenfalls negative Lehrergestalten im Mittelpunkt stehen? Vielleicht. Ihm fehlt allerdings die zugkräftige Handlung, die den Roman als Schullektüre tauglich machen würde.

Vom Satzbau her stellt er zwar keine Ansprüche, da Lohmark in kurzen Hauptsätzen denkt. Aber von der Wortwahl her sehr wohl. Man muss schon Biologiewissen besitzen, um die zahllosen Anspielungen zu verstehen. Für einen durchschnittlichen Schüler wird da vieles unverständlich bleiben.

Buchdaten:

Schalansky, Judith: Der Hals der Giraffe.

Roman.

Suhrkamp, Frankfurt 2011.

222 Seiten.

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